Freitag, 20. März 2015

Wenn die Guten richtig böse werden (Monatsrückblick Februar 2015)

„Gibt es keine Monatsrückblicke mehr?", fragte hier neulich ein Kommentator. Doch, gibt es, nur mit etwas Verzug, weil ich in den letzten Monaten im Beruf sehr eingespannt bin. Aber der Rückblick auf den Februar lohnte sich für mich trotzdem, weil er zum Teil sehr lustig war, wenn auch manchmal bitter-lustig – und weil mit dem verqueren Verhältnis der Massenmedien zu der Wirklichkeit außerhalb der Medienwelt ein Thema eine große Rolle spielte, das ohnehin aktuell bleibt.
 
 
Eine bislang vielen Zeitgenossen noch nicht bewusste „Genderungerechtigkeit“ beklagte im Februar die österreichische Bundesministerin für Bildung und Frauen, Gabriele Heinisch-Hosek, in der von ihr herausgegebenen Broschüre „Tradition und Gewalt an Frauen“. Die traditionellen Hinrichtungsform der Steinigung in Ländern wie Afghanistan, dem Iran oder Saudi-Arabien wiesen
„eindeutig Nachteile für Frauen auf, weil Männer nur bis zur Hüfte, Frauen hingegen bis zu den Schultern eingegraben werden.“
Menschen zu Tode zu foltern ist irgendwie ganz in Ordnung, solange das nur geschlechtersensibel genug erfolgt – konsequent stellt die österreichische Sozialdemokratin fest:
„Internationale Kampagnen wenden sich gegen diese äußerst grausame und schmerzhafte Hinrichtungsmethode und versuchen, Frauen vor der Hinrichtung zu bewahren.“
Und nein, das ist keine Satire, jedenfalls keine absichtliche.

Österreichische Sozialdemokratinnen verstehen es ohnehin schon lange, mit ihrer Auslegung des Begriffs Gleichberechtigung ihre Mitmenschen zu erheitern. Unvergessen Renate Kaufmann, die als Bezirksvorsteherin in Wien bei männlichen Obdachlosen besonders beunruhigende Geschlechterunsensibilitäten konstatierte.
„Frauen würden sich ihrer Obdachlosigkeit schämen und verstecken,(...) Männer hingegen feiern ihr Schicksal quasi mit einem Doppelliter in der Öffentlichkeit.“
Dass obdachlose Frauen weit weniger sichtbar seien als obdachlose Männer, lässt sich in ihren Augen nur oberflächlich auf die überbewertete Tatsache zurückführen, dass etwa 90 Prozent aller Obdachlosen männlich sind – sondern darauf, dass diese Männer ihre patriarchale Dividende besonders schamlos öffentlich einstreichen.
Wir auch! Als politische Position reicht das schon völlig aus - und wer das bezweifelt, zeigt allein dadurch schon, dass er eben nicht dazugehört. (Bild von einer Verdi-Demonstration in Berlin).
Zum Glück zeigt die deutsche Bundeswehr, dass nicht nur Österreicherinnen ein sensibles Gespür für die lustige Seite der Geschlechtergerechtigkeit haben.
„Für Heiterkeit in Industriekreisen sorgt beispielsweise der Umstand, dass im Innenraum des Schützenpanzers Puma nach Maßgabe der Arbeitsstättenverordnung so gute Klimabedingungen herrschen müssen, dass selbst für hochschwangere Soldatinnen die Beförderung bei einem Gefechtseinsatz noch möglich ist.“ 
Natürlich kommt kein vernünftiger Mensch auf die Idee, hochschwangere Frauen in Panzer zu stecken und in Kampfeinsätze zu schicken, aber darum geht es hier auch gar nicht. Entscheidend ist: Die Frauen könnten auch hochschwanger in Kampfeinsätze fahren, wenn sie es denn nur wollten, und dieses Recht darf ihnen nicht durch ungünstige Klimabedingungen streitig gemacht werden. Dass keine Frau so blöd ist, es jemals in Anspruch zu nehmen, spielt dabei überhaupt keine Rolle.

Emannzer berichtet über die gendergerechten Panzer und verlinkt auch gleich auf eine Statistik der getöteten deutschen Soldaten in Afghanistan: Es sind fünfzig Männer und null Frauen.


Von richtigen und falschen Opfern Beklagen Männer solcherlei Ungleichgewichte, so greifen sie, so der Profi-Soziologe Hinrich Rosenbrock in der SWR-Sendung Maskulinisten in einer geschliffen klaren Sprache,
„auf diese männliche Opferideologie zurück, die ja sagt, dass alle Männer Opfer sind, das heißt die erweitern einfach ihr Männlichkeitsbild, das irgendwie aus Beschützer und Täter besteht um eine weitere Kategorie, die der Opfer.“
Beschützer…Täter…Opfer: Diese Männer wissen einfach nicht, was sie wollen, und lasten das dann den Frauen an. Einfach, irgendwie. „Den Männern geht es gar nicht gut", stellte ebenso scharfsinnig und bemüht ironisch Heide Oestreich in der taz fest: „Echt?"

Wer „zum Hass (…) gegen Teile der Bevölkerung (…) aufstachelt“ oder wer
„die Menschenwürde anderer dadurch angreift, dass er (…) Teile der Bevölkerung (…) beschimpft, böswillig verächtlich macht oder verleumdet“,
macht sich nach deutschem Recht der Volksverhetzung schuldig. Weiß ich auch nicht, wie ich darauf jetzt komme. Jedenfalls:

Nina Marie Bust-Bartels skizziert in ihrer SWR-Sendung diese „Maskulinisten“  – wen auch immer sie damit meint: Menschen vermutlich, die sich für die Rechte von Vätern einsetzen oder auf die Not von Jungen in der Schule aufmerksam machen. Sie präsentiert diese Maskulinisten ohne Beleg als Gewalttäter, zieht ohne Beleg Verbindungen von ihnen zum dem Massenmörder Andres Breivik oder ohne Beleg zum völkermörderischen Antisemitismus.

Sie liefert Falschinformationen, die häusliche Gewalt gegen Männer verschleiern und die allein Männer als gewalttätig erscheinen lassen. „Krieger im Geschlechterkampf“ seien diese Männer, behaupten die friedensliebende Bust-Bartels und ihr Sender in ihrem nimmermüden Einsatz für einen zivilen, demokratischen Journalismus.

Über häusliche Gewalt berichtete auch der Deutschlandfunk,  und er tat es ähnlich einseitig wie der SWR. Auf seiner Homepage  verlinkt er unter anderem auf das Bundesfamilienministerium und seine Hilfetelefon. Gewalt gegen Frauen – eine Hotline, die sich exklusiv an weibliche Gewaltopfer richtet und in deren Kampagne Männer allein als Täter vorkommen. 
 
Journalismus heute, so scheint es, ist nicht mehr kritisch gegenüber Regierenden, sondern macht sich deren kritischen Blick auf das Volk zu eigen und verkauft das dann als Aufklärung.

Das gilt auch für den WDR, der für eine Sendung zu häuslicher Gewalt einen von Gewalt betroffenen Familienvater und einen Vertreter des Vereins Gleichmaß interviewte. Der Verein engagiert sich in mehreren Projekten gegen häusliche Gewalt und unter anderem für ein
„Mitteldeutsche(s) Gewaltschutzzentrum(), welches von häuslicher Gewalt betroffenen Männern Unterstützung bietet“. 
Die Hoffnungen auf eine faire und seriöse Darstellung enttäuschte der WDR:
„Die ausreichend untermauerten und sachlich vorgetragenen Fakten unseres befragten Mitgliedes zur häuslichen Gewalterfahrung von Männern, zur sehr mangelhaften Hilfelandschaft sowie zu den Möglichkeiten, Hilfe zu organisieren, wurden (…) komplett rausgeschnitten.“
Dass hier gerade Öffentlich-Rechtliche Sender so weit entfernt von journalistischer Rationalität und Redlichkeit agieren, liegt möglicherweise daran, dass sie sich ihrer finanziellen Ressourcen zu sicher sein können und ihre Hörer nicht für sich gewinnen müssen. Science Files jedenfalls berichtete über eine Studie, die von Überfluss und Irrationalität nachweist:
„Irrational verhalten sich nicht Personen mit geringen Ressourcen, sondern Personen mit üppigen Ressourcen.“
 
Von ausgeblendeten Wirklichkeiten und tieferen Wahrheiten Allerdings wären Hoffnungen auf andere Medien natürlich trügerisch. Der Jüngling stellt einen Artikel in der taz zu einer Studie über sexuelle Gewalt in Südafrika vor. Dieser Artikel habe den Eindruck durchgängig männlicher Täter und durchgängig weiblicher Opfer erweckt:
„Korrigierende Kommentare wurden nicht freigeschaltet, bzw. sie wurden erst dann freigeschaltet, als auszuschließen war, dass sie auch gelesen würden - nämlich erst eine Woche später, zu einem Zeitpunkt also, als die Masse der Leser bereits weitergezogen war und die Richtigstellung nicht mehr zur Kenntnis nehmen konnten.“
Die Korrektur war durchaus nötig: Die Studie stellt nämlich sehr hohe Zahlen männlicher Opfer und weiblicher Täterinnen heraus.
 
Um zu sammeln, welche Kommentare in den verschiedenen Qualitätsmedien nicht veröffentlich werden, hat der Jüngling-Blogger uepsilonniks noch ein weiteres Blog eingerichtet.

 
In der Süddeutschen Zeitung konnte die Aufschrei-Mitinitiatorin Jasna Strick, bei Twitter als „Tugendfurie“ bekannt, beklagen, dass sie trotz ihrer Qualifikationen noch keinen festen Arbeitsplatz bekommen habe. Sie schildert durchaus eindrücklich ihr Aufwachsen in einem Hartz-4-Haushalt, wird aber dadurch komisch, dass sie ihren eigenen Beitrag zu ihren Schwierigkeiten überhaupt nicht wahrnimmt.
 
Bei ihrem gerade erst geändertes Twitter-Motto „Not ALL men must die“, zum Beispiel, ist immerhin zu befürchten, dass humorlosen Personalchefs die feine Selbstironie entgeht, zum Nachteil der Bewerberin.
Noch weiter entfernt als von jeder Selbstkritik ist sie von den ökonomischen Analysen ihrer Situation, die crumar in einem Kommentar bei Geschlechterallerlei skizziert.
„Mit zwei Dingen haben die Erfinder des Konzepts 'Selbstverwirklichung' und 'sozialer Aufstieg durch Bildung' nicht rechnen können: Dass Millionen von Frauen beides in Anspruch nehmen würden und für realisierbar halten. Nämlich beides gleichzeitig und beides, ohne sich auch nur im Geringsten ändern zu müssen.  
D.h. 'Selbstverwirklichung' war ursprünglich gedacht für Frauen einer extrem schmalen soziale Schicht und setzte einen Mann voraus, der dies zukünftig finanzieren würde und nicht als Massenphänomen."
 
„Das Urteil macht Frauen zu Freiwild“, schrieb wütend Tina Groll in der Zeit. Ein Kfz-Mechaniker hatte sich nach der Arbeit beim Umziehen und Waschen mit einer Reinigungsfrau unterhalten, sie hatte sich dabei neben ihn gestellt, er das Gespräch offenbar als Flirt missdeutet und ihr an eine Brust gefasst.
 
Da er seine Hand sofort zurückzog, als sie klargestellt hatte, dass sie die Berührung nicht wünsche – da er sich entschuldigt und sein Fehlverhalten auf Nachfrage seines Chefs umstandslos eingeräumt hat – da er seit fast zwanzig Jahren im Betreib beschäftigt war und sich vorher offenbar tadellos verhalten hatte – daher stellte ein Gericht fest, dass seine Kündigung überzogen gewesen sei und eine Abmahnung ausgereicht hätte.

Tina Groll machte das richtig sauer – sie hielt sich nicht lange mit den Gründen des Gerichts auf und fabulierte, dass die Richter „Grapschern einen Freifahrtschein“ ausgestellt hätten. Ihr Text ist passend mit einem martialischen Bild illustriert – eine zerstörte Schaufensterpuppe mit weiblichem Gesicht, ohne Arme und mit abgetrennten Beinen.
 
Ihrem Ruf als Hetzblatt für die besseren Stände wird die Zeit zuverlässig gerecht.
 

Von kumpelnden Erzfeinden und der Angst vor der Demokratie Dass Texte und Sendungen über Männer und Männerrechtler immer unduldsamer und grobschlächtiger werden, hat seinen Grund vielleicht auch darin, dass zugleich immer mehr Texte in den Massenmedien erscheinen, die auf spezifische Anliegen und Benachteiligungen von Männern und Jungen aufmerksam machen.

Die Psychologe heute war einmal eine populärwissenschaftliche Psychologie-Zeitschrift und ist heute eher eine Frauenzeitschrift mit psychologischen Themen. Ihr gerade erschienenes Themen-Heft „Männer verstehen“  ist, soweit ich es bisher lesen konnte, sehr vielfältig, kritisch, ausgewogen.
 
Es enthält ebenso einen Text von Simon Baron-Cohen, der auf biologische Unterschiede von Männern und Frauen verweist, wie einen Text von Bärbel Kerber, die mit Cordelia Fine und anderen dagegen argumentiert. Roy Baumeister ist  dabei, Matthias Franz mit einem großen Text über männliche Rollenzwänge, und der engagierte erste große Text des Bandes stammt von Walter Hollstein.
„Das Verhältnis von männlichen zu weiblichen Opfern bei den Einsätzen von Polizei, Feuerwehr, Notärzten, Sanitätern, Katastrophendiensten oder technischem Hilfswerk beträgt 98 zu 2. Bei den Rettungsaktionen in Tschernobyl und am 11. September 2001 in New York sind ausschließlich männliche Helfer gestorben.“ (S. 17)
Tristan Rosenkranz von Gleichmaß empfiehlt das Heft mit Einschränkungen – zum Teil sind diese Einschränkungen allerdings auf die durchaus positive Anlage des Heftes zurückzuführen, verschiedene Positionen abzubilden und dabei eben auch einige problematische nicht auszusparen.

Das Tabu, über männliche Leiderfahrungen und Benachteiligungen offen zu sprechen, wird auch davon – gleichsam Sandkorn für Sandkorn – abgetragen. Dies geschieht gegen eine faktische Kumpanei angeblicher geschlechterpolitischer Erzfeinde, bei der die konservative Verachtung für den schwachen Mann und die feministische Verachtung für die „Opferideologie“ einander trefflich ergänzen.

Einer der bedrückendsten Texte des letzten Monats im Rahmen dieser Entwicklung: In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung beschreibt Kathin Hummel den aussichtslosen Kampf eines Trennungs-Vaters, der versucht, den Kontakt zu seiner Tochter zu behalten. Obwohl das Fehlverhalten des zuständigen Jugendamts und des Gerichts ebenso offenkundig ist wie das kindsschädigende Verhalten der Mutter, und trotz psychologischer Expertisen, die dringend auf die Bedeutung des Tochter-Vater-Kontakts verweisen – der Vater bleibt ohne Chance.
„Die Psychologin schreibt weiter, das Kind sei ‚durch die akute Erkrankung’ der Mutter ‚traumatisiert’, es bemuttere die Mutter. Beide lebten in einer ‚extremen Symbiose, sie schliefen sogar in einem Bett über einen langen Zeitraum’. Leider habe niemand dafür gesorgt, dass die Tochter sich guten Gewissens zum Vater hinwenden könne. Im Gegenteil: ‚institutionell’ - also von Amts wegen - würden ‚alle Vatergefühle negativ eingestuft’.“
RTL übrigens berichtete im selben Monat darüber, dass die Zahlungsmoral unterhaltspflichtiger Frauen deutlich schlechter ist als die unterhaltspflichtiger Männer. „Es ist weitaus schwieriger von einer Mutter Unterhalt zu kriegen, als von einem Vater.“
 
Es sind also nicht Blogger allein, die auch auf spezifisch männliche Unrechtserfahrungen hinweisen – wie Kai in einem  Text, der einige der vielen Urteile des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte gegen die Familienrechtspraxis der Bundesrepublik Deutschland auflistet.
 
Oder wie das Blog Männer- und Väterrechte, das von einem Gerichtsurteil aus dem Jahr 2007 berichtet, in dem einem Vater das Sorgerecht genommen worden war – nicht, weil er sich etwas hätte zu Schulden kommen lassen, sondern weil die Mutter nicht bereit sei, mit ihm zu kommunizieren.

In den USA wiederum kritisiert das linksliberale New York Magazine eine politische Korrektheit, die nicht nur an Universitäten ein „Umfeld der Angst“ („environment of fear“) schaffen würden. Selbst für Hannah Rosin wird der Preis für die Äußerung abweichender Meinungen in sozialen Medien zu hoch („The price is too high…“).
 
Gruppen in sozialen Medien, so der Autor Jonathan Chait, hätten sich zu virtuellen geistigen Gefängnissen entwickelt („a kind of virtual mental prison“). Der Text endet mit der Betonung einer alten Überzeugung:
„Die Politik in einer Demokratie baut immer noch darauf, Menschen zur Zustimmung zu ihren Ideen zu bewegen, nicht darauf, ihnen Angst vor der Äußerung ablehnender Meinungen zu machen.“ (Politics in a democracy is still based on getting people to agree with you, not making them afraid to disagree.)
Sehr lange hat es beispielweise gedauert, bis Paul Nungesser, Student an der New Yorker Columbia University, seine Position offen darstellte. Er wird in einem mittlerweile weltweit berühmten Kunstprojekt an der Universität der Vergewaltigung beschuldigt.
 
Seine Kommilitonin und Ex-Freundin Emma Sulkowicz trägt, als monatelange Kunst-Performance, überall ihre Matratze mit sich herum – die Matratze nämlich, auf der sie von Nungesser vergewaltigt worden wäre. Eine Inszenierung als ein weiblicher Jesus, der eben nicht sein Kreuz, sondern den Ort seiner sexuellen Traumatisierung mit sich trägt (dazu hier ein Kommentar von only_me).

Obwohl Nungesser die Vergewaltigung nicht nachgewiesen werden konnte und in einem uni-internen Verfahren seine Unschuld festgestellt  wurde – obwohl er nachweisen konnte, dass seine Ex-Freundin ihm noch lange nach der Vergewaltigung liebevolle Nachrichten schrieb – und obwohl Sulkowiczs Aktion den Studenten auf dem Campus, wenn er unschuldig ist, verleumdet und erheblich belästigt – wird sie damit gleichwohl von der Universitätsleitung unterstützt. Ihre Performance ist zentraler Teil ihrer Abschlussarbeit, und sie ist damit weltweit zu einem Medienstar geworden.

Nungesser war es an der Universität nicht einmal erlaubt, die Nachrichten von Sulkowicz  vorzulegen, die ein starkes Indiz für seine Unschuld sind.
„Die bloße Formulierung einer abweichenden Meinung wird als bedrohlicher Akt behandelt“ (the mere expression of opposing ideas (…) is presented as a threatening act.)
– so der New York Magazine-Artikel, der auch hier passt, auch wenn er sich nicht auf Nungesser und Sulkowicz bezieht.

Der Fall ist auch deswegen interessant, weil er sinnbildlich für gegenwärtige Debatten ist. Offene Diskussionen werden als Bedrohung wahrgenommen, Debattenlagen nach klaren Freund-Feind-Mustern sortiert, Äußerungen nicht nach ihrem Inhalt bewertet, sondern danach, welche Person sie getätigt hat und welcher Gruppe diese Person angehört.
 
Auch die Entscheidung, wer gewalttätig ist und wer nicht, braucht keinen genauen Blick auf den einzelnen Fall, sondern kann ganz mit Blick auf die beteiligten Personen und ihre Geschlechtszugehörigkeit gefällt werden.
 
„Wir sind die Guten“, stand neulich allen Ernstes und erheblich fremdscham-induzierend auf einem Plakat demonstrierender Lehrer. In seiner Infantilität ist dieser anmaßende Spruch typisch für gegenwärtige Debatten: Vor aller konkreten Politik, vor allen pragmatischen Zielen, vor aller sachlichen Auseinandersetzung steht die Überzeugung, selbst zu den Guten zu gehören.

Wer auf der falschen Seite steht, auf der dunklen Seite der Macht, hat keine Fairness zu erwarten, und die Konsequenzen der Angriffe auf ihn sind nicht weiter von Belang. In der Fantasie der Angreifer gehört der Angegriffene ohnehin zu den Privilegierten, für die es vielleicht einmal ganz lehrreich sei, ausnahmsweise einmal hilflos und gedemütigt zu sein. Der Student in Oregon beispielweise wurde gar vom Campus verwiesen, weil er dem Vergewaltiger einer Mitstudentin ähnelte – obwohl alle wussten, dass er nicht der Vergewaltiger war.

Vielleicht aber sind die vorsichtigen Versuche, ausgeblendete Themen in die Debatte einzuführen und vertraute Frontstellungen durcheinander zu bringen, Ausdruck eine langsam wachsenden Überzeugung, dass eine solche undemokratische, auch verachtungsvolle Politik nicht ohne offenen Widerspruch bleiben darf.

Schön wär’s.
 

Kommentare:

  1. Eigentlich kann man nur noch lachen. Das Schlimme ist bloß das viele das ernst meinen was sie sagen und fordern. Ich habe bei sciencefiles einen Kommentar gelesen, welchen ich in der Tendenz genau so sehen:

    "Sie sprechen hier ein wichtiges Problem in unserer Denk- und Diskurskultur an: Die wachsende Infantilisierung gesellschaftspolitischer und auch sonstiger Debatten, wie nur schon die Stinkefingerdiskussion um den griechischen Finanzminister (oder der Hashtag-Feminismus) zeigt. Ich weiss nicht, wie es Ihnen geht: Aber ich fühle mich in unserer Desinformationsgesellschaft langsam wie auf dem Schulhof…"

    http://sciencefiles.org/2015/03/19/der-ewige-diener-odero-widerstand-von-mannern-bewegung-von-mannern-wo/#comment-49739

    Also ob das Leben und die Gesellschaft zu vielfälltig und komplex geworden ist und man versucht alles zu einen Geschlechterproblem zu simplifizieren.

    „Internationale Kampagnen wenden sich gegen diese äußerst grausame und schmerzhafte Hinrichtungsmethode und versuchen, Frauen vor der Hinrichtung zu bewahren.“

    Nicht die Steinigung wird verurteilt, sondern das sie im Vergleich zu Männern ungerechter für Frauen ist. Und daher wird versucht "Frauen vor der Hinrichtung zu bewahren.“ NUR Frauen, nicht für alle. Genauso wurde ja auch das töten von Frauen in Kriegsgebieten von, ich glaub der UN, geächtet. Das dort auch männliche Zivilisten sterben... who cares? Ehrlich, ich finde das herabsetzend. Warum soll ich mich für Leute die so denken einsetzen oder diese direkt oder auch nur indirekt unterstützen wollen?

    AntwortenLöschen
  2. Da liegt ein Fehler vor
    Sacha Baron-Cohen ist der Komiker (Ali G usw.)
    Der Cambridge Professor ist Simon Baron-Cohen.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Vielen Dank! Die beiden sind sogar Cousins, soweit ich weiß. Ich hab es korrigiert.

      Löschen
    2. jajajajaj wieder diese Gruppenanklage. (Dummerjan)

      Löschen
  3. Vielen Dank, Lucas für deine Sysyhos-Arbeit. Es ist immer wieder erstaunlich, was sich innerhalb eines Monats getan hat.

    Die Monatsrückblicke von dir führen das jedes mal auf aufs Neue auf und bilden sukzessive eine Art Chronik, die es immer mal wieder aufzufen lohnt.

    Herzliche Grüße vom Emannzer

    AntwortenLöschen

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.