Die Monatsrückblicke, die ich über ein Jahr lang veröffentlicht hatte, waren für mich immer mit großem Abstand die arbeitsintensivsten Texte – allein schon durch die Sammlung der verwendeten Textstellen und Links. Da ich in den letzten Wochen und Monaten dafür kaum die Zeit hatte, habe ich diese Rückblicke nun einige Male ausgelassen. Nun aber bin ich gerade vor dem Wochenende mit Abiturarbeiten (wiederum an der Schule die arbeitsintensivste Zeit) fertig geworden, und da es in den letzten Wochen vieles gab, das einen zweiten Blick wert ist, habe ich einen Rückblick darüber geschrieben. Er ist nicht so link-intensiv wie die sonstigen Monatsrückblicke, aber immerhin schlägt er einen Bogen von den Performances der Emma Sulkowicz über den Sturm gegen Ronja von Rönne bis hin zum Buch Fettlogik überwinden von Nadja Hermann. Also:
„Überlebende können ganz unterschiedlich sein, aber es gibt nur eine einzige Art und Weise, das radikale Misstrauen und den Hass gegenüber einem Opfer von Vergewaltigung und sexuellen Übergriffen auszudrücken, und das ist: indem Du ihm nicht glaubst.“
Soweit Sam Smith von einer studentischen
Zeitung der Florida State University. Auch sie weiß natürlich nicht, was eigentlich zwischen Emma Sulkowicz und Paul Nungeßer geschehen ist, über die sie hier schreibt, und wie berechtigt Sulkowiczs Vorwürfe sind, ihr Kommilitone und Freund habe sie vergewaltigt. Auch Smith wird aber vermutlich wissen, dass sie ihre Anzeige gegen Nungeßer zurückgezogen hatte und dass er in einer universitätsinternen Untersuchung von allen Vorwürfen freigesprochen worden war.
Tatsächlich sagt Smith auch gar nichts über die vorgebliche Tat aus, sondern darüber, wie wir – die wir die Beteiligten nicht kennen – Sulkowiczs Vorwürfen zu begegnen haben. Smiths Problem ist nicht, ob die Studentin vergewaltigt wurde, sondern wie eine – warum auch immer – interessierte Öffentlichkeit mit ihren Aussagen umgehen soll.
Natürlich aber ist Smiths Argumentation zirkulär. Sulkowicz müsse geglaubt werden, weil sie ein Vergewaltigungsopfer sei – und dass sie ein Vergewaltigungsopfer ist, stehe fest, weil ihr geglaubt werden müsse. Gravierend ist, dass Smith – und viele, viele andere mit ihr – sich damit von einer wesentlichen Annahme einer demokratischen, offenen Diskussion verabschiedet.
Sie geht nämlich gar nicht mehr davon aus, dass es eine prinzipiell gemeinsame Wirklichkeit gäbe, von der wir zwar jeweils unterschiedlich viel wissen, über die wir uns aber gemeinsam und nach gemeinsamen Regeln verständigen können. Stattdessen etabliert Smith einen radikalen Unterschied zwischen Menschen, die einen privilegierten Zugang zur Wahrheit haben – und anderen Menschen, die ihnen zu glauben hätten.
Schon der Zweifel gilt dann ausdrücklich als Hass.
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| Emma Sulkowicz (rechts, Mitte) bei ihrer Examensfeier. Bei ihrer Performance Carry That Weight erhält sie Hilfe von einigen Kommilitoninnen. (Foto: Adam Sherman) |
Viele und ganz unterschiedliche Diskussionen der letzten Monate wurden von dem offenen Vorwurf begleitet, dass Kritiker und Zweifler nicht eigentlich Kritik und Zweifel, sondern Hass ausdrücken würden. Das setzt auf das erste Problem gleich noch ein zweites drauf: Nicht nur haben dann bestimmte Menschen einen privilegierten Zugang zur Erkenntnis sozialer Wirklichkeit, sie sind damit auch moralisch herausgehoben, und ihre Kritiker erscheinen als moralisch minderwertig.
Ein Schlüsselwort ist vermutlich das der Überlebenden, das in vielen Diskussionen den des Opfers ersetzt hat. Unterschwellig spielt es an auf die Situation, in der es seit dem Zweiten Weltkrieg wesentlich verwendet wurde: Auf die Überlebenden der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Es suggeriert: Ultimative, radikal antihumane Gewalt ist beständig mitten unter uns, wird wieder und wieder unter der trügerischen Oberfläche der zivilen Normalität verübt – und nur das Zeugnis der Überlebenden gibt uns die Gelegenheit, von ihr zu erfahren.
Die Folgen für öffentliche Debatten sind allerdings katastrophal, wenn so Menschen die Möglichkeit eines Zugangs zur Wahrheit prinzipiell zugesprochen oder abgesprochen wird und wenn sie grundsätzlich als Überlebende und Verbrecher klassifiziert werden. Die Geschichte von Paul Nungeßer und Emma Sulkowicz ist nur ein Beispiel dafür.