Mittwoch, 27. Februar 2013

Warum es Jungen auf der Schule richtig gut geht (auch wenn es manchmal nicht so aussieht)

Nachteile für Jungen im Bildungssystem springen ins Auge: Sie bleiben häufiger sitzen als Mädchen, sind häufiger auf Förderschulen und Hauptschulen, aber seltener im Gymnasium zu finden, werden bei gleichen Leistungen von Lehrkräften schlechter eingeschätzt, erwerben seltener als Mädchen eine Hochschulzugangsberechtigung, bleiben aber deutlich häufiger ganz ohne Schulabschluss. (Preuss-Lausitz 2008, S. 123f.)

Trotzdem: „Die oft gehörte Behauptung, es liege an der Überzahl von Lehrerinnen, halte ich für Unsinn.“ So Hanna Rosin im (hier bereits zitierten) Spiegel-Interview über die Bildungsnachteile von Jungen. Sie fährt fort, dass Jungen nun einmal das Lernen „uncool“ fänden und ihre Zeit lieber mit Computerspielen verbrächten.

Rosins kurze Äußerung bündelt zwei wichtige Positionen in Diskussionen über Bildungsnachteile von Jungen: Jungen seien im Bildungssystem, zumal in der Schule, gar nicht benachteiligt, und diese Nachteile (abgesehen davon, dass sie gar nicht existierten) seien schon gar nicht durch einen Mangel an Männern im Lehrerberuf begründet. Angesichts der deutlichen Daten und angesichts der sehr naheliegenden Überlegung, dass die schlechteren Ergebnisse von Jungen mit dem Fehlen von Männern an Schulen zusammenhängen könnten, sind solche entschiedenen Positionen überraschend – zumal sie gerade in der Erziehungswissenschaft weit verbreitet sind.

Grundlegend ist dabei natürlich die Behauptung, dass Jungen gar nicht benachteiligt seien.

Montag, 25. Februar 2013

Das Ende der Frauen: und der Ausstieg der Männer

„Unter Jungs gilt es einfach als uncool und mädchenhaft, in der Schule aufzupassen, Hausaufgaben zu machen und zu lernen. Hinzu kommt die Flut von Ablenkungen, etwa durch Computerspiele, die Jungs tendenziell stärker ansprechen als Mädchen.“ So erklärt Hanna Rosin, die gerade mit ihrem Buch Das Ende der Männer und der Aufstieg der Frauen in den Schlagzeilen und Beststellerlisten steht, im Spiegel-Interview  das schlechte Abschneiden von Jungen in den Bildungsinstitutionen. Kein Gedanke daran, dass auch die Institutionen selbst etwas zu diesen Nachteilen der Jungen beitragen könnten – die Jungen sind bei Rosin schlicht faul, oberflächlich, dünkelhaft und selber schuld.

Ihren Vortrag bei den TED-Talks, der Rosin vor zwei Jahren international bekannt machte, beginnt sie gleich mit dem stolzen Hinweis darauf, dass Frauen deutlich häufiger College-Abschlüsse machen würden als Männer – ebenso ihren Artikel „The End of Men“ aus dem Jahr 2010, der zur Grundlage ihres Bestsellers wurde.

Rosins durchaus auch hämische Gesten in die Richtung der erfolgloseren Jungen – Gesten, mit denen sie ja nicht allein steht – sind deplatziert, aber auch aussagekräftig. Wenn eine erwachsene Frau auf die Bildungsnachteile von Jungen nicht im Rahmen ihrer Verantwortung als Erwachsene reagiert, sondern statt dessen in Triumphposen erstarrt – dann ist das ja nicht allein erbärmlich, sondern auch ein Ausdruck eines tief verunsicherten Selbstverständnisses.

Wenn doch aber die Frauen, so wie Rosin das erfolgreich und stolz präsentiert, überall auf dem Vormarsch sind – warum sollte sie
als Frauen dann verunsichert sein? Eine einfache Antwort: Was Rosin als Ende der Männer beschreibt, lässt sich ebenso als Ende der Frauen darstellen, zumindest als Ende einer Lebensweise, die Frauen wesentlich selbstverständlicher zur Verfügung steht als Männern.

Samstag, 23. Februar 2013

Autoritäre Pädagogik mit gutem Gewissen: Die antisexistische Jungenarbeit

Als ich gestern über den Text Edgar Forsters und sein eigenwilliges Verhältnis zu Gewalt und Männlichkeit schrieb, stachen mir zwei weitere Aspekte in die Augen – zwei Trigger, sozusagen (auch wenn mich natürlich mal wieder keiner warnte). Einerseits Forsters Engagement in der Jungenpädagogik, das für mich schon beruflich interessant ist. Andererseits seine häufige Zusammenarbeit mit Anita Heiliger auf diesem Gebiet. Heiliger ist nämlich eine der wichtigsten deutschen Theoretikerinnen alleinerziehender Mutterschaft und macht sich sehr für die Ausgrenzung von Vätern stark  – was ich durchaus persönlich nehme (ist ja auch sehr persönlich).

Die besten Voraussetzungen also, um unbefangen und offen Forsters und Heiligers Beiträge zur Jungenpädagogik – nämlich zur „antisexistischen Jungenarbeit“ – anzuschauen.

Freitag, 22. Februar 2013

Gewalt ist männlich, weil Gewalt männlich ist


Neulich fiel mir einmal das Buch Gewalt und Männlichkeit aus dem Jahre 2007 in die Hände. Neugierig las ich darin den Text „Gewalt ist Männersache“, den der Salzburger Professor für Erziehungswissenschaften Edgar J. Forster geschrieben hat, und war hinterher verwirrt. Selber Schuld, warum lese ich auch solche Sachen – werden nun vermutlich meine Leser und Leserinnen sagen, und sie haben ja recht. Trotzdem finde ich, dass die Lektüre sich gelohnt hat – eine so schlagende (Entschuldigung für das Wortspiel, es ließ sich kaum vermeiden) Argumentation dafür, warum Gewalt nicht anders als männlich sein kann, habe ich kaum jemals gelesen.

Forster zieht sie nostalgisch an einem alten preisgekrönten Mercedes-Werbespot aus den Neunzigern auf – ein Mann verspätet sich, entschuldigt sich bei seiner Frau, dass er eine Panne mit dem Auto gehabt habe, und sie gibt ihm eine Ohrfeige – wie wir alle wohl wissend, dass ein Mercedes natürlich niemals eine Panne haben kann. Für diejenigen, die in alten Fernseherinnerungen schwelgen möchten – hier ist er noch einmal:

Mittwoch, 20. Februar 2013

"Ein Tyrann von wunderbarer Leuchtkraft" - Ruth Klügers Vaterfragmente

Ruth Klügers Autobiographie weiter Leben. Eine Jugend aus dem Jahr 1992 gehört zu den Texten, die mich am meisten beeindruckt haben. Klüger wurde 1931 als Tochter einer jüdischen Familie in Wien geboren, 1942 mit der Mutter zuerst nach Theresienstadt, dann nach Auschwitz deportiert. Sie floh, ging nach dem Krieg in die USA, wurde dort Professorin für deutsche Literatur und fing nach einer Gastprofessur in Göttingen an, ihre Lebensgeschichte aufzuschreiben – als „deutsches Buch“.

Klüger und ihre Mutter überlebten den Massenmord an den europäischen Juden, ihr Vater – der in Wien Frauenarzt gewesen war – und ihr Bruder nicht.


"Tyrann von wunderbarer Leuchtkraft" Sie könne, schreibt Klüger in ihrer Autobiographie, nicht von den Lagern erzählen, als sei noch nicht davon erzählt worden – „politisch, ästhetisch und auch als Kitsch.“ (S. 79) Als Kitsch bezeichnet sie beispielsweise ein Schild in Buchenwald, dass die Rettung eines jüdischen Kindes feiert, sowie einen Roman über diese Rettung:

Dienstag, 19. Februar 2013

Schule, Tetris und der rasende Stillstand

Als es noch kein Zentralabitur gab und die Lehrer ihre Abiturarbeiten selber entwerfen und zur Absegnung an die Schulbehörde schicken mussten, von wo sie dann – wenn alles gut ging – pünktlich zum Abitur wieder zurück kamen, natürlich mit einem entsprechenden Vermerk, welcher der verschiedenen erarbeiteten Vorschläge gewählt worden sei – zu dieser Zeit also, die noch gar nicht lange her ist, trug sich folgende Geschichte zu. Ein Lehrer hatte seine Arbeit auf den langen Dienstweg verabschiedet – erst zum Fachprüfungsleiterleiter, dann zur Schulleitung, von dort auf ihrem Weg durch die verschiendenen Stationen der Verwaltung –,  erhielt sie aber vor der Zeit, auf demselben Dienstweg, nur eben rückwärts, wieder zurück. Er hatte ein Komma vergessen, und selbstverständlich konnte der zuständige Dezernent dieses Komma nicht einfügen, sondern schrieb eine entsprechende Bemerkung mit der Aufforderung an den Kollegen, das fehlende Komma ordnungsgemäß einzufügen – was dieser tat, um dann die Arbeit auf dem entsprechenden Dienstweg wieder nach oben zu senden.

Dies jedenfalls berichtete mir heute ein Kollege. Die Anekdote ist geeignet, um eine Frage zu einem ganz anderen Problem zu beantworten, die ein Schüler ebenfalls heute im Unterricht gestellt hat – warum sich eigentlich an der Schule so wenig verändere, obwohl es schon lange, seit weit über hundert Jahren, pädagogische Konzepte gäbe, die auf Veränderungen drängen.

 

Schmerzensmänner, ungebunden

Entsorgte Väter erschienen oft als Schmerzensgestalten unter den Menschen, die sich für eine Gleichberechtigung der Geschlechter aus männlicher Perspektive einsetzen. Noch immer in Erinnerung ist das Bild des Vaters als Opfer einer mütterorientierten Rechtslage, das der Schauspieler Mathieu Carrière im Jahr 2006 spektakulär inszeniertierte: Carrière, der um den Umgang mit seinen Töchtern kämpfen musste, ließ sich  öffentlich als Jesus an ein Kreuz binden . Die eigentliche Absicht, auf die Verlassenheit der Trennungskinder als Jesus am Kreuz aufmerksam zu machen, ging angesichts der pathetischen väterlichen Leidensgeste fast unter.
 
Ein Problem solcher Darstellungen ist, dass kaum jemand sich gern mit Opfern identifiziert, jedenfalls nicht mit männlichen. Passiv, hilflos, leidend, klagend – das ist eine Haltung, die eher Mitleid, Ärger oder auch Spott provoziert als eine ernsthafte Auseinandersetzung.

Dabei ist gerade die Situation entsorgter Väter und ihrer Kinder für eine solche Auseinandersetzung sehr gut geeignet. Der Kindes- und Vaterentzug ist, wenn man direkt betroffen ist, tatsächlich ein absorbierendes Problem. Wenn man aber von dem damit verbundenen Leid für eine Weile absehen kann und sich darauf konzentriert, wie die Situation funktioniert, dann die Lage entsorgter Väter und ihrer Kinder ganz einfach sehr interessant. Perversitäten des Verhältnisses von Frauen und Männern sowie von Erwachsenen und Kindern werden hier einprägsam deutlich, und es lässt sich auch gut zeigen, wie durch ein Zusammenspiel institutioneller Schwächen und ideologischer Verhärtungen offenkundige Diskriminierungen hergestellt und geduldet werden.

Ganz besonders gilt das für den absurden Umstand, dass ausgerechnet die große Bedeutung eines kontinuierlichen Kontakts und einer stabilen Bindung zwischen Kindern und Eltern gerichtlich und jugendamtlich häufig als Begründung angeführt wird, Kinder und ihre Väter auf Dauer voneinander zu trennen. Der zweite Teil der kleinen Reihe „Prima Gründe, Väter loszuwerden. No. 2: Kontinuität und Bindung“.

Freitag, 15. Februar 2013

Böse Männer, ein guter Vater und die feministische Dividende

Sicherlich - was das Verhältnis zwischen Männern und Frauen angeht, sollte man Texte der Süddeutschen Zeitung einfach gnädig ignorieren und sich nicht weiter aufregen. Ein Brief aber, den ein SZ-Journalist heute an seinen Sohn geschrieben hat (und der jetzt auch online steht), macht viele Probleme gegenwärtiger Jungenerziehung so überdeutlich, dass sich die Lektüre lohnt. Da der Brief an den Sohn (was diesen sicher begeistern wird) als offener Brief geschreiben wurde, kann ich auch offen darauf antworten. Mit großem Vergnügen.
 
 
Sehr geehrter Herr Ankowitsch,

Sie haben Ihrem Sohn einen Brief geschrieben, und da ich weder Ihren Sohn noch Sie kenne, geht mich das eigentlich gar nichts an. Da Sie Ihren Brief aber als offenen Brief geschrieben und als Titelgeschichte im Süddeutsche Zeitung Magazin dieser Woche veröffentlicht haben, und da ich den Brief, mit allem Respekt, furchtbar finde, schreibe ich Ihnen jetzt einfach einmal eine offene Antwort auf Ihren offenen Brief.

Ich bin selber Vater (unser Kind ist allerdings noch viel kleiner als Ihr Sohn), und ich bin Lehrer, habe also, da ich von der fünften Klasse bis zum Abitur unterrichte, viel mit Jungen des Alters zu tun, an das Sie sich richten.

 
Jungen: Dumm, verschwitzt, gewalttätig Sie machen Ihr Bild von diesen Jungen überaus deutlich: „Jungs unter sich, das gilt vielen als höchste Form der Freiheit und ist dann doch oft nichts anderes als eine Zusammenballung verschwitzter, homophober, latent gewaltbereiter Schwachköpfe.“ Wie kommen Sie nur darauf, es könne eine gute Idee sein, Ihrem Sohn einen solchen Mist zu schreiben?

Donnerstag, 14. Februar 2013

Dworkin, Inzest, Kindermord


Sicher – diese Überschrift klingt spektakulär. Spektakulär aber waren auch die Zitate, über die ich wiederholt gestolpert bin, wenn ich etwas über Andrea Dworkin gelesen habe (sogar in der ja keineswegs feminismuskritischen deutschen wikipedia). Sie erscheint darin als eine Propagandistin des Inzests, die erotische Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern als wesentlichen revolutionären Schritt auf dem Weg hin zu einer wahrhaft humanen Gesellschaft utopisierend verklärt („Die Eltern-Kind-Beziehung ist hauptsächlich erotischer Natur, da alle menschliche Beziehungen hauptsächlich erotischer Natur sind. [...] Die Zerstörung des Inzest-Tabus ist wesentlich für die Entwicklung einer kooperativen menschlichen Gemeinschaft, die auf dem freien Fluss eines natürlichen androgynen Erotizismus basiert.“).

Woman Hating aus dem Jahre 1974, aus dem diese Zeilen stammen, war Dworkins erstes Buch. Als ich es gelesen habe, war ich überrascht. Bei allen Vergröberungen, Härten, Ungenauigkeiten des Textes wirkt er zugleich auch visionär. Dworkin wird oft, gleichsam als Eindeutigkeit herstellende Holzhammer-Feministin, von postmodernen Mehrdeutigkeiten späterer Jahre abgegrenzt. Trotzdem wirken viele zentrale Thesen der postmodernen Judith Butler im Rückblick schlicht wie Neu-Formulierungen von Ideen, die Dworkin schon 1974 formuliert hat. Dworkin beschreibt Geschlechter als soziale Konstruktionen (sie spricht von „cultural constructs“, S. 174), versucht zu zeigen, dass nicht nur das soziale Geschlecht (gender), sondern auch das biologische Geschlecht sozial konstruiert sei (S. 174-184), proklamiert das Bestehen vieler Geschlechter („That is not to say that there is one sex, but there are many.“, S. 175), hält dem, was Butler später als „heterosexuelle Matrix“ bezeichnet hat, ein Androgynitätsideal entgegen, sieht die Aufspaltung in die Zweigeschlechtlichkeit als zentrales Problem und unterstellt dieser Aufspaltung selbstverständlich erhebliche Herrschaftsinteressen. In diesem Sinne ist Woman Hating (was übrigens als „Frauenhass“ ebenso wie als „Hassende Frau“ übersetzt werden kann) ein früher Basistext der Gender Studies.

Zugleich ist es auch ein extrem gewalthaltiger Text – und das betrifft nicht allein die Analyse der dargestellten Gewalt gegen Frauen, sondern auch seine eigene Gewalt. Den Inzest erörtert Dworkin in zwei Passagen, von denen die meist zitierte zwar tatsächlich die spektakulärere, aber keineswegs die problematischere ist.

Dienstag, 12. Februar 2013

Prima Gründe, Väter loszuwerden. No 1: Konflikte


Eigentlich wollte ich ja einmal einen Text über die Begründungen schreiben, mit denen Mütter (viel seltener: Väter) es legitimieren, wenn sie ihren Kindern die Väter (viel seltener: die Mütter) entziehen. Ein einfaches und herzliches „Du gehst mir nunmal auf die Nerven!“ oder ein offenherziges „Ich will die Kinder halt für mich alleine!“ oder ein gerechtigkeitsliebendes „Du hast mir wehgetan, also tu ich dir jetzt auch weh!“ werden von einer verständnislosen Gesellschaft schließlich allzu oft nicht als ausreichende Legitimationen akzeptiert, so dass es oft wichtig ist, sich etwas anderes einfallen zu lassen.

Dummerweise aber haben sich Mütter (viel seltener: Väter) und ihre institutionelle Vertretung, der gut vernetzte Alleinerziehendenverband, im Laufe der Zeit sehr viel einfallen lassen, so dass der Text ziemlich lang geworden wäre – und ich war gerade eben erst gefragt worden, warum ich eigentlich immer so lange Texte schriebe, und ob ich mich nicht eigentlich auch mal kürzer fassen könnte.

Also kam ich auf die Idee, Stückchen für Stückchen nur eine Begründung zur Zeit zu würdigen. Ich beginne mit einer der Wichtigsten – dem Schutz der Kinder vor Konflikten.



Vaterausgrenzung? Wenn schon, denn schon...

Samstag, 9. Februar 2013

Sind Männer Menschen? (fragt die SPD)

Meine Eltern sind Bildungsaufsteiger, kommen aus typischen Arbeiterberufen und gehören so zu den Menschen, die der deutschen Sozialdemokratie besonders viel zu verdanken haben. Sie sind beide seit Jahrzehnten Mitglieder der SPD, haben über lange Zeit nie etwas anderes gewählt – so wie ich auch lange ausschließlich für Rot-Grün gestimmt habe.

In den letzten Jahren hat sich das geändert – durch meine eigenen Erfahrungen als ausgegrenzter Vater, aber natürlich auch durch die Position der SPD dazu. Als der Bundestag in der vergangenen Woche ein neues Kindschaftsrecht beschlossen hat, das die Situation nichtverheirateter Väter und ihrer Kinder leicht und vorsichtig verbessert, war die SPD die einzige Partei, die sich dagegen gestellt hat – weil ihr selbst diese zögerlichen Humanisierungen des deutschen Kindschaftsrechts noch zu weit gingen. Das hat Tradition.

Menschen, die sich für die Rechte nichtehelicher Väter und Kinder einsetzen, werden gemeinsam mit anderen „Männerechtlern“
von Seiten der SPD (aber auch von Seiten der Grünen) als rechtsradikal diffamiert. Für die Bundespolitik hatte das Konsequenzen. Ein wichtiger Grund, dafür, dass das neue Gesetz notwendig wurde, war eine Untersuchung des Justizministeriums, nach der nichtverheiratete Mütter, die eine gemeinsame Sorge verweigern, keineswegs vorrangig das Kindeswohl im Auge haben. Dieser Prüfungsauftrag war dem Gesetzgeber schon 2003 vom Verfassungsgericht erteilt worden – das SPD-geführte Justizministerium unter Brigitte Zypries hatte ihn allerdings jahrelang verschleppt. Ohne die Abwahl der SPD bei den Wahlen 2009 hätte sich möglicherweise trotz des Straßburger Urteils von 2009 zur Stärkung der Rechte nichtehelicher Väter wenig getan – es ist offenkundig Interesse dieser Partei, die grund- und menschenrechtswidrige Praxis des deutschen Kindschaftsrechts so lange wie möglich beibehalten zu können.

Woran aber liegt das? Warum ausgerechnet die SPD, deren Mitglieder bei anderen Gelegenheiten, als es wesentlich mehr Mut erfordert hat als heute, entschlossen für Menschenrechte eintraten? Woher kommt das Ressentiment gegen Väter ausgerechnet in einer Partei, die wie keine andere (von Bebel und Ebert über Wels und Schumacher bis zu Brandt und Schmidt – Schröder allerdings gehört nicht dazu) auf eine Tradition von über die Parteigrenzen hinweg respektierten und verehrten Väterfiguren aufbaut?

Freitag, 8. Februar 2013

Schreie


Gerade als der Gastgeber Wein nachschenkte, fingen die Schreie wieder an.

Was du dem geringsten meiner Brüder getan hast, das hast du mir getan, sagte der Mann mit den sehr blauen Augen.

Den Satz habe ich noch nie verstanden. Warum sollte eine Tat nur deshalb gut oder schlecht sein, weil sie auch Jesus trifft? Nach meinem Verständnis belegt dieser Satz keineswegs seine Solidarität mit allen Menschen, sondern eher seine Selbstbezogenheit, sagte der Gastgeber und wartete die Wirkung dieser Provokation ab.

Währenddessen schrie die Frau in der Wohnung über ihnen noch immer. Ein Kind weinte dagegen an, so lange, bis es schließlich lauter schrie als die Frau.

Donnerstag, 7. Februar 2013

“Habe ich überhaupt ein Recht zu existieren?”, oder: Was man von Spenderkindern über alle Kinder erfährt. Und über Väter.

 
 
Sarah P., die 1990 als Produkt einer Samenspende geboren wurde, hat sich vor dem OLG Hamm das Recht erstritten, vom zuständigen Essener Zentrum für Reproduktionsmedizin den Namen ihres Vaters zu erfahren. Das Urteil stößt gerade bei manchen Männern auf heftiges Unverständnis. „Wie kann man nur die Männer in die Pfanne hauen, die einem eigenes Leben ermöglicht haben?“ fragt beispielsweise ein Leser des oben verlinkten Artikels, im Ton durchaus noch vorsichtiger als einige andere Kommentatoren. (Mit späterer, noch weiter gehender Kritik an Spenderkindern setze ich mich in einem anderen Text auseinander)

Die Webseite „spenderkinder.de“ bietet über „Meinungen und Geschichten“, die dort veröffentlicht sind, die Möglichkeit, etwas über die Motive zu erfahren, warum Spenderkinder über ihre leiblichen Väter unbedingt mehr wissen, viele sie auch kennen lernen möchten. Es ist die falsche Auseinandersetzung, diese Motive als ungehörig, gar amoralisch darzustellen
stattdessen bietet die Beschäftigung mit ihnen einen einmaligen Einblick in die Bedeutung der leiblichen Vaterschaft. Käme es tatsächlich nur auf unsere Prägungen in der Erziehung, auf unser soziales und familiäres Umfeld an, dann wären die Spenderväter ihren Kindern herzlich egal – denn soziale Väter sind ja häufig vorhanden, und der leibliche Vater hat die Mutter nicht einmal bei einem One-Night-Stand, geschweige denn im Rahmen einer Liebesbeziehung befruchtet, sondern denkbar prosaisch in irgend einem Raum irgend einer medizinischen Einrichtung masturbiert, ejakuliert, seinen Samen in einem Gefäß aufgefangen, das Gefäß weiter gegeben und dafür Geld erhalten.

Warum also kann solch ein Mann für die Kinder, die als Resultat dieser Nebentätigkeit entstanden sind, von Bedeutung, gar von existientieller Wichtigkeit sein?

Montag, 4. Februar 2013

Aus der Phrasendrescherei. Heute: Male Privilege


Dass Männer in unserer Gesellschaft entgegen anderslautender Vermutungen nicht privilegiert sind, habe ich unlängst in Zusammenarbeit mit einer feministisch inspirierten Website bewiesen. Wobei übrigens der Begriff "Zusammenarbeit" möglicherweise etwas spezifiziert werden muss angesichts der Tatsache, dass diese Website selbst nichts von der Kooperation weiß.

Die Website bietet eine Checklist an, mit Hilfe derer jeder überprüfen kann, inwieweit er von ungerechtfertigten männlichen Privilegien („Male Privilege“) profitiert – sie orientiert sich an einer 1990 von Peggy McIntosh veröffentlichten Checklist zu Privilegien für Weiße in der US-amerikanischen Gesellschaft („White Privilege“).

Kurzentschlossen habe ich die Gelegenheit ergriffen, dass hier endlich einmal (möglicherweise, weil ein Mann diese Checklist zusammengestellt hat und sich selbst Klarheit über seine Privilegiertheit verschaffen wollte) nicht allgemeinwolkig von „patriarchalen Strukturen“, “Herrschaftsstrukturen“, der „patriarchalen Herrschaft“ oder gleich wolkig-knackig vom „Rechtsstaatlichkeitsprinzip, Aufklärung und all dem
Rotz“ die Rede ist – sondern dass endlich einmal Kriterien angegeben werden, nach denen die fröhliche Einordnung von Männern als „Privilegienpenisse“ überprüft werden kann.

Ich präsentiere hier eine völlig willkürlich getroffene, also sauber randomisierte und dann von mir kommentierte Auswahl aus der Checklist.

Freitag, 1. Februar 2013

Pappas ante portas! (Macht die Türen zu!)

Noch vor eineinhalb Jahren hatte Heribert Prantl den damaligen Vorschlag des Justizministeriums, das Sorgerecht zu ändern und eine Widerspruchslösung einzuführen (beide Eltern haben von Beginn an gemeinsames Sorgerecht – es sei denn, die Mutter widerspricht), plausibel kritisiert.

Die Lösung würde Mütter regelrecht unter Druck setzen, möglichst schnell Gründe für einen Ausschluss des Vaters vom Sorgerecht anzuführen – und es sei zudem nicht verständlich, warum nur Mütter, nicht aber auch Väter ein Recht auf Widerspruch hätten.

Heute klingt Prantl ganz anders – ohne dass deutlich wird, warum eigentlich.