Montag, 30. Juni 2014

Von MINT-Girls und gebrauchten Jungen - Der Girls' Day und der Boys' Day

VW ist für ein sehr gutes Programm beim „Zukunftstag für Mädchen und Jungen“ bekannt, und vor einiger Zeit fanden sich in meiner Klasse einige Schüler, die sehr interessiert daran waren. Unglücklicherweise waren alle Interessierten Jungen, und VW bestand darauf, das Programm ausschließlich Mädchen anzubieten. Da unter den Mädchen aber niemand etwas von VW wissen wollte, verfielen die Angebote, und wir mussten den interessierten männlichen Kindern erklären, dass sie für das Angebot leider eine ungünstige Geschlechtszugehörigkeit mitbrächten.

Das ist dann aber auch schon eine meiner wenigen seltsamen Erfahrungen als Lehrer mit dem Girls‘ Day, der an Schulen in Deutschland seit 2001 einmal im Jahr begangen wird – Mädchen haben hier einen Tag schulfrei, um Berufe im MINT-Bereich, also in der Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, kennenzulernen.

In Niedersachsen, wo ich unterrichte, gibt es stattdessen seit einigen Jahren den oben erwähnten Zukunftstag für Mädchen und Jungen“:
„Am Zukunftstag werden getrennte Angebote für Mädchen und Jungen vorgehalten, die es ihnen ermöglichen sollen, Einblicke in verschiedene Berufe zu erhalten, die geeignet sind, das immer noch stark geschlechtsspezifisch geprägte Spektrum möglicher Berufe zu erweitern.“
Das ist fast immer unspektakulär – für viele einfach ein Tag, an dem sie schulfrei haben, an dem sie Eltern oder Onkel oder Tanten in deren Berufe begleiten und bei dem sie selbst nicht so genau wissen, warum sie das nicht ebenso gut in den Ferien erledigen können. 
Pädagogisch eine äußerst fragwürdige Situation, weil hier offenkundig kein Gedanke an die Geschlechtergerechtigkeit des Unterrichtsarrangements verwendet wurde. Beim Girls' Day und Boys' Day gehen Jungen und Mädchen dann endlich in verschiedene Richtungen und arbeiten an ihren jeweiligen Defiziten (Mädchen: Selbstbewusstsein; Jungen: soziale Kompetenzen). Oder so.
Mir erschien der Girls‘ Day lange Zeit als Skurrilität, die sich überlebt hat. Seit 2011 wird sie vom Boys‘ Day begleitet, der wiederum dem Projekt „Neue Wege für Jungs“ entsprang.
Oftmals passen traditionelle Männlichkeitsvorstellungen nicht mehr zu modernen Partnerschafts- und Familienmodellen und zu den Anforderungen des Arbeitsmarkts.“
Das ist die Diagnose, die das Neue-Wege-Projekt in seiner Selbstbeschreibung stellt, und es macht damit auch seine Zielrichtung deutlich: Während es beim Girls‘ Day darum geht, Mädchen zu ermutigen und traditionelles Verhalten zu erweitern, geht es bei Jungen eher darum, „(männliche) Rollenbilder“ in Frage zu stellen.

Hier aber werden die Projekte dann eben doch interessant, weil sie viel darüber aussagen, wie sich die Verantwortlichen Jungen und Mädchen vorstellen – und wie sie sich eine Erziehung vorstellen, bei der die Geschlechtszugehörigkeit im Mittelpunkt steht.

Donnerstag, 26. Juni 2014

Lasst endlich die Feministinnen in Ruhe!

Als konservative Feministin, so schrieb die amerikanische Journalistin Christine Sisto vor wenigen Tagen im National Review, fühle sie sich desillusioniert und angegriffen von den Liberalen, welche die gegenwärtige feministische Bewegung dominieren würden.
„Und ich fange an zu glauben, dass Männerrechtsbewegung und feministische Bewegungen heiraten sollten. Wenn Feministinnen tatsächlich Gleichheit der Geschlechter wollen, dann sollten sie kein Problem mit Männern haben, die auf rechtliche und gesellschaftliche Bereiche hinweisen, in denen Männer unfair behandelt werden.“
Eine freundliche Äußerung mit einigen alarmierenden Aspekten – allein schon deshalb, weil viele Männer der Institution der Ehe gegenüber ohnehin misstrauisch geworden sind, mit guten Gründen. Wenn Feminismus und Männerrechtsbewegung heiraten würden, wie sähe dann eine Scheidung aus? Und was würde aus den – und welchen? – Kindern?

Vermutlich wüssten viele auch gern, ob Sisto mit „equality“ nun eigentlich Gleichheit, Gleichstellung oder Gleichberechtigung meint.
 
Nie wieder ganz entsetzt im Hier und Jetzt: Der Männerrechtler der Zukunft ist ruhig, gelassen und völlig desinteressiert am Feminismus
Vor allem aber spricht sich Sisto dafür aus, dass sich Männer stärker um die Belange von Männern kümmern und sich weniger am Feminismus abarbeiten sollten („to focus more on men, and less on criticizing feminists“). Die berühmte Webseite A Voice For Men würde sich zum Beispiel ganz auf den Hass auf Feministinnen konzentrieren – während andere, wie die National Coalition For Men, sich um die wirklichen Belange von Männern kümmern würden („some, like the National Coalition for Men, focus on real issues that men face“).

Mit der Annahme, dass der Feminismus für Männer eigentlich kein wirkliches Problem darstelle, würde Sisto unter Männerrechtlern wohl ziemlich allein dastehen. So vermutet Arne Hoffmann denn auch, dass ihre „Position zu empörtem Kreischen und Haareraufen unter Maskulisten ebenso wie unter Feministinnen führen dürfte“.
 
Was aber spricht denn eigentlich dafür, dass ein Engagement für Männerrechte immer zugleich eine Auseinandersetzung mit dem Feminismus sein müsse?

Samstag, 21. Juni 2014

OK, Kill Their Boys. Bring Back Our Girls.

Im Juni 2013 töte die nigerianische Terrorgruppe Boko Haram 42 Jungen bei einem Angriff auf eine Schule: Die Jungen wurden zusammengetrieben, dann warfen die Mörder Sprengstoff auf sie.
 
Im September 2013 griffen Boko Haram-Terroristen nachts das College of Agriculture in Gujiba, Nigeria, an – sie attackierten gezielt die Schlafsäle der jungen Männer und töteten 44 von ihnen.

Im Februar 2014 wurden 59 Jungen einer nigerianischen Internatsschule von Boko Haram-Terroristen erschossen oder bei lebendigem Leib verbrannt. Die Mädchen der Schule ließen die Terroristen frei.

Ebenfalls im Februar 2014 überfielen Boko Haram-Terroristen das nigerianische Dorf Izghe, massakrierten dort über mehrere Stunden die männliche Bevölkerung, auch Jungen oder Babies. Unter den 106 Toten waren 105 männlich, und eine war eine Frau, die versucht hatte, ihren Enkel vor den Massenmördern zu schützen.

Im Mai und Juni 2014 begingen Boko Haram-Terroristen über viele Tage lang Massaker in verschiedenen Dörfern im Nordosten Nigerias. Die Terroristen traten zunächst als Soldaten auf, die vorgaben, die Bevölkerung vor Attacken Boko Harams schützen zu wollen – sie führten gezielt Männer und Jungen zusammen und eröffneten dann das Feuer auf sie. CNN spricht von etwa 400 bis 500 Toten.

Die Liste der Verbrechen der islamistischen Terrorgruppe könnte leicht fortgesetzt werden. Über all diese Verbrechen wurde zwar vereinzelt auch in den Nachrichten europäischer oder amerikanischer Medien Europas oder Amerikas berichtet, darüber hinaus erregten sie dort allerdings kaum Aufmerksamkeit.
 
Boko Haram wurde für eine weite Öffentlichkeit erst interessant, als die Terroristen der Gruppe im April 2014 eine Schule in Chibok, ebenfalls im Nordosten Nigerias, überfielen, 276 Mädchen entführten und ankündigten, sie als Sklavinnen zu verkaufen. Der Spiegel:
Ihre Kämpfer haben Kirchen angegriffen, Schulen überfallen, Selbstmordattentäter in vollbesetzte Pendlerbusse geschickt und ganze Dörfer niedergemetzelt. Mehrere tausend Menschen sind dabei seit 2010 getötet worden. International hat jedoch erst die Entführung der mehr als 200 Mädchen im April für größeres Aufsehen gesorgt."
Dass es nicht immer nachvollziehbar ist, warum bestimmte Geschehnisse plötzlich Menschen überall auf der Welt interessieren, erregen oder bestürzen, während ganz ähnliche oder schlimmere Geschehnisse bei den meisten Erregten nicht einmal über die Wahrnehmungsschwelle gelangen – das ist nichts Neues. Hier aber ist die massive Spaltung der Aufmerksamkeit auffällig, weil es deutlich ist, dass sie genau zwischen den Geschlechtern verläuft – zwischen den Geschlechtern der Opfer nämlich.
 
 
Das Blog Toy Soldiers fragt:
„Falls dich die Entführung von 300 Mädchen aufgebracht hat, wie kannst du dann ruhig bleiben, wenn dieselbe Gruppe 500 Männer und Jungen ermordet?“ (If the kidnapping of 300 girls riled you up, how can you be silent when the same group murders 500 men and boys?)
Über die ermordeten Männer und Jungen – so der Videoblogger von Humanity Bites – wolle niemand reden:
„Die Medien schweigen. Die UN schweigt. Sogar die sonst so gesprächige Mrs. Obama schweigt. Es ist, als hätten diese Jungen und Männer nie gelebt“ (The media is silent. The UN is silent. Even the talkative Mrs. Obama is silent. It`s as if these boys and men never lived.)
Um zu erklären, warum das so ist, hilft ein Blick in eine deutsche Stadt – nach Darmstadt.

Montag, 16. Juni 2014

Wie Jungen zu Männern und Erwachsene zu Kindern werden - Richard Linklaters "Boyhood"

Über Richard Linklaters Film Boyhood schreibt Jochen Bordwehr in der taz:
„Das Leben eines Jungen interessiert Linklater, weil er wissen möchte, wie jemand ein Mann wird. Da dies nur in Gesellschaft möglich wird, sehen wir gleichzeitig, wie noch eine ganze Reihe anderer Menschen etwas wird: Die Zeit verändert alle.“
Das legt den Gedanken an einen klischeehaften Film nahe: Wir werden nicht als Mann geboren, wir werden dazu gemacht – wir werden dabei natürlich vom sozialen Umfeld geprägt – und mehr noch, nichts bleibt, wie es war, und die Zeiten ändern sich. Das aber täuscht. Der fast drei Stunden lange Film ist wesentlich differenzierter, ist zugleich unspektakulär und packend, und er führt tatsächlich vor, wie ein Junge zum Mann wird. Aber eigentlich geht es darum, wie Kinder erwachsen werden in einer Welt, in der die Eltern selbst nicht recht wissen, was dieses „Erwachsensein“ eigentlich ist.
 
 
Und: Es ist ein Film, der beiläufig und nachhaltig Zweifel daran wecken kann, ob Klischees gegenwärtiger geschlechter- und familienpolitischer Debatten eigentlich über ihre mediale Verwertung hinaus und für das Leben von Menschen eine ernstzunehmende Bedeutung haben.

Sonntag, 8. Juni 2014

Wozu männliche Monstren und friedliche Frauen gut sind - Margarete Mitscherlichs "Die friedfertige Frau"

Angenommen, eine psychisch kranke Frau würde in den USA vier Frauen und zwei Männer erschießen –
 
angenommen, sie würde Videobotschaften sowie ein langes Manuskript hinterlassen, in denen sie die mangelnde Aufmerksamkeit von Männern und die Unwürdigkeit anderer, bei Männern erfolgreicher  Frauen für ihre Taten verantwortlich macht –
 
und weiter angenommen, diese Verbrechen würden sogleich in wichtigen Massenmedien, aber auch in Blogs und sozialen Netzwerken von Männern weltweit erregt als Beispiel für ein typisches, allüberall verbreitetes unersättliches weibliches Anspruchsdenken („female entitlement“) gewertet –
 
und Widerspruch von Frauen gegen solche maßlosen Verallgemeinerungen würde sogleich als weiterer Beleg dieses bedingungslosen Anspruchsdenkens interpretiert werden  –
 
läge dann nicht die Frage nahe, wie um Himmels Willen Männer eigentlich auf die verrückte Idee kommen, für die Verbrechen einer Frau schlankweg alle anderen mitverantwortlich zu machen?
Friedfertigkeit und Weiblichkeit, ein wenig versteinert
Angenommen, ein Bundesministerium würde sechs Millionen Euro investieren, um eine Telefonhotline einzurichten, an die sich Menschen wenden können, wenn sie in persönlichen Beziehungen Gewalt erfahren –
 
weiter angenommen, diese Hotline würde sich ausschließlich an Männer richten, während Frauen allein als Täterinnen präsentiert würden –
 
würde dann nicht der verantwortliche Minister erhebliche Schwierigkeiten bekommen, anstatt sich und dieses Projekt auch noch feiern zu können?

Angenommen, die Grundrechtsagentur der EU würde eine europaweite Studie zu Gewalterfahrungen von Menschen beauftragen, in der seltsamerweise ausschließlich Männer zu ihren Gewalterfahrungen in Partnerschaften befragt werden –
 
eine Studie, die einen so weiten Gewaltbegriff verwendete, dass demnach fast jeder schon einmal Gewalt erfahren hat, und die zugleich unzählige Studien ignorierte, nach denen Gewalt in Partnerschaften annähernd gleichmäßig zwischen den Geschlechtern verteilt ist –
 
und würde dann verkündet werden, dass mindestens jeder dritte Mann in Europa Opfer von Frauengewalt ist –
 
würde sich dann die Agentur nicht augenblicklich für ihre sexistisch einseitige Interpretation der Grundrechte rechtfertigen müssen?

Wenn es so ist: Wie ist es dann möglich, dass andersherum klischeehafte Verknüpfungen von Männlichkeit und Gewalt und ein verbissenes Festhalten an der Idee weiblicher Gewaltlosigkeit völlig selbstverständlich verbreitet werden können?
 
Zur Beantwortung dieser Frage lohnt es sich, ein wenig Gegenwartsarchäologie zu betreiben und ein Buch neu zu lesen, das 1985 ein enormer Erfolg war, das noch im selben Jahr in der vierten Auflage erschien und angesichts dessen Kritiker noch heute von einem „epochalen Werk“ sprechen:

Die friedfertige Frau von Margarete Mitscherlich, die – so Jan Feddersen im Spiegel anlässlich ihres Todes 2012 – „eine Ikone der 68er und der Frauenbewegung“ war.

Montag, 2. Juni 2014

Ein Mörder und viele Leichenfledderer (Monatsrückblick Mai 2014)

Ein junger Mann, zweiundzwanzig Jahre alt, tötet in Santa Barbara vier Männer und zwei Frauen und verletzt mehrere weitere Menschen mit Schüssen, bevor er schließlich nach einem Schusswechsel mit der Polizei tot aufgefunden wird – offenbar hat er sich schließlich selbst erschossen.

Das Motiv des Mannes, Elliot Rodger, der offenbar unter Asperger litt: Er wütet, weil er noch nie mit einer Frau geschlafen hat, weil eine Frau ihn offenbar noch nie attraktiv fand, weil Frauen ihm andere Männer, die er als unwürdig empfindet, vorziehen – und das, obwohl er aus einer reichen, erfolgreichen Familie stammt, teure Autos fährt und ein eine eure Sonnenbrille besitzt.
 
Mit diesem Bild macht die große britische Tageszeitung The Guardian einen Artikel über eine Mordserie an vier Männern und zwei Frauen auf. Quelle
Mediale Reaktionen  auf die Morde sind zu einem großen Teil ernüchternde, aber auch erschreckende Beispiele der öffentlichen Darstellung von Männern – Beispiele, zu denen es schließlich im Monat Mai auch, glücklicherweise, Gegenbeispiele gab.


Wie man Leichen schnell verwertet (bevor es andere tun) Elliot Rodger hat Phantasien des Massenmordes an Männern wie an Frauen öffentlich verbreitet: Frauen ekeln ihn an, weil sie ihn nicht erhören, andere Männer ekeln ihn an, weil Frauen sie und nicht ihn erwählen. Seine ersten Morde sind die an drei jungen Männern, die mit ihm zusammenwohnen. Gleichwohl beginnt die Grimme-Preis-nominierte feministischen Webseite kleinerdrei ihren Artikel zum Thema mit einer unbekümmert einseitigen Warnung:
[TW Gewalt an Frauen, Frauenhass].
Die Autorin Juliane Leopold, die sonst auch bei Zeit-Online schreibt, sieht offenbar keinen Grund zu der Befürchtung, dass für das Publikum von kleinerdrei auch Männerhass und Gewalt an Männern einen Schrecken besitzen könnten.

Ganz ähnlich empört sich die Bild-Zeitung schon in ihrer Überschrift über zwei getötete Frauen und erwähnt die vier getöteten Männer im Text immerhin nebenbei. „Frauenhass tötet“, behauptet Jessica Valenti im Guardian, einer der wichtigsten britischen Tageszeitungen, und schreibt, Rodger habe bei seiner Mordserie offenbar Vergeltung an den Frauen üben wollen, die ihn abgewiesen hatten („allegedly seeking 'retribution' against women whom he said sexually rejected him“).

Das Geschlecht seiner Opfer lässt Valenti sorgfältig unbestimmt – angesichts der Konsequenz, mit der sie „Frauenhass“ als Motiv angibt, muss aber natürlich der Eindruck entstehen, die Ermordeten seien durchweg Frauen gewesen.
 
Statt das klarzustellen, spekuliert sie dann doch lieber darüber, dass Rodger mit der Männerbewegung im Internet zu tun gehabt habe („was reportedly involved with the online men's rights movement“). Tatsächlich hat er offenbar in einem Forum Kommentare gepostet, in dem sich Männer sammelten, die vom Pick Up – kurz: einer mehr oder weniger kohärenten Sammlung von Hinweisen, wie Männer Frauen verführen können – enttäuscht waren.

Valenti wendet sich, wie übrigens auch die deutsche Bloggerin tofutastisch, entschieden dagegen, Rodgers Taten mit seiner psychischen Erkrankung in Zusammenhang zu bringen – das würde nur ihre Entstehung in der rape culture, der frauenhassenden, die Vergewaltigung legitimierenden Kultur verdecken, mit der allein die Taten erklärt werden könnten. Tofutastisch korrigiert ihre ursprüngliche Aussage, Rodger hätte sechs Frauen ermordet, immerhin so weit, die Berichte seien sich
„uneinig darüber, wie viele der Ermordeten männlich* und wie viele weiblich* waren“.
Dass der Täter doppelt so viele Männer wie Frauen ermordet hat, interessiert schließlich in Zeiten der Verflüssigung von Geschlechterrollen ohnehin nur am Rande. Zumindest, solange nicht nur Frauen die Opfer sind.

Einig immerhin sind sich Bloggerinnen und Journalistinnen darin, dass Rodger getragen worden sei von, so Leopold, einer
„Gruppe von Menschen und eine Mentalität, die den Wert von Frauen davon abhängig macht, wie nett sie zu Männern sind.“
Antje Schrupp greift bis weit ins Mittelalter zurück, um „die weibliche Pflicht zu lieben“ als eine Konstante unserer Kultur zu präsentieren. Valenti stellt fest, dass Rodger, wie den meisten jungen amerikanischen Männern, beigebracht worden sei, dass er einen Anspruch auf Sex und weibliches Begehren habe („Rodger, like most young American men, was taught that he was entitled to sex and female attention.“). Von wem aber wurde ihm das beigebracht?
 
Das macht Laurie Penny im New Statesman in einem Text klar, der sich in einem Wettbewerb um die unverhohlenste journalistische Hetze mühelos auch gegen die hier ja  keineswegs schüchtern-verdruckste Konkurrenz durchsetzen könnte.

Auch Penny läss das Geschlecht der Ermordeten offen, suggeriert aber wie Valenti, dass es Frauen seien – Rodger habe Rache üben wollen an
„all den ‘Schlampen‘, die ihn sexuell abgewiesen hatten“ („take revenge on all the “sluts” who had sexually rejected him”).
Ganz allgemein und nicht direkt auf den Fall bezogen sinniert sie später über Frauen und unglückliche männliche Zuschauer („women and unlucky male bystanders“), die durch Männergewalt ihr Leben verlieren würden.

Penny skizziert eine Welt, in der Männer sich um ein „Geburtsrecht auf einfach zu erlangende Macht“ betrogen fühlten ("the conviction that men have been denied a birthright of easy power") und in der Frauen Männern prinzipiell Sex und Anerkennung schuldeten – in der Vorstellungswelt von Männern wie Rodger nämlich.
 
Sie habe, so Penny als „Aktivistin im Bereich geistiger Gesundheit“, keine Zeit, die Sprache für emotionale Not als Enschuldigung für Greueltaten zu verwenden („But as a mental health activist, I have no time for the language of emotional distress being used to excuse an atrocity…“) – was, wenn auch verschwurbelter formuliert, einfach die Argumentationen aufgreift, die sich so auch bei Valenti oder tofutastsich finden. Tatsächlich seien Rodgers Taten natürlich nicht die eines Kranken gewesen, sondern Ausdruck einer extremistischen Kultur des Frauenhasses.

Wenn einer ihrer Leser, an die sie sich dann unvermittelt direkt wendet, die geschlechtsspezifische Gewalt gegen Frauen nicht angemessen wahrnehme, weil er Männer nicht pauschal als Gruppe für Verbrechen verantwortlich machen wolle, dann
„bis du Teil des Problems. Du hast vielleicht den Abzug nicht gezogen. Du hast vielleicht nie die Hand gegen eine Frau in deiner Umgebung gehoben. Aber du bist Teil des Problems.” (1)
Wer das nicht einsieht, sei also mitschuldig an den Verbrechen. Die Geschichte Rodgers präsentiert Penny als
Geschichte eines jungen Mannes, der kaum die Kindheit verlassen habe und schon verführt worden sei von einem verstörenden Kult des Frauenhasses. Elliot Rodger war ein Opfer – aber nicht aus den Gründen, die er selbst annahm.” (2)
Wer aber sind diese gewissenlosen Verführer? Der Massenmord in Santa Barbara sei der erste bestätigte Fall, in dem ein blutiges und abstoßendes Verbrechen direkt verbunden sei mit der Kultur der Männerrechtsbewegung und der Pick-Up Artists, einer Ideologie, die es auf verlorene, wütende junge Männer abgesehen habe und die nicht länger ignoriert werden dürfe. (3)

Angehörige dieser Gruppen präseniert Penny wie Schwerverbecher. Andere Männer müssen sich fragen:
Wer sind diese Leute? Wo leben sie? Und die unausgesprochene Angst: Kenne ich sie? Bin ich vielleicht schon einmal einigen von ihnen begegnet, habe ich mit ihnen etwas getrunken?“ (4)
Welche Belege aber bringt Penny eigentlich für die Anschuldigungen, dass Männerbewegung und PU-Artists Teil eines gemeinsamen Kultes seien, der den Zweck habe, Frauenhass zu verbreiten und der an den Verbrechen weitaus schuldiger sei als Rodger selbst?

Keine. Anschuldigungen wie diese sind offenbar selbstlegitimierend – selbst ein aus dem Zusammenhang gerissenes Zitat wäre für solche entmenschlichten Gegner offenbar noch zu schade.


Warum männliche Täter begehrt sind und männliche Opfer verschwinden Dabei gibt es ja durchaus Zitate von Männern, die sich in Elliot begeistert spiegeln – die in seiner Not ihre eigene entdecken und die ihn zu einem Helden der Unerhörten aufbauen. Allerdings haben solche Positionen eben wenig mit Männerrechten zu tun und wenig mit Pick Up (das legt Christian Schmidt auch bei Alles Evolution dar).
 
Dass sexuelles Angezogensein nicht eingeklagt werden könne, ist sogar ein verbreiteter PU-Grundsatz: Attraction is not a choice. Wenn ein Mensch nicht frei wählen kann, wann oder von wem oder wodurch er sexuell angezogen wird, dann hat es selbstverständlich auch keinen Sinn, ihm eine eine entsprechende moralische Pflicht aufzuerlegen.

Ohnehin ist im Fall Rodger die Rede vom male entitlement – vom männlichen Anspruchsdenken – krumm. Tatsächlich führt der Mörder ein extremes Anspruchsdenken vor – aber er begründet es eben nicht einfach darauf, ein Mann zu sein, sondern darauf, dass er besser sei als andere Männer, mehr habe, bessere Autos fahre und bessere Sonnenbrillen trage, der „erhabene Gentleman“ sei.
 
Es ist das Anspruchsdenken eines jungen Menschen aus den besten Kreisen, der in den eigenen Augen mehr ist als das Fußvolk, das ihn umgibt. Als Schutzpatron der ABs, der Erwachsenen ohne Sexual- und Beziehungserfahrung, eignet er sich ebenso wenig wie als Inbegriff des typischen Mannes.

Erkennbar ist bei Rodger allerdings eine ungeheure, bodenlose Bedürftigkeit nach weiblicher Bestätigung. Wer die Empfindung eines eigenen Werts so extrem von der Aufmerksamkeit und dem Begehren anderer abhängig macht, der wird es vermutlich tatsächlich als fair empfinden, zumindest genau wissen zu können, was er selbst dafür tun muss. Ob andere ihn begehren, ist ihnen in seinem gedanklichen Kosmos dann tatsächlich nicht mehr freigestellt – wenn er getan hat, was er solle, muss die Gegenleistung kommen.

Der völlig naheliegende Gedanke, dass bei Rodger Frauenhass UND Männerhass verknüpft sind mit einer enormen Unfähigkeit, frustrierende Erfahrungen zu verarbeiten, eignet sich allerdings kaum für politische Propaganda. Texte wie die von Penny, Valenti,  Leopold von kleinerdrei und anderen betreiben eine politische Leichenfledderei, die sich angesichts der propagandistisch günstigen Situation um Konsequenzen nicht weiter kümmert. Als ob die Leichen der Ermordeten nicht einmal kalt werden dürften, bevor sie für den guten Zweck verwertet werden.

Tatsächlich aber sind die Signale, die von der medialen Verarbeitung dieses Falles an Männer gesandt werden, katastrophal. Wenn ein Mann andere ermordet – dann wird er zum Zentrum allgemeiner Imaginationen, und Hunderte setzen sich intensiv damit auseinander, wie er zu seinen Taten motiviert wurde, phantasieren ihn gar – wie eine Facebook-Fanseite – als unverstandenen Helden.

Als Opfer aber sind Männer hier nichts wert. Wenn sie nicht gleich in Frauen verwandelt werden, weil weibliche Opfer in den Augen der Autorinnen ohnehin wichtiger sind, dann werden sie in Fußnoten oder in geschlechtsneutralen Formulierungen versteckt. Feministinnen, die doch angeblich auch für Männer gut sind, weil sie doch angeblich Männer wie Frauen vom patriarchalen Joch befreien – Feministinnen bestätigen diese kranken und reaktionären Muster eher noch entschlossener als andere.

Hier agieren sie wie Feuerwehrleute, die mit großer Geste, lauten Alarmsirenen und beständig auf ihre Wirkung bedacht zum Brandherd gefahren kommen – und dann laut schreiend und schimpfend beginnen, mit Benzin zu löschen.


Wer ist hier eigentlich der Backlash?
„Der Backlash ist real. Es steht eine Ideologie hinter ihm. Er bereitet Menschen Schmerzen. Manchmal tötet er. (“The backlash is real. There is ideology behind it. It hurts. Sometimes, it kills.”)
So klar macht Laurie Penny die politische Motivation hinter ihrem Artikel deutlich. Die Morde Elliots wurden in der medialen Verwertung der Leichen tatsächlich sogleich kampagnenfähig gemacht: Auch eine Kampagne gegen eine internationale, hochrangig besetzte Konferenz in Detroit zu spezifischen Problemen von Männern verwies auf Rodgers Taten und lancierte bei der günstigen Gelegenheit  Morddrohungen gegen Beteiligte an der Konferenz.
 
Was Penny als „Backlash“ bezeichnet, sind beispielweise Väter, die sich dagegen wehren, willkürlich von ihren Kindern getrennt zu werden. Oder Menschen, die auf die Gewalterfahrungen von Männern aufmerksam machen. Oder Menschen, die sich mit den spezifischen Problemen von Jungen in den Bildungsinstitutionen offen auseinandersetzen. Was das eigentlich mit den Morden in Santa Barabara zu tun hat, kann Penny auch nicht so genau erklären, es ist aber auch nicht so wichtig.

Auch Juliane Leopold von kleinerdrei beunruhigt es sehr, dass Männer immer offener über ihre Situation oder über die von Männern und Jungen reden. Sie vergleicht den Twitter-Hashtag yesallwoman, der anlässlich der Morde entstand und der Elliots Taten selbstverständlich als frauenfeindliche – und nicht etwa menschenfeindliche – Verbrechen wertet, erfreut mit dem deutschen Aufschrei. Wiederholt zitiert Leopold den Rat, dass Männer hier eigentlich nur zuhören und lernen könnten. „HÖRT einfach ZU und RESPEKTIERT.” Und haltet Eure Klappen.
 
Es ist in meinen Augen sehr schade, dass ein Blogger die Anschuldigungen an Männerrechtler, die auf die Morde folgten, zum Anlass genommen hat, sein Schreiben einzustellen.

 
Außerhalb der Internet-Aufgeregtheiten allerdings ist der Backlash manchmal ungestört in vollem Gange, zum Nutzen für alle Beteiligten. Die Zeit berichtete beispielsweise über eine Entwicklung an vielen Familiengerichten, Eltern stärker zur Verständigung zu drängen und die Eskalation von Konflikten nicht auch noch mit der Ausgrenzung des Vaters aus der gemeinsamen Sorge zu belohnen. Dabei gingen Richter
„pragmatisch vor und lassen sich immer weniger von traditionellen Familienbildern leiten. Die Zeit, da der Mutterbonus den Kampf ums Kind entschied, geht zu Ende“.
Das ist sicherlich idealisierend und regions- oder gar richterabhängig. Gleichwohl gibt es offenbar Ansätze einer echten Zivilisierung des Elternrechts, angesichts derer Artikel wie der von Gunnar Schupelius in der BZ irgendwann nur noch als das gesehen werden, was sie eh schon sind: als reaktionäre Hetzartikel, die längst aus der Zeit gefallen sind.

Zum Thema passt auch ein Artikel aus dem Magazin der Süddeutschen Zeitung vom 30. Mai, Wer hat Angst vor diesem Mann? Ein Bericht über die Schwierigkeiten von männlichen Kindergärtnern und den pauschalen Missbrauch-Verdächtigungen, denen sie ausgesetzt seien.
 
Natürlich: Dass ein solches pauschales Misstrauen nicht einfach so entstanden ist, dass es mindestens ebenso sehr auf Berichte über Missbrauchsfälle wie auf männerfeindliche Klischees zurückgeht, die in solchen Artikeln wie den oben zitierten zelebriert werden – das erwähnt der Autor Max Fellmann nicht. Er bestätigt aber auch nebenbei und in großer Selbstverständlichkeit, dass
„ganze Regale voll pädagogischer Fachliteratur (belegen), wie wichtig es ist, dass die frühkindliche Erziehung sowohl von Frauen als auch von Männern übernommen wird.“
Wenn er zudem feststellt, es ginge „letztlich um eine ganze Gesellschaft, die ein Problem hat“ – dann meint er in diesem Fall damit nicht Missbrauchsfälle, sondern den Pauschalverdacht gegenüber Männern.

Ganz milde gestimmt bedankte sich dann auch Nivea bei den Vätern.  Nachdem der Weihnachtswerbespot von Nivea die alleinerziehende Mutterschaft idealisiert hatte, in der Nachfolge zu einem Muttertagsspot, ist jetzt plötzlich irgendwoher ein Vater aufgetaucht. Es sei, so Nivea heute, von Beginn an geplant gewesen, „die Bindung des Kindes zu diversen Familienmitgliedern“  in verschiedenen Spots zu feiern, und nun seien eben die Väter an der Reihe. Warum Mutter und Oma zuvor nur in Abwesenheit des Vaters zu feiern waren, verrät Nivea nicht.

Der linkische Onkel, der statt des Vaters im Weihnachtsspot aufgetreten war, war übrigens für die polnische Version zum echten Vater geworden. Nivea dazu:
„Angesichts der ‚Groß-Familienstrukturen‘ in Polen erfolgte dann die Umdeutung des Onkels in den Vater.“
Wer könnte daran zweifeln: Schließlich hat der Onkel in Großfamilienstrukturen traditionell keinen Platz, während er bekanntlich in deutschen Kleinfamilien fast überall eine tragende Rolle spielt. Dass das Ideal der alleinerziehenden Mutterschaft in Polen schon aufgrund der deutlich geringeren Sozialleistungen wesentlich weniger Überzeugungskraft besitzt als in Deutschland, war dabei sicherlich unwichtig. Das gilt auch für die Einschätzung, dass die meisten Polen wahrscheinlich amüsiert-irritiert eine Werbung für recht verrückt gehalten hätten, die ihnen die Abwesenheit des Vaters als familiäres Ideal verkauft und ihnen nebenbei noch Hautcremes andrehen möchte.

Der „Danke Papa“-Spot  ist denn auch deutlich ironisierender als die Spots zuvor, der Vater erscheint in der Augen des Kindes als Meisterkoch, weil er Milch in Cornflakes schütten kann, und ist ansonsten die meiste Zeit damit beschäftigt zu schlafen – Kindessorge ist eben eine erhebliche Anforderung, wenn man ein Mann ist. Vermutlich gibt es keinen Vater, der einen solchen Spot braucht.
 
Gleichwohl ist auch dieser Spot in meinen Augen ein sehr gutes Zeichen: Er zeigt schließlich nicht nur, dass Proteste sich lohnen – sondern auch, dass öffentlich zelebrierte Männerfeindlichkeit in den Augen von Investoren mittlerweile mehr Nachteile als Vorteile hat.

Ich bin mir aber auch ganz sicher: Es lohnt sich nicht, darauf zu warten, dass diese Einsicht auch irgendwann einmal Betonschädel wie Juliane Leopold, Jenniver Valenti oder Laurie Penny erreicht.



Einige längere Zitate aus Pennys Artikel habe ich im Text direkt ins Deutsche übersetzt, hier sind die englischen Originale:
 
(1) (...) then you are part of the problem. You may not have pulled the trigger. You may not have raised your hand to a woman in your life. But you are part of the problem.

(2) (...) by a young man barely out of childhood himself who had been seduced into a disturbing cult of woman-hatred. Elliot Rodger was a victim - but not for the reasons he believed.
 
(3) (...) is the first confirmed incident of an incident of gross and bloody violence directly linked to the culture of ‘Men’s Rights’ activism and Pickup Artist (PUA) ideology, an ideology that preys on lost, angry men, then it cannot be ignored or dismissed any more.

(4) Who are these people? Where do they live? And the unspoken fear: do I know them? Might I have met some of them, drunk with them?