Sonntag, 26. Oktober 2014

Kinderbetreuung als Befreiung? Warum Kinder eine "moderne Familienpolitik" nicht stören sollen

„Wie viel Betreuung braucht ein Kind?“, fragte Christian Schmidt vor einigen Tagen. Bei mir hat die Antwort ein paar Tage gedauert, unter anderem übrigens deshalb, weil ich zwischendurch unser Kind betreut habe.

Ein Zweck der Frage ist wohl, eine realistische Einschätzung dessen zu bekommen, wie viel eigentlich von einer Mutter in welchem Kindesalter erwartet werden kann – ob und wann von ihr vor allem verlangt werden kann, neben der Kinderbetreuung einer Erwerbstätigkeit nachzugehen.
 
 „Wieviel Service braucht mein Wäschetrockner? Wieviel Auslauf braucht mein Dackel? Wieviel Betreuung braucht mein Kind?“,
ergänzt einer der Kommentatoren ironisch und interpretiert damit Christians Frage betont technisch – als ginge es eigentlich nur darum, mit wie viel Wartungsaufwand bei einem Kind gerechnet werden müsse und wie viel Zeit noch für anderes übrig bleibe.

In diesem Sinne wären die meisten Probleme gelöst, wenn es gelänge, selbstreinigende, pannensichere Kinder zu entwickeln, die zuverlässig mit geringer Kraftstoffzufuhr auskommen. Das klingt womöglich absurd, aber kein Ideal ist so absurd, dass es nicht irgendwo in pädagogischen Vorstellungen schon ernsthaft vertreten worden wäre – Kinder soll man sehen, aber nicht hören. Kinder sollen da sein, aber nicht stören.

Für einen etwas humaneren Umgang reicht es offenbar nicht, allein auf die Frage konzentriert zu sein, wie groß der Zeitwand der kindlichen Wartung ist. Worum aber geht es dann noch?

Dienstag, 21. Oktober 2014

Die Gewalt der vierten Gewalt (Ein Rückblick auf den September)

Der Monat Oktober begann bekanntlich erschüttend: Vor lauter Amazongate hätte ich fast vergessen, dass wir ja schon im Monat September von einem großen Ereignis zum nächsten gestolpert waren, die hier rechtmäßigerweise in dem traditionellen Monatsrückblick hätten festgehalten werden müssen.
„Es geht an diesem Abend um Inhalte, Lösungen, um eine akute Gefahr im Land: Die Frauenlobby. Stark und autoritär sei sie. Organisierte Frauennetzwerke dominieren demnach Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in Deutschland. Es ist so schlimm, etwas müsse dagegen getan werden. Bei Ingwertee und Cola kennt die Liste, was alles in der Bundesrepublik so schief laufe, kein Ende (…)“
So der Tagesspiegel über eine Gruppe von Berliner „Nicht-Feministen“. Bloß weil einige Fakten in dem Artikel nicht völlig akkurat waren und der Interviewer Mohamed Amjahid ihnen Sätze in den Mund gelegt hatte, die sie bei Licht besehen gar nicht gesagt hatten, waren die Mitglieder der kleinen Gruppe von „Nicht-Feministen“ über ihre Darstellung in der großen, seriösen Berliner Tageszeitung nicht rundum zufrieden (ausführlich dazu der Autor Gunnar Kunz).
Eigentlich ist es gar nicht nötig, Lärm zu machen, Kommentare zu schreiben, bei Debatten dabei sein zu wollen. Den Verständigen ist ohnehin immer schon klar, was richtig und was falsch ist.
Das war ein wiederkehrendes Thema in diesem vergangenen September, das auch im Oktober wichtig blieb: Wie stellt die Presse Menschen dar, die an Geschlechterdebatten ohne die Selbstverpflichtung auf gewohnte Deutungsmuster – „Patriarchat“, Männerherrschaft, Frauenunterdrückung – teilnehmen möchten? Für Männerrechtler, Feminismuskritiker, Väterrechtler, MHRAs (Men’s Human Rights Activists) gibt es dabei vorerst drei erlaubte Kategorien: Sie sind lächerlich, sie sind bedrohlich, oder sie sind beides.

Sonntag, 12. Oktober 2014

Hass und Zensur

„Nachdem die Journalistin Anne Wizorek Anfang 2013 unter dem Twitter-Hashtag #aufschrei zur Veröffentlichung sexistischer Alltagserfahrungen aufrief, hatte man den Eindruck, dass unter dem Label auf jeden Erfahrungsbericht eine Hassbotschaft kam. Bis heute schreiben User Tweets wie ‚Ich verspreche euch, liebe Femis, dass das noch Jahre hier so weitergehen wird’.“
Das hätte ich natürlich nicht gedacht: Dass ich hier noch einmal aus dem Weser Kurier zitieren würde, der etwas langweiligen, semi-seriösen Zeitung meiner Heimatstadt. Maximilian Haase schreibt dort über den „Hass-Reflex“, also über automatisierte, hasserfüllte, sexistische Reaktionen, mit denen Frauen nach seiner Darstellung konfrontiert werden, wenn sie sich im Internet selbstbewusst äußern.
 
„hatte man den Eindruck“: Welcher man hier gemeint ist, ob der Eindruck stimmte, wodurch genau dieser Eindruck hervorgerufen wurde, ob die einfache Gegenüberstellung Erfahrungeberichte versus Hassbotschaften so wirklich stimmt – das lässt Haase hier geschickt und spannungsreich im Dunkeln. Dafür liefert er dann auch effektvoll genau einen einzigen Satz als Beleg.

Diese Satz allerdings stammt unglücklicherweise von einem User auf Twitter, der überhaupt keine  Hassbotschaften, Beschimpfungen, Gewaltandrohungen oder ähnliches verbreitet und sich immer wieder klar von solcher Herzrede distanziert. Stattdessen kritisierte er, der hier als Paradebeispiel eines männlichen Haters verkauft wird, zum Beispiel offen die (Ex-)Piratin Julia Schramm, als sie launig die Opfer der Bombardierung Dresdens als „Kartoffelbrei“ verhöhnte. An Anne Wizorek wandte er sich so:
„Wie würde denn LEGITIMER, AKZEPTABLER Widerspruch aussehen? Ernsthafte Frage“
Denn darum geht es hier – um Widerspruch, nicht um Hass. Darum, Positionen zu formulieren, die weder Frauen noch Männer pauschal als Opfer oder Täter darstellen. Der zitierte Satz drückt, anders als der Bremer Qualitätsjournalist das gezielt suggeriert, nicht aus, dass Frauen weiter und weiter mit Hass zu kämpfen haben – sondern dass Positionen nicht ohne Widerspruch bleiben, die Männer generell als Täter und Herrscher denunzieren. Eben diese männerfeindlichen Positionen übrigens werden bei Twitter häufig ausgesprochen hasserfüllt formuliert.
Wichtige Frage welche von heutiger Sitzung bedacht wird: Wie lange mochte uns das Denken wohl noch erlaubt bleiben? (Der Denker-Club, Karikatur von 1819 anlässlich der Karlsbader Beschlüsse)
Der Bericht in der Bremer Provinz wäre nicht weiter wichtig, wenn er nicht einem weit verbreiteten Tenor folgen würde. Dabei ist das Thema trotz der unernsten journalistischen Darstellung ernst. Tatsächlich gibt es im Internet ja Gewaltandrohungen, Beschimpfungen, massive Grenzüberschreitungen – und es gibt Männer im Netz, die solche Äußerungen gezielt gegen Frauen richten.

Es wäre also eigentlich wichtig, dass sich die  zivileren Nutzer, gleich welcher Meinung sie sind, auf eine gemeinsame Ablehnung solchen Verhaltens verständigen, gleich gegen wen es gerichtet ist. Statt dessen tun Haase und viele andere genau das Gegenteil: Sie verwischen gezielt Grenzen und stellen Äußerungen als Gewaltandrohungen und Hassreden hin, die damit überhaupt nichts zu tun haben. Welchen Zweck hat das eigentlich?

Dienstag, 7. Oktober 2014

Amazongate! Wie Anne Wizorek einen "Feminismus von heute" inszeniert

Der einst so erschreckende, präsidentenstürzende Watergate-Skandal ist bekanntlich mittlerweile ein wenig heruntergekommen. Erst kürzlich waren wir bei einem „Fappygate“ gelandet und dann bei einem „Dirndlgate“, also bei Aufregungen, die nur noch Eingeweihten verständlich und auch bald darauf vergessen waren. Jetzt aber kommt ein Skandal hinzu, der alles bisher Dagewesene in den Schatten stellt, zumindest für ein, zwei Tage: Amazongate!

Die ironische Bezeichnung stammt aus einem Kommentar zu einem Artikel des Blogs Mein Senf, der sich ebenso wie ein anderer Blog-Artikel schon früh mit dem Skandal auseinandersetzte. Allerdings sind sich die Beteiligten bis heute nicht ganz einig darüber, worin nun eigentlich genau der Skandal besteht – aber dass etwas Empörendes geschehen ist, ist allen Seiten klar.
Ein "Dauersturm an Hass" (Anatol Stefanowitsch, Berliner Linguistik-Professor). Seelenlose "Maskus" erstürmen Anne Wizoreks Amazon-Seite. Es besteht allerdings die entfernte Möglichkeit, dass der erste Eindruck ein wenig trügt.
Was aber ist nun eigentlich passiert?
 
Anne Wizorek, nach ihren eigenen Angaben tätig im „Digital Media Consulting“, Bloggerin, Aufschrei-Initiatorin, schreibt ein Buch: Warum ein Aufschrei nicht reicht. Für einen Feminismus von heute. Das Buch wird in etablierten Medien beflissen beworben: Der Spiegel blickt auf den Aufschrei zurück und bringt bei der Gelegenheit das Buch ins Spiel, Die Zeit veröffentlicht einen als Rezension getarnten Werbetext („Ein Buch mit der Wucht von Der kleine Unterschied"), die taz ebenso, der Stern veröffentlicht ein Interview mit der Autorin, die Frankfurter Rundschau zieht mit einem eigenen Interview nach, wenn auch ein wenig spät.

Ab und zu ein paar etwas kritische Fragen im Stern, ohne weiteres Nachhaken – ansonsten aber sind die Texte so distanzlos und unkritisch, so weit von jedem Versuch einer Analyse des Buchs entfernt, als ob die Werbeabteilung von Wizoreks Verlag sie verfasst hätte. Allein Marlen Hobrack bemüht sich im Freitag um eine eigenständige Position:
„Warum sprechen wir also nicht über weibliche Diskursmacht? Sie sollte uns Mut machen. Und die Augen dafür öffnen, dass unsere Gesellschaft (deren Teil wir Frauen ja sind) eben nicht blind gegenüber Ungerechtigkeiten ist. Doch wir erleben das Gegenteil: Wir schreien, obwohl eine ruhige Debatte vonnöten wäre. Wir stürmen auf scheinbar verschlossene Vorstandstüren zu, obwohl sie längst geöffnet sind. Wir ziehen uns auf die Position wehrloser Opfer zurück, obwohl wir längst zur Selbstermächtigung fähig wären. Und wir sehen Feinde in jenen, die kein geringeres Interesse an Gleichheit (die auch gleiche Pflichten einschließt!) haben, als wir selbst: Männer."
Dass aber der Aufschrei eher ein Medien-Hype als eine echte Graswurzel-Bewegung war, dass Analysen die Legende längst widerlegen, hier hätten zehntausend Frauen über Alltagssexismus berichtet – das spielt im Feuilleton der deutschen Qualitätspresse nirgendwo eine Rolle.

Dann aber geschieht etwas Unerhörtes.

Donnerstag, 2. Oktober 2014

Vom praktischen Wert der Männertränen (Wozu ist Männerhass eigentlich gut? Teil 2)

Möglicherweise klingt es übertrieben, über Männerhass zu schreiben – anstatt über Wut, über Ressentiments, über Vorurteile, also über irgend etwas weniger Dramatisches und Plakatives.
 
Es ist nicht  übertrieben. Und natürlich wollte ich diesen Text auch mit vielen Belegen dafür versehen. Ich habe dann aber so viele gefunden, dass sie den Umfang gesprengt hätten und ich eine Auswahl in eine kleine Materialsammlung ausgelagert habe, die ich gleichzeitig veröffentliche.
 
Natürlich geht es dabei nicht um die Behauptung, dass alle Frauen Männer hassen würden – die wäre ebenso ressentimentgeladen wie die Unterstellung, alle Männer würden Frauen hassen. Und natürlich gibt es auch einen Männerhass von Männern selbst, beispielsweise den Hass auf Homosexuelle. Dass er hier nicht das Thema ist, leugnet ihn nicht.
 
Ich unterstelle auch nicht, dass alle Feministinnen Männer hassen würden. Allerdings geht es mir darum, dass der Hass offenkundig ein integraler Bestandteil des Feminismus war und ist. Wenn Emma Watson sich in der im ersten Teil zitierten Rede gegen diese Feststellung verwahrt und sich dabei auf eine realitätsferne Lexikondefinition zurückzieht, ist das zu wenig.
Wer dann auch noch flennt, soll sich nicht darüber wundern, dass er für die Badewasserproduktion verwendet wird.
Nach Watson ist es höchste Zeit, dass Menschen aufhören, Feminismus mit Männerhass zu assoziieren. Das Gegenteil ist der Fall. Es ist höchste Zeit, dass seine Vertreterinnen und Vertreter sich ehrlich damit auseinandersetzen, wie bedeutend der Hass in all seiner Destruktivtät und Niedrigkeit für den Feminismus war und ist.
 
Sollte ein humaner Feminismus möglich sein, dann nur auf diesem Weg. Billiger ist er nicht zu haben.

„Hass ist nur da mies, wo er grundlos oder fehlgeleitet ist. (…) Wer den Hass abschaffen will, muss die Gründe zum Hass abschaffen! Wer etwas gegen Männerhass hat, muss gegen die Frauenunterdrückung kämpfen!“
Wer wie Alice Schwarzer hier den miesen und grundlosen Hass vom guten Hass mit guten Gründen unterscheidet, steht dabei vor einem ernstzunehmenden Problem: Wer hasst, hat ohnehin immer das Gefühl, dass der eigene Hass begründet sei. Schließlich gehört es zum Hass, sich dessen Objekt in einer Weise vorzustellen, die ihn legitimiert – als gewalttätig, als schmutzig, verdorben, unmoralisch, als herrschsüchtig, als gefährlich, und natürlich selbst als hasserfüllt.

Gerade die Unterstellung, dass die Objekte des Hasses Herrscher – Weltherrscher, Weltverschwörer, Hegemone – wären, erfüllt dabei eine zentrale Funktion. Wer herrscht, braucht schließlich kein Mitgefühl und keine Rechte, weil er sich ja ohnehin beschaffen kann, was er will. Die Vorstellung des Feindes als Herrscher schließt die eigenen Reihen zum angeblich so dringenden Widerstand zusammen – sie eliminiert Selbstkritik, die ja doch dem Feind in die Hände spielen würde – und sie enthebt die Mitglieder der eigenen Gruppe moralischer Skrupel.

Es gehört daher zum politischen und sozialen Hass traditionell dazu, sich den Feind als Herrscher vorzustellen. Antisemiten fantasieren eine „jüdische Weltverschwörung“, weiße Rassisten eine Zerstörung der „weißen Rasse“ durch die Schwarzen, Fremdenfeinde sind fixiert auf die Idee der Überfremdung des eigenen Landes, Nationalisten und Kriegstreiber sind davon überzeugt, dass die feindliche Nation die eigene zumindest unterjochen, wahrscheinlich aber zerstören will.

Hass lässt sich also eben nicht durch die Idee legitimieren, dass die Objekte dieses Hasses Herrscher und Unterdrücker wären: Diese Vorstellung ist nämlich selbst traditionell ein wesentliches Element des politischen Hasses.

Fantasien der Entseuchung (Wozu ist Männerhass eigentlich gut? - Kleine Materialsammlung)

 
„Ich fühle, was ich fühle: Männerhass, diese unbeständige Mischung aus Mitleid, Verachtung. Ekel, Neid, Entfremdung, Furcht und Wut auf Männer … für die Männer, mit denen Frauen ihr Leben teilen – Ehemänner, Liebhaber, Freunde, Väter, Brüder, Söhne, Arbeitskollegen.“ (Judith Levine, Autorin und politische Aktivistin) (1)
Mit dem Hass, den Levine hier beschreibt, steht sie nicht allein. Bei einer Sammlung von entsprechenden Zitaten ist es schwer, die Menge der Zitate zu begrenzen – Zitate zu finden ist hingegen leicht.
 
Dieser Text ist eine Premiere. Bei der Vorbereitung des Textes über Männerhass bin ich auf so viele Belege gestoßen, dass ich das Vorhaben aufgab, sie im Text selbst einzubauen. Stattdessen liste ich sie hier auf, als kommentierte Materialsammlung, die sich auf den deutschen und englischen Sprachraum beschränkt. Auch mit dieser Einschränkung wären deutlich mehr Zitate möglich gewesen.
Es lässt sich heute nicht mehr völlig nachvollziehen, wie eigentlich der Eindruck entstanden sind, öffentliche Darstellungen von Männern seien manchmal erheblich verzerrt.
Zum ersten Mal veröffentliche ich damit zwei Texte gleichzeitig, zwei aufeinander bezogene Texte. Besonders interessant war für mich bei dieser kleinen Materialauswahl, dass die Zitate nicht von Internet-Trollen stammen, sondern fast ausschließlich von Frauen, die in staatlichen, akademischen oder politischen Institutionen sehr gut etabliert waren oder sind.