Montag, 21. Juli 2014

Wie ich noch einmal versuchte, die SPD in ein Bürgergespräch zu verwickeln

„So erfreulich die in den letzten Jahren entstandene maskulistische Bloggerszene ist, so bedauerlich ist es zugleich, wie sehr sich die meisten von uns noch darauf beschränken, innerhalb der eigenen Filterbubble zu lamentieren, zu analysieren, zu kommentieren und zu diskutieren. Zahllose Blogposts und endlos lange Kommentarspalten helfen uns aber nur begrenzt. Allmählich wären Beiträge dringend geboten, die Aktionen initiieren, um die Positionen und Argumente der Männerbewegung so vielen Leuten wie möglich bekannt machen.“
Soweit Arne Hoffmann in seinem Interview bei MANNdat, das vor einigen Tagen veröffentlicht wurde.  Er erwähnt dann auch gleich eine Seite, die – auf Gene Sharp zurückgehend – 198 Methoden des gewaltlosen politischen Engagements auflistet.
Ein SPD-Wahlplakat von 1919. Heute müsste jemand, der so etwas fordert, mit Nazi-Vorwürfen aus der Partei rechnen..
Kurz darauf machte auf LoMis Blog Offene Flanke anlässlich des Textes Politischer werden – Wie kann das gelingen? der Kommentator Bombe 20 einen Vorschlag, der geeignet sein kann, zumindest eine kleine Brücke zwischen dem Internet-Engagement und politischen Strukturen außerhalb des Internets zu bauen:
„Jeder formuliert eine nicht zu lange Mail (höchstens so 50 Zeilen, Links höchstens als zusätzliche Quellenangabe) zu seinem Lieblingsthema, nimmt sich die Fraktionslisten von Land- oder Bundestag (oder gezielt die von Ausschüssen) und fängt unten an. Jeden Tag eine Mail, rotierend durch die Fraktionen. Fleißige passen den Text noch für jede Fraktion leicht an.  
Und wenn man anfängt, mehrmals die gleiche Standardantwort zu bekommen, weiß man, daß es Zeit ist, das Thema zu wechseln.  
Das letzte Mal habe ich das in großem Stil Ende 2012 anläßlich der ‚Beschneidungs‘diskussion gemacht. Nicht, daß ich glaube, irgendetwas geändert zu haben, aber man bekommt genug Antworten, um einen weiter zu motivieren.“
Das hätte nicht nur den Vorteil, auf sich aufmerksam zu machen – sondern auch den, herauszufinden, ob es überhaupt irgendwo Ansprechpartner für uns gibt. Im schon zitierten Interview stellt Arne Hoffmann das so dar:
„Wenn ich die furchtbarsten Blindgänger einer politischen Strömung zitieren will, finde ich dabei immer haarsträubenden Unfug. Das gilt auch für den Maskulismus. Statt sich an solchen Menschen abzuarbeiten, wäre es sinnvoller, jene Leute in der Linken zu finden und zu erreichen, die für uns geeignete Ansprechpartner sind.“
Wenn es solche Leute den überhaupt gibt. Da ich ursprünglich – und sogar über eine schon mehrere Generationen lange Familientradition – aus der Sozialdemokratie stamme, liegt es für mich natürlich nahe, es dort zu versuchen. Es gibt ja auch gerade einen sehr aktuellen Anlass. Also:

Mittwoch, 16. Juli 2014

Von Versteinerungen und der Angst vorm Tanzen - Zu Robert Claus' "Maskulismus"

Robert Claus‘ Text Maskulismus. Antifeminismus zwischen vermeintlicher Salonfähigkeit und unverhohlenem Frauenhass, den er gerade für die SPD-nahe Friedrich Ebert Stiftung veröffentlicht hat, ist ein Kunstwerk. Wie in vielen literarischen Werken ist auch hier der ganze Inhalt eigentlich schon in den ersten Zeilen enthalten – so dass der aufmerksame Leser sich den Rest eigentlich sparen könnte.
 
Ich habe trotzdem alles gelesen.
 
Leider nur zweite Wahl bei der Suche nach einem Umschlagtitel für Robert Claus' Maskulismus. Antifeminismus zwischen vermeintlicher Salonfähigkeit und unverhohlenem Frauenhass. Gezeigt wird vermutlich ein Bild des Autors, der geistesgegenwärtig und unerschrocken in eine geschlechterpolitische Debatte mit sog. "Männerrechtlern" (im Hintergrund) eingreift.
 
„Mit dem ‚Maskulismus‘ trat in den vergangenen Jahren ein ebenso widersprüchlicher wie gefährlicher Akteur in die geschlechterpolitische Diskussion. Teile der sich formierenden Bewegung schrecken nicht davor zurück, Adresslisten anonymer Frauenhäuser zu veröffentlichen oder die Morde des Anders Behring Breivik in Norwegen als widerständige Tat ‚gegen Feminismus und ‚Multikulti’ zu preisen. Zugleich versuchen sie, Werte wie ‚Gleichberechtigung‘ und ‚Geschlechtergerechtigkeit‘ für sich als ‚männliche Opfer‘ zu beanspruchen.“ (S. 13)
So beginnt die Schrift. Nachdem wir schon durch den Titel auf „Frauenhass“ vorbereitet wurden und verstanden haben, dass jeder Anschein von Salonfähigkeit der Maskulisten nur trügerisch sein kann, wissen wir nun auch um die Gefährlichkeit des Untersuchungsgegenstandes. Für die Behauptung, dass die Adressen von Frauenhäusern veröffentlicht wurden, könnte der Autor sogar Belege liefern, wenn er nur nach ihnen gesucht hätte.

Wenn er jedoch durch die Anführungszeichen den Eindruck erweckt, seine Behauptung der Maskulisten-Sympathie für den Massenmörder Breivik durch ein direktes Zitat zu stützen, bleibt einiges offen – wen er hier zitiert, und von wo, und ob er hier überhaupt zitiert, lässt er im Dunkeln.
 
Für eine wissenschaftliche oder journalistische Arbeit wäre das angesichts der schweren Beschuldigung natürlich desaströs, in einem literarischen Werk aber ist diese bewusst gesetzte Leerstelle geschickt eingesetztes Instrument des Spannungsaufbaus.

Wenn der Autor dann davon spricht, dass „sie“ versuchen, Gleichberechtigung (in Anführungszeichen) auch für sich als männliche Opfer (in Anführungszeichen) zu beanspruchen, dann kann sich dieses „sie“ schon grammatikalisch allein auf die „Teile“ der „Bewegung“ beziehen, die auch Breiviks Massenmorde begrüßen. Und damit ist die wesentliche These des Textes denn auch schon formuliert, das wesentliche Motiv etabliert, um das die folgenden Seiten dann kreisen und das wieder und wieder variiert wird:
 
Wer tatsächlich von männlichen Opfern redet und Gleichberechtigung (bitte die Anführungszeichen jeweils unbedingt mitdenken) tatsächlich für alle Menschen fordert, der findet es auch toll, wenn ein rechtsradikaler Killer 77 Menschen ermordet und die meisten der Ermordeten Jugendliche sind.

Bei einem solch schrecklichen Verbrechen verbietet sich natürlich die allzu unbeeindruckte Frage, worin denn nun eigentlich genau der Zusammenhang zwischen Forderungen nach Gleichberechtigung und der Sympathie für einen Massenmord an Jugendlichen besteht. Auch die FES fragt dies natürlich nicht, die parteinahe SPD-Stiftung, die übrigens – anders als der Begriff „Stiftung“ es eben nahelegt – nicht mit privatem Geld, sondern mit Steuergeldern arbeitet.
 
Stattdessen veröffentlicht sie Claus‘ Text als wissenschaftliche Arbeit im „Forum Politik und Gesellschaft“ und verdirbt damit jedes Lesevergnügen – denn wenn der Text nicht als literarisches, souverän die Klischees von Geschlechterdebatten persiflierendes Kunstwerk, sondern als ernstzunehmende Studie gelesen wird, ist er erstaunlich skrupellos, unseriös und unerträglich.
 
Aber ich habe ihn ja, wie schon erwähnt, trotzdem gelesen – und fand ihn am Ende dann doch wieder sehr interessant. Aber wohl auf eine Weise, die sein Autor nicht beabsichtigt hat.

Freitag, 11. Juli 2014

Wie bedeutsam ist Alice S.?

- Gastbeitrag von Johannes Meiners -


Meine Replik bezieht sich auf diesen Post von Arne Hoffmann, den er am 04. Juli in seinem Blog „Genderama“ veröffentlichte:
Journalist geschockt über "Gender-Apokalypse": Alice Schwarzer zählt nicht mehr zu Deutschlands 50 "besten Frauen"
Fast hätte ich mir gestern Abend die ZDF-Sendung über Deutschlands "beste Frauen" angeschaut, nur um zu sehen, wie weit Alice Schwarzer inzwischen abgestürzt ist. Früher gehörte sie in dieser und anderen Hitparaden aufgrund geschickter PR und massiver medialer Unterstützung zu den Führenden. Erfreulicherweise bleibt einem eine Show mit Johannes B. Kerner aber erspart, weil man sich darauf verlassen kann, dass unsere Presse sowieso ganz aufgebracht über Schwarzers Abstieg berichten wird: Das ZDF hatte Schwarzer zwar in seiner Vorselektion zur Wahl gestellt, das Publikum aber hatte der Radikalfeministin die kalte Schulter gezeigt – auf einer Rangliste, auf die es sogar Claudia Roth geschafft hatte.   
Die Osnabrücker Zeitung versucht nun aus dieser Entscheidung allen Ernstes einen Skandal für das ZDF zu drehen. Dort ist ein junger Mann namens Daniel Benedict angefressen ohne Ende darüber, dass das restliche Publikum Alice Schwarzer nicht einmal annähernd so sehr verehrt wie er selbst, sieht das "ZDF blamiert" und polemisiert gegen den "Alte-Säcke-Tonfall" der Sendung:  
"Deutschlands Beste!" im ZDF: Nach Johannes B. Kerners kuriosem Ranking der bedeutendsten Männer folgte mit der Frauen-Show die Gender-Apokalypse. Alice Schwarzer ist nicht in den Top 50 – der Lilalaune-Moderator merkt es nicht mal.   
Alice Schwarzer polarisiert, sie hat zuletzt auch Autorität verspielt. Dass sie zu den prägendsten Frauen Deutschlands zählt, ist trotzdem völlig unbestreitbar. In den angeblich repräsentativen Umfragen, auf denen die ZDF-Show "Deutschlands Beste! Frauen" basiert, hat sie es aber nicht einmal in die Top 50 geschafft. Dort tummeln sich stattdessen die Komikerinnen Annette Frier und Martina Hill, einige Dutzend Olympiasiegerinnen und vollzählig die öffentlich-rechtlichen Nachrichtenfrauen.   
Dem ZDF zufolge finden die Deutschen Helene Fischer (Platz 5) und Andrea Berg also bedeutender als das Gesicht der Frauenbewegung. Das ist so unglaublich, dass Kerner den ganzen Abend lang sein Umfrageverfahren hätte rechtfertigen müssen. Leider hat er die Lücke gar nicht bemerkt. Der Totalausfall passt allerdings gut in eine Show, in der Alice Schwarzer auch inhaltlich nichts verloren gehabt hätte.  
Hier geht es weiter.   
Man muss sich die Seelenqual dieses jungen Mannes einmal vor Augen führen: So ungefähr hätte sich vermutlich ein Journalist des "Neuen Deutschland" geführt, wenn eine TV-Sendung kurz nach dem Ende der DDR über die beliebtesten Politiker des Landes abgestimmt hätte – und es wäre kein einziger Kopf der SED dabei gewesen. Ja sind die Leute denn noch zu retten?! Da baut man jahrzehntelang eine Ideologie auf, mit Führerkult und allem drum und dran, und bei der erstbesten Gelegenheit drehen sie einem den Rücken zu? Wer hat solche Abstimmungen überhaupt erlaubt? Und warum wird diese Ansicht der Bevölkerung nicht angemessen betrauert? Die Leute sind doch für solche Spitzenrankings vorgesehen, da kann das blöde Volk doch nicht einfach anders entscheiden!   
Alice Schwarzers Jubelperser haben in dieser von erschreckendem Antifeminismus geprägten Zeit noch einige düstere Tage vor sich – wenn sie nicht schnell jemand Neues finden, dem sie huldigen können. Vielleicht fangen sie aber auch einfach noch mal von vorne an, uns allen zu erklären, warum Alice Schwarzer ganz, ganz toll und für uns alle ganz furchtbar wichtig ist.
Zwei Vorbemerkungen meinerseits, lieber Arne, liebe Leser dieser Zeilen:
 
1.) Solche Sendungen wie eine öffentlich-rechtliche, politisch hyperkorrekte Gala für die „50 besten Frauen Deutschlands“ sind in der Regel der letzte Murks und das ZDF wurde ja durch die Art der Darstellung, erst nur Männer, dann n u r Frauen dazu gezwungen, den Frauen „50:50“ der Aufmerksamkeit zukommen zu lassen – oder zwangen sich selbst dazu.
 
Als reflektierender Beobachter merkt man dann noch mal, wie wenig Frauen ernsthaft etwas fürs Land leisteten, wovon viele etwas haben, dauerhaft und altruistisch – abgesehen von den Geburten. Aber Hebammen wurden keine geehrt, Putzfrauen übrigens auch nicht – ebenso wenig Angela Merkel, die mit Abstand mächtigste Frau, die es in unserer Gesellschaft – und weltweit – wohl überhaupt je gab.
Wer war denn gleich noch A. Schwarzer? Zumindest beim Düsseldorfer Karneval war in diesem Jahr noch klar, dass sie bedeutend ist. Quelle Citanova Düsseldorf
2.) Ich finde es super, dass du, Arne, die Neue Osnabrücker Zeitung (NOZ), meine Heimatzeitung mit fast einer halben Millionen täglichen Lesern, auch im Blick hast!

Wo ich aber a n d e r e r Meinung bin, ist:

Alice S. i s t tatsächlich sehr bedeutend!

Sonntag, 6. Juli 2014

Warren Farrells Top Ten und die Champions League des Sexismus (Monatsrückblick Juni 2014)

Natürlich musste die Formulierung mit einem Fragezeichen versehen werden:
„Eine internationale Konferenz über die Rechte von Männern?“ (An international conference on men’s rights?)
Unter diesem Titel berichtete der amerikanische Sender msnbc über die Konferenz, die am Ende des Monats in Detroit stattfand – die erste International Men's Issues Conference.
 
Aber Rechte? Welche spezifischen Rechte brauchen denn Männer?

Die msnbc-Sendung ist ein Beispiel dafür, mit welchem Befremden das Thema Männerrechte noch immer in Mainstream-Medien wahrgenommen wird. „Mansplaining“ stand als Untertitel fast die gesamte Zeit unter dem Bericht und dem folgenden Gespräch, als ob das ein neutraler, unverfänglicher Begriff wäre.
 
Zwei Frauen, Alex Wagner als Moderatorin und die feministische Komödiantin Lizz Winstead als Gast, debattierten aufgeregt über die Konferenz, räumten vorsichtig und beiläufig ein, dass manche Themen ja ganz interessant hätten sein können, dass insgesamt aber die Beteiligten natürlich weit über das Ziel hinausgeschossen hätten.

„Nicht ganz ohne Komik“, kommentiert Arne Hoffmann  die Szene, die deutlich macht, wie extrem unterschiedlich die Sensibilitäten im Hinblick auf spezifische Frauen- und spezifische Männerthemen sind: Noch jedem gedankenlosen, klischeebesoffen Redakteur wäre klar, dass es recht lächerlich aussähe, wenn zwei Männer sich aufgeregt und von oben herab über eine Konferenz zu Frauenthemen ausließen und wieder und wieder engstirnige Bewertungen der beteiligten Referentinnen abgäben.
 
Wagner und Winstead aber haben ganz offenkundig überhaupt keinen Sinn dafür, wie nahe an der Lächerlichkeit ihr Arrangement gebaut ist, in dem sie sich über Männerrechte (?) erregen. Auch für sie sind Geschlechterthemen selbstverständlich Frauenthemen – und, ganz wichtig: Man spricht über Männerrechtler, aber nicht mit ihnen.
Männerrechtler reden über die große Bedeutung beider Eltern für Kinder - über Kommunikation zwischen Männern und Frauen - über die notwendige psychologische Betreuung für Soldaten - über die sehr hohe Zahl der Jungenselbstmorde.
Wir hingegen reden übers Ficken."
Geschlechterbewusste junge Menschen demonstrieren in Dallas gewohnt herrschaftskritisch gegen die Konferenz zu Problemen von Männern und Jungen.
Das aber war nur eine von vielen Reaktionen. Der konservative Sender FOX berichtete durchaus angetan von der Konferenz und machte deutlich, wie unangemessen die Vorwürfe, die harten Proteste und Drohungen dagegen waren.  Die große amerikanische Tageszeitung USA Today schrieb sogar:
„Doch obwohl die spezifischen Themen interessant waren, war doch der Aspekt der Veranstaltung, der mich am meisten berührte, der greifbare Mangel an aller Anspannung zwischen den Geschlechtern. Männer und Frauen auf dieser Konferenz zogen offenkundig an einem Strang, gehörten zum selben Team – und das auf eine Weise, die in diesen Zeiten der Geschlechtertrennung beinahe überraschend ist." (1)
Das war eben gerade der Akkord, mit dem der wohl profilierteste Redner der ganzen Veranstaltung seine Rede beendete: Warren Farrell sagte vor dem herzlichen, begeisterten Schlussapplaus zu seinem Beitrag:
„Wir brauchen keine Frauenbewegung, die Männer beschuldigt – wir brauchen keine Männerbewegung, die entweder furchtsam agiert oder Frauen beschuldigt (…) Dies ist nicht die Zeit für eine Männerrechtsbewegung oder eine Frauenrechtsbewegung, sondern für eine Bewegung zur Liberalisierung der Geschlechterrollen (gender liberation movement), weg von den rigiden Rollen der Vergangenheit hin zu flexibleren in der Zukunft.“ (2)
Auch das Erstaunen solcher Kommentatorinnen wie Wagner und Winnfield angesichts der Rede von Männerrechten (?) nahm Farrell schon vorweg: Wenn Männer ohnehin als Herrscher gelten würden, dann sei jemand, der für Männerrechte eintritt, wie jemand, der für die Bürgerrechte von Königen kämpft. „It‘s like asking for kings‘ rights.“ (1:44)

Zehn wesentliche Themen, seine „Top Ten“ skizziert Farrell in seiner Rede – und diese Skizze eignet sich sehr gut dafür, die Themen des vergangenen Monats noch einmal zu betrachten.