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Freitag, 26. Juni 2015

Wozu braucht man in der Schule eigentlich einen Körper?

Zur seltsamen Debatte um die Abschaffung der Bundesjugendspiele
 
So begann es vor einer Woche bei Twitter. Christine Finke, eine Journalistin und Mutter und zugleich eine Bloggerin unter dem Namen Mama arbeitet, stellte bei change.org tatsächlich diese Petition ein – und hat damit heute schon 15.000 Unterschriften für die Abschaffung der Bundesjugendspiele gesammelt.
„Für viele weniger sportliche Schüler (...) bedeuten diese Spiele eine alljährlich wiederkehrende öffentliche Demütigung.“
So begründet sie ihre Forderung, mit der sie auch in den Medien ungeheuren Erfolg hat. Die Tagesschau berichtet darüber, die Zeitung Die Welt, der Bayrische Rundfunk und natürlich die Bild-Zeitung. Der Spiegel schreibt gleich mehrere Male über die Petition, in einem bissigen Kommentar über die „Helikoptermutter", vorher in persönlich gehaltenen Erinnerungen („Sogar  Mädchen waren besser als ich“) und im Rahmen eines Interviews mit Finke. In diesem Gespräch kann sie Gegner ihrer Petition dann auch gleich mit Nazis assoziieren, weil das heute eben dazugehört, wenn Menschen es für unmöglich erklären möchten, dass jemand mit guten Gründen eine andere Meinung haben könnte als sie.
Ein wenig Sport ab und zu wäre möglicherweise ja noch ganz in Ordnung, wenn nur der Wettkampfcharakter nicht wäre. #bundesjugendspieleweg
An mir wäre all das möglicherweise weitgehend unbemerkt vorbeigetrieben, wenn mich nicht Robin Urban mit ihrem Text „Schulsport – Ein Hurra auf ein unbeliebtes Fach“ darauf aufmerksam gemacht hätte. Sie kritisiert darin die Petition und tritt für den Schulsport und  für die Bundesjugendspiele ein. Auch wer sich angesichts der Diskussion etwas verwundert fragt, ob wir eigentlich tatsächlich keine anderen Probleme haben, kann in dem Text Argumente finden, die viel über das Lernen in der Schule aussagen – über die seltsame Debatte um die Abschaffung der Bundesjugendspiele hinaus.

Mir gefiel daher Robins Text sehr gut, und das wollte ich auch bei ihr kommentieren – aber dann fielen mir dabei so viele Begebenheiten aus meinem eigenen Schulalltag ein, dass der Kommentar ein wenig zu lang wurde. So ist es passender, diesen Kommentar etwas zu verändern und ihn hier als eigenen Text zu veröffentlichen:

Montag, 22. Juni 2015

Blinde Flecken, beste Absichten

The Walking Dead
Wie die Gender-Pädagogik die autoritäre Pädagogik wieder zum Laufen bringt
Teil 2
 
Über „das kolossale pädagogische und didaktische Potenzial des Themas“ – nämlich Gender – spricht ein Göttinger Lehrer im Interview mit Lotta König, einer der Herausgeberinnen des Heftes Negotiating Gender der Zeitschrift Der fremdsprachliche Unterricht Englisch. Er hat über ein Jahr lang „im abiturvorbereitenden Englischunterricht gender-reflektierende Unterrichtseinheiten“ eingesetzt, stellt aber allgemein fest, dass „’Gender’ als Thema weniger präsent“ sei als noch in den Neunziger Jahren. Im Kerncurriculum und in den Bildungsstandards tauche es gar „als Begriff gar nicht mehr auf“. (alle S. 44)  Es sei gar
„ein Merkmal der Zentralabi-Texte (…), dass sie allesamt von Männern verfasst sind. (…) Das ist ja schlimmer als in den 1970ern – ein Missstand, dem abgeholfen werden muss.“ (S. 45)
Warum Gender an den Schulen kein „Standardthema“ mehr ist, fragt er ebenso wenig wie seine Interviewerin – er deutet lediglich an, dass es an einer ignoranten Schulpolitik liegen könnte. Jedenfalls hat der Gedanke hier keinen Platz, dass das Thema möglicherweise in seiner heute an den Universitäten diskutierten Form eben KEIN kolossales Potenzial für die Schulen haben könnte.
Ein Junge beim Einüben von Inszenierungen einer hegemonialen Männlichkeit.
Dabei bemerkt der Lehrer selbst, dass er mit dem Unterricht Mädchen in weitaus größerem Maße erreicht als Jungen. Die hätten sich deutlich weniger geäußert, und im Vergleich zu den souveränen Mädchen-Äußerungen seien die von Jungen „alle kürzer, bruchstückhafter und weniger differenziert“ gewesen. (44)

Dass das damit zu tun haben könnte, dass die Gender-Pädagogik Mädchen und Frauen deutlich positiver zeichnet als Jungen und Männer – das ist ein naheliegender Gedanke, der hier aber keine Rolle spielt. Stattdessen erklärt der Lehrer sich das Verhalten der Schüler mit ihrer persönlichen Unsicherheit und Sprachlosigkeit, mit der die Schule offenbar überhaupt nichts zu tun hat.
„Ich glaube, dass Jungen in ihrer sexuellen Identität viel unsicherer sind. Es ist für sie ein schwierigeres Thema als für die Mädchen, weil sie dafür weniger Worte haben.“
Dabei sei die schulische Auseinandersetzung mit dem Thema für Jungen möglicherweise noch wichtiger als für Mädchen.
„Weil der Kontrast zwischen emotionaler Wucht dieses Themas und Bedeutsamkeit für ihr Leben und der Fähigkeit, damit verbal oder handelnd umzugehen, größer ist als für Mädchen.“ (44)
Diese Überlegungen wiederholen nicht einfach nur Klischees, etwa das vom männlichen Verhaftetsein an überkommene Rollenbilder – und  der Lehrer fragt sich ernsthaft, was sein Unterricht auch für die Jungen in seiner Klasse bedeuten könnte. Umso auffälliger ist: Selbst wenn ein guter Teil seiner Klasse im Unterricht spürbar verstummt, besteht auch für ihn ganz selbstverständlich kein Anlass zu fragen, ob das nicht auch etwas mit diesem Unterricht selbst zu tun haben könnte.

Das wiederum liegt wohl auch an den blinden Flecken einer Pädagogik, die sich auf „die neueren Konzepte und Erkenntnisse der Genderforschung“ (44) bezieht. Welche Erkenntnisse das sind, verrät der interviewte Lehrer hier nicht – welche blinden Flecken eine Gender-Pädagogik aber insgesamt hat, lässt sich durchaus genau beschreiben:

Mittwoch, 17. Juni 2015

Verhandlungen ohne Verhandlungspartner: "Negotiating Gender" in der Schule

Ich bin vor einiger Zeit einmal gefragt worden, ob ich nicht einmal einen grundsätzlicheren Text zu einer gender-orientierten Pädagogik schreiben wolle. Eine Weile lang fand ich dafür keinen passenden Anfang – bis ich dann vor wenigen Tagen die neueste Ausgabe einer Zeitschrift in die Hand bekam, die eine Standardzeitschrift für den heutigen Englischunterricht ist: Der fremdsprachliche Unterricht Englisch mit seinem Themenheft Negotiating Gender.

Ich habe einen zweiteiligen Text geschrieben. In diesem ersten Teil gehe auf das – angesichts des Themas eigentlich unvertretbare – Desinteresse der Herausgeberinnen für die spezifischen schulischen Nachteile von Jungen ein. Zudem versuche ich an zwei ganz unterschiedlichen Beispielen – dem Film Billy Elliot und zwei Shakespeare-Sonetten – zu zeigen, wie hier gendertheoretische Annahmen einen Tunnelblick begünstigen, bei dem wesentliche Aspekte des Unterrichts ganz ausgeblendet bleiben.

Das mag philologisch interessant sein, hat aber vor allem erhebliche pädagogische Konsequenzen. Mit denen werde ich mich im zweiten Teil noch näher beschäftigen und fragen, ob nicht in der Gender-Pädagogik die klassische autoritäre Schulpädagogik einfach auf neue Weise verkauft wird.
Eine Gender Mainstreaming-Kampagne der Stadt Wien, die im Heft Negotiating Gender besonders lobend hervorgehoben wird. Zu beachten ist unbedingt, dass aus dem Asphalt sofort Blumen hervorsprießen, wenn nur Straßenbauarbeiten erst von Frauen verrichtet werden.
The Walking Dead
Wie die Gender-Pädagogik die autoritäre Pädagogik wieder zum Laufen bringt
Teil 1
„Der Unterricht wird häufig von (radikal)feministischen Lehrerinnen beherrscht, das geht sogar soweit, dass alles, was nicht in deren Ideologie passt, bis in den Keim erstickt wird. Der normale Unterrichtsstoff wird teilweise fast vollständig durch eine feministische Ideologienlehre und geschlechtsspezifische Vorurteile, Lügen und Mythen, die zu Lasten des männlichen Geschlechts und zum Vorteil des Weiblichen sind, ersetzt und werden zur Tatsache erklärt.“
Ganz ehrlich: Das, was hier ein Abiturient bei Agens im Jahr 2013 als Erfahrungsbericht veröffentlich hat, hab ich niemals so recht glauben können.

Nach meiner Erfahrung gibt es an Schulen keine Scharen indoktrinierender feministischer Lehrerinnen – problematisch sind eher die Beschränkungen und blinden Flecken der Diskussionen ÜBER Schule und Unterricht. Als im letzten Jahr beispielsweise der deutsche Schulpreis verliehen wurde, ging er – ausgerechnet in einer Zeit, in der die Jungen an den Schulen seit Langem schon regelrecht wegbrechen – an eine Mädchenschule. Schule lasse sich dann besonders gut gestalten, wenn man sie nur mit Mädchen macht und die Jungen draußen lässt – dass ihre Entscheidung eine solche Botschaft in das Land sandte, war der Schulpreis-Jury offenbar gar nicht aufgefallen.

Ganz ähnlich setzt ein Heft mit dem Titel Negotiating Gender (etwa: Geschlechterrollen verhandeln) an, das gerade in diesem Monat erscheinen ist. Es eignet sich für eine Analyse der blinden Flecken heutiger Schulpädagogik besonders gut: Es ist nämlich nicht als Teil einer Gender Studies-Veröffentlichung erschienen, sondern als Schwerpunktthema einer sehr renommierten Zeitschrift für den allgemeinen Englischunterricht.

Montag, 3. November 2014

Nichts gelernt? Die Sexualpädagogik und die Verbrechen im Odenwald

Was Christoph Freys Fernsehfilm „Die Auserwählten" mit heutigen Debatten um Sexualität und Schule zu tun hat
 
„Was die Kinder wollen, fragt keiner. Bei den Massagen für Zehnjährige, Stichwort ‚Gänsehaut’, genügt laut Anweisung jedenfalls dünne Kleidung, damit der unterschiedliche Druck und die verschiedenen Streichrichtungen auch erspürt werden können. Dabei dürfen verschiedene Massagetechniken angewendet werden, auch ‚vorgezeigt durch die Leitung’. Von außen sollte der Raum nicht einsehbar sein, empfehlen die Autoren.“
So beunruhigt berichtet Antje Schmelcher in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über eine Methode der Sexualpädagogik der Vielfalt, die von der Kasseler Professorin Elisabeth Tuider und anderen entwickelt wurde (im Volltext kann die Methodensammlung hier gelesen werden). Schmelcher: 
„Die sexuelle Aufklärung missachtet Grenzen. Die Politik will es so. Kinderschützer schlagen Alarm.“
Demonstrativ irritiert gibt sich auch Jan Fleischhauer im Spiegel
„Ich ging bislang davon aus, dass Kinder im Aufklärungsunterricht vor allem etwas über Verhütungsmittel lernen, um ungewollte Schwangerschaften zu vermeiden. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass offenbar auch die Einübung in Sexualtechniken, die selbst vielen Erwachsenen fremd sind, zum Unterrichtsstoff gehört."
Alexander von Beyme wiederum kritisiert wiederum Schmelchers Artikel scharf. Sie habe Textpassagen aus dem Zusammenhang gerissen und entstellt. Zur oben zitierten Textstelle schreibt er beispielsweise:
„Die Autorin will den Eindruck erwecken, dass sich hier Kinder gegenseitig stimulieren. Wer die Übung auf Seite 178 nachschlägt, stellt fest, was Schmelcher hier schon wieder unterschlagen hat: Die Kinder berühren sich nicht mit den Händen, sondern streicheln sich mit unterschiedlichen Materialien wie Wolle, Federn, Tennisbälle. Es geht darum, Köperreize wahrzunehmen und hinterher darüber sprechen zu können, was als angenehm oder eher unangenehm empfunden wird.“
Doch auch von Beyme selbst zitiert selektiv und entstellend und legt Schmelcher Formulierungen in den Mund, die nicht von ihr stammen. Sie versuche beispielweise, den Vorstand der Gesellschaft für Sexualpädagogik Uwe Sielert zu diskreditieren, der mit Elisabeth Tuider zusammengearbeitet hat.
„Er wird in die Nähe des verstorbenen Professors Kentler gerückt (‚väterlicher Freund’ Sielerts) , dem posthum eine Verharmlosung von Pädosexualität vorgeworfen wird.“
Kentler hatte beispielweise Jugendliche bei ihm bekannten Päderasten untergebracht. Die Formulierung, er sei „väterlicher Freund“ Sielerts gewesen, kommt in Schmelchers Text allerdings überhaupt nicht vor, sondern stammt aus einer 2009 veröffentlichten Festschrift für Sielert, die unter anderem ausgerechnet von Elisabeth Tuider herausgegeben wurde. Dort hatte diese Formulierung ganz eindeutig nicht den Sinn, Sielert zu diskreditieren.
 
 
Die Diskussion ist auch deswegen festgefahren, weil einige Vertreter beider Seiten mit Vorliebe das wahrnehmen, was in ihr Bild passt. Vor dem Hintergrund aber, den Schmelcher, von Beyme und auch Amendt ansprechen, lässt sich genauer fragen, warum sie eigentlich so aufgeladen ist und so aufgeregt geführt wird. 
 
Denn: Was eigentlich haben eine sich progressiv gebende Sexualpädagogik und die Politik, die sie unterstützt, aus den ungeheuren Skandalen der letzten Jahre und Jahrzehnte gelernt – aus den systematischen und systematisch vertuschten Verbrechen an der Odenwaldschule oder aus den Pädaophilieunterstützung der frühen Grünen? Es lohnt sich ein Blick auf einen Film, den die ARD am 1. Oktober 2014 ausgestrahlt hat und der den sexuellen Missbrauch an der ehemaligen Vorzeige-Reformschule zum Thema hat: Christoph Freys Die Auserwählten.

Freitag, 1. August 2014

Brauchen Schulen Dildos? (und andere Kernfragen einer "Sexualpädagogik der Vielfalt")

„Das erste Mal ein Kondom überziehen, das erste Mal einen Tampon einführen, das erste Mal Analverkehr.“
Darüber sollten, so wunderte sich Christian Weber im April in der Süddeutschen Zeitung, schon Dreizehnjährige in der Schule „als Gedicht, als Bild, als Skulptur, als Theaterstück, als Sketch“ etwas vorstellen. Jedenfalls, wenn es nach dem Standardwerk zu einer Sozialpädagogik der Vielfalt (dort auf S. 151 ff) ginge, das gemeinsam mit anderen die Soziologin Elisabeth Tuider verfasst hat, die an der Universität Kassel das Fachgebiet „Soziologie der Diversität“ leitet.

Die gerade veröffentlichte und global formulierte Solidaritätsadresse der Deutschen Gesellschaft für Soziologie „zu aktuellen Kampagnen der Diskreditierung und Diffamierung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern" bezog sich wohl auch auf die heftige Kritik an Tuiders Position.

Weber überlegt:
„Pflichtgemäß hat man mit dem Kopf genickt, als die Leitartikler die Proteste [gegen den Baden-Württembergischen Bildungsplan, LS] gegeißelt haben. Wenn man aber nachliest, was unter einer ‚Sozialpädagogik der Vielfalt‘ möglicherweise konkret zu verstehen ist, wird einem doch komisch zumute.“
Darunter ist beispielweise ein Fragebogen zu verstehen, der auf einem ironischen „Heterosexual Questionnaire“ aus dem Jahr 1972 basiert und den die Ländle-GEW in ihre Broschüre Lesbische und schwule Lebensweisen. Ein Thema für die Schule  aufgenommen hat (dort auf S. 21).
„Ist es möglich, dass deine Heterosexualität von einer neurotischen Angst vor Menschen des gleichen Geschlechtes kommt?“
Oder:
„Laut Statistik kommen Geschlechtskrankheiten bei Lesben am wenigsten vor. Ist es daher für Frauen wirklich sinnvoll, eine heterosexuelle Lebensweise zu führen und so das Risiko von Geschlechtskrankheiten und Schwangerschaft einzugehen?“
Vielfalt ist natürlich eine schöne Sache, solange nur alle in die gleiche Richtung marschieren.
Über diesen Fragebogen hatte auch schon im April Matthias Mattussek geschäumt und Homosexualität bei dieser Gelegenheit gleich insgesamt als „Fehler der Natur“ hingestellt.  Stefan Niggemeier wiederum hatte Matussek lächerlich gemacht: Er zeigte, dass Matussek die Ironie der Fragen, deren Umkehrung gängiger Klischees über Homosexuelle gar nicht verstanden habe und also mit einem Fragebogen für Siebtklässler überfordert gewesen sei. 

Die heftige Kontroverse, die von den Kommentatoren unter den Texten beider noch heftiger fortgesetzt wurde, ist ein gutes Beispiel für die Gefechtslage, die sich angesichts einer „Sexualpädagogik der Vielfalt“ entwickelt hat. Regelmäßig stehen sich zwei Positionen gegenüber, die eigentlich beide nicht vertretbar sind und von denen aus gerade diejenigen nicht wahrgenommen werden, um die es angeblich geht: die Kinder und Jugendlichen.

Montag, 30. Juni 2014

Von MINT-Girls und gebrauchten Jungen - Der Girls' Day und der Boys' Day

VW ist für ein sehr gutes Programm beim „Zukunftstag für Mädchen und Jungen“ bekannt, und vor einiger Zeit fanden sich in meiner Klasse einige Schüler, die sehr interessiert daran waren. Unglücklicherweise waren alle Interessierten Jungen, und VW bestand darauf, das Programm ausschließlich Mädchen anzubieten. Da unter den Mädchen aber niemand etwas von VW wissen wollte, verfielen die Angebote, und wir mussten den interessierten männlichen Kindern erklären, dass sie für das Angebot leider eine ungünstige Geschlechtszugehörigkeit mitbrächten.

Das ist dann aber auch schon eine meiner wenigen seltsamen Erfahrungen als Lehrer mit dem Girls‘ Day, der an Schulen in Deutschland seit 2001 einmal im Jahr begangen wird – Mädchen haben hier einen Tag schulfrei, um Berufe im MINT-Bereich, also in der Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, kennenzulernen.

In Niedersachsen, wo ich unterrichte, gibt es stattdessen seit einigen Jahren den oben erwähnten Zukunftstag für Mädchen und Jungen“:
„Am Zukunftstag werden getrennte Angebote für Mädchen und Jungen vorgehalten, die es ihnen ermöglichen sollen, Einblicke in verschiedene Berufe zu erhalten, die geeignet sind, das immer noch stark geschlechtsspezifisch geprägte Spektrum möglicher Berufe zu erweitern.“
Das ist fast immer unspektakulär – für viele einfach ein Tag, an dem sie schulfrei haben, an dem sie Eltern oder Onkel oder Tanten in deren Berufe begleiten und bei dem sie selbst nicht so genau wissen, warum sie das nicht ebenso gut in den Ferien erledigen können. 
Pädagogisch eine äußerst fragwürdige Situation, weil hier offenkundig kein Gedanke an die Geschlechtergerechtigkeit des Unterrichtsarrangements verwendet wurde. Beim Girls' Day und Boys' Day gehen Jungen und Mädchen dann endlich in verschiedene Richtungen und arbeiten an ihren jeweiligen Defiziten (Mädchen: Selbstbewusstsein; Jungen: soziale Kompetenzen). Oder so.
Mir erschien der Girls‘ Day lange Zeit als Skurrilität, die sich überlebt hat. Seit 2011 wird sie vom Boys‘ Day begleitet, der wiederum dem Projekt „Neue Wege für Jungs“ entsprang.
Oftmals passen traditionelle Männlichkeitsvorstellungen nicht mehr zu modernen Partnerschafts- und Familienmodellen und zu den Anforderungen des Arbeitsmarkts.“
Das ist die Diagnose, die das Neue-Wege-Projekt in seiner Selbstbeschreibung stellt, und es macht damit auch seine Zielrichtung deutlich: Während es beim Girls‘ Day darum geht, Mädchen zu ermutigen und traditionelles Verhalten zu erweitern, geht es bei Jungen eher darum, „(männliche) Rollenbilder“ in Frage zu stellen.

Hier aber werden die Projekte dann eben doch interessant, weil sie viel darüber aussagen, wie sich die Verantwortlichen Jungen und Mädchen vorstellen – und wie sie sich eine Erziehung vorstellen, bei der die Geschlechtszugehörigkeit im Mittelpunkt steht.

Montag, 10. Februar 2014

Wie man böse Kerle zu netten Jungs umbaut - Progressive Mädchenpädagogik und die "Nice Guys Engine"

Der folgende Text ist ein Beitrag zur Blogparade des Monats Februar, die Geschlechterrollen zum Thema hat. Alle Ähnlichkeiten zu einer Satire sind unbeabsichtigt und ungewollt, aber unglücklicherweise unvermeidbar.
 
Ein Partnertest. Nicht etwa in der Bravo oder auf einer wenig vertrauenswürdigen Internet-Seite, sondern in einem wissenschaftlichen Angebot für Schulen, erstellt in Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Erfurt, Abteilung Sozialwesen, und weithin empfohlen für den Unterricht. Eine Vierzehnjährige überprüft damit gewissenhaft am Computer, ob eigentlich ihr Freund für sie geeignet ist.
 
„Du benimmst dich, wie du wirklich bist, wenn ihr zusammen seid“ klickt sie an, außerdem „Er akzeptiert deine Art zu leben, deine Kultur“ und „Er hört dir zu, wenn du was erzählst“. Was sie allerdings stört, ist, dass er manchmal Bier trinkt („Es sind Alkohol oder Drogen im Spiel“). Sie klickt auf die „Fertig, zum Ergebnis“-Schaltfläche, ein neues Fenster öffnet sich, und sie erfährt:
„Bei diesem Typ…bekommst du bald Schläge.“
Dieser Partnertest gehört zur „Nice Guys Engine“, der Nette-Jungs-Maschine, die seit 2006 als Internetangebot für Schulen verfügbar ist. „Spass oder Gewalt?“ ist die Internet-Plattform überschrieben, und das ist natürlich keine echte Frage – Kinder und Jugendliche sollen damit lernen, dass das, was Jungen als Spaß empfinden, tatsächlich oft Gewalt ist.
 
Papa macht's doch auch Ein Bild auf der Website Cristina Perinciolis, der Produzentin der Nice Guys Engine. Es entstammt Anita Heiligers Münchner Kampagne gegen Männergewalt und schlägt gleich drei Fliegen mit einer Klappe: Es zeigt, dass Jungen gewalttätig sind, es zeigt, dass Männer gewalttätig sind, und es zeigt, dass Väter für Jungen nicht gut sind. Dass es bei Jungen noch immer, wie seit eh und je, verpönt ist, Mädchen zu schlagen, konnte angesichts dieser wichtigen Vorteile leider nicht berücksichtigt werden.
 
Wer könnte etwas gegen ein Programm haben, das  Gewalt, und insbesondere sexueller Gewalt gegen Mädchen vorbeugt? Entsprechend wurde diese aufwendig gestaltete Plattform auch großzügig aus öffentlichen Geldern gefördert, von der „Stiftung Deutsche Jugendmarke e.V.“, die über Vorstand und Geschäftsführung an das Bundesfamilienministerium angebunden ist, und durch erhebliche Investitionen der Fachhochschule Erfurt, deren Professorin Cäcilia Rentmeister das Projekt geleitet und über viele Semester hinweg insgesamt über einhundert Studierende des Fachbereichs Sozialwesen am „Praxistransfer“ beschäftigt hat.
 
Natürlich wurde dieses Projekt auch mit einem Preis ausgestattet, schon 2007 mit dem Thüringer Frauenmedienpreis des Landesfrauenrats Thüringen e.V. und der Thüringer Landesmedienanstalt.

Für Jungen hält die Plattform übrigens keinen Partnertest bereit, dafür können sie sich damit beschäftigen, wann ihr Verhalten gegenüber Mädchen als Vergewaltigung zu werten ist. Das aber ist nur einer der vielen kleinen Unterschiede dieses Projekts.

Freitag, 17. Januar 2014

Schulen, Sex und Bildungspläne

Manchmal gibt es bekanntlich Auseinandersetzungen, bei denen es für unbedarfte Betrachter schwer zu entscheiden ist, welche Seite ihnen stärker auf die Nerven geht. Für mich ist der Streit um die Online-Petition, die sich gegen den Bildungsplan der Landesregierung in Baden-Württemberg richtet, eine solche Situation. Auch lesenswerte Diskussionen und Beiträge dazu in Blogs, etwa bei Alles Evolution, beim Stadtfuchs, bei Mein Senf oder im Pelz-Blog, beziehen ganz unterschiedliche Positionen, sind aber nach meinem Eindruck jeweils beiden gegnerischen Parteien gegenüber skeptisch.
Weht diese Fahne bald über dem ganzen Ländle? Oder setzen sich die Feinde des Regenbogens durch? Und vor allem: Kann es sein, dass beide Seiten ein wenig übertreiben? (Quelle)
Auf der einen Seite eine Petition mit mittlerweile etwa 154.000 Unterzeichnern, die sich kaum die Mühe macht, zwischen akzeptablen und inakzeptablen Zielen der Landesregierung zu unterscheiden und die ihr rundweg unterstellt, eine
„pädagogische, moralische und ideologische Umerziehung an den allgemeinbildenden Schulen“
anzustreben. 
 
Dass es richtig sei, die Diskriminierung von Homo-, Bi- und Transsexuellen im Unterricht zu thematisieren, erwähnt der Autor in einer einzigen Passage, die er dann nirgends weiter vertieft. Welche Diskriminierung? Was hat die Schule damit zu tun? Was erleben beispielsweise Jungen an durchschnittlichen deutschen Schulen, wenn sie früher oder später merken, dass sie sich sexuell für ihre Mitschüler stärker interessieren als für ihre Mitschülerinnen? Oder Mädchen, die merken, dass sie lesbisch sind?

Solche Fragen sind dem Petenten, dem Realschullehrer Gabriel Stängle, nicht sonderlich wichtig. Stattdessen ärgert er sich gleich mehrmals über die wolkige – und im Original übrigens in eine Frage, nicht in eine Tatsachenaussage verpackte – Formulierung des Lesben- und Schwulenverbands, dass womöglich die „Schule ein homophober Ort“ sei.

Noch seltsamer ist jedoch die Reaktion auf die Petition.

Dienstag, 26. November 2013

Wenn Erwachsene gegen Kinder hetzen - Jungen in der Schule

„Tatsächlich ist Gleichberechtigung an den Schulen Realität, weshalb Mädchen aufgrund ihres Entwicklungsvorsprungs, größeren Fleißes und höherer Lernmotivation im Vorteil sind. Eine gezielte Jungenförderung ist allerdings keine Lösung.“
So lautet im Jahr 2007 die Antwort der Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel auf die Frage, ob wir es uns eigentlich noch leisten können, auf eine gezielte Jungenförderung zu verzichten – angesichts der Tatsache, dass deutlich mehr Jungen als Mädchen die Schule ohne Abschluss, deutlich mehr Mädchen als Jungen die Schule mit dem Abitur verlassen.

Ein Angehöriger des faulen und minderbegabten Geschlechts - was früher die Eselskappe erledigte, erledigen heute Politiker und Wissenschaftler
Warum eine gezielte Jungenförderung keine Lösung sei, verrät Merkel – oder möglicherweise ihr Ghostwriter – nicht. Unverblümt aber formuliert sie eine Vorstellung weiblicher Überlegenheit: Wenn nur die Ausgangsbedingungen zwischen Jungen und Mädchen gleich wären, dann würden Mädchen eben bessere Ergebnisse erzielen. Alles normal, kein Grund zur Sorge.

Fünf Jahre später redet der Grüne Jürgen Trittin ganz wie seine Kanzlerin, als er ihr bei einer Bundestagsrede vorwirft, dafür zu sorgen,
„dass das begabtere Geschlecht weiterhin ein Viertel weniger verdient als wir Männer.“ (1:07)
Als die Linke Kathrin Vogeler verwundert nachfragt (2:25), welch einen Bildungsbegriff Trittin denn der von ihm unterstellten Lern- und Bildungsunwilligkeit der Männer und Jungen zu Grunde lege, antwortet er mit einem Hinweis auf die besseren Abschlüsse von Mädchen.

Auffällig ist bei Merkel wie Trittin, wie unterschiedlich sie Nachteile von Jungen und Mädchen bzw. Frauen interpretieren. Während sie Nachteile für Mädchen und Frauen selbstverständlich auf Diskriminierungen zurückführen, sehen sie für Nachteile von Jungen die Verantwortung allein bei diesen selbst. Kein Grund zum Engreifen.

Montag, 15. Juli 2013

Der böse, fremde Sohn - Lynne Ramsays "We Need To Talk About Kevin"

„Mami war glücklich bevor der kleine Pinkel-Kevin dazukam, weißt du das? Jetzt wacht Mami jeden Morgen auf und wünscht sich, sie wäre in Frankreich.“ („Mummy was happy before widdle Kevin came along, you know that? Now Mummy wakes up every morning and wishes she was in France!”)
Der etwa zweijährige Kevin steht noch im Laufstall und hat gerade sein Essen an eine Wand geschmissen, als seine Mutter, die Reisejournalistin Eva Khatchadourian (Tilda Swinton), ihm eindringlich erklärt, dass er eine Belastung für sie sei und ihr Leben ohne ihn wesentlich glücklicher gewesen sei. Der Ehemann, Franklin (John C. Reilly), wird Zeuge der kurzen mütterlichen Rede, schüttelt den Kopf, sagt aber nichts.

Die Szene bündelt verschiedene Aspekte des am Ende des britisch-amerikanischen Films „We Need To Talk About Kevin“ der schottischen Regisseurin Lynne Ramsay, der am Ende des vergangenen Jahres in die Kinos kam. Die Autorin des gleichnamigen, dem Film zu Grunde liegenden Romans beschreibt im Nachwort, dass das Buch am „Schnittpunkt privater und allgemeiner Angst“ („intersection of private und public angst“, S. 473 ) entstanden sei – ihrer eigenen Angst vor der Mutterschaft und dem damit verbundenen Verlust an Freiheit sowie der öffentlich diskutierten Angst vor „school shootings“, Schulmassakern.
 
 
Entsprechend besteht der Film eigentlich aus zwei Filmen – einem über Eva, der die Idee der Mutterschaft ein Greuel ist, die gleichwohl einen Jungen und ein Mädchen bekommt und deren Beziehung zum Sohn massiv belastet ist – und einen über diesen Sohn Kevin, der schon als Kleinkind ein geborener Terrorist zu sein scheint und der schließlich in einem Schul-Massaker mehrere Mitschüler sowie daheim seine Schwester und seinen Vater tötet. Beiden Filmen tut die Kombination miteinander nicht gut – gleichwohl ist „We Need to Talk About Kevin“ insgesamt ein wichtiges, aber auch sehr beunruhigendes Beispiel dafür, wie problematisch und verantwortungsfern Erwachsene männliche Kinder und Jugendliche vor dem Hintergrund gängiger Geschlechterklischees wahrnehmen.

Freitag, 10. Mai 2013

Wie friedfertige Erwachsene gewalttätige Jungen produzieren - Susanne Biers "In einer besseren Welt"

„Hin zu einer maskulistischen Filmkritik“ möchte Arne Hoffmann und hat auf Genderama zu diesem Zweck bereits den Dokumentarfilm „The Central Park Five“ von Ken und Sarah Burns  und Joseph Kosinskis „Oblivion“ (mit Tom Cruise)  analysiert. Für mich ist dieser Ansatz sehr reizvoll, und so habe ich mir einmal zwei ganz unterschiedliche neuere Filme aus ganz unterschiedlichen Genres noch einmal angeschaut und überlegt: Hilft es bei der Interpretation dieser Filme, darauf zu achten, welchen Blick auf Männer und Jungen sie einerseits werfen, wie sie andererseits aber auch spezifisch männliche Perspektiven wiedergeben?

Susanne Biers Film
„In einer besseren Welt“ (der dänische Originaltitel „Hævnen“ bedeutet, wörtlich übersetzt, „Rache“) wurde 2011 mit dem Oscar für den besten fremdsprachigen Film ausgezeichnet und kam im selben Jahr in die deutschen Kinos. Einige Interpretationen, zum Beispiel die der deutschen Wikipedia, konzentrieren sich auf das im Originaltitel angedeutete Problem der Rache und verstehen den Film als eine Auseinandersetzung mit dem Problem, wie Menschen auf Gewalt reagieren können. Die Wikipedia spitzt dies sogar auf die Frage zu: „Entscheidet man sich für das Alte Testament und fordert Rache (Auge für Auge) oder orientiert man sich am Neuen Testament und dessen pazifistischem Ansatz und hält die andere Wange hin?“ – eine Gegenüberstellung, die nicht nur klischeehaft und problematisch ist, sondern die auch den Film verfehlt.


Seine größte Stärke gerät dabei ganz aus dem Blick: In einer enorm differenzierten, überzeugenden und auch fairen Weise setzt er sich mit dem Verhältnis von Erwachsenen und männlichen Jugendlichen auseinander, und er tut dies so eindrücklich, dass jemand, der sich mit Jungenpädagogik beschäftigt, an „In einer besseren Welt" eigentlich nicht vorbei kommt.

Sonntag, 28. April 2013

Wie Richard David Precht und ich die deutsche Schule revolutionieren

Ab und zu finde ich es ja wichtig, von Geschlechterthemen ein wenig Abstand zu gewinnen und anzuerkennen, dass es durchaus noch andere wichtige Themen gibt. Werder Bremen zum Beispiel (aber das ist im Moment zu schmerzhaft und angstbesetzt, darüber kann ich nicht schreiben), oder auch die deutsche Schule (das Thema ist auch manchmal schmerzhaft, aber häufig zugleich komisch). Die Frage, wie die Schule funktioniert, ist mir nicht nur aus beruflichen Gründen wichtig, sondern hat natürlich auch Bedeutung für diejenigen Artikel dieses Blogs, die sich mit der schulischen Situation von Jungen auseinandersetzen. Im Moment hat das Thema „Schule“ zudem gerade Konjunktur – der Spiegel hatte in dieser Woche eine Titelgeschichte über den Schulstress von Kindern, GEO kündigt auf seiner Titelseite „neue Ideen für unsere Schulen“ an, und auf dem Zeit-Titel forderte gerade der Philosoph Richard David Precht, die Schule auf den Kopf zu stellen. Er fordert mit viel Engagement und der „Glut eines Apostels“ (Precht über Precht, Die Zeit Nr. 16, 11.4.2013, S. 33) einen radikalen Umbau des deutschen Schulsystems: Abschaffung der Noten, Abschaffung der Selektion, jahrgangsübergreifende Lernteams, eine konsequenten Projektunterricht, eine Organisation der Schule nach „Lernhäusern“ (ein „bisschen Hogwarts tut jeder Schule gut“, S. 32). Natürlich sind alle diese Vorschläge nicht neu, das werfen auch die Zeit-Redakteure dem Bildungsphilosophen im Interview vor – das aber wäre nebensächlich, wenn sie richtig wären. Tatsächlich aber passen Prechts Vorschläge sehr gut in die deutsche schulische Landschaft und sind keineswegs ein Gegenmodell dazu.

Sonntag, 24. März 2013

Über den Umgang mit Jungen

Jungen sind aggressiver, entwickeln sich später, sind desinteressierter, weniger anpassungswillig, weniger engagiert, fauler, lesefauler, nachlässiger, rechthaberischer, sprachlich unbegabter, weniger eloquent, computerspielsüchtiger, sozial inkompetenter, dominanzorientierter, gewaltbereiter als Mädchen – Resultat eines kurzen Brainstormings aus Texten, die ich in den letzten drei Wochen über Jungen in der Schule gelesen habe. Angesichts dieser Masse an negativen Eindrücken ist es verwunderlich, dass überhaupt noch jemand Jungen in der Schule unterrichten will. Mein Eindruck: Wenn überhaupt einmal jemand wohlwollend über Jungen schreibt, dann entschuldigt er ihre Defizite, führt beispielsweise eine größere Unruhe und Aggressivität auf einen stärkeren Bewegungsdrang zurück, dem in der Schule nicht genug Rechnung getragen werden. Nur ausnahmsweise aber finde ich Texte, in denen Verhaltensweisen von Jungen als Qualitäten beschrieben werden – wie beispielsweise „Die Schule – ein weibliches Biotop?“ des Zürcher Professors und Psychologen Allan Guggenbühl, der beschreibt, dass Jungen versuchten, mit ihrer Form der Kommunikation soziale Situationen zu dynamisieren (was ihnen dann von Lehrkräften als aggressives Kommunikationsverhalten ausgelegt werden kann).

Natürlich entwickeln sich Klischees wie die eingangs skizzierten zu self-fulfilling prophecies – wer als Erwachsener Jungen auf diese Weise wahrnimmt, wird kaum vernünftig und angemessen mit ihnen umgehen können und möglicherweise eben gerade die Verhaltensweisen produzieren, die er ihnen dann zum Vorwurf machen kann. Vor Kurzem habe ich von den Ergebnissen einer Lehrerfortbildung erfahren, bei der es um Jungen als Bildungsverlierer ging. Die Kollegen hatten sich mit vielen Aspekten des Problems auseinandergesetzt: Dass Jungen und Mädchen verschieden seien und so auch akzeptiert werden müssten (eigentlich eine Selbstverständlichkeit, wenn es keine „geschlechterbewusste Pädagogik“ gäbe, die davon ausgeht, dass alle Unterschiede zwischen den Geschlechtern soziale Konstruktionen sein und beliebig umkonstruiert werden könnten), dass Jungen einen großen Bewegungsdrang hätten, dem die Schule auch gerecht werden sollte, dass sie sich für andere Lektüren interessierten als Mädchen, später reiften etc. Ein Aspekt aber wurde ausgelassen: nämlich die Frage, welche Rolle eigentlich die Lehrkräfte im Hinblick auf die schulischen Nachteile von Jungen spielen. Insofern waren die Ergebnisse der Fortbildung informiert, aber nicht reflektiert.

Die „antisexistische Jungenarbeit“, die hier schon Thema war, reagiert auf diese Situation mit einer Boot-Camp-Methodik – der Junge in seiner Orientierung an der „hegemonialen Männlichkeit“ muss erst einmal destruiert und dann als neuer Mann wieder aufgebaut werden. Dazu macht dann zum Beispiel die vom Verein „Dissens“ herausgegebene und selbstverständlich aus öffentlichen Mitteln finanzierte Schrift „Geschlechterreflektierte Arbeit mit Jungen an der Schule“ den Vorschlag, den Kindern im Unterricht nicht mehr nur das Binnen-I beizubringen (was übrigens kein vernünftiger Mensch tut), sondern auch den Unterstrich („Hochstapler_innen“), der auch die Inklusion der Transsexuellen signalisiert. (S. 67) Da ich gerade im Urlaub bin und einen Freund besuche, der ebenfalls Lehrer ist und außerdem zwei Söhne hat, entwickelten wir eines Tages – genauer: gestern und heute Abend – übermütig das Gefühl, uns würden möglicherweise NOCH bessere Vorschläge zur Förderung von Jungen in der Schule einfallen als dem Dissens-Verein, dessen große Kompetenz möglicher- und unglücklicherweise an der Lebensrealität von Jungen und Mädchen ein bisschen vorbeigeht. Unsere Frage, die wir gestern einige Stunden lang gemütlich diskutierten, war: Was können denn eigentlich der einzelne Lehrer oder die einzelne Lehrerin tun, um Jungen in der Schule angemessen zu fördern? Hier sind unsere Top Ten, Zehn Gebote oder Goldene Regeln:

Samstag, 2. März 2013

Kleine Motivationshilfe für die kommenden Abiturprüfungen


Habe nun, ach, seit vielen Jahren
viel gelernt und viel vergessen,
quer und krumm die Welt erfahren
und an meinem Tisch gesessen.
Ich kann Englisch, etwas Spanisch,
und ich kann sogar Latein:
exspecto - exspectas - exspectat.
Ich kenn die Mendel´schen Gesetze,
kann mit Logarithmen rechnen
(und weiß heute noch nicht, was man davon hat).
Ich hab viele Kompetenzen,
ich kann unauffällig schwänzen,
ich kann kritisch hinterfragen,
ich kann „Ja“ und „Amen“ sagen.
   So viele Fragen, und keine Antwort.
   So viele Antworten, und keine Fragen….
Alles nützlich, wundervoll!
(Ich weiß nicht, was ich damit soll.)

Ich weiß, dass ich sehr vieles weiß:
Physik, Geschichte, Politik,
deutsche Dichtung abschnittweis´
und leider auch Mathematik.
Die Vergangenheit der Deutschen -
gibt es Frieden oder Krieg? -
ich kann zu allem sehr begründet etwas sagen.
Ich kenn den Marieanengraben
und fast alle Halogene.
Nebenbei noch etwa fünf der sieben Plagen.
Ich kenne manche alten Griechen,
ich kann aufrechtgehend kriechen.
- Und doch frag ich mich vergebens
nach dem Sinn des ganzen Strebens.
   So viele Fragen, und keine Antwort.
   So viele Antworten, und keine Fragen.
Leer bin ich und übervoll…
(Ich weiß nicht, was ich machen soll.)

Freitag, 1. März 2013

...und warum Jungen in der Schule keine Männer brauchen (auch wenn das nun wirklich nicht so aussieht)


„Obwohl die Klasse zu über der Hälfte aus Jungen besteht, ist das soziale Klima in ihr sehr angenehm.“ Diese Äußerung, die typische Vorurteile von Lehrkräften gegenüber Jungen in der Schule widerspiegelt, stammt von einem männlichen Lehrer – in der Zeit meines Referendariats hatte sich ein Mitreferendar so geäußert. Das Beispiel zeigt, dass selbstverständlich nicht die bloße Anwesenheit eines männlichen Lehrers gut für Jungen ist, so wie natürlich auch nicht die bloße Anwesenheit von weiblichen Lehrern für Jungen schlecht ist. Tatsächlich behauptet das auch niemand – und doch wird eben diese Argumentation regelmäßig unterstellt, wenn von Seiten der Erziehungswissenschaft und Soziologie die These verteidigt wird, dass die „Feminisierung“ des Lehrberufs keineswegs für die deutlich schlechteren Leistungen von Jungen in der Schule verantwortlich sei.

Ausgerechnet Marcel Helbig stellt in seinem Text "Lehrerinnen trifft keine Schuld an der Schulkrise der Jungen" sehr starke Korrelationen heraus: „Der Lehrerinnenanteil steigt bis 1975 sukzessive an, und im selben Zeitraum nimmt auch der Abiturientinnenanteil zu. Bis 1990 stagniert dann der Anteil der Lehrerinnen an allen Schulformen – eine Periode, in der die Geschlechterverteilung beim Abitur ebenfalls nahezu konstant ist. Seit Anfang der 1990er Jahre legt der Anteil von Lehrerinnen im Vergleich zu Lehrern an allen Schulformen wieder zu. Parallel dazu nimmt auch der Anteil der Abiturientinnen zu.“ (S. 4) Diese Korrelation lasse sich sowohl OECD-weit als auch im Vergleich der Bundesländer beschreiben. Immerhin geht es dabei für Deutschland um erhebliche Differenzen, z.B. im Hinblick auf das Abitur: „2007 beendeten 29,4 Prozent aller Mädchen in Deutschland das allgemeine Schulsystem mit dem Abitur, bei den Jungen waren es nur 20,6 Prozent.“ (S. 3)

Natürlich – eine Korrelation ist noch kein kausaler Zusammenhang. Trotzdem ist es interessant zu beobachten, welche Argumente entwickelt werden, um die angesichts der Daten äußerst naheliegende Vermutung zu entkräften, dass mehr Männer an den Schulen insbesondere für die Jungen positive Wirkungen hätten. Der Männermangel an Schulen schadet den Jungen nicht, denn…

Mittwoch, 27. Februar 2013

Warum es Jungen auf der Schule richtig gut geht (auch wenn es manchmal nicht so aussieht)

Nachteile für Jungen im Bildungssystem springen ins Auge: Sie bleiben häufiger sitzen als Mädchen, sind häufiger auf Förderschulen und Hauptschulen, aber seltener im Gymnasium zu finden, werden bei gleichen Leistungen von Lehrkräften schlechter eingeschätzt, erwerben seltener als Mädchen eine Hochschulzugangsberechtigung, bleiben aber deutlich häufiger ganz ohne Schulabschluss. (Preuss-Lausitz 2008, S. 123f.)

Trotzdem: „Die oft gehörte Behauptung, es liege an der Überzahl von Lehrerinnen, halte ich für Unsinn.“ So Hanna Rosin im (hier bereits zitierten) Spiegel-Interview über die Bildungsnachteile von Jungen. Sie fährt fort, dass Jungen nun einmal das Lernen „uncool“ fänden und ihre Zeit lieber mit Computerspielen verbrächten.

Rosins kurze Äußerung bündelt zwei wichtige Positionen in Diskussionen über Bildungsnachteile von Jungen: Jungen seien im Bildungssystem, zumal in der Schule, gar nicht benachteiligt, und diese Nachteile (abgesehen davon, dass sie gar nicht existierten) seien schon gar nicht durch einen Mangel an Männern im Lehrerberuf begründet. Angesichts der deutlichen Daten und angesichts der sehr naheliegenden Überlegung, dass die schlechteren Ergebnisse von Jungen mit dem Fehlen von Männern an Schulen zusammenhängen könnten, sind solche entschiedenen Positionen überraschend – zumal sie gerade in der Erziehungswissenschaft weit verbreitet sind.

Grundlegend ist dabei natürlich die Behauptung, dass Jungen gar nicht benachteiligt seien.

Samstag, 23. Februar 2013

Autoritäre Pädagogik mit gutem Gewissen: Die antisexistische Jungenarbeit

Als ich gestern über den Text Edgar Forsters und sein eigenwilliges Verhältnis zu Gewalt und Männlichkeit schrieb, stachen mir zwei weitere Aspekte in die Augen – zwei Trigger, sozusagen (auch wenn mich natürlich mal wieder keiner warnte). Einerseits Forsters Engagement in der Jungenpädagogik, das für mich schon beruflich interessant ist. Andererseits seine häufige Zusammenarbeit mit Anita Heiliger auf diesem Gebiet. Heiliger ist nämlich eine der wichtigsten deutschen Theoretikerinnen alleinerziehender Mutterschaft und macht sich sehr für die Ausgrenzung von Vätern stark  – was ich durchaus persönlich nehme (ist ja auch sehr persönlich).

Die besten Voraussetzungen also, um unbefangen und offen Forsters und Heiligers Beiträge zur Jungenpädagogik – nämlich zur „antisexistischen Jungenarbeit“ – anzuschauen.

Dienstag, 19. Februar 2013

Schule, Tetris und der rasende Stillstand

Als es noch kein Zentralabitur gab und die Lehrer ihre Abiturarbeiten selber entwerfen und zur Absegnung an die Schulbehörde schicken mussten, von wo sie dann – wenn alles gut ging – pünktlich zum Abitur wieder zurück kamen, natürlich mit einem entsprechenden Vermerk, welcher der verschiedenen erarbeiteten Vorschläge gewählt worden sei – zu dieser Zeit also, die noch gar nicht lange her ist, trug sich folgende Geschichte zu. Ein Lehrer hatte seine Arbeit auf den langen Dienstweg verabschiedet – erst zum Fachprüfungsleiterleiter, dann zur Schulleitung, von dort auf ihrem Weg durch die verschiendenen Stationen der Verwaltung –,  erhielt sie aber vor der Zeit, auf demselben Dienstweg, nur eben rückwärts, wieder zurück. Er hatte ein Komma vergessen, und selbstverständlich konnte der zuständige Dezernent dieses Komma nicht einfügen, sondern schrieb eine entsprechende Bemerkung mit der Aufforderung an den Kollegen, das fehlende Komma ordnungsgemäß einzufügen – was dieser tat, um dann die Arbeit auf dem entsprechenden Dienstweg wieder nach oben zu senden.

Dies jedenfalls berichtete mir heute ein Kollege. Die Anekdote ist geeignet, um eine Frage zu einem ganz anderen Problem zu beantworten, die ein Schüler ebenfalls heute im Unterricht gestellt hat – warum sich eigentlich an der Schule so wenig verändere, obwohl es schon lange, seit weit über hundert Jahren, pädagogische Konzepte gäbe, die auf Veränderungen drängen.

 

Freitag, 15. Februar 2013

Böse Männer, ein guter Vater und die feministische Dividende

Sicherlich - was das Verhältnis zwischen Männern und Frauen angeht, sollte man Texte der Süddeutschen Zeitung einfach gnädig ignorieren und sich nicht weiter aufregen. Ein Brief aber, den ein SZ-Journalist heute an seinen Sohn geschrieben hat (und der jetzt auch online steht), macht viele Probleme gegenwärtiger Jungenerziehung so überdeutlich, dass sich die Lektüre lohnt. Da der Brief an den Sohn (was diesen sicher begeistern wird) als offener Brief geschreiben wurde, kann ich auch offen darauf antworten. Mit großem Vergnügen.
 
 
Sehr geehrter Herr Ankowitsch,

Sie haben Ihrem Sohn einen Brief geschrieben, und da ich weder Ihren Sohn noch Sie kenne, geht mich das eigentlich gar nichts an. Da Sie Ihren Brief aber als offenen Brief geschrieben und als Titelgeschichte im Süddeutsche Zeitung Magazin dieser Woche veröffentlicht haben, und da ich den Brief, mit allem Respekt, furchtbar finde, schreibe ich Ihnen jetzt einfach einmal eine offene Antwort auf Ihren offenen Brief.

Ich bin selber Vater (unser Kind ist allerdings noch viel kleiner als Ihr Sohn), und ich bin Lehrer, habe also, da ich von der fünften Klasse bis zum Abitur unterrichte, viel mit Jungen des Alters zu tun, an das Sie sich richten.

 
Jungen: Dumm, verschwitzt, gewalttätig Sie machen Ihr Bild von diesen Jungen überaus deutlich: „Jungs unter sich, das gilt vielen als höchste Form der Freiheit und ist dann doch oft nichts anderes als eine Zusammenballung verschwitzter, homophober, latent gewaltbereiter Schwachköpfe.“ Wie kommen Sie nur darauf, es könne eine gute Idee sein, Ihrem Sohn einen solchen Mist zu schreiben?