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Montag, 20. Juli 2015

Polemischer antifeministischer Backlash, gruselige Verschwörungstheorien...

...und andere sachliche Worte der Zeit für Kritik an den Gender Studies
 
 
In der Zeit hat die Kulturjournalistin und Deutschlandradio Kultur-Redakteurin Catherina Newmark gerade einen Text veröffentlicht, in dem sie Kritikern der Gender Studies vorwirft, ihre Kritik lediglich Aus Angst vor einem anderen Leben zu üben: aus Angst also vor einer Änderung bestehender Verhältnisse, aus Angst davor, das Menschen anders leben könnten, als es gängigen Normen entspricht.
 
Da der Kommentarbereich nur knappe Texte erlaubt, schreibe ich hier meinen Kommentar dazu.
Erzeugt solch ein Bild tatsächlich Angst? Auch diese Illustration einer bunten Geschlechtervielfalt variiert immer dieselben beiden Grundmuster: Mann und Frau. Sollten sich Traditionalisten am Ende durch Gender Studies bestätigt fühlen können?
Der Text in der Zeit ist durchgehend von dem Bemühen geprägt, die Gender Studies als grundsätzlich unproblematisch darzustellen – obwohl doch Probleme bei einem sehr jungen Fach eigentlich zu erwarten und zudem völlig verständlich sind. Kritiker erscheinen durch diese Darstellung als unlautere, unsachliche Ideologen, die bloß persönlichen Interessen folgen.

„Antifeministische Rhetorik“, also natürlich keine Argumente, führten sie an, und das ist denn natürlich als „Backlash“ zu verstehen – als ob Kritik durch nichts anderes begründet sein könnte als durch die Angst von Männern, die um ihre Machtpositionen fürchten und nun gegen emanzipatorische Positionen zurückschlagen.
 
Das ist selbst argumentfreie Rhetorik: Denn feministische Positionen sind politische Positionen, und in einem demokratischen Rahmen dürfen und SOLLEN politische Positionen natürlich einer offenen Kritik unterzogen werden. Wenn ich bestimmte Positionen des Feminismus kritisiere, macht das aus mir noch keinen „Antifeministen“ – Angela Merkel betitelt ja auch nicht jeden, der mal Kritik an ihr übt, deswegen gleich als „Antichristdemokraten“, oder der Einfachheit halber kurz als „Antichristen“.

Dass niemand, wie eine Zwischenüberschrift das ausdrückt,  Biologie bestreite, was immer das auch heißen mag – das mag sein, ist aber irreführend. Wo ist denn der systematische Platz der Biologie in den Gender Studies?
„Mit den Nazis kam die Theorie einer weitgehend klaren biologi­schen Zweiteilung, die auch immer noch im Biologiestudium vermittelt wird“
– das erklärt im Interview ein Gender-Professor mit Biologiestudium.  „Mann“ und „Frau“ sind hier nicht nur bloß soziale Konstruktionen – es sind auch soziale Konstruktionen der Nazis. Wer hätte das gedacht?

Das hat der Professor sicherlich außergewöhnlich ungeschickt formuliert, es spiegelt aber Grundlagen der Gender Studies wieder, die sich auch bei Judith Butler finden lassen: Es gäbe keine selbstständigen biologischen Geschlechter (sex), sondern auch diese seien soziale Konstruktionen (gender). Sex kollabiert in Gender, sozusagen.

Wichtiger noch: Diese sozialen Konstruktionen werden tatsächlich nicht unvoreingenommen auf ihre Funktion hin untersucht, sondern Butler unterstellt, dass sie Herrschaftsinteressen dienten, „als Macht/Diskurs-Regime“ (Butler, Unbehagen der Geschlechter).

Vor diesem Hintergrund sind biologische Auskünfte zu Geschlechtern mit dem pauschalen Vorwurf konfrontiert, sie seien bloß eine Naturalisierung von Herrschaftsstrukturen: Sie würden also diese Strukturen zugleich verschleiern und legitimieren. Dass Biologen diesen Pauschalvorwurf, den zu erheben übrigens keine biologischen Kenntnisse voraussetzt, seinerseits als unwissenschaftlich und ideologisch ansehen – das ist bei Licht betrachtet nicht sonderlich überraschend und völlig nachvollziehbar.

Mir sind übrigens „maskulinistische Verschwörungstheorien von der feministischen Weltherrschaft“ nicht bekannt, und offenkundig baut die Autorin auch hier einen Strohmann auf.  In einem argumentativen Kniff, der schon aus Kindergartentagen vertraut ist („Wer’s sagt, isses selber“), unterstellt sie die pauschale Herrschaftsunterstellung ihrerseits den Kritikern.
 
Dabei würde es völlig reichen, wenn sie und Vertreter der Gender Studies anerkennen könnten, dass natürlich auch Männer und Jungen unter geschlechtsspezifischen Benachteiligungen leiden können. Newmarks Formulierung allerdings, dass Frauen nicht nur ihre Probleme, „sondern auch die aller anderen Geschlechter ernst nehmen wollten“, verschleiert bloß, dass Fragen nach spezifischen männlichen Belastungen in den Gender Studies keinen Platz haben. 
 
Eine Ausnahme ist dann möglich, wenn sie sich als Probleme darstellen lassen, die durch patriarchale oder heterosexistische Strukturen selbst verursacht worden seien, etwa als Probleme der „marginalisierten Männlichkeiten“, die unter der „hegemonialen Männlichkeit“ litten (Connell).

Die spezifischen, ungeheuer bedrückenden Probleme von Trennungsvätern spielen beispielweise in den Gender Studies ebenso wenig eine Rolle wie die deutlichen schulischen Nachteile von Jungen. Eine gerade erschienene Ausgabe einer renommierten didaktischen Fachzeitschrift zum Thema „Negotiating Gender“ hat etwa die Frage nach einer besonderen Förderung von Jungen ausdrücklich ausgeschlossen und ist damit durchaus repräsentativ für gendertheoretischen Ansätze.
 
Angesichts von mittlerweile mehreren hundert Lehrstühlen ist eine solche Ausblendung sozialer Probleme natürlich ihrerseits Teil einer Herrschaftspolitik, die auch dann illegitim ist, wenn sie kein Teil einer Weltherrschaft ist...


In meinen Augen sind Gender Studies trotz der Einwände grundsätzlich ein sehr interessantes, lohnendes Forschungsfeld –
 
sie müssten allerdings erstens tatsächlich offene Fragen stellen und nicht alle Antworten immer schon kennen,
 
sie müssten  zweitens gegenüber anderen Wissenschaften, und der Überprüfung durch sie, offen sein,
 
und sie müssten drittens ihre erheblichen, aber kaum einmal thematisierten Ressentiments gegenüber Männern und Jungen ablegen.
 
Wer Männlichkeit routiniert mit Herrschaft oder Hegemonie  verknüpft, wird diese Ressentiments jedoch beständig reproduzieren. Das ist eine Haltung, die sich selbst immunisiert: Weil dann jede Kritik zum Ausdruck von Herrschaftsinteressen umgedeutet werden kann und daher sachlich nicht überprüft werden müsse.


Ich hatte hier einmal eine kleine Serie zu den Gender Studies:

1. Gender Studies als Wissenschaft von allem und jeder
2. Gender Studies: Wissenschaft von unten, installiert von oben
3. Gender Studies und die Logik der Feindschaft

Montag, 22. Juni 2015

Blinde Flecken, beste Absichten

The Walking Dead
Wie die Gender-Pädagogik die autoritäre Pädagogik wieder zum Laufen bringt
Teil 2
 
Über „das kolossale pädagogische und didaktische Potenzial des Themas“ – nämlich Gender – spricht ein Göttinger Lehrer im Interview mit Lotta König, einer der Herausgeberinnen des Heftes Negotiating Gender der Zeitschrift Der fremdsprachliche Unterricht Englisch. Er hat über ein Jahr lang „im abiturvorbereitenden Englischunterricht gender-reflektierende Unterrichtseinheiten“ eingesetzt, stellt aber allgemein fest, dass „’Gender’ als Thema weniger präsent“ sei als noch in den Neunziger Jahren. Im Kerncurriculum und in den Bildungsstandards tauche es gar „als Begriff gar nicht mehr auf“. (alle S. 44)  Es sei gar
„ein Merkmal der Zentralabi-Texte (…), dass sie allesamt von Männern verfasst sind. (…) Das ist ja schlimmer als in den 1970ern – ein Missstand, dem abgeholfen werden muss.“ (S. 45)
Warum Gender an den Schulen kein „Standardthema“ mehr ist, fragt er ebenso wenig wie seine Interviewerin – er deutet lediglich an, dass es an einer ignoranten Schulpolitik liegen könnte. Jedenfalls hat der Gedanke hier keinen Platz, dass das Thema möglicherweise in seiner heute an den Universitäten diskutierten Form eben KEIN kolossales Potenzial für die Schulen haben könnte.
Ein Junge beim Einüben von Inszenierungen einer hegemonialen Männlichkeit.
Dabei bemerkt der Lehrer selbst, dass er mit dem Unterricht Mädchen in weitaus größerem Maße erreicht als Jungen. Die hätten sich deutlich weniger geäußert, und im Vergleich zu den souveränen Mädchen-Äußerungen seien die von Jungen „alle kürzer, bruchstückhafter und weniger differenziert“ gewesen. (44)

Dass das damit zu tun haben könnte, dass die Gender-Pädagogik Mädchen und Frauen deutlich positiver zeichnet als Jungen und Männer – das ist ein naheliegender Gedanke, der hier aber keine Rolle spielt. Stattdessen erklärt der Lehrer sich das Verhalten der Schüler mit ihrer persönlichen Unsicherheit und Sprachlosigkeit, mit der die Schule offenbar überhaupt nichts zu tun hat.
„Ich glaube, dass Jungen in ihrer sexuellen Identität viel unsicherer sind. Es ist für sie ein schwierigeres Thema als für die Mädchen, weil sie dafür weniger Worte haben.“
Dabei sei die schulische Auseinandersetzung mit dem Thema für Jungen möglicherweise noch wichtiger als für Mädchen.
„Weil der Kontrast zwischen emotionaler Wucht dieses Themas und Bedeutsamkeit für ihr Leben und der Fähigkeit, damit verbal oder handelnd umzugehen, größer ist als für Mädchen.“ (44)
Diese Überlegungen wiederholen nicht einfach nur Klischees, etwa das vom männlichen Verhaftetsein an überkommene Rollenbilder – und  der Lehrer fragt sich ernsthaft, was sein Unterricht auch für die Jungen in seiner Klasse bedeuten könnte. Umso auffälliger ist: Selbst wenn ein guter Teil seiner Klasse im Unterricht spürbar verstummt, besteht auch für ihn ganz selbstverständlich kein Anlass zu fragen, ob das nicht auch etwas mit diesem Unterricht selbst zu tun haben könnte.

Das wiederum liegt wohl auch an den blinden Flecken einer Pädagogik, die sich auf „die neueren Konzepte und Erkenntnisse der Genderforschung“ (44) bezieht. Welche Erkenntnisse das sind, verrät der interviewte Lehrer hier nicht – welche blinden Flecken eine Gender-Pädagogik aber insgesamt hat, lässt sich durchaus genau beschreiben:

Mittwoch, 17. Juni 2015

Verhandlungen ohne Verhandlungspartner: "Negotiating Gender" in der Schule

Ich bin vor einiger Zeit einmal gefragt worden, ob ich nicht einmal einen grundsätzlicheren Text zu einer gender-orientierten Pädagogik schreiben wolle. Eine Weile lang fand ich dafür keinen passenden Anfang – bis ich dann vor wenigen Tagen die neueste Ausgabe einer Zeitschrift in die Hand bekam, die eine Standardzeitschrift für den heutigen Englischunterricht ist: Der fremdsprachliche Unterricht Englisch mit seinem Themenheft Negotiating Gender.

Ich habe einen zweiteiligen Text geschrieben. In diesem ersten Teil gehe auf das – angesichts des Themas eigentlich unvertretbare – Desinteresse der Herausgeberinnen für die spezifischen schulischen Nachteile von Jungen ein. Zudem versuche ich an zwei ganz unterschiedlichen Beispielen – dem Film Billy Elliot und zwei Shakespeare-Sonetten – zu zeigen, wie hier gendertheoretische Annahmen einen Tunnelblick begünstigen, bei dem wesentliche Aspekte des Unterrichts ganz ausgeblendet bleiben.

Das mag philologisch interessant sein, hat aber vor allem erhebliche pädagogische Konsequenzen. Mit denen werde ich mich im zweiten Teil noch näher beschäftigen und fragen, ob nicht in der Gender-Pädagogik die klassische autoritäre Schulpädagogik einfach auf neue Weise verkauft wird.
Eine Gender Mainstreaming-Kampagne der Stadt Wien, die im Heft Negotiating Gender besonders lobend hervorgehoben wird. Zu beachten ist unbedingt, dass aus dem Asphalt sofort Blumen hervorsprießen, wenn nur Straßenbauarbeiten erst von Frauen verrichtet werden.
The Walking Dead
Wie die Gender-Pädagogik die autoritäre Pädagogik wieder zum Laufen bringt
Teil 1
„Der Unterricht wird häufig von (radikal)feministischen Lehrerinnen beherrscht, das geht sogar soweit, dass alles, was nicht in deren Ideologie passt, bis in den Keim erstickt wird. Der normale Unterrichtsstoff wird teilweise fast vollständig durch eine feministische Ideologienlehre und geschlechtsspezifische Vorurteile, Lügen und Mythen, die zu Lasten des männlichen Geschlechts und zum Vorteil des Weiblichen sind, ersetzt und werden zur Tatsache erklärt.“
Ganz ehrlich: Das, was hier ein Abiturient bei Agens im Jahr 2013 als Erfahrungsbericht veröffentlich hat, hab ich niemals so recht glauben können.

Nach meiner Erfahrung gibt es an Schulen keine Scharen indoktrinierender feministischer Lehrerinnen – problematisch sind eher die Beschränkungen und blinden Flecken der Diskussionen ÜBER Schule und Unterricht. Als im letzten Jahr beispielsweise der deutsche Schulpreis verliehen wurde, ging er – ausgerechnet in einer Zeit, in der die Jungen an den Schulen seit Langem schon regelrecht wegbrechen – an eine Mädchenschule. Schule lasse sich dann besonders gut gestalten, wenn man sie nur mit Mädchen macht und die Jungen draußen lässt – dass ihre Entscheidung eine solche Botschaft in das Land sandte, war der Schulpreis-Jury offenbar gar nicht aufgefallen.

Ganz ähnlich setzt ein Heft mit dem Titel Negotiating Gender (etwa: Geschlechterrollen verhandeln) an, das gerade in diesem Monat erscheinen ist. Es eignet sich für eine Analyse der blinden Flecken heutiger Schulpädagogik besonders gut: Es ist nämlich nicht als Teil einer Gender Studies-Veröffentlichung erschienen, sondern als Schwerpunktthema einer sehr renommierten Zeitschrift für den allgemeinen Englischunterricht.

Montag, 8. Juni 2015

Zwischen Allmacht und Ohnmacht - Ein Rückblick auf die letzten Wochen

Die Monatsrückblicke, die ich über ein Jahr lang veröffentlicht hatte, waren für mich immer mit großem Abstand die arbeitsintensivsten Texte – allein schon durch die Sammlung der verwendeten Textstellen und Links. Da ich in den letzten Wochen und Monaten dafür kaum die Zeit hatte, habe ich diese Rückblicke nun einige Male ausgelassen. Nun aber bin ich gerade vor dem Wochenende mit Abiturarbeiten (wiederum an der Schule die arbeitsintensivste Zeit) fertig geworden, und da es in den letzten Wochen vieles gab, das einen zweiten Blick wert ist, habe ich einen Rückblick darüber geschrieben. Er ist nicht so link-intensiv wie die sonstigen Monatsrückblicke, aber immerhin schlägt er einen Bogen von den Performances der Emma Sulkowicz über den Sturm gegen Ronja von Rönne bis hin zum Buch Fettlogik überwinden von Nadja Hermann. Also:

 
„Überlebende können ganz unterschiedlich sein, aber es gibt nur eine einzige Art und Weise, das radikale Misstrauen und den Hass gegenüber einem Opfer von Vergewaltigung und sexuellen Übergriffen auszudrücken, und das ist: indem Du ihm nicht glaubst.“
Soweit Sam Smith von einer studentischen Zeitung der Florida State University. Auch sie weiß natürlich nicht, was eigentlich zwischen Emma Sulkowicz und Paul Nungeßer geschehen ist, über die sie hier schreibt, und wie berechtigt Sulkowiczs Vorwürfe sind, ihr Kommilitone und Freund habe sie vergewaltigt. Auch Smith wird aber vermutlich wissen, dass sie ihre Anzeige gegen Nungeßer zurückgezogen hatte und dass er in einer universitätsinternen Untersuchung von allen Vorwürfen freigesprochen worden war.

Tatsächlich sagt Smith auch gar nichts über die vorgebliche Tat aus, sondern darüber, wie wir – die wir die Beteiligten nicht kennen – Sulkowiczs Vorwürfen zu begegnen haben. Smiths Problem ist nicht, ob die Studentin vergewaltigt wurde, sondern wie eine – warum auch immer – interessierte Öffentlichkeit mit ihren Aussagen umgehen soll.

Natürlich aber ist Smiths Argumentation zirkulär. Sulkowicz müsse geglaubt werden, weil sie ein Vergewaltigungsopfer sei – und dass sie ein Vergewaltigungsopfer ist, stehe fest, weil ihr geglaubt werden müsse. Gravierend ist, dass Smith – und viele, viele andere mit ihr – sich damit von einer wesentlichen Annahme einer demokratischen, offenen Diskussion verabschiedet.

Sie geht nämlich gar nicht mehr davon aus, dass es eine prinzipiell gemeinsame Wirklichkeit gäbe, von der wir zwar jeweils unterschiedlich viel wissen, über die wir uns aber gemeinsam und nach gemeinsamen Regeln verständigen können. Stattdessen etabliert Smith einen radikalen Unterschied zwischen Menschen, die einen privilegierten Zugang zur Wahrheit haben – und anderen Menschen, die ihnen zu glauben hätten.

Schon der Zweifel gilt dann ausdrücklich als Hass.
Emma Sulkowicz (rechts, Mitte) bei ihrer Examensfeier. Bei ihrer Performance Carry That Weight erhält sie Hilfe von einigen Kommilitoninnen. (Foto: Adam Sherman)
Viele und ganz unterschiedliche Diskussionen der letzten Monate wurden von dem offenen Vorwurf begleitet, dass Kritiker und Zweifler nicht eigentlich Kritik und Zweifel, sondern Hass ausdrücken würden. Das setzt auf das erste Problem gleich noch ein zweites drauf: Nicht nur haben dann bestimmte Menschen einen privilegierten Zugang zur Erkenntnis sozialer Wirklichkeit, sie sind damit auch moralisch herausgehoben, und ihre Kritiker erscheinen als moralisch minderwertig.

Ein Schlüsselwort ist vermutlich das der Überlebenden, das in vielen Diskussionen den des Opfers ersetzt hat. Unterschwellig spielt es an auf die Situation, in der es seit dem Zweiten Weltkrieg wesentlich verwendet wurde: Auf die Überlebenden der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Es suggeriert: Ultimative, radikal antihumane Gewalt ist beständig mitten unter uns, wird wieder und wieder unter der trügerischen Oberfläche der zivilen Normalität verübt – und nur das Zeugnis der Überlebenden gibt uns die Gelegenheit, von ihr zu erfahren.

Die Folgen für öffentliche Debatten sind allerdings katastrophal, wenn so Menschen die Möglichkeit eines Zugangs zur Wahrheit prinzipiell zugesprochen oder abgesprochen wird und wenn sie grundsätzlich als Überlebende und Verbrecher klassifiziert werden. Die Geschichte von Paul Nungeßer und Emma Sulkowicz ist nur ein Beispiel dafür.

Freitag, 3. April 2015

Die Produktion von Feindschaft

Die Bundesministerin Manuela Schwesig präsentiert den SAT1-Film Die Ungehorsame

Luise F. Pusch, die „Heldin der feministischen Sprachkritik“, hat bekanntlich gerade wegen eines bei der Emma publizierten Textes einen „Shitstorm“ erlebt. Anja Krüger dazu in der taz:
„In ihrer Glosse fragt sie sich, warum die Verantwortlichen bei der Lufthansa nicht auf die Frauenquote als Vorbeugung gegen Suizid-Abstürze kommen.“
Wie jemand überhaupt auf die bescheuerte Idee kommen kann, über den gewaltsamen, offenbar massenmörderischen Tod von 150 Menschen sogleich eine „Glosse“ zu verfassen, fragt Frau Krüger nicht.
Die heftige Kritik, die nicht nur die taz modisch als „Shitstorm“ bezeichnet, hatte Pusch redlich mit dem Versuch verdient, sich aus dem Tod dieser Menschen schnurstracks ein Argument für Frauenquoten zu basteln. Dass sie sich das Leid in dieser Form nutzbar macht, ist aber nicht das einzige, vielleicht noch nicht einmal das schlimmste Problem ihres Textes. Sie schreibt:
„Die Selbstmordquote (…) ist bei Männern viermal so hoch wie bei Frauen. Die Lufthansa könnte also das Risiko, dass ihre Piloten das Flugzeug zu Selbstmord und vielfachem Mord missbrauchen, mit jeder Frau, die sie zur Pilotin ausbilden, ganz erheblich reduzieren.“
Männer bringen sich vielmal häufiger um, als Frauen dies tun – die Wahrscheinlichkeit, dass ein heute geborener Junge sich im Laufe seines Lebens umbringen wird, ist also mehrfach größer als bei einem gleichzeitig geborenen Mädchen. Das aber interessiert die Heldin der feministischen Sprachkritik überhaupt nicht, sie fragt auch nicht nach den Gründen – sie versucht lediglich, aus dem Tod von Männern und Jungen wie aus dem Tod der Passagiere Vorteile zu ziehen.

Wie aber ist die Inhumanität überhaupt möglich, die den Text der Sprachheldin so tief prägt? Das lässt sich nachvollziehen an einem anderen Medienereignis der vergangenen Tage: einem Film, den die Emma sogleich als „absolut sehenswert“ anpries, an dem die Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig intensiv beteiligt war, der aber anders als Puschs Artikel nicht zu einem Skandal geworden ist. Zu Unrecht, übrigens.
So endet die Dokumentation Verdammt verliebt zu häuslicher Gewalt, die den SAT1-Film Die Ungehorsame begleitet. Jedes Geschlecht bekommt hier, was es braucht: Die Frauen ein exklusives Hilfetelefon, die Männer eine Täterhotline.
„Die Ungehorsame“, heißt der Film  – ein Film über häusliche Gewalt, der am 31. März bei SAT 1 gezeigt wurde.

Samstag, 28. März 2015

John Dewey, Batgirl und die Auflösung von Schützengräben

Schon vor ein paar Monaten schrieb Leszek:
„Hi Schoppe, du bist doch Fan des Philosophen und Pädagogen John Dewey, oder? Hättest du diesbezüglich ein paar Buchtipps für mich? Was genau gefällt dir bei Dewey? Gibt es noch andere Vertreter der Philosophie des Pragmatismus, die dir gefallen?“
Ich hab damals gleich eine Antwort darauf geschrieben, hatte dann aber so viel mit anderem zu tun, dass diese Antwort unveröffentlicht auf meinem Desktop herumlag und ich schließlich nicht mehr recht wusste, was ich noch damit machen soll. Bis mich Leszek vor einer Weile noch einmal darauf ansprach, ich den Text noch einmal hervorkramte und ein wenig aktualisierte.
John Dewey (1859-1952) Lernen ist keine Vorbereitung auf das Leben, sondern das Leben selbst.
Deweys Werk ist sehr umfangreich, die Werkausgabe füllt 39 Bände. Es war gar nicht so einfach, aufzuschreiben, was genau mir daran gefällt. Es hat aber auch Spaß gemacht. Ich stelle die Antwort auf Leszek hier einfach als eigenständigen Text ein.
 
Wenn sich zu den Themen, die in diesem Blog sonst eine Rolle spielen, Verbindungen ergaben, habe ich kurz darauf aufmerksam gemacht. Ansonsten ist es aber auch schön, hier einmal einen Text zu veröffentlichen, der mit Geschlechterdebatten nur am Rande etwas zu tun hat. Also:

Sonntag, 15. März 2015

Vom Schweigen der Männer und vom Neuland offener Debatten

Ein Interview mit Johannes Meiners, Mitverfasser der ersten Club of Vienna-Studie zur Geschlechtergerechtigkeit
 
„Die Teilhabe von Frauen und Männern am Geschlechterdiskurs und an der Neugestaltung der Geschlechterrollen": Unter diesem Titel veröffentlichte der Club of Vienna vor wenigen Tagen eine Studie über die Vielfalt heutiger Geschlechterdebatten (in Kurzfassung und Langfassung verfügbar).

Die Verfasser Christine Bauer-Jelinek und Johannes Meiners präsentieren dort nicht nur unterschiedliche „Feminismen“. Sie zeigen auch, dass sich mehr und mehr Männer eigenständig an diesen Debatten beteiligen und dass heute feministischen Deutungen durch mannigfaltige Kritik und alternative Ansätze fundiert widersprochen wird.

Ich hatte die Gelegenheit, mit Johannes Meiners ein Interview zu dieser Studie zu führen.
Derailing: Wie groß die Möglichkeiten dieses Jungen sind, seine Schienen zu verlassen und andere Wege zu suchen als die vorgesehenen - das hängt auch davon ab, wie offen und frei demokratische Debatten geführt werden können, nicht nur zu Themen der Geschlechtergerechtigkeit.
Christine Bauer-Jelinek und Johannes Meiners haben für den Club of Vienna gerade eine Studie zur Öffnung dieser Debatten vorgelegt.
 
Schoppe: Der Titel Eurer Studie hört zunächst etwas kompliziert an. Kannst Du kurz erklären, worum es dabei geht?

Johannes Meiners: Es geht um die Möglichkeit und Notwendigkeit eines echten Diskurses, der vielstimmig verläuft und für die Zukunft tragfähige Lösungen von Herausforderungen und Konflikten möglich macht.

Zunächst hieß die Studie „Partizipation von Männern und Frauen in unterschiedlichen Lebensbereichen". Davon lösten wir uns während der inhaltlichen Entwicklung der Studie, um eben diese Inhalte auch im Titel für den künftigen Leser sachlich zu präzisieren.

Freitag, 27. Februar 2015

Zwischen Hetze und Liebedienerei

Ein Kommentar zur SWR2-Sendung Maskulinisten – Krieger im Geschlechterkampf
 
Ein Blogger aus einem obskuren Blog fabuliert über die „gesellschaftspolitischen Gefahren des Frauenwahlrechts“ – ein Experte beichtet über eine politische Bewegung, die von „Feindseligkeit (…) gegenüber Frauen, Weiblichkeit und insbesondere gegenüber dem Feminismus und der Frauenbewegung“ geprägt sei – und Ausschnitte aus einer Veranstaltung des Magazins Compact sind von Sirenen unterlegt. Dazwischen der Titel der Sendung: Maskulinisten – Krieger im Geschlechterkampf, geschrieben von Nina Marie Bust-Bartels.

Schon der Beginn dieser Hörfunksendung, die bei SWR2 mehrfach ausgestrahlt wird, kreiert den Eindruck eines Bürgerkrieges. Offenkundig gewaltbereite Männer würden gegen Feministinnen, ja gegen alle Frauen entschlossen in die Schlacht ziehen, um die Fortschritte der letzten Jahrzehnte wieder zunichte zu machen.

Dass eine solche ressentimentgeladene, holzschnittartige Freund-Feind-Darstellung von eben dem kriegerischen Ethos bestimmt ist, das sie den politischen Gegnern unterstellt – das kann angesichts der beschworenen Gefahren natürlich keine Rolle spielen.

Dabei ist schon der Titel falsch: Wer eigentlich bezeichnet sich selbst als „Maskulinist“? Oder, anders gefragt: Wer würde schon von „Femininistinnen“ reden?
Mit diesem Bild illustriert der SWR auf seiner Homepage seine Sendung Maskulinisten - Krieger im Geschlechterkampf. Es ist kaum vorstellbar, dass eine Sendung über Feministinnen ähnlich bebildert würde.
Ein nackter Oberkörper, rasiert, glänzend, muskulös - ganz das Bild eines starken, selbstverliebten Mannes, der sich allerdings absurderweise selbst als Opfer wahrnimmt. Immerhin passt das Bild zur Sendung: Es zeigt gleichsam einen Torso und lässt alles weg, was hier gerade nicht von Interesse ist.
Vor allem aber stehen keine kriegerischen Auseinandersetzungen an. Im Laufe der vergangenen Jahre hat sich allerdings etwas ganz anderes verändert: Männer äußern sich weitaus häufiger und selbstbewusster zu geschlechterpolitischen Themen als noch vor einem Jahrzehnt, und sowohl Männer als auch Frauen greifen die Vorstellung an, Geschlechterdebatten könnten legitim nur aus einer feministischen Perspektive geführt werden.

Mittwoch, 25. Februar 2015

Merseburger Zaubersprüche - Der Sexualwissenschaftler Heinz-Jürgen Voß als Erzieher

Dass eine Autorin dazu auffordert, ihr eigenes Buch bei Amazon positiv zu besprechen und negative Bewertungen als „nicht hilfreich“ abzuwerten, ist ja eigentlich schon ungewöhnlich. Dass ein deutscher Professor versucht, aus einem solchen Verhalten eine umfassende politische Aktion zu machen, ist noch seltsamer.
 
Heinz-Jürgen Voß,  Professor für „Sexualwissenschaft und sexuelle Bildung“ an der Universität Merseburg, hat das gerade getan. In einem Brief  an „Liebe Freund_innen, liebe Kolleg_innen“ schreibt er dagegen an, sich im Netz von „Maskulinisten und anderen extremen Rechten“ Diskussionen aufdrängen zu lassen, und ruft zu „emanzipatorischen Kommentaren und Rezensionen“ bei Amazon auf.
„Auf Grund der schlechten Arbeitsbedingungen kauft mensch dort zwar keine Bücher. Dennoch beeinflusst Amazon stark die Sicht auf Bücher. Daher: Lasst uns dort jeweils ein Profil haben und jeweils wöchentlich zwei Bücher positiv oder negativ besprechen. Dazu reicht ein Dreizeiler völlig aus. Das wirkt den häufig schlechten Bewertungen linker und emanzipatorischer Bücher entgegen.“
Diese öffentliche professorale Aufforderung, politisch unliebsame Texte organisiert abzuwerten und politisch opportune entsprechend hochzupunkten, kann als erfrischend oder auch als unseriös empfunden werden. Dreizeiler jedenfalls sind dafür sehr praktisch, weil sie für die Rezension eines Buches keine vorherige Lektüre erfordern, bloß seine politische Ausrichtung sollte halt bekannt sein. Michael Klein bemerkt spitz:
„Natürlich kommt Voß keinen Moment auf die Idee, dass die schlechten Bewertungen ‚linker und emanzipativer Bücher’ etwas damit zu tun haben könnten, dass die entsprechenden ‚linken und emanzipativen Bücher’ schlecht sind.“
Wie auch? – Diese Bewertung wäre nach Voß’ Kriterien ein Widerspruch in sich.
Nur Laien denken, hier wäre leicht zu unterscheiden, wer von diesen beiden Menschen schwanger ist.
Auf Voß' Positionen reagieren überhaupt Menschen gleichermaßen ablehnend, die ansonsten eigentlich gar nichts miteinander gemein haben. Akif Pirinçci wurde gerade wegen Beleidigung verurteilt, gegen den Blogger Kirk läuft ein entsprechendes Verfahren.  Aus einer völlig anderen Richtung und in ganz anderer Stillage schreibt Felix Riedl in einem langen und sehr lesenswerten Text  über ein Buch zur Beschneidungsdebatte, das Voß mit zwei anderen Autoren verfasst hat:
„Dankenswerterweise ist das Buch so kurz gehalten, dass man alle falschen Sätze darin rasch abgeschrieben hat – und das sind ungefähr alle.“
Und:
„Die drei Autoren haben es geschafft, auf 90 Seiten Adorno/Horkheimer und Foucault für ihren Aufklärungsverrat als Geiseln zu nehmen. Es bleibt zu hoffen, dass dieses durchsichtige, zynische Manöver nicht nur Laien auffällt, sondern auch der akademischen Kaste, an die sich der Band richtet (…)“
Was hat der junge Professor eigentlich an sich, dass er aus solch verschiedenen Richtungen solche Ablehnung auf sich zieht? Ihm selbst jedenfalls wird sie womöglich ganz recht sein, weil er sie als Beleg dafür verbuchen kann, dass eine linke und emanzipatorische Politik in diesem Lande mit heftigen Widerständen zu kämpfen hat.

Ich habe mir einmal einen Text näher angeschaut, den Kirk bereits verrissen hat – ein Interview, das Voß Liz Weidinger vom Magazin Fluter  gegeben hat. Dieses Magazin nämlich wird von der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegeben und liegt in Schulen frei aus. Es bietet also die Möglichkeit, nach dem pädagogischen Nutzen von Voß’ Positionen zu fragen.
 
Ruhig, gelassen und ohne Aggressionen natürlich, wie das ja eh so meine Art ist.

Donnerstag, 12. Februar 2015

Zeit für neue Lieder

Zu Christoph Kucklicks Das unmoralische Geschlecht. Vierter Teil
 
Nach der Auseinandersetzung mit Kucklicks Position im ersten Teil und den Bezügen von Kucklicks Analysen zu Beispielen aus den achtziger und neunziger Jahren (zweiter Teil) und der Gegenwert (dritter Teil) ist dieser Text nun ein Abschluss. Es geht darum, welche Konsequenzen sich aus Kucklicks Text für gegenwärtige Debatten ergeben können.
 
 
In den Kommentaren  zum vorangegangenen Artikel zitiert Stefan W. einen Satz aus dem Buch, der Kucklick unmittelbar anschließt an ein Konzept von Warren Farrell: das des disposable male, des rundum verfügbaren Mannes, oder auch – des Wegwerf-Manns. Über die Beschneidung schreibt Kucklick, schon ein Junge habe lernen müssen,
„dass sein Körper nicht ihm selbst, sondern dem Kollektiv gehört“. (324)
Kennzeichnend für die moderne Gesellschaft sei der Druck, für ganz unterschiedliche Funktionen – in unterschiedlichen Berufen, gegenüber den Institutionen – nutzbar zu sein und die eine Verfügbarkeit auch organisieren zu können. Diese „segmentierte Verfügbarkeit“ sei „zum Wesensmerkmal von Männern erklärt“ worden. (172)

Damit geht Kucklick noch über Farrells berühmte Begrifflichkeit hinaus. Eben gerade darum, weil Männer für die ökonomischen und sozialen Strukturen moderner Gesellschaften in hohem Maße verfügbar sein müssen, eignen sie sich auch als Repräsentanten moderner Strukturen, eben als „das moderne Geschlecht“ (12). Als Repräsentanten dieser Strukturen aber werden sie wiederum zur Projektionsfläche von Ängsten, in ihnen können sich Widerstände gegen moderne Entwicklungen sinnbildlich bündeln.

Dass sie dann aber, wie Kucklick wieder und wieder nachweist, als Tiere, als Monstren, als Gewalttäter dastehen, legitimiert wiederum ihre unbegrenzte Verfügbarmachung.

Diese sich selbst legitimierende, umfassende Nutzbarmachung korrespondiert mit einem haltlos idealisierenden Bild „der Frau“. Die Frau nämlich bleibe, so die moderne Phantasie, dieser umfassenden Vernutzung fern. „Besonders wichtig ist ihre Ferne zum Wirtschaftssystem, ihre Nicht-Käuflichkeit.“ (226)
 
Für den Mann ist die Frau damit gleichsam eine nahe, konkrete Utopie. Unter dem Druck der entfremdenden Verfügbarmachung ist sie hier gleichsam die Garantie, dass es noch so etwas wie eine unberührtes Menschsein gäbe, für das sich die eigene Entfremdung lohnt – und das selbst niemals ganz bezahlt werden könne.
 
Hier wird auch klar, dass es eigentlich überhaupt nicht um real existierende Männer und Frauen geht, sondern um Fantasien. „Mann“ und „Frau“ werden hier als Chiffren verwendet, mit denen die unüberschaubaren ökonomischen und sozialen Strukturen moderner Gesellschaften im Selbstverständnis der Beteiligten verankert werden.
"I'm a man!" - "Well, nobody's perfect." Dass sich durch die Verwandlung aller Menschen in Frauen auch alle Probleme moderner Gesellschaft  lösen würden, kann ruhigen Gewissens als seltsame Fantasie abgetan werden. Tony Curtis, Jack Lemmon, Marilyn Monroe und andere in Billy Wilders Some Like It Hot.
Klar wird aber auch, dass die Konzepte, über die Kucklick schreibt, tief bürgerliche Konzepte sind: Weder im Adel noch im Proletariat – bei Fabrik- oder Landarbeitern etwa, bei denen Männer und Frauen gleichermaßen selbstverständlich arbeiten mussten – hätte diese Geschlechterkonzeption einen Sinn ergeben.

Dass heutige Debatten Muster nachvollziehen, die Kucklick schon in der Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts beschreibt, war  Thema der beiden vorangegangenen Texte. Diese Strukturähnlichkeiten zeigen zumindest eines: Die Heldinnenerzählung ist nicht zu halten, dass nach einer jahrhundertelangen Dominanz patriarchaler Zuschreibungen die Frauenbewegungen des 20. Jahrhunderts endlich diese erstarrten Herrschaftsformen durchbrochen hätte. Diese Legende ist offenkundig selbst Teil eben der Strukturen, die zu analysieren sie vorgibt.

Donnerstag, 5. Februar 2015

Politik und Kinderfeindschaft

Zu Christoph Kucklicks Das unmoralische Geschlecht. Dritter Teil
 
Die Sittlichkeitsbewegung des endenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts habe, so Christoph Kucklick in Das unmoralische Geschlecht, ein besonders negatives Bild des Manns gezeichnet:
„als triebhaft unberechenbarer Verführer und als Beschmutzer nicht nur der Frauen, sondern der Gesellschaft.“ (328)
Als Projektionsfläche moderner Entwicklungen steht „der Mann“ als egoistisch dar, weil er sich nicht in vorgegebene Ordnungen einpasse, sondern auf sich selbst bezogen bleibe – als animalisch, weil er nicht oder nur zum Teil durch seine Eingliederung in dieser sozialen Ordnungen humanisiert wird – und als potenziell gewalttätig, weil er in seinem Egoismus und seiner fehlenden Impulskontrolle dazu neige, sich ohne Rücksicht auf Grenzen zu nehmen, was er wolle.
Die autoritäre Pädagogik ist offenkundig langlebig. Zur Zeit kommt sie, unter anderem, als progressive, antisexistische Jungenpädagogik daher. Eine Szene aus François Truffauts Sie küssten und sie schlugen ihn (1959)
Es gibt einen Bereich, in dem sich all diese moralisch verwerflichen Aspekte bündeln lassen: nämlich die Sexualität. Sie umfasst natürlich das Animalische – sie umfasst den Egoismus, wenn die männliche Sexualität nicht als Form der Zuwendung zu anderen Menschen, sondern als bloßes Ausleben eigener Triebe gedeutet wird – und sie umfasst natürlich das Gewalttätige, wenn der Mann, als Verführer oder Vergewaltiger imaginiert, seine sexuelle Gier ohne Rücksicht auf die Frau auslebt.

Noch im 18. Jahrhundert seien, so Kucklick, „die schwächeren Nerven der Frauen für die höhere weibliche Sinnlichkeit verantwortlich“ gemacht worden. (124) Doch innerhalb weniger Jahrzehnte sei diese Vorstellung in das Gegenteil gekippt:
„Fortan wurde der Mann mit einer triebhaften Sinnlichkeit identifiziert. (…) Er wurde zu dem Geschlechtswesen.“ (124)
Wenn sich also in der Sexualität von Männern die Probleme der Männlichkeit überhaupt bündeln, dann liegt es nahe, eine umfassende Lösung dieser Probleme ebenfalls auf dem Gebiet der Sexualität zu suchen.
 
Zudem liegt es nahe, sich dabei auf männliche Wesen zu konzentrieren, die noch formbar sind, noch nicht gefangen im – ihnen zugeschriebenen – Selbstbezug; nämlich auf Jungen.

Samstag, 31. Januar 2015

Der liebesunfähige Mann: Vom alten Klischee zur revolutionären Neuheit

Zu Christoph Kucklicks Das unmoralische Geschlecht. Zweiter Teil
 
Im ersten Teil der kleinen Winterserie über Christoph Kucklicks Das unmoralische Geschlecht habe ich seine Kernthese vorgestellt, dass über negative Darstellungen von Männlichkeit typische Widersprüche der Moderne ausgetragen würden.

Im mittleren Teil möchte ich, wie angekündigt, an konkreten Beispielen überprüfen, wie haltbar und wie hilfreich diese These ist.

Im letzten Teil werde ich dann einige Konsequenzen beschreiben, die sich in meinen Augen aus Kucklicks Schrift ergeben.

Die Beispiele, die sich für den mittleren Teil anboten oder aufdrängten, waren allerdings so zahlreich, dass ich zwei Texte daraus gemacht habe. Der eine, der hier gerade beginnt, bezieht Kucklicks Thesen auf Beispiele aus einer gerade erst vergangenen Zeit, die heute gleichwohl skurril und irreal wirken. Es sind Beispiele aus den achtziger und frühen neunziger Jahren, als die Obsession mit der Geschlechtszugehörigkeit feministische Zirkel verließ und zu einem Teil der Popkultur und Ratgeberliteratur wurde.

Der nächste Text wird sich dann mit Beispielen aus der unmittelbaren Gegenwart beschäftigen. Sie werden vermutlich in 20 Jahren ebenso irreal wirken wie manche Beispiele des folgenden Textes – wenn sie es nicht ohnehin jetzt schon tun.
Dass Männer irgendwie Tiere sind, ist seit Jahrhunderten ein gängiges Klischee. Mit Begeisterung wird es wieder und wieder inszeniert - und gern mit großem Gestus, als sei damit gerade eben erst eine revolutionäre, tiefgründige Wahrheit über die grundlegenden Bedingungen menschlicher Existenz neu entdeckt worden. Aus Doris Dörries Erfolgsfilm Männer.
 
 „Die Wirtschaftskrise ist vor allem eine Krise der Männer.“ Diesen Satz aus der Süddeutschen Zeitung und andere, ähnliche Sätze beschreibt Christoph Kucklick gleich zu Beginn seines Buchs Das unmoralische Geschlecht: Solche Aussagen würden ein Wissen darstellen,
„das als solches nur gelten kann, solange es nichts über sich selber weiß.“ (34)
Das bedeutet: Es sind scheinbar Äußerungen über die empirische Welt, die auch noch den Eindruck erwecken, durch sie würden tiefere Strukturen freigelegt – Strukturen einer männlichen Herrschaft, die zum Schaden aller wirke.

Tatsächlich aber sind es oberflächliche Klischees, und das sei denjenigen, die sie benutzen, vor allem einem Grund nicht klar: Sie merkten gar nicht, dass sie auf Klischees zurückgreifen, die seit Jahrhunderten im Umlauf sind und die in dieser Zeit immer wieder als Neuentdeckungen verkauft wurden.

Dass sich in diesen Klischees Widersprüche der Moderne spiegeln würden – dass deshalb auch die Männlichkeitsdarstellungen widersprüchlich seien, neben Idealisierungen auch eine lange Tradition der Männlichkeitsverdammnis pflegen würden: Das ist die Kernthese von Kucklicks Buch.

Wie glaubwürdig sie ist, lässt sich an konkreten Beispielen besser überprüfen als an allgemeinen, theoretischen Erwägungen.

Montag, 26. Januar 2015

Warum Männerfeindschaft modern ist

Zu Christoph Kucklicks Das unmoralische Geschlecht. Erster Teil

„Gleich zu Beginn der Finanzkrise sah das Magazin der Süddeutschen Zeitung, wie sich ein unheimlicher Penis der Zerstörung erhob. Neben dem Foto eines erigierten Büroturms und unter der moralstickigen Überschrift Hochmut kommt vor dem Phall schrieb das Blatt: ‚Die Wirtschaftskrise ist vor allem eine Krise der Männer.’ Um in Klammern und kokett hinzuzufügen: ‚Im Ernst: Wäre Frauen der ganze Mist passiert?’"
So beginnt Christoph Kucklick seinen Essay Das verteufelte Geschlecht, der 2012 in der Zeit veröffentlicht wurde.

Für massiv herabwürdigende, zugleich aber auch ungehemmt moralisierende Darstellungen von Männern präsentiert er dort eine lange Reihe aktueller Beispiele: Das Raunen des SZ-Autors beispielsweise, der angesichts der Finanzkrise über eine „Herde von Männern“ schrieb, um so den Mann als animalisch zu entlarven – einer ganz ähnlichen Wortwahl wie der, derer sich mit der gleichen Absicht dann etwas später die Zeit selbst bediente.

Die Deutung derselben Krise als „Testosteron-Krise“ durch den „Trendforscher“ Matthias Horx und, ganz ähnlich, durch die Premierministerin Islands.

Die weitgehend männlichen Teilnehmer des Weltwirtschaftsgipfels in Davos, die gegenüber dem Problemverursacher Mann Frauen ausdrücklich als Allround-Lösung globaler Herausforderungen präsentiert hätten. Männer dagegen habe die Zeit schon zehn Jahre zuvor als „Feinde der Menschheit“ dargestellt.

Oder die schwedische Politikerin Ireen von Wachenfeldt, „die in hinreißender Offenheit befand: ‚Männer sind Tiere’“.

Oder die Paranioa der Innsbrucker Politik- und Gender-Professorin Claudia von Werlhof, die eine Verschwörung von Männern phantasiert, welche mittels geeigneter Gerätschaften gezielt Erdbeben auslösen würden.

Das Philosophie-Magazin, das bereits in seiner dritten Ausgabe den Mann als „Das problematische Individuum des 21. jahrhunderts“ präsentiert hat.

Und natürlich der berühmte Satz aus dem sozialdemokratischen Grundsatzprogramm, der einen Gegensatz von Männlichkeit und Menschlichkeit konstruiert: „Wer die menschliche Gesellschaft will, muss die männliche überwinden.“

Kucklick kommentiert:
„So wie wir gelernt haben, schneller Reize wegen Bildschirme und Plakatwände mit nackten Frauen zu füllen, so haben wir uns antrainiert, jedem Problem einen männlichen Defekt beizugesellen, der es irgendwie verursacht haben soll. Kausalitätspornografie.“
Oder auch: der Männerhass als Moralporno.
 
Für Kucklick sind solche negativen Darstellungen von Männern nicht neu, und sie sind schon gar kein Resultat des Feminismus, dem er übrigens auch Verdienste zuschreibt.  Der Feminismus habe den Männerhass nicht erfunden, sondern lediglich genutzt.
 
Der Autor beschreibt ganz andere und viel ältere Quellen des misandrischen, also männerfeindlichen Ressentiments. Auf diese Quellen allerdings hätte eine feministische oder feministisch inspirierte Forschung tatsächlich den Blick verstellt: Sie sei ganz auf Geschlechterhierarchien fixiert, in denen Männer rundweg als Herrscher erschienen – und hätte das häufig mit Theorien flankiert, „denen zufolge Männer ihre Dominanz durch entsprechend Diskurse abgesichert haben.“ (S. 23)
 
Radikal negative Darstellungen von Männern, die Kucklick als beständige Begleiter der Moderne – also: der letzten zwei bis drei Jahrhunderte – herausstellt, seien darüber aus der Wahrnehmung verschwunden.

Das ist ein Kernthema seiner Dissertation „Das unmoralische Geschlecht“, deren Grundthesen er in seinem Zeit-Artikel erläutert. Das Buch ist in meinen Augen eine der wichtigsten geschlechtertheoretischen Arbeiten der letzten Jahrzehnte, und es ist es unbedingt wert, stärker in allgemeine Diskussionen aufgenommen zu werden. Dass er sich auf die hochkomplexe Systemtheorie Luhmanns bezieht, ist dabei sicher ein Hindernis – diesen Hintergrund hat gerade djadamoros in einem Text bei Geschlechterallerlei sehr fundiert erläutert.
So ist er, der Mann: schraubt frohgemut an einer Maschine herum, die längst viel größer ist als er - denkt, er hätte dabei die Sache in der Hand - und wird eigentlich nur ein wenig wunderlich.
Kucklick untersucht Texte von Schriftstellern der Aufklärungszeit, von bekannten wie Fichte, Kant oder Schleiermacher, aber auch von vielen heute unbekannten Autoren. Seine Grundthese: Die gängige Vorstellung ist zumindest ergänzungsbedürftig, Männer seien durchweg als überlegene Vernunftmenschen und Frauen als unterlegene Defizitwesen dargestellt worden. Zugleich hätten die Texte noch eine ganz andere Tendenz: nämlich Männer als Mängelwesen zu präsentieren, als Monstren, als instinktgeleitete, halb-tierische Wesen – und Frauen als humanes, rettendes Gegengewicht zur männlichen Destruktivität.

Zugleich geht Kucklick davon aus, dass die Positionen dieser Texte aus dem 18. und frühen 19. Jahrhundert durch die Jahrhunderte wieder und wieder aufgefrischt worden seien – die Feindseligkeit gegenüber Männern sei bis heute ein Kennzeichen der Moderne.

Natürlich bedeutet das nicht, dass diese Feindschaft sämtliche Bereiche des sozialen Lebens durchdrungen hätte – die Schriften der Aufklärung, die Kucklick untersucht, sind Schriften einer verschwindend kleinen Gruppe bürgerlicher Intellektueller. Gleichwohl ist es eine starke These, dass es – neben Traditionen der Idealisierung von Männern – zugleich auch eine lange Kontinuität der Männerfeindschaft gegeben habe.

Ob sich das so halten lässt, ob sich tatsächlich Kontinuitäten der Feindschaft gegenüber Männern vom 18. Jahrhundert bis heute beschreiben lassen, und was das alles eigentlich mit den Entwicklungen der Moderne zu tun hat – das sind Fragen, die weit weniger theoretisch sind, als sie auf den ersten Blick aussehen. Aus ihren Antworten ergeben sich zudem wichtige Konsequenzen für heutige Geschlechterdebatten.

Ich hatte mir am Ende des vergangenen Jahres die Zeit genommen, Kucklicks Buch einmal im Zusammenhang zu lesen, schon mit der Absicht, darüber etwas zu schreiben. Ich habe dann gemerkt, dass das Buch zu umfassend für einen Text ist – also mache ich drei daraus, von denen der erste, dieser hier, eher theoretisch ist und die Kernthese von Kucklicks Buch skizziert, während die folgenden Texte sich dann mit konkreten Beispielen auseinandersetzen.

Da djadmoros die wichtigen Luhmann-Bezüge schon erläutert hat, kann ich mich stärker auf anderes konzentrieren: Was können wir mit Kucklicks Buch in aktuellen Debatten anfangen? Welche Konsequenzen ergeben sich aus den Ergebnissen seiner Forschung?

Dienstag, 16. Dezember 2014

Die Herrschaft der Unschuld (Monatsrückblick November 2014)

Sigmar Gabriel war sauer. Richtig sauer.
„'Wenn Männer das als nervig empfinden, zeigt das eher, dass Männer ein Problem haben', sagte Gabriel. Es sei auch Schwesigs Aufgabe 'zu nerven, wenn die Dinge so im Argen liegen'."
Da hatte doch CDU-Fraktionschef Kauder Gabriels Familien- und Frauenministerin Manuela Schwesig glatt als „weinerlich“ bezeichnet, weil sie sich über Widerstände gegen die Frauenquote in Aufsichtsräten beschwert hatte.
 
Nicht jedem wird die feine Ironie aufgefallen sein, mit der ausgerechnet Gabriel so entschlossen als ihr  Befürworter in den Ring stieg. Schließlich taugt der SPD-Chef tatsächlich als fleischgewordenes Argument für die Quote:
 
ein Mann massiver Misserfolge, der seinen Posten als niedersächsischer Ministerpräsident von Gerhard Glogowski übernommen hatte und mit der SPD bei seiner ersten Landtagswahl eben diesen Posten und dazu fast 15 % der Stimmen seiner Partie krachend verlor, der es aber seinen guten Vernetzungen und seinem aggressiven, dominanten Territorialverhalten verdankt, dass er von dort aus schnell an die Spitze seiner Partie unterkommen konnte.

Einen ganz anderen Habitus, aber eine ähnliche Geschichte hat der für die Quote wesentlich mitverantwortliche Justizminister Heiko Maas, der ebenfalls als Spitzenkandidat mit einem Minus von 14 % und danach sogar mit dem schlechtesten Ergebnis der Parteigeschichte gleich drei Landtagswahlen so beeindruckend verloren hatte, dass ihn das kurze Zeit später irgendwie an die Spitze eines Ministeriums katapultierte. Was wir können, könnt ihr schon lange – wenn Gabriel und Maas das den Frauen Deutschlands zurufen, wird es vermutlich kaum eine bezweifeln.

Nur dass es bei der Quote tatsächlich um „die Frauen Deutschlands“ geht, ist eher zweifelhaft – es geht, natürlich, um eine extrem kleine, ohnehin schon privilegierte Schicht. Zu diesem Punkt wäre vielleicht ein Wort der Erklärungen von Sozialdemokraten nett gewesen.
Demonstranten an der University of Virginia nach den Vorwürfen gegen Mitglieder der Studentenverbindung Phi Kappa Psi, sie hätten auf extrem brutale Weise eine junge Studentin vergewaltigt. Let's Smash Patriarchy and the rest of Phi Kappa Psi's wankers (Lasst uns das Patriarchat zerschlagen und den Rest der Phi Kappa Psi-Wichser), steht auf dem Plakat links oben, Burn the frat houses down (Brennt die Verbindungshäuser ab) auf dem Plakat rechts oben.
Die Vergewaltigungsvorwürfe erwiesen sich als falsch.
Es gibt schließlich viele Familien mit erheblichen Problemen – sei es, dass sie Kosten für Wohnraum, Lebenshaltung, Kindergarten, Kinderbetreuung nur noch schwer durch die eigene Erwerbsarbeit begleichen können; sei es, dass Kinder in Familien aufwachsen, die sich auf den Bezug von Sozialleistungen eingestellt haben und den Kindern kaum einen strukturierten Tagesablauf bieten; seien es Migrantenfamilien, die sich in Parallelgesellschaften einrichten und damit ihren Kindern das Leben in Deutschland erheblich erschweren; seien es Hunderttausende von Kindern, die ohne ein Elternteil – in der Regel ohne Vater – aufwachsen und die damit nicht nur beträchtliche erntwicklungspsychologische Risiken tragen, sondern auch von Kinderarmut bedroht sind.
 
Was aber ist das wesentliche Problem der Familienministerin, ihr Leib- und Magenthema, ihr politisches Ausstellungsstück und Prestigeprojekt, mit dem sie sich profilieren möchte? Eine Frauenquote, von der deutschlandweit bestenfalls wenige hundert sehr privilegierter Frauen profitieren können.

Mit kommt es so vor, als seien Sozialdemokraten früher irgendwann einmal anders gewesen, aber es kann natürlich auch sein, dass ich das geträumt habe.

Mittwoch, 10. Dezember 2014

Ein Massenmord und seine Verwerter

Er „wusste in einem Spielzimmer nichts mit Spielsachen anzufangen, im Spiel mit anderen Kindern fehlte ihm Vorstellungskraft und Empathie und er konnte seine Gefühle nicht ausdrücken. (S. 29) Seine Mutter pflegte eine doppelte Kommunikation mit ihrem Sohn, stieß ihn von sich weg und zog ihn hinterher wieder eng an sich heran. Dies ging soweit, dass sie ihrem Sohn sagte, sie wünschte, er wäre tot und einem Mitarbeiter der Sozialbehörde ebenfalls sagte, dass sie ihren kleinen Sohn loswerden wolle, was auch immer sie damit meinte.“
Vor einigen Tagen hat mich ein Leser auf einen Text im Blog Kriegsursachen aufmerksam gemacht, in dem über das Buch berichtet wird, das der Vater des Massenmörders Anders Breivik geschrieben hat. Das gleiche Blog stellt auch das Buch „A Norwegian Tragedy“ von Arge Borchgrevink über die Kindheit des Massenmörders vor. Das Eingangszitat stammt aus eben dieser Rezension.
Auf der norwegischen Insel Utøya überfiel Anders Breivik  am 22. Juli 2011 ein Sommercamp der norwegischen Jungsozialisten und ermordete 69 Menschen. Die Opfer waren zwischen 14 und 51 Jahre alt, 32 von ihnen unter 18 Jahre. Zuvor hatte Breivik im norwegischen Regierungsviertel eine Bombe gezündet und dabei acht Menschen getötet. Foto: Paal Sørensen 2011
Das Verhältnis Breiviks zur Mutter, so Borchgrevink, sei früh massiv gestört gewesen. Schon während der Schwangerschaft habe sie den Jungen als schwieriges Kind erlebt, „das rastlos war und sie trat“. 
 
Breiviks Kindheit ist, für eine Weile, deswegen außergewöhnlich gut dokumentiert, weil die Mutter mit dem vierjährigen Sohn  erheblich überfordert war, staatliche Stellen um Hilfe bat, das staatliche Zentrum für Kinder- und Jugendpsychiatrie (SSBU) sich einschaltete und die Familie über einige Wochen hinweg untersuchte.

Borchgrevink beschreibt in seinem Buch, wie die Mutter auf die Untersucher desorientiert gewirkt hätte („When they arrived, Wenche apperared disoriented, demanding and suspicious. She could not find the way up from Gaustad, even though there was really only one road to take.“ Position 848). Die dringende Empfehlung des SSBU, den Jungen nicht weiter bei seiner Mutter zu belassen, wird durch beunruhigende Passagen aus dem Untersuchungsbericht erklärlich, die der Autor zitiert.
„Ein wesentlicher Anteil an den wachsenden Schwierigkeiten der Mutter in den der letzten Jahren hängt mit ihrer extrem ungewöhnlichen Beziehung zu Anders zusammen. Sie projiziert ihre primitiven und sexualisierten aggressiven Fantasien auf ihn, alles, was sie als gefährlich und aggressiv in Männern wahrnimmt. Ihre tägliche Interaktion mit ihm ist durch einen großen Teil widersprüchlicher Kommunikation charakterisiert; auf der einen Seite ist sie symbiotisch, während sie ihn zugleich mit ihrer Körpersprache zurückweist, und sie kann plötzlich wechseln zwischen einer übertrieben süßlichen Weise, mit ihm zu sprechen, und offen ausgedrückten Todeswünschen.“ (Zitat 1, siehe unten)
Neben der extremen Aggressivität und der unlösbaren Widersprüchlichkeit des mütterlichen Verhaltens habe so auch der Verdacht sexuellen Missbrauchs im Raum gestanden („abuse of a sexual nature“).

Der in Paris lebende Vater, alarmiert durch den Bericht, zog vor Gericht, um das Sorgerecht für seinen Sohn zu erhalten. Er scheiterte an einem konservativen Richter, in dessen Augen ein Kind zu seiner Mutter gehöre. („The judge was an elderly man, a representative of the post-war-generation, and possibly also of 1950 values and principles.”)

Das Buch Borchgrevinks wurde in Norwegen mit dem Kritikerpreis ausgezeichnet und ist in Deutschland kaum bekannt. Auch Väterorganisationen haben nicht versucht, aus der brutalen Geschichte Kapital zu schlagen – ganz offensichtlich sind, zum Glück, die Skrupel zu groß, aus der Ermordung von fast achtzig Menschen Kapital zu schlagen.

Unter anderem deshalb, weil bekanntlich nicht alle Beteiligten solche Skrupel hatten, lohnt sich ein Blick zurück auf den Fall.

Samstag, 15. November 2014

Im Orbit um den eigenen Hintern

Wie man um sich selbst kreist und dabei Widerlinge produziert

Der Komet Tschurjumow-Gerasimenko, genannt Tschuri, ist 510 Millionen Kilometer von der Erde entfernt. Sein Kern ist gerade einmal 4x3,5x3,5 Kilometer groß.  Am 12. November gelang Wissenschaftlern trotzdem eine „schwierige und bisher noch nie gewagte Landung“: Sie landeten eine kleine Raumsonde auf dem winzigen Kometen – nämlich den Lander Philae, der zuvor von der Raumsonde Rosetta abgesetzt wurde, die in einer genau berechneten Umlaufbahn den Kometen umrundete.

An der Mission sind siebzehn Länder beteiligt, unter anderem Deutschland – sie kostet etwa eine Milliarde Euro –  ihr Ziel ist es, Informationen über die Geschichte des Sonnensystems zu gewinnen. Die beteiligten Wissenschaftler mussten in vielerlei Hinsicht Neuland betreten“, um die Landung möglich zu machen.

Die Namen von Sonde und Lander haben berühmte Vorbilder, und sie weisen darauf hin, welch ein Meilenstein diese Mission ist:
„Die Sonde ist nach der ägyptischen Hafenstadt Rosette benannt, der Lander nach der Insel Philae im Nil. Beide Orte sind für dort gefundene 'Meilensteine' der Entzifferung der altägyptischen Schriften bekannt: den Stein von Rosette und einen Obelisken auf der Nilinsel.“
Kurz vor der Landung, also kurz vor dem Höhepunkt einer epochalen wissenschaftlichen Leistung, machte einer der wesentlich verantwortlichen Wissenschaftler, Matt Taylor, einen ungeheuren Fehler: Er gab ein Interview, bei dem er ein falsches Hemd trug.
Hier freut sich Matt Taylor noch, weil er irrtümlicherweise tatsächlich glaubt, seine enorme wissenschaftliche Leistung sei wichtiger als das Hemd, das er trägt.

Montag, 3. November 2014

Nichts gelernt? Die Sexualpädagogik und die Verbrechen im Odenwald

Was Christoph Freys Fernsehfilm „Die Auserwählten" mit heutigen Debatten um Sexualität und Schule zu tun hat
 
„Was die Kinder wollen, fragt keiner. Bei den Massagen für Zehnjährige, Stichwort ‚Gänsehaut’, genügt laut Anweisung jedenfalls dünne Kleidung, damit der unterschiedliche Druck und die verschiedenen Streichrichtungen auch erspürt werden können. Dabei dürfen verschiedene Massagetechniken angewendet werden, auch ‚vorgezeigt durch die Leitung’. Von außen sollte der Raum nicht einsehbar sein, empfehlen die Autoren.“
So beunruhigt berichtet Antje Schmelcher in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über eine Methode der Sexualpädagogik der Vielfalt, die von der Kasseler Professorin Elisabeth Tuider und anderen entwickelt wurde (im Volltext kann die Methodensammlung hier gelesen werden). Schmelcher: 
„Die sexuelle Aufklärung missachtet Grenzen. Die Politik will es so. Kinderschützer schlagen Alarm.“
Demonstrativ irritiert gibt sich auch Jan Fleischhauer im Spiegel
„Ich ging bislang davon aus, dass Kinder im Aufklärungsunterricht vor allem etwas über Verhütungsmittel lernen, um ungewollte Schwangerschaften zu vermeiden. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass offenbar auch die Einübung in Sexualtechniken, die selbst vielen Erwachsenen fremd sind, zum Unterrichtsstoff gehört."
Alexander von Beyme wiederum kritisiert wiederum Schmelchers Artikel scharf. Sie habe Textpassagen aus dem Zusammenhang gerissen und entstellt. Zur oben zitierten Textstelle schreibt er beispielsweise:
„Die Autorin will den Eindruck erwecken, dass sich hier Kinder gegenseitig stimulieren. Wer die Übung auf Seite 178 nachschlägt, stellt fest, was Schmelcher hier schon wieder unterschlagen hat: Die Kinder berühren sich nicht mit den Händen, sondern streicheln sich mit unterschiedlichen Materialien wie Wolle, Federn, Tennisbälle. Es geht darum, Köperreize wahrzunehmen und hinterher darüber sprechen zu können, was als angenehm oder eher unangenehm empfunden wird.“
Doch auch von Beyme selbst zitiert selektiv und entstellend und legt Schmelcher Formulierungen in den Mund, die nicht von ihr stammen. Sie versuche beispielweise, den Vorstand der Gesellschaft für Sexualpädagogik Uwe Sielert zu diskreditieren, der mit Elisabeth Tuider zusammengearbeitet hat.
„Er wird in die Nähe des verstorbenen Professors Kentler gerückt (‚väterlicher Freund’ Sielerts) , dem posthum eine Verharmlosung von Pädosexualität vorgeworfen wird.“
Kentler hatte beispielweise Jugendliche bei ihm bekannten Päderasten untergebracht. Die Formulierung, er sei „väterlicher Freund“ Sielerts gewesen, kommt in Schmelchers Text allerdings überhaupt nicht vor, sondern stammt aus einer 2009 veröffentlichten Festschrift für Sielert, die unter anderem ausgerechnet von Elisabeth Tuider herausgegeben wurde. Dort hatte diese Formulierung ganz eindeutig nicht den Sinn, Sielert zu diskreditieren.
 
 
Die Diskussion ist auch deswegen festgefahren, weil einige Vertreter beider Seiten mit Vorliebe das wahrnehmen, was in ihr Bild passt. Vor dem Hintergrund aber, den Schmelcher, von Beyme und auch Amendt ansprechen, lässt sich genauer fragen, warum sie eigentlich so aufgeladen ist und so aufgeregt geführt wird. 
 
Denn: Was eigentlich haben eine sich progressiv gebende Sexualpädagogik und die Politik, die sie unterstützt, aus den ungeheuren Skandalen der letzten Jahre und Jahrzehnte gelernt – aus den systematischen und systematisch vertuschten Verbrechen an der Odenwaldschule oder aus den Pädaophilieunterstützung der frühen Grünen? Es lohnt sich ein Blick auf einen Film, den die ARD am 1. Oktober 2014 ausgestrahlt hat und der den sexuellen Missbrauch an der ehemaligen Vorzeige-Reformschule zum Thema hat: Christoph Freys Die Auserwählten.

Freitag, 29. August 2014

Coke contra Pepsi, oder: Wozu ist nochmal diese linke Männerpolitik gut?


„Dass es einen ‚linken Flügel der antisexistischen Männerbewegung‘ gibt, ist mir neu, und ist durchaus amüsant. Wo lässt der sich denn einordnen, innerhalb der Linken? Steht der eher in der Nähe des ‚linken Flügels zur Pflege des Ansehens der militärischen Tradition‘ oder doch eher in der Nähe des ‚Linken Flügels zur Verbesserung der pekuniären Situation des Großunternehmertums?‘“
Soweit amüsiert zeigte sich der Kommentator „führerscheinnichtnutzer“ unter Sarah Schascheks Tagesspiegel-Artikel „Brutale Drohungen im Internet Hetze gegen Genderforscherinnen“. Für Rechte von Männern einzutreten sei also, als würde man für die Rechte von Militaristen oder die von Großunternehmern eintreten – eine klassische Angelegenheit der politischen Rechten. Der Begriff antisexistisch passt ihm hier ohnehin nicht und wird daher souverän ignoriert.

Dass führerdings sein stillschweigendes Argument nicht ausdrücklich formuliert, sondern ironisierend verpackt, hat wohl einen guten Grund. Schon wer nur kurz nachdenkt, wird auf viele Männer oder Jungen kommen, die in deutlich hilfloseren Situationen leben als militärische Traditionalisten oder Großunternehmer: Obdachlose; Väter ohne Möglichkeit zum Kontakt zu ihren Kindern; einfache Soldaten; Arbeiter in gesundheitsgefährdenden Berufen; Jungen mit ihren spezifischen Schwierigkeiten in der Schule…
 
Kurz: Er wird auf Menschen kommen, deren Interessen einmal ein Kernanliegen linker Politik waren. Dass die Ironie der zitieren Passage überhaupt verfangen kann, setzt daher voraus, dass auf Seiten von Linken und solchen, die es sein wollen, die Vorstellung fraglos betoniert ist, ein Engagement für Fraueninteressen sei „links“ und eines für Interessen von Männern sei irgendwie „rechts“.

Eben eine solche betonierte Gegenüberstellung wird auch von ganz anderer Seite bestätigt.
„Wie lange wollen sich ‚linke Männerrechtler‘ noch von Vertretern ihres eigenen Lagers verprügeln, verleumden und ‚positiv‘ (sic!) diskriminieren lassen, bevor sie erkennen, daß ‚links‘ heute explizit ‚Feminismus‘ und ‚Anti-Maskulismus‘ bedeutet? Sorry, aber aus meiner bescheidenen Sicht ist das naiv und/oder sehr masochistisch“,
stellte der Kommentator „Horst“ vor einigen Wochen nach Christian Schmidts Artikel zu Robert Claus‘ Maskulismus klar.
 
Nun gibt es allerdings schon seit einiger Zeit Texte, die Feminismuskritik und Engagement für Männerrechte ausdrücklich aus einer politisch linken Position heraus formulieren. Arne Hoffmann hat viele davon in einer langen Linkliste versammelt, und sein eigenes Plädoyer für eine linke Männerpolitik gehört unbedingt dazu.

Da Horst sich bei Alles Evolution jedoch durch den Hinweis auf diese Texte nicht überzeugen ließ, und da es anderen vielleicht ähnlich geht, versuche ich es einmal anders – nämlich in einer ganz persönlichen Perspektive zu erzählen, wie jemand eigentlich dazu kommen kann, links zu sein und sich für Rechte von Männern zu engagieren.

Donnerstag, 21. August 2014

Evangelisches Männerbasteln (und andere Formen der Hate Speech)

„Macker sein klappt nicht auf Anhieb. Es gibt da so Übungen.“
Das steht auf der Titelseite einer Zeitschrift, die ich im Urlaub zufällig gelesen habe. Neben den Sätzen das Bild einer jungen Frau, die einen Mann darzustellen versucht und die sich zu diesem Zweck eine Mütze aufgesetzt hat und böse guckt.

Es ist das Titelbild des Magazins chrismon, das von der evangelischen Kirche finanziert und in einer Auflage von fast 1.600.000 Exemplaren monatlich der Zeit und diversen Tageszeitungen beigelegt wird. Damit ist die Auflage fast doppelt so hoch wie die gegenwärtige Auflage des Spiegel.
 
Mir fiel das Magazin zum ersten Mal auf, als es vor zwei Jahren in mehreren Beiträgen einer Ausgabe  über häusliche Gewalt berichtete und den Eindruck erweckte, diese werde allein von Männern allein an Frauen ausgeübt – was Arne Hoffmann damals, allerdings ohne kirchlich gesponsorte Millionenauflage, richtig stellte.

Wer das Heft aus meinem Urlaub dann aufschlägt, sieht auf Seite drei die junge Frau vom Titelbild noch einmal unverkleidet, als Frau, was in diesem Fall mit „freundlich lächelnd“ übersetzt werden kann.
„Olga fand es super, auf der Straße als Mann durchzugehen. Endlich mal keine Anmache . . .“,
steht diesmal daneben. Damit und mit den entsprechenden Bildern ist dann auch schon klar, wie Männer so sind: grimmig dreinblickende Anmacher, die sich breitbreinig raumgreifend in Sofas fläzen und gleich mehrere Plätze beanspruchen, während Frauen gesittet die Beine übereinander schlagen und mit einem einzigen Platz auskommen, wie sich das gehört.
Ein gemachter Mann. Alles, was für die Herstellung von Männlichkeit benötigt wird, ist ein unordentlicher Haarwuchs und ein grimmiger Blick. Hier fehlte jetzt nur noch eine raumgreifende Armhaltung, und die Illusion wäre perfekt.
Eigentlich ist so auch die Kernaussage der Titelgeschichte schon deutlich geworden, ohne dass es nötig war, eine einzige Zeile von ihr anzuschauen. Ich hab sie trotzdem gelesen, sogar raumgreifend vom Anfang bis zum Ende, und war schließlich doch überrascht. Was hier die Chefredakteurin Christine Holch schreibt, hilft nämlich auch dabei, ein ganz anderes Thema zu verstehen, über das gerade Michael Klein berichtet hat:

Der Hannoveraner Professor Günther Buchholz hatte versucht, eine unabhängige Überprüfung der Gender Studies zu initiieren – scheiterte aber daran, dass die Verantwortlichen sich einer solchen Überprüfung konsequent entzogen.  Von den 74 Fragebögen, die er an Forscherinnen und Universitätspräsidien verschickt hatte, erhielt er keinen einzigen zurück.

Und was hat das nun mit Holchs Artikel zu tun?