„Nach meiner Auffassung ist es die Pflicht der Hochschule und ihrer zuständigen Instanzen, von außen kommende Versuche dogmatischer Einflußnahme auf die Lehre abzuwehren und die Möglichkeiten kritischer Diskussion umfassend zu wahren.“ (S. 73)
So argumentierte zu Beginn der neunziger Jahre der Duisburger Philosophieprofessor Hartmut Kliemt, als er gegen massive Proteste und schließlich erfolgreiche Störversuche ein Seminar über den umstrittenen australischen Moralphilosophen Peter Singer abzuhalten versuchte.
„Es darf weder Herrn Singer noch seinen Gegnern erlaubt werden, sich einer kritischen Diskussion zu entziehen oder eine argumentative Auseinandersetzung zu verhindern."
Kurz nach Beginn meines Philosophiestudiums in Göttingen habe ich ähnliche Diskussionen über Singer miterlebt. Ich hatte kurz zuvor Zivildienst in einer Einrichtung für geistig Schwerbehinderte gemacht, und mir war die Selbstverständlichkeit suspekt, mit der Singer über das Lebensrecht behinderter Menschen schrieb, überlegte, wann eine Tötung gerechtfertigt sei, und Behinderte nonchalant als „human vegetables“ (wörtlich: menschliches Gemüse, aber auch mit einer Anspielung auf das Vegetieren) bezeichnete. Obwohl Singer nur über Menschen mit schwersten Behinderungen geschrieben hatte, nahmen viele Behinderte eine solche Diskussion natürlich als bedrohlich wahr.
Trotzdem waren die Störversuche falsch, die Ende der Achtziger und zu Beginn der Neunziger in Deutschland übrigens sehr erfolgreich waren: Seminare über Singer wurden abgesagt oder abgebrochen, Einladungen an ihn zu universitären Vorträgen zurückgenommen. Falsch waren sie, weil sie der universitären Debatte nicht zutrauten, dass sie ihre eigene Problematik – über das Lebensrecht anderer Menschen zu debattieren – nicht ernsthaft zum Thema machen könnte und weil sich unter den Störern niemand Gedanken darüber machte, wo denn eigentlich die Grenzen der Störung freier Rede gezogen würden.
Trotzdem: Im Vergleich zu heute erscheint die Diskussion um Singer in Deutschland regelrecht als Musterbeispiel universitärer Debattenkultur. Es erschienen Sammelbände wie die oben zitierte Dokumentation, im Spiegel oder der Zeit wurde kontrovers über die Position Singers und über die Bedrohung der Wissenschaftsfreiheit durch die Störversuche diskutiert.
Trotzdem: Im Vergleich zu heute erscheint die Diskussion um Singer in Deutschland regelrecht als Musterbeispiel universitärer Debattenkultur. Es erschienen Sammelbände wie die oben zitierte Dokumentation, im Spiegel oder der Zeit wurde kontrovers über die Position Singers und über die Bedrohung der Wissenschaftsfreiheit durch die Störversuche diskutiert.






