Samstag, 30. November 2013

Warum die Pole Position im Opferwettrennen so wichtig ist (Monatsrückblick November 2013)

„Nach meiner Auffassung ist es die Pflicht der Hochschule und ihrer zuständigen Instanzen, von außen kommende Versuche dogmatischer Einflußnahme auf die Lehre abzuwehren und die Möglichkeiten kritischer Diskussion umfassend zu wahren.“ (S. 73)
So argumentierte zu Beginn der neunziger Jahre der Duisburger Philosophieprofessor Hartmut Kliemt, als er gegen massive Proteste und schließlich erfolgreiche Störversuche ein Seminar über den umstrittenen australischen Moralphilosophen Peter Singer abzuhalten versuchte.
„Es darf weder Herrn Singer noch seinen Gegnern erlaubt werden, sich einer kritischen Diskussion zu entziehen oder eine argumentative Auseinandersetzung zu verhindern."
Kurz nach Beginn meines Philosophiestudiums in Göttingen habe ich ähnliche Diskussionen über Singer miterlebt. Ich hatte kurz zuvor Zivildienst in einer Einrichtung für geistig Schwerbehinderte gemacht, und mir war die Selbstverständlichkeit suspekt, mit der Singer über das Lebensrecht behinderter Menschen schrieb, überlegte, wann eine Tötung gerechtfertigt sei, und Behinderte nonchalant als „human vegetables“ (wörtlich: menschliches Gemüse, aber auch mit einer Anspielung auf das Vegetieren) bezeichnete. Obwohl Singer nur über Menschen mit schwersten Behinderungen geschrieben hatte, nahmen viele Behinderte eine solche Diskussion natürlich als bedrohlich wahr. 
Trotzdem waren die Störversuche falsch, die Ende der Achtziger und zu Beginn der Neunziger in Deutschland übrigens sehr erfolgreich waren: Seminare über Singer wurden abgesagt oder abgebrochen, Einladungen an ihn zu universitären Vorträgen zurückgenommen. Falsch waren sie, weil sie der universitären Debatte nicht zutrauten, dass sie ihre eigene Problematik – über das Lebensrecht anderer Menschen zu debattieren – nicht ernsthaft zum Thema machen könnte und weil sich unter den Störern niemand Gedanken darüber machte, wo denn eigentlich die Grenzen der Störung freier Rede gezogen würden.

Trotzdem: Im Vergleich zu heute erscheint die Diskussion um Singer in Deutschland regelrecht als Musterbeispiel universitärer Debattenkultur. Es erschienen Sammelbände wie die oben zitierte Dokumentation, im Spiegel oder der Zeit wurde kontrovers über die Position Singers und über die Bedrohung der Wissenschaftsfreiheit durch die Störversuche diskutiert.

Dienstag, 26. November 2013

Wenn Erwachsene gegen Kinder hetzen - Jungen in der Schule

„Tatsächlich ist Gleichberechtigung an den Schulen Realität, weshalb Mädchen aufgrund ihres Entwicklungsvorsprungs, größeren Fleißes und höherer Lernmotivation im Vorteil sind. Eine gezielte Jungenförderung ist allerdings keine Lösung.“
So lautet im Jahr 2007 die Antwort der Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel auf die Frage, ob wir es uns eigentlich noch leisten können, auf eine gezielte Jungenförderung zu verzichten – angesichts der Tatsache, dass deutlich mehr Jungen als Mädchen die Schule ohne Abschluss, deutlich mehr Mädchen als Jungen die Schule mit dem Abitur verlassen.

Ein Angehöriger des faulen und minderbegabten Geschlechts - was früher die Eselskappe erledigte, erledigen heute Politiker und Wissenschaftler
Warum eine gezielte Jungenförderung keine Lösung sei, verrät Merkel – oder möglicherweise ihr Ghostwriter – nicht. Unverblümt aber formuliert sie eine Vorstellung weiblicher Überlegenheit: Wenn nur die Ausgangsbedingungen zwischen Jungen und Mädchen gleich wären, dann würden Mädchen eben bessere Ergebnisse erzielen. Alles normal, kein Grund zur Sorge.

Fünf Jahre später redet der Grüne Jürgen Trittin ganz wie seine Kanzlerin, als er ihr bei einer Bundestagsrede vorwirft, dafür zu sorgen,
„dass das begabtere Geschlecht weiterhin ein Viertel weniger verdient als wir Männer.“ (1:07)
Als die Linke Kathrin Vogeler verwundert nachfragt (2:25), welch einen Bildungsbegriff Trittin denn der von ihm unterstellten Lern- und Bildungsunwilligkeit der Männer und Jungen zu Grunde lege, antwortet er mit einem Hinweis auf die besseren Abschlüsse von Mädchen.

Auffällig ist bei Merkel wie Trittin, wie unterschiedlich sie Nachteile von Jungen und Mädchen bzw. Frauen interpretieren. Während sie Nachteile für Mädchen und Frauen selbstverständlich auf Diskriminierungen zurückführen, sehen sie für Nachteile von Jungen die Verantwortung allein bei diesen selbst. Kein Grund zum Engreifen.

Donnerstag, 21. November 2013

Zombie-Feminismus, Antisexismus und Demokratie

„Es gibt nur einen Feminismus“, sagt die Grüne Renate Künast.  „Zu keinem Zeitpunkt gab es nur einen Feminismus wie die in Stein gemeißelte Lehrmeinung, sondern seit den Anfängen standen stets mehrere Konzepte nebeneinander“, sagt die grüne Böll-Stiftung. Wer das wiederum für einen Widerspruch hält, kennt sich nur mit dem Thema nicht richtig aus.
Wer sich aber mit dem Thema nicht richtig auskennt, wird möglicherweise schnell verwirrt von den ganz unterschiedlichen Feminismen, die ja doch alle irgendwie zusammengehören oder irgendwie auch nicht – und die auch in den Argumentationen von Männerrechtlern eine große Rolle spielen.

Problematisch ist dann aus männerrechtlicher Perspektive nicht etwa der liberale Feminismus, sondern der Radikalfeminismus, oder, in Kategorien der kritischen amerikanischen Feministin Christina Hoff Sommers, nicht der Equity-Feminismus, sondern der Gender-Feminismus. Es ist lohnend, sich mit diesen Begriffen auseinanderzusetzen – auch wenn das schließlich zu der Vermutung führt, dass sie eigentlich nicht sinnvoll sind.

Freitag, 15. November 2013

Wie man aus Jungen Ritter bastelt (und nebenbei Sadismus fördert) - Zur Politik der häuslichen Gewalt

„Wir hatten eine Küche im klassischen Siebziger Jahre Stil, Avocado-Grün. Überall war Blut, auf dem Boden, dem Kühlschrank, dem Telefon, der Ladentheke. Rot auf grün ergibt schwarz. Ich war sieben Jahre alt. Ich sah ihnen zu, wie sie meinen Papa hinten in den Krankenwagen schoben. Die Nachbarn, in Morgenmänteln und Pyjamas, standen um den Wohnblock herum. 
Mein Papa hatte spät in der Nacht noch gearbeitet (um einige Rechnungen nachzutragen) und bei seiner Rückkehr aus Versehen meine Mutter aufgeweckt. Ein Streit folgte und in einem Wutanfall nahm sie eine 25-Kaliber-Pistole aus der Kasse, die er auf der Ladentheke aufgebaut hatte, und schoß auf ihn. Mein älterer Bruder rannte zum Haus der Nachbarn und sorgte dafür, dass sie Hilfe holten.“ (1)
Höhö. Male Tears – ihr wisst schon? >;-) / Favorite drink, you ask? Maletears, on the rocks. / Frisch abgefüllt: White male tears. Twitter-Kommentare zu Leiderfahrungen von Jungen und Männern
Noch irrwitziger als dieser Mordversuch seiner Mutter an seinem Vater, von dem „David“ in der Serie „In His Own Words“ berichtet, ist die Reaktion des Opfers: Weil die Mutter ihn dringend darum bittet, lügt der Vater gegenüber der Polizei und sagt aus, dass sich der Schuss von allein gelöst habe, als ihm die Pistole hingefallen sei. 
„Innerhalb von drei Wochen, nachdem er fast in seinem eigenen Haus verblutet wäre, hatte er keine andere Wahl mehr als das zu tun, was er am besten konnte – zurück zur Arbeit zu gehen. Wir gingen zurück zur Schule, und von uns wurden gute Zeugnisse erwartet.“ (2)
Nicht nur funktioniert der Vater wie von ihm erwartet weiter, dieselbe Erwartung vererbt er auch an die Söhne. Warum aber sollte er „keine andere Wahl” gehabt haben?

Sonntag, 10. November 2013

Der Staat als Gewalttäter - Wie staatliche Institutionen bei häuslicher Gewalt mitmischen

Das amerikanische Justizministerium begeht den Monat Oktober als Monat zur Aufklärung über häusliche Gewalt („Domestic Violence Awareness Month“)  – in Zusammenarbeit mit dem „Office on Violence Against Women“. Gegen die damit nahegelegte Konzentration auf männliche Täter und weibliche Opfer hat die amerikanische Psychologin Tara Palmatier, die auf die Beratung von Männern gewalttätiger (Ex-)Partnerinnen spezialisiert ist, einen Monat der Aufklärung häuslicher Gewalt gegen Männer und Jungen initiiert – gemeinsam mit einer Hotline für männliche und weibliche Opfer häuslicher Gewalt und mit der männerrechtlichen Webseite „A Voice for Men“.
An jedem Oktobertag dieses Jahres veröffentlichte sie daher in ihrem eigenen Blog  und bei AVfM einen Bericht eines Mannes, der Gewalt durch eine Partnerin erlebt hat: „In his own words“. Einunddreißig Geschichten von Männern, die Gewalt durch die Partnerin erleben.

Ein Geschichte von einem Mann beispielweise, dem seine Partnerin mit einer Pistole in den Bauch schießt, der sie bei der Polizei deckt und der drei Wochen später schon wieder arbeiten geht, um seine Familie zu ernähren.
 
Eine Geschichte von einem Mann, dessen Frau unzählige Pferde, Ziegen, Hühner, Hunde, Katzen und andere Tiere im Haus und angrenzenden Stall hält, und der es hinnimmt, dass sie dafür die Familie finanziell ruiniert, er sich schwerkrank nicht einmal Medikamente kaufen kann und wiederholt von ihr geschlagen wird. 
 
Eine Geschichte von einem Vater und Lehrer, der schlüssige Beweise dafür liefern kann, dass seine Frau ihn misshandelt hat, für den sein Schulleiter, die stellvertretende Schulleitung, unzählige Kollegen, zwei Eheberater und viele andere aussagen, während bei der Frau erhebliche psychische Störungen diagnostiziert werden – und der trotzdem erleben muss, wie das Sorgerecht für die gemeinsamen Kinder der Mutter zugesprochen wird. 
 
Eine Geschichte von einem Mann, der nach einem zwölfstündigen Arbeitstag bereitwillig die Hausarbeit übernimmt, während die Frau den Tag über durch verschiedene Internet-Partnerbörsen surft. 
 
Eine Geschichte von einem Mann, der von seiner Frau nachts immer wieder wegen nichtiger Gründe aus dem gemeinsamen Haus geworfen wird – auch wenn sie dann die drei Kinder im Alter zwischen einem und vier Jahren dort allein lässt, weil sie selbst trinken geht.

Diese und viele andere Geschichten erscheinen unglaublich. Natürlich geben sie die Realität aus einer bestimmten Perspektive wieder, der eines direkt Betroffenen, und aus anderer Perspektive würden manche Geschichte möglicherweise anders klingen. Gleichwohl gibt es auffällige Ähnlichkeiten zwischen ihnen, die über den Einzelfall hinaus aussagekräftig sind.

Das betrifft insbesondere die Geschichten, in denen Kinder direkt involviert sind.

Samstag, 9. November 2013

Sex, Geld und Nähe - und viele Kommentare

Der Artikel Sex, Geld und Nähe, oder: Was haben Feministinnen eigentlich gegen die Prostitution? ist sehr ausführlich kommentiert worden – so dass einige in meinen Augen sehr interessante und wichtige Beiträge leicht übersehen werden können, insbesondere, wenn sie erst in der unteren Hälfte des Kommentarstrangs auftauchen. Zumindest auf einige davon möchte ich hier aufmerksam machen – das strukturiert den langen Thread vielleicht so, dass auch andere Beiträge besser zur Geltung kommen können.
Der Kommentarstrang beginnt, noch leicht aufzufinden, mit Beiträgen von virtual-cd und Matthias, die evolutionspsychologische Aspekte des Themas stark machen und die Frage nach einer „Verschuldung“ (virtual-cd) von Männern gegenüber Frauen stellen.

Es folgen Überlegungen zu der Frage, inwieweit Männerrechtler, gerade in kritischer Absicht, eigentlich feministische Argumentationsmuster nachvollziehen sollten – und wie sich ein linker Maskulismus positionieren kann (hier stellvertretend ein Beitrag von crumar, weil er in meinen Augen viele Aspekte der Diskussion noch einmal bündelt).

„Männerrechtler müssen verstehen, daß Prostitution nur möglich ist, nachdem systematische Verletzungen der sexuellen Würde des Mannes Alltag geworden sind.“  Diesen Punkt macht Elmar Diederichs (jungsundmaedchen) in einem Beitrag und der darauffolgenden Diskussion stark.

Ausgehend von der Frage, inwieweit brachiale Ausdrucksweise eigentlich einen Platz in der Geschlechterdebatte haben sollte, entwickelte sich eine knappe, aber in meinen Augen sehr interessante und wichtige Diskussion darüber, wie stark der Sprachgebrauch in solchen Debatten eigentlich durch den sozialen Status der Beteiligten bestimmt ist – und welches Ziel Diskussionen in einem Blog wie diesem eigentlich verfolgen können.

Schließlich schreibt Thomas aus einer Freierperspektive sehr sachlich und detailliert über seine Motive, zu Prostituierten zu gehen.  Eine sehr klare Position, die einem Freier- (und allgemeiner: Männer-)Bashing wie dem gerade auf Genderama beschriebenen eine differenzierte Perspektive gegenüberstellt.

Natürlich deckt das nicht alle interessanten Kommentare ab – es folgt beispielsweise noch eine kurze Diskussion, die klarstellt, dass es bei der von Schwarzer und anderen begonnenen Kampagne nicht um die „Abschaffung“, auch nicht um das Verbot der Prostitution, sondern allein um die Bestrafung der Freier ginge. Die folgende Frage, welche Möglichkeiten Männer eigentlich hätten, auf das skizzierte Männer-Bashing" zu reagieren, ist schon ein Ausblick auf weitere Debatten.

Die hier verlinkten Kommentare helfen vielleicht, in der Diskussion nicht den Überblick zu verlieren und lohnende Beiträge nicht zu übersehen.

Montag, 4. November 2013

Sex, Geld und Nähe, oder: Was haben Feministinnen eigentlich gegen die Prostitution?

Er möge
„dieses Thema, das nicht zu den zentralsten Anliegen der Männerrechtsbewegung gehört, nicht überstrapazieren, und auch wohlverdientes Alice-Schwarzer-Bashing ist auf Dauer nur begrenzt unterhaltsam.“
Das schreibt Arne Hoffmann auf Genderama zur Kritik an Schwarzers Appell, die Prostitution „abzuschaffen“. Das ist offensichtlich – die Forderung eines freien Zugangs zu Prostituierten als zentrales Anliegen einer politischen Bewegung zu verankern, würde das Urteil eines amerikanischen Journalisten bestätigen, die Männerrechtsbewegung habe bei weitem die schlechtesten politischen Instinkte aller Bürgerrechtsgruppen, denen er je begegnet sei („the single worst political instincts of any civil rights groups I have ever encountered“).

Dennoch berührt der Appell von Schwarzer und ihren Unterzeichnern (Senta Berger, Margot Käßmann, Wolfgang Niedecken und viele andere) Themen, die sehr wohl zentral für die Männerbewegung sind: die Frage nach der Bedeutung von Sexualität, die allgemeine Unterstellung an Männer, gewalttätig zu sein – und die Tatsache, dass Männer für Frauen bezahlen.
Dabei lassen sich die kritischen Aspekte des Appells recht schnell erledigen.