Sonntag, 28. Juli 2013

Gender Studies: Wissenschaft von unten, installiert von oben

„Man muss bei einer wissenschaftlichen Gender Studies davon ausgehen dürfen, dass sich chauvinistische Wissenschaftler ebenso zu dem Fach hingezogen fühlen würden wie Feministen. Es gäbe keine als Wissenschaft getarnte Streitschrift gegen die Kritiker des Fachgebietes, in der sie als “maskulinistische bzw. antifeministische Autor_innen” (= Klassenfeind, S. 7) bezeichnet werden. Denn “maskulinische” und “antifeministische” Wissenschaftler würden ebenso im Bereich der Gender Studies forschen wie Feministen.“
So beschreibt Andreas Müller im Feuerbringer-Magazin  Gender Studies, die wie andere Wissenschaften eine Vielfalt von Ansätzen zuließen.  Er vergleicht sie mit der Situation in den Literaturwissenschaften und der Philosophie,
„wo es auch konservative, religiöse, liberale Forscher gibt, die es trotz ihrer Weltanschauung auf die Reihe kriegen, objektiv zu forschen.“
Das Zitat  im Zitat bezieht sich auf die Schrift der Böll-Stiftung, die zur Verteidigung der Gender Studies gegen Kritiker herausgegeben wurde und die gleichwohl Müllers Sicht, wohl ungewollt, bestätigt. Beispielsweise stellt Marc Gärtner dort am Ende den emeritierten Bremer Professor Gerhard Amendt mit seiner Studie über Scheidungsväter als Gender-Gegner vor (S. 54-57). Problematisch ist dabei natürlich nicht, dass er Amendt kritisiert – problematisch aber ist, dass er ihn lediglich als prinzipiellen Gegner präsentiert, ohne auch nur einen Moment lang die Frage zu stellen, ob zu einer seriösen Geschlechterforschung nicht auch Forschungen wie die Amendts gehören müssten.
 
Tatsächlich ist es eine seltsame „Wissenschaftsrichtung“ (S. 67), die ihre Grenzen weniger durch einen Fachbereich oder durch ein Thema als durch die Zustimmung zu einer bestimmten Gesinnung festlegt. Wie ist es eigentlich möglich, eine solche in der Wissenschaftslandschaft – soweit ich sehen kann – einmalige Position erfolgreich zu verkaufen?

Der zweite Teil der kleinen Sommerreihe Über die Denkmöglichkeit seriöser Gender Studies beschäftigt sich mit der Frage, welchen Platz eigentlich Männer in diesen Studien haben. Darum, wie denn nun seriöse Gender Studies aussehen könnten, geht es dann in der nächsten Folge.

Donnerstag, 25. Juli 2013

Gender Studies als Wissenschaft von allem und jeder

„Wissenschaftliche Gender Studies hätten das Ziel, ohne ideologische Scheuklappen die Natur und Kultur der menschlichen Geschlechter zu erforschen. Biologische, psychologische, historische und soziologische Erkenntnisse würden gleichermaßen akzeptiert werden."
So skizziert Andreas Müller im „Feuerbringer-Magazin“ die Möglichkeit wissenschaftlich fundierter Gender Studies. Eigentlich müsste dies eine fraglos mehrheitsfähige Position sein – denn auch wenn vermutlich verschiedene Interessierte an den Gender Studies verschiedene Vorstellungen vom Begriff der „Ideologie“ haben, so würde doch sicher niemand von ihnen fordern, dass Forschung „ideologische Scheuklappen" haben sollte.

Gender Studies könnten sich also damit beschäftigen, welche Konsequenzen die Geschlechtszugehörigkeit eines Menschen für sein Leben hat, was diese Geschlechtszugehörigkeit überhaupt bedeutet, wie biologische und soziale Faktoren dabei zusammenspielen – und insgesamt fragen, ob und wie die Reflexion der Geschlechtlichkeit von Menschen ihre Möglichkeiten, sinnvoll zu handeln und zu leben, vergrößern kann. Wer sollte etwas dagegen haben?

Überraschenderweise aber sehen sich die Gender Studies erheblicher Kritik ausgesetzt und sind hart umkämpft.
„Genderforschung ist wirklich eine Antiwissenschaft. Sie beruht auf einem unbeweisbaren Glauben, der nicht in Zweifel gezogen werden darf.“
Das schreibt beispielsweise Harald Martenstein am 8. Juni dieses Jahres in der Zeit und erhält dafür auch seinerseits massive Kritik.

Die Heinrich-Böll-Stiftung der Grünen hingegen hat Ende des Monats Juni eine Schrift zur Verteidigung der Gender Studies herausgegeben, die ebenfalls engagiert diskutiert und scharf kritisiert wurde – etwa auf den Blogs „Alles Evolution“ und „Kritische Wissenschaft“ , die ihrerseits in dem Papier als Kritiker der Gender Studies kritisiert worden waren: Sie würden sich zu „Wissenschaftswächtern“ aufschwingen, und auch wenn man sie mit anderen Gender-Studies-Kritikern wie christlichen Fundamentalisten, militanten Antifeministen und politisch rechten Akteuren nicht gleichsetzen solle, gäbe es durchaus „argumentative Schnittstellen“ (Seite 10).

(Einmal ganz nebenbei und vollständig off-Topic bemerkt: Ich habe mir gerade den seltsamen Spaß erlaubt, auf der Webseite der NPD nachzuschauen, deren Verlinkung ich mir hier natürlich erspare – dort fordert die Partei beispielsweise einen Rücktritt von Verteidigungsminister de Maizière und kritisiert die steigenden Mieten scharf. Ich bin nun natürlich sehr beunruhigt, weil sich Grüne und SPD angesichts der argumentativen Schnittstellen mit der Rechtsaußenpartei offenbar überhaupt keine ernsthaften Gedanken machen!!!111)

Die engagierten und kritischen Reaktionen auf das Papier der Böll-Stiftung haben wohl vor allem zwei Gründe. Einerseits wird deutlich, dass sich Vertreter und Vertreterinnen der Gender Studies offenkundig durch die nachhaltige Kritik, die insbesondere auf Blogs und unabhängigen Webseiten erhoben wird, unter Druck gesetzt fühlen. Michael Klein dazu bei „Kritische Wissenschaft“:
„Wie vollständig muss der Versuch, die Männerbewegung unter Benutzung von Hinrich Rosenbrock und seiner Magisterarbeit in die rechte Ecke zu rücken, in die Hose gegangen sein, wenn das von Steuerzahlern finanzierte Gunda-Werner-Institut (Teil der Heinrich-Böll oder HB-Stiftung), das die Steuermittel einsetzt, um Ideologien zu verbreiten, sich gezwungen sieht, ein dünnes Pamphlet mit dem Titel “Gender, Wissenschaftlichkeit und Ideologie” herauszugeben, dessen einziger Zweck darin besteht, für den Genderzirkus Wissenschaftlichkeit zu reklamieren?"
Zugleich liegt damit ein Positionspapier einer für die Gender Studies zentralen politischen Institution vor – eine Auseinandersetzung mit dieser Position ist lohnend, weil Kritiker wie Verteidiger der Schrift mit guten Gründen davon ausgehen können, hier repräsentativen Argumenten zu begegnen, die auf die Gender Studies insgesamt bezogen werden können.

Warum aber sind die Gender Studies, die doch allem Anschein nach stets das Gute wollen, überhaupt so umkämpft? Die Frage kann als Auftakt für eine kleine Sommer-Serie dieses Blogs dienen: Über die Denkmöglichkeit seriöser Gender Studies In dieser Folge geht es um den Vorwurf der Beliebigkeit und Willkür, der an die Gender Studies erhoben wird – und im nächsten Text um die Frage, wo bei alledem eigentlich die Männer bleiben.

Samstag, 20. Juli 2013

Aber die Kaiserin hat ja gar nichts an! - Psssssst.....

„Dies ist keine Einladung, mich zu vergewaltigen“ („This is not an invitation to rape me.“) steht auf dem Bild einer jungen Frau. Sie flaniert offenkundig an einem öffentlichen Ort, trägt ein ärmelloses, enges, weißes Hemd mit großem, aufgeknöpften Ausschnitt, ohne BH. Die Webseite der schottischen Kampagne des Vereins “Rape Crisis Scotland” erläutert zu dem Bild:
„The assumption that such choices can lead to rape – that clothes can speak for women who say no – are ludicrous and extremely damaging.”
 
 
Natürlich ist die Kleidung der Frau der Frau keine Einladung zur Vergewaltigung, wie denn auch?  Vergewaltigt wird ein Mensch ja eben gerade gegen seinen Willen und ohne dass er dazu eingeladen hat. Irritierend ist also weniger das Wort „rape“ als das Demonstrativpronomen „this“ – dass die Frau nicht zu einer Vergewaltigung einlädt, ist  keineswegs in der Situation, sondern im logischen Widerspruch einer Einladung zur Vergewaltigung begründet. Der Satz „This is not an invitation to rape me“ ließe sich  unter jedes beliebige Bild schreiben.

Was soll also das Bild mit der Unterschrift? Und wer wird überhaupt angesprochen? Warum reicht nicht einfach ein Satz wie „There is no invitation for rape“ oder ähnliches? Wer das Bild anklickt, erhält jeweils alternative Sichtweisen zu der Situation. Der Frau selbst wird in den Mund gelegt: “I feel great in this outfit – the vest looks so much better without a bra.” Ein Mann hingegen denkt: “I see a scantily dressed woman, asking for it.” Eine Frau, die sich einfach nur ohne BH wohl fühlt – und ein Mann, der meint, dass sie es darauf anlegt" und selbst schuld ist, wenn ihr etwas passiert. 
 
Natürlich: Nicht alles, was ein Mann als Signal versteht, ist auch von der Frau als Signal gemeint (umgekehrt gilt das auch). Die Kampagne aber greift auf allzu simple holzschnittartige Gegenüberstellungen zurück.

Wer kurz über die Dumpfheit hinwegsieht, die hier dem Mann in den Mund bzw. den Kopf gelegt wird, könnte den Unterschied zwischen beiden Äußerungen auch so beschreiben: Der Mann interpretiert die Kleidung der Frau als soziales Signal, die Frau hingegen hat sich – so die Darstellung der Kampagne – schlicht etwas angezogen, ohne dabei irgendetwas ausdrücken oder signalisieren zu wollen. Eine solche Interpretation sozialer Signale, die doch eigentlich gar eine Signale seien, ist bezeichnend für viele Konflikte in Geschlechterdebatten – deshalb lohnt sich ein kurzer Blick darauf.

Montag, 15. Juli 2013

Der böse, fremde Sohn - Lynne Ramsays "We Need To Talk About Kevin"

„Mami war glücklich bevor der kleine Pinkel-Kevin dazukam, weißt du das? Jetzt wacht Mami jeden Morgen auf und wünscht sich, sie wäre in Frankreich.“ („Mummy was happy before widdle Kevin came along, you know that? Now Mummy wakes up every morning and wishes she was in France!”)
Der etwa zweijährige Kevin steht noch im Laufstall und hat gerade sein Essen an eine Wand geschmissen, als seine Mutter, die Reisejournalistin Eva Khatchadourian (Tilda Swinton), ihm eindringlich erklärt, dass er eine Belastung für sie sei und ihr Leben ohne ihn wesentlich glücklicher gewesen sei. Der Ehemann, Franklin (John C. Reilly), wird Zeuge der kurzen mütterlichen Rede, schüttelt den Kopf, sagt aber nichts.

Die Szene bündelt verschiedene Aspekte des am Ende des britisch-amerikanischen Films „We Need To Talk About Kevin“ der schottischen Regisseurin Lynne Ramsay, der am Ende des vergangenen Jahres in die Kinos kam. Die Autorin des gleichnamigen, dem Film zu Grunde liegenden Romans beschreibt im Nachwort, dass das Buch am „Schnittpunkt privater und allgemeiner Angst“ („intersection of private und public angst“, S. 473 ) entstanden sei – ihrer eigenen Angst vor der Mutterschaft und dem damit verbundenen Verlust an Freiheit sowie der öffentlich diskutierten Angst vor „school shootings“, Schulmassakern.
 
 
Entsprechend besteht der Film eigentlich aus zwei Filmen – einem über Eva, der die Idee der Mutterschaft ein Greuel ist, die gleichwohl einen Jungen und ein Mädchen bekommt und deren Beziehung zum Sohn massiv belastet ist – und einen über diesen Sohn Kevin, der schon als Kleinkind ein geborener Terrorist zu sein scheint und der schließlich in einem Schul-Massaker mehrere Mitschüler sowie daheim seine Schwester und seinen Vater tötet. Beiden Filmen tut die Kombination miteinander nicht gut – gleichwohl ist „We Need to Talk About Kevin“ insgesamt ein wichtiges, aber auch sehr beunruhigendes Beispiel dafür, wie problematisch und verantwortungsfern Erwachsene männliche Kinder und Jugendliche vor dem Hintergrund gängiger Geschlechterklischees wahrnehmen.

Freitag, 12. Juli 2013

Deserteure an der Wickelfront

Das Kind war ein Wunschkind, für beide Eltern, doch noch vor der Geburt zog der Vater sich zurück, trennte sich, kappte den Kontakt, und über Jahre hinweg schickte er seinem Kind – das nun allein bei der Mutter lebte – nicht einmal mehr eine Geburtstagskarte. Die Mutter wollte das nicht akzeptieren, fand den Umgang mit dem Vater im Sinne des Kindes wichtig, wandte sich an das Jugendamt, schließlich an ein Familiengericht und erhielt jeweils dieselbe Antwort: Wenn der Vater nicht kooperieren wolle, dann könne man nichts tun.

Ein Vater, der nach einer Scheidung den Kontakt mit den Kindern – um die er sich vorher gern gekümmert hatte – radikal abbrach; ein anderer, der sich nach der Scheidung nur selten und unverlässlich bei seinen Kindern meldete – und jeweils dieselbe Antwort von Ämtern an die Mütter, die um Hilfe baten: Sie könnten froh sein, andere Väter benähmen sich noch schlimmer.

Das sind einige Beispiele (noch mehr wären möglich), die ich selbst aus dem Bekannten- und Freundeskreis kenne – persönliche Eindrücke also, bei denen ich keinen Anspruch darauf erheben kann, dass sie repräsentativ sind. Gleichwohl gibt es eben viele dieser Geschichten, und dass viele Menschen von ganz ähnlichen Situationen berichten können, ist wohl eine der wichtigsten Grundlagen dafür, dass Väter in Deutschland gesetzlich noch immer erheblich benachteiligt sind.

Denn leicht lässt sich das Engagement für die Gleichberechtigung von Vätern und Müttern vor diesem Hintergrund diskreditieren: Männer würden einerseits auf das Recht pochen, sich von ihren Kindern nach Lust und Laune zu distanzieren – aber dann andererseits, wenn sie die Lust aufs Vatersein entdeckten, unbedingt das gleiche Recht auf Kindessorge haben wollen wie die Frau.
 
Warum dieser Vorwurf nicht nur naheliegend, sondern auch falsch ist, lässt sich unter anderem an einer Schrift zeigen, die vom Familienministerium finanziert und versandt, aber vom Verband alleinerziehender Mütter und Väter erstellt wird. 

Sonntag, 7. Juli 2013

Wie Alice Schwarzer einmal eine Alien-Invasion bekämpfte

„Ich brauche den Feminismus, damit jemand meine Stimme zum Verstummen bringt.“ Diesen Satz, eine Übersetzung der Reaktion eines amerikanischen Mannes auf die dortige „whoneedsfeminism“-Kampagne, habe ich vor wenigen Tagen auf der Facebook-Seite des deutschen Pendants „Wer braucht Feminismus?" veröffentlicht. Er wurde sofort gelöscht.

Anlass für mich waren Berichte von Lesern, die aus kritischer männlicher Perspektive etwas zu der „Wer braucht Feminismus“-Kampagne beisteuern wollten und die berichteten, dass dieser Versuch zumindest bei Facebook und der Webseite der Kampagne hoffnungslos sei.
 
Nun kann man sicherlich den Betreibern privater Webseiten oder Facebook-Seiten das Recht zugestehen, nach eigenem Ermessen und beliebig Kommentare und Nachrichten zu löschen. Bei politischen Seiten ist eine solche Praxis mit Erwartungen an eine demokratische Diskussion allerdings schwer vereinbar, solange die Kommentare in einem zivilen und rechtsstaatlichen Rahmen bleiben. Wenn zudem eine Kampagne von einem „Jeder kann mitmachen“-Flair lebt und den Eindruck zu erwecken versucht, sie würde einen breiten Konsens ganz unterschiedlicher Menschen präsentieren, dann ist es offenkundig widersprüchlich, dass sie sich zugleich nur durch eine massive Abschottung von jeder kritischen Stimme konstituieren kann.

Vermutlich aber löschen die Betreiberinnen der Kampagne so routiniert, dass ihnen die Ironie der Löschung eines Satzes, der auf das Verstummen der Männer hinweist, gar nicht aufgefallen ist. Ein Kommentator zu dem Artikel „Wer braucht Feminismus? Na, wir!“ bringt die Widersprüchlichkeit der Kampagne auf den Punkt:
„Es ist quasi selbsterklärend, wenn 'Wer braucht Feminismus?' ein Image-Problem des Feminismus konstatiert, welches sich jedoch so gar nicht in den Statements der Facebook-Kampagnenseite wieder findet.“
Dass der Feminismus also ein Image-Problem hat, ist wesentlicher Grund für die Kampagne – in deren Rahmen zugleich auf keinen Fall thematisiert werden darf, dass der Feminismus ein Image-Problem hat.   Solche widersprüchlichen, selbstbezüglichen Strukturen finden sich schon in den Anfängen der „zweiten Welle“ in der deutschen Frauenbewegung – sie haben sich über die Jahrzehnte und über die verschiedenen „Wellen“ hinweg bewahrt. Es lohnt sich, einen kurzen vergleichenden Blick zurück auf den grundlegenden Text der neueren deutschen Frauenbewegung zu werfen, der hier schon einmal Thema war.

Mittwoch, 3. Juli 2013

Wer braucht Feminismus? Na, wir!

Jasmin Mittag war in den USA und hat von dort etwas mitgebracht. Sie stellt beunruhigt fest, dass der Feminismus diejenige soziale Bewegung mit dem schlechtesten Image sei: „Sich für Umweltschutz, Tierrechte oder Frieden einzusetzen, ist zum Beispiel wesentlich angesehener“.

Natürlich ist es ein Mysterium, warum viele Menschen eine halbwegs intakte Umwelt oder die Vermeidung von Atomkriegen für wichtiger halten als etwa eine Quote, die einer kleinen Menge privilegierter Frauen Spitzenpositionen in der Wirtschaft garantiert. Jedenfalls müsste deutlich sein, dass das so nicht geht und das Image des Feminismus verbessert werden muss – und so wurde Mittags Idee, eine Idee aus den USA zu importieren, von vielen Medien und vielen berühmten Frauen und Männern begeistert aufgegriffen und verbreitet. Nach dem Vorbild der amerikanischen „whoneedsfeminism“-Kampagne erläutern nun auf Facebook, im NDR (siehe oben) und auf er eigens eingerichteten Webseite viele berühmte und weniger berühmte Menschen, warum Feminismus für sie wichtig ist.

Doch leider wird die charmante Idee Mittags von einigen auch kritisiert – und zwar, wie der NDR auf seiner Webseite überrascht feststellt, mehrheitlich von Männern. „Viele von ihnen scheinen sich vom Feminsmus (sic) bedroht und in ihren Rechten eingeschränkt zu fühlen.“ Natürlich hätte mit dieser Paranoia niemand rechnen können – doch so wird zumindest klar, dass der Feminismus (der doch eigentlich nichts anderes möchte als das Gute in der Welt, Frieden und Gerechtigkeit für alle) sein Image-Problem vermutlich männlichem Verfolgungswahn zu verdanken hat.

„Ich brauche Feminismus für mehr Gerechtigkeit auf der Welt“ steht auf dem Schild, das Mittag in die Kamera hält. Und so ist auch schon klar, wie das öffentliche Gespräch über den Feminismus geführt werden muss: Es kommt vor allem darauf an, einfach nur geduldig seine schlichte Grundwahrheit zu verkünden und sich durch Einwände nicht beirren zu lassen. So ungefähr funktioniert das Gespräch:

Gerechtigkeitsliebende Feministin: Ich brauche Feminismus für mehr Gerechtigkeit auf der Welt.
Paranoider männlicher Kritiker: Aber warum dann „Feminismus“? Wenn es um Gerechtigkeit für alle geht, geht es doch nicht nur um Frauen, oder?
GF: Ich brauche Feminismus für mehr Gerechtigkeit auf der Welt.
PmK: Okay, seh ich ein. Aber setzt das nicht voraus, dass per definitionem nur Frauen Opfer von Benachteiligungen werden können? Was ist mit den Vätern, die nicht bei ihren Kindern sein können, nur weil die Mütter das so wollen? Was ist mit den Nachteilen von Jungen im Bildungssystem? Was ist mit den riesigen finanziellen Transferleistungen von Männern zu Frauen über die Sozial- und Krankenkassen? Was ist mit den doppelten Standards bei der häuslichen Gewalt, bei denen Gewalt von Frauen gegen Männer systematisch verschleiert wird? Was ist mit der deutlich niedrigeren männlichen Lebenserwartung, der deutlich höheren Selbstmordrate, der deutlich höheren Rate bei der Obdachlosigkeit – könnte es nicht sein, dass es dafür auch strukturelle Ursachen gibt? Was ist mit den Tausenden von sogenannten Gleichstellungsbeauftragten, die sich öffentlich finanziert allein um Frauen kümmern? Was ist…?
GF: (gähnt) Ich brauche Feminismus für mehr Gerechtigkeit auf der Welt.