Freitag, 27. September 2013

Empörungstheater

„Frauen würden sich ihrer Obdachlosigkeit schämen und verstecken, sagt Renate Kaufmann. ‚Männer hingegen feiern ihr Schicksal quasi mit einem Doppelliter in der Öffentlichkeit‘, überspitzt die Bezirksvorsteherin von Mariahilf (SP) die Tatsache, dass obdachlose Frauen viel weniger sichtbar sind."
Das wurde aber auch Zeit: Während oberflächlich argumentierende Menschen die geringere Sichtbarkeit weiblicher Obdachloser eindimensional darauf zurückführen, dass schätzungsweise 90% der Obdachlosen männlich sind, arbeitet die Wiener Sozialdemokratin die männliche Obdachlosigkeit also endlich als Teil patriarchaler Herrschaft heraus, in der Männer auch dann unbekümmert viel zu viel öffentlichen Raum einnehmen, wenn sie billigen Wein trinken und oft nicht einmal vernünftig gewaschen sind. Weit mehr als Männer nämlich nähmen Frauen
„eine gewaltvolle Beziehung oder sexuelle Ausbeutung in Kauf, nur um nicht auf der Straße zu landen und noch mehr ausgeliefert zu sein.“
Empörend: Während Frauen also in Gewaltbeziehungen verbleiben müssen, die Männer niemals erleben, und außer ein paar Frauenhäusern da und dort und außer dem nun endlich eröffneten zweiten Wiener Obdachlosenheim nur für Frauen keinerlei Anlaufstellen haben – währenddessen vergnügen sich die männlichen obdachlosen Luftikusse in aller Öffentlichkeit und streichen unbekümmert die patriarchale Dividende ein.
Warum aber ist das, was Kaufmann bemerkt, nicht vorher schon auch allen anderen aufgefallen? Es ist eben ihre Empörung, die ihr den scharfen Blick für diese Zusammenhänge ermöglicht und die sie davor bewahrt, sich von Scheinargumenten ablenken zu lassen. Ein großes Glück und eine sinnvolle Einrichtung der menschlichen Psyche ist es, dass wir alle an diesem scharfen Blick teilhaben können, dass man also Empörung lernen kann – und dass das sogar ganz einfach ist.

Montag, 23. September 2013

Stinkefinger und Schwarze Witwe: Die Bundestagswahl 2013

Natürlich wurde Angela Merkel in der Berliner Runde von ARD und ZDF gefragt, ob sie eigentlich alle ihre Koalitionspartner zu Grunde richte: Peer Steinbrück erinnerte daran, dass die Koalition mit Merkels CDU für die SPD zu deprimierenden Ergebnissen geführt hatte, und damit ging es ihm immer noch besser als Rainer Brüderle vom aktuellen Koalitionspartner FDP – der war nicht einmal mehr zur Elefantenrunde eingeladen worden, weil seine Partei an der Fünfprozenthürde gescheitert war.
Die ihr angetragene Rolle als Schwarze Witwe übernahm Merkel nicht und verwies mit durchaus gutem Grund darauf, dass das SPD-Ergebnis dieser Wahl nicht wesentlich besser sei als das letzte nach der großen Koalition. Die Frage hatte ein Motiv der Merkel-Kritik aufgegriffen, dass mir selbst schon vielfach im Bekannten- und Freundeskreis begegnet ist: Sie würde mit ihrer präsidialen, ungreifbaren, abwartenden Art jede Diskussion ersticken, die Gegensätze unterschiedlicher Positionen übertünchen und sich so unangreifbar machen. Eben deshalb hätten auch Koalitionspartner keine Chance, sich neben ihr zu profilieren.

Insgeheim akzeptiert auch dieser Vorwurf Merkels unangefochten starke Position in der deutschen Politik: Er erweckt den Eindruck, als ob es eigentlich Merkel Aufgabe wäre, die Opposition zu ihrer Politik gleich auch mit zu organisieren – und als ob es aus nicht ganz erklärlichen Gründen ihre Verantwortung wäre, wenn die reale Opposition keine vernünftige Alternative zu ihrer Politik entwickeln kann.

Eben das aber ist, neben dem sensationellen Ausscheiden der FDP aus dem Bundestag, das wesentliche Ergebnis des Wahlabends: Er hat die ungeheure Schwäche der Opposition deutlich gemacht, und er hat auch schon einige Hinweise auf deren Gründe geliefert.

Freitag, 20. September 2013

Was haben die Grünen eigentlich für ein Problem?

Eigentlich könnten die Grünen aus dem Alptraum aufwachen und feststellen, dass alles halb so schlimm war: Niemand, der in den politischen Debatten Deutschlands eine Rolle spielt, bezweifelt ernsthaft das Urteil der Wissenschaftler Franz Walter und Stefan Klecha, dass
„Bündnis 90/Die Grünen schließlich mit ihrer Vergangenheit unwiderruflich gebrochen"
und sich von den Forderungen nach einer Straffreiheit für Pädophilie klar distanziert hätten.
 
 
Im Spiegel verteidigt ausgerechnet Jan Fleischhauer in seinem „Schwarzen Kanal“ Daniel Cohn-Bendit angesichts von dessen Äußerungen zur enormen erotischen Wirkung fünfjähriger Mädchen und seinen angeblichen pädophilen Erfahrungen als Kindergärtner.
„Man muss (…) irgendwann zur Kenntnis nehmen, dass sich trotz intensiver medialer Nachforschung bislang nicht ein Opfer gemeldet hat, das angibt, von Cohn-Bendit als Kind belästigt worden zu sein. Wer den Unterschied zwischen losem Reden und wirklichem Übergriff nicht mehr gelten lässt, begibt sich auf den Weg ins Totalitäre.“
Bei Anne Will verhalten sich auch politische Gegner der Grünen spürbar zurückhaltend angesichts der Diskussionen um die frühere grüne Unterstützung pädophiler Forderungen nach Straffreiheit:
„Kubicki gestand, er tue sich schwer damit, den hart in die Kritik geratenen Jürgen Trittin in dieser Sache anzugreifen. Und Bosbach erklärte unumwunden und glaubhaft, dass er nicht daran denke, nun den Rücktritt des Grünen-Spitzenmanns zu fordern.“ 
Dafür, dass Trittin presserechtlich verantwortlich war für die Aufnahme solcher Forderungen in das Kommunalwahlprogramm der Göttinger Grünen Liste im Jahr 1981, erhält er Unterstützung vom Beauftragten der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, der fordert, es müsse
„in Ruhe und losgelöst vom Wahlkampf und von populistischen Forderungen entschieden werden, wie man auf die Opfer angemessen und sensibel zugeht.“ 
Warum also haben die Grünen noch immer ein Problem mit der Affäre?

Mittwoch, 18. September 2013

Wo Schläge der Mutter dem Kindeswohl dienen - Eine Geschichte aus Deutschland

In dem Text „Milgram, Domino und die seltsame Sehnsucht nach Stalingrad“ hatte ich Väter erwähnt, die in sehr bedrückten Situationen – etwa angesichts von Gewaltakten der Mütter gegen die Kinder, oder aufgrund von willkürlicher Verhinderung allen Umgangs – von ihren Kindern getrennt leben und geschrieben:
„Es sind eben auch solche Väter, oder Männer in anderen bedrückenden Situationen, die – sobald sie es wagen, den Mund aufzumachen – von institutionengeschützen Betonfeministen als 'Maskutrolle' beschimpft und verhöhnt werden, auch als 'Hater', als Nazis, als 'Dummbratzen' und Idioten.“
„Maskutroll“ – wenn Frauen öffentlich über Geschlechterthemen sprechen und Männer aus ihrer Perspektive etwas dazu äußern, eigene Erfahrungen beisteuern, Positionen von Frauen möglicherweise kritisieren oder relativieren, dass begegnet Männern dieser Begriff regelmäßig. Die ursprüngliche Bedeutung des Netz-Terminus „Troll“ wird dabei oft in ihr Gegenteil verkehrt.
 
Schließlich bezeichnet er ja eigentlich eine Person, die sich an einer Diskussion überhaupt nicht beteiligen will, sondern lediglich provoziert und eine bestehende Diskussion zu verhindern versucht. Wenn nun aber Menschen als „Trolle“ bezeichnet werden, die sich schlicht mit ihren Erfahrungen an der Diskussion zu beteiligen versuchen, dann sagt das mehr über die Art der Diskussion aus als über sie selbst.

Der Begriff „Maskutroll“ ist also – vergleichbar dem Begriff „Derailing“, der den Vorwurf formuliert ist, eine Diskussion zum Entgleisen zu bringen – ein Begriff, der in vielen seiner Verwendungen lediglich die Funktion hat, eine Diskussion abzudichten und gegen den freien Austausch von Meinungen und Erfahrungen zu schützen. Er ist in diesem Sinne selbst ein Troll-Begriff. Typisch für solche Abdichtungen war die Aufschrei-Kampagne, die ohnehin ein Medienhype und nicht die Graswurzelbewegung war, als die ihre Protagonistinnen sie gern präsentierten. Eine von ihnen, Anne Wizorek, erhob im Spiegel-Interview den Anspruch, ausgerechnet „das ganze Bild“ des Sexismus in Deutschland zu zeigen.
„Männer gehen sonst durch ihre eigene Welt und nehmen den alltäglichen Sexismus gar nicht wahr.“ 

Dass vor allem anderen Wizorek selbst ist, die Sexismus nicht wahrnimmt und nicht wahrnehmen will, könnte sie beispielsweise merken, wenn sie sich einmal Sendungen des „Väterradio“  aus Halle anhören würde.

Samstag, 14. September 2013

Rechte Kerle: Rosenbrock, Gesterkamp, Kemper

„Sollte man mit den Männerrechtlern oder nur über sie reden? Die Debatte darüber hat gerade erst begonnen.“
Eine seltsame Debatte: als ob es in einer Demokratie normal wäre, zunächst einmal langwierig zu diskutieren, ob bestimmte Gruppen überhaupt zur Diskussion zugelassen werden dürften. Der Autor, der hier über „Männerrechtler“ so schreibt, wie sonst ein wohlmeinender Rassist auch über Schwarze schreiben könnte, ist Thomas Gesterkamp in seinem berüchtigten Text „Geschlechterkampf von rechts“, den er für die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung verfasst hat. An anderer Stelle verlangt er explizit einen „cordon sanitaire“ in der Geschlechterpolitik  – eine boshafte Metapher, die aus der Seuchenbekämpfung stammt und die daher implizit den Einsatz für Männer- und Jungenrechte mit einer schwerwiegenden und gefährlichen Krankheit vergleicht.


Gesterkamps Einseitigkeit, mit der er die Männerrechtsbewegung manipulativ als rechts oder rechtsradikal denunziert, und die gleiche Einseitigkeit seines grünen Pendants Hinrich Rosenbrock in dessen Schrift über die „Antifeministische Männerrechtsbewegung“ sind schon häufig zitiert, die Unseriosität dieser Darstellung von Männerrechtlern ist schon gründlich klargestellt worden. Ein ebenso wichtiger Aspekt lässt sich dabei allerdings leicht übersehen: Gesterkamp, Rosenbrock und in ganz ähnlicher Weise auch Andreas Kemper hantieren nicht nur mit bestimmten Konstruktionen von (männerrechtlichen) Männern, sondern als Pendant dazu auch mit denen von (feministischen) Frauen.

Ich habe mir also einmal angeschaut, mit welchen Vorstellungen von Frauen Rosenbrock, Kemper und Gesterkamp hantieren, und finde das Ergebnis sehr interessant: Die Frauen-Phantasien von Rosenbrock und co sind so verhärtet, erstarrt und reaktionär, dass das gern verbreitete Bild der „rechten Kerle“ auf der Seite der Männerrechtsbewegung und das Selbstbild als moderne, emanzipatorisch orientierte Männer sich nicht ansatzweise halten lässt. Wesentlich angemessener wäre die Situation eben umgekehrt beschrieben.

Dienstag, 10. September 2013

Milgram, Domino und die seltsame Sehnsucht nach Stalingrad

Ich war in der vergangenen Woche auf Klassenfahrt und habe die Aufregung um das Domino-Fake (oder auch die Überlegungen um ein Domino-Fake-Fake) nur am Rande erlebt. Nicht nur deshalb hatte sie etwas ausgesprochen Unwirkliches. Es mag ja unplausibel sein, dass eine Werbeagentur in einen Blog und Twitter-Account investiert, um ein feminismuskritisches Model vorzutäuschen, das gar nicht existiert, bzw. das durchaus existiert, aber eben nicht feminismuskritisch ist – wofür? Als ich zum ersten Mal eine Nachricht davon las, dass „ochdomino“ ein Fake sei, hielt ich diese Idee regelrecht für krank – als ob es eine Frau, die durch Feministinnen bedroht wird, ganz einfach nicht geben dürfe.
Es ist allerdings müßig, darüber zu diskutieren – der Hauptverantwortliche, Michael Schwarz, der sich als Dominos Vater ausgegeben hatte, hat diese Version bestätigt. Die vielen, die sich nach den tatsächlichen oder vermeintlichen Drohungen gegen seine tatsächliche oder vermeintliche Tochter solidarisch erklärt hatten und die er getäuscht hat, hätten zwar eine etwas plausible Erklärung verdient – aber die wird es möglicherweise nie geben und ist sicherlich für Einzelne von Interesse, aber ansonsten verzichtbar.

Da es Domino nach Schwarz‘ eigener Darstellung gar nicht gegeben hat, kann ihre Geschichte – abgesehen von dem Schaden, der durch die Vortäuschung einer Bedrohungs-Situation natürlich entstanden ist – nun immerhin ganz ähnlich wie das Milgram-Experiment interpretiert werden. Dessen Ergebnisse sind schließlich aussagekräftig, auch wenn dort keine echten Stromstöße verteilt wurden. So ist denn auch die Domino-Geschichte auslegbar wie ein Experiment: Wie reagieren die verschiedenen Akteure geschlechterpolitischer Auseinandersetzungen auf die Information, dass eine junge feminismuskritische Frau nach der Anprangerung durch eine der Aufschrei-Protagonistinnen erhebliche Drohungen erhalten und daraufhin (panisch? eingeschüchtert?) sogar ihr Blog geschlossen hat?

Montag, 2. September 2013

Wo Kritik ein Zeichen von Hass ist (und Menschenhatz dem Frieden dient)

Das war ein Kommentar auf meinem Blog vor wenigen Tagen. Ich schaute auf dem verlinkten Blog nach, auf dem ich auch vorher schon ein paar Mal gelesen hatte, und sah dort nur die Nachricht „Kleines Scheusal ist offline“. Dann begann ich im Internet darüber zu lesen, was passiert war, fand viel, kopierte mir Texte in einer Datei zusammen, weil ich dachte, ich könnte vielleicht einen Kommentar dazu schreiben – und bin mittlerweile, innerhalb von zwei Tagen, bei 185 DIN-A-4-Seiten gelandet (das ist mir so noch nie passiert). 

Das enorme Interesse lässt sich leicht erklären: Eine Preisträgerin des Grimme Online Awards und Mit-Initiatorin der Aufschrei-Kampagne, Jasna Strick, versucht in einem Vortrag bei der von der Piratenpartei veranstalteten „Open Mind 13“ in Kassel zu zeigen, wie Netzfeministinnen tagtäglich im Internet Belästigungen, Hassbotschaften und Drohungen ausgesetzt seien – tatsächlich aber werden von ihr dabei aber, wie eine Blogbeitrag bei der „Blogblume" bemerkt,
„Fragen wie ‚Welche persönlichen Vorteile habt ihr durch eure Aktionen‘ mit ‚Ihr gehört mal alle durchgevögelt‘ gleichgestellt.“
Die Blooggerin von erzählmirnix schreibt:
„Und ich versuche, ja wirklich, ich versuche zu verstehen warum man an diesem öffentlichen Vortrag die nicht anonymisierten Tweets präsentieren muss, die gegen Feminismus gerichtet sind. Aber da hört es leider schon auf mit dem verstehen-können."
Im Anschluss erhält dann mindestens eine der von Strick als „Hater“ vorgeführten Frauen, eben die gerade zwanzig Jahre alte „Domino“ (@ochdomino) vom Blog „Kleines Scheusal“, nach eigenen Angaben massive Drohungen, die sie dazu bewegen, sich weitgehend zurückzuziehen und ihren Blog zu schließen.
Interessant ist auch, wie sich in dieser Konstellation die Ausgangsposition für Reaktionen verändert: Während viele Männer und Frauen, die der Männerbewegung nahe oder zumindest nicht ablehnend gegenüber stehen, Domino unterstützen, bestehen ausgerechnet Feministinnen und Feministen darauf, dass die junge Frau sich die Drohungen gegen sie womöglich nur ausgedacht habe. Gerade für Männer eine seltsame Situation: Während sich ausgerechnet Männerbewegte in der Situation wiederfinden, einer „Damsel in Distress“ beizustehen, erfreuen und beteiligen sich auf der anderen Seite recht viele (verhältnismäßig) ältere Männer gern an der Internet-Hatz auf die junge Frau, zumindest solange sie dieses Verhalten feministisch korrekt verbrämen können.