Mittwoch, 30. Oktober 2013

Frau Schrupp hat nichts gegen Fremde

Frau Schrupp hat nichts gegen Fremde. Sie würde eigentlich sogar gern freundlich zu Fremden sein, aber das ist leider nicht möglich, was auch Frau Schrupp „eigentlich schade“ findet.
„Ich bin ein viel unfreundlicherer Mensch als ich sein könnte, vor allem im öffentlichen Raum, dort, wo ich niemanden kenne.“
Frau Schrupp erzählt selbst, wodurch sie so unfreundlich wurde:
„Es war beim Rumknutschen mit einem der Fremden, mit dem ich befreundet war, ich glaube, ich war ungefähr 14 oder so. Wir küssten und streichelten uns, aber an einem gewissen Punkt wollte ich nicht weitermachen. Dieser Fremde, ein sehr netter Mensch übrigens, reagierte ärgerlich und sagte mir, dass ich so etwas nicht machen könne: erst aufgeilen und dann doch nicht zum Ende kommen.
Ich erinnere mich noch daran, dass mich das damals sehr schockierte, weil ich bis dahin ganz selbstverständlich (in einer von der Überfremdung offenbar noch ungestörten Naivität) davon ausgegangen war, dass Sex zu wirklich jedem Zeitpunkt des Verfahrens von allen Beteiligten einseitig beendet werden kann.“
Ich verstand Frau Schrupps Erzählungen zuerst nicht, denn schließlich, so dachte ich, hatte sie den Sex doch offenbar tatsächlich einseitig beenden können. In meiner Gutmütigkeit, die mir allerdings schon in manch anderer Situation einen ungünstigen Weg gewiesen hat, glaubte ich zudem zu wissen, dass der Ärger des fremden Jungen doch zwar unhöflich, aber nicht völlig unverständlich sei. 
„Nicht jeder Fremde, so warnte er mich, würde in einer entsprechenden Situation ohne weiteres von mir ‚ablassen‘.“
Dies allerdings ist nicht nett, denn immerhin versucht der Junge hier, sich selbst in ein gutes Licht zu setzen, indem er der jungen Frau Schrupp andere Fremde als Gewalttäter ausmalt – doch auch hier verstand ich nicht, warum die ältere Frau Schrupp das noch heute allen Fremden vorwirft, anstatt sie, innerlich zwar, aber doch entschieden einschreitend, gegen die Anklage des jungen Fremden in Schutz zu nehmen.

An dieser Stelle muss ich ein Geständnis einflechten, mit dem ich eigentlich den ganzen Text schlechterdings hätte beginnen müssen, so dass dieses Geständnis nun weit verspätet kommt und fast gar nichts mehr wert sein kann, zumal es gewiss eine schwache Ausrede ist, dass ich nicht wusste, wo ich es vorher hätte einfügen können:

Samstag, 26. Oktober 2013

Vom Privileg, sich opfern zu dürfen (und weitere seltsame Geschichten des "disposable male")

Die hier besprochenen Filme Elysium und Gravity haben mindestens eine interessante Gemeinsamkeit: In beiden Filmen opfert sich ein männlicher Held, das eine Mal für das Überleben einer Frau (Gravity), das andere Mal für eine geliebte Frau und deren Tochter, aber der Einfachheit halber auch gleich für alle anderen (Elysium). In den Diskussionen der Kommentarstränge war dieses Motiv des männlichen Opfers immer wieder Thema, verbunden mit einer vorsichtigen Hoffnung:
„Aber vielleicht wirkt ja das Gift der Aufklaerung beim naechsten Mal, beim naechsten Film, wo sich ein Mann opfert (ich bin zuversichtlich, dass es noch ein paar geben wird), vielleicht erinnert man sich dann, und faengt an zu zweifeln.“ (Oliver K.)
Dabei waren sich die Kommentatoren über die Bedeutung des Opfers keineswegs einig. Luc macht im Bezug auf Gravity deutlich, das Selbst-Opfer des Mannes bedeute hier keineswegs, dass er von der Frau als verfügbar (disposable male) betrachtet werde: Bullocks Stone werde nicht „als eine Figur porträtiert, die Clooneys Figur als Verfügungsmasse sieht“. Dass ein Mensch sich freien Stückes in einer Extremsituation für das Überleben eines oder mehrerer anderer opfere, sei durchaus anerkennenswert – fraglich sei jedoch die Einschätzung dieses Opfers:
„Wie kann es überhaupt dazu kommen, dass das nicht mehr sofort als bewundernswert, als durchweg positiv wahrgenommen wird?“
 Problematisch sei nicht die Opferbereitschaft von Männern wie den dargestellten, sondern die Tatsache,
„dass männliche Opferbereitschaft ausgenutzt wird, mittlerweile sogar institutionell per Gleichstellungsbüros und Frauenquoten.“
Das ist ganz im Einklang mit Darstellungen des Autors, der den Begriff „disposable male“ überhaupt bekannt gemacht hat. Warren Farrell fragt in seinem grundlegenden Text The Myth of Male Power, was wir denn eigentlich tun könnten, solange es noch keine Gleichberechtigung der Geschlechter gäbe, das männliche Opfer immer noch als selbstverständlich betrachtet werde und beispielsweise die Zahl getöteter männlicher Soldaten weiterhin um Vielfaches höher sei als die weiblicher? Seine Antwort: „We can express our appreciation.“ (The Myth of Male Power, S. 162)

In anderen Kommentaren wurde das Problem des männlichen Opfers allerdings anders beschrieben.

Montag, 21. Oktober 2013

Wie Nicole von Horst einmal erklärte, warum Feminismus auch für Männer gut ist

Als der Rechtsanwalt Markus Kompa vor wenigen Tagen einen kritischen Artikel zur Berichterstattung der feministischen Journalistin Hannah Beitzer über die Piratenpartei veröffentlichte,  erlebte er einen erheblichen „Shitstorm“, in dem ihm vorgehalten wurde, er hätte einen „antifeministischen Text“ geschrieben – und bei dem er positiv lediglich anmerkte, dass ihm „offenbar nur eine Person den Tod wünschte“.  All dies, obwohl Kompa – so kommentierte Arne Hoffmann„sich eher für als gegen eine Frauenquote aussprach und sich über ‚Maskulinisten‘ sehr abfällig äußerte.“  Kompa selbst stellt ausdrücklich klar:
„Ich habe nichts gegen intelligenten Feminismus. Im Gegenteil. Bei der Piratinnenkon hat Nicole von Horst eine entwaffnend starke Keynote gehalten, und ich hätte mir gewünscht, dass es den TeilnehmerInnen gelungen wäre, das Niveau zu halten.“
Nun ist über die Piratinnenkon im März dieses Jahres schon genug geschrieben worden, und die politische Leiche der Piratenpartei möchte ich auch nicht ein weiteres Mal begutachten. Der Hinweis auf die „Keynote“, die Grundsatzrede von Horsts zur Konferenz aber hat mich neugierig gemacht. Schließlich hatte ich mich gerade mit der einflussreichen französischen Feministin Élisabeth Badinter beschäftigt und fand diese Auseinandersetzung sehr lohnend.
 
Wenn also Nicole von Horst, die für ihre Aufschrei-Beteiligung bekanntlich einen Grimme Online Award erhalten hat, bei einer schlagzeilenträchtigen Konferenz einer damals noch halbwegs hoffnungsvollen Partei eine intelligente, entwaffnend starke Rede gehalten hat, dann – so dachte ich – lohnt sich vielleicht auch die Beschäftigung damit.
Tatsächlich verstehe ich, nachdem ich die Rede nun gehört habe, nicht, wie Kompa zu seinem Urteil gekommen ist. Es erscheint mir regelrecht gönnerhaft, als ob es eine unerhörte, staunenswerte Leistung wäre, wenn eine erwachsene Frau eine Viertelstunde lang etwas von einem Blatt abliest und dabei nicht mehr als zwei Mal „Kacke" verwendet. Die Rede ist ein Musterbeispiel für eine feministische Position, die nicht intelligent, sondern ressentimentgeladen ist, die nicht stark argumentiert, sondern ihre Schwächen kaschiert, und mit der ein Dialog vollkommen sinnlos ist.
 
Warum er aber sinnlos ist – das ist interessant. Ein Schluss der Auseinandersetzung mit dem Text Badinters war, dass ein Dialog lohnend sein kann, wenn Frauen und Männer ihre Interessen in die gemeinsame Perspektive universeller Rechte stellen und wenn sie  nicht in Opferkonkurrenzen verharren. Von Horsts Rede ist ein regelrecht prototypisches Beispiel für eine Position, die beide Bedingungen missachtet – und als solches hat sie auch nach Monaten noch einen bleibenden Wert.

Mittwoch, 16. Oktober 2013

Gibt es einen Feminismus mit menschlichem Antlitz? - Élisabeth Badinters "Die Wiederentdeckung der Gleichheit"

Bei Alles Evolution wurden vor kurzer Zeit zwei sehr interessante Diskussionen geführt – eine zur Frage des Umgangs mit gemäßigten Feministinnen und eine zur Frage, wann feministische Positionen als Ideologie  und wann sie berechtigte Interessenvertretung zu verstehen sind.  Hat es also überhaupt irgend einen Sinn, den Dialog mit Feministinnen zu suchen oder feministische Positionen ernsthaft zu rezipieren – ist es sinnvoll, verschiedene Strömungen zu unterscheiden – oder ist es naiv, Feministinnen Dialogbereitschaft gegenüber nicht-feministischen oder kritischen Positionen zu unterstellen?

In der ersten dieser Diskussionen verweist Leszek in einem Kommentar auf verschiedene Feministinnen, die mit einem „misandrischen Radikal- und Gender-Feminismus“ wenig zu tun hätten: auf die anarchistische Feministin Wendy McElroy, die Equity-Feministin Christina Hoff Sommers – und auf die bedeutende französische Feministin Élisabeth Badinter.
„Der liberale Feminismus einer Elisabeth Badinter, die ein ganzes Buch zur Kritik der Männerfeindlichkeit im radikalen Feminismus geschrieben hat, ist etwas ganz anderes als der misandrische Radikalfeminismus einer Dworkin, Daly, Solanas etc.“

Als „die neue Simone de Beauvoir“ wird Badinter im Interview mit dem Tagesspiegel bezeichnet, und die französische Zeitschrift „Marianne“ nenne sie „Frankreichs einflussreichste Intellektuelle“. In der deutschen Emma wurde ihr letztes Buch „Der Konflikt – Die Frau und die Mutter“ (Le conflict, la femme et la mère) aus dem Jahr 2010 als „sehr kluges Buch“ und als Mittel gegen den „deutschen Mief“ gelobt, und auch in Badinters Einsatz gegen das „Kopftuch als Symbol“ ist Schwarzers Zeitschrift ganz auf ihrer Seite.  Trotzdem erklärt Badinter im Tagesspiegel-Interview, dass sie beständig „von Feministinnen attackiert“ werde.

Das Buch, von dem Leszek schreibt, ist wohl „Die Wiederentdeckung der Gleichheit“ aus dem Jahr 2003 (dt. 2004), dessen französischer Titel die kritische Auseinandersetzung mit dem Feminismus noch deutlicher macht: Fausse route, „Der falsche Weg“. Welchen falschen Weg also ist der Feminismus aus der Sicht der Feministin Élisabeth Badinter gegangen – und lohnt es sich für feminismuskritische Männer oder Frauen, sich mit diesem Buch auseinanderzusetzen?

Samstag, 12. Oktober 2013

Übermensch in Unterwäsche - Alfonso Cuaróns "Gravity"

Schon kurze Zeit nach seinem Start wird dieser Film als Kinoereignis des Jahres gehandelt. „Gravity“, mit Sandra Bullock und George Cloney, ist für Daniel Kothenschulte in der Welt „der betörendste Science-Fiction-Film seit langem“, gilt, so der Spiegel, bereits „kurz nach dem Start (…) als neuer Science-Fiction-Klassiker, bricht alle Kassenrekorde“, wird dort sogleich „zum neuen Kinoklassiker“ erklärt und als „zutiefst sinnliches Erlebnis“ gefeiert:
„Dieser Film reißt einem den Boden unter den Füßen weg“.
„‘Gravity‘ ist Kino der Zukunft“, verkündet gar Fritz Göttler in der Süddeutschen Zeitung.
Hier in den Kommentaren wurde der Film ein wenig anders bewertet:
„Sandra Bullock wir dort als die Superfrau dargestellt, die sich im Weltall rettet und alle Hindernisse meistert. Dieses Motiv der Superfrau tritt in sehr vielen neuen Hollywood-Produktionen auf, z.B. in Ridley Scotts 'Prometheus' oder in den Resident-Evil-Produktionen mit Milla Jovovich. Diese Filme vermitteln die Botschaft 'Frauen können es auch' oder 'Frauen können es noch besser'."
Männer hingegen seien, so ein späterer Kommentar,  
„in solchen Filmen nur dazu da, Frauen zuzuarbeiten, sich für Frauen zu opfern".
Was denn nun? Kino der Zukunft oder misandrisches Machwerk? Ist es überhaupt sinnvoll, Gravity im Hinblick auf die Darstellung von Weiblichkeit und Männlichkeit zu interpretieren, nur weil eine Frau und ein Mann fast die einzigen Akteure des gesamten Films sind? Wäre der Film beispielsweise ebenso möglich, wenn zwei Männer im Zentrum stünden?

Mittwoch, 9. Oktober 2013

Was Frauen wollen und Männer wollen sollen

Die von der  „Bild der Frau“ beim Allensbach-Institut in Auftrag gegebene Studie „Der Mann 2013: Arbeits- und Lebenswelten – Wunsch und Wirklichkeit“  beginnt im Vorwort mit einem skurril wirkenden Kommentar zwischen Wunsch und Wirklichkeit: 
„Und damit sind wir bei der großen guten Botschaft der Männer-Studie: Sein Respekt vor Frauen wächst! Das freut uns, nicht zuletzt, weil auch Frauenzeitschriften einen nicht ganz kleinen Anteil an dieser Entwicklung haben.“
So seltsam dieser Kommentar über die männerrespektsteigernde Wirkung von Frauenzeitschriften wirkt, so typisch ist er für die gesamte Tendenz der Studie: Männer erscheinen diffus als erziehungs- und veränderungsbedürftig, während der Anteil von Frauen an der Interaktion der Geschlechter auf überraschende Weise beschrieben wird.
 Das gilt ebenso für eine vergleichbare Studie, deren Ergebnisse kurz zuvor veröffentlicht worden waren: Die von der  „Brigitte“ beim Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und dessen Präsidentin, Jutta Allmendinger, in Auftrag gegebene „Frauen auf dem Sprung“-Studie „Lebensentwürfe heute. Wie junge Frauen und Männer in Deutschland leben wollen“.  Beide Studien wurden weithin massenmedial kommentiert, auch wenn die Diskussionen auf dem Blog Alles Evolution jeweils deutlich ergiebiger und ausführlicher waren. 

Es lohnt sich, einige Ergebnisse zu vergleichen.

Freitag, 4. Oktober 2013

Warum ein Messias uns auch nicht weiterhilft - Neil Blomkamps „Elysium“

Vom „smartesten und subversivsten Sommer-Blockbuster“ und vom „linksliberalsten Sommer-Blockbuster“ spricht Andreas Bocholte im Spiegel. Als gekonntes Action-Spektakel mit linkem politischem Anliegen beschreibt auch Dietmar Dath in der FAZ den Film, der wirke wie die
„paradoxe Erfindung eines hollywoodgeschulten sowjetischen Propagandafilms für heute oder die James-Cameron-Überarbeitung des ‚Bitterfelder Wegs‘ im Sozialistischen Realismus.“
Eine „115 Millionen Dollar schwere marxistische Polemik“ („a 115 million $ Marxist polemic“) sei der Film, über dessen Abspann eigentlich die „Internationale“ gespielt werden könnte, schreibt gar ein irischer Kritiker.
 
 
Tatsächlich ist Neil Blomkamps „Elysium“ unübersehbar eine politische Allegorie und spiegelt in seinem Szenario einer Zukunft in der Mitte des 22. Jahrhunderts heutige Zustände. Bocholte beendet seine Rezension ebenso euphorisch wie bitter:
„Viel zu selten sieht man zurzeit so leidenschaftlich inszeniertes Zukunftskino. Dabei, sagt Blomkamp, sei ‘Elysium’ gar keine Science-Fiction: ‘This is today. This is now.’"

Dienstag, 1. Oktober 2013

Sexuelle Gewalt durch die Mutter - Manfred Bielers "Still wie die Nacht"

Manfred Bielers Roman „Der Mädchenkrieg", die Geschichte einer deutschen Familie in Prag, war 1976 mehrfach preisgekrönt verfilmt worden, die Verfilmung „Das Kaninchen bin ich“ des gleichnamigen, in der DDR verbotenen Bieler-Romans aus dem Jahr 1965 durfte erst 1989 vorgeführt werden. Das umreißt auch schon wesentliche Lebensstationen des Autors: Manfred Bieler wurde 1934 in Zerbst geboren, war bis zu seinem Ausschluss Mitglied des Schriftstellerverbands der DDR, siedelte 1965 nach Prag über und ließ sich schließlich nach dem Einmarsch in die Tschechoslowakei in München nieder. 
Sein letzter großer literarischer Text erschien 1989, dreizehn Jahre vor seinem Tod, und ist auch heute noch tief irritierend: Still wie die Nacht. Memoiren eines Kindes. In diesem offenkundig autobiografischen Text erzählt Bieler aus den ersten sieben Jahren seines Lebens: vom Aufwachsen in einem Kleinbürgerhaushalt zwischen dem Vater, einem alkoholkranken Bauingenieur, der Mutter, in deren sexuelle Beziehungen mit vielen wechselnden Männern der Junge schon sehr früh hineingezogen wird, der Großmutter, die dem Jungen manchmal letzter Zufluchtsort ist und die ihn manchmal mit massiver Gewalt bedroht – und er erzählt auch vom sexuellen Missbrauch des Jungen durch die Mutter.