Freitag, 27. Februar 2015

Zwischen Hetze und Liebedienerei

Ein Kommentar zur SWR2-Sendung Maskulinisten – Krieger im Geschlechterkampf
 
Ein Blogger aus einem obskuren Blog fabuliert über die „gesellschaftspolitischen Gefahren des Frauenwahlrechts“ – ein Experte beichtet über eine politische Bewegung, die von „Feindseligkeit (…) gegenüber Frauen, Weiblichkeit und insbesondere gegenüber dem Feminismus und der Frauenbewegung“ geprägt sei – und Ausschnitte aus einer Veranstaltung des Magazins Compact sind von Sirenen unterlegt. Dazwischen der Titel der Sendung: Maskulinisten – Krieger im Geschlechterkampf, geschrieben von Nina Marie Bust-Bartels.

Schon der Beginn dieser Hörfunksendung, die bei SWR2 mehrfach ausgestrahlt wird, kreiert den Eindruck eines Bürgerkrieges. Offenkundig gewaltbereite Männer würden gegen Feministinnen, ja gegen alle Frauen entschlossen in die Schlacht ziehen, um die Fortschritte der letzten Jahrzehnte wieder zunichte zu machen.

Dass eine solche ressentimentgeladene, holzschnittartige Freund-Feind-Darstellung von eben dem kriegerischen Ethos bestimmt ist, das sie den politischen Gegnern unterstellt – das kann angesichts der beschworenen Gefahren natürlich keine Rolle spielen.

Dabei ist schon der Titel falsch: Wer eigentlich bezeichnet sich selbst als „Maskulinist“? Oder, anders gefragt: Wer würde schon von „Femininistinnen“ reden?
Mit diesem Bild illustriert der SWR auf seiner Homepage seine Sendung Maskulinisten - Krieger im Geschlechterkampf. Es ist kaum vorstellbar, dass eine Sendung über Feministinnen ähnlich bebildert würde.
Ein nackter Oberkörper, rasiert, glänzend, muskulös - ganz das Bild eines starken, selbstverliebten Mannes, der sich allerdings absurderweise selbst als Opfer wahrnimmt. Immerhin passt das Bild zur Sendung: Es zeigt gleichsam einen Torso und lässt alles weg, was hier gerade nicht von Interesse ist.
Vor allem aber stehen keine kriegerischen Auseinandersetzungen an. Im Laufe der vergangenen Jahre hat sich allerdings etwas ganz anderes verändert: Männer äußern sich weitaus häufiger und selbstbewusster zu geschlechterpolitischen Themen als noch vor einem Jahrzehnt, und sowohl Männer als auch Frauen greifen die Vorstellung an, Geschlechterdebatten könnten legitim nur aus einer feministischen Perspektive geführt werden.

Mittwoch, 25. Februar 2015

Merseburger Zaubersprüche - Der Sexualwissenschaftler Heinz-Jürgen Voß als Erzieher

Dass eine Autorin dazu auffordert, ihr eigenes Buch bei Amazon positiv zu besprechen und negative Bewertungen als „nicht hilfreich“ abzuwerten, ist ja eigentlich schon ungewöhnlich. Dass ein deutscher Professor versucht, aus einem solchen Verhalten eine umfassende politische Aktion zu machen, ist noch seltsamer.
 
Heinz-Jürgen Voß,  Professor für „Sexualwissenschaft und sexuelle Bildung“ an der Universität Merseburg, hat das gerade getan. In einem Brief  an „Liebe Freund_innen, liebe Kolleg_innen“ schreibt er dagegen an, sich im Netz von „Maskulinisten und anderen extremen Rechten“ Diskussionen aufdrängen zu lassen, und ruft zu „emanzipatorischen Kommentaren und Rezensionen“ bei Amazon auf.
„Auf Grund der schlechten Arbeitsbedingungen kauft mensch dort zwar keine Bücher. Dennoch beeinflusst Amazon stark die Sicht auf Bücher. Daher: Lasst uns dort jeweils ein Profil haben und jeweils wöchentlich zwei Bücher positiv oder negativ besprechen. Dazu reicht ein Dreizeiler völlig aus. Das wirkt den häufig schlechten Bewertungen linker und emanzipatorischer Bücher entgegen.“
Diese öffentliche professorale Aufforderung, politisch unliebsame Texte organisiert abzuwerten und politisch opportune entsprechend hochzupunkten, kann als erfrischend oder auch als unseriös empfunden werden. Dreizeiler jedenfalls sind dafür sehr praktisch, weil sie für die Rezension eines Buches keine vorherige Lektüre erfordern, bloß seine politische Ausrichtung sollte halt bekannt sein. Michael Klein bemerkt spitz:
„Natürlich kommt Voß keinen Moment auf die Idee, dass die schlechten Bewertungen ‚linker und emanzipativer Bücher’ etwas damit zu tun haben könnten, dass die entsprechenden ‚linken und emanzipativen Bücher’ schlecht sind.“
Wie auch? – Diese Bewertung wäre nach Voß’ Kriterien ein Widerspruch in sich.
Nur Laien denken, hier wäre leicht zu unterscheiden, wer von diesen beiden Menschen schwanger ist.
Auf Voß' Positionen reagieren überhaupt Menschen gleichermaßen ablehnend, die ansonsten eigentlich gar nichts miteinander gemein haben. Akif Pirinçci wurde gerade wegen Beleidigung verurteilt, gegen den Blogger Kirk läuft ein entsprechendes Verfahren.  Aus einer völlig anderen Richtung und in ganz anderer Stillage schreibt Felix Riedl in einem langen und sehr lesenswerten Text  über ein Buch zur Beschneidungsdebatte, das Voß mit zwei anderen Autoren verfasst hat:
„Dankenswerterweise ist das Buch so kurz gehalten, dass man alle falschen Sätze darin rasch abgeschrieben hat – und das sind ungefähr alle.“
Und:
„Die drei Autoren haben es geschafft, auf 90 Seiten Adorno/Horkheimer und Foucault für ihren Aufklärungsverrat als Geiseln zu nehmen. Es bleibt zu hoffen, dass dieses durchsichtige, zynische Manöver nicht nur Laien auffällt, sondern auch der akademischen Kaste, an die sich der Band richtet (…)“
Was hat der junge Professor eigentlich an sich, dass er aus solch verschiedenen Richtungen solche Ablehnung auf sich zieht? Ihm selbst jedenfalls wird sie womöglich ganz recht sein, weil er sie als Beleg dafür verbuchen kann, dass eine linke und emanzipatorische Politik in diesem Lande mit heftigen Widerständen zu kämpfen hat.

Ich habe mir einmal einen Text näher angeschaut, den Kirk bereits verrissen hat – ein Interview, das Voß Liz Weidinger vom Magazin Fluter  gegeben hat. Dieses Magazin nämlich wird von der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegeben und liegt in Schulen frei aus. Es bietet also die Möglichkeit, nach dem pädagogischen Nutzen von Voß’ Positionen zu fragen.
 
Ruhig, gelassen und ohne Aggressionen natürlich, wie das ja eh so meine Art ist.

Donnerstag, 19. Februar 2015

Sex, Politik, Verleumdung (Monatsrückblick Januar 2015)

Wenn Sexualität und Politik zusammenstoßen, geht das ja meistens für beide nicht gut aus. Der Grüne Jörg Rupp hat   bekanntlich gerade angesichts eines, irgendwie, hochprovokanten Profilphotos mit Rollkragenpullover erregt festgestellt, dass die Hamburger FDP-Spitzenkandidatin Katja Suding – was bei Frauen ja nicht unüblich ist – Brüste hat. Ganz außer sich twitterte er die mittlerweile berühmten Worte „muss man sich mal vorstellen: mit Titten und Beinen anstatt Inhalten“

Rupp selbst jedenfalls stellte es sich offenbar sehr intensiv vor: Angesichts von Sudings Pullover dachte er an Brüste, angesichts von Brüsten nicht mehr an Inhalte, fand aber, dass das irgendwie alles allein Sudings Schuld sei. Diesen offenkundigen Sexismus der FDP-Frau wollte er dann eigentlich nur gutmütig anprangern. Rupps Pech war allerdings, dass sich in unserer schnelllebigen Medienwelt niemand für solche hochkomplexen Erwägungen interessiert, schon gar nicht auf Twitter, wo schon für einfachere Gedanken kaum Platz ist.
So geht's doch auch: Ein Wahlkampf mit Inhalten, der keinen Menschen zum Objekt macht.
So stellte Rupp schließlich fest, dass er sprachlich zwar daneben lag, inhaltlich aber Recht gehabt hätte, erweckte nebenbei den Eindruck, dass die Grünen in Hamburg im Unterschied zu der anderen Partei der Besserverdienenden mit Inhalten gearbeitet hätten  – und beruhigte sich mit der Vorstellung, alles wäre in Ordnung gewesen, hätte er statt von „Titten“ von „Brüsten“ geredet.

Da Suding Rupps entsprechende Entschuldigung gleich angenommen hat, könnte damit dann auch alles erledigt sein – wenn er nicht ausgerechnet im Landesvorstand einer Partei säße, die selbst so unbefleckt, so betoniert unschuldig ist, dass sie es sich unausweichlich zur Aufgabe machen musste, beständig empört auf die moralischen Verfehlungen anderer zu weisen.

Katja Suding macht jedenfalls den Eindruck, dass sie sich gegen Angriffe wie die von Rupp wehren kann. Anders ist das bei Kindern, bei Jungen, die einst Jürgen Trittin als Spitzenkandidat der Grünen – und nicht in einem dahingerotzten Tweet, sondern in einer Bundestagsrede – zum „unbegabteren Geschlecht“ gerechnet hatte. Dies tat er übrigens im Hinblick darauf, dass Jungen in den Bildungseinrichtungen offenkundig erhebliche Nachteile haben. Damals gab es von der grünen Partei keinen Ärger – von Claudia Roth ist stattdessen überliefert, dass sie Trittin beifällig ein „Genau!“ hinterherschickte.

Es ist völlig in Ordnung, sich vom Bundestagspult aus über Kinder lustig zu machen, die erhebliche Bildungsnachteile erleben – aber einen idiotischen Tweet über eine Frau zu schreiben, ist unverzeihlich. Konfusionen wie diese entstehen mit erstaunlicher Regelmäßigkeit eben dann, wenn Sexualität und Politik kollidieren.

Donnerstag, 12. Februar 2015

Zeit für neue Lieder

Zu Christoph Kucklicks Das unmoralische Geschlecht. Vierter Teil
 
Nach der Auseinandersetzung mit Kucklicks Position im ersten Teil und den Bezügen von Kucklicks Analysen zu Beispielen aus den achtziger und neunziger Jahren (zweiter Teil) und der Gegenwert (dritter Teil) ist dieser Text nun ein Abschluss. Es geht darum, welche Konsequenzen sich aus Kucklicks Text für gegenwärtige Debatten ergeben können.
 
 
In den Kommentaren  zum vorangegangenen Artikel zitiert Stefan W. einen Satz aus dem Buch, der Kucklick unmittelbar anschließt an ein Konzept von Warren Farrell: das des disposable male, des rundum verfügbaren Mannes, oder auch – des Wegwerf-Manns. Über die Beschneidung schreibt Kucklick, schon ein Junge habe lernen müssen,
„dass sein Körper nicht ihm selbst, sondern dem Kollektiv gehört“. (324)
Kennzeichnend für die moderne Gesellschaft sei der Druck, für ganz unterschiedliche Funktionen – in unterschiedlichen Berufen, gegenüber den Institutionen – nutzbar zu sein und die eine Verfügbarkeit auch organisieren zu können. Diese „segmentierte Verfügbarkeit“ sei „zum Wesensmerkmal von Männern erklärt“ worden. (172)

Damit geht Kucklick noch über Farrells berühmte Begrifflichkeit hinaus. Eben gerade darum, weil Männer für die ökonomischen und sozialen Strukturen moderner Gesellschaften in hohem Maße verfügbar sein müssen, eignen sie sich auch als Repräsentanten moderner Strukturen, eben als „das moderne Geschlecht“ (12). Als Repräsentanten dieser Strukturen aber werden sie wiederum zur Projektionsfläche von Ängsten, in ihnen können sich Widerstände gegen moderne Entwicklungen sinnbildlich bündeln.

Dass sie dann aber, wie Kucklick wieder und wieder nachweist, als Tiere, als Monstren, als Gewalttäter dastehen, legitimiert wiederum ihre unbegrenzte Verfügbarmachung.

Diese sich selbst legitimierende, umfassende Nutzbarmachung korrespondiert mit einem haltlos idealisierenden Bild „der Frau“. Die Frau nämlich bleibe, so die moderne Phantasie, dieser umfassenden Vernutzung fern. „Besonders wichtig ist ihre Ferne zum Wirtschaftssystem, ihre Nicht-Käuflichkeit.“ (226)
 
Für den Mann ist die Frau damit gleichsam eine nahe, konkrete Utopie. Unter dem Druck der entfremdenden Verfügbarmachung ist sie hier gleichsam die Garantie, dass es noch so etwas wie eine unberührtes Menschsein gäbe, für das sich die eigene Entfremdung lohnt – und das selbst niemals ganz bezahlt werden könne.
 
Hier wird auch klar, dass es eigentlich überhaupt nicht um real existierende Männer und Frauen geht, sondern um Fantasien. „Mann“ und „Frau“ werden hier als Chiffren verwendet, mit denen die unüberschaubaren ökonomischen und sozialen Strukturen moderner Gesellschaften im Selbstverständnis der Beteiligten verankert werden.
"I'm a man!" - "Well, nobody's perfect." Dass sich durch die Verwandlung aller Menschen in Frauen auch alle Probleme moderner Gesellschaft  lösen würden, kann ruhigen Gewissens als seltsame Fantasie abgetan werden. Tony Curtis, Jack Lemmon, Marilyn Monroe und andere in Billy Wilders Some Like It Hot.
Klar wird aber auch, dass die Konzepte, über die Kucklick schreibt, tief bürgerliche Konzepte sind: Weder im Adel noch im Proletariat – bei Fabrik- oder Landarbeitern etwa, bei denen Männer und Frauen gleichermaßen selbstverständlich arbeiten mussten – hätte diese Geschlechterkonzeption einen Sinn ergeben.

Dass heutige Debatten Muster nachvollziehen, die Kucklick schon in der Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts beschreibt, war  Thema der beiden vorangegangenen Texte. Diese Strukturähnlichkeiten zeigen zumindest eines: Die Heldinnenerzählung ist nicht zu halten, dass nach einer jahrhundertelangen Dominanz patriarchaler Zuschreibungen die Frauenbewegungen des 20. Jahrhunderts endlich diese erstarrten Herrschaftsformen durchbrochen hätte. Diese Legende ist offenkundig selbst Teil eben der Strukturen, die zu analysieren sie vorgibt.

Donnerstag, 5. Februar 2015

Politik und Kinderfeindschaft

Zu Christoph Kucklicks Das unmoralische Geschlecht. Dritter Teil
 
Die Sittlichkeitsbewegung des endenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts habe, so Christoph Kucklick in Das unmoralische Geschlecht, ein besonders negatives Bild des Manns gezeichnet:
„als triebhaft unberechenbarer Verführer und als Beschmutzer nicht nur der Frauen, sondern der Gesellschaft.“ (328)
Als Projektionsfläche moderner Entwicklungen steht „der Mann“ als egoistisch dar, weil er sich nicht in vorgegebene Ordnungen einpasse, sondern auf sich selbst bezogen bleibe – als animalisch, weil er nicht oder nur zum Teil durch seine Eingliederung in dieser sozialen Ordnungen humanisiert wird – und als potenziell gewalttätig, weil er in seinem Egoismus und seiner fehlenden Impulskontrolle dazu neige, sich ohne Rücksicht auf Grenzen zu nehmen, was er wolle.
Die autoritäre Pädagogik ist offenkundig langlebig. Zur Zeit kommt sie, unter anderem, als progressive, antisexistische Jungenpädagogik daher. Eine Szene aus François Truffauts Sie küssten und sie schlugen ihn (1959)
Es gibt einen Bereich, in dem sich all diese moralisch verwerflichen Aspekte bündeln lassen: nämlich die Sexualität. Sie umfasst natürlich das Animalische – sie umfasst den Egoismus, wenn die männliche Sexualität nicht als Form der Zuwendung zu anderen Menschen, sondern als bloßes Ausleben eigener Triebe gedeutet wird – und sie umfasst natürlich das Gewalttätige, wenn der Mann, als Verführer oder Vergewaltiger imaginiert, seine sexuelle Gier ohne Rücksicht auf die Frau auslebt.

Noch im 18. Jahrhundert seien, so Kucklick, „die schwächeren Nerven der Frauen für die höhere weibliche Sinnlichkeit verantwortlich“ gemacht worden. (124) Doch innerhalb weniger Jahrzehnte sei diese Vorstellung in das Gegenteil gekippt:
„Fortan wurde der Mann mit einer triebhaften Sinnlichkeit identifiziert. (…) Er wurde zu dem Geschlechtswesen.“ (124)
Wenn sich also in der Sexualität von Männern die Probleme der Männlichkeit überhaupt bündeln, dann liegt es nahe, eine umfassende Lösung dieser Probleme ebenfalls auf dem Gebiet der Sexualität zu suchen.
 
Zudem liegt es nahe, sich dabei auf männliche Wesen zu konzentrieren, die noch formbar sind, noch nicht gefangen im – ihnen zugeschriebenen – Selbstbezug; nämlich auf Jungen.