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Mittwoch, 17. Juni 2015

Verhandlungen ohne Verhandlungspartner: "Negotiating Gender" in der Schule

Ich bin vor einiger Zeit einmal gefragt worden, ob ich nicht einmal einen grundsätzlicheren Text zu einer gender-orientierten Pädagogik schreiben wolle. Eine Weile lang fand ich dafür keinen passenden Anfang – bis ich dann vor wenigen Tagen die neueste Ausgabe einer Zeitschrift in die Hand bekam, die eine Standardzeitschrift für den heutigen Englischunterricht ist: Der fremdsprachliche Unterricht Englisch mit seinem Themenheft Negotiating Gender.

Ich habe einen zweiteiligen Text geschrieben. In diesem ersten Teil gehe auf das – angesichts des Themas eigentlich unvertretbare – Desinteresse der Herausgeberinnen für die spezifischen schulischen Nachteile von Jungen ein. Zudem versuche ich an zwei ganz unterschiedlichen Beispielen – dem Film Billy Elliot und zwei Shakespeare-Sonetten – zu zeigen, wie hier gendertheoretische Annahmen einen Tunnelblick begünstigen, bei dem wesentliche Aspekte des Unterrichts ganz ausgeblendet bleiben.

Das mag philologisch interessant sein, hat aber vor allem erhebliche pädagogische Konsequenzen. Mit denen werde ich mich im zweiten Teil noch näher beschäftigen und fragen, ob nicht in der Gender-Pädagogik die klassische autoritäre Schulpädagogik einfach auf neue Weise verkauft wird.
Eine Gender Mainstreaming-Kampagne der Stadt Wien, die im Heft Negotiating Gender besonders lobend hervorgehoben wird. Zu beachten ist unbedingt, dass aus dem Asphalt sofort Blumen hervorsprießen, wenn nur Straßenbauarbeiten erst von Frauen verrichtet werden.
The Walking Dead
Wie die Gender-Pädagogik die autoritäre Pädagogik wieder zum Laufen bringt
Teil 1
„Der Unterricht wird häufig von (radikal)feministischen Lehrerinnen beherrscht, das geht sogar soweit, dass alles, was nicht in deren Ideologie passt, bis in den Keim erstickt wird. Der normale Unterrichtsstoff wird teilweise fast vollständig durch eine feministische Ideologienlehre und geschlechtsspezifische Vorurteile, Lügen und Mythen, die zu Lasten des männlichen Geschlechts und zum Vorteil des Weiblichen sind, ersetzt und werden zur Tatsache erklärt.“
Ganz ehrlich: Das, was hier ein Abiturient bei Agens im Jahr 2013 als Erfahrungsbericht veröffentlich hat, hab ich niemals so recht glauben können.

Nach meiner Erfahrung gibt es an Schulen keine Scharen indoktrinierender feministischer Lehrerinnen – problematisch sind eher die Beschränkungen und blinden Flecken der Diskussionen ÜBER Schule und Unterricht. Als im letzten Jahr beispielsweise der deutsche Schulpreis verliehen wurde, ging er – ausgerechnet in einer Zeit, in der die Jungen an den Schulen seit Langem schon regelrecht wegbrechen – an eine Mädchenschule. Schule lasse sich dann besonders gut gestalten, wenn man sie nur mit Mädchen macht und die Jungen draußen lässt – dass ihre Entscheidung eine solche Botschaft in das Land sandte, war der Schulpreis-Jury offenbar gar nicht aufgefallen.

Ganz ähnlich setzt ein Heft mit dem Titel Negotiating Gender (etwa: Geschlechterrollen verhandeln) an, das gerade in diesem Monat erscheinen ist. Es eignet sich für eine Analyse der blinden Flecken heutiger Schulpädagogik besonders gut: Es ist nämlich nicht als Teil einer Gender Studies-Veröffentlichung erschienen, sondern als Schwerpunktthema einer sehr renommierten Zeitschrift für den allgemeinen Englischunterricht.

Dienstag, 15. April 2014

Und plötzlich war ich Männerrechtler...

Ich habe das Thema dieser Blogparade, „Warum ich mich mit Männerrechten beschäftige und was ich damit zu erreichen hoffe”, einfach als Aufforderung interpretiert, eine persönliche Geschichte aufzuschreiben. Wie eigentlich kommt ein Junge aus einer durch und durch sozialdemokratischen Familie, ein Student der Sprach-, Geistes- und Sozialwissenschaften, der freiwillig (!) Seminare zu feministischer Literaturwissenschaft belegt, der schon recht früh und vermutlich sogar ohne bleibende Schäden Schriften von Susan Brownmiller, Alice Schwarzer oder Judith Butler liest, später dazu, sich für Männerrechte einzusetzen? Ein Stück in drei Akten. 
Wie, um Gottes Willen, wurde aus diesem unschuldigen Jungen ein MÄNNERRECHTLER?
Erster Akt: Seltsame Begebenheiten auf der Universität  Dass irgendetwas nicht stimmte, war schon früh klar. Da ich in den Geistes- und Sozialwissenschaften studiert habe, erlebte ich natürlich viele feministisch inspirierte Diskussionen zum Verhältnis der Geschlechter, und ich erlebte auch ihre Widersprüche.

Montag, 23. Dezember 2013

Josef und Nivea. Und eine Weihnachtsgeschichte.

„Mit Blick auf das nahende Weihnachtsfest empfahl Franziskus seinen Mitarbeitern Josef als Vorbild. Dieser habe sich fürsorglich ‚um seine Braut und das Kind‘ gekümmert und dabei ‚still‘ an der Seite Marias gestanden.“
Ganz ähnlich wie von Papst Franziskus, aber mit ganz anderer Bewertung, wird Josef von Marcus Spicker im Kuckucksvaterblog beschrieben:
„Er, der sich um Maria und ihr Kind kümmerte, aber stets im Hintergrund stand und in der Bibel nie zu Wort kommt. (…) Er, dessen Geschichte sich nüchtern betrachtet am Anfang genauso liest, wie die unzähligen Geschichten von heutigen Scheinvätern.“
Josef, der berühmteste Kuckucksvater der Religionsgeschichte, habe aber nur deshalb so tolerant sein können,
„weil er von Anfang an Bescheid wusste über seine Nicht-Vaterschaft und er die Verantwortung für den Jungen auch tatsächlich, zumindest eine Zeit lang, übernehmen durfte. Letztendlich wurde er aber genauso entsorgt, wie unzählige andere Scheinväter heutzutage auch.“
Dass heutzutage auch unzählige reale Väter entsorgt werden, wird Josef keine große Hilfe sein. Julia Schramm schrieb 2012 in der FAZ über einen Mann, der auf vielen Bildnissen weit weg von seinem neugeborenen Sohn steht, weiter als selbst Ochse und Esel, und
„der Vater sein soll, ohne das Baby gezeugt zu haben. Nicht einmal in der Lage war er, für die Niederkunft seiner schwangeren Frau eine ordentliche Herberge zu organisieren.“
Josefs Zurückhaltung sei im Laufe der Jahrhunderte aber auch in eine Tugend uminterpretiert worden. Zur „Disziplinierungsfigur für die Männer nach dem Dreißigjährigen Krieg“ sei er geworden, der „ein vorbildliches Familien- und Arbeitsleben“ vorgeführt hätte. Zudem sei die „Schmach, dass seine Frau ihm ein fremdes Kind untergeschoben hat, (…) längst zum Ausdruck seiner Reinheit umgedeutet“ worden. Ein heutiger Pastor entdeckt in Josef gar einen idealen Mann:
„Er war kein Mensch der vielen Worte, der erst eine Planungskonferenz einberufen musste. Er hat angepackt und gemacht. Und er hat traumhaft genau das Richtige getan.“
Antonio Allegri, genannt Correggio: Die Heilige Nacht (etwa 1530) Vorne ein Hirt und Mägde, die das Kind anbeten, beleuchtet von dem Glanz, der von ihm und der Mutter ausgeht. Im Hintergrund kümmert sich Josef um den Esel.
In diesem Sinne ist Josef ein Traummann aller vaterentsorgenden Mütter: Er ist da, wenn er gebraucht wird, hält aber auch dann den Mund, drängt sich nicht in den Vordergrund, übernimmt Verantwortung für Frau und Kind, ohne dumme Fragen zu stellen, macht der Mutter beim Kind keine Konkurrenz – und wenn er nicht mehr benötigt wird, verschwindet er stillschweigend, ohne dass das noch eigens erwähnt werden müsste.

Freitag, 23. August 2013

Die Mütze

Eigentlich wollte ich in diesem Blog ja ganz verschiedene Sorten von Texten schreiben, nicht nur Essays, auch ab und zu kleine Geschichten oder Gedichte. Aber ich habe mich von Gender Studies, SPD und Grünen ein wenig mitreißen lassen und dieses wohlmeinende Vorhaben ein wenig aus den Augen verloren… Nun aber wird es Zeit, mal wieder etwas daran zu ändern.

Bei Vandenhoeck & Ruprecht ist gerade der Band „Scheiden tut weh. Elterliche Trennung aus der Sicht von Vätern und Jungen“ erschienen. Seltsamerweise besetzt keiner der Beiträger einen Gender-Lehrstuhl, obwohl das Thema doch eigentlich zentral für die Geschlechterforschung sein müsste…aber ich will natürlich nicht schon wieder damit anfangen.
 
Zur Gesundheit von Jungen in „Einelternfamilien“ – selbst grammatikalisch ist das Wort ja schon krumm – trägt in dem Band beispielweise Robert Schlack vom Robert-Koch-Institut eine Menge zusammen.

Dienstag, 18. Juni 2013

Berserkerin

Ernst Barlachs Plastik „Berserker“ ist auf irritierende Weise widersprüchlich. Eigentlich ist ein Berserker ja jemand, der vor Wut in einen Rausch geraten ist und der nun ohne Sinn für die eigenen Schmerzen auf die Feinde einschlägt, laut Duden ein „Rasender, Tobender, Tobsüchtiger“, oder auch ganz einfach ein „kampflustiger, sich wild gebärdener Mann“.   An Barlachs Berserker aber fällt der ruhige, gelassene Gesichtsausdruck aus, eine fast meditative Entspanntheit. Auch der Ausdruck des Körpers passt kaum zum Bild des wilden Manns: Zwar hält er den rechten Arm, zum Schlag bereit, über den Kopf, aber dass er darin ein Schwert hält, ist aus der Perspektive von vorn kaum zu sehen. Der Körper ist auch nicht im Wutrausch nach vorn gerichtet, sondern schräg nach hinten gebeugt, als würde er sich vor einem Angreifer zurückziehen. Dazu passt der linke Arm, dessen Hand zwar zur Faust geballt ist, der aber quer vor dem Körper des Berserker ausgestreckt eben vom Angreifer fort weist.

Die blanken Füße stehen auseinander, ein weites Gewand – und nicht etwa ein Bärenfell – spannt sich zwischen ihnen, und der ganze Berserker sieht so aus, als ob er nicht etwa wild wüten, sondern gelassen sitzen würde. Das tut er auch – wenn man ihn von hinten anschaut, sieht man, dass er sich ruhig auf ein paar Steinen niedergelassen hat.
Die Widersprüche der Figur haben mich an Diskussionen erinnert, die auch hier im Blog immer wieder über Äußerungen der Männerrechtsbewegung geführt wurden. Eine noch vor wenigen Tagen: 
Ich fürchte aber, dass die (…) ins offene Messer laufen. Wenn man einige Blogs der Männerrechtler liest, findet man neben sachlichen Artikeln und Kommentaren leider immer wieder vulgäre, beleidigende und [wirklich] sexistische Beiträge.
Als Beispiel nennt der Kommentator Begriffe wie „Quotze“, eine Kontamination aus den Begriffen „Quote“ und „Fotze“, die in seinen Augen erschreckend sind. Sein Schluss daraus:
Wer gegen die totalitären Spielarten des Genderismus und des Feminismus argumentieren will, braucht ein hohes Maß an Selbstdisziplin. Er muss auch von seinen Kommentatoren Disziplin fordern. Sonst gibt man sich Blößen, die gnadenlos ausgenutzt werden.

Samstag, 18. Mai 2013

Leuchten

Jetzt ist das Abitur für dieses Jahr fast vorbei. Heute habe ich noch einmal in einer Aufsicht gesessen, für einige Nachschreiber, und da ich meine Klausuren korrigiert und freundliche Gutachten geschrieben und also sonst nichts anderes zu tun hatte, konnte ich mir die Zeit endlich einmal wieder mit dem Schreiben eines eigenen Textes die Zeit vertrieben.

Vor Kurzem habe ich, warum auch immer, eine Interpretation zu Kafkas Erzählung „Das Urteil“ gelesen, die ausdrücklich aus der Perspektive der „Gender Studies“ geschrieben war. Die Verfasserin stellte dabei zunächst einmal die Gender Studies vor und legte Wert darauf, dass dort menschliche Beziehungen unter dem Gesichtspunkt der Macht analysiert würden. Mir kam das ein wenig einseitig vor, zumal unausgesprochen damit ja ohnehin nur eine Macht gemeint ist (die der Männer über Frauen) – als ob die soziale Interaktion, erst recht die im persönlichen Umfeld, nicht noch durch ganz andere Motive, Bedingungen und Gefühle bestimmt wäre. Zu Kafkas Text passt diese Perspektive aber, vordergründig zumindest – eine Vater-Sohn-Beziehung, in der ein alter Vater zunächst schwächlich und hilfsbedürftig wirkt, der Sohn dagegen erfolgreich und gefasst, während schließlich der Vater mächtig und triumphierend dasteht und der Sohn sich von einer Brücke stürzt.
 
(Man merkt aber dieser auf das Machtverhältnis konzentrierte Wiedergabe vielleicht schon an, dass auch Kafkas Erzählung damit möglicherweise ein wenig verkürzt wird.)

Da ich, auch zufällig, neulich ein Bild gesehen habe, das mich an die Erzählung Kafkas erinnert hatte, und da ich hier ohnehin schon ab und zu kurze Texte zu Bildern veröffentlicht habe, hatte ich heute Morgen also selbst etwas zu schreiben.

Donnerstag, 18. April 2013

Frühling 2013, oder: Wie ich einmal Alice Schwarzer kommentieren wollte und dann doch lieber ein Gedicht schrieb

Neulich habe ich ausnahmsweise einmal „Menschen bei Maischberger“ gesehen, weil dort zum Thema „Sexismus-Debatte: Was hat sie gebracht?“  diskutiert wurde. Ich dachte, dass ich vielleicht für dieses Blog einen kleinen Text dazu schreiben kann. Heute wissen wir: Ein anständiger Nachtschlaf wäre besser gewesen – aber das war mir vorher wirklich nicht klar.

Immer wieder ganz interessant jedoch, aber mittlerweile eben auch vorhersehbar ist es, wie Alice Schwarzer gegenüber Männern jovial und werbend agiert, laut lachend noch bei simplen Herrenwitzen (Sandra Maischberger: „Was sagt eine Frau nach dem vierten Orgasmus?“ – Heiner Lauterbach: „Danke, Heiner.“), aber wie sie überaus bissig und herrisch gegenüber einer Frau mit abweichender Meinung (diese Mal in dieser Rolle: Birgit Kelle) auftritt. Man bekommt übrigens den Eindruck, wenn man ganz genau hinschaut,  sie sei selbst darüber froh, dass immer wieder Männer als Sozialpuffer zwischen ihr und anderen Frauen zur Verfügung stehen.

Samstag, 13. April 2013

Seid euch eurer Sache nicht so sicher!


Eigentlich will ich hier zwischendurch ja auch immer mal wieder Gedichte oder kurze erzählerische Texte einstreuen, auch wenn ich in der Hinsicht in letzter Zeit etwas säumig war. Nach meinen Statistiken werden solche Texte seltener gelesen als andere, aber trotzdem ist es mir wichtig, sie dabei zu haben. Allein schon, weil sie auch bei ernsteren Themen etwas Spielerisches haben und so den heiligen Ernst der geschlechterpolitischen oder sonstigen Debatten ein wenig unterbrechen.

Außerdem: Wenn jemand nicht nur männer- und menschenrechtliche Texte, sondern auch noch GEDICHTE schreibt und sogar veröffentlicht, ist das Risiko, sich dabei gegebenenfalls ein wenig lächerlich zu machen, ja doch recht groß. Und ein bisschen Risiko muss nun einmal ab und zu einfach sein.

Zudem hat auch mein Hausphilosoph John Dewey Gedichte geschrieben und veröffentlicht und auch sonst bemerkenswert wenig Angst gehabt, sich lächerlich zu machen. Eine schöne Anekdote über ihn beschreibt, wie er – was selbstverständlich war für einen linksliberalen Philosophen und Pädagogen, nach dessen Überzeugung Demokratie natürlich mit der allgemeinen Möglichkeit der Partizipation verbunden war – wie er also an einer Demonstration für das Frauenwahlrecht teilnahm, sich zerstreut (wie es sich für einen Professor gehört, zumindest in Anekdoten) irgendein Schild nahm, das er auf dem Weg der Demonstration durch die Stadt stolz in die Luft reckte, wie er sich ab und zu auf dem Weg über die amüsierten Blicke anderer wunderte, um dann erst nach dem Ende der Veranstaltung darauf zu achten, welchen Spruch er eigentlich seit Stunden emporgereckt hatte: „Men can vote - why can’t I?“

Heute hat sich diese Frage natürlich längst erledigt, heute bräuchten wir eher einen Satz wie „Women can care for their children – why can’t I?“ (und man wundert sich, warum sich diese Frage nicht auch schon längst erledigt hat). Und wir müssten dann noch eine prominente Frau finden, die diesen Satz durch halb Berlin oder Hamburg trägt…oder überhaupt erst einmal eine entsprechend große Demonstration zu Stande bringen…

Aber ich schweife ab und wollte ja eigentlich nur was zu dem Gedicht sagen, das jetzt gleich kommt. Es ist keine Leseransprache (wirklich nicht, das sag ich nicht nur, um höflich zu sein) – eher eine Art Antwortgedicht auf einen Text wie diesen hier. Ich hatte beim Notieren des Gedichts an einen Jugendlichen gedacht, der etwas zu Erwachsenen sagt – aber es passt sicher auch noch in andere Situationen.

(Jetzt aber genug geredet.)

Mittwoch, 13. März 2013

Kluge Ratschläge an jemanden, der auszieht, das Fürchten zu lernen


Wir hoffen, du wirst einmal glücklich sein,
zufrieden und stabil im Leben stehen.
Die Furcht erlernst du noch von ganz allein.

Erst gestern noch, so scheint es, warst du klein.
Heut mußt du deine eignen Wege gehen.
Wir hoffen, du wirst einmal glücklich sein.

Noch spinnst du dich rundum in Träume ein.
Sie werden später unbemerkt verwehen.
Die Furcht erlernst du noch von ganz allein.

Fall nicht auf jedes kluge Wort herein!
Hör auf, dich um dich selbst im Kreis zu drehen!
Wir hoffen, du wirst einmal glücklich sein.

Geh in die Welt hinaus, als wär sie dein.
Lauf nicht vor ihr davon, und du wirst sehen:
Die Furcht erlernst du noch von ganz allein.

Suche nicht zu jedem „Ja“ ein „Nein“!
Du mußt nicht alles vollständig verstehen.
Wir hoffen, du wirst einmal glücklich sein.
Die Furcht erlernst du noch von ganz allein.


Samstag, 2. März 2013

Kleine Motivationshilfe für die kommenden Abiturprüfungen


Habe nun, ach, seit vielen Jahren
viel gelernt und viel vergessen,
quer und krumm die Welt erfahren
und an meinem Tisch gesessen.
Ich kann Englisch, etwas Spanisch,
und ich kann sogar Latein:
exspecto - exspectas - exspectat.
Ich kenn die Mendel´schen Gesetze,
kann mit Logarithmen rechnen
(und weiß heute noch nicht, was man davon hat).
Ich hab viele Kompetenzen,
ich kann unauffällig schwänzen,
ich kann kritisch hinterfragen,
ich kann „Ja“ und „Amen“ sagen.
   So viele Fragen, und keine Antwort.
   So viele Antworten, und keine Fragen….
Alles nützlich, wundervoll!
(Ich weiß nicht, was ich damit soll.)

Ich weiß, dass ich sehr vieles weiß:
Physik, Geschichte, Politik,
deutsche Dichtung abschnittweis´
und leider auch Mathematik.
Die Vergangenheit der Deutschen -
gibt es Frieden oder Krieg? -
ich kann zu allem sehr begründet etwas sagen.
Ich kenn den Marieanengraben
und fast alle Halogene.
Nebenbei noch etwa fünf der sieben Plagen.
Ich kenne manche alten Griechen,
ich kann aufrechtgehend kriechen.
- Und doch frag ich mich vergebens
nach dem Sinn des ganzen Strebens.
   So viele Fragen, und keine Antwort.
   So viele Antworten, und keine Fragen.
Leer bin ich und übervoll…
(Ich weiß nicht, was ich machen soll.)

Freitag, 8. Februar 2013

Schreie


Gerade als der Gastgeber Wein nachschenkte, fingen die Schreie wieder an.

Was du dem geringsten meiner Brüder getan hast, das hast du mir getan, sagte der Mann mit den sehr blauen Augen.

Den Satz habe ich noch nie verstanden. Warum sollte eine Tat nur deshalb gut oder schlecht sein, weil sie auch Jesus trifft? Nach meinem Verständnis belegt dieser Satz keineswegs seine Solidarität mit allen Menschen, sondern eher seine Selbstbezogenheit, sagte der Gastgeber und wartete die Wirkung dieser Provokation ab.

Währenddessen schrie die Frau in der Wohnung über ihnen noch immer. Ein Kind weinte dagegen an, so lange, bis es schließlich lauter schrie als die Frau.

Mittwoch, 30. Januar 2013

Luftwurzeln

Es gibt Pflanzen, erzählte er ihr, die Luftwurzeln schlagen. Sie sind nicht in der Erde verankert, aber ihre Wurzeln wachsen durch die Luft, bis sie auf etwas treffen, das ihnen Halt gibt. Manchmal...

Du dozierst schon wieder, antwortete sie. Sie stand vor dem Spiegel und sah sich missmutig an, er blickte aus dem Fenster und war augenblicklich ruhig.

Freitag, 18. Januar 2013

Der Panther wird befreit

Ein letzter Ruck, ein Kreischen noch der Säge:
Die Tür ist offen und das Tier ist frei.
Er blickt gelangweilt, müde, traurig-träge,
als ob er schon zu lang gefangen sei,

Als ob die Kraft schon lang kein Ziel mehr hätte,
die dort am Rande schleicht - und ohne Sinn
der Blick nach außen wär. - Da ich ihn rette,
geht er nun tastend wie zur Probe zu mir hin

Und dann ganz langsam in des Käfigs Ecke.
Ein Blick, der zeigt, dass ihm nichts mehr gefällt.
Ein letztes Fragen noch, was ich bezwecke.
Wer einen Käfig hat, braucht keine Welt.

Samstag, 12. Januar 2013

Winter


Ich habe gehört, dass die Bäume zu anderer Zeit
einmal Blätter und Blüten hatten –
und auch, dass es wieder so sein wird, dereinst.
Doch das glaube ich nicht.

Ich habe gehört, dass es Vögel gibt, die
den ganzen Tag über singen
und die in den wärmeren Süden ziehn, ehe es kalt wird.
Ich weiß nicht, was damit gemeint ist.

Man erzählte sich von einer anderen Zeit,
wenn der Tag länger ist als die Nacht
und die Sonne die Erde erwärmt und nicht nur beleuchtet –
dass die Menschen dann oft außer Haus sind
und leichtere Kleider tragen
und es mögen, noch spät in der Nacht im Freien zusammenzusitzen.
Ich kann dazu leider nichts sagen.

Das Letzte, was ich noch im Kopf habe, ist:
dass die Farben fast alle verschwunden sind aus dieser Welt,
dass die Wege voll Matsch sind und kaum noch passierbar
und die Wiesen von Pfützen bedeckt, weil das Wasser nicht abläuft,
und die Menschen gereizt sind und müde und bleich,
wenn der schöne Schnee nicht mehr liegt.

 

Dienstag, 8. Januar 2013

Rilke


Als wir des Abends über Rilke sprachen
(wir hatten wohl nichts Besseres zu tun),
geschah es, dass wir miteinander brachen.
Es war nicht Rilkes Schuld, das weiß ich nun.

Des Menschen Sorgen, seine tiefen Nöte –
sprachst Du zu mir und warst wie neugeboren –
verstünde Rilke besser noch als Goethe.
Da wusste ich: Ich hatte dich verloren.

Und hinterher und ziemlich auf die Schnelle
ein letztes Abgleiten ins Sexuelle,
als würden beide mit den Blättern treiben.

Dass Du fortan Dein Leben ändern musst,
hab ich zuvor tatsächlich nicht gewusst.
Ich sagte noch: Lass es doch bitte bleiben…

Sonntag, 6. Januar 2013

Ein guter Mann spricht sich mal was von der Seele


Ihr seht es wohl, ich habe Recht:
Der Mann an sich ist herzlich schlecht.
Wobei ich durchaus nicht verhehle:
Auch Männer haben eine Seele.
Sie ist recht klein. Kann schnell verschrumpeln.
Doch sitzt ein Mann mit seinen Kumpeln
bei einem Wein oder beim Bier,
dann wächst sein kleines Seelentier
und bläst sich auf, und wird gigantisch,
wird welterschütternd, gar romantisch,
dehnt sich am Ende aus ins All
und platzt. Nein, nicht mit einem Knall,
es ist wohl eher ein Gewimmer –

Da lob ich mir die Frauenzimmer!
Weil deren Seele in sich ruht
und dabei nichts als Gutes tut.
Sich herschenkt. Sich wohl auch verschwendet,
sich oft als Liebende verwendet,
gern kreativ die Schöpfung schützt
und dabei auch im Haushalt nützt,
die Arbeitswelt humaner macht
und tröstet, aufbaut, fördert, lacht
und Kinder nährt und Männer stillt –
Ihr seht es wohl: Ein schwaches Bild
bietet daneben solch ein Mann.
Man denkt an sich, man baggert an,
man kriegt sie rum, man bettet sich.

Ich büße.
               Frauen: Rettet mich!


Dieses Gedicht ist dem Hinni Rosenbrock, dem Thommi Gesterkamp und dem Andi Kemper gewidmet, mit, dings, solidarischen Grüßen!

Schiffe

 

Im fernen Reich der Kindheit liegt ein Hafen
Aus dem fast täglich Schiffe an mich gehn,
auf eine lange und entbehrungsreiche Fahrt.

Die meisten dieser Schiffe gehn verloren
im Sturm und in der Windstille, die folgt.
Doch viel zu viele können mich erreichen.

Sie transportieren Bilder und Gerüche
und Geräusche, Gedanken und Gefühle
und Bilder, immer wieder Bilder, die
ich nicht verstand und die ich nicht versteh.

Ich wüsste gern: Wer schickt mir diese Schiffe,
und welchen Zweck verbindet er damit,
und was erwartet er von mir zu tun?

Ich wünschte mir, ich wäre nicht so reich
an Bildern und Gerüchen und Geräuschen,
Gedanken und Gefühlen. Und an Schiffen.

Ich wünschte mir, ich wäre nicht so reich
und dass ich nie ein Kind gewesen wär'.