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Montag, 20. Juli 2015

Polemischer antifeministischer Backlash, gruselige Verschwörungstheorien...

...und andere sachliche Worte der Zeit für Kritik an den Gender Studies
 
 
In der Zeit hat die Kulturjournalistin und Deutschlandradio Kultur-Redakteurin Catherina Newmark gerade einen Text veröffentlicht, in dem sie Kritikern der Gender Studies vorwirft, ihre Kritik lediglich Aus Angst vor einem anderen Leben zu üben: aus Angst also vor einer Änderung bestehender Verhältnisse, aus Angst davor, das Menschen anders leben könnten, als es gängigen Normen entspricht.
 
Da der Kommentarbereich nur knappe Texte erlaubt, schreibe ich hier meinen Kommentar dazu.
Erzeugt solch ein Bild tatsächlich Angst? Auch diese Illustration einer bunten Geschlechtervielfalt variiert immer dieselben beiden Grundmuster: Mann und Frau. Sollten sich Traditionalisten am Ende durch Gender Studies bestätigt fühlen können?
Der Text in der Zeit ist durchgehend von dem Bemühen geprägt, die Gender Studies als grundsätzlich unproblematisch darzustellen – obwohl doch Probleme bei einem sehr jungen Fach eigentlich zu erwarten und zudem völlig verständlich sind. Kritiker erscheinen durch diese Darstellung als unlautere, unsachliche Ideologen, die bloß persönlichen Interessen folgen.

„Antifeministische Rhetorik“, also natürlich keine Argumente, führten sie an, und das ist denn natürlich als „Backlash“ zu verstehen – als ob Kritik durch nichts anderes begründet sein könnte als durch die Angst von Männern, die um ihre Machtpositionen fürchten und nun gegen emanzipatorische Positionen zurückschlagen.
 
Das ist selbst argumentfreie Rhetorik: Denn feministische Positionen sind politische Positionen, und in einem demokratischen Rahmen dürfen und SOLLEN politische Positionen natürlich einer offenen Kritik unterzogen werden. Wenn ich bestimmte Positionen des Feminismus kritisiere, macht das aus mir noch keinen „Antifeministen“ – Angela Merkel betitelt ja auch nicht jeden, der mal Kritik an ihr übt, deswegen gleich als „Antichristdemokraten“, oder der Einfachheit halber kurz als „Antichristen“.

Dass niemand, wie eine Zwischenüberschrift das ausdrückt,  Biologie bestreite, was immer das auch heißen mag – das mag sein, ist aber irreführend. Wo ist denn der systematische Platz der Biologie in den Gender Studies?
„Mit den Nazis kam die Theorie einer weitgehend klaren biologi­schen Zweiteilung, die auch immer noch im Biologiestudium vermittelt wird“
– das erklärt im Interview ein Gender-Professor mit Biologiestudium.  „Mann“ und „Frau“ sind hier nicht nur bloß soziale Konstruktionen – es sind auch soziale Konstruktionen der Nazis. Wer hätte das gedacht?

Das hat der Professor sicherlich außergewöhnlich ungeschickt formuliert, es spiegelt aber Grundlagen der Gender Studies wieder, die sich auch bei Judith Butler finden lassen: Es gäbe keine selbstständigen biologischen Geschlechter (sex), sondern auch diese seien soziale Konstruktionen (gender). Sex kollabiert in Gender, sozusagen.

Wichtiger noch: Diese sozialen Konstruktionen werden tatsächlich nicht unvoreingenommen auf ihre Funktion hin untersucht, sondern Butler unterstellt, dass sie Herrschaftsinteressen dienten, „als Macht/Diskurs-Regime“ (Butler, Unbehagen der Geschlechter).

Vor diesem Hintergrund sind biologische Auskünfte zu Geschlechtern mit dem pauschalen Vorwurf konfrontiert, sie seien bloß eine Naturalisierung von Herrschaftsstrukturen: Sie würden also diese Strukturen zugleich verschleiern und legitimieren. Dass Biologen diesen Pauschalvorwurf, den zu erheben übrigens keine biologischen Kenntnisse voraussetzt, seinerseits als unwissenschaftlich und ideologisch ansehen – das ist bei Licht betrachtet nicht sonderlich überraschend und völlig nachvollziehbar.

Mir sind übrigens „maskulinistische Verschwörungstheorien von der feministischen Weltherrschaft“ nicht bekannt, und offenkundig baut die Autorin auch hier einen Strohmann auf.  In einem argumentativen Kniff, der schon aus Kindergartentagen vertraut ist („Wer’s sagt, isses selber“), unterstellt sie die pauschale Herrschaftsunterstellung ihrerseits den Kritikern.
 
Dabei würde es völlig reichen, wenn sie und Vertreter der Gender Studies anerkennen könnten, dass natürlich auch Männer und Jungen unter geschlechtsspezifischen Benachteiligungen leiden können. Newmarks Formulierung allerdings, dass Frauen nicht nur ihre Probleme, „sondern auch die aller anderen Geschlechter ernst nehmen wollten“, verschleiert bloß, dass Fragen nach spezifischen männlichen Belastungen in den Gender Studies keinen Platz haben. 
 
Eine Ausnahme ist dann möglich, wenn sie sich als Probleme darstellen lassen, die durch patriarchale oder heterosexistische Strukturen selbst verursacht worden seien, etwa als Probleme der „marginalisierten Männlichkeiten“, die unter der „hegemonialen Männlichkeit“ litten (Connell).

Die spezifischen, ungeheuer bedrückenden Probleme von Trennungsvätern spielen beispielweise in den Gender Studies ebenso wenig eine Rolle wie die deutlichen schulischen Nachteile von Jungen. Eine gerade erschienene Ausgabe einer renommierten didaktischen Fachzeitschrift zum Thema „Negotiating Gender“ hat etwa die Frage nach einer besonderen Förderung von Jungen ausdrücklich ausgeschlossen und ist damit durchaus repräsentativ für gendertheoretischen Ansätze.
 
Angesichts von mittlerweile mehreren hundert Lehrstühlen ist eine solche Ausblendung sozialer Probleme natürlich ihrerseits Teil einer Herrschaftspolitik, die auch dann illegitim ist, wenn sie kein Teil einer Weltherrschaft ist...


In meinen Augen sind Gender Studies trotz der Einwände grundsätzlich ein sehr interessantes, lohnendes Forschungsfeld –
 
sie müssten allerdings erstens tatsächlich offene Fragen stellen und nicht alle Antworten immer schon kennen,
 
sie müssten  zweitens gegenüber anderen Wissenschaften, und der Überprüfung durch sie, offen sein,
 
und sie müssten drittens ihre erheblichen, aber kaum einmal thematisierten Ressentiments gegenüber Männern und Jungen ablegen.
 
Wer Männlichkeit routiniert mit Herrschaft oder Hegemonie  verknüpft, wird diese Ressentiments jedoch beständig reproduzieren. Das ist eine Haltung, die sich selbst immunisiert: Weil dann jede Kritik zum Ausdruck von Herrschaftsinteressen umgedeutet werden kann und daher sachlich nicht überprüft werden müsse.


Ich hatte hier einmal eine kleine Serie zu den Gender Studies:

1. Gender Studies als Wissenschaft von allem und jeder
2. Gender Studies: Wissenschaft von unten, installiert von oben
3. Gender Studies und die Logik der Feindschaft

Donnerstag, 9. Juli 2015

Die Superheldin als Mörderin

Das hier ist der zweihundertzweiundzwanzigste Text, der in diesem Blog veröffentlicht wird. Eine gute Gelegenheit für eine Veränderung. In den letzten Woche haben sich nämlich gehäuft Kommentatoren bei mir gemeldet, die sagten, dass sie Schwierigkeiten mit dem Kommentieren hier hätten. Daher werde ich – wenn alles klappt, wie ich es vorhabe – demnächst bei Wordpress weitermachen.
+
Die Information, dass James aus Mamis Herz entsprungen ist, vermittelt Kindern möglicherweise etwas einseitige Vorstellungen über die Natur der menschlichen Fortpflanzung. Aus einem Kinderbuch der Happy Family-Serie, die in Kinderbüchern das Leben bei alleinerziehenden Müttern preist. Kindgerecht, natürlich.
Vorher aber wollte ich mich noch bei einer internettypischen, beliebten Textsorte bedienen, die hier in den letzten zweieinhalb Jahren schmerzhaft zu kurz gekommen war: beim Rant. Schließlich hatte ich schon viele verschiedene Arten von Texten veröffentlich, sogar Gedichte – da wäre zum Ausgleich solch eine ungehemmte Wutrede eigentlich einmal ganz passend gewesen.

Gerade war ich auch richtig schön wütend, unbekümmert aus dem Bauch heraus, wie es für solche Situationen bzw. Textsorten allgemein als angemessen erachtet wird – als mein ungeschickter Kopf im unpassenden Moment ungefragt dazwischenredete und die ganze effektiv aufgebaute Wut auf das Unangenehmste verwirrte. Aber von vorn – –

Montag, 8. Juni 2015

Zwischen Allmacht und Ohnmacht - Ein Rückblick auf die letzten Wochen

Die Monatsrückblicke, die ich über ein Jahr lang veröffentlicht hatte, waren für mich immer mit großem Abstand die arbeitsintensivsten Texte – allein schon durch die Sammlung der verwendeten Textstellen und Links. Da ich in den letzten Wochen und Monaten dafür kaum die Zeit hatte, habe ich diese Rückblicke nun einige Male ausgelassen. Nun aber bin ich gerade vor dem Wochenende mit Abiturarbeiten (wiederum an der Schule die arbeitsintensivste Zeit) fertig geworden, und da es in den letzten Wochen vieles gab, das einen zweiten Blick wert ist, habe ich einen Rückblick darüber geschrieben. Er ist nicht so link-intensiv wie die sonstigen Monatsrückblicke, aber immerhin schlägt er einen Bogen von den Performances der Emma Sulkowicz über den Sturm gegen Ronja von Rönne bis hin zum Buch Fettlogik überwinden von Nadja Hermann. Also:

 
„Überlebende können ganz unterschiedlich sein, aber es gibt nur eine einzige Art und Weise, das radikale Misstrauen und den Hass gegenüber einem Opfer von Vergewaltigung und sexuellen Übergriffen auszudrücken, und das ist: indem Du ihm nicht glaubst.“
Soweit Sam Smith von einer studentischen Zeitung der Florida State University. Auch sie weiß natürlich nicht, was eigentlich zwischen Emma Sulkowicz und Paul Nungeßer geschehen ist, über die sie hier schreibt, und wie berechtigt Sulkowiczs Vorwürfe sind, ihr Kommilitone und Freund habe sie vergewaltigt. Auch Smith wird aber vermutlich wissen, dass sie ihre Anzeige gegen Nungeßer zurückgezogen hatte und dass er in einer universitätsinternen Untersuchung von allen Vorwürfen freigesprochen worden war.

Tatsächlich sagt Smith auch gar nichts über die vorgebliche Tat aus, sondern darüber, wie wir – die wir die Beteiligten nicht kennen – Sulkowiczs Vorwürfen zu begegnen haben. Smiths Problem ist nicht, ob die Studentin vergewaltigt wurde, sondern wie eine – warum auch immer – interessierte Öffentlichkeit mit ihren Aussagen umgehen soll.

Natürlich aber ist Smiths Argumentation zirkulär. Sulkowicz müsse geglaubt werden, weil sie ein Vergewaltigungsopfer sei – und dass sie ein Vergewaltigungsopfer ist, stehe fest, weil ihr geglaubt werden müsse. Gravierend ist, dass Smith – und viele, viele andere mit ihr – sich damit von einer wesentlichen Annahme einer demokratischen, offenen Diskussion verabschiedet.

Sie geht nämlich gar nicht mehr davon aus, dass es eine prinzipiell gemeinsame Wirklichkeit gäbe, von der wir zwar jeweils unterschiedlich viel wissen, über die wir uns aber gemeinsam und nach gemeinsamen Regeln verständigen können. Stattdessen etabliert Smith einen radikalen Unterschied zwischen Menschen, die einen privilegierten Zugang zur Wahrheit haben – und anderen Menschen, die ihnen zu glauben hätten.

Schon der Zweifel gilt dann ausdrücklich als Hass.
Emma Sulkowicz (rechts, Mitte) bei ihrer Examensfeier. Bei ihrer Performance Carry That Weight erhält sie Hilfe von einigen Kommilitoninnen. (Foto: Adam Sherman)
Viele und ganz unterschiedliche Diskussionen der letzten Monate wurden von dem offenen Vorwurf begleitet, dass Kritiker und Zweifler nicht eigentlich Kritik und Zweifel, sondern Hass ausdrücken würden. Das setzt auf das erste Problem gleich noch ein zweites drauf: Nicht nur haben dann bestimmte Menschen einen privilegierten Zugang zur Erkenntnis sozialer Wirklichkeit, sie sind damit auch moralisch herausgehoben, und ihre Kritiker erscheinen als moralisch minderwertig.

Ein Schlüsselwort ist vermutlich das der Überlebenden, das in vielen Diskussionen den des Opfers ersetzt hat. Unterschwellig spielt es an auf die Situation, in der es seit dem Zweiten Weltkrieg wesentlich verwendet wurde: Auf die Überlebenden der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Es suggeriert: Ultimative, radikal antihumane Gewalt ist beständig mitten unter uns, wird wieder und wieder unter der trügerischen Oberfläche der zivilen Normalität verübt – und nur das Zeugnis der Überlebenden gibt uns die Gelegenheit, von ihr zu erfahren.

Die Folgen für öffentliche Debatten sind allerdings katastrophal, wenn so Menschen die Möglichkeit eines Zugangs zur Wahrheit prinzipiell zugesprochen oder abgesprochen wird und wenn sie grundsätzlich als Überlebende und Verbrecher klassifiziert werden. Die Geschichte von Paul Nungeßer und Emma Sulkowicz ist nur ein Beispiel dafür.

Donnerstag, 28. Mai 2015

Menschenrechte in Beton

Zur Achtung der Menschenrechte in Deutschland. Update 2015
„Menschenrechte sind in der Bundesrepublik offenbar nur deklamatorischer Natur.“
Dieser Satz bezieht sich auf das deutsche Familienrecht und ist mehr als zwanzig Jahre alt. Er stammt aus dem Essay „Die Achtung der Menschenrechte in Deutschland – Anspruch und Wirklichkeit. Gedanken zum Jahr der Familie“, den Prof. Dr. Michael Reeken im Jahr 1994 in der Fachzeitschrift „Zentralblatt für Jugendrecht“ veröffentlicht hat.
Welcher Satz ist die natürliche, nächstliegende Reaktion, wenn man einen Vater mit seinem Kind sieht? Richtig: Soll der faule Hund doch lieber arbeiten! Und nein, dieser Satz ist selbstverständlich weder rassistisch noch sexistisch, sondern emanzipatorisch, der Zukunft zugewandt und mit den Menschenrechten von Vater und Kind jederzeit vereinbar.
Bei der Arbeit an dem Text über das seltsame Verhältnis des Deutschlandradios zu Menschenrechten habe ich den Text von Reeken noch einmal gelesen – und war abwechselnd verblüfft, belustigt und wütend, wie genau dieser alte Text auch heute noch die Situation im deutschen Familienrecht beschreibt.
 
Und nicht nur dort.

Freitag, 22. Mai 2015

Was hat das Deutschlandradio eigentlich gegen Menschenrechte?

Die Situation deutscher Mütter ist – von der breiten Öffentlichkeit wie üblich unbemerkt – unerträglich geworden.
„Unverheiratete Mütter und ihre Kinder geraten (…) in eine noch nie da gewesene Situation des Ausgeliefertseins an den Kindesvater.“
Durch gesetzlichen Zwang sieht sich die unschuldige Mutter der Willkür eines missgünstigen Vaters ausgesetzt, der sich zwar – wir kennen diese Gesellen ja – selbst nicht um das Kind kümmern möchte, ihre Sorge um das Kind aber vergnüglich und nach Kräften torpediert.
„Sie muss beim Vater vorsprechen, muss um seine Unterschrift bitten, wenn es gilt, Tochter oder Sohn taufen zu lassen, beim Kindergarten anzumelden oder einen Reisepass zu beantragen. Auch ein Umzug des Kindes muss von ihm abgesegnet sein.“
Wendet sich die verzweifelte Mutter dann hilfesuchend an Institutionen, dann sieht sie sich einem solch unübersichtlichen administrativen Terror ausgesetzt, dass Kafkas „Prozeß“ im Vergleich dazu als harmloses Kinderbuch erscheint. 
„Hier kann endlich das familiengerichtliche Helfersystem zuschlagen. Es besteht aus Umgangspflegern, Verfahrensbeiständen, Gutachtern. Sie alle können ihr Mütchen an der jungen Frau kühlen und verdienen nicht schlecht an der neuen Rechtssituation. Für die Mütter aber kann es schlecht ausgehen: ihnen droht sogar die Wegnahme des Kindes.“
Wie aber konnte es zu einer solchen entsetzlichen Situation kommen, in der sogar ungeheuerliche Absurditäten in den Bereich des Möglichen geraten – in der es sogar denkbar wird, dass ein Kind nicht bei seiner Mutter aufwächst, sondern gar bei seinem Vater?
„Eine solche Konstellation wäre vor der Gesetzesnovelle nicht entstanden, als noch das alte Kindschaftsrecht der Achtziger Jahre galt.“
Darauf, dass früher alles besser war, macht dankenswerterweise das Deutschlandradio Kultur in einer Sendung seines Politischen Feuilletons vom 18. Mai aufmerksam. „Den Vätern die Rechte, den Müttern die Pflichten“ heißt die Sendung, und in einem Interview am darauffolgenden Tag ordnet Jutta Wagner als ehemalige Präsidentin des Deutschen Juristinnenbundes diese Sendung rechtlich und politisch ein.
Natürlich täuscht das friedliche Bild. Das Deutschlandradio klärt darüber auf, dass der Vater das Kind lediglich "zur freien Verfügung" haben möchte, um "Macht über die Mutter" zu haben.
Mit Hetze hat das selbstverständlich nichts zu tun.
Einmal ganz ohne Ironie: Ich weiß, dass die Überschrift dieses Textes überzogen oder polemisch wirken kann. Sie ist es nicht. Die Sendungen des Deutschlandradios verraten tatsächlich erhebliche Probleme mit dem Konzept der Menschenrechte, und sie artikulieren diese Probleme in hetzerischer Weise. Das betrifft nicht allein die Rechte von Vätern, sondern vor allem die von Kindern.

Solch eine Aussage muss natürlich begründet werden.

Sonntag, 17. Mai 2015

Wie ich einmal den neuen Mad Max-Film nicht boykottierte

„Ja, ich bin ein Feminist“, erklärt gerade der Schauspieler Ryan Gosling im Magazin der Süddeutschen Zeitung (S. 20) und hat dafür auch eine überraschend einfache Begründung: „Frauen sind besser als Männer.“
 
Keine umständlichen Reden also darüber, dass es um Gleichberechtigung gehe und um eine Öffnung der Geschlechterrollen und dass all dies auch für die Männer gut sei – stattdessen kommt Gosling sympathisch-unbekümmert gleich zur Sache.

Skandalös ist seine Aussage trotzdem nicht. Gosling erklärt mit ihr nämlich seine eigene familiäre Erfahrung, nach der Mutter und Schwester im Unterschied zum Vater für ihn da gewesen seien. Es wäre allerdings hübsch, wenn sich nun aus Gründen der Symmetrie auch eine bekannte Schauspielerin zur Maskulistin erklären würde, weil schließlich Männer einfach besser wären als Frauen, irgendwie.

Deutlich schwerwiegender als solche persönlichen Einschätzungen sind politische Ideologien der Höherwertigkeit eines der Geschlechter, oder kulturelle Klischees, die ganz abgelöst von aller konkreten Erfahrung weiter transportiert werden.

Feministische Klischees eben dieser Art entdeckt der Blogger Aaron Clarey im vierten Mad Max-Film, Mad Max: Fury Road. Genauer: Er entdeckt sie in den Trailern des Films, da er den Film selbst nicht gesehen hat, aber prophylaktisch trotzdem schon einmal zu seinem Boykott aufruft.
 
 
Da nämlich die Figur des Max, so Clarey nach Ansicht der Trailer, hinter der Frauenfigur der Imperator Furiosa offenbar zur Staffage werde, da an dem Film die feministische Autorin Eve Ensler beteiligt gewesen sei, sieht der Blogger den Film als „feministisches Propagandastück“ (feminist piece of propaganda), als „Trojanisches Pferd“ (Trojan Horse) und als Vehikel, mit dem den Zuschauern eine Lektion in Feminismus in den Hals gestopft werde (to force a lecture on feminism down your throat).

Darauf antwortet sogleich der feministische Blogger David Futrelle, der den Film ebenfalls nicht gesehen hat und der nun einen noch längeren Text darüber verfasst – um ihn gegen „diese Arschlöcher“ (these assholes) zu verteidigen. In weiteren Texten legt Futrelle nach und macht sich beispielweise über die „Mann-Babies mit Anspruchshaltung“ (entitled manbabies) lustig, die sich durch starke Frauenfiguren in einem Film bedroht fühlen würden.

Diese von beiden Seiten unseriös geführte Auseinandersetzung über einen ungesehenen Film hätte einfach eine von vielen Internet-Absurditäten bleiben können – wenn etablierte Medien sie nicht in großer Zahl aufgegriffen und aufgeregt über die Wut von „Männerrechtlern“ über den neuen Mad Max-Film und über Boykottaufrufe gegen ihn berichtet hätten.

Woher aber kommt eigentlich diese Aufregung?
 
Um das beantworten zu können, habe ich mir – auch wenn das in engagierten Geschlechterdebatten über einen Film möglicherweise als ungewöhnliche und unverständliche Idee erscheinen mag – erst einmal den Film angesehen.

Freitag, 8. Mai 2015

Vom politischen Nutzen der Hate Speech

Julia Schramm gibt eine Broschüre über den Hass im Netz heraus

„Sauerkraut, Kartoffelbrei – Bomber Harris, Feuer Frei!“
Mit diesem witzigen Einzeiler unterstützte die damalige Piraten-Politikerin Julia Schramm zu Beginn des letzten Jahres ihre Parteikollegin Anne Helm, die zum Jahrestag der Bombardierung von Dresden mit nackten Brüsten posiert hatte. Nicht aus sexualisierendem Kalkül, natürlich, sondern damit der Spruch Thank you, Bomber Harris zu sehen war, den sie auf ihren Oberkörper geschrieben hatte.

„Kartoffeln“, das ist eine abfällige Bezeichnung für Deutsche – der Begriff „Kartoffelbrei“ bezieht sich also auf zu Brei gebombte Deutsche, die am Ende des Zweiten Weltkriegs im vom Flüchtlingen überfüllten Dresden zum Opfer der von Admiral Arthur Harris geleiteten englischen Luftangriffe  geworden waren.

Die infantile Belustigung über den Tod von vielen tausend Menschen ergänzte Schramm noch durch ebenso kecke Sprüche wie „Stalingrad war wunderbar – Nazi-Opa, bleib gleich da“.

Bei der Amadeu Antonio Stiftung, die „Initiativen für Zivilgesellschaft und demokratische Kultur“ fördert und die ihrerseits unter anderem vom Familienministerium und der Zeit finanziert wird, hat eben diese Julia Schramm einen Posten als „Fachreferentin für Hate Speech“, für „Hassreden“ also. Und nein, das ist keine Satire. Als Redakteurin des no-nazi.net und Referentin der Stiftung ist Schramm dafür zuständig dafür, Hate Speech im Netz zu analysieren und über ihre Hintergründe und Wirkungen aufzuklären.

Gerade hat sie eine Informationsbroschüre über Hate Speech herausgegeben, an der viele Bekannte mitgeschrieben haben: die feministische Bloggerin Yasmina Banaszscuk und der feministische Linguistik-Professor Anatol Stefanowitsch von der FU Berlin steuern Texte bei, die feministische Bloggerin und Twitter-Aktivistin Jasna Strick wird von Schramm über ihre Erfahrungen als Opfer eines Shitstorms interviewt.
Ein Hater im Internet (Symbolbild). Eine wesentliche Methode dieser Hater ist die Entmenschlichung ihrer Gegner.
„Gewalt gegen Flüchtlinge werden wir nicht dulden“, schreibt Bundesjustizminister Heiko Maas entschlossen im Grußwort und war offenkundig nicht ausreichend darüber informiert worden, worum es in der Broschüre eigentlich geht. Gewalt gegen Flüchtlinge spielt darin bloß ganz am Rande eine Rolle.

Freitag, 1. Mai 2015

Vom emanzipatorischen Wert der Verleumdung

Zur Tagung „Wessen Internet?“ in der Friedrich Ebert Stiftung


Ich weiß nicht, ob es heroisch ist oder masochistisch oder einfach nur ein wenig seltsam. Nachdem ich wegen eines Umzugs eine Weile hier nichts geschrieben hatte, habe ich mir ausgerechnet die seltsame Tagung „Wessen Internet? Geschlechterverhältnisse und Gender-Debatten im Netz“ der sozialdemokratischen Friedrich Ebert Stiftung und des Familienministeriums angeschaut – im Netz und nachträglich. Zur Zeit der Tagung musste ich nämlich arbeiten, so wie wohl die meisten, über die dort geredet wurde – sonst wäre ich glatt nach Berlin gefahren und hätte versucht mitzureden.

Verpasst habe ich so zum Beispiel Michael Seemann, der am Ende der Tagung in einer Diskussionsrunde saß, die sich mit dem „politischen Handlungsbedarf“ zum zivilen Umgang im Netz beschäftigte, zum „Schutz der Opfer von Verleumdung und Cybergewalt“. Das ist putzigerweise eben derselbe Michael Seemann, der Kritiker feministischer Positionen als
ideologische dummbratzen, die menschenverachtenden hass mit brachialer idiotie verbinden“
bezeichnet, sie mit Nazis gleichsetzt und gleich mehrfach offen als „menschlichen Abschaum“ beschimpft. 
 
Bei der Abschlussdiskussion zum zivilen Umgang fordert Seemann dann eine „Haltung“ gegen maskulistische, rassistische und überhaupt menschenfeindliche Strömungen. Dass jemand, der Kritik an feministischen Positionen übt, auch junge Frauen belästigt, rassistisch ist und Menschen hasst, betrachten offenbar alle auf dem Podium fraglos als Selbstverständlichkeit. Diesen Leuten müsse jedenfalls, so der wackere Kämpfer für mehr Zivilität im Netz,  deutlich werden:
„Wir haben ein Safe Space – Ihr habt hier kein Safe Space“.
Vorher schon hatte sich die Moderatorin Annett Meiritz vom Spiegel alle Mühe gegeben, den Eindruck zu erwecken, von Cybergewalt seien eigentlich nur Frauen betroffen. Belegt hatte sie das allein mit einer Statistik, nach der junge Frauen besonders häufig im Netz verfolgt, gestalkt und sexuelle belästigt würden. Das hat zwar eigentlich nichts mit Kritik am Feminismus zu tun, und es ändert auch nichts daran, dass natürlich auch Männer von Online-Mobbing betroffen sind. 
 
Trotzdem bleibt es völlig unwidersprochen, als Seemann bei der Abschlussdiskussion ein Zwei-Klassen-Netz fordert, das den Anspruch auf Schutz vor Gewalt von der Geschlechtszugehörigkeit und der politischen Position Betroffener abhängig macht.

Daneben sitzen in diesem Moment eine sozialdemokratische parlamentarische Staatssekretärin im Wirtschaftsministerium (Brigitte Zypries), ein sozialdemokratischer Staatssekretär im Familienministerium (Ralf Kleindiek), eine sozialdemokratische frauenpolitische Sprecherin des Berliner Abgeordnetenhauses (Ina Czyborra), eine Staatsanwältin vom Juristinnenbund (Dagmar Freudenberg) – und niemand von ihnen, einschließlich der Moderatorin vom Spiegel, kommt auf die Idee, das, was Seemann da sagt, zumindest ein wenig komisch zu finden.
Warum eigentlich kommen Sozialdemokraten nicht auf die Idee, dass sie auch einfach gute Politik für Menschen machen könnten?
So wird dann im Fazit einer Veranstaltung der steuermittelfinanzierten sozialdemokratischen Friedrich Ebert Stiftung und des sozialdemokratisch geführten Familienministeriums ein Internet gefordert, in dem Menschen ihre basalen Bürgerrechte entsprechend ihrer Geschlechtszugehörigkeit und ihrer politischen Haltung zugeteilt oder aberkannt werden – und niemand stört sich daran.

Wie konnte es zu so etwas eigentlich kommen?

Freitag, 3. April 2015

Die Produktion von Feindschaft

Die Bundesministerin Manuela Schwesig präsentiert den SAT1-Film Die Ungehorsame

Luise F. Pusch, die „Heldin der feministischen Sprachkritik“, hat bekanntlich gerade wegen eines bei der Emma publizierten Textes einen „Shitstorm“ erlebt. Anja Krüger dazu in der taz:
„In ihrer Glosse fragt sie sich, warum die Verantwortlichen bei der Lufthansa nicht auf die Frauenquote als Vorbeugung gegen Suizid-Abstürze kommen.“
Wie jemand überhaupt auf die bescheuerte Idee kommen kann, über den gewaltsamen, offenbar massenmörderischen Tod von 150 Menschen sogleich eine „Glosse“ zu verfassen, fragt Frau Krüger nicht.
Die heftige Kritik, die nicht nur die taz modisch als „Shitstorm“ bezeichnet, hatte Pusch redlich mit dem Versuch verdient, sich aus dem Tod dieser Menschen schnurstracks ein Argument für Frauenquoten zu basteln. Dass sie sich das Leid in dieser Form nutzbar macht, ist aber nicht das einzige, vielleicht noch nicht einmal das schlimmste Problem ihres Textes. Sie schreibt:
„Die Selbstmordquote (…) ist bei Männern viermal so hoch wie bei Frauen. Die Lufthansa könnte also das Risiko, dass ihre Piloten das Flugzeug zu Selbstmord und vielfachem Mord missbrauchen, mit jeder Frau, die sie zur Pilotin ausbilden, ganz erheblich reduzieren.“
Männer bringen sich vielmal häufiger um, als Frauen dies tun – die Wahrscheinlichkeit, dass ein heute geborener Junge sich im Laufe seines Lebens umbringen wird, ist also mehrfach größer als bei einem gleichzeitig geborenen Mädchen. Das aber interessiert die Heldin der feministischen Sprachkritik überhaupt nicht, sie fragt auch nicht nach den Gründen – sie versucht lediglich, aus dem Tod von Männern und Jungen wie aus dem Tod der Passagiere Vorteile zu ziehen.

Wie aber ist die Inhumanität überhaupt möglich, die den Text der Sprachheldin so tief prägt? Das lässt sich nachvollziehen an einem anderen Medienereignis der vergangenen Tage: einem Film, den die Emma sogleich als „absolut sehenswert“ anpries, an dem die Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig intensiv beteiligt war, der aber anders als Puschs Artikel nicht zu einem Skandal geworden ist. Zu Unrecht, übrigens.
So endet die Dokumentation Verdammt verliebt zu häuslicher Gewalt, die den SAT1-Film Die Ungehorsame begleitet. Jedes Geschlecht bekommt hier, was es braucht: Die Frauen ein exklusives Hilfetelefon, die Männer eine Täterhotline.
„Die Ungehorsame“, heißt der Film  – ein Film über häusliche Gewalt, der am 31. März bei SAT 1 gezeigt wurde.

Samstag, 28. März 2015

John Dewey, Batgirl und die Auflösung von Schützengräben

Schon vor ein paar Monaten schrieb Leszek:
„Hi Schoppe, du bist doch Fan des Philosophen und Pädagogen John Dewey, oder? Hättest du diesbezüglich ein paar Buchtipps für mich? Was genau gefällt dir bei Dewey? Gibt es noch andere Vertreter der Philosophie des Pragmatismus, die dir gefallen?“
Ich hab damals gleich eine Antwort darauf geschrieben, hatte dann aber so viel mit anderem zu tun, dass diese Antwort unveröffentlicht auf meinem Desktop herumlag und ich schließlich nicht mehr recht wusste, was ich noch damit machen soll. Bis mich Leszek vor einer Weile noch einmal darauf ansprach, ich den Text noch einmal hervorkramte und ein wenig aktualisierte.
John Dewey (1859-1952) Lernen ist keine Vorbereitung auf das Leben, sondern das Leben selbst.
Deweys Werk ist sehr umfangreich, die Werkausgabe füllt 39 Bände. Es war gar nicht so einfach, aufzuschreiben, was genau mir daran gefällt. Es hat aber auch Spaß gemacht. Ich stelle die Antwort auf Leszek hier einfach als eigenständigen Text ein.
 
Wenn sich zu den Themen, die in diesem Blog sonst eine Rolle spielen, Verbindungen ergaben, habe ich kurz darauf aufmerksam gemacht. Ansonsten ist es aber auch schön, hier einmal einen Text zu veröffentlichen, der mit Geschlechterdebatten nur am Rande etwas zu tun hat. Also:

Freitag, 20. März 2015

Wenn die Guten richtig böse werden (Monatsrückblick Februar 2015)

„Gibt es keine Monatsrückblicke mehr?", fragte hier neulich ein Kommentator. Doch, gibt es, nur mit etwas Verzug, weil ich in den letzten Monaten im Beruf sehr eingespannt bin. Aber der Rückblick auf den Februar lohnte sich für mich trotzdem, weil er zum Teil sehr lustig war, wenn auch manchmal bitter-lustig – und weil mit dem verqueren Verhältnis der Massenmedien zu der Wirklichkeit außerhalb der Medienwelt ein Thema eine große Rolle spielte, das ohnehin aktuell bleibt.
 
 
Eine bislang vielen Zeitgenossen noch nicht bewusste „Genderungerechtigkeit“ beklagte im Februar die österreichische Bundesministerin für Bildung und Frauen, Gabriele Heinisch-Hosek, in der von ihr herausgegebenen Broschüre „Tradition und Gewalt an Frauen“. Die traditionellen Hinrichtungsform der Steinigung in Ländern wie Afghanistan, dem Iran oder Saudi-Arabien wiesen
„eindeutig Nachteile für Frauen auf, weil Männer nur bis zur Hüfte, Frauen hingegen bis zu den Schultern eingegraben werden.“
Menschen zu Tode zu foltern ist irgendwie ganz in Ordnung, solange das nur geschlechtersensibel genug erfolgt – konsequent stellt die österreichische Sozialdemokratin fest:
„Internationale Kampagnen wenden sich gegen diese äußerst grausame und schmerzhafte Hinrichtungsmethode und versuchen, Frauen vor der Hinrichtung zu bewahren.“
Und nein, das ist keine Satire, jedenfalls keine absichtliche.

Österreichische Sozialdemokratinnen verstehen es ohnehin schon lange, mit ihrer Auslegung des Begriffs Gleichberechtigung ihre Mitmenschen zu erheitern. Unvergessen Renate Kaufmann, die als Bezirksvorsteherin in Wien bei männlichen Obdachlosen besonders beunruhigende Geschlechterunsensibilitäten konstatierte.
„Frauen würden sich ihrer Obdachlosigkeit schämen und verstecken,(...) Männer hingegen feiern ihr Schicksal quasi mit einem Doppelliter in der Öffentlichkeit.“
Dass obdachlose Frauen weit weniger sichtbar seien als obdachlose Männer, lässt sich in ihren Augen nur oberflächlich auf die überbewertete Tatsache zurückführen, dass etwa 90 Prozent aller Obdachlosen männlich sind – sondern darauf, dass diese Männer ihre patriarchale Dividende besonders schamlos öffentlich einstreichen.
Wir auch! Als politische Position reicht das schon völlig aus - und wer das bezweifelt, zeigt allein dadurch schon, dass er eben nicht dazugehört. (Bild von einer Verdi-Demonstration in Berlin).
Zum Glück zeigt die deutsche Bundeswehr, dass nicht nur Österreicherinnen ein sensibles Gespür für die lustige Seite der Geschlechtergerechtigkeit haben.
„Für Heiterkeit in Industriekreisen sorgt beispielsweise der Umstand, dass im Innenraum des Schützenpanzers Puma nach Maßgabe der Arbeitsstättenverordnung so gute Klimabedingungen herrschen müssen, dass selbst für hochschwangere Soldatinnen die Beförderung bei einem Gefechtseinsatz noch möglich ist.“ 
Natürlich kommt kein vernünftiger Mensch auf die Idee, hochschwangere Frauen in Panzer zu stecken und in Kampfeinsätze zu schicken, aber darum geht es hier auch gar nicht. Entscheidend ist: Die Frauen könnten auch hochschwanger in Kampfeinsätze fahren, wenn sie es denn nur wollten, und dieses Recht darf ihnen nicht durch ungünstige Klimabedingungen streitig gemacht werden. Dass keine Frau so blöd ist, es jemals in Anspruch zu nehmen, spielt dabei überhaupt keine Rolle.

Emannzer berichtet über die gendergerechten Panzer und verlinkt auch gleich auf eine Statistik der getöteten deutschen Soldaten in Afghanistan: Es sind fünfzig Männer und null Frauen.

Sonntag, 15. März 2015

Vom Schweigen der Männer und vom Neuland offener Debatten

Ein Interview mit Johannes Meiners, Mitverfasser der ersten Club of Vienna-Studie zur Geschlechtergerechtigkeit
 
„Die Teilhabe von Frauen und Männern am Geschlechterdiskurs und an der Neugestaltung der Geschlechterrollen": Unter diesem Titel veröffentlichte der Club of Vienna vor wenigen Tagen eine Studie über die Vielfalt heutiger Geschlechterdebatten (in Kurzfassung und Langfassung verfügbar).

Die Verfasser Christine Bauer-Jelinek und Johannes Meiners präsentieren dort nicht nur unterschiedliche „Feminismen“. Sie zeigen auch, dass sich mehr und mehr Männer eigenständig an diesen Debatten beteiligen und dass heute feministischen Deutungen durch mannigfaltige Kritik und alternative Ansätze fundiert widersprochen wird.

Ich hatte die Gelegenheit, mit Johannes Meiners ein Interview zu dieser Studie zu führen.
Derailing: Wie groß die Möglichkeiten dieses Jungen sind, seine Schienen zu verlassen und andere Wege zu suchen als die vorgesehenen - das hängt auch davon ab, wie offen und frei demokratische Debatten geführt werden können, nicht nur zu Themen der Geschlechtergerechtigkeit.
Christine Bauer-Jelinek und Johannes Meiners haben für den Club of Vienna gerade eine Studie zur Öffnung dieser Debatten vorgelegt.
 
Schoppe: Der Titel Eurer Studie hört zunächst etwas kompliziert an. Kannst Du kurz erklären, worum es dabei geht?

Johannes Meiners: Es geht um die Möglichkeit und Notwendigkeit eines echten Diskurses, der vielstimmig verläuft und für die Zukunft tragfähige Lösungen von Herausforderungen und Konflikten möglich macht.

Zunächst hieß die Studie „Partizipation von Männern und Frauen in unterschiedlichen Lebensbereichen". Davon lösten wir uns während der inhaltlichen Entwicklung der Studie, um eben diese Inhalte auch im Titel für den künftigen Leser sachlich zu präzisieren.

Montag, 9. März 2015

Biedermeier und Größenwahn - Ein Brief an einen deutschen Journalisten

Vor einer Woche forderte der Spiegel-Autor Cordt Schnibben seine Leser auf, ihm zu schreiben, was Journalisten besser machen sollen. Ich bin dieser Einladung einfach einmal gefolgt.

Sehr geehrter Herr Schnibben,
„seit einiger Zeit verschärft sich der Ton der Zuschriften. Es ist etwas passiert zwischen mir und Ihnen, zwischen uns Journalisten und Ihnen, den Leserinnen und Lesern.“
Das schreiben Sie im Spiegel der vergangenen Woche (10/2015) und verbinden das mit einer Aufforderung:
„Schreiben Sie mir, was wir besser machen sollen, loben Sie, wenn es nicht anders geht.“
Falls ich Sie richtig verstehe, nehmen Sie an, dass sich der Ton bloß von einer Seite aus verschärft hat. Das ist wohl ein Irrtum. Gerade eben erst hat mich beispielweise ein Spiegel-Kollege von Ihnen, ohne mich zu kennen und gleichsam prophylaktisch, in einem Text als „opportunistisches Arschloch“ beschimpft.
 
Ich bin nämlich Vater eines kleinen Jungen, fahre alle zwei Wochen mehr als tausend Kilometer, um ihn wenigstens am Wochenende sehen zu können. Obwohl ich ihn selbst gern versorgt hätte und dazu auch vollkommen in der Lage bin, wurde die Frage, ob er es bei seiner Mutter oder bei mir besser hat, in den Jahren seit der Trennung niemals irgendwo gestellt – schließlich gehört ein Kind in den Augen des deutschen Gesetzgebers grundsätzlich zur Mutter.
 
Ich hätte vor dieser Erfahrung niemals für möglich gehalten, dass in Deutschland allein aufgrund der falschen Geschlechtszugehörigkeit – oder, aus der Perspektive unseres Kindes: der falschen Geschlechtszugehörigkeit eines Elternteils – jemand so rechtlos sein kann. Ich bin schon seit Jahren im Väteraufbruch und habe auch ein kleines Blog, das sich mit solchen und ähnlichen Problemen beschäftigt.

Für Ihren Kollegen Georg Diez bin ich deshalb ein „Reaktionär“. In seinen Augen sind Reaktionäre Leute, die nicht an den Klimawandel glauben oder an die Evolutionstheorie, oder Leute, die meinen, dass in mancher Hinsicht auch Männer gegenüber Frauen benachteiligt sein können. Was ja erkennbar alles irgendwie dasselbe ist.
 
„Was für opportunistische Arschlöcher“ – das ist der letzte Satz seines Textes.
„Was wir uns nicht mehr leisten können, (…) ist der Eindruck beim Zuschauer: was die machen, kriege ich alles auch irgendwo im Netz.“
So zitieren Sie den Fernsehmoderator Claus Kleber. Der Text von Diez ist bei Spiegel-Online erschienen, nicht in der gedruckten Ausgabe – aber er prägt natürlich die Erwartungen, die ich als Leser auch an den gedruckten Spiegel habe.

Warum aber sollte jemand so etwas kaufen? Was bietet der Spiegel, das nicht überall im Netz kostenfrei zu finden ist?

Sicherlich, auch in den Kommentarspalten nach Diez' Text wird ab und zu deutlich: Viele Menschen haben ein dringendes Bedürfnis nach der Bestätigung, dass viele andere Menschen Arschlöcher seien, sie selbst aber nicht. Doch selbst diese Menschen werden deswegen bestenfalls ein paar Magazine und Zeitungen kaufen – und für jeden Einzelnen von ihnen werden sich vermutlich zwanzig andere stillschweigend verabschieden.
Das waren noch Zeiten: Zeitungen wurden einstmals in idyllischer Umgebung als Morgenritual gelesen, und niemandem wäre eingefallen, sich wie ein "Arschloch" zu verhalten und ein gelegentliches Missfallen über Journalisten offen zu äußern. Die Zeitungen hatten auch keine Kommentarspalten, in denen der Mob sich austobte, sondern höchstens einmal als Zeichen guten Willens eine kleine Rubrik mit ausgesuchten Passagen aus Leserbriefen. Schön war's. Carl Spitzweg: Zeitungsleser im Hausgärtchen, 1845-58
In ihrer unbekümmerten Dumpfheit ist die Kolumne von Diez zwar extrem, aber gerade damit macht sie Tendenzen deutlich, die nach meinem Eindruck den heutigen Journalismus weithin prägen. Er verhält sich geradezu verachtungsvoll gegenüber zwei entscheidenden Vorteilen, die Journalisten in den überregionalen Zeitungen gegenüber Bloggern und Betreiber von Internetforen haben.

Während Blogger und andere im Netz dort in aller Regel nebenberuflich schreiben, haben die meisten von ihnen natürlich auch deutlich weniger Zeit als professionelle Journalisten, ihre Texte vorzubereiten oder für sie zu recherchieren. Es fehlen den meisten sowohl die Verbindungen zu etablierten Institutionen, etwa zu Parteien oder Ministerien, als auch Mitarbeiter, die ihnen zuarbeiten und die ihre Texte noch einmal überprüfen können.
 
Sie haben als professionelle Journalisten also die Chance, wesentlich gehaltvollere, verlässlichere und einfach bessere Texte zu schreiben als die meisten Blogger.

Zudem haben Sie in Magazinen und Zeitungen wie dem Spiegel, der Zeit, der Süddeutschen oder der FAZ tatsächlich die Chance, ein Forum aufzubauen, in dem sich Menschen mit ganz verschiedenen Hintergründen treffen und austauschen können. Blogs oder Internetforen hingegen ziehen meist Menschen an, die ohnehin schon jeweils an ganz bestimmten gemeinsamen Themen interessiert sind. Konflikte zwischen ihnen sind meist interne Konflikte, die für Außenstehende kaum nachvollziehbar sind.

Während wir Blogger also lediglich unsere Filterbubbles ein wenig tapezieren und hübsch gestalten können, hätten Sie die Chance, tatsächlich ein allgemeines Forum aufzubauen.

Warum tun Sie das eigentlich nicht?

Freitag, 27. Februar 2015

Zwischen Hetze und Liebedienerei

Ein Kommentar zur SWR2-Sendung Maskulinisten – Krieger im Geschlechterkampf
 
Ein Blogger aus einem obskuren Blog fabuliert über die „gesellschaftspolitischen Gefahren des Frauenwahlrechts“ – ein Experte beichtet über eine politische Bewegung, die von „Feindseligkeit (…) gegenüber Frauen, Weiblichkeit und insbesondere gegenüber dem Feminismus und der Frauenbewegung“ geprägt sei – und Ausschnitte aus einer Veranstaltung des Magazins Compact sind von Sirenen unterlegt. Dazwischen der Titel der Sendung: Maskulinisten – Krieger im Geschlechterkampf, geschrieben von Nina Marie Bust-Bartels.

Schon der Beginn dieser Hörfunksendung, die bei SWR2 mehrfach ausgestrahlt wird, kreiert den Eindruck eines Bürgerkrieges. Offenkundig gewaltbereite Männer würden gegen Feministinnen, ja gegen alle Frauen entschlossen in die Schlacht ziehen, um die Fortschritte der letzten Jahrzehnte wieder zunichte zu machen.

Dass eine solche ressentimentgeladene, holzschnittartige Freund-Feind-Darstellung von eben dem kriegerischen Ethos bestimmt ist, das sie den politischen Gegnern unterstellt – das kann angesichts der beschworenen Gefahren natürlich keine Rolle spielen.

Dabei ist schon der Titel falsch: Wer eigentlich bezeichnet sich selbst als „Maskulinist“? Oder, anders gefragt: Wer würde schon von „Femininistinnen“ reden?
Mit diesem Bild illustriert der SWR auf seiner Homepage seine Sendung Maskulinisten - Krieger im Geschlechterkampf. Es ist kaum vorstellbar, dass eine Sendung über Feministinnen ähnlich bebildert würde.
Ein nackter Oberkörper, rasiert, glänzend, muskulös - ganz das Bild eines starken, selbstverliebten Mannes, der sich allerdings absurderweise selbst als Opfer wahrnimmt. Immerhin passt das Bild zur Sendung: Es zeigt gleichsam einen Torso und lässt alles weg, was hier gerade nicht von Interesse ist.
Vor allem aber stehen keine kriegerischen Auseinandersetzungen an. Im Laufe der vergangenen Jahre hat sich allerdings etwas ganz anderes verändert: Männer äußern sich weitaus häufiger und selbstbewusster zu geschlechterpolitischen Themen als noch vor einem Jahrzehnt, und sowohl Männer als auch Frauen greifen die Vorstellung an, Geschlechterdebatten könnten legitim nur aus einer feministischen Perspektive geführt werden.

Mittwoch, 25. Februar 2015

Merseburger Zaubersprüche - Der Sexualwissenschaftler Heinz-Jürgen Voß als Erzieher

Dass eine Autorin dazu auffordert, ihr eigenes Buch bei Amazon positiv zu besprechen und negative Bewertungen als „nicht hilfreich“ abzuwerten, ist ja eigentlich schon ungewöhnlich. Dass ein deutscher Professor versucht, aus einem solchen Verhalten eine umfassende politische Aktion zu machen, ist noch seltsamer.
 
Heinz-Jürgen Voß,  Professor für „Sexualwissenschaft und sexuelle Bildung“ an der Universität Merseburg, hat das gerade getan. In einem Brief  an „Liebe Freund_innen, liebe Kolleg_innen“ schreibt er dagegen an, sich im Netz von „Maskulinisten und anderen extremen Rechten“ Diskussionen aufdrängen zu lassen, und ruft zu „emanzipatorischen Kommentaren und Rezensionen“ bei Amazon auf.
„Auf Grund der schlechten Arbeitsbedingungen kauft mensch dort zwar keine Bücher. Dennoch beeinflusst Amazon stark die Sicht auf Bücher. Daher: Lasst uns dort jeweils ein Profil haben und jeweils wöchentlich zwei Bücher positiv oder negativ besprechen. Dazu reicht ein Dreizeiler völlig aus. Das wirkt den häufig schlechten Bewertungen linker und emanzipatorischer Bücher entgegen.“
Diese öffentliche professorale Aufforderung, politisch unliebsame Texte organisiert abzuwerten und politisch opportune entsprechend hochzupunkten, kann als erfrischend oder auch als unseriös empfunden werden. Dreizeiler jedenfalls sind dafür sehr praktisch, weil sie für die Rezension eines Buches keine vorherige Lektüre erfordern, bloß seine politische Ausrichtung sollte halt bekannt sein. Michael Klein bemerkt spitz:
„Natürlich kommt Voß keinen Moment auf die Idee, dass die schlechten Bewertungen ‚linker und emanzipativer Bücher’ etwas damit zu tun haben könnten, dass die entsprechenden ‚linken und emanzipativen Bücher’ schlecht sind.“
Wie auch? – Diese Bewertung wäre nach Voß’ Kriterien ein Widerspruch in sich.
Nur Laien denken, hier wäre leicht zu unterscheiden, wer von diesen beiden Menschen schwanger ist.
Auf Voß' Positionen reagieren überhaupt Menschen gleichermaßen ablehnend, die ansonsten eigentlich gar nichts miteinander gemein haben. Akif Pirinçci wurde gerade wegen Beleidigung verurteilt, gegen den Blogger Kirk läuft ein entsprechendes Verfahren.  Aus einer völlig anderen Richtung und in ganz anderer Stillage schreibt Felix Riedl in einem langen und sehr lesenswerten Text  über ein Buch zur Beschneidungsdebatte, das Voß mit zwei anderen Autoren verfasst hat:
„Dankenswerterweise ist das Buch so kurz gehalten, dass man alle falschen Sätze darin rasch abgeschrieben hat – und das sind ungefähr alle.“
Und:
„Die drei Autoren haben es geschafft, auf 90 Seiten Adorno/Horkheimer und Foucault für ihren Aufklärungsverrat als Geiseln zu nehmen. Es bleibt zu hoffen, dass dieses durchsichtige, zynische Manöver nicht nur Laien auffällt, sondern auch der akademischen Kaste, an die sich der Band richtet (…)“
Was hat der junge Professor eigentlich an sich, dass er aus solch verschiedenen Richtungen solche Ablehnung auf sich zieht? Ihm selbst jedenfalls wird sie womöglich ganz recht sein, weil er sie als Beleg dafür verbuchen kann, dass eine linke und emanzipatorische Politik in diesem Lande mit heftigen Widerständen zu kämpfen hat.

Ich habe mir einmal einen Text näher angeschaut, den Kirk bereits verrissen hat – ein Interview, das Voß Liz Weidinger vom Magazin Fluter  gegeben hat. Dieses Magazin nämlich wird von der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegeben und liegt in Schulen frei aus. Es bietet also die Möglichkeit, nach dem pädagogischen Nutzen von Voß’ Positionen zu fragen.
 
Ruhig, gelassen und ohne Aggressionen natürlich, wie das ja eh so meine Art ist.

Donnerstag, 19. Februar 2015

Sex, Politik, Verleumdung (Monatsrückblick Januar 2015)

Wenn Sexualität und Politik zusammenstoßen, geht das ja meistens für beide nicht gut aus. Der Grüne Jörg Rupp hat   bekanntlich gerade angesichts eines, irgendwie, hochprovokanten Profilphotos mit Rollkragenpullover erregt festgestellt, dass die Hamburger FDP-Spitzenkandidatin Katja Suding – was bei Frauen ja nicht unüblich ist – Brüste hat. Ganz außer sich twitterte er die mittlerweile berühmten Worte „muss man sich mal vorstellen: mit Titten und Beinen anstatt Inhalten“

Rupp selbst jedenfalls stellte es sich offenbar sehr intensiv vor: Angesichts von Sudings Pullover dachte er an Brüste, angesichts von Brüsten nicht mehr an Inhalte, fand aber, dass das irgendwie alles allein Sudings Schuld sei. Diesen offenkundigen Sexismus der FDP-Frau wollte er dann eigentlich nur gutmütig anprangern. Rupps Pech war allerdings, dass sich in unserer schnelllebigen Medienwelt niemand für solche hochkomplexen Erwägungen interessiert, schon gar nicht auf Twitter, wo schon für einfachere Gedanken kaum Platz ist.
So geht's doch auch: Ein Wahlkampf mit Inhalten, der keinen Menschen zum Objekt macht.
So stellte Rupp schließlich fest, dass er sprachlich zwar daneben lag, inhaltlich aber Recht gehabt hätte, erweckte nebenbei den Eindruck, dass die Grünen in Hamburg im Unterschied zu der anderen Partei der Besserverdienenden mit Inhalten gearbeitet hätten  – und beruhigte sich mit der Vorstellung, alles wäre in Ordnung gewesen, hätte er statt von „Titten“ von „Brüsten“ geredet.

Da Suding Rupps entsprechende Entschuldigung gleich angenommen hat, könnte damit dann auch alles erledigt sein – wenn er nicht ausgerechnet im Landesvorstand einer Partei säße, die selbst so unbefleckt, so betoniert unschuldig ist, dass sie es sich unausweichlich zur Aufgabe machen musste, beständig empört auf die moralischen Verfehlungen anderer zu weisen.

Katja Suding macht jedenfalls den Eindruck, dass sie sich gegen Angriffe wie die von Rupp wehren kann. Anders ist das bei Kindern, bei Jungen, die einst Jürgen Trittin als Spitzenkandidat der Grünen – und nicht in einem dahingerotzten Tweet, sondern in einer Bundestagsrede – zum „unbegabteren Geschlecht“ gerechnet hatte. Dies tat er übrigens im Hinblick darauf, dass Jungen in den Bildungseinrichtungen offenkundig erhebliche Nachteile haben. Damals gab es von der grünen Partei keinen Ärger – von Claudia Roth ist stattdessen überliefert, dass sie Trittin beifällig ein „Genau!“ hinterherschickte.

Es ist völlig in Ordnung, sich vom Bundestagspult aus über Kinder lustig zu machen, die erhebliche Bildungsnachteile erleben – aber einen idiotischen Tweet über eine Frau zu schreiben, ist unverzeihlich. Konfusionen wie diese entstehen mit erstaunlicher Regelmäßigkeit eben dann, wenn Sexualität und Politik kollidieren.

Donnerstag, 12. Februar 2015

Zeit für neue Lieder

Zu Christoph Kucklicks Das unmoralische Geschlecht. Vierter Teil
 
Nach der Auseinandersetzung mit Kucklicks Position im ersten Teil und den Bezügen von Kucklicks Analysen zu Beispielen aus den achtziger und neunziger Jahren (zweiter Teil) und der Gegenwert (dritter Teil) ist dieser Text nun ein Abschluss. Es geht darum, welche Konsequenzen sich aus Kucklicks Text für gegenwärtige Debatten ergeben können.
 
 
In den Kommentaren  zum vorangegangenen Artikel zitiert Stefan W. einen Satz aus dem Buch, der Kucklick unmittelbar anschließt an ein Konzept von Warren Farrell: das des disposable male, des rundum verfügbaren Mannes, oder auch – des Wegwerf-Manns. Über die Beschneidung schreibt Kucklick, schon ein Junge habe lernen müssen,
„dass sein Körper nicht ihm selbst, sondern dem Kollektiv gehört“. (324)
Kennzeichnend für die moderne Gesellschaft sei der Druck, für ganz unterschiedliche Funktionen – in unterschiedlichen Berufen, gegenüber den Institutionen – nutzbar zu sein und die eine Verfügbarkeit auch organisieren zu können. Diese „segmentierte Verfügbarkeit“ sei „zum Wesensmerkmal von Männern erklärt“ worden. (172)

Damit geht Kucklick noch über Farrells berühmte Begrifflichkeit hinaus. Eben gerade darum, weil Männer für die ökonomischen und sozialen Strukturen moderner Gesellschaften in hohem Maße verfügbar sein müssen, eignen sie sich auch als Repräsentanten moderner Strukturen, eben als „das moderne Geschlecht“ (12). Als Repräsentanten dieser Strukturen aber werden sie wiederum zur Projektionsfläche von Ängsten, in ihnen können sich Widerstände gegen moderne Entwicklungen sinnbildlich bündeln.

Dass sie dann aber, wie Kucklick wieder und wieder nachweist, als Tiere, als Monstren, als Gewalttäter dastehen, legitimiert wiederum ihre unbegrenzte Verfügbarmachung.

Diese sich selbst legitimierende, umfassende Nutzbarmachung korrespondiert mit einem haltlos idealisierenden Bild „der Frau“. Die Frau nämlich bleibe, so die moderne Phantasie, dieser umfassenden Vernutzung fern. „Besonders wichtig ist ihre Ferne zum Wirtschaftssystem, ihre Nicht-Käuflichkeit.“ (226)
 
Für den Mann ist die Frau damit gleichsam eine nahe, konkrete Utopie. Unter dem Druck der entfremdenden Verfügbarmachung ist sie hier gleichsam die Garantie, dass es noch so etwas wie eine unberührtes Menschsein gäbe, für das sich die eigene Entfremdung lohnt – und das selbst niemals ganz bezahlt werden könne.
 
Hier wird auch klar, dass es eigentlich überhaupt nicht um real existierende Männer und Frauen geht, sondern um Fantasien. „Mann“ und „Frau“ werden hier als Chiffren verwendet, mit denen die unüberschaubaren ökonomischen und sozialen Strukturen moderner Gesellschaften im Selbstverständnis der Beteiligten verankert werden.
"I'm a man!" - "Well, nobody's perfect." Dass sich durch die Verwandlung aller Menschen in Frauen auch alle Probleme moderner Gesellschaft  lösen würden, kann ruhigen Gewissens als seltsame Fantasie abgetan werden. Tony Curtis, Jack Lemmon, Marilyn Monroe und andere in Billy Wilders Some Like It Hot.
Klar wird aber auch, dass die Konzepte, über die Kucklick schreibt, tief bürgerliche Konzepte sind: Weder im Adel noch im Proletariat – bei Fabrik- oder Landarbeitern etwa, bei denen Männer und Frauen gleichermaßen selbstverständlich arbeiten mussten – hätte diese Geschlechterkonzeption einen Sinn ergeben.

Dass heutige Debatten Muster nachvollziehen, die Kucklick schon in der Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts beschreibt, war  Thema der beiden vorangegangenen Texte. Diese Strukturähnlichkeiten zeigen zumindest eines: Die Heldinnenerzählung ist nicht zu halten, dass nach einer jahrhundertelangen Dominanz patriarchaler Zuschreibungen die Frauenbewegungen des 20. Jahrhunderts endlich diese erstarrten Herrschaftsformen durchbrochen hätte. Diese Legende ist offenkundig selbst Teil eben der Strukturen, die zu analysieren sie vorgibt.

Donnerstag, 5. Februar 2015

Politik und Kinderfeindschaft

Zu Christoph Kucklicks Das unmoralische Geschlecht. Dritter Teil
 
Die Sittlichkeitsbewegung des endenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts habe, so Christoph Kucklick in Das unmoralische Geschlecht, ein besonders negatives Bild des Manns gezeichnet:
„als triebhaft unberechenbarer Verführer und als Beschmutzer nicht nur der Frauen, sondern der Gesellschaft.“ (328)
Als Projektionsfläche moderner Entwicklungen steht „der Mann“ als egoistisch dar, weil er sich nicht in vorgegebene Ordnungen einpasse, sondern auf sich selbst bezogen bleibe – als animalisch, weil er nicht oder nur zum Teil durch seine Eingliederung in dieser sozialen Ordnungen humanisiert wird – und als potenziell gewalttätig, weil er in seinem Egoismus und seiner fehlenden Impulskontrolle dazu neige, sich ohne Rücksicht auf Grenzen zu nehmen, was er wolle.
Die autoritäre Pädagogik ist offenkundig langlebig. Zur Zeit kommt sie, unter anderem, als progressive, antisexistische Jungenpädagogik daher. Eine Szene aus François Truffauts Sie küssten und sie schlugen ihn (1959)
Es gibt einen Bereich, in dem sich all diese moralisch verwerflichen Aspekte bündeln lassen: nämlich die Sexualität. Sie umfasst natürlich das Animalische – sie umfasst den Egoismus, wenn die männliche Sexualität nicht als Form der Zuwendung zu anderen Menschen, sondern als bloßes Ausleben eigener Triebe gedeutet wird – und sie umfasst natürlich das Gewalttätige, wenn der Mann, als Verführer oder Vergewaltiger imaginiert, seine sexuelle Gier ohne Rücksicht auf die Frau auslebt.

Noch im 18. Jahrhundert seien, so Kucklick, „die schwächeren Nerven der Frauen für die höhere weibliche Sinnlichkeit verantwortlich“ gemacht worden. (124) Doch innerhalb weniger Jahrzehnte sei diese Vorstellung in das Gegenteil gekippt:
„Fortan wurde der Mann mit einer triebhaften Sinnlichkeit identifiziert. (…) Er wurde zu dem Geschlechtswesen.“ (124)
Wenn sich also in der Sexualität von Männern die Probleme der Männlichkeit überhaupt bündeln, dann liegt es nahe, eine umfassende Lösung dieser Probleme ebenfalls auf dem Gebiet der Sexualität zu suchen.
 
Zudem liegt es nahe, sich dabei auf männliche Wesen zu konzentrieren, die noch formbar sind, noch nicht gefangen im – ihnen zugeschriebenen – Selbstbezug; nämlich auf Jungen.

Samstag, 31. Januar 2015

Der liebesunfähige Mann: Vom alten Klischee zur revolutionären Neuheit

Zu Christoph Kucklicks Das unmoralische Geschlecht. Zweiter Teil
 
Im ersten Teil der kleinen Winterserie über Christoph Kucklicks Das unmoralische Geschlecht habe ich seine Kernthese vorgestellt, dass über negative Darstellungen von Männlichkeit typische Widersprüche der Moderne ausgetragen würden.

Im mittleren Teil möchte ich, wie angekündigt, an konkreten Beispielen überprüfen, wie haltbar und wie hilfreich diese These ist.

Im letzten Teil werde ich dann einige Konsequenzen beschreiben, die sich in meinen Augen aus Kucklicks Schrift ergeben.

Die Beispiele, die sich für den mittleren Teil anboten oder aufdrängten, waren allerdings so zahlreich, dass ich zwei Texte daraus gemacht habe. Der eine, der hier gerade beginnt, bezieht Kucklicks Thesen auf Beispiele aus einer gerade erst vergangenen Zeit, die heute gleichwohl skurril und irreal wirken. Es sind Beispiele aus den achtziger und frühen neunziger Jahren, als die Obsession mit der Geschlechtszugehörigkeit feministische Zirkel verließ und zu einem Teil der Popkultur und Ratgeberliteratur wurde.

Der nächste Text wird sich dann mit Beispielen aus der unmittelbaren Gegenwart beschäftigen. Sie werden vermutlich in 20 Jahren ebenso irreal wirken wie manche Beispiele des folgenden Textes – wenn sie es nicht ohnehin jetzt schon tun.
Dass Männer irgendwie Tiere sind, ist seit Jahrhunderten ein gängiges Klischee. Mit Begeisterung wird es wieder und wieder inszeniert - und gern mit großem Gestus, als sei damit gerade eben erst eine revolutionäre, tiefgründige Wahrheit über die grundlegenden Bedingungen menschlicher Existenz neu entdeckt worden. Aus Doris Dörries Erfolgsfilm Männer.
 
 „Die Wirtschaftskrise ist vor allem eine Krise der Männer.“ Diesen Satz aus der Süddeutschen Zeitung und andere, ähnliche Sätze beschreibt Christoph Kucklick gleich zu Beginn seines Buchs Das unmoralische Geschlecht: Solche Aussagen würden ein Wissen darstellen,
„das als solches nur gelten kann, solange es nichts über sich selber weiß.“ (34)
Das bedeutet: Es sind scheinbar Äußerungen über die empirische Welt, die auch noch den Eindruck erwecken, durch sie würden tiefere Strukturen freigelegt – Strukturen einer männlichen Herrschaft, die zum Schaden aller wirke.

Tatsächlich aber sind es oberflächliche Klischees, und das sei denjenigen, die sie benutzen, vor allem einem Grund nicht klar: Sie merkten gar nicht, dass sie auf Klischees zurückgreifen, die seit Jahrhunderten im Umlauf sind und die in dieser Zeit immer wieder als Neuentdeckungen verkauft wurden.

Dass sich in diesen Klischees Widersprüche der Moderne spiegeln würden – dass deshalb auch die Männlichkeitsdarstellungen widersprüchlich seien, neben Idealisierungen auch eine lange Tradition der Männlichkeitsverdammnis pflegen würden: Das ist die Kernthese von Kucklicks Buch.

Wie glaubwürdig sie ist, lässt sich an konkreten Beispielen besser überprüfen als an allgemeinen, theoretischen Erwägungen.

Montag, 19. Januar 2015

Wo Lächerlichkeit tötet (Auch ein Rückblick auf den Dezember 2014)

Angesichts des Terrors in Paris und anderswo wirken Debatten über Geschlechter sehr klein und unwichtig. Das sind sie auch, manchmal – und einige Jahresrückblicke des letzten Monats lieferten dafür Beispiele reihenweise.

Die von de Mazière, Gabriel oder Maas  gebrauchte „Formel, die Morde von Paris hätten nichts mit dem Islam zu tun“, bezeichnet Deniz Yücel in der taz als „unerträglich“ und „Blödsinn“. Die gute Absicht dieser Formeln ist erkennbar – einem pauschalen Verdammen von Muslimen oder des Islam insgesamt zu widersprechen. Hohlformeln jedoch dienen der guten Absicht wohl kaum.

Dass aber demgegenüber Pegida auch nicht gerade eine demokratische Graswurzelbewegung ist, die sich dem Aussprechen unbequemer Wahrheiten verpflichtet hat – das wird zum Beispiel in dem kleinen sozialen Experiment eines Bloggers deutlich, der sich mit einer Israel-Fahne auf eine Pegida-Demonstration begeben hat. Das Versammlungsverbot aufgrund von Gewaltdrohungen ist natürlich trotzdem, wie Telepolis mit diplomatischer Vorsicht formuliert, „nicht ganz verständlich".

Der aktuelle Spiegel versucht dann tatsächlich, den Terror mit aktuellen Klischees aus Geschlechterdebatten zu erklären. Der Terror der Verlierer, titelt er – was vor allem beruhigend ist, weil wir, die wir den Spiegel lesen, dann stillschweigend als Gewinner dastehen. Im Untertitel: „Wie junge Männer Europa den Krieg erklären“. Im dazugehörigen Artikel fragt das Magazin dann suggestiv:
„Sind es zornige junge Männer, die das Problem sind? Ist die Gesellschaft selbst dass Problem? Oder ein falschverstandener Islam, in dem verirrte Männer eine Heimat finden (…)?“ (S. 77)
Im Gespräch betont der Politikwissenschaftler und Islamexperte Olivier Roy, dass die radikalen Moslems sich in einer patriarchalischen Fantasie befänden und trotzdem „auch Frauen, die das Gleiche tun wollen“, anzögen: „Die Beziehung zwischen diesen jungen Radikalen beruht auf Gleichberechtigung.“ (S. 91) Trotzdem fragt Julia Amalia Heyer, Interviewerin des Spiegel, noch einmal nach: Die größte Gefahr gehe doch wohl nicht mehr von al-Quaida aus,
„sondern von zornigen jungen Männern (…), die keinen Job haben und sich eine Kalaschnikow besorgen“. (91)
Die Antwort Roys unterläuft sowohl die sozialen wie auch die geschlechtsbezogenen Klischees der Frage: „Selbst Mittelstandskinder und Jugendliche, die am gesellschaftlichen Leben durchaus teilhaben, werden mittlerweile zu Terroristen“.
Ein junger Mann, ausnahmsweise mal nicht zornig, sondern beim Lesen eines Buches. Ernst Barlachs Lesender Klosterschüler.
Kimmels Angry White Men in einer islamisierten Version: Das Klischee des zornigen männlichen Modernitätsverlierers, der um sich tritt und blind gewalttätig agiert, lenkt unter anderem davon ab, dass die Terroristen selbst ausdrücklich einen sehr deutlichen Geschlechtsunterschied machten: Sie wollten ausschließlich Männer töten.

Wäre das umgekehrt gewesen, hätte sich ihre Gewalt also gezielt gegen Frauen gerichtet, dann würden wir uns gewiss schon längst in einer erregten Diskussion darüber wiederfinden, dass der Terror im Kern frauenfeindlich sei, nämlich ein Ausdruck gefährdeter patriarchaler Herrschaftsstrukturen.
 
Ich finde es trotzdem angemessen, dass Männer die offenkundige, spezifische Männerfeindlichkeit der Terroristen nicht in den Mittelpunkt der Diskussion geschoben haben. Diese Feindseligkeit gehört wohl zu einem pervertierten soldatischen Selbstverständnis, das die Terroristen mit ihren scheinbaren Antipoden teilen – auch für Anders Breivik ist das Töten erst dann ein Problem, wenn Frauen getötet werden.

Dass der Versuch des Spiegel halbherzig bleibt, den Terror im Lichte gegenwärtiger Geschlechterklischees zu betrachten, hat möglicherweise auch einen anderen Grund: Die Gewalt ist fernab aller Geschlechterdebatten betont antisemitisch. Das einzige weibliche Opfer der Morde in Paris ist eine Jüdin, im Jahr 2014 sind, so die Süddeutsche Zeitung, doppelt so viele Juden aus Frankreich ausgewandert wie noch im Jahr zuvor, 7000.
„Statistiken des französischen Innenministeriums belegen, dass von sämtlichen als rassistisch eingestuften Taten knapp die Hälfte gegen Juden gerichtet ist - und das bei einem Bevölkerungsanteil von weniger als einem Prozent.“ 
Schon vor der Ermordung von vier jüdischen Männern durch den islamistischen Terroristen Coulibaly  sind Juden in Frankreich wiederholt und gezielt zum Opfer von sehr gewalttätigen Überfällen geworden.

„Alle sind Charlie, keiner ist Jude“, kommentiert ein Blogger die Konzentration auf die ermordeten Journalisten. Tatsächlich ist das eine der schrecklichsten Ziele des Terrors: der Versuch, die Möglichkeit zivilen Lebens zu zerstören. Wenn jüdische Schulen geschlossen werden oder nur unter erheblichem Polizeischutz offen bleiben können, wenn Gottesdienste ausfallen müssen, wenn Menschen schon beim Gang ich den Supermarkt Todesangst haben müssen – dann brechen Selbstverständlichkeiten zivilen Lebens weg, die nicht ersetzbar sind.

Angesichts dessen wirken Geschlechterdebatten sehr klein und unwichtig. Welche Rückschlüsse aus dem Pariser Terror trotzdem auch für andere Zusammenhänge gezogen werden können, zeigt David Brooks in einem Kommentar für die New York Times, I am not Charlie Hebdo: