Samstag, 29. März 2014

Warum Linke die Männerrechtler brauchen (aber Männerrechtler die Linken nicht)

„Vor allem die linken Parteien schrecken inzwischen immer mehr Männer ab, die eigentlich für die Anliegen dieses Lagers mehr als aufgeschlossen wären“,
schreibt Arne Hoffmann in seinem gerade erschienenen „Plädoyer für eine linke Männerpolitik“. (S. 19)

Der Text listet viele Beispiele panischer Abgrenzungen und Feindseligkeiten irgendwie linker Parteien gegenüber Männerrechtlern auf: vom verbissenen Desinteresse an einer „Bekämpfung sozialer Nachteile“ (27) von Männern und Jungen, dem „Fall Monika Ebelings“ (18), die von Grünen, SPD, Linken, aber auch der FDP aus dem Amt als Gleichstellungsbeauftragte getrieben wurde (18), bis zu diffamierenden Schriften der SPD (338f.) oder der Grünen (347f.), die aus Steuermitteln finanziert den Einsatz für Männer- und Jungenrechte als rechtsradikal denunzieren.

Und das sind nur wenige Beispiele dafür, dass das Wort „Männer" – so Matthias Lohre in der taz„in der politischen Linken geradezu zu einem Schimpfort geworden" sei. (16)

Warum eigentlich sollten sich Männerrechtler angesichts dieser entschlossenen Ablehnung ausgerechnet als „links“ bezeichnen?
„Bezeichnenderweise war es nicht das linke, sondern das bürgerliche Lager, das die ersten Schritte tat, um die bisherigen Einseitigkeiten zu überwinden“,
schreibt Hoffmann weiter (22). Angesichts dieser Situation für eine linke Männerpolitik einzutreten, wirkt wie der Versuch, mitten in Hamburg eine Werder-Kneipe zu eröffnen, weil es in Bremen ja zu einfach wäre. Oder in einem bayerischen Dorf die große Bedeutung des Preußentums zu erläutern. Was soll das?
Eine etwas abgewrackte rote Bushaltestelle im Nirgendwo, an der niemand wartet - dazu das Schild "Weg endet in 250m" - manche Szenen sind in aller Unschuld so allegorisch, dass sie unbedingt fotografiert werden müssen. Glaubt mir ja sonst keiner.
Das Eintreten für die Rechte von Männern und Jungen setzt linke Positionen, wie immer sie auch verstanden werden, zudem überhaupt nicht voraus. Dafür genügt es, liberale Positionen zu vertreten oder sich an basalen Grundrechten, Menschenrechten und Fairnessprinzipien zu orientieren. Männerrechtler brauchen Linke nicht.

Andersherum ist das jedoch nicht so – Linke würden erheblich davon profitieren, wenn sie die Diskussionen der Männerbewegung offen und ohne irrationale Abwehr aufnehmen würden. Dafür gibt es vor allem drei Gründe.

Freitag, 28. März 2014

Biertrinken mit Feministinnen - Kais Blogstöckchen

Das „Blogstöckchen", das Kai auf seinem Blog veröffentlicht hat, ist mittlerweile von Arne Hoffmann, von Christian Schmidt, von Elmar Diederichs, von Tom, Adrian, LoMi und Graublau beantwortet worden.
Edouard Manet: Im Café-Concert (1878) Quelle
Nachdem Erzählmirnix vor wenigen Monaten blockstöckchenwerfend Blogger nach ihrem Verhältnis zum Maskulismus gefragt hat, fragt Kai nun nach dem Verhältnis zum Feminismus. Ich hatte eine volle Woche und bin gerade sehr, sehr müde, aber antworten will ich natürlich, und die Müdigkeit macht die Antworten ja vielleicht auch besonders interessant....Viel Spaß!

Sonntag, 23. März 2014

„Lasst das mal den Papa machen“. Der „Stromberg“-Film ist sexistisch: Fragt sich nur, gegenüber wem

– Gastbeitrag von Johannes Meiners –
 
 
Johannes Meiners' Filmkritik über den Stromberg-Film und seine Großmannsucht" setzt sich auch mit Figuren einer Fernsehserie auseinander, die ich  früher während der ersten Staffeln einmal gern gesehen habe. Ich fand sie witzig, bin dann aber irgendwann ausgestiegen warum, weiß ich nicht einmal mehr. Doch auch angesichts der Sympathie für die Serie überzeugt mich die Kritik, die Johannes Meiners an dem Film übt. Viel Spaß dabei!  Lucas Schoppe
 
 
Bernd Stromberg ist zurück: Noch ein Mal – als Kinofilm. Die Büro-Satire spielt im (vermeintlichen) Alltag europäischer Durchschnittsbürger, in diesem Falle Versicherungsangestellter in Nordrhein-Westfalen. So viel vorweg: Ich teile die Ansicht des Schauspielers – und Hauptdarstellers – Christoph Maria Herbst, wonach „Stromberg“ auserzählt sei).
 
Die Finanzierungsprobleme rund um den Film konnten durch zahlende, am Ende alphabetisch entlang ihrer Vornamen aufgelistete, fast nur männliche Fans offenbar gelöst werden. Die Produktion hält gleichwohl einige Lacher bereit, die durchaus hörenswert sind. Ähnliches gilt für das Bildmaterial mit der ein oder anderen überraschenden Sentenz. Herbst selbst spielt neuerlich stark auf. Ohne ihn wäre die Satire wie der frühere Krimi „Derrick“ ohne Derrick – oder „Wetten, dass…“ ohne Thomas Gottschalk.

Der vorliegende Text ist keine „gewöhnliche“ Rezension eines aktuellen künstlerischen Ergusses. Nein, es geht um eine dezidiert maskulistische Filmkritik: Im Mittelpunkt steht die Darstellung des Geschlechterverhältnisses. Und daran gibt es aus dieser Sicht eine Menge zu deuteln. Die folgenden Zeilen erheben daher in alle Richtungen keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Ist Stromberg wirklich „sexistisch“? Laut Teaser der Werbung für den Film: JA.
Er reiße rassistische und sexistische Witze. Dass dies ein für weiße, heterosexuelle Männer geradezu konventionelles Verhalten ist, scheint im Teaser nicht mal einen erläuternden Halbsatz wert zu sein. So selbstverständlich wirkt die Annahme wohl aus Sicht derer, die sie formulierten.

Dem Autor dieser rezensierenden Zeilen zufolge lautet die Antwort ebenfalls: JA.

Freitag, 21. März 2014

Ein Mann zieht in den Frieden

„Wortschrank hat mit seinem Beitrag ‚Sorry, war scheiße‘ eine Lanze dafür gebrochen, dass man versucht möglichst vorurteilsfrei mit anderen Personen zu diskutieren und ihnen nicht von vorneherein Positionen zuzuordnen, die sie gar nicht vertreten“.
Nun gibt es bekanntlich kaum Menschen gibt, die offen stolz auf ihre Vorurteile sind und die damit prahlen, anderen gern Fantasiepositionen zu unterschieben. Also kann eigentlich niemand etwas gegen diesen Versuch haben, den hier Christian auf Alles Evolution beschreibt.

Abraxas (so der Name des Wortschrank-Inhabers bei Twitter) schreibt selbst in seinem Text:
„Jedenfalls bin ich leider vor etwas längerer Zeit Robin Urban aus genau so einem Vorurteil gegenüber Feministinnen mal auf den Schlips getreten (ich weiß noch nicht mal mehr, um was es ging aber ich habe mich beschissen genug benommen, dass sie mich blockte) und ich bereue das heute sehr.“
Dass Abraxas sich darum bemüht, einen Konflikt nicht zur Dauerfeindschaft werden zu lassen und das Verhältnis zu Robin zu befrieden, kann ja auf den ersten Blick niemanden stören, ist aber eigentlich auch eine persönliche Angelegenheit der Beteiligten. Allerdings hat er seine Entschuldigung ja nicht als private Mail an Robin verfasst, sondern als Blogtext veröffentlicht. Und was geschieht?
Eine US-amerikanische Briefmarke aus dem Jahre 1956
Der Text löst eine enorme Resonanz aus, etwas 200 Kommentare hat der Artikel in kurzer Zeit. Christians oben zitierter Artikel über Sachliches Argumentieren mit gemäßigten Maskulisten, der sich darauf bezieht, wird sogar in wenigen Tagen fast dreihundert Mal kommentiert. Die Internet-Feministin Onyx fragt ohne unnötige Scheu vor Pathos, ob wir hier einen neuen Anfang – A New Beginning? – erleben.

Vor allem aber sorgt der Text für heftige Kontroversen. Wolle Pelz, den Robin Urban in Kommentaren zu einem Comic-Artikel einmal öffentlich und kurzerhand mit Goebbels in ein Boot gesetzt hat, findet, dass Robin „die Maskutroll-Szene“ spaltet. Dass er Abraxas widerspricht, ist nicht unverständlich: Robins eigene Entschuldigung ihm gegenüber bestand damals aus einem kecken „Kannst ja (…) heulen gehen“.

In den Kommentaren im Wortschrank-Blog wiederum wird Robin nicht nur begrüßt, sondern auch böse angefeindet:
„Du bist doch nur frustriert, weil du keinen Mann für länger als eine Nacht findest.“
Kaum weniger roh sind Reaktionen auf solche Kommentare.
„Eigentlich muß ich froh sein, daß diese untervögelten Trolle meist in den dunklen Ecken des Internets bleiben.“ 
Innerhalb von sehr kurzer Zeit führt also Abraxas‘ zivile Geste der Entschuldigung zu einer virtuellen Klopperei, zu einem „Entschuldigungs-Gate". Menschen, die sich unbeleckt von geschlechterpolitischen Auseinandersetzungen zufällig in solche Diskussionen verirren, werden vermutlich irritiert beidrehen und sich vornehmen, in Zukunft besser aufzupassen und besser keine überflüssigen Gedanken auf solche Zusammenhänge mehr zu verschwenden.

Wie kann es aber sein, dass eine zivile Geste zu solchen Kontroversen führt?

Donnerstag, 13. März 2014

Wie Anne Wizorek und ihre Freunde einmal einen schlechten, schlechten Menschen aus mir machten

„Ich glaube einfach nicht mehr, dass die 'Kommunikation wollen'. Die wollen einfach nur, dass alles so ist und läuft, wie es ihnen gefällt."
Während wir so im Anschluss an den Text über die Neuköllner Apothekenverwüstung darüber diskutierten, ob der Kommunikationsstil des Lilifee-Feminismus überhaupt etwas mit Kommunikation im herkömmlichen Sinne zu tun habe, und während LoMi darüber – was mir natürlich eine Ehre ist – gar einen eigenen Artikel schrieb, hatte Anne Wizorek längst Fakten geschaffen.

Ihr Gruppen-Blog „kleinerdrei“ veröffentlichte in deutscher Übersetzung einen Text Julie Paganos, der sämtliche Zweifel hinsichtlich etwaiger Kommunikationsabsichten souverän beseitigt und der dabei zugleich ungezwungen und elegant einen Beitrag zur Lebenshilfe leisten kann: „Schlechte Verbündete – Das Quiz“ 
„Disclaimer: Als weißer heterosexueller Mann (WHM) kann ich bestenfalls ein Ally sein“,
hat ein Mann richtig erkannt. Und kleinerdrei erläutert:
„Speziell feministische Verbündete sind Einzelpersonen, die keine Frauen sind und Frauenrechte unterstützen sowie Feminismus und dessen Anliegen fördern.“
Das heißt, ein Verbündeter hat keine eigenen Interessen, unterstützt aber die Interessen anderer, macht dabei aber leider oft viel falsch.
Wie ich auf die Idee gekommen bin, zu diesem Text eine alte Anti-Kriegs-Karikatur von Boardman Robinson zu veröffentlichen, weiß ich selber nicht. Ich habe aber das Gefühl, dass ich mir dafür Minuspunkte geben sollte.
Ob ich als ein guter Verbündeter tauge, oder als schlechter, oder ob ich schlimmstenfalls gar keiner bin, habe ich im Selbstversuch anhand der präzisen Fragen des Ally-Quiz ermitteln können. Ich dokumentiere hier die Highlights meiner Befragung.

Dienstag, 11. März 2014

Wie man Grundrechte schützt, indem man eine Apotheke verwüstet

Anne Wizorek, #Aufschrei-Initiatorin, Grimme-Preis-Gewinnerin und gerade noch proppestolzer Gast bei Manuela Schwesig, war neulich einmal über Verletzungen von Grundrechten erbost.
 
Also schickte sie geistesgegenwärtig bei Twitter eine Nachricht weiter, die sie gerade zwei Minuten vorher erhalten hatte und die mit deutlicher Sympathie einen Farbanschlag auf eine Apotheke in Neukölln dokumentierte. Mit dem Satz
„Die Apotheke in meiner Straße ist gegen die Pille danach“
verlinkt die Nachricht ein Foto, mit dem kurzen Kommentar
„Mein Kiez antwortet“
ein zweites: eine Apotheke, deren Scheiben und Eingangsbereich über und über mit roter Farbe verschmutzt und zudem mit Plakaten zum „Frauenkampftag“ versehen sind.

Eine kleine Pille und sehr viel Drumherum. In Berlin wurde dafür gerade eine Apotheke verwüstet.
Einem Twitterer, der sich ahnungslos über den Beifall für die „Vandalen“ wundert, rückt Wizorek schnell den Kopf zurecht:
„sorry, aber: als jmd, der vermutlich noch nicht wegen sowas diskriminiert wurde, sag mir bitte nicht, was hier scheiße ist.“
Klappe halten, und zwar schnell. Aber: Was aber war eigentlich geschehen?

Der Apotheker der Undine-Apotheke in Berlin-Neukölln  ist ein gläubiger Katholik und hat im Eingangsbereich seiner Apotheke eine Nachricht aufgehängt.  Dort schreibt er, dass
„es beim Einsatz von Kontrazeptiven – trotz der meist beabsichtigten Verhinderung des Eisprungs – in einigen Fällen zu einer Befruchtung mit anschließender Verhinderung der Einnistung in die Gebärmutter kommt.“
Es geht offensichtlich um die sogenannte „Pille danach“, und da er die aus den angeführten Gründen nicht verkauft, sah sich der „Kiez“ – wer immer das hier sein mag – zur Gegenwehr gezwungen.

Eine kleine lokale Grausamkeit, die außer für die BZ vielleicht nur für die Beteiligten von Interesse wäre, wenn sich dabei nicht gleich mehrere sehr aufgeladene Themen kreuzen würden.

Donnerstag, 6. März 2014

Von Monstern und Papageien - Die EU-Studie zur Gewalt gegen Frauen

„Es sind erschreckende Einblicke in die Lebenswirklichkeit von Frauen in Europa.“ So beginnt Benjamin Knaack bei Spiegel-Online seinen Bericht über die EU-Studie Gewalt gegen Frauen: eine europaweite Erhebung“. Da das möglicherweise noch nicht deutlich genug war, schreibt er im Text weiter, dass die Studie „erschreckende Ergebnisse“ liefere und „einen detaillierten und erschreckenden Einblick in die Gewalterfahrungen von Frauen“ biete.
„Das enorme Ausmaß des Problems verdeutlicht, dass Gewalt gegen Frauen nicht nur wenige Frauen betrifft, sondern sich tagtäglich auf die gesamte Gesellschaft auswirkt",
zitiert er ohne unnötige journalistische Distanz den Verantwortlichen für die Studie, den Direktor der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) Morten Kjærum, der weiterhin klarstellt:
„Frauen sind nicht sicher auf den Straßen, am Arbeitsplatz und schlussendlich auch nicht zu Hause."

So illustriert die Tagesschau auf ihrer Webseite öffentlich-rechtlich ihren Bericht zur FRA-Studie. Ein Beispiel von vielen möglichen.
Alexander Roslin allerdings kommentiert solche und ähnliche Texte so:
„Keine kritischen Nachfragen, einfaches affirmatives Abnicken und Weiterverbreiten der Demagogie (…).“
Martin Domig schreibt:
„Ich habe diese und ähnliche Meldungen jetzt oft genug gehört um mich ernsthaft zu fragen was daran gelogen ist, und warum diese Lüge so oft wiederholt wird.“ 
Und auch Wolle Pelz wirkt nicht angemessen erschrocken:
„Studien zur Gewalt gegen Frauen gibt es scheinbar jährlich. Gibt es solche Studien auch wegen männlichen Opfern von Gewalt?“
Was haben die bloß?

Dienstag, 4. März 2014

Mütterliche Väter, beschämte Jungen und ungedeckte Schecks (Monatsrückblick Februar 2014)

Der Februar war ein Monat der Selbstzerlegungen. Alice Schwarzers Steuerhinterziehungen hätten ihr möglicherweise weniger geschadet, wenn sie sich nicht nach deren Aufdeckung als Opfer politischer Verfolgung präsentiert hätte, das zur Sicherheit Geld in der Schweiz deponiert habe – und wenn sie sich nicht ihrerseits so ausdauernd aus öffentlichen Kassen bedient hätte. 

Die Piraten sind weiterhin intensiv und begeistert damit beschäftigt, sich selbst zu versenken. Anne Helms Femen-Pose des Danks für die Zerstörung Dresdens konnte beitragen zu einer Frage, die auf Alles Evolution diskutiert wurde: ob nämlich feministische Aktionen in ihrer Überzogenheit – dem Aufschrei-Hype, den Brust-statt-Hirn-Aktionen der Femen, den Professorinnen in Leipzig – zu Pyrrhussiegen und feministische Klischees schließlich als lächerlich präsentieren würden.

Wie im Fußball ist es allerdings wohl auch in der Geschlechterpolitik keine überzeugende Taktik, bloß auf Eigentore des Gegners zu warten – wenn nicht klare und bessere Alternativen erarbeitet werden, dann werden wohl auch betonfeministische Aktionen am Rande der Selbstdestruktion oder der Lächerlichkeit keine ernsthaften Folgen haben.
 
In diesem Monat erschienen dazu gleich zwei Bücher von Arne Hoffmann: Not am Mann, die schlankere und pointiertere Version seines Textes Plädoyer für eine linke Männerpolitik. Der Wunsch, eine linke Männerpolitik etablieren zu können, motiviert wohl auch Klaus Funkens Buch über den Niedergang der SPD in den vergangenen Jahrzehnten, Zum 150sten keine Festschrift, das in elektronischer Version und als Taschenbuch erschienen ist.
Ohne die massiven Veränderungen der Geschlechterrollen in den vergangenen Jahrzehnten würden wir jetzt vermutlich alle so zu Hause herumsitzen. (Quelle)
Die zweite männerrechtliche Blogparade, „Geschlechterrollen",  hat zudem aus den unterschiedlichen Perspektiven der Blogger ein stimmiges Gesamtbild zu einem der zentralen Themen von Geschlechterdebatten präsentiert. Es lohnt sich, in der Monatsrückschau auf dieses Gesamtbild zu konzentrieren – und auf die Frage, warum die erarbeiteten Positionen, auch wenn sie überzeugend sind, noch nicht ausreichen.

Samstag, 1. März 2014

Die Piraten entern sich selbst und spielen Schiffeversenken

Mein Vater war am Ende des Zweiten Weltkriegs ein kleines Kind. Seine Großmutter war mit ihm aus Schlesien geflohen, und im März 1945, nach vielen Stationen und vor vielen anderen, kamen beide auch nach Dresden.

Wären sie einen Monat vorher angekommen, dann hätten sie womöglich auch zu den Opfern des Bombenangriffs auf die Stadt gehört. Im März 1945 aber – das erzählte er uns viel später – war mein Vater beeindruckt von den vielen Trümmern, die sie sahen, als sie durch die zerstörte Stadt gingen. Er kann sich noch heute an seinen staunenden Unglauben erinnern, als seine Oma ihm erzählte, dass hier auch viele Kinder getötet worden seien – dass der Krieg sich auch direkt gegen Kinder richtet, konnte er, selber Kind, nicht begreifen.

Wenn heute eine Frau, die Berliner Bezirksverordnete für die Piratenpartie ist und auf Platz 5 der Lise für die Europawahl kandidiert,  ihre blanken Brüste in die Kamera hält, um dem Verantwortlichen für den Bombenangriff zu danken – dann ist das ist gleich auf ganz verschiedenen Ebenen eine verrückt schamlose Aktion. Ob denn wohl auf die Frauen mit nackten Brüsten bald Männer mit entblößten Penissen folgen würden, fragt ein Kommentator unter einem der wohl besten Artikel zu dieser Aktion. Ich finde es durchaus schmerzhaft, mich in dieses Szenario hineinzuversetzen. 
Ein Kommentar der PARTEI zu Anne Helms Dank für die Luftangriffe auf Dresden.
Dass Anne Helm ihre Femen-Aktion mittlerweile ungeschehen machen möchte, kann ich mir also gut vorstellen. Was ich mir nicht vorstellen kann, ist, warum sie nicht schon vorher mal auf die Idee gekommen war, dass ihr „Thanks Bomber Harris“-Spruch sich nicht in erster Linie gegen Nazis richtet, die das Gedenken an die Dresdner Opfer für ihre eigene Gewaltverliebtheit funktionalisieren, sondern gegen die zivilen Opfer.

Denn es ist ja keineswegs so, dass sie sich lediglich für die Befreiung von der Nazi-Herrschaft gedankt hätte. Wer den Krieg gegen Nazi-Deutschland richtet findet, kann trotzdem die Bombardierung Dresdens ablehnen. Wer Bomber Harris dankt, kann das nicht. Also geht es bei Helm natürlich nicht allein um Dank für die Befreiung vom Nationalsozialismus.

Noch interessanter finde ich die Frage, wie es möglich ist, dass eine vor noch nicht allzu langer Zeit sehr erfolgreiche politische Organisation, die Piraten-Partei, eine solch bekloppte Aktion ihrer Europa-Kandidatin Helm akzeptiert und verteidigt, ohne dass die Parteiverantwortlichen sich für diese Parteischädigung weiter interessieren würden.