Er „wusste in einem Spielzimmer nichts mit Spielsachen anzufangen, im Spiel mit anderen Kindern fehlte ihm Vorstellungskraft und Empathie und er konnte seine Gefühle nicht ausdrücken. (S. 29) Seine Mutter pflegte eine doppelte Kommunikation mit ihrem Sohn, stieß ihn von sich weg und zog ihn hinterher wieder eng an sich heran. Dies ging soweit, dass sie ihrem Sohn sagte, sie wünschte, er wäre tot und einem Mitarbeiter der Sozialbehörde ebenfalls sagte, dass sie ihren kleinen Sohn loswerden wolle, was auch immer sie damit meinte.“
Vor einigen Tagen hat mich ein Leser auf einen
Text im Blog
Kriegsursachen aufmerksam gemacht, in dem über das Buch berichtet wird, das der Vater des Massenmörders Anders Breivik geschrieben hat. Das gleiche Blog stellt auch das Buch
„A Norwegian Tragedy“ von Arge Borchgrevink über die Kindheit des Massenmörders vor. Das Eingangszitat stammt aus eben dieser
Rezension.
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| Auf der norwegischen Insel Utøya überfiel Anders Breivik am 22. Juli 2011 ein Sommercamp der norwegischen Jungsozialisten und ermordete 69 Menschen. Die Opfer waren zwischen 14 und 51 Jahre alt, 32 von ihnen unter 18 Jahre. Zuvor hatte Breivik im norwegischen Regierungsviertel eine Bombe gezündet und dabei acht Menschen getötet. Foto: Paal Sørensen 2011 |
Das Verhältnis Breiviks zur Mutter, so Borchgrevink, sei früh massiv gestört gewesen. Schon während der Schwangerschaft habe sie den Jungen als schwieriges Kind erlebt, „das rastlos war und sie trat“.
Breiviks Kindheit ist, für eine Weile, deswegen außergewöhnlich gut dokumentiert, weil die Mutter mit dem vierjährigen Sohn erheblich überfordert war, staatliche Stellen um Hilfe bat, das staatliche Zentrum für Kinder- und Jugendpsychiatrie (SSBU) sich einschaltete und die Familie über einige Wochen hinweg untersuchte.
Borchgrevink beschreibt in seinem Buch, wie die Mutter auf die Untersucher desorientiert gewirkt hätte („When they arrived, Wenche apperared disoriented, demanding and suspicious. She could not find the way up from Gaustad, even though there was really only one road to take.“ Position 848). Die dringende Empfehlung des SSBU, den Jungen nicht weiter bei seiner Mutter zu belassen, wird durch beunruhigende Passagen aus dem Untersuchungsbericht erklärlich, die der Autor zitiert.
„Ein wesentlicher Anteil an den wachsenden Schwierigkeiten der Mutter in den der letzten Jahren hängt mit ihrer extrem ungewöhnlichen Beziehung zu Anders zusammen. Sie projiziert ihre primitiven und sexualisierten aggressiven Fantasien auf ihn, alles, was sie als gefährlich und aggressiv in Männern wahrnimmt. Ihre tägliche Interaktion mit ihm ist durch einen großen Teil widersprüchlicher Kommunikation charakterisiert; auf der einen Seite ist sie symbiotisch, während sie ihn zugleich mit ihrer Körpersprache zurückweist, und sie kann plötzlich wechseln zwischen einer übertrieben süßlichen Weise, mit ihm zu sprechen, und offen ausgedrückten Todeswünschen.“ (Zitat 1, siehe unten)
Neben der extremen Aggressivität und der unlösbaren Widersprüchlichkeit des mütterlichen Verhaltens habe so auch der Verdacht sexuellen Missbrauchs im Raum gestanden („abuse of a sexual nature“).
Der in Paris lebende Vater, alarmiert durch den Bericht, zog vor Gericht, um das Sorgerecht für seinen Sohn zu erhalten. Er scheiterte an einem konservativen Richter, in dessen Augen ein Kind zu seiner Mutter gehöre. („The judge was an elderly man, a representative of the post-war-generation, and possibly also of 1950 values and principles.”)
Das Buch Borchgrevinks wurde in Norwegen mit dem Kritikerpreis ausgezeichnet und ist in Deutschland kaum bekannt. Auch Väterorganisationen haben nicht versucht, aus der brutalen Geschichte Kapital zu schlagen – ganz offensichtlich sind, zum Glück, die Skrupel zu groß, aus der Ermordung von fast achtzig Menschen Kapital zu schlagen.
Unter anderem deshalb, weil bekanntlich nicht alle Beteiligten solche Skrupel hatten, lohnt sich ein Blick zurück auf den Fall.