Samstag, 31. Januar 2015

Der liebesunfähige Mann: Vom alten Klischee zur revolutionären Neuheit

Zu Christoph Kucklicks Das unmoralische Geschlecht. Zweiter Teil
 
Im ersten Teil der kleinen Winterserie über Christoph Kucklicks Das unmoralische Geschlecht habe ich seine Kernthese vorgestellt, dass über negative Darstellungen von Männlichkeit typische Widersprüche der Moderne ausgetragen würden.

Im mittleren Teil möchte ich, wie angekündigt, an konkreten Beispielen überprüfen, wie haltbar und wie hilfreich diese These ist.

Im letzten Teil werde ich dann einige Konsequenzen beschreiben, die sich in meinen Augen aus Kucklicks Schrift ergeben.

Die Beispiele, die sich für den mittleren Teil anboten oder aufdrängten, waren allerdings so zahlreich, dass ich zwei Texte daraus gemacht habe. Der eine, der hier gerade beginnt, bezieht Kucklicks Thesen auf Beispiele aus einer gerade erst vergangenen Zeit, die heute gleichwohl skurril und irreal wirken. Es sind Beispiele aus den achtziger und frühen neunziger Jahren, als die Obsession mit der Geschlechtszugehörigkeit feministische Zirkel verließ und zu einem Teil der Popkultur und Ratgeberliteratur wurde.

Der nächste Text wird sich dann mit Beispielen aus der unmittelbaren Gegenwart beschäftigen. Sie werden vermutlich in 20 Jahren ebenso irreal wirken wie manche Beispiele des folgenden Textes – wenn sie es nicht ohnehin jetzt schon tun.
Dass Männer irgendwie Tiere sind, ist seit Jahrhunderten ein gängiges Klischee. Mit Begeisterung wird es wieder und wieder inszeniert - und gern mit großem Gestus, als sei damit gerade eben erst eine revolutionäre, tiefgründige Wahrheit über die grundlegenden Bedingungen menschlicher Existenz neu entdeckt worden. Aus Doris Dörries Erfolgsfilm Männer.
 
 „Die Wirtschaftskrise ist vor allem eine Krise der Männer.“ Diesen Satz aus der Süddeutschen Zeitung und andere, ähnliche Sätze beschreibt Christoph Kucklick gleich zu Beginn seines Buchs Das unmoralische Geschlecht: Solche Aussagen würden ein Wissen darstellen,
„das als solches nur gelten kann, solange es nichts über sich selber weiß.“ (34)
Das bedeutet: Es sind scheinbar Äußerungen über die empirische Welt, die auch noch den Eindruck erwecken, durch sie würden tiefere Strukturen freigelegt – Strukturen einer männlichen Herrschaft, die zum Schaden aller wirke.

Tatsächlich aber sind es oberflächliche Klischees, und das sei denjenigen, die sie benutzen, vor allem einem Grund nicht klar: Sie merkten gar nicht, dass sie auf Klischees zurückgreifen, die seit Jahrhunderten im Umlauf sind und die in dieser Zeit immer wieder als Neuentdeckungen verkauft wurden.

Dass sich in diesen Klischees Widersprüche der Moderne spiegeln würden – dass deshalb auch die Männlichkeitsdarstellungen widersprüchlich seien, neben Idealisierungen auch eine lange Tradition der Männlichkeitsverdammnis pflegen würden: Das ist die Kernthese von Kucklicks Buch.

Wie glaubwürdig sie ist, lässt sich an konkreten Beispielen besser überprüfen als an allgemeinen, theoretischen Erwägungen.

Montag, 26. Januar 2015

Warum Männerfeindschaft modern ist

Zu Christoph Kucklicks Das unmoralische Geschlecht. Erster Teil

„Gleich zu Beginn der Finanzkrise sah das Magazin der Süddeutschen Zeitung, wie sich ein unheimlicher Penis der Zerstörung erhob. Neben dem Foto eines erigierten Büroturms und unter der moralstickigen Überschrift Hochmut kommt vor dem Phall schrieb das Blatt: ‚Die Wirtschaftskrise ist vor allem eine Krise der Männer.’ Um in Klammern und kokett hinzuzufügen: ‚Im Ernst: Wäre Frauen der ganze Mist passiert?’"
So beginnt Christoph Kucklick seinen Essay Das verteufelte Geschlecht, der 2012 in der Zeit veröffentlicht wurde.

Für massiv herabwürdigende, zugleich aber auch ungehemmt moralisierende Darstellungen von Männern präsentiert er dort eine lange Reihe aktueller Beispiele: Das Raunen des SZ-Autors beispielsweise, der angesichts der Finanzkrise über eine „Herde von Männern“ schrieb, um so den Mann als animalisch zu entlarven – einer ganz ähnlichen Wortwahl wie der, derer sich mit der gleichen Absicht dann etwas später die Zeit selbst bediente.

Die Deutung derselben Krise als „Testosteron-Krise“ durch den „Trendforscher“ Matthias Horx und, ganz ähnlich, durch die Premierministerin Islands.

Die weitgehend männlichen Teilnehmer des Weltwirtschaftsgipfels in Davos, die gegenüber dem Problemverursacher Mann Frauen ausdrücklich als Allround-Lösung globaler Herausforderungen präsentiert hätten. Männer dagegen habe die Zeit schon zehn Jahre zuvor als „Feinde der Menschheit“ dargestellt.

Oder die schwedische Politikerin Ireen von Wachenfeldt, „die in hinreißender Offenheit befand: ‚Männer sind Tiere’“.

Oder die Paranioa der Innsbrucker Politik- und Gender-Professorin Claudia von Werlhof, die eine Verschwörung von Männern phantasiert, welche mittels geeigneter Gerätschaften gezielt Erdbeben auslösen würden.

Das Philosophie-Magazin, das bereits in seiner dritten Ausgabe den Mann als „Das problematische Individuum des 21. jahrhunderts“ präsentiert hat.

Und natürlich der berühmte Satz aus dem sozialdemokratischen Grundsatzprogramm, der einen Gegensatz von Männlichkeit und Menschlichkeit konstruiert: „Wer die menschliche Gesellschaft will, muss die männliche überwinden.“

Kucklick kommentiert:
„So wie wir gelernt haben, schneller Reize wegen Bildschirme und Plakatwände mit nackten Frauen zu füllen, so haben wir uns antrainiert, jedem Problem einen männlichen Defekt beizugesellen, der es irgendwie verursacht haben soll. Kausalitätspornografie.“
Oder auch: der Männerhass als Moralporno.
 
Für Kucklick sind solche negativen Darstellungen von Männern nicht neu, und sie sind schon gar kein Resultat des Feminismus, dem er übrigens auch Verdienste zuschreibt.  Der Feminismus habe den Männerhass nicht erfunden, sondern lediglich genutzt.
 
Der Autor beschreibt ganz andere und viel ältere Quellen des misandrischen, also männerfeindlichen Ressentiments. Auf diese Quellen allerdings hätte eine feministische oder feministisch inspirierte Forschung tatsächlich den Blick verstellt: Sie sei ganz auf Geschlechterhierarchien fixiert, in denen Männer rundweg als Herrscher erschienen – und hätte das häufig mit Theorien flankiert, „denen zufolge Männer ihre Dominanz durch entsprechend Diskurse abgesichert haben.“ (S. 23)
 
Radikal negative Darstellungen von Männern, die Kucklick als beständige Begleiter der Moderne – also: der letzten zwei bis drei Jahrhunderte – herausstellt, seien darüber aus der Wahrnehmung verschwunden.

Das ist ein Kernthema seiner Dissertation „Das unmoralische Geschlecht“, deren Grundthesen er in seinem Zeit-Artikel erläutert. Das Buch ist in meinen Augen eine der wichtigsten geschlechtertheoretischen Arbeiten der letzten Jahrzehnte, und es ist es unbedingt wert, stärker in allgemeine Diskussionen aufgenommen zu werden. Dass er sich auf die hochkomplexe Systemtheorie Luhmanns bezieht, ist dabei sicher ein Hindernis – diesen Hintergrund hat gerade djadamoros in einem Text bei Geschlechterallerlei sehr fundiert erläutert.
So ist er, der Mann: schraubt frohgemut an einer Maschine herum, die längst viel größer ist als er - denkt, er hätte dabei die Sache in der Hand - und wird eigentlich nur ein wenig wunderlich.
Kucklick untersucht Texte von Schriftstellern der Aufklärungszeit, von bekannten wie Fichte, Kant oder Schleiermacher, aber auch von vielen heute unbekannten Autoren. Seine Grundthese: Die gängige Vorstellung ist zumindest ergänzungsbedürftig, Männer seien durchweg als überlegene Vernunftmenschen und Frauen als unterlegene Defizitwesen dargestellt worden. Zugleich hätten die Texte noch eine ganz andere Tendenz: nämlich Männer als Mängelwesen zu präsentieren, als Monstren, als instinktgeleitete, halb-tierische Wesen – und Frauen als humanes, rettendes Gegengewicht zur männlichen Destruktivität.

Zugleich geht Kucklick davon aus, dass die Positionen dieser Texte aus dem 18. und frühen 19. Jahrhundert durch die Jahrhunderte wieder und wieder aufgefrischt worden seien – die Feindseligkeit gegenüber Männern sei bis heute ein Kennzeichen der Moderne.

Natürlich bedeutet das nicht, dass diese Feindschaft sämtliche Bereiche des sozialen Lebens durchdrungen hätte – die Schriften der Aufklärung, die Kucklick untersucht, sind Schriften einer verschwindend kleinen Gruppe bürgerlicher Intellektueller. Gleichwohl ist es eine starke These, dass es – neben Traditionen der Idealisierung von Männern – zugleich auch eine lange Kontinuität der Männerfeindschaft gegeben habe.

Ob sich das so halten lässt, ob sich tatsächlich Kontinuitäten der Feindschaft gegenüber Männern vom 18. Jahrhundert bis heute beschreiben lassen, und was das alles eigentlich mit den Entwicklungen der Moderne zu tun hat – das sind Fragen, die weit weniger theoretisch sind, als sie auf den ersten Blick aussehen. Aus ihren Antworten ergeben sich zudem wichtige Konsequenzen für heutige Geschlechterdebatten.

Ich hatte mir am Ende des vergangenen Jahres die Zeit genommen, Kucklicks Buch einmal im Zusammenhang zu lesen, schon mit der Absicht, darüber etwas zu schreiben. Ich habe dann gemerkt, dass das Buch zu umfassend für einen Text ist – also mache ich drei daraus, von denen der erste, dieser hier, eher theoretisch ist und die Kernthese von Kucklicks Buch skizziert, während die folgenden Texte sich dann mit konkreten Beispielen auseinandersetzen.

Da djadmoros die wichtigen Luhmann-Bezüge schon erläutert hat, kann ich mich stärker auf anderes konzentrieren: Was können wir mit Kucklicks Buch in aktuellen Debatten anfangen? Welche Konsequenzen ergeben sich aus den Ergebnissen seiner Forschung?

Montag, 19. Januar 2015

Wo Lächerlichkeit tötet (Auch ein Rückblick auf den Dezember 2014)

Angesichts des Terrors in Paris und anderswo wirken Debatten über Geschlechter sehr klein und unwichtig. Das sind sie auch, manchmal – und einige Jahresrückblicke des letzten Monats lieferten dafür Beispiele reihenweise.

Die von de Mazière, Gabriel oder Maas  gebrauchte „Formel, die Morde von Paris hätten nichts mit dem Islam zu tun“, bezeichnet Deniz Yücel in der taz als „unerträglich“ und „Blödsinn“. Die gute Absicht dieser Formeln ist erkennbar – einem pauschalen Verdammen von Muslimen oder des Islam insgesamt zu widersprechen. Hohlformeln jedoch dienen der guten Absicht wohl kaum.

Dass aber demgegenüber Pegida auch nicht gerade eine demokratische Graswurzelbewegung ist, die sich dem Aussprechen unbequemer Wahrheiten verpflichtet hat – das wird zum Beispiel in dem kleinen sozialen Experiment eines Bloggers deutlich, der sich mit einer Israel-Fahne auf eine Pegida-Demonstration begeben hat. Das Versammlungsverbot aufgrund von Gewaltdrohungen ist natürlich trotzdem, wie Telepolis mit diplomatischer Vorsicht formuliert, „nicht ganz verständlich".

Der aktuelle Spiegel versucht dann tatsächlich, den Terror mit aktuellen Klischees aus Geschlechterdebatten zu erklären. Der Terror der Verlierer, titelt er – was vor allem beruhigend ist, weil wir, die wir den Spiegel lesen, dann stillschweigend als Gewinner dastehen. Im Untertitel: „Wie junge Männer Europa den Krieg erklären“. Im dazugehörigen Artikel fragt das Magazin dann suggestiv:
„Sind es zornige junge Männer, die das Problem sind? Ist die Gesellschaft selbst dass Problem? Oder ein falschverstandener Islam, in dem verirrte Männer eine Heimat finden (…)?“ (S. 77)
Im Gespräch betont der Politikwissenschaftler und Islamexperte Olivier Roy, dass die radikalen Moslems sich in einer patriarchalischen Fantasie befänden und trotzdem „auch Frauen, die das Gleiche tun wollen“, anzögen: „Die Beziehung zwischen diesen jungen Radikalen beruht auf Gleichberechtigung.“ (S. 91) Trotzdem fragt Julia Amalia Heyer, Interviewerin des Spiegel, noch einmal nach: Die größte Gefahr gehe doch wohl nicht mehr von al-Quaida aus,
„sondern von zornigen jungen Männern (…), die keinen Job haben und sich eine Kalaschnikow besorgen“. (91)
Die Antwort Roys unterläuft sowohl die sozialen wie auch die geschlechtsbezogenen Klischees der Frage: „Selbst Mittelstandskinder und Jugendliche, die am gesellschaftlichen Leben durchaus teilhaben, werden mittlerweile zu Terroristen“.
Ein junger Mann, ausnahmsweise mal nicht zornig, sondern beim Lesen eines Buches. Ernst Barlachs Lesender Klosterschüler.
Kimmels Angry White Men in einer islamisierten Version: Das Klischee des zornigen männlichen Modernitätsverlierers, der um sich tritt und blind gewalttätig agiert, lenkt unter anderem davon ab, dass die Terroristen selbst ausdrücklich einen sehr deutlichen Geschlechtsunterschied machten: Sie wollten ausschließlich Männer töten.

Wäre das umgekehrt gewesen, hätte sich ihre Gewalt also gezielt gegen Frauen gerichtet, dann würden wir uns gewiss schon längst in einer erregten Diskussion darüber wiederfinden, dass der Terror im Kern frauenfeindlich sei, nämlich ein Ausdruck gefährdeter patriarchaler Herrschaftsstrukturen.
 
Ich finde es trotzdem angemessen, dass Männer die offenkundige, spezifische Männerfeindlichkeit der Terroristen nicht in den Mittelpunkt der Diskussion geschoben haben. Diese Feindseligkeit gehört wohl zu einem pervertierten soldatischen Selbstverständnis, das die Terroristen mit ihren scheinbaren Antipoden teilen – auch für Anders Breivik ist das Töten erst dann ein Problem, wenn Frauen getötet werden.

Dass der Versuch des Spiegel halbherzig bleibt, den Terror im Lichte gegenwärtiger Geschlechterklischees zu betrachten, hat möglicherweise auch einen anderen Grund: Die Gewalt ist fernab aller Geschlechterdebatten betont antisemitisch. Das einzige weibliche Opfer der Morde in Paris ist eine Jüdin, im Jahr 2014 sind, so die Süddeutsche Zeitung, doppelt so viele Juden aus Frankreich ausgewandert wie noch im Jahr zuvor, 7000.
„Statistiken des französischen Innenministeriums belegen, dass von sämtlichen als rassistisch eingestuften Taten knapp die Hälfte gegen Juden gerichtet ist - und das bei einem Bevölkerungsanteil von weniger als einem Prozent.“ 
Schon vor der Ermordung von vier jüdischen Männern durch den islamistischen Terroristen Coulibaly  sind Juden in Frankreich wiederholt und gezielt zum Opfer von sehr gewalttätigen Überfällen geworden.

„Alle sind Charlie, keiner ist Jude“, kommentiert ein Blogger die Konzentration auf die ermordeten Journalisten. Tatsächlich ist das eine der schrecklichsten Ziele des Terrors: der Versuch, die Möglichkeit zivilen Lebens zu zerstören. Wenn jüdische Schulen geschlossen werden oder nur unter erheblichem Polizeischutz offen bleiben können, wenn Gottesdienste ausfallen müssen, wenn Menschen schon beim Gang ich den Supermarkt Todesangst haben müssen – dann brechen Selbstverständlichkeiten zivilen Lebens weg, die nicht ersetzbar sind.

Angesichts dessen wirken Geschlechterdebatten sehr klein und unwichtig. Welche Rückschlüsse aus dem Pariser Terror trotzdem auch für andere Zusammenhänge gezogen werden können, zeigt David Brooks in einem Kommentar für die New York Times, I am not Charlie Hebdo:

Freitag, 2. Januar 2015

Warum eigentlich werden Geschlechterdebatten so schnell bekloppt?

Eigentlich hatte ich keine bösen Absichten: Gestern habe ich ein paar Grüße zum neuen Jahr veröffentlicht, hatte uns allen Gelassenheit und viel Spaß gewünscht – hatte aber auch darüber geschrieben, dass nach meinem Eindruck gerade geschlechterpolitische Konflikte oft ungeheuer aufgebauscht werden und Aufregungen verursachen, die dem Anlass nicht angemessen sind.

Eines von mehreren Beispiele, die ich nannte, kam aus dem Kontext männerrechtlicher Blogs – ich finde es bis heute absurd, dass sich im letzten Jahr aus einer Kleinigkeit, einer Entschuldigung des Bloggers „wortschrank“ bei der Bloggerin Robin Urban, ein massiver Konflikt entwickeln konnte, der bis heute anhält.

Nach meinem Eindruck hatte das damals die durchaus optimistische Grundstimmung nach der Zusammenarbeit in zwei erfolgreichen Blogparaden geknickt, und von zumindest zwei Bloggern, die ich sehr geschätzt hatte, weiß ich, dass sie sich unter dem Eindruck dieser absurd hochgeputschten Konflikte zurückgezogen haben.

Ob das so beabsichtigt war, ob einzelnen eine Schuld zuzuweisen ist – darüber könnte man immer noch diskutieren, man könnte es auch sein lassen. Ich schreib gestern in einem Nebensatz lediglich, dass ich diese Entwicklung im Rückblick schade finde – und dachte, dass das eigentlich allgemein nachvollziehbar sein müsste.

Obwohl es in dem kurzen Text gestern eigentlich um ganz anderes ging, fühlten sich einige Akteure durch diesen Nebensatz sofort und unmittelbar angesprochen – und fingen an, mich in den Kommentaren aufgeregt zu beschimpfen, mich der Lüge zu bezichtigen und eine Fortsetzung des Konflikts anzukündigen.

Auch das ist schade. Ich hab dieses Blog in vier Tagen genau zwei Jahre lang, es hat hier weit über 4000 Kommentare gegeben, nur insgesamt drei davon fand ich so bekloppt, dass ich sie gelöscht habe, und durchgehend habe ich hier sowohl anonyme Kommentare als auch unmoderierte Kommentare ermöglicht. Es war in meinen Augen ein ungeheuer gutes Zeichen, dass das so lange und so umfassend möglich war.

Gestern habe ich dann unter dem Eindruck der Aggressivität, die mehrere Kommentare prägte, die Kommentarfunktion geändert und lasse nun Kommentare nur noch moderiert durch. Ich bin zur Zeit, wie in der ganzen Weihnachtszeit, noch immer viel offline unterwegs – und ich möchte einfach nicht, dass ein Text, in dem es eigentlich um Gelassenheit und Augenmaß ging, in den Kommentaren vollkommen bestimmt wird durch zwanghafte Re-Inszenierungen von Konflikten, die ich schon beim ersten Durchgang bescheuert fand.
Auch wohlmeinende, vernünftige Zeitgenossen können sich in Geschlechterdiskussionen recht schnell verhaken.
Es ist mir hier nicht einmal so wichtig, worum es dabei geht – wichtiger ist mir etwas anderes. Als ich über die Weihnachtsfeiertage ein wenig Abstand vom Bloggen hatte, empfand ich das manchmal als sehr erleichternd – und viele Konflikte, mit denen wir uns hier herumschlagen, kamen mir recht verrückt und überzogen vor. Die Männerbewegung, wenn es sie denn gibt, hat offenkundig manchmal den seltsamen Ehrgeiz, so viele lunatic fringes, verrückte Ränder wie nur möglich hervorzubringen.

Fairerweise sollte allerdings hinzugefügt werden, dass das anderswo nicht unbedingt besser aussieht: Beim heutigen Feminismus fänd ich es manchmal ganz schön, wenn er sich irgendwann dazu entschließen könnte, zur Abwechslung irgendwo auch einmal einen non-lunatic fringe einzurichten.

Warum aber gleiten, wenn mein Eindruck richtig ist, Geschlechterdiskussionen eigentlich so oft und so schnell ins Irrationale ab? Christian Schmidt hat sich im Hinblick auf den Feminismus schon in mehreren Artikeln mit dieser Frage beschäftigt, und die bloggende Psychologin „Erzählmirnix“ hat dort die These aufgestellt, Feminismus und Maskulismus würden gerade traumatisierte Frauen und Männer überproportional stark anziehen.

Diese Erklärung ließe sich mit einer ganzen Reihe von Beispielen illustrieren, ich möchte aber trotzdem ein Gegenstück dazu formulieren – keine Gegenthese, eher eine Ergänzung. Geschlechterdiskussionen ziehen möglicherweise traumatisierte oder depressive Menschen überproportional stark an – es gibt aber einige Aspekte dieser Diskussionen, die dazu führen, dass dort auch Menschen ganz jenseits psychischer Störungen unter ihrem sonstigen Niveau bleiben und irrationaler agieren, als sie es in anderen Zusammenhängen tun. 

Mir fallen dafür vier Erklärungen ein.

Donnerstag, 1. Januar 2015

Jahresende, Jahresanfang

1911 veröffentlichte der Dichter Jakob von Hoddis, der eigentlich Hans Davidsohn hieß, ein Gedicht, mit dem er bis heute zu einem berühmten One-Hit-Wonder wurde. Weltende hieß es, und es wurde nachträglich als ein prophetisches Gedicht verstanden, in dem sich die Katastrophe des Ersten Weltkrieges schon ankündigte.
 
„Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei,
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei 
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.  
 
Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken."
 
Thomas Schmid sieht das 2011 in einer Interpretation  undramatischer: Die kleinen, immer wieder schnell zerstrittenen expressionistischen Männerbünde hätten ihre „kleinen Zimmerschlachten (…) zwar mit Leidenschaft geschlagen“, aber eigentlich hätten ihre Werke etwas Spielerisches und Unernstes gehabt.
„Ihr Sturm war, am Ende einer großen und prosperierenden Friedenszeit, auch ein Sturm im Wasserglas.“
Wassily Kandinsky: Skizze für Komposition VII, 1913
Warum auch immer, das kam mir ein wenig vertraut vor. In Geschlechterdebatten wurden in den letzten Monaten die Aufregungs-Zyklen immer kürzer: ein Buch von Anne Wizorek, shirtgate, Hollaback, fappygate, die journalistische „Rape on Campus“-Katastrophe, als Dauerprogramm Gamer Gate – und das ist nur ein kleiner Ausschnitt.