Sind Männer Menschen? Die SPD im Bürgergespräch

Dieses Blog hat gemeinsam mit Lesern (und hoffentlich auch Leserinnen) den Versuch unternommen, SPD-Kandidaten für die Bundestagswahl Gelegenheiten für das Bürgergespräch zu organisieren. Es geht dabei darum, die Kandidaten auf den Satz
„Wer die menschliche Gesellschaft will, muss die männliche überwinden“
aus dem SPD-Grundsatzprogramm anzusprechen, nachzufragen, was damit eigentlich gemeint sei – oder auch darum, sie zu Bemühungen zur Streichung des Satzes aufzufordern.

Es ist dabei durchaus nicht das Ziel, die SPD rundweg bloßzustellen (wenn SPD-Vertreter sich selbst bloßstellen, indem sie phrasenhafte Antworten geben oder Antworten ganz verweigern, muss das allerdings auch nicht gnädig verschwiegen werden). Wichtig ist es aber zu erfahren, was sich offizielle Vertreter der SPD eigentlich dabei denken, wenn ihr Parteiprogramm mit einem Gegensatz von Männlichkeit und Menschlichkeit operiert.

Wer den Satz wohlwollend liest, kann darin einfach eine ungeschickt formulierte Kritik an männlicher Dominanz entdecken.  Diese Interpretation ist logisch möglich, und es ist wichtig, sie im Auge zu behalten. Sie zieht allerdings einige Probleme nach sich. Beispielsweise die Frage, ob denn die Vorstellung einer männlichen Dominanz überhaupt noch Platz lässt, offenkundige gesellschaftliche Nachteile von Männern und Jungen wahrzunehmen. Zudem ist nicht ganz klar, warum der Satz dann nicht einfach so lautet: 
„Wer die menschliche Gesellschaft will, muss die männlich dominierte überwinden.“
Das wäre in der politischen Analyse platt und hanebüchen, aber nicht so problematisch wie die tatsächliche Formulierung. Wenn es also schlicht um eine Kritik an der Idee einer „Männerherrschaft“ geht – warum haben Sozialdemokraten dann seit fast 25 Jahren nicht gemerkt, dass ihr Programm etwas ganz anderes aussagt, als sie aussagen wollten?

Zudem gehört zu einer Politik der gruppenbezogenen Feindschaft – sei sie rassistisch, nationalistisch, sexistisch, antisemitisch oder anders geprägt – regelmäßig die Idee, dass die „Feinde“ Herrschaftspositionen besetzen würden, dass gute, humane, menschliche Ansätze durch diese „Herrschaft“ unmittelbar bedroht seien. Wer beispielsweise behauptet, dass er doch nichts gegen Juden habe, nur gegen die „jüdische Herrschaft“ – der zeigt ja eben gerade dadurch, dass er Antisemit ist. Die willkürliche Fantasie einer menschenfeindlichen „Dominanz“ bestimmter Gruppen der Bevölkerung ist eben nicht „herrschaftskritisch“, sondern Bestandteil einer Politik der Feindschaft.

Bisher dokumentierte Stellungnahmen von SPD-Vertretern – von Klaus Mindrup, Berlin-Pankow, von Christian Carstensen, Hamburg-Nord und aus dem Büro des SPD-Fraktionsvorsitzenden Frank-Walter Steinmeier  – zeichnen sich allesamt dadurch aus, dass sie nicht einmal die Möglichkeit anerkennen, in dem Satz aus dem SPD-Grundsatzprogramm irgendein Problem zu entdecken.

Sicherlich ist nicht zu erwarten (naja, moralisch schon – aber pragmatisch nicht), dass sich SPD-Kandidaten mitten im Wahlkampf von Teilen des Grundsatzprogramms distanzieren, die ja immerhin durch einen Parteitagsbeschluss verbindlich sind. Trotzdem lässt sich mit Sicherheit unterscheiden, ob jemand irgendein Problem in dem berüchtigten, feindseligen Satz entdeckt, ob er oder sie Geschlechterpolitik unter anderen Bedingungen wahrnehmen kann als in der Perspektive von „Männerherrschafts“-Fantasien, ob jemand ernsthaft auf Fragen eingeht – oder ob er, wie die bisherigen Beispiele, wie eine schlecht programmierte Sprechmaschine an uns vorbeiredet.
Wer Antworten erhalten hat, kann sie hier im Kommentarstrang dokumentieren, oder im Kommentarstrang des Artikels „Sind Männer Menschen? Fragen sie Ihren SPD-Kandidaten“. Falls jemand einen Brief geschrieben und nach einer Woche noch keine Antwort erhalten hat, ist das auch aussagekräftig. Auch in diesem Fall bitte ich darum, eine Nachricht in den Kommentarstrang zu setzen. Ich sammle die Nachrichten hier.


Vielen Dank!



Stellungnahmen aus der SPD:
Christian Carstensen, Hamburg-Nord

Constantin von der Groeben (Büro Frank-Walter Steinmeier, Fraktionsvorsitz)

Klaus Mindrup, Berlin-Pankow

Dirk Gene Hagelstein, Neu-Isenburg (14.8.)

Dr. Carola Reimann, Braunschweig (keine Antwort)

Dierk Timm, Rhein-Erft-Kreis (26.8.)

SPD Hessen (29.8.)

Andrea Ypsilanti, Frankfurt am Main VI (keine Antwort nach mehrmaliger Nachfrage)

Daniela Kolbe, Leipzig (19.9.)

Rolf Spitz, Memmingen (19.9.)


Artikel zum Thema auf man tau:

Sind Männer Menschen? (fragt die SPD)

Warum Feminismus nicht links ist (und die Männerrechtsbewegung nicht rechts)

Rot-grüner Beton

Wie die SPD unwählbar wurde

Sind Männer Menschen? Fragen sie Ihren SPD-Kandidaten


Andere Artikel oder Interviews zum Thema:

Björn Böhning: Hast Du keine Frau, die sich kümmert?

Klaus Funken: „Quotenregelungen sind eine subtile Form der Frauenverachtung“

Arne Hoffmann: Eckpfeiler einer linken Männerpolitik

Sven Janssen: Links=feministisch? Vom Sinn linker Männerpolitik

Bernhard Lassahn: Menschlichkeit zum halben Preis

Leszek/Christian Schmidt: Gemeinsamkeiten zwischen radikalem Feminismus und radikalem Konservatismus

Rote Männer: Manifest – „Rote Männer braucht das Land"

Wolfgang Wenger: Manifest für einen linken Maskulismus



3 Kommentare:

  1. Schoen, das hier! Habe ich eben erst gesehen.

    Wenn jemand einen SPD-Menschen kennt (ich nicht), kann er diese Seite ja mal erwaehnen. Es gibt doch Ortsvereine, und in denen koennte dies diskutiert werden. Man muss wohl ganz von unten kommen, von oben wuerde dies sofort gebrandmarkt und abgeschossen werden.

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  2. Eine bessere Verlinkung koennte nichts schaden:

    1. Zeiger auf
    http://www.spd.de/partei/grundsatzprogramm/
    Am besten auch nochmal sagen, wo der Satz drinsteht (im 2007-Programm, Pdf, auf Seite 41).

    2. Gut waeren vielleicht auch Zeiger fuer die einzelnen Abgeordneten, auf deren Internetseiten.

    3. Internetsuche hat z.B. noch
    http://www.abgeordneten-check.de/artikel/286-eckhard-kuhla-uber-angeblich-mannerorientierte-projekte.html
    gefunden, wo sich auch auf diesen Satz bezogen wird. Vielleicht kann es nichts schaden, Zeiger auf alle derartigen Seiten zu geben.

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    1. Danke! Ich finde die Vorschläge gut, hab am Wochenende Zeit und werd mal sehen, was ich tun kann.

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