Ein Professor der Erziehungswissenschaften an der Berliner Humboldt-Universität hatte – darauf macht Crumar in einem Kommentar zum ersten Teil dieses Textes aufmerksam – in einer Vorlesung für Erstsemester einen entscheidenden Fehler gemacht: Er hatte nämlich, wie eine Studentin der Vorlesung berichtet, unklugerweise „unter den Pflichttexten auch Autoren wie Platon, Kant und Rousseau" aufgenommen.
Das geht natürlich nicht, und so kam selbstverständlich unter dem hoffnungsvollen akademischen Nachwuchs der Bundeshauptstadt „die Frage auf, wieso wir denn Texte aus der Antike lesen sollten, also aus einer Zeit, in der Frauen unterdrückt und Menschen versklavt wurden". Da Frauen ja bekanntlich immer unterdrückt wurden, kann man eigentlich auch gleich fragen, warum man überhaupt Texte lesen sollte, und überhaupt, wieso ausgerechnet im Studium, aber in dieser gedanklicher Konsequenz gingen die Beteiligten nicht vor. Nicht ganz.
Die Frage danach, ob die Lektüre eigentlich legitim sei, wurde auch „im Zusammenhang mit Autoren wie z.B. Kant und Rousseau wiederholt gestellt" – schließlich ist deren Verhältnis zum Rassismus ja, gelinde gesagt, ungeklärt.
Die Frage danach, ob die Lektüre eigentlich legitim sei, wurde auch „im Zusammenhang mit Autoren wie z.B. Kant und Rousseau wiederholt gestellt" – schließlich ist deren Verhältnis zum Rassismus ja, gelinde gesagt, ungeklärt.
„Den Höhepunkt dieses Gefechts bildeten dann die Vorfälle in der letzten Vorlesung. Die kleine Gruppe Studierender, die zuvor Fragen gestellt hatte, rekrutierte, wie es aussah, einige ihrer Kommilitonen der Gender-Studies, die dann ironischerweise lautstark applaudierten und jubelten, sobald der Professor anfing zu reden. Diese letzte Vorlesung war für die meisten Studierenden ungemein wichtig, da auf Verständnisfragen bezüglich der klausurrelevanten Themen eingegangen werden sollte. Dies war nun nicht möglich. Der Professor versuchte in dem Chaos auch eine Annäherung, ging zu den Beteiligten, die in den Bänken saßen und versuchte ein Gespräch. Parolen wurden gerufen, er wurde ignoriert."
Was soll das? Woher kommt – und zwar nicht auch, sondern ausgerechnet im akademischen Bereich – die Lust an Freund-Feind-Strukturen, mit denen Abwertungen im Rundumschlag verteilt werden und einer als korrupt wahrgenommenen Welt schnurstracks der Glaube an die eigene Lauterkeit entgegengehalten wird, die sich ganz gewiss, und ohne Kompromisse machen zu müssen, schließlich gegen die verderbte Welt behaupten kann?
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| Der evolutionäre Sinn der Freude an der Rückentwicklung ist noch nicht vollständig geklärt (Quelle) |
Der erste Teil dieses Textes endete mit einer ganz ähnlichen Frage: Wer kann ein ernsthaftes Interesse daran haben, auf diese Weise begrenzte, aber reale Möglichkeiten der vernünftigen Gestaltung sozialer Interaktion zu ignorieren und sie durch die Illusion einer umfassenden und willkürlichen Handlungsmacht im Sinne abstrakter Ideale zu ersetzen?





