Samstag, 30. November 2013

Warum die Pole Position im Opferwettrennen so wichtig ist (Monatsrückblick November 2013)

„Nach meiner Auffassung ist es die Pflicht der Hochschule und ihrer zuständigen Instanzen, von außen kommende Versuche dogmatischer Einflußnahme auf die Lehre abzuwehren und die Möglichkeiten kritischer Diskussion umfassend zu wahren.“ (S. 73)
So argumentierte zu Beginn der neunziger Jahre der Duisburger Philosophieprofessor Hartmut Kliemt, als er gegen massive Proteste und schließlich erfolgreiche Störversuche ein Seminar über den umstrittenen australischen Moralphilosophen Peter Singer abzuhalten versuchte.
„Es darf weder Herrn Singer noch seinen Gegnern erlaubt werden, sich einer kritischen Diskussion zu entziehen oder eine argumentative Auseinandersetzung zu verhindern."
Kurz nach Beginn meines Philosophiestudiums in Göttingen habe ich ähnliche Diskussionen über Singer miterlebt. Ich hatte kurz zuvor Zivildienst in einer Einrichtung für geistig Schwerbehinderte gemacht, und mir war die Selbstverständlichkeit suspekt, mit der Singer über das Lebensrecht behinderter Menschen schrieb, überlegte, wann eine Tötung gerechtfertigt sei, und Behinderte nonchalant als „human vegetables“ (wörtlich: menschliches Gemüse, aber auch mit einer Anspielung auf das Vegetieren) bezeichnete. Obwohl Singer nur über Menschen mit schwersten Behinderungen geschrieben hatte, nahmen viele Behinderte eine solche Diskussion natürlich als bedrohlich wahr. 
Trotzdem waren die Störversuche falsch, die Ende der Achtziger und zu Beginn der Neunziger in Deutschland übrigens sehr erfolgreich waren: Seminare über Singer wurden abgesagt oder abgebrochen, Einladungen an ihn zu universitären Vorträgen zurückgenommen. Falsch waren sie, weil sie der universitären Debatte nicht zutrauten, dass sie ihre eigene Problematik – über das Lebensrecht anderer Menschen zu debattieren – nicht ernsthaft zum Thema machen könnte und weil sich unter den Störern niemand Gedanken darüber machte, wo denn eigentlich die Grenzen der Störung freier Rede gezogen würden.

Trotzdem: Im Vergleich zu heute erscheint die Diskussion um Singer in Deutschland regelrecht als Musterbeispiel universitärer Debattenkultur. Es erschienen Sammelbände wie die oben zitierte Dokumentation, im Spiegel oder der Zeit wurde kontrovers über die Position Singers und über die Bedrohung der Wissenschaftsfreiheit durch die Störversuche diskutiert.

Dienstag, 26. November 2013

Wenn Erwachsene gegen Kinder hetzen - Jungen in der Schule

„Tatsächlich ist Gleichberechtigung an den Schulen Realität, weshalb Mädchen aufgrund ihres Entwicklungsvorsprungs, größeren Fleißes und höherer Lernmotivation im Vorteil sind. Eine gezielte Jungenförderung ist allerdings keine Lösung.“
So lautet im Jahr 2007 die Antwort der Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel auf die Frage, ob wir es uns eigentlich noch leisten können, auf eine gezielte Jungenförderung zu verzichten – angesichts der Tatsache, dass deutlich mehr Jungen als Mädchen die Schule ohne Abschluss, deutlich mehr Mädchen als Jungen die Schule mit dem Abitur verlassen.

Ein Angehöriger des faulen und minderbegabten Geschlechts - was früher die Eselskappe erledigte, erledigen heute Politiker und Wissenschaftler
Warum eine gezielte Jungenförderung keine Lösung sei, verrät Merkel – oder möglicherweise ihr Ghostwriter – nicht. Unverblümt aber formuliert sie eine Vorstellung weiblicher Überlegenheit: Wenn nur die Ausgangsbedingungen zwischen Jungen und Mädchen gleich wären, dann würden Mädchen eben bessere Ergebnisse erzielen. Alles normal, kein Grund zur Sorge.

Fünf Jahre später redet der Grüne Jürgen Trittin ganz wie seine Kanzlerin, als er ihr bei einer Bundestagsrede vorwirft, dafür zu sorgen,
„dass das begabtere Geschlecht weiterhin ein Viertel weniger verdient als wir Männer.“ (1:07)
Als die Linke Kathrin Vogeler verwundert nachfragt (2:25), welch einen Bildungsbegriff Trittin denn der von ihm unterstellten Lern- und Bildungsunwilligkeit der Männer und Jungen zu Grunde lege, antwortet er mit einem Hinweis auf die besseren Abschlüsse von Mädchen.

Auffällig ist bei Merkel wie Trittin, wie unterschiedlich sie Nachteile von Jungen und Mädchen bzw. Frauen interpretieren. Während sie Nachteile für Mädchen und Frauen selbstverständlich auf Diskriminierungen zurückführen, sehen sie für Nachteile von Jungen die Verantwortung allein bei diesen selbst. Kein Grund zum Engreifen.

Donnerstag, 21. November 2013

Zombie-Feminismus, Antisexismus und Demokratie

„Es gibt nur einen Feminismus“, sagt die Grüne Renate Künast.  „Zu keinem Zeitpunkt gab es nur einen Feminismus wie die in Stein gemeißelte Lehrmeinung, sondern seit den Anfängen standen stets mehrere Konzepte nebeneinander“, sagt die grüne Böll-Stiftung. Wer das wiederum für einen Widerspruch hält, kennt sich nur mit dem Thema nicht richtig aus.
Wer sich aber mit dem Thema nicht richtig auskennt, wird möglicherweise schnell verwirrt von den ganz unterschiedlichen Feminismen, die ja doch alle irgendwie zusammengehören oder irgendwie auch nicht – und die auch in den Argumentationen von Männerrechtlern eine große Rolle spielen.

Problematisch ist dann aus männerrechtlicher Perspektive nicht etwa der liberale Feminismus, sondern der Radikalfeminismus, oder, in Kategorien der kritischen amerikanischen Feministin Christina Hoff Sommers, nicht der Equity-Feminismus, sondern der Gender-Feminismus. Es ist lohnend, sich mit diesen Begriffen auseinanderzusetzen – auch wenn das schließlich zu der Vermutung führt, dass sie eigentlich nicht sinnvoll sind.

Freitag, 15. November 2013

Wie man aus Jungen Ritter bastelt (und nebenbei Sadismus fördert) - Zur Politik der häuslichen Gewalt

„Wir hatten eine Küche im klassischen Siebziger Jahre Stil, Avocado-Grün. Überall war Blut, auf dem Boden, dem Kühlschrank, dem Telefon, der Ladentheke. Rot auf grün ergibt schwarz. Ich war sieben Jahre alt. Ich sah ihnen zu, wie sie meinen Papa hinten in den Krankenwagen schoben. Die Nachbarn, in Morgenmänteln und Pyjamas, standen um den Wohnblock herum. 
Mein Papa hatte spät in der Nacht noch gearbeitet (um einige Rechnungen nachzutragen) und bei seiner Rückkehr aus Versehen meine Mutter aufgeweckt. Ein Streit folgte und in einem Wutanfall nahm sie eine 25-Kaliber-Pistole aus der Kasse, die er auf der Ladentheke aufgebaut hatte, und schoß auf ihn. Mein älterer Bruder rannte zum Haus der Nachbarn und sorgte dafür, dass sie Hilfe holten.“ (1)
Höhö. Male Tears – ihr wisst schon? >;-) / Favorite drink, you ask? Maletears, on the rocks. / Frisch abgefüllt: White male tears. Twitter-Kommentare zu Leiderfahrungen von Jungen und Männern
Noch irrwitziger als dieser Mordversuch seiner Mutter an seinem Vater, von dem „David“ in der Serie „In His Own Words“ berichtet, ist die Reaktion des Opfers: Weil die Mutter ihn dringend darum bittet, lügt der Vater gegenüber der Polizei und sagt aus, dass sich der Schuss von allein gelöst habe, als ihm die Pistole hingefallen sei. 
„Innerhalb von drei Wochen, nachdem er fast in seinem eigenen Haus verblutet wäre, hatte er keine andere Wahl mehr als das zu tun, was er am besten konnte – zurück zur Arbeit zu gehen. Wir gingen zurück zur Schule, und von uns wurden gute Zeugnisse erwartet.“ (2)
Nicht nur funktioniert der Vater wie von ihm erwartet weiter, dieselbe Erwartung vererbt er auch an die Söhne. Warum aber sollte er „keine andere Wahl” gehabt haben?

Sonntag, 10. November 2013

Der Staat als Gewalttäter - Wie staatliche Institutionen bei häuslicher Gewalt mitmischen

Das amerikanische Justizministerium begeht den Monat Oktober als Monat zur Aufklärung über häusliche Gewalt („Domestic Violence Awareness Month“)  – in Zusammenarbeit mit dem „Office on Violence Against Women“. Gegen die damit nahegelegte Konzentration auf männliche Täter und weibliche Opfer hat die amerikanische Psychologin Tara Palmatier, die auf die Beratung von Männern gewalttätiger (Ex-)Partnerinnen spezialisiert ist, einen Monat der Aufklärung häuslicher Gewalt gegen Männer und Jungen initiiert – gemeinsam mit einer Hotline für männliche und weibliche Opfer häuslicher Gewalt und mit der männerrechtlichen Webseite „A Voice for Men“.
An jedem Oktobertag dieses Jahres veröffentlichte sie daher in ihrem eigenen Blog  und bei AVfM einen Bericht eines Mannes, der Gewalt durch eine Partnerin erlebt hat: „In his own words“. Einunddreißig Geschichten von Männern, die Gewalt durch die Partnerin erleben.

Ein Geschichte von einem Mann beispielweise, dem seine Partnerin mit einer Pistole in den Bauch schießt, der sie bei der Polizei deckt und der drei Wochen später schon wieder arbeiten geht, um seine Familie zu ernähren.
 
Eine Geschichte von einem Mann, dessen Frau unzählige Pferde, Ziegen, Hühner, Hunde, Katzen und andere Tiere im Haus und angrenzenden Stall hält, und der es hinnimmt, dass sie dafür die Familie finanziell ruiniert, er sich schwerkrank nicht einmal Medikamente kaufen kann und wiederholt von ihr geschlagen wird. 
 
Eine Geschichte von einem Vater und Lehrer, der schlüssige Beweise dafür liefern kann, dass seine Frau ihn misshandelt hat, für den sein Schulleiter, die stellvertretende Schulleitung, unzählige Kollegen, zwei Eheberater und viele andere aussagen, während bei der Frau erhebliche psychische Störungen diagnostiziert werden – und der trotzdem erleben muss, wie das Sorgerecht für die gemeinsamen Kinder der Mutter zugesprochen wird. 
 
Eine Geschichte von einem Mann, der nach einem zwölfstündigen Arbeitstag bereitwillig die Hausarbeit übernimmt, während die Frau den Tag über durch verschiedene Internet-Partnerbörsen surft. 
 
Eine Geschichte von einem Mann, der von seiner Frau nachts immer wieder wegen nichtiger Gründe aus dem gemeinsamen Haus geworfen wird – auch wenn sie dann die drei Kinder im Alter zwischen einem und vier Jahren dort allein lässt, weil sie selbst trinken geht.

Diese und viele andere Geschichten erscheinen unglaublich. Natürlich geben sie die Realität aus einer bestimmten Perspektive wieder, der eines direkt Betroffenen, und aus anderer Perspektive würden manche Geschichte möglicherweise anders klingen. Gleichwohl gibt es auffällige Ähnlichkeiten zwischen ihnen, die über den Einzelfall hinaus aussagekräftig sind.

Das betrifft insbesondere die Geschichten, in denen Kinder direkt involviert sind.

Samstag, 9. November 2013

Sex, Geld und Nähe - und viele Kommentare

Der Artikel Sex, Geld und Nähe, oder: Was haben Feministinnen eigentlich gegen die Prostitution? ist sehr ausführlich kommentiert worden – so dass einige in meinen Augen sehr interessante und wichtige Beiträge leicht übersehen werden können, insbesondere, wenn sie erst in der unteren Hälfte des Kommentarstrangs auftauchen. Zumindest auf einige davon möchte ich hier aufmerksam machen – das strukturiert den langen Thread vielleicht so, dass auch andere Beiträge besser zur Geltung kommen können.
Der Kommentarstrang beginnt, noch leicht aufzufinden, mit Beiträgen von virtual-cd und Matthias, die evolutionspsychologische Aspekte des Themas stark machen und die Frage nach einer „Verschuldung“ (virtual-cd) von Männern gegenüber Frauen stellen.

Es folgen Überlegungen zu der Frage, inwieweit Männerrechtler, gerade in kritischer Absicht, eigentlich feministische Argumentationsmuster nachvollziehen sollten – und wie sich ein linker Maskulismus positionieren kann (hier stellvertretend ein Beitrag von crumar, weil er in meinen Augen viele Aspekte der Diskussion noch einmal bündelt).

„Männerrechtler müssen verstehen, daß Prostitution nur möglich ist, nachdem systematische Verletzungen der sexuellen Würde des Mannes Alltag geworden sind.“  Diesen Punkt macht Elmar Diederichs (jungsundmaedchen) in einem Beitrag und der darauffolgenden Diskussion stark.

Ausgehend von der Frage, inwieweit brachiale Ausdrucksweise eigentlich einen Platz in der Geschlechterdebatte haben sollte, entwickelte sich eine knappe, aber in meinen Augen sehr interessante und wichtige Diskussion darüber, wie stark der Sprachgebrauch in solchen Debatten eigentlich durch den sozialen Status der Beteiligten bestimmt ist – und welches Ziel Diskussionen in einem Blog wie diesem eigentlich verfolgen können.

Schließlich schreibt Thomas aus einer Freierperspektive sehr sachlich und detailliert über seine Motive, zu Prostituierten zu gehen.  Eine sehr klare Position, die einem Freier- (und allgemeiner: Männer-)Bashing wie dem gerade auf Genderama beschriebenen eine differenzierte Perspektive gegenüberstellt.

Natürlich deckt das nicht alle interessanten Kommentare ab – es folgt beispielsweise noch eine kurze Diskussion, die klarstellt, dass es bei der von Schwarzer und anderen begonnenen Kampagne nicht um die „Abschaffung“, auch nicht um das Verbot der Prostitution, sondern allein um die Bestrafung der Freier ginge. Die folgende Frage, welche Möglichkeiten Männer eigentlich hätten, auf das skizzierte Männer-Bashing" zu reagieren, ist schon ein Ausblick auf weitere Debatten.

Die hier verlinkten Kommentare helfen vielleicht, in der Diskussion nicht den Überblick zu verlieren und lohnende Beiträge nicht zu übersehen.

Montag, 4. November 2013

Sex, Geld und Nähe, oder: Was haben Feministinnen eigentlich gegen die Prostitution?

Er möge
„dieses Thema, das nicht zu den zentralsten Anliegen der Männerrechtsbewegung gehört, nicht überstrapazieren, und auch wohlverdientes Alice-Schwarzer-Bashing ist auf Dauer nur begrenzt unterhaltsam.“
Das schreibt Arne Hoffmann auf Genderama zur Kritik an Schwarzers Appell, die Prostitution „abzuschaffen“. Das ist offensichtlich – die Forderung eines freien Zugangs zu Prostituierten als zentrales Anliegen einer politischen Bewegung zu verankern, würde das Urteil eines amerikanischen Journalisten bestätigen, die Männerrechtsbewegung habe bei weitem die schlechtesten politischen Instinkte aller Bürgerrechtsgruppen, denen er je begegnet sei („the single worst political instincts of any civil rights groups I have ever encountered“).

Dennoch berührt der Appell von Schwarzer und ihren Unterzeichnern (Senta Berger, Margot Käßmann, Wolfgang Niedecken und viele andere) Themen, die sehr wohl zentral für die Männerbewegung sind: die Frage nach der Bedeutung von Sexualität, die allgemeine Unterstellung an Männer, gewalttätig zu sein – und die Tatsache, dass Männer für Frauen bezahlen.
Dabei lassen sich die kritischen Aspekte des Appells recht schnell erledigen.

Mittwoch, 30. Oktober 2013

Frau Schrupp hat nichts gegen Fremde

Frau Schrupp hat nichts gegen Fremde. Sie würde eigentlich sogar gern freundlich zu Fremden sein, aber das ist leider nicht möglich, was auch Frau Schrupp „eigentlich schade“ findet.
„Ich bin ein viel unfreundlicherer Mensch als ich sein könnte, vor allem im öffentlichen Raum, dort, wo ich niemanden kenne.“
Frau Schrupp erzählt selbst, wodurch sie so unfreundlich wurde:
„Es war beim Rumknutschen mit einem der Fremden, mit dem ich befreundet war, ich glaube, ich war ungefähr 14 oder so. Wir küssten und streichelten uns, aber an einem gewissen Punkt wollte ich nicht weitermachen. Dieser Fremde, ein sehr netter Mensch übrigens, reagierte ärgerlich und sagte mir, dass ich so etwas nicht machen könne: erst aufgeilen und dann doch nicht zum Ende kommen.
Ich erinnere mich noch daran, dass mich das damals sehr schockierte, weil ich bis dahin ganz selbstverständlich (in einer von der Überfremdung offenbar noch ungestörten Naivität) davon ausgegangen war, dass Sex zu wirklich jedem Zeitpunkt des Verfahrens von allen Beteiligten einseitig beendet werden kann.“
Ich verstand Frau Schrupps Erzählungen zuerst nicht, denn schließlich, so dachte ich, hatte sie den Sex doch offenbar tatsächlich einseitig beenden können. In meiner Gutmütigkeit, die mir allerdings schon in manch anderer Situation einen ungünstigen Weg gewiesen hat, glaubte ich zudem zu wissen, dass der Ärger des fremden Jungen doch zwar unhöflich, aber nicht völlig unverständlich sei. 
„Nicht jeder Fremde, so warnte er mich, würde in einer entsprechenden Situation ohne weiteres von mir ‚ablassen‘.“
Dies allerdings ist nicht nett, denn immerhin versucht der Junge hier, sich selbst in ein gutes Licht zu setzen, indem er der jungen Frau Schrupp andere Fremde als Gewalttäter ausmalt – doch auch hier verstand ich nicht, warum die ältere Frau Schrupp das noch heute allen Fremden vorwirft, anstatt sie, innerlich zwar, aber doch entschieden einschreitend, gegen die Anklage des jungen Fremden in Schutz zu nehmen.

An dieser Stelle muss ich ein Geständnis einflechten, mit dem ich eigentlich den ganzen Text schlechterdings hätte beginnen müssen, so dass dieses Geständnis nun weit verspätet kommt und fast gar nichts mehr wert sein kann, zumal es gewiss eine schwache Ausrede ist, dass ich nicht wusste, wo ich es vorher hätte einfügen können:

Samstag, 26. Oktober 2013

Vom Privileg, sich opfern zu dürfen (und weitere seltsame Geschichten des "disposable male")

Die hier besprochenen Filme Elysium und Gravity haben mindestens eine interessante Gemeinsamkeit: In beiden Filmen opfert sich ein männlicher Held, das eine Mal für das Überleben einer Frau (Gravity), das andere Mal für eine geliebte Frau und deren Tochter, aber der Einfachheit halber auch gleich für alle anderen (Elysium). In den Diskussionen der Kommentarstränge war dieses Motiv des männlichen Opfers immer wieder Thema, verbunden mit einer vorsichtigen Hoffnung:
„Aber vielleicht wirkt ja das Gift der Aufklaerung beim naechsten Mal, beim naechsten Film, wo sich ein Mann opfert (ich bin zuversichtlich, dass es noch ein paar geben wird), vielleicht erinnert man sich dann, und faengt an zu zweifeln.“ (Oliver K.)
Dabei waren sich die Kommentatoren über die Bedeutung des Opfers keineswegs einig. Luc macht im Bezug auf Gravity deutlich, das Selbst-Opfer des Mannes bedeute hier keineswegs, dass er von der Frau als verfügbar (disposable male) betrachtet werde: Bullocks Stone werde nicht „als eine Figur porträtiert, die Clooneys Figur als Verfügungsmasse sieht“. Dass ein Mensch sich freien Stückes in einer Extremsituation für das Überleben eines oder mehrerer anderer opfere, sei durchaus anerkennenswert – fraglich sei jedoch die Einschätzung dieses Opfers:
„Wie kann es überhaupt dazu kommen, dass das nicht mehr sofort als bewundernswert, als durchweg positiv wahrgenommen wird?“
 Problematisch sei nicht die Opferbereitschaft von Männern wie den dargestellten, sondern die Tatsache,
„dass männliche Opferbereitschaft ausgenutzt wird, mittlerweile sogar institutionell per Gleichstellungsbüros und Frauenquoten.“
Das ist ganz im Einklang mit Darstellungen des Autors, der den Begriff „disposable male“ überhaupt bekannt gemacht hat. Warren Farrell fragt in seinem grundlegenden Text The Myth of Male Power, was wir denn eigentlich tun könnten, solange es noch keine Gleichberechtigung der Geschlechter gäbe, das männliche Opfer immer noch als selbstverständlich betrachtet werde und beispielsweise die Zahl getöteter männlicher Soldaten weiterhin um Vielfaches höher sei als die weiblicher? Seine Antwort: „We can express our appreciation.“ (The Myth of Male Power, S. 162)

In anderen Kommentaren wurde das Problem des männlichen Opfers allerdings anders beschrieben.

Montag, 21. Oktober 2013

Wie Nicole von Horst einmal erklärte, warum Feminismus auch für Männer gut ist

Als der Rechtsanwalt Markus Kompa vor wenigen Tagen einen kritischen Artikel zur Berichterstattung der feministischen Journalistin Hannah Beitzer über die Piratenpartei veröffentlichte,  erlebte er einen erheblichen „Shitstorm“, in dem ihm vorgehalten wurde, er hätte einen „antifeministischen Text“ geschrieben – und bei dem er positiv lediglich anmerkte, dass ihm „offenbar nur eine Person den Tod wünschte“.  All dies, obwohl Kompa – so kommentierte Arne Hoffmann„sich eher für als gegen eine Frauenquote aussprach und sich über ‚Maskulinisten‘ sehr abfällig äußerte.“  Kompa selbst stellt ausdrücklich klar:
„Ich habe nichts gegen intelligenten Feminismus. Im Gegenteil. Bei der Piratinnenkon hat Nicole von Horst eine entwaffnend starke Keynote gehalten, und ich hätte mir gewünscht, dass es den TeilnehmerInnen gelungen wäre, das Niveau zu halten.“
Nun ist über die Piratinnenkon im März dieses Jahres schon genug geschrieben worden, und die politische Leiche der Piratenpartei möchte ich auch nicht ein weiteres Mal begutachten. Der Hinweis auf die „Keynote“, die Grundsatzrede von Horsts zur Konferenz aber hat mich neugierig gemacht. Schließlich hatte ich mich gerade mit der einflussreichen französischen Feministin Élisabeth Badinter beschäftigt und fand diese Auseinandersetzung sehr lohnend.
 
Wenn also Nicole von Horst, die für ihre Aufschrei-Beteiligung bekanntlich einen Grimme Online Award erhalten hat, bei einer schlagzeilenträchtigen Konferenz einer damals noch halbwegs hoffnungsvollen Partei eine intelligente, entwaffnend starke Rede gehalten hat, dann – so dachte ich – lohnt sich vielleicht auch die Beschäftigung damit.
Tatsächlich verstehe ich, nachdem ich die Rede nun gehört habe, nicht, wie Kompa zu seinem Urteil gekommen ist. Es erscheint mir regelrecht gönnerhaft, als ob es eine unerhörte, staunenswerte Leistung wäre, wenn eine erwachsene Frau eine Viertelstunde lang etwas von einem Blatt abliest und dabei nicht mehr als zwei Mal „Kacke" verwendet. Die Rede ist ein Musterbeispiel für eine feministische Position, die nicht intelligent, sondern ressentimentgeladen ist, die nicht stark argumentiert, sondern ihre Schwächen kaschiert, und mit der ein Dialog vollkommen sinnlos ist.
 
Warum er aber sinnlos ist – das ist interessant. Ein Schluss der Auseinandersetzung mit dem Text Badinters war, dass ein Dialog lohnend sein kann, wenn Frauen und Männer ihre Interessen in die gemeinsame Perspektive universeller Rechte stellen und wenn sie  nicht in Opferkonkurrenzen verharren. Von Horsts Rede ist ein regelrecht prototypisches Beispiel für eine Position, die beide Bedingungen missachtet – und als solches hat sie auch nach Monaten noch einen bleibenden Wert.

Mittwoch, 16. Oktober 2013

Gibt es einen Feminismus mit menschlichem Antlitz? - Élisabeth Badinters "Die Wiederentdeckung der Gleichheit"

Bei Alles Evolution wurden vor kurzer Zeit zwei sehr interessante Diskussionen geführt – eine zur Frage des Umgangs mit gemäßigten Feministinnen und eine zur Frage, wann feministische Positionen als Ideologie  und wann sie berechtigte Interessenvertretung zu verstehen sind.  Hat es also überhaupt irgend einen Sinn, den Dialog mit Feministinnen zu suchen oder feministische Positionen ernsthaft zu rezipieren – ist es sinnvoll, verschiedene Strömungen zu unterscheiden – oder ist es naiv, Feministinnen Dialogbereitschaft gegenüber nicht-feministischen oder kritischen Positionen zu unterstellen?

In der ersten dieser Diskussionen verweist Leszek in einem Kommentar auf verschiedene Feministinnen, die mit einem „misandrischen Radikal- und Gender-Feminismus“ wenig zu tun hätten: auf die anarchistische Feministin Wendy McElroy, die Equity-Feministin Christina Hoff Sommers – und auf die bedeutende französische Feministin Élisabeth Badinter.
„Der liberale Feminismus einer Elisabeth Badinter, die ein ganzes Buch zur Kritik der Männerfeindlichkeit im radikalen Feminismus geschrieben hat, ist etwas ganz anderes als der misandrische Radikalfeminismus einer Dworkin, Daly, Solanas etc.“

Als „die neue Simone de Beauvoir“ wird Badinter im Interview mit dem Tagesspiegel bezeichnet, und die französische Zeitschrift „Marianne“ nenne sie „Frankreichs einflussreichste Intellektuelle“. In der deutschen Emma wurde ihr letztes Buch „Der Konflikt – Die Frau und die Mutter“ (Le conflict, la femme et la mère) aus dem Jahr 2010 als „sehr kluges Buch“ und als Mittel gegen den „deutschen Mief“ gelobt, und auch in Badinters Einsatz gegen das „Kopftuch als Symbol“ ist Schwarzers Zeitschrift ganz auf ihrer Seite.  Trotzdem erklärt Badinter im Tagesspiegel-Interview, dass sie beständig „von Feministinnen attackiert“ werde.

Das Buch, von dem Leszek schreibt, ist wohl „Die Wiederentdeckung der Gleichheit“ aus dem Jahr 2003 (dt. 2004), dessen französischer Titel die kritische Auseinandersetzung mit dem Feminismus noch deutlicher macht: Fausse route, „Der falsche Weg“. Welchen falschen Weg also ist der Feminismus aus der Sicht der Feministin Élisabeth Badinter gegangen – und lohnt es sich für feminismuskritische Männer oder Frauen, sich mit diesem Buch auseinanderzusetzen?

Samstag, 12. Oktober 2013

Übermensch in Unterwäsche - Alfonso Cuaróns "Gravity"

Schon kurze Zeit nach seinem Start wird dieser Film als Kinoereignis des Jahres gehandelt. „Gravity“, mit Sandra Bullock und George Cloney, ist für Daniel Kothenschulte in der Welt „der betörendste Science-Fiction-Film seit langem“, gilt, so der Spiegel, bereits „kurz nach dem Start (…) als neuer Science-Fiction-Klassiker, bricht alle Kassenrekorde“, wird dort sogleich „zum neuen Kinoklassiker“ erklärt und als „zutiefst sinnliches Erlebnis“ gefeiert:
„Dieser Film reißt einem den Boden unter den Füßen weg“.
„‘Gravity‘ ist Kino der Zukunft“, verkündet gar Fritz Göttler in der Süddeutschen Zeitung.
Hier in den Kommentaren wurde der Film ein wenig anders bewertet:
„Sandra Bullock wir dort als die Superfrau dargestellt, die sich im Weltall rettet und alle Hindernisse meistert. Dieses Motiv der Superfrau tritt in sehr vielen neuen Hollywood-Produktionen auf, z.B. in Ridley Scotts 'Prometheus' oder in den Resident-Evil-Produktionen mit Milla Jovovich. Diese Filme vermitteln die Botschaft 'Frauen können es auch' oder 'Frauen können es noch besser'."
Männer hingegen seien, so ein späterer Kommentar,  
„in solchen Filmen nur dazu da, Frauen zuzuarbeiten, sich für Frauen zu opfern".
Was denn nun? Kino der Zukunft oder misandrisches Machwerk? Ist es überhaupt sinnvoll, Gravity im Hinblick auf die Darstellung von Weiblichkeit und Männlichkeit zu interpretieren, nur weil eine Frau und ein Mann fast die einzigen Akteure des gesamten Films sind? Wäre der Film beispielsweise ebenso möglich, wenn zwei Männer im Zentrum stünden?

Mittwoch, 9. Oktober 2013

Was Frauen wollen und Männer wollen sollen

Die von der  „Bild der Frau“ beim Allensbach-Institut in Auftrag gegebene Studie „Der Mann 2013: Arbeits- und Lebenswelten – Wunsch und Wirklichkeit“  beginnt im Vorwort mit einem skurril wirkenden Kommentar zwischen Wunsch und Wirklichkeit: 
„Und damit sind wir bei der großen guten Botschaft der Männer-Studie: Sein Respekt vor Frauen wächst! Das freut uns, nicht zuletzt, weil auch Frauenzeitschriften einen nicht ganz kleinen Anteil an dieser Entwicklung haben.“
So seltsam dieser Kommentar über die männerrespektsteigernde Wirkung von Frauenzeitschriften wirkt, so typisch ist er für die gesamte Tendenz der Studie: Männer erscheinen diffus als erziehungs- und veränderungsbedürftig, während der Anteil von Frauen an der Interaktion der Geschlechter auf überraschende Weise beschrieben wird.
 Das gilt ebenso für eine vergleichbare Studie, deren Ergebnisse kurz zuvor veröffentlicht worden waren: Die von der  „Brigitte“ beim Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und dessen Präsidentin, Jutta Allmendinger, in Auftrag gegebene „Frauen auf dem Sprung“-Studie „Lebensentwürfe heute. Wie junge Frauen und Männer in Deutschland leben wollen“.  Beide Studien wurden weithin massenmedial kommentiert, auch wenn die Diskussionen auf dem Blog Alles Evolution jeweils deutlich ergiebiger und ausführlicher waren. 

Es lohnt sich, einige Ergebnisse zu vergleichen.

Freitag, 4. Oktober 2013

Warum ein Messias uns auch nicht weiterhilft - Neil Blomkamps „Elysium“

Vom „smartesten und subversivsten Sommer-Blockbuster“ und vom „linksliberalsten Sommer-Blockbuster“ spricht Andreas Bocholte im Spiegel. Als gekonntes Action-Spektakel mit linkem politischem Anliegen beschreibt auch Dietmar Dath in der FAZ den Film, der wirke wie die
„paradoxe Erfindung eines hollywoodgeschulten sowjetischen Propagandafilms für heute oder die James-Cameron-Überarbeitung des ‚Bitterfelder Wegs‘ im Sozialistischen Realismus.“
Eine „115 Millionen Dollar schwere marxistische Polemik“ („a 115 million $ Marxist polemic“) sei der Film, über dessen Abspann eigentlich die „Internationale“ gespielt werden könnte, schreibt gar ein irischer Kritiker.
 
 
Tatsächlich ist Neil Blomkamps „Elysium“ unübersehbar eine politische Allegorie und spiegelt in seinem Szenario einer Zukunft in der Mitte des 22. Jahrhunderts heutige Zustände. Bocholte beendet seine Rezension ebenso euphorisch wie bitter:
„Viel zu selten sieht man zurzeit so leidenschaftlich inszeniertes Zukunftskino. Dabei, sagt Blomkamp, sei ‘Elysium’ gar keine Science-Fiction: ‘This is today. This is now.’"

Dienstag, 1. Oktober 2013

Sexuelle Gewalt durch die Mutter - Manfred Bielers "Still wie die Nacht"

Manfred Bielers Roman „Der Mädchenkrieg", die Geschichte einer deutschen Familie in Prag, war 1976 mehrfach preisgekrönt verfilmt worden, die Verfilmung „Das Kaninchen bin ich“ des gleichnamigen, in der DDR verbotenen Bieler-Romans aus dem Jahr 1965 durfte erst 1989 vorgeführt werden. Das umreißt auch schon wesentliche Lebensstationen des Autors: Manfred Bieler wurde 1934 in Zerbst geboren, war bis zu seinem Ausschluss Mitglied des Schriftstellerverbands der DDR, siedelte 1965 nach Prag über und ließ sich schließlich nach dem Einmarsch in die Tschechoslowakei in München nieder. 
Sein letzter großer literarischer Text erschien 1989, dreizehn Jahre vor seinem Tod, und ist auch heute noch tief irritierend: Still wie die Nacht. Memoiren eines Kindes. In diesem offenkundig autobiografischen Text erzählt Bieler aus den ersten sieben Jahren seines Lebens: vom Aufwachsen in einem Kleinbürgerhaushalt zwischen dem Vater, einem alkoholkranken Bauingenieur, der Mutter, in deren sexuelle Beziehungen mit vielen wechselnden Männern der Junge schon sehr früh hineingezogen wird, der Großmutter, die dem Jungen manchmal letzter Zufluchtsort ist und die ihn manchmal mit massiver Gewalt bedroht – und er erzählt auch vom sexuellen Missbrauch des Jungen durch die Mutter.