Freitag, 28. März 2014

Biertrinken mit Feministinnen - Kais Blogstöckchen

Das „Blogstöckchen", das Kai auf seinem Blog veröffentlicht hat, ist mittlerweile von Arne Hoffmann, von Christian Schmidt, von Elmar Diederichs, von Tom, Adrian, LoMi und Graublau beantwortet worden.
Edouard Manet: Im Café-Concert (1878) Quelle
Nachdem Erzählmirnix vor wenigen Monaten blockstöckchenwerfend Blogger nach ihrem Verhältnis zum Maskulismus gefragt hat, fragt Kai nun nach dem Verhältnis zum Feminismus. Ich hatte eine volle Woche und bin gerade sehr, sehr müde, aber antworten will ich natürlich, und die Müdigkeit macht die Antworten ja vielleicht auch besonders interessant....Viel Spaß!

Sonntag, 23. März 2014

„Lasst das mal den Papa machen“. Der „Stromberg“-Film ist sexistisch: Fragt sich nur, gegenüber wem

– Gastbeitrag von Johannes Meiners –
 
 
Johannes Meiners' Filmkritik über den Stromberg-Film und seine Großmannsucht" setzt sich auch mit Figuren einer Fernsehserie auseinander, die ich  früher während der ersten Staffeln einmal gern gesehen habe. Ich fand sie witzig, bin dann aber irgendwann ausgestiegen warum, weiß ich nicht einmal mehr. Doch auch angesichts der Sympathie für die Serie überzeugt mich die Kritik, die Johannes Meiners an dem Film übt. Viel Spaß dabei!  Lucas Schoppe
 
 
Bernd Stromberg ist zurück: Noch ein Mal – als Kinofilm. Die Büro-Satire spielt im (vermeintlichen) Alltag europäischer Durchschnittsbürger, in diesem Falle Versicherungsangestellter in Nordrhein-Westfalen. So viel vorweg: Ich teile die Ansicht des Schauspielers – und Hauptdarstellers – Christoph Maria Herbst, wonach „Stromberg“ auserzählt sei).
 
Die Finanzierungsprobleme rund um den Film konnten durch zahlende, am Ende alphabetisch entlang ihrer Vornamen aufgelistete, fast nur männliche Fans offenbar gelöst werden. Die Produktion hält gleichwohl einige Lacher bereit, die durchaus hörenswert sind. Ähnliches gilt für das Bildmaterial mit der ein oder anderen überraschenden Sentenz. Herbst selbst spielt neuerlich stark auf. Ohne ihn wäre die Satire wie der frühere Krimi „Derrick“ ohne Derrick – oder „Wetten, dass…“ ohne Thomas Gottschalk.

Der vorliegende Text ist keine „gewöhnliche“ Rezension eines aktuellen künstlerischen Ergusses. Nein, es geht um eine dezidiert maskulistische Filmkritik: Im Mittelpunkt steht die Darstellung des Geschlechterverhältnisses. Und daran gibt es aus dieser Sicht eine Menge zu deuteln. Die folgenden Zeilen erheben daher in alle Richtungen keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Ist Stromberg wirklich „sexistisch“? Laut Teaser der Werbung für den Film: JA.
Er reiße rassistische und sexistische Witze. Dass dies ein für weiße, heterosexuelle Männer geradezu konventionelles Verhalten ist, scheint im Teaser nicht mal einen erläuternden Halbsatz wert zu sein. So selbstverständlich wirkt die Annahme wohl aus Sicht derer, die sie formulierten.

Dem Autor dieser rezensierenden Zeilen zufolge lautet die Antwort ebenfalls: JA.

Freitag, 21. März 2014

Ein Mann zieht in den Frieden

„Wortschrank hat mit seinem Beitrag ‚Sorry, war scheiße‘ eine Lanze dafür gebrochen, dass man versucht möglichst vorurteilsfrei mit anderen Personen zu diskutieren und ihnen nicht von vorneherein Positionen zuzuordnen, die sie gar nicht vertreten“.
Nun gibt es bekanntlich kaum Menschen gibt, die offen stolz auf ihre Vorurteile sind und die damit prahlen, anderen gern Fantasiepositionen zu unterschieben. Also kann eigentlich niemand etwas gegen diesen Versuch haben, den hier Christian auf Alles Evolution beschreibt.

Abraxas (so der Name des Wortschrank-Inhabers bei Twitter) schreibt selbst in seinem Text:
„Jedenfalls bin ich leider vor etwas längerer Zeit Robin Urban aus genau so einem Vorurteil gegenüber Feministinnen mal auf den Schlips getreten (ich weiß noch nicht mal mehr, um was es ging aber ich habe mich beschissen genug benommen, dass sie mich blockte) und ich bereue das heute sehr.“
Dass Abraxas sich darum bemüht, einen Konflikt nicht zur Dauerfeindschaft werden zu lassen und das Verhältnis zu Robin zu befrieden, kann ja auf den ersten Blick niemanden stören, ist aber eigentlich auch eine persönliche Angelegenheit der Beteiligten. Allerdings hat er seine Entschuldigung ja nicht als private Mail an Robin verfasst, sondern als Blogtext veröffentlicht. Und was geschieht?
Eine US-amerikanische Briefmarke aus dem Jahre 1956
Der Text löst eine enorme Resonanz aus, etwas 200 Kommentare hat der Artikel in kurzer Zeit. Christians oben zitierter Artikel über Sachliches Argumentieren mit gemäßigten Maskulisten, der sich darauf bezieht, wird sogar in wenigen Tagen fast dreihundert Mal kommentiert. Die Internet-Feministin Onyx fragt ohne unnötige Scheu vor Pathos, ob wir hier einen neuen Anfang – A New Beginning? – erleben.

Vor allem aber sorgt der Text für heftige Kontroversen. Wolle Pelz, den Robin Urban in Kommentaren zu einem Comic-Artikel einmal öffentlich und kurzerhand mit Goebbels in ein Boot gesetzt hat, findet, dass Robin „die Maskutroll-Szene“ spaltet. Dass er Abraxas widerspricht, ist nicht unverständlich: Robins eigene Entschuldigung ihm gegenüber bestand damals aus einem kecken „Kannst ja (…) heulen gehen“.

In den Kommentaren im Wortschrank-Blog wiederum wird Robin nicht nur begrüßt, sondern auch böse angefeindet:
„Du bist doch nur frustriert, weil du keinen Mann für länger als eine Nacht findest.“
Kaum weniger roh sind Reaktionen auf solche Kommentare.
„Eigentlich muß ich froh sein, daß diese untervögelten Trolle meist in den dunklen Ecken des Internets bleiben.“ 
Innerhalb von sehr kurzer Zeit führt also Abraxas‘ zivile Geste der Entschuldigung zu einer virtuellen Klopperei, zu einem „Entschuldigungs-Gate". Menschen, die sich unbeleckt von geschlechterpolitischen Auseinandersetzungen zufällig in solche Diskussionen verirren, werden vermutlich irritiert beidrehen und sich vornehmen, in Zukunft besser aufzupassen und besser keine überflüssigen Gedanken auf solche Zusammenhänge mehr zu verschwenden.

Wie kann es aber sein, dass eine zivile Geste zu solchen Kontroversen führt?

Donnerstag, 13. März 2014

Wie Anne Wizorek und ihre Freunde einmal einen schlechten, schlechten Menschen aus mir machten

„Ich glaube einfach nicht mehr, dass die 'Kommunikation wollen'. Die wollen einfach nur, dass alles so ist und läuft, wie es ihnen gefällt."
Während wir so im Anschluss an den Text über die Neuköllner Apothekenverwüstung darüber diskutierten, ob der Kommunikationsstil des Lilifee-Feminismus überhaupt etwas mit Kommunikation im herkömmlichen Sinne zu tun habe, und während LoMi darüber – was mir natürlich eine Ehre ist – gar einen eigenen Artikel schrieb, hatte Anne Wizorek längst Fakten geschaffen.

Ihr Gruppen-Blog „kleinerdrei“ veröffentlichte in deutscher Übersetzung einen Text Julie Paganos, der sämtliche Zweifel hinsichtlich etwaiger Kommunikationsabsichten souverän beseitigt und der dabei zugleich ungezwungen und elegant einen Beitrag zur Lebenshilfe leisten kann: „Schlechte Verbündete – Das Quiz“ 
„Disclaimer: Als weißer heterosexueller Mann (WHM) kann ich bestenfalls ein Ally sein“,
hat ein Mann richtig erkannt. Und kleinerdrei erläutert:
„Speziell feministische Verbündete sind Einzelpersonen, die keine Frauen sind und Frauenrechte unterstützen sowie Feminismus und dessen Anliegen fördern.“
Das heißt, ein Verbündeter hat keine eigenen Interessen, unterstützt aber die Interessen anderer, macht dabei aber leider oft viel falsch.
Wie ich auf die Idee gekommen bin, zu diesem Text eine alte Anti-Kriegs-Karikatur von Boardman Robinson zu veröffentlichen, weiß ich selber nicht. Ich habe aber das Gefühl, dass ich mir dafür Minuspunkte geben sollte.
Ob ich als ein guter Verbündeter tauge, oder als schlechter, oder ob ich schlimmstenfalls gar keiner bin, habe ich im Selbstversuch anhand der präzisen Fragen des Ally-Quiz ermitteln können. Ich dokumentiere hier die Highlights meiner Befragung.

Dienstag, 11. März 2014

Wie man Grundrechte schützt, indem man eine Apotheke verwüstet

Anne Wizorek, #Aufschrei-Initiatorin, Grimme-Preis-Gewinnerin und gerade noch proppestolzer Gast bei Manuela Schwesig, war neulich einmal über Verletzungen von Grundrechten erbost.
 
Also schickte sie geistesgegenwärtig bei Twitter eine Nachricht weiter, die sie gerade zwei Minuten vorher erhalten hatte und die mit deutlicher Sympathie einen Farbanschlag auf eine Apotheke in Neukölln dokumentierte. Mit dem Satz
„Die Apotheke in meiner Straße ist gegen die Pille danach“
verlinkt die Nachricht ein Foto, mit dem kurzen Kommentar
„Mein Kiez antwortet“
ein zweites: eine Apotheke, deren Scheiben und Eingangsbereich über und über mit roter Farbe verschmutzt und zudem mit Plakaten zum „Frauenkampftag“ versehen sind.

Eine kleine Pille und sehr viel Drumherum. In Berlin wurde dafür gerade eine Apotheke verwüstet.
Einem Twitterer, der sich ahnungslos über den Beifall für die „Vandalen“ wundert, rückt Wizorek schnell den Kopf zurecht:
„sorry, aber: als jmd, der vermutlich noch nicht wegen sowas diskriminiert wurde, sag mir bitte nicht, was hier scheiße ist.“
Klappe halten, und zwar schnell. Aber: Was aber war eigentlich geschehen?

Der Apotheker der Undine-Apotheke in Berlin-Neukölln  ist ein gläubiger Katholik und hat im Eingangsbereich seiner Apotheke eine Nachricht aufgehängt.  Dort schreibt er, dass
„es beim Einsatz von Kontrazeptiven – trotz der meist beabsichtigten Verhinderung des Eisprungs – in einigen Fällen zu einer Befruchtung mit anschließender Verhinderung der Einnistung in die Gebärmutter kommt.“
Es geht offensichtlich um die sogenannte „Pille danach“, und da er die aus den angeführten Gründen nicht verkauft, sah sich der „Kiez“ – wer immer das hier sein mag – zur Gegenwehr gezwungen.

Eine kleine lokale Grausamkeit, die außer für die BZ vielleicht nur für die Beteiligten von Interesse wäre, wenn sich dabei nicht gleich mehrere sehr aufgeladene Themen kreuzen würden.

Donnerstag, 6. März 2014

Von Monstern und Papageien - Die EU-Studie zur Gewalt gegen Frauen

„Es sind erschreckende Einblicke in die Lebenswirklichkeit von Frauen in Europa.“ So beginnt Benjamin Knaack bei Spiegel-Online seinen Bericht über die EU-Studie Gewalt gegen Frauen: eine europaweite Erhebung“. Da das möglicherweise noch nicht deutlich genug war, schreibt er im Text weiter, dass die Studie „erschreckende Ergebnisse“ liefere und „einen detaillierten und erschreckenden Einblick in die Gewalterfahrungen von Frauen“ biete.
„Das enorme Ausmaß des Problems verdeutlicht, dass Gewalt gegen Frauen nicht nur wenige Frauen betrifft, sondern sich tagtäglich auf die gesamte Gesellschaft auswirkt",
zitiert er ohne unnötige journalistische Distanz den Verantwortlichen für die Studie, den Direktor der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) Morten Kjærum, der weiterhin klarstellt:
„Frauen sind nicht sicher auf den Straßen, am Arbeitsplatz und schlussendlich auch nicht zu Hause."

So illustriert die Tagesschau auf ihrer Webseite öffentlich-rechtlich ihren Bericht zur FRA-Studie. Ein Beispiel von vielen möglichen.
Alexander Roslin allerdings kommentiert solche und ähnliche Texte so:
„Keine kritischen Nachfragen, einfaches affirmatives Abnicken und Weiterverbreiten der Demagogie (…).“
Martin Domig schreibt:
„Ich habe diese und ähnliche Meldungen jetzt oft genug gehört um mich ernsthaft zu fragen was daran gelogen ist, und warum diese Lüge so oft wiederholt wird.“ 
Und auch Wolle Pelz wirkt nicht angemessen erschrocken:
„Studien zur Gewalt gegen Frauen gibt es scheinbar jährlich. Gibt es solche Studien auch wegen männlichen Opfern von Gewalt?“
Was haben die bloß?

Dienstag, 4. März 2014

Mütterliche Väter, beschämte Jungen und ungedeckte Schecks (Monatsrückblick Februar 2014)

Der Februar war ein Monat der Selbstzerlegungen. Alice Schwarzers Steuerhinterziehungen hätten ihr möglicherweise weniger geschadet, wenn sie sich nicht nach deren Aufdeckung als Opfer politischer Verfolgung präsentiert hätte, das zur Sicherheit Geld in der Schweiz deponiert habe – und wenn sie sich nicht ihrerseits so ausdauernd aus öffentlichen Kassen bedient hätte. 

Die Piraten sind weiterhin intensiv und begeistert damit beschäftigt, sich selbst zu versenken. Anne Helms Femen-Pose des Danks für die Zerstörung Dresdens konnte beitragen zu einer Frage, die auf Alles Evolution diskutiert wurde: ob nämlich feministische Aktionen in ihrer Überzogenheit – dem Aufschrei-Hype, den Brust-statt-Hirn-Aktionen der Femen, den Professorinnen in Leipzig – zu Pyrrhussiegen und feministische Klischees schließlich als lächerlich präsentieren würden.

Wie im Fußball ist es allerdings wohl auch in der Geschlechterpolitik keine überzeugende Taktik, bloß auf Eigentore des Gegners zu warten – wenn nicht klare und bessere Alternativen erarbeitet werden, dann werden wohl auch betonfeministische Aktionen am Rande der Selbstdestruktion oder der Lächerlichkeit keine ernsthaften Folgen haben.
 
In diesem Monat erschienen dazu gleich zwei Bücher von Arne Hoffmann: Not am Mann, die schlankere und pointiertere Version seines Textes Plädoyer für eine linke Männerpolitik. Der Wunsch, eine linke Männerpolitik etablieren zu können, motiviert wohl auch Klaus Funkens Buch über den Niedergang der SPD in den vergangenen Jahrzehnten, Zum 150sten keine Festschrift, das in elektronischer Version und als Taschenbuch erschienen ist.
Ohne die massiven Veränderungen der Geschlechterrollen in den vergangenen Jahrzehnten würden wir jetzt vermutlich alle so zu Hause herumsitzen. (Quelle)
Die zweite männerrechtliche Blogparade, „Geschlechterrollen",  hat zudem aus den unterschiedlichen Perspektiven der Blogger ein stimmiges Gesamtbild zu einem der zentralen Themen von Geschlechterdebatten präsentiert. Es lohnt sich, in der Monatsrückschau auf dieses Gesamtbild zu konzentrieren – und auf die Frage, warum die erarbeiteten Positionen, auch wenn sie überzeugend sind, noch nicht ausreichen.

Samstag, 1. März 2014

Die Piraten entern sich selbst und spielen Schiffeversenken

Mein Vater war am Ende des Zweiten Weltkriegs ein kleines Kind. Seine Großmutter war mit ihm aus Schlesien geflohen, und im März 1945, nach vielen Stationen und vor vielen anderen, kamen beide auch nach Dresden.

Wären sie einen Monat vorher angekommen, dann hätten sie womöglich auch zu den Opfern des Bombenangriffs auf die Stadt gehört. Im März 1945 aber – das erzählte er uns viel später – war mein Vater beeindruckt von den vielen Trümmern, die sie sahen, als sie durch die zerstörte Stadt gingen. Er kann sich noch heute an seinen staunenden Unglauben erinnern, als seine Oma ihm erzählte, dass hier auch viele Kinder getötet worden seien – dass der Krieg sich auch direkt gegen Kinder richtet, konnte er, selber Kind, nicht begreifen.

Wenn heute eine Frau, die Berliner Bezirksverordnete für die Piratenpartie ist und auf Platz 5 der Lise für die Europawahl kandidiert,  ihre blanken Brüste in die Kamera hält, um dem Verantwortlichen für den Bombenangriff zu danken – dann ist das ist gleich auf ganz verschiedenen Ebenen eine verrückt schamlose Aktion. Ob denn wohl auf die Frauen mit nackten Brüsten bald Männer mit entblößten Penissen folgen würden, fragt ein Kommentator unter einem der wohl besten Artikel zu dieser Aktion. Ich finde es durchaus schmerzhaft, mich in dieses Szenario hineinzuversetzen. 
Ein Kommentar der PARTEI zu Anne Helms Dank für die Luftangriffe auf Dresden.
Dass Anne Helm ihre Femen-Aktion mittlerweile ungeschehen machen möchte, kann ich mir also gut vorstellen. Was ich mir nicht vorstellen kann, ist, warum sie nicht schon vorher mal auf die Idee gekommen war, dass ihr „Thanks Bomber Harris“-Spruch sich nicht in erster Linie gegen Nazis richtet, die das Gedenken an die Dresdner Opfer für ihre eigene Gewaltverliebtheit funktionalisieren, sondern gegen die zivilen Opfer.

Denn es ist ja keineswegs so, dass sie sich lediglich für die Befreiung von der Nazi-Herrschaft gedankt hätte. Wer den Krieg gegen Nazi-Deutschland richtet findet, kann trotzdem die Bombardierung Dresdens ablehnen. Wer Bomber Harris dankt, kann das nicht. Also geht es bei Helm natürlich nicht allein um Dank für die Befreiung vom Nationalsozialismus.

Noch interessanter finde ich die Frage, wie es möglich ist, dass eine vor noch nicht allzu langer Zeit sehr erfolgreiche politische Organisation, die Piraten-Partei, eine solch bekloppte Aktion ihrer Europa-Kandidatin Helm akzeptiert und verteidigt, ohne dass die Parteiverantwortlichen sich für diese Parteischädigung weiter interessieren würden.

Dienstag, 25. Februar 2014

Wie man durch Unfreiheit Freiheit schafft, rückwärts vorwärts fährt und dabei viel Kuchen bekommt

Ein Professor der Erziehungswissenschaften an der Berliner Humboldt-Universität hatte – darauf macht Crumar in einem Kommentar zum ersten Teil dieses Textes aufmerksam – in einer Vorlesung für Erstsemester einen entscheidenden Fehler gemacht: Er hatte nämlich, wie eine Studentin der Vorlesung berichtet,  unklugerweise „unter den Pflichttexten auch Autoren wie Platon, Kant und Rousseau" aufgenommen.

Das geht natürlich nicht, und so kam selbstverständlich unter dem hoffnungsvollen akademischen Nachwuchs der Bundeshauptstadt „die Frage auf, wieso wir denn Texte aus der Antike lesen sollten, also aus einer Zeit, in der Frauen unterdrückt und Menschen versklavt wurden". Da Frauen ja bekanntlich immer unterdrückt wurden, kann man eigentlich auch gleich fragen, warum man überhaupt Texte lesen sollte, und überhaupt, wieso ausgerechnet im Studium, aber in dieser gedanklicher Konsequenz gingen die Beteiligten nicht vor. Nicht ganz.

Die Frage danach, ob die Lektüre eigentlich legitim sei, wurde auch „im Zusammenhang mit Autoren wie z.B. Kant und Rousseau wiederholt gestellt" – schließlich ist deren Verhältnis zum Rassismus ja, gelinde gesagt, ungeklärt.
„Den Höhepunkt dieses Gefechts bildeten dann die Vorfälle in der letzten Vorlesung. Die kleine Gruppe Studierender, die zuvor Fragen gestellt hatte, rekrutierte, wie es aussah, einige ihrer Kommilitonen der Gender-Studies, die dann ironischerweise lautstark applaudierten und jubelten, sobald der Professor anfing zu reden. Diese letzte Vorlesung war für die meisten Studierenden ungemein wichtig, da auf Verständnisfragen bezüglich der klausurrelevanten Themen eingegangen werden sollte. Dies war nun nicht möglich. Der Professor versuchte in dem Chaos auch eine Annäherung, ging zu den Beteiligten, die in den Bänken saßen und versuchte ein Gespräch. Parolen wurden gerufen, er wurde ignoriert."
Was soll das? Woher kommt – und zwar nicht auch, sondern ausgerechnet im akademischen Bereich – die Lust an Freund-Feind-Strukturen, mit denen Abwertungen im Rundumschlag verteilt werden und einer als korrupt wahrgenommenen Welt schnurstracks der Glaube an die eigene Lauterkeit entgegengehalten wird, die sich ganz gewiss, und ohne Kompromisse machen zu müssen, schließlich gegen die verderbte Welt behaupten kann?
Der evolutionäre Sinn der Freude an der Rückentwicklung ist noch nicht vollständig geklärt (Quelle)
Der erste Teil dieses Textes endete mit einer ganz ähnlichen Frage: Wer kann ein ernsthaftes Interesse daran haben, auf diese Weise begrenzte, aber reale Möglichkeiten der vernünftigen Gestaltung sozialer Interaktion zu ignorieren und sie durch die Illusion einer umfassenden und willkürlichen Handlungsmacht im Sinne abstrakter Ideale zu ersetzen?

Sonntag, 23. Februar 2014

Wie man die Biologie abschafft, die Evolution blockiert und nebenbei die ideale Gesellschaft baut

„Baden-Württemberg will Biologie-Unterricht abschaffen. Stuttgart in den Händen der Gender-Ideologen.“
So betitelte Mitte des Monats die Wirtschaftswoche  einen Artikel über die grün-rote Bildungsplanreform. „Denn die Biologie ist ihnen ein Greuel“, begründet dessen Autor Ferdinand Knauß ohne Angst vor falschem Pathos die Pläne der Landesregierung.
Vermutlich wäre der Artikel für die Erregung von Empörung weniger geeignet gewesen, wenn Knauß zumindest nebenbei erwähnt hätte, dass die Landesregierung lediglich in den Schuljahren 5 und 6 das Fach „Naturphänomene und Technik“ einführen möchte, das sich „aus den Fächern Physik, Chemie, Biologie und Technik“ zusammensetzt.  Knauß hätte bei der Gelegenheit dann übrigens auch gleich erwähnen können, dass diese Zusammenlegung von naturwissenschaftlichen Fächern an Gesamtschulen schon seit Jahrzehnten üblich ist – es lässt sich darüber streiten, ob das sinnvoll ist, aber es ist gewiss keine Konsequenz der „Gender-Ideologie“.

Einerseits wird also in Baden-Württemberg das Fach Biologie keineswegs abgeschafft, andererseits hätte der Autor ebenso gut von einer Abschaffung des Fachs Chemie, oder Physik, oder Technik sprechen können. Diese Fächer allerdings hätten sich kaum als Alptraum der „Gender-Ideologen“ verkaufen lassen.
So belegt der Artikel vor allem ein erhebliches Misstrauen gegenüber der Landesregierung – und das Wissen darum, dass eine am Gender-Begriff orientierte Geschlechterpolitik, die Frau und Mann als „soziale Konstruktionen“ versteht, mit der Biologie ein ganz besonderes Problem hat.
Könnte also daher nicht die Biologie besonders geeignet sein, um einer Gender-Politik grundlegend und systematisch zu widersprechen? Über diese Frage gab es vor wenigen Wochen bei Alles Evolution eine lange, zu Teil auch harte und bittere Diskussion – angestoßen durch Elmar Diederichs, der in einem Artikel die Frage „Was können Biologisten?“ stellte, und der dann in der darauffolgenden Diskussion in seinem Blog und bei Alles Evolution darauf bestand, dass der Maskulismus keineswegs auf Biologie angewiesen sei. 
Ich kann diese interessante und zum Teil auch überraschend scharfe Diskussion hier natürlich nicht fortführen. Interessant aber ist für mich die Frage, warum die Biologie für Anhänger der Gender-Theorie eigentlich einen so großen Provokationswert hat – und welche politischen Konsequenzen sich daraus ergeben.

Sonntag, 16. Februar 2014

Zen oder die Kunst, über Männlichkeit zu schreiben

Einerseits erinnerte es mich selbstverständlich an den Film Und täglich grüßt das Murmeltier, wieder einmal dem Vorwurf zu begegnen, Männerrechtler würden sich am Feminismus abarbeiten, anstatt sich einfach einmal mit Männlichkeit zu beschäftigen.
„Einen Maskulismus zu erleben, der sich tatsächlich mal nur mit Maskulinität auseinander setzt, wäre ja so wahnsinnig erfrischend“,
schreibt Robin in ihrem Blog und wiederholt damit eine schon mehrmals diskutierte Position – über die auch bei Alles Evolution schon ausführlich debattiert wurde.
„Ich habe ja schon mehrmals kritisiert, dass sich der Maskulismus meiner Meinung nach zu sehr am Feminismus abarbeitet, statt sich mal um existentielle Fragen rund um Männlichkeit zu kümmern.“
Und was existentielle Fragen für sie sind, das können Männer natürlich nicht allein entscheiden.
„Klar: ‚Feminismus, Feminismus, Feminismus‘. Oder wahlweise auch: ‚Frauen, Frauen, Frauen‘. Und ich so: Meh, meh, meh.“
Das ist aber auch zu blöd: Da regen sich manche Männer ewig+3Tage darüber auf, dass sie aufgrund einer nunmal ungünstigen Geschlechtszugehörigkeit ihre Kinder nicht mehr sehen können, anstatt einfach einmal ungezwungen darüber zu debattieren, wie sie ihren „ersten Samenerguss erlebt“ haben.
 
Oder wie wär es mit einer Antwort auf diese Frage:
„Gibt es Dinge, die du dich nicht traust, gegenüber deiner Frau/Freundin/Sexualpartnerin anzusprechen?“
Genau – worüber ich mit meiner Partnerin nicht zu reden wage, das diskutiere ich natürlich gern, offen und ungezwungen im Internet.
Matthias Mala: Messerrasur
Andererseits aber habe ich etwa zur gleichen Zeit einen Text gelesen, den der Autor und Maler Matthias Mala, der auch bei man tau mitliest und kommentiert, auf seinem eigenen Blog veröffentlicht hat: „Zen und die Lust, ein Rasiermesser zu führen“.
 
Es geht darin um die traditionelle Gesichtsrasur, nicht um die der Beine, des Körpers, des Intimbereichs. Das natürlich ist klassisch männlich, eine routinierte Tätigkeit, regelmäßig wiederholt, in den Alltag eingebettet, zudem übersichtlich in verschiedene Schulen zu unterteilen: Jeden-Tag-Rasierer, Alle-paar-Tage-Rasierer, Bartstutzer, Wachsenlasser, quer dazu natürlich Trocken- und Nassrasierer, und unter diesem wiederum die Gruppe der Mutigsten und Spleenigsten, die Rasiermesserrasierer.

Der Text ist – gerade weil eine alltägliche, unspektakuläre, ganz und gar nicht auf Geschlechterpolitik bezogene private Alltagshandlung im Mittelpunkt steht – ein guter Anlass, um zu überlegen, was das Reden oder Schreiben über „Männlichkeit“ eigentlich so schwer macht, oder was es eben: ermöglicht.

Montag, 10. Februar 2014

Wie man böse Kerle zu netten Jungs umbaut - Progressive Mädchenpädagogik und die "Nice Guys Engine"

Der folgende Text ist ein Beitrag zur Blogparade des Monats Februar, die Geschlechterrollen zum Thema hat. Alle Ähnlichkeiten zu einer Satire sind unbeabsichtigt und ungewollt, aber unglücklicherweise unvermeidbar.
 
Ein Partnertest. Nicht etwa in der Bravo oder auf einer wenig vertrauenswürdigen Internet-Seite, sondern in einem wissenschaftlichen Angebot für Schulen, erstellt in Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Erfurt, Abteilung Sozialwesen, und weithin empfohlen für den Unterricht. Eine Vierzehnjährige überprüft damit gewissenhaft am Computer, ob eigentlich ihr Freund für sie geeignet ist.
 
„Du benimmst dich, wie du wirklich bist, wenn ihr zusammen seid“ klickt sie an, außerdem „Er akzeptiert deine Art zu leben, deine Kultur“ und „Er hört dir zu, wenn du was erzählst“. Was sie allerdings stört, ist, dass er manchmal Bier trinkt („Es sind Alkohol oder Drogen im Spiel“). Sie klickt auf die „Fertig, zum Ergebnis“-Schaltfläche, ein neues Fenster öffnet sich, und sie erfährt:
„Bei diesem Typ…bekommst du bald Schläge.“
Dieser Partnertest gehört zur „Nice Guys Engine“, der Nette-Jungs-Maschine, die seit 2006 als Internetangebot für Schulen verfügbar ist. „Spass oder Gewalt?“ ist die Internet-Plattform überschrieben, und das ist natürlich keine echte Frage – Kinder und Jugendliche sollen damit lernen, dass das, was Jungen als Spaß empfinden, tatsächlich oft Gewalt ist.
 
Papa macht's doch auch Ein Bild auf der Website Cristina Perinciolis, der Produzentin der Nice Guys Engine. Es entstammt Anita Heiligers Münchner Kampagne gegen Männergewalt und schlägt gleich drei Fliegen mit einer Klappe: Es zeigt, dass Jungen gewalttätig sind, es zeigt, dass Männer gewalttätig sind, und es zeigt, dass Väter für Jungen nicht gut sind. Dass es bei Jungen noch immer, wie seit eh und je, verpönt ist, Mädchen zu schlagen, konnte angesichts dieser wichtigen Vorteile leider nicht berücksichtigt werden.
 
Wer könnte etwas gegen ein Programm haben, das  Gewalt, und insbesondere sexueller Gewalt gegen Mädchen vorbeugt? Entsprechend wurde diese aufwendig gestaltete Plattform auch großzügig aus öffentlichen Geldern gefördert, von der „Stiftung Deutsche Jugendmarke e.V.“, die über Vorstand und Geschäftsführung an das Bundesfamilienministerium angebunden ist, und durch erhebliche Investitionen der Fachhochschule Erfurt, deren Professorin Cäcilia Rentmeister das Projekt geleitet und über viele Semester hinweg insgesamt über einhundert Studierende des Fachbereichs Sozialwesen am „Praxistransfer“ beschäftigt hat.
 
Natürlich wurde dieses Projekt auch mit einem Preis ausgestattet, schon 2007 mit dem Thüringer Frauenmedienpreis des Landesfrauenrats Thüringen e.V. und der Thüringer Landesmedienanstalt.

Für Jungen hält die Plattform übrigens keinen Partnertest bereit, dafür können sie sich damit beschäftigen, wann ihr Verhalten gegenüber Mädchen als Vergewaltigung zu werten ist. Das aber ist nur einer der vielen kleinen Unterschiede dieses Projekts.

Samstag, 8. Februar 2014

"Get away from me" - Gewalt gegen Männer (Gastbeitrag von Kai)

"Starre und leicht erkennbare Freund-Feind-Muster" und "Gewaltnähe" – das waren einige der Aspekte von Alice Schwarzers Politik, die in diesem Text beschreiben wurden. Das ist nicht nur ein theoretisches Problem. Wenn eine solche Politik erfolgreich ist und wirksam, dann kann sie natürlich für das Leben vieler Einzelner dramatische Folgen haben. Das lässt sich besonders bedrückend an Themen beschreiben, die in der Praxis oft miteinander verbunden sind: an der Ausgrenzung von Vätern und den doppelten Standards bei häuslicher Gewalt.
 
Natürlich ist diese Politik nicht Schwarzer allein zu verdanken, sie ist allerdings ihre erfolgreichste Repräsentantin in Deutschland. "Gewalt ist nie zu rechtfertigen - egal, von wem sie ausgeübt wird" so zitiert der nachfolgende Text die Leiterin des "Bundesverbands Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (bff)", Katja Grieger. Das wäre absolut richtig, wenn Grieger hier nicht – aber das fällt ihr offensichtlich gar nicht auf – ausschließlich die Gewalt von Männern meinen würde. Häusliche Gewalt von Männern zu verurteilen ist natürlich richtig – aber es ist falsch, häusliche Gewalt von Frauen zu ignorieren und herunterzuspielen.
 
Wie selbstverständlich auch in den USA beliebige Menschen Gewalt zwischen den Geschlechtern radikal unterschiedlich danach bewerten, ob ein Mann gegen eine Frau oder eine Frau gegen einen Mann gewalttätig ist, zeigt diese berühmte Sendung der amerikanischen abc-News.
 
 
Kai hat mir angeboten, einen Text zur Gewalt gegen Männer und ihrer Verbindung mit dem Vaterentzug zu veröffentlichen – vielen Dank dafür! Kai ist seit vielen Jahren in der Elternarbeit tätig und hat sich insbesondere mit der Situation ausgegrenzter Väter intensiv beschäftigt. In seinem Text fließen Erfahrungen aus dieser Arbeit und aus öffentlich zugängliche Quellen zusammen – so werden auch hier die persönlichen Konsequenzen einer auf Freund-Feind-Mustern aufbauenden Politik deutlich.
 
Vieles von dem, was Kai beschreibt, kenne ich übrigens auch persönlich. "Im Hintergrund hört man die Kinder schreien und weinen, was die Frau nicht im Geringsten dazu veranlasst, inne zu halten." Oder: "Es geht sogar so weit, dass man sie nicht mal an den Armen festhalten darf, um nicht geschlagen zu werden." Das habe ich so auch erlebt.
 
Als die Mutter unseres gemeinsamen Kindes mich im Beisein unseres noch ganz jungen Sohnes und ohne für mich nachvollziehbaren Anlass getreten und auf die Brust geschlagen hat, wusste ich zugleich, tatsächlich regelrecht instinktiv, dass ich sie auf gar keinen Fall auch nur zur Verhinderung weiterer Schläge an den Armen festhalten darf, weil mir das danach hätte zur Last gelegt werden können.
 
Gleichwohl ist niemals irgend jemand der später Beteiligten, mit Ausnahme von mir, auf die Idee gekommen, auch nur die Frage zu stellen, ob nicht unser Sohn möglicherweise bei mir besser aufgehoben wäre als bei ihr. Hätte ich mich aber damals gewehrt, dann hätte ich womöglich auf längere Sicht die Chance verloren, unseren Sohn zumindest wiederzusehen.
 
Ich kann also Kais Text nur nachdrücklich empfehlen! Lucas Schoppe

Donnerstag, 6. Februar 2014

Zerstörte Chancen - Esther Vilar begegnet den Wundern im Alice-Land

Nachdem nun das Ende der Dauerpräsenz Alice Schwarzers in den Medien bevorsteht, lohnt es sich, noch einmal einen Blick zurück zu werfen in die ferne Zeit, in der diese Präsenz begann.
 
1975 wurde der Vietnamkrieg beendet, starb der spanische Faschist Franco, wurden die Konditorei Coppenrath&Wiese und das Unternehmen Microsoft gegründet, David Beckham und Angelina Jolie geboren, Borussia Mönchengladbach wurde Deutscher Meister und gegen Twente Enschede UEFA-Pokalsieger, Spielbergs Der Weiße Hai wurde zum ersten Mal auf die Kinos losgelassen und Coppolas Der Pate II mit dem Oscar ausgezeichnet – und im deutschen Fernsehen lieferte sich Esther Vilar einen aufreibenden Schlagabtausch mit Alice Schwarzer. 
Alice Schwarzer bringt einige Notgroschen vor der politischen Verfolgung in Sicherheit.
Balthasar Esterbauer (1715): Schalldeckel der Kanzel in der Comburg - Die sieben Todsünden - Avaritia (Geiz, Habgier) (Quelle)
Beide waren vier Jahre zuvor schon allgemein bekannt geworden – Vilar mit dem provozierend-polemischen, aber seiner Zeit auch weit vorauseilenden Buch Der dressierte Mann, Schwarzer mit der Aktion Wir haben abgetrieben, bei der sich 374 Frauen in der Illustrierten Stern selbst der Abtreibung bezichtigten, um eine Reform des Paragraphen 218 zu erreichen. Dass die Selbstbezichtigung in vielen Fällen, auch in Schwarzers eigenem, unwahr war, spielte noch keine Rolle – wenn es einem guten Zweck dient, muss die Wahrheit sich eben ab und zu als flexibel erweisen.

Für diejenigen, die gern Körpersprache und soziale Manöver deuten, ist schon der Beginn der Sendung interessant – Schwarzer kommt zu spät, macht dafür seltsamerweise lauthals anderen Vorwürfe, wartet, bis Vilar sich einen Platz ausgesucht hat, verlangt dann diesen Platz für sich selbst und eröffnet schließlich unvermittelt das Gespräch mit einer gezielten Beleidigung:
„Das soll einige Leute geben, die glauben, dass das, was sie geschrieben haben, das sei also keine pure Dummheit oder so, das sei eine Satire.“ (1:09)
An dem, was dann geschieht, lässt sich wie an einem Kammerspiel zeigen, welche Entwicklung die deutschen Geschlechterdebatten in den Jahren darauf nahmen, welche Chancen sie ausgelassen haben – und welche Rolle Alice Schwarzer dabei spielte.

Sonntag, 2. Februar 2014

Familienfreundlicher Militarismus und andere mediale Verzückungen (Monatsrückblick Januar 2014)

Die Bundeswehr: familienfreundlicher! Jetzt mit noch mehr Auslandseinsätzen! Gern auch mit minderjährigen Soldaten!

Ob die neue Verteidigungsministerin sich irgendwann einmal Gedanken darüber gemacht hat, wie ihre verschiedenen Positionen miteinander vereinbar sind, spielte im vergangenen Monat keine Rolle. Wozu auch: Von der Leyen schaffte es zumindest, immer wieder allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Kritik daran wurde deutlich stärker in Blogs geäußert als in etablierten Medien. 
Sollte es hinter der medialen Wirklichkeit noch eine andere geben, die manchmal unvermittelt durchscheint? Und verwandelt jemand, der das glaubt, sich möglicherweise auf der Stelle in Maskuscheiße? Fragen des Monats Januar. (Quelle)
 
„Wer einen Hammer hat, für den ist jedes Problem ein Nagel. Und so war es nur konsequent, dass Feministin und Frauenquoten-Befürworterin Ursula von der Leyen als erste Amtshandlung in ihrer neuen Position als Verteidigungsministerin verkündet, die Bundeswehr nicht nur familienfreundlicher, sondern sogar zum attraktivsten Arbeitsgeber Deutschlands umzugestalten."
So zum Beispiel beginnt der Beitrag zur Bundesverteidigungsministerin im Wortschrank. Beim Spiegelfechter schreibt Jörg Wellbrog über den „Kriegsspaß für die ganze Familie“, den die Ministerin verspreche.
„Sie drängt den Krieg, die Toten, die Verletzten und seelisch Geschundenen in eine theoretische Ecke und will die Einsätze der Bundeswehr in den Alltag integrieren wie die Mittagspause bei Starbucks.  
Nichts davon wird sich umsetzen lassen. Ursula von der Leyen zeichnet ein Bild, das abstrakt bleiben wird.“
Ganz ähnlich Kai, der als „Frontberichterstatter“ eigentlich für „Neues von der Geschlechterfront“ zuständig ist:
„Das hier Soldaten mit posttraumatischen Belastungsstörungen in heimische Kasernen zurück kommen, das Menschen ihr Leben verlieren oder ihre körperliche Integrität, versucht von der Leyen durch Kitas und Teilzeit auszublenden und mit ihrem kühlen Lächeln zu überspielen.“
 Und:
„Adelige Frau aus der Oberschicht befehligt Soldaten aus der Unterschicht im Kriegseinsatz. Militär und Krieg war immer schon eine Domäne des Adels, nur dass diesmal eine Frau die Befehle gibt die Menschen über die Klinge springen lässt.“
Der Pelz-Blog bringt den Zusammenhang von demonstrativer Familienfreundlichkeit und einem Ende militärischer Zurückhaltung auf den Punkt:
„Während groß getrommelt wird, dass die Bundeswehr familienfreundlicher werden soll, werden Maßnahmen kriegerischer Natur eher bedeckt kommuniziert.“
Bettina Hammer wirft von der Leyen bei Telepolis ganz in diesem Sinne vor, ein geschöntes Bild der militörischen Wirklichkeit zu zeichnen:
„Wer diese Wirklichkeit ausblendet, aber zeitgleich von mehr ‚humanitären Einsätzen‘ in Ländern, in denen ‚Vergewaltigung und Mord an der Tagesordnung sind‘, redet, muss sich letzten Endes entweder Blindheit oder aber gezielte Desinformation vorhalten lassen.“
Dass die Unterstellung nicht hergeholt ist, die Ministerin verdecke mit routiniertem Familienministerinnen-Vokabular eine militaristische Politik, zeigen Beiträge vom Ende des Monats. Zugleich spielt hier eine zentrale Frage des zurückliegenden Monats eine Rolle: inwieweit nämlich Akteure in etablierten Medien überhaupt noch daran interessiert sind, zu demokratischen Auseinandersetzungen beizutragen, oder ob diese Funktion nicht, zumindest im Internet, mittlerweile viel besser von dezentraleren Medien erfüllt wird.