Montag, 16. Juni 2014

Wie Jungen zu Männern und Erwachsene zu Kindern werden - Richard Linklaters "Boyhood"

Über Richard Linklaters Film Boyhood schreibt Jochen Bordwehr in der taz:
„Das Leben eines Jungen interessiert Linklater, weil er wissen möchte, wie jemand ein Mann wird. Da dies nur in Gesellschaft möglich wird, sehen wir gleichzeitig, wie noch eine ganze Reihe anderer Menschen etwas wird: Die Zeit verändert alle.“
Das legt den Gedanken an einen klischeehaften Film nahe: Wir werden nicht als Mann geboren, wir werden dazu gemacht – wir werden dabei natürlich vom sozialen Umfeld geprägt – und mehr noch, nichts bleibt, wie es war, und die Zeiten ändern sich. Das aber täuscht. Der fast drei Stunden lange Film ist wesentlich differenzierter, ist zugleich unspektakulär und packend, und er führt tatsächlich vor, wie ein Junge zum Mann wird. Aber eigentlich geht es darum, wie Kinder erwachsen werden in einer Welt, in der die Eltern selbst nicht recht wissen, was dieses „Erwachsensein“ eigentlich ist.
 
 
Und: Es ist ein Film, der beiläufig und nachhaltig Zweifel daran wecken kann, ob Klischees gegenwärtiger geschlechter- und familienpolitischer Debatten eigentlich über ihre mediale Verwertung hinaus und für das Leben von Menschen eine ernstzunehmende Bedeutung haben.

Sonntag, 8. Juni 2014

Wozu männliche Monstren und friedliche Frauen gut sind - Margarete Mitscherlichs "Die friedfertige Frau"

Angenommen, eine psychisch kranke Frau würde in den USA vier Frauen und zwei Männer erschießen –
 
angenommen, sie würde Videobotschaften sowie ein langes Manuskript hinterlassen, in denen sie die mangelnde Aufmerksamkeit von Männern und die Unwürdigkeit anderer, bei Männern erfolgreicher  Frauen für ihre Taten verantwortlich macht –
 
und weiter angenommen, diese Verbrechen würden sogleich in wichtigen Massenmedien, aber auch in Blogs und sozialen Netzwerken von Männern weltweit erregt als Beispiel für ein typisches, allüberall verbreitetes unersättliches weibliches Anspruchsdenken („female entitlement“) gewertet –
 
und Widerspruch von Frauen gegen solche maßlosen Verallgemeinerungen würde sogleich als weiterer Beleg dieses bedingungslosen Anspruchsdenkens interpretiert werden  –
 
läge dann nicht die Frage nahe, wie um Himmels Willen Männer eigentlich auf die verrückte Idee kommen, für die Verbrechen einer Frau schlankweg alle anderen mitverantwortlich zu machen?
Friedfertigkeit und Weiblichkeit, ein wenig versteinert
Angenommen, ein Bundesministerium würde sechs Millionen Euro investieren, um eine Telefonhotline einzurichten, an die sich Menschen wenden können, wenn sie in persönlichen Beziehungen Gewalt erfahren –
 
weiter angenommen, diese Hotline würde sich ausschließlich an Männer richten, während Frauen allein als Täterinnen präsentiert würden –
 
würde dann nicht der verantwortliche Minister erhebliche Schwierigkeiten bekommen, anstatt sich und dieses Projekt auch noch feiern zu können?

Angenommen, die Grundrechtsagentur der EU würde eine europaweite Studie zu Gewalterfahrungen von Menschen beauftragen, in der seltsamerweise ausschließlich Männer zu ihren Gewalterfahrungen in Partnerschaften befragt werden –
 
eine Studie, die einen so weiten Gewaltbegriff verwendete, dass demnach fast jeder schon einmal Gewalt erfahren hat, und die zugleich unzählige Studien ignorierte, nach denen Gewalt in Partnerschaften annähernd gleichmäßig zwischen den Geschlechtern verteilt ist –
 
und würde dann verkündet werden, dass mindestens jeder dritte Mann in Europa Opfer von Frauengewalt ist –
 
würde sich dann die Agentur nicht augenblicklich für ihre sexistisch einseitige Interpretation der Grundrechte rechtfertigen müssen?

Wenn es so ist: Wie ist es dann möglich, dass andersherum klischeehafte Verknüpfungen von Männlichkeit und Gewalt und ein verbissenes Festhalten an der Idee weiblicher Gewaltlosigkeit völlig selbstverständlich verbreitet werden können?
 
Zur Beantwortung dieser Frage lohnt es sich, ein wenig Gegenwartsarchäologie zu betreiben und ein Buch neu zu lesen, das 1985 ein enormer Erfolg war, das noch im selben Jahr in der vierten Auflage erschien und angesichts dessen Kritiker noch heute von einem „epochalen Werk“ sprechen:

Die friedfertige Frau von Margarete Mitscherlich, die – so Jan Feddersen im Spiegel anlässlich ihres Todes 2012 – „eine Ikone der 68er und der Frauenbewegung“ war.

Montag, 2. Juni 2014

Ein Mörder und viele Leichenfledderer (Monatsrückblick Mai 2014)

Ein junger Mann, zweiundzwanzig Jahre alt, tötet in Santa Barbara vier Männer und zwei Frauen und verletzt mehrere weitere Menschen mit Schüssen, bevor er schließlich nach einem Schusswechsel mit der Polizei tot aufgefunden wird – offenbar hat er sich schließlich selbst erschossen.

Das Motiv des Mannes, Elliot Rodger, der offenbar unter Asperger litt: Er wütet, weil er noch nie mit einer Frau geschlafen hat, weil eine Frau ihn offenbar noch nie attraktiv fand, weil Frauen ihm andere Männer, die er als unwürdig empfindet, vorziehen – und das, obwohl er aus einer reichen, erfolgreichen Familie stammt, teure Autos fährt und ein eine eure Sonnenbrille besitzt.
 
Mit diesem Bild macht die große britische Tageszeitung The Guardian einen Artikel über eine Mordserie an vier Männern und zwei Frauen auf. Quelle
Mediale Reaktionen  auf die Morde sind zu einem großen Teil ernüchternde, aber auch erschreckende Beispiele der öffentlichen Darstellung von Männern – Beispiele, zu denen es schließlich im Monat Mai auch, glücklicherweise, Gegenbeispiele gab.


Wie man Leichen schnell verwertet (bevor es andere tun) Elliot Rodger hat Phantasien des Massenmordes an Männern wie an Frauen öffentlich verbreitet: Frauen ekeln ihn an, weil sie ihn nicht erhören, andere Männer ekeln ihn an, weil Frauen sie und nicht ihn erwählen. Seine ersten Morde sind die an drei jungen Männern, die mit ihm zusammenwohnen. Gleichwohl beginnt die Grimme-Preis-nominierte feministischen Webseite kleinerdrei ihren Artikel zum Thema mit einer unbekümmert einseitigen Warnung:
[TW Gewalt an Frauen, Frauenhass].
Die Autorin Juliane Leopold, die sonst auch bei Zeit-Online schreibt, sieht offenbar keinen Grund zu der Befürchtung, dass für das Publikum von kleinerdrei auch Männerhass und Gewalt an Männern einen Schrecken besitzen könnten.

Ganz ähnlich empört sich die Bild-Zeitung schon in ihrer Überschrift über zwei getötete Frauen und erwähnt die vier getöteten Männer im Text immerhin nebenbei. „Frauenhass tötet“, behauptet Jessica Valenti im Guardian, einer der wichtigsten britischen Tageszeitungen, und schreibt, Rodger habe bei seiner Mordserie offenbar Vergeltung an den Frauen üben wollen, die ihn abgewiesen hatten („allegedly seeking 'retribution' against women whom he said sexually rejected him“).

Das Geschlecht seiner Opfer lässt Valenti sorgfältig unbestimmt – angesichts der Konsequenz, mit der sie „Frauenhass“ als Motiv angibt, muss aber natürlich der Eindruck entstehen, die Ermordeten seien durchweg Frauen gewesen.
 
Statt das klarzustellen, spekuliert sie dann doch lieber darüber, dass Rodger mit der Männerbewegung im Internet zu tun gehabt habe („was reportedly involved with the online men's rights movement“). Tatsächlich hat er offenbar in einem Forum Kommentare gepostet, in dem sich Männer sammelten, die vom Pick Up – kurz: einer mehr oder weniger kohärenten Sammlung von Hinweisen, wie Männer Frauen verführen können – enttäuscht waren.

Valenti wendet sich, wie übrigens auch die deutsche Bloggerin tofutastisch, entschieden dagegen, Rodgers Taten mit seiner psychischen Erkrankung in Zusammenhang zu bringen – das würde nur ihre Entstehung in der rape culture, der frauenhassenden, die Vergewaltigung legitimierenden Kultur verdecken, mit der allein die Taten erklärt werden könnten. Tofutastisch korrigiert ihre ursprüngliche Aussage, Rodger hätte sechs Frauen ermordet, immerhin so weit, die Berichte seien sich
„uneinig darüber, wie viele der Ermordeten männlich* und wie viele weiblich* waren“.
Dass der Täter doppelt so viele Männer wie Frauen ermordet hat, interessiert schließlich in Zeiten der Verflüssigung von Geschlechterrollen ohnehin nur am Rande. Zumindest, solange nicht nur Frauen die Opfer sind.

Einig immerhin sind sich Bloggerinnen und Journalistinnen darin, dass Rodger getragen worden sei von, so Leopold, einer
„Gruppe von Menschen und eine Mentalität, die den Wert von Frauen davon abhängig macht, wie nett sie zu Männern sind.“
Antje Schrupp greift bis weit ins Mittelalter zurück, um „die weibliche Pflicht zu lieben“ als eine Konstante unserer Kultur zu präsentieren. Valenti stellt fest, dass Rodger, wie den meisten jungen amerikanischen Männern, beigebracht worden sei, dass er einen Anspruch auf Sex und weibliches Begehren habe („Rodger, like most young American men, was taught that he was entitled to sex and female attention.“). Von wem aber wurde ihm das beigebracht?
 
Das macht Laurie Penny im New Statesman in einem Text klar, der sich in einem Wettbewerb um die unverhohlenste journalistische Hetze mühelos auch gegen die hier ja  keineswegs schüchtern-verdruckste Konkurrenz durchsetzen könnte.

Auch Penny läss das Geschlecht der Ermordeten offen, suggeriert aber wie Valenti, dass es Frauen seien – Rodger habe Rache üben wollen an
„all den ‘Schlampen‘, die ihn sexuell abgewiesen hatten“ („take revenge on all the “sluts” who had sexually rejected him”).
Ganz allgemein und nicht direkt auf den Fall bezogen sinniert sie später über Frauen und unglückliche männliche Zuschauer („women and unlucky male bystanders“), die durch Männergewalt ihr Leben verlieren würden.

Penny skizziert eine Welt, in der Männer sich um ein „Geburtsrecht auf einfach zu erlangende Macht“ betrogen fühlten ("the conviction that men have been denied a birthright of easy power") und in der Frauen Männern prinzipiell Sex und Anerkennung schuldeten – in der Vorstellungswelt von Männern wie Rodger nämlich.
 
Sie habe, so Penny als „Aktivistin im Bereich geistiger Gesundheit“, keine Zeit, die Sprache für emotionale Not als Enschuldigung für Greueltaten zu verwenden („But as a mental health activist, I have no time for the language of emotional distress being used to excuse an atrocity…“) – was, wenn auch verschwurbelter formuliert, einfach die Argumentationen aufgreift, die sich so auch bei Valenti oder tofutastsich finden. Tatsächlich seien Rodgers Taten natürlich nicht die eines Kranken gewesen, sondern Ausdruck einer extremistischen Kultur des Frauenhasses.

Wenn einer ihrer Leser, an die sie sich dann unvermittelt direkt wendet, die geschlechtsspezifische Gewalt gegen Frauen nicht angemessen wahrnehme, weil er Männer nicht pauschal als Gruppe für Verbrechen verantwortlich machen wolle, dann
„bis du Teil des Problems. Du hast vielleicht den Abzug nicht gezogen. Du hast vielleicht nie die Hand gegen eine Frau in deiner Umgebung gehoben. Aber du bist Teil des Problems.” (1)
Wer das nicht einsieht, sei also mitschuldig an den Verbrechen. Die Geschichte Rodgers präsentiert Penny als
Geschichte eines jungen Mannes, der kaum die Kindheit verlassen habe und schon verführt worden sei von einem verstörenden Kult des Frauenhasses. Elliot Rodger war ein Opfer – aber nicht aus den Gründen, die er selbst annahm.” (2)
Wer aber sind diese gewissenlosen Verführer? Der Massenmord in Santa Barbara sei der erste bestätigte Fall, in dem ein blutiges und abstoßendes Verbrechen direkt verbunden sei mit der Kultur der Männerrechtsbewegung und der Pick-Up Artists, einer Ideologie, die es auf verlorene, wütende junge Männer abgesehen habe und die nicht länger ignoriert werden dürfe. (3)

Angehörige dieser Gruppen präseniert Penny wie Schwerverbecher. Andere Männer müssen sich fragen:
Wer sind diese Leute? Wo leben sie? Und die unausgesprochene Angst: Kenne ich sie? Bin ich vielleicht schon einmal einigen von ihnen begegnet, habe ich mit ihnen etwas getrunken?“ (4)
Welche Belege aber bringt Penny eigentlich für die Anschuldigungen, dass Männerbewegung und PU-Artists Teil eines gemeinsamen Kultes seien, der den Zweck habe, Frauenhass zu verbreiten und der an den Verbrechen weitaus schuldiger sei als Rodger selbst?

Keine. Anschuldigungen wie diese sind offenbar selbstlegitimierend – selbst ein aus dem Zusammenhang gerissenes Zitat wäre für solche entmenschlichten Gegner offenbar noch zu schade.


Warum männliche Täter begehrt sind und männliche Opfer verschwinden Dabei gibt es ja durchaus Zitate von Männern, die sich in Elliot begeistert spiegeln – die in seiner Not ihre eigene entdecken und die ihn zu einem Helden der Unerhörten aufbauen. Allerdings haben solche Positionen eben wenig mit Männerrechten zu tun und wenig mit Pick Up (das legt Christian Schmidt auch bei Alles Evolution dar).
 
Dass sexuelles Angezogensein nicht eingeklagt werden könne, ist sogar ein verbreiteter PU-Grundsatz: Attraction is not a choice. Wenn ein Mensch nicht frei wählen kann, wann oder von wem oder wodurch er sexuell angezogen wird, dann hat es selbstverständlich auch keinen Sinn, ihm eine eine entsprechende moralische Pflicht aufzuerlegen.

Ohnehin ist im Fall Rodger die Rede vom male entitlement – vom männlichen Anspruchsdenken – krumm. Tatsächlich führt der Mörder ein extremes Anspruchsdenken vor – aber er begründet es eben nicht einfach darauf, ein Mann zu sein, sondern darauf, dass er besser sei als andere Männer, mehr habe, bessere Autos fahre und bessere Sonnenbrillen trage, der „erhabene Gentleman“ sei.
 
Es ist das Anspruchsdenken eines jungen Menschen aus den besten Kreisen, der in den eigenen Augen mehr ist als das Fußvolk, das ihn umgibt. Als Schutzpatron der ABs, der Erwachsenen ohne Sexual- und Beziehungserfahrung, eignet er sich ebenso wenig wie als Inbegriff des typischen Mannes.

Erkennbar ist bei Rodger allerdings eine ungeheure, bodenlose Bedürftigkeit nach weiblicher Bestätigung. Wer die Empfindung eines eigenen Werts so extrem von der Aufmerksamkeit und dem Begehren anderer abhängig macht, der wird es vermutlich tatsächlich als fair empfinden, zumindest genau wissen zu können, was er selbst dafür tun muss. Ob andere ihn begehren, ist ihnen in seinem gedanklichen Kosmos dann tatsächlich nicht mehr freigestellt – wenn er getan hat, was er solle, muss die Gegenleistung kommen.

Der völlig naheliegende Gedanke, dass bei Rodger Frauenhass UND Männerhass verknüpft sind mit einer enormen Unfähigkeit, frustrierende Erfahrungen zu verarbeiten, eignet sich allerdings kaum für politische Propaganda. Texte wie die von Penny, Valenti,  Leopold von kleinerdrei und anderen betreiben eine politische Leichenfledderei, die sich angesichts der propagandistisch günstigen Situation um Konsequenzen nicht weiter kümmert. Als ob die Leichen der Ermordeten nicht einmal kalt werden dürften, bevor sie für den guten Zweck verwertet werden.

Tatsächlich aber sind die Signale, die von der medialen Verarbeitung dieses Falles an Männer gesandt werden, katastrophal. Wenn ein Mann andere ermordet – dann wird er zum Zentrum allgemeiner Imaginationen, und Hunderte setzen sich intensiv damit auseinander, wie er zu seinen Taten motiviert wurde, phantasieren ihn gar – wie eine Facebook-Fanseite – als unverstandenen Helden.

Als Opfer aber sind Männer hier nichts wert. Wenn sie nicht gleich in Frauen verwandelt werden, weil weibliche Opfer in den Augen der Autorinnen ohnehin wichtiger sind, dann werden sie in Fußnoten oder in geschlechtsneutralen Formulierungen versteckt. Feministinnen, die doch angeblich auch für Männer gut sind, weil sie doch angeblich Männer wie Frauen vom patriarchalen Joch befreien – Feministinnen bestätigen diese kranken und reaktionären Muster eher noch entschlossener als andere.

Hier agieren sie wie Feuerwehrleute, die mit großer Geste, lauten Alarmsirenen und beständig auf ihre Wirkung bedacht zum Brandherd gefahren kommen – und dann laut schreiend und schimpfend beginnen, mit Benzin zu löschen.


Wer ist hier eigentlich der Backlash?
„Der Backlash ist real. Es steht eine Ideologie hinter ihm. Er bereitet Menschen Schmerzen. Manchmal tötet er. (“The backlash is real. There is ideology behind it. It hurts. Sometimes, it kills.”)
So klar macht Laurie Penny die politische Motivation hinter ihrem Artikel deutlich. Die Morde Elliots wurden in der medialen Verwertung der Leichen tatsächlich sogleich kampagnenfähig gemacht: Auch eine Kampagne gegen eine internationale, hochrangig besetzte Konferenz in Detroit zu spezifischen Problemen von Männern verwies auf Rodgers Taten und lancierte bei der günstigen Gelegenheit  Morddrohungen gegen Beteiligte an der Konferenz.
 
Was Penny als „Backlash“ bezeichnet, sind beispielweise Väter, die sich dagegen wehren, willkürlich von ihren Kindern getrennt zu werden. Oder Menschen, die auf die Gewalterfahrungen von Männern aufmerksam machen. Oder Menschen, die sich mit den spezifischen Problemen von Jungen in den Bildungsinstitutionen offen auseinandersetzen. Was das eigentlich mit den Morden in Santa Barabara zu tun hat, kann Penny auch nicht so genau erklären, es ist aber auch nicht so wichtig.

Auch Juliane Leopold von kleinerdrei beunruhigt es sehr, dass Männer immer offener über ihre Situation oder über die von Männern und Jungen reden. Sie vergleicht den Twitter-Hashtag yesallwoman, der anlässlich der Morde entstand und der Elliots Taten selbstverständlich als frauenfeindliche – und nicht etwa menschenfeindliche – Verbrechen wertet, erfreut mit dem deutschen Aufschrei. Wiederholt zitiert Leopold den Rat, dass Männer hier eigentlich nur zuhören und lernen könnten. „HÖRT einfach ZU und RESPEKTIERT.” Und haltet Eure Klappen.
 
Es ist in meinen Augen sehr schade, dass ein Blogger die Anschuldigungen an Männerrechtler, die auf die Morde folgten, zum Anlass genommen hat, sein Schreiben einzustellen.

 
Außerhalb der Internet-Aufgeregtheiten allerdings ist der Backlash manchmal ungestört in vollem Gange, zum Nutzen für alle Beteiligten. Die Zeit berichtete beispielsweise über eine Entwicklung an vielen Familiengerichten, Eltern stärker zur Verständigung zu drängen und die Eskalation von Konflikten nicht auch noch mit der Ausgrenzung des Vaters aus der gemeinsamen Sorge zu belohnen. Dabei gingen Richter
„pragmatisch vor und lassen sich immer weniger von traditionellen Familienbildern leiten. Die Zeit, da der Mutterbonus den Kampf ums Kind entschied, geht zu Ende“.
Das ist sicherlich idealisierend und regions- oder gar richterabhängig. Gleichwohl gibt es offenbar Ansätze einer echten Zivilisierung des Elternrechts, angesichts derer Artikel wie der von Gunnar Schupelius in der BZ irgendwann nur noch als das gesehen werden, was sie eh schon sind: als reaktionäre Hetzartikel, die längst aus der Zeit gefallen sind.

Zum Thema passt auch ein Artikel aus dem Magazin der Süddeutschen Zeitung vom 30. Mai, Wer hat Angst vor diesem Mann? Ein Bericht über die Schwierigkeiten von männlichen Kindergärtnern und den pauschalen Missbrauch-Verdächtigungen, denen sie ausgesetzt seien.
 
Natürlich: Dass ein solches pauschales Misstrauen nicht einfach so entstanden ist, dass es mindestens ebenso sehr auf Berichte über Missbrauchsfälle wie auf männerfeindliche Klischees zurückgeht, die in solchen Artikeln wie den oben zitierten zelebriert werden – das erwähnt der Autor Max Fellmann nicht. Er bestätigt aber auch nebenbei und in großer Selbstverständlichkeit, dass
„ganze Regale voll pädagogischer Fachliteratur (belegen), wie wichtig es ist, dass die frühkindliche Erziehung sowohl von Frauen als auch von Männern übernommen wird.“
Wenn er zudem feststellt, es ginge „letztlich um eine ganze Gesellschaft, die ein Problem hat“ – dann meint er in diesem Fall damit nicht Missbrauchsfälle, sondern den Pauschalverdacht gegenüber Männern.

Ganz milde gestimmt bedankte sich dann auch Nivea bei den Vätern.  Nachdem der Weihnachtswerbespot von Nivea die alleinerziehende Mutterschaft idealisiert hatte, in der Nachfolge zu einem Muttertagsspot, ist jetzt plötzlich irgendwoher ein Vater aufgetaucht. Es sei, so Nivea heute, von Beginn an geplant gewesen, „die Bindung des Kindes zu diversen Familienmitgliedern“  in verschiedenen Spots zu feiern, und nun seien eben die Väter an der Reihe. Warum Mutter und Oma zuvor nur in Abwesenheit des Vaters zu feiern waren, verrät Nivea nicht.

Der linkische Onkel, der statt des Vaters im Weihnachtsspot aufgetreten war, war übrigens für die polnische Version zum echten Vater geworden. Nivea dazu:
„Angesichts der ‚Groß-Familienstrukturen‘ in Polen erfolgte dann die Umdeutung des Onkels in den Vater.“
Wer könnte daran zweifeln: Schließlich hat der Onkel in Großfamilienstrukturen traditionell keinen Platz, während er bekanntlich in deutschen Kleinfamilien fast überall eine tragende Rolle spielt. Dass das Ideal der alleinerziehenden Mutterschaft in Polen schon aufgrund der deutlich geringeren Sozialleistungen wesentlich weniger Überzeugungskraft besitzt als in Deutschland, war dabei sicherlich unwichtig. Das gilt auch für die Einschätzung, dass die meisten Polen wahrscheinlich amüsiert-irritiert eine Werbung für recht verrückt gehalten hätten, die ihnen die Abwesenheit des Vaters als familiäres Ideal verkauft und ihnen nebenbei noch Hautcremes andrehen möchte.

Der „Danke Papa“-Spot  ist denn auch deutlich ironisierender als die Spots zuvor, der Vater erscheint in der Augen des Kindes als Meisterkoch, weil er Milch in Cornflakes schütten kann, und ist ansonsten die meiste Zeit damit beschäftigt zu schlafen – Kindessorge ist eben eine erhebliche Anforderung, wenn man ein Mann ist. Vermutlich gibt es keinen Vater, der einen solchen Spot braucht.
 
Gleichwohl ist auch dieser Spot in meinen Augen ein sehr gutes Zeichen: Er zeigt schließlich nicht nur, dass Proteste sich lohnen – sondern auch, dass öffentlich zelebrierte Männerfeindlichkeit in den Augen von Investoren mittlerweile mehr Nachteile als Vorteile hat.

Ich bin mir aber auch ganz sicher: Es lohnt sich nicht, darauf zu warten, dass diese Einsicht auch irgendwann einmal Betonschädel wie Juliane Leopold, Jenniver Valenti oder Laurie Penny erreicht.



Einige längere Zitate aus Pennys Artikel habe ich im Text direkt ins Deutsche übersetzt, hier sind die englischen Originale:
 
(1) (...) then you are part of the problem. You may not have pulled the trigger. You may not have raised your hand to a woman in your life. But you are part of the problem.

(2) (...) by a young man barely out of childhood himself who had been seduced into a disturbing cult of woman-hatred. Elliot Rodger was a victim - but not for the reasons he believed.
 
(3) (...) is the first confirmed incident of an incident of gross and bloody violence directly linked to the culture of ‘Men’s Rights’ activism and Pickup Artist (PUA) ideology, an ideology that preys on lost, angry men, then it cannot be ignored or dismissed any more.

(4) Who are these people? Where do they live? And the unspoken fear: do I know them? Might I have met some of them, drunk with them?



Dienstag, 27. Mai 2014

Warum Linke, Liberale und Konservative sich verständigen können (und Reaktionäre lieber über gegessenen Kuchen klagen)

In einem Kommentar bei Alles Evolution, der zu einem eigenen Beitrag wurde, beschreibt Leszek drei grundsätzliche Strömungen der Kritik am Feminismus: eine linke, eine liberale und eine konservative. Ich finde diese Beschreibung aus mehreren Gründen sehr sinnvoll.
 
Einerseits knüpft sie umstandslos an politische Ordnungsmuster an, die wir ohnehin schon verwenden.

Andererseits bietet sie aber auch die Chance, ein gemeinsames Feld zu beschreiben, auf dem Menschen ganz unterschiedlicher politischer Hintergründe einigermaßen sinnvoll miteinander in eine Diskussion kommen können. Ein solches Modell ist wesentlich sinnvoller als der Versuch, willkürlich Trennlinien zu ziehen oder zu dekretieren, wer „der Männerbewegung“ schade und wer ihr nütze. Gerade in den Diskussionen bei Alles Evolution ist es für mich oft sehr interessant gewesen, dass hier Teilnehmer ganz unterschiedlicher politischer Hintergründe miteinander diskutierten.
Dass gleichwohl mit Leszeks Modell auch Grenzen gezogen werden, ist trotzdem wichtig: Wer Frauen das Wahlrecht nehmen will, von der natürlichen Minderwertigkeit von Frauen redet oder Gewalt gegen Transsexuelle prima findet, hat in einer demokratischen und menschenrechtlich orientierten Bewegung natürlich keinen Platz. Gleichwohl lässt das Modell noch einen großen Raum für Unterschiede.

Allerdings kamen die Konservativen beim ausgewiesenen Linken Leszek vergleichsweise schlecht weg. Während Leszeks liberaler Männerrechtler radikal- und staatsfeministische Positionen als Gefahr für persönliche Freiheiten betrachtet und Leszeks linker Männerrechtler Gerechtigkeit für alle, also auch für Männer im Auge hat, hat der konservative Männerrechtler vorwiegend Angst: Für ihn sei der Feminismus
„Bedrohung für Werte, Normen und Institutionen zu sehen, die ihm Halt, Sicherheit und Orientierung vermitteln“.
Dass dieser Typus Männerrechtler so als ein etwas vorgestriges, aber auch etwas verängstigtes Hascherl präsentiert wird, kam bei konservativen Kommentatoren nicht sonderlich gut an, und sie empörten sich entsprechend prompt über eine „Ausgrenzung der Nichtlinken“ oder ein „Linkssektierertum“. Anstatt also einfach eine etwas positiver formulierte Definition des konservativen Männerrechtlers vorzulegen, zogen sie es vor, zur Sicherheit lieber erst einmal ein wenig zu schmollen.

Da die Konservativen auf diese Weise ihre eigene positive Beschreibung ungeschickterweise den Linken überlassen, habe ich mich also daran gemacht, auch Leszeks konservativen Männerrechtler auf eine Weise zu skizzieren, die zeigt, warum dieser Typus sehr wichtig sein kann.
 
Wo aber Grenzen sind, die ich nicht mehr akzeptabel finden kann, und was mir selbst als linker Männerrechtler wichtig ist, beschreibe ich dann gleich auch noch. Einfach nur, um zu zeigen, warum mit dem Modell einiges anzufangen ist...

Mittwoch, 21. Mai 2014

Paddeln im Sumpf der Väterfeindschaft

„Väter-Krieg zerstört das Leben der Kinder.“
Welcher Kinder? Aller Kinder! Zumindest der Kinder jedenfalls, deren Eltern sich getrennt haben.

Der Krieg, von dessen Front der Berliner BZ-Redakteur Gunnar Schupelius hier berichtet, ist nämlich nicht etwa einfach nur ein Krieg zwischen Vätern – und wirklich schlimm wird ein Krieg ja bekanntlich ohnehin erst, wenn auch Frauen und Kinder zu den Opfern zählen. Es ist ein Krieg, den die Väter gegen die Mütter und damit gegen ihre Töchter und Söhne führen.

Und wer ist Schuld? Der Europäische Menschenrechtsgerichtshof, und das Verfassungsgericht, und der deutsche Gesetzgeber. Denn:
„In nur einem Jahr hat das neue Sorgerecht eine Spur der Verwüstung durch die Seelen kleinster Kinder gezogen.“
 Und offensichtlich auch durch den Verstand größerer BZ-Redakteure.
Mit diesem Bild illustriert die BZ in gebotener Sachlichkeit ihren Text über den Krieg, den Väter gegen Kinderseelen führen. 
Natürlich enthält es auch ein Rätsel: Was denkt wohl das Kind im Vordergrund? a. Wie schön wäre es, wenn die Eltern einfach anfingen, vernünftig miteinander umzugehen? b. Wie schön wäre es, wenn dieser seltsame schlimme Mann im weißen Hemd endlich weg wäre?
Wer  sich wie Gunnar Schupelius in Kinderseelen auskennt, weiß natürlich, dass nur Antwort b. richtig sein kann. Quelle
Von dem Text in der Berliner Boulevardzeitung BZ berichtet  Gleichmass e.V. und bezeichnet ihn, was sehr wohlwollend und fair formuliert ist, als
„einen außerordentlich tendenziösen und damit voreingenommenen Artikel“.
Das ist auch deshalb interessant, weil Schupelius in unbekümmerter Haudrauflust eben die Argumente verwendet, die schon lange und routiniert von Lobbygruppen wie dem Verband der Alleinerziehenden VAMV oder Lobbyistinnen wie Anita Heiliger formuliert wurden.

Montag, 19. Mai 2014

Warum es sexuelle Gewalt gegen Männer nicht gibt (und sie außerdem auch halb so schlimm ist)

„Theon wurde nicht vergewaltigt.“
Das hat Robin hier zu Beginn des Monats zu meiner Behauptung geschrieben, dass in der Fernsehserie Game of Thrones die Vergewaltigung einer Frau als Medienskandal behandelt wurde, während die unendlich lange Folter, Demütigung und Vergewaltigung eines männlichen Protagonisten kaum der Rede wert sei.

Ich hab mir daraufhin noch einmal die über die gesamte Staffel verteilten Szenen der Folterung Theons angeschaut, weil ich wissen wollte, ob ich irgendetwas ganz falsch verstanden hatte. Ein solches Best-of-Folterszenen war natürlich eine eher schräge Erfahrung und hat eine Weile gedauert, aber zum Thema der sexuellen Gewalt gegen Männer und ihrer Verarbeitung in der Popkultur sind die Szenen sehr aufschlussreich.

Entschuldigung an Robin übrigens für die späte Antwort – und das schreibe ich im vollen Bewusstsein der Tatsache, dass solche Entschuldigungen ab und an dramatische Folgen haben können. Auch wenn die sexuelle Gewalt, die Theon erlebt, rechtlich wohl tatsächlich nicht als Vergewaltigung klassifiziert werden würde, sondern als schwere sexuelle Nötigung, frage ich mich weiterhin: Warum spielt diese Gewalt eigentlich eine so viel geringere Rolle als die Vergewaltigung der Cersei, die in vergangenen Wochen ein Skandal war?

Sicher: Weil Theon ein Mann ist, sicher, und wohl auch, weil die Täter Frauen sind. Nur beantwortet das ja fast nichts, sondern führt sofort zu neuen Fragen.
Theon sagt Please... Eine Szene aus der dritten Staffel von Game of Thrones Quelle
Vergewaltigte Männer hätten es auch in der Realität schwerer als es vergewaltigte Frauen hätten, mit ihrer Erfahrung ernst genommen zu werden und Hilfe zu bekommen, berichtet der Mitarbeiter einer Beratungsstelle in Arne Hoffmanns Plädoyer für eine linke Männerpolitik. (S. 189) James Landrith vom Good Man Project, selbst Opfer einer Vergewaltigung durch eine Frau, berichtet im selben Text von „immer wieder reflexartig erfolgenden Abwehrversuchen“ (190), wenn es um männliche Vergewaltigungsopfer ginge – und um weibliche Täterschaft.

Mehr noch als die psychologischen Motive hinter dieser Abwehr interessiert mich die Frage, wie sich diese Einseitigkeit eigentlich legitimiert.

Montag, 12. Mai 2014

"Not all men" - Die Politik der Beschämung

Vorgestern habe ich bei Spiegel-Online von der Geburt eines neuen Superhelden gelesen. Die Missy-Journalistin Chris Köver beschreibt dort sein Wirken so:
„Alarm, das Mann-Signal ist am Himmel zu sehen. Das bedeutet: Irgendwo auf der Welt wird gerade in diesem Moment ein Mann diskriminiert, höchste Not. Doch fürchten muss sich niemand, denn schon ist er zur Stelle: Not-All-Man, der Verteidiger der Verteidigten, Beschützer der Beschützten, die Stimme der Stimmgewaltigen.“ 
Und weiter:
„Dem Not-All-Man ist das Differenzieren wichtig: Während sicher einige Männer vielleicht und ganz eventuell auch mal etwas frauenfeindlich, gewalttätig oder zumindest übermäßig von sich eingenommen sein könnten, gilt das eben nicht für alle Männer. Und das zu sagen, ist dem Not-All-Man sehr, sehr wichtig. (…) Einen solch Mutigen wie Maskierten kennen fast alle, die sich im Netz oder anderswo bemühen, über Sexismus zu diskutieren.“
Das Ende von Matt Lubchanskys Episode Save Me aus seinem Comic Please Listen to Me: Die Geburt einer neuen Art von Superheld. Das Comic gilt als sehr witzig.  Quelle
Der Not-All-Men setzt ein Motiv fort, das für Köver „bislang eines der erfolgreichsten feministischen Netzphänomene“ ist: Witzeleien über die Wendung „Not all men“ (etwa: „Nicht alle Männer sind so“), die mit entsprechenden Bildern versehen seit Beginn des Jahres einen „kometenhaften Aufstieg“ („meteoric rise“, so Jess Zimmerman bei TIME) erlebt hätten.

Für die feministische Website jezebel ist das Not-All-Men-Motiv „das beste Meme im Internet“ („the Best Meme on the Internet“).
„Das Meme ist ein Kind des Internets. Ein Running Gag, ein Schmäh, der sich mal schnell, mal langsam verbreitet, lokal und global“,
erläutert The Gap.  Was aber macht das Not-All-Men-Meme so erfolgreich – und was eigentlich sollte an dem selbstverständlichen Hinweis so belustigend seien, dass nicht alle Männer gleich sind?

In seinem vor wenigen Tagen veröffentlichten Text Das Schweigen der Männer schreibt LoMi in einem anderen Zusammenhang über Erfahrungen an der Universität:
„Da gab es einschlägige Seminare, die bei den männlichen Teilnehmern schweres Unbehagen hervorriefen. In den Pausen wurde zwar gespottet, aber während des Seminars selbst ertrug man mit zusammengebissenen Zähnen die allfällige Anklage gegen das Patriarchat, welches noch heute und auch in Gestalt vermeintlich aufgeklärter Männer wirksam sei. Der im Pausenspott ausgedrückte Unmut wurde hier nicht mehr offen ausgesprochen. Keine Gegenwehr. Lediglich zaghafte Kritik wurde hier und da geäußert."
Das Not-All-Men-Meme ist ein sehr gutes Beispiel dafür, wie dieses Schweigen von Männern in Geschlechterdebatten produziert wird. Wie viele Männer ruhig bleiben, anstatt ihre Interessen zu vertreten und etwas zu sagen, bemerken dabei viele Frauen offenkundig kaum.

Donnerstag, 8. Mai 2014

Der Geschlechterkampf als Selbstgespräch - Bäuerleins und Knüplings "Tussikratie"

In Theresa Bäuerleins und Friederike Knüplings Buch Tussikratie schreibt Knüpling einen Brief, den sie mit der Anrede „Liebe Männer" beginnt. Arne Hoffmann hat diesen Brief kritisiert und zugleich das Buch insgesamt hoch gelobt, auch Ole Wintermann hat das Buch sehr positiv besprochen, Christian Schmidt über ein Interview der Autorinnen einen Essay verfasst – aber niemand ist auf die Idee gekommen, Friederike Knüpling einfach mal zu antworten.
 
Das, natürlich, ist sehr unhöflich. Da ich hingegen, wie ja allgemein bekannt ist, ein sehr höflicher Mensch bin, habe ich einen Antwortbrief verfasst, der Einfachheit halber als offene Antwort auf einen offenen Brief. Hier ist er:


Sehr geehrte Frau Knüpling,

eigentlich hatte ich es mir ja abgewöhnen wollen, offene Briefe zu schreiben – schon allein, weil ich das Gefühl habe, mich mit einem offenen Brief immer sehr hart an der Peinlichkeitsschwelle zu bewegen. Da Sie aber für Ihr Buch Tussikratie, das Sie gemeinsam mit Theresa Bäuerlein verfasst haben, einen Brief mit der nun einmal ziemlich allgemeinen Anrede „Liebe Männer“ geschrieben haben und da ich mich damit selbstverständlich einfach angesprochen gefühlt habe, dachte ich, es sei zumindest höflich, Ihnen auch zu antworten.
„Die meisten Männer, die ich kenne, sind zwar durchaus bereit – und das übrigens ziemlich unabhängig von ihrem Geburtsjahrgang – , über Geschlechterverhältnisse zu sprechen. Aber die begriffliche Gruppe Männer betrachten sie in diesen Unterhaltungen meistens ausschließlich als Profiteure im Geschlechtergefüge.“ (S. 226)
Das schreiben Sie schon ziemlich zu Beginn Ihres Briefes und erzählen dann bald darauf von Ihrem Verdacht,
„dass der Fleiß, ein guter Feminist zu sein, für viele von Euch vor allem eine Methode sein dürfte, die Sprachlosigkeit über die eigene Situation zu verbergen.“ (226)
Nun ist männliche Sprachlosigkeit in Gesprächen über Geschlechterverhältnisse selbst schon ziemlich lange ein festes Thema solcher Gespräche, auch bei Männern: Ein Buch von Warren Farrell heißt beispielsweise Women Can’t Hear What Men Don’t Say.
 
Schon Arne Hoffmann allerdings war dann irritiert, wie Sie über diejenigen Männer schreiben, die dann doch den Mund aufmachen: Es befremde ihn,
„wie herablassend Knüpling über die Männerrechtler bzw. Maskulisten schreibt, ‚von denen manchmal im Sommerloch etwas in der Zeitung zu lesen ist‘."
Alles ein Geschlechterkampf - oder wie? Quelle

Es lohnt sich hier, einen größeren Absatz aus Ihrem Brief an die „lieben Männer“ zu zitieren, in dem Sie gleichwohl in dritter Person über „die Männerrechtler“ reden, als gehörten sie irgendwie zu einer ganz anderen, ganz seltsamen Spezies und als könnten sie in die Gruppe der angesprochenen Männer gewiss nicht einsortiert werden.
„Sie haben eine Übervorteilung von Frauen in der Bildung, bei der Gesundheit und im Familienrecht identifiziert. Manche von ihnen nennen sich Maskulisten oder Antifeministen. Sie scannen die Rechtsprechung und die Medien mit dem Rechenschieber der Geschlechter, und die Blogs, die sie über Väterrechte und Jungen schreiben, kommen merkwürdig fremd-vertraut her, wie ein Dialekt aus vergangenen Zeiten.“ (228)
Tja, wie man’s macht, macht man’s falsch. Auch wenn es natürlich ein paar lobenswerte Ausnahmen gibt, wie zum Beispiel Ralf Bönt, dessen „Männerpanoptikum“ (233) sie viel Platz widmen.
„Denn für sich genommen, schreibt er, gilt ein Mann als wertlos; man erwartet von ihm, dass er von sich selbst absieht, für andere arbeitet, sich heroisch aufopfert.“ (232)
Das sind übrigens, wenn hier bei Ihnen auch zugespitzt, zentrale Thesen dieser „Maskulisten“ mit ihren Scannern und Rechenschiebern. 

Das aber ist auch der Grund, warum ich diesen Brief schreibe: Ich wollte angesichts Ihres Briefs wissen, warum so viele Männer stumm wirken – und was Sie eigentlich (von ein paar willkürlich wirkenden Ausnahmen abgesehen) so gegen die Männer haben, die nicht stumm sind.

Samstag, 3. Mai 2014

Von belangloser Gewalt und der Macht des Konsums (Monatsrückblick April 2014)

Wer immer noch der Idee nachhängt, etablierte Geschlechterdebatten seien im Kern rational, zweckdienlich und human, der hat aus irgendwelchen Gründen den Monat April verpasst.
Ein mittlerweile schon berühmtes Bild: Alle Toten in den Game of Thrones (A Song of Ice and Fire)-Büchern, durch bunte Lesezeichen markiert. Der gewaltsame Tod ist dort so allgegenwärtig, dass es sogar einen spielerischen Zufallsgenerator gibt, bei dem jeder herausfinden kann, wie er selbst in dieser Welt sterben würde...
DIESE GEWALT allerdings ist gar nicht das eigentliche  Problem... (Quelle)
Ein Skandal war beispielweise eine Szene in einer der gewalthaltigsten Fernsehserien aller Zeiten, weil dort ausnahmsweise einmal für ein paar Minuten lang kein Kind getötet, Mann gefoltert oder Dorf massakriert, sondern eine Frau vergewaltigt wurde. Der Feminismus sei
„mitten in der Popkultur angekommen“,
schreibt Lorraine Haist in der Welt, passenderweise in der Lifestyle-Sektion. Das aber hat offenbar bislang weder dem Feminismus noch der Popkultur sonderlich genutzt.

Geschadet allerdings auch nicht, jedenfalls nicht dem Feminismus. Das liegt auch daran, dass die Männerbewegung im Netz zwar noch zu klein ist, um zu laufen, sich aber schon jede Menge Flügel wachsen lässt – ohne mit ihnen koordinierte Flugbewegungen hinzubekommen, selbstverständlich.
 
Diese internen Konflikte sind ohnehin ein Symptom eines ganz anderen Problems: Da die kleine, institutionell weithin isolierte Männerbewegung keinen Zugang zu ernsthaften politischen Debattenfeldern hat, trägt sie diejenigen Konflikte praktischerweise nach innen aus, die sie dort nicht führen kann, wo sie geführt werden müssten.

Es gab mal einen Mann, der sich oft über seinen Nachbarn ärgerte. Der aber hörte ihm nie zu, wenn er ihm etwas dazu sagen wollte. Schließlich fand der Mann einen guten Umgang mit dem Problem: Jedes Mal, wenn der Nachbar sich wieder einmal daneben benommen hatte, haute er sich einfach selbst eine aufs Maul, weil das irgendwie die einfachste Lösung war.

Weiß ich auch nicht, wie ich darauf jetzt komme. Ein gutes Beispiel jedenfalls für die Isolation der Männerbewegung ist der Hype – bekanntlich eine der popkulturellen Pflichtübungen – um das Buch „Tussikratie“ der Autorinnen Theresa Bäuerlein und Friederike Knüpling, über die auch Christian Schmidt, Arne Hoffmann und Ole Wintermann Essays veröffentlicht haben.

Ich finde das Buch nicht schlecht, und die Essays fand ich sehr lesenswert – die massenmediale Aufmerksamkeit, die es bekommt, steht gleichwohl in einem seltsamen Missverhältnis zu dem viel substantielleren Veröffentlichungen Arne Hoffmanns aus diesem Jahr, die kaum einmal einer Radiostation ein Interview wert waren. Geschlecht ist weiterhin Frauensache.

Aber der Reihe nach. Alles beginnt, selbstverständlich, mit „Game of Thrones“…

Montag, 28. April 2014

Vom donnernden Schweigen aufrechter Männer

Was macht denn eigentlich das Bundesforum Männer so?
 
Als vor wenigen Wochen eine EU-Studie veröffentlicht wurde, die allein Gewalt gegen Frauen zum Thema hatte und so den Eindruck erweckte, Frauen würden allüberall Gewalt erleiden, Männer aber würden allüberall Täter sein –

Als das deutsche Familienministerium den einjährigen Geburtstag seines Gewalttelefons feierte, das Hilfe allein weiblichen Gewaltopfern anbietet und dessen Werbung den Eindruck erweckt, Täter seien durchweg männlich –

Da erinnerte ich mich mit Schaudern an die nun schon fern und irgendwie unwirklich absurd erscheinenden Zeiten, als gegen solche millionenscheren regierungsamtlichen Einseitigkeiten allein ein paar private Blogger anschrieben, während sie von den Mainstream-Medien kritiklos weiter verbreitet wurden.
 
Dass sich das geändert hat, dass diese Zeiten heute wie ein ferner Alptraum erscheinen, liegt insbesondere an dem Bundesforum Männer – dem „Interessenverband für Männer, Jungen und Väter“, der vom Familienministerium finanziert wird.

Eine klare, aber donnernde und unüberhörbare Kritik formulierten die Verantwortlichen des Bundesforums am „sexistischen Umgang mit Gewalt“ seitens der deutschen Regierung und der verantwortlichen EU-Agentur, der „Männern den Anspruch auf Schutz vor Gewalt abspricht und sie zugleich als ewige Täter denunziert“ und der dadurch „dem Ziel der Geschlechtergerechtigkeit erheblich schadet“.

Dankbar angesprochen auf die klaren Worte des Bundesforums stellte sein Vorsitzender klar, dass die Verantwortlichen „weiter nichts als ihren Job“ gemacht hätten – und dass die Mitglieder des Bundesforums „sich schließlich hätten in Grund und Boden schämen müssen, wenn sie hier still geblieben wären“.
 
Zugegeben: Das habe ich jetzt herbeifantasiert. Das Bundesforum hat eher versucht, die Situation durch demonstratives, aber donnerndes Schweigen zu gestalten. Das hätte auch beinahe prima geklappt, wenn es nur irgendjemandem aufgefallen wäre. 
 
Das aber hat mich  zu der Frage geführt: Was macht den eigentlich das Bundesforum Männer so, wenn es nicht gerade damit beschäftigt ist, politisch Verantwortlichen sein drängendes und unüberhörbares Stillschweigen tapfer entgegenzuschleudern?

Also hab ich mir einmal seine Homepage angeschaut und dort zum Beispiel einen Text gefunden, der sich mit einem der grundlegenden Texte der aktuellen Politik aus männerpolitischer Perspektive auseinandersetzt: mit der Koalitionsvereinbarung der Bundesregierung. Geschrieben hat diese Analyse Thomas Gesterkamp, der insbesondere dadurch bekannt wurde, dass er für die taz und die SPD Männerrechtler als rechtsradikal hinstellte und forderte, sie mit einem „cordon sanitaire“ auszugrenzen, als seien sie eine ansteckende schwere Krankheit.
 
Um über Männerrechte zu schreiben, ist er also hochqualifiziert (ungefähr in dem Sinne, in dem ja auch ein Abdecker von Berufs wegen qualifiziert ist, sich kompetent über Tierrechte zu äußern). Was also hat das Bundesforum Männer mit Gesterkamp aus männerpolitscher Perspektive beizusteuern?

Dienstag, 22. April 2014

Das bisschen Gewalt ist doch halb so wild....

„Was hat eine Solanas mit uns zu tun? Warum werden wir permanent dazu genötigt uns von ihr zu distanzieren?“
Das fragt genervt die Feministin Onyx auf ihrem Blog – übrigens in den Kommentaren zu einem Artikel, in dem sie deutlich die Gewaltphantasien des mackergohome-Trends kritisiert.  Leszek antwortet:
„Feministinnen werden zu Recht aufgefordert sich von Solanas zu distanzieren, weil Solanas faschistische Hass-Schrift bis heute in radikalfeministischen Kreisen als feministischer Klassiker gilt und bis heute radikale Feministinnen Bezug darauf nehmen.
Maskulisten wurden auch zu Recht aufgefordert, sich vom gelben Forum oder vom Frauenhaus-Blog zu distanzieren – was viele getan haben.“
Ein Beispiel dafür?
„Solanas eiskalte Abhandlung des Ist-Zustandes mündet in den Vorschlag, die Männer auszurotten, um endlich mit dem Aufbau einer menschlichen Gesellschaft beginnen zu können.“
Das schreibt 1997 in der Emma die Regisseurin Mary Harron 1997, die 29 Jahre nach Solanas‘ Schüssen auf Andy Warhol einen Film über sie fertigstellte. Begeistert schildert sie das Buch als „eine Lektüre, die mein Leben veränderte. Kein Buch hatte mich je so angerührt und erschüttert“ und feiert es als „brillante Satire - so als hätte Oscar Wilde beschlossen, Terrorist zu werden.“ 
 
Ein schwedischer Film aus dem Jahre 2010, produziert von einer Theatergruppe, die Solanas' SCUM auch für Schulklassen aufführte. "Do your part" - Leiste auch Du Deinen Beitrag - steht am Ende.
 
Doch auch, wenn sich die Reihe begeisterter Äußerungen über Solanas‘ Massenmordphantasie  noch lange fortsetzen ließe – warum sollten sich alle Menschen, die sich als feministisch bezeichnen, davon distanzieren? Schließlich ist es in zivilen Kontexten eigentlich eine Selbstverständlichkeit, dass wir bei Gesprächspartnern oder -partnerinnen in aller Regel nicht den heimlichen oder offenen Wunsch erwarten müssen, uns umzubringen.

Dienstag, 15. April 2014

Und plötzlich war ich Männerrechtler...

Ich habe das Thema dieser Blogparade, „Warum ich mich mit Männerrechten beschäftige und was ich damit zu erreichen hoffe”, einfach als Aufforderung interpretiert, eine persönliche Geschichte aufzuschreiben. Wie eigentlich kommt ein Junge aus einer durch und durch sozialdemokratischen Familie, ein Student der Sprach-, Geistes- und Sozialwissenschaften, der freiwillig (!) Seminare zu feministischer Literaturwissenschaft belegt, der schon recht früh und vermutlich sogar ohne bleibende Schäden Schriften von Susan Brownmiller, Alice Schwarzer oder Judith Butler liest, später dazu, sich für Männerrechte einzusetzen? Ein Stück in drei Akten. 
Wie, um Gottes Willen, wurde aus diesem unschuldigen Jungen ein MÄNNERRECHTLER?
Erster Akt: Seltsame Begebenheiten auf der Universität  Dass irgendetwas nicht stimmte, war schon früh klar. Da ich in den Geistes- und Sozialwissenschaften studiert habe, erlebte ich natürlich viele feministisch inspirierte Diskussionen zum Verhältnis der Geschlechter, und ich erlebte auch ihre Widersprüche.

Sonntag, 13. April 2014

Merkel, Schwesig und die Freude an Gewalt

#mackergohome wo dich deine frau erwartet. mit einem messer.
Gewaltphantasien, die sich bei Twitter unter dem Stichwort „Mackergohome“ sammeln, wirken pubertär im schlechtesten Sinn des Wortes, werden aber – soweit ich das erkennen kann – von erwachsenen Frauen formuliert. Für politisch interessierte Gender-Forscherinnen wäre das eigentlich einmal eine interessante Frage:
 
Warum eigentlich werden im Internet regelmäßig Plattformen gebastelt, auf denen Frauen und auch Männer in aller Öffentlichkeit und mit großer Begeisterung antimännliche Gewaltphantasien austauschen? Der berühmteste ist der Hashtag killallmen, der ohne störende Zurückhaltung und mit großer Gefolgschaft zur Tötung aller Männer aufruft.
ich seh schon die tränen fließen, seid nur froh, wenn wir nicht schießen!
Haut die macker platt wie Acker!

maskus, mackern und sexisten, entschlossen in die fresse
fisten.

wir kochen vor Wut / wir
stampfen euch entzwei / zu Mackerhaschee / und auch zu Mackerbrei

Wir geben den Mackern die Straße zurück –
Stein für Stein, Stück für Stück!

Macker sind erbärmlich,
Misandrie ist herrlich!
bürger von twitter seid nicht faul, gebt den mackern eins aufs maul.

wir stellen das richtig maskus sind nicht wichtig waren es nie misandrie!

ihr seid eh nicht mehr lange da haaahahahaha. MISANDRIE!
Die letzten drei Beispiele zitiert auch die Internet-Feministin Onyx in ihrer deutlichen Kritik  an der kleinen „Mackergohome“-Welle. 

Woher nur haben die gewaltverliebten mackergohome-Fans ihr Männerbild? Motiv aus einer millionenschweren Aktion des Familienministeriums
Diese Welle begann mit einem T-Shirt, das eine Frau mit dem Twitter-Namen „tofutastisch“ sich selbst hergestellt und dann stolz auf Twitter präsentiert hatte. „Macker gibt’s in jeder Stadt Bildet Banden macht sie platt reimt sie dort, und zwischen den Zeilen platziert sie das stilisierte Bild eines mit Schlagstöcken bewaffneten Frauen-Mobs.  Der Duden übrigens erläutert „Plattmachen“ als „jemanden umbringen, körperlich erledigen, vernichten“.   

Das Bild des T-Shirts wird ein großer Erfolg, die Idee des „Plattmachens“ von „Mackern“ wirkt auf eine Reihe von Frauen inspirierend.
„Ich will übrigens auch so ein tshirt wie das von @Tofutastisch,“
schreibt beispielweise Antje Schrupp, Redakteurin der Zeitschrift „Evangelisches Frankfurt“ und eine der wichtigsten Internet-Feministinnen.

Wie kommt es eigentlich, dass sich hier erwachsene Menschen in aller Öffentlichkeit in Gewaltphantasien suhlen, ohne dass irgendjemandem von ihnen auch nur der Gedanke kommt, dieses Verhalten könne ein wenig seltsam sein? Eine mögliche Antwort findet sich an einem unerwarteten Ort: bei einer millionenschweren Aktion der Bundesregierung.

Mittwoch, 9. April 2014

Von männerfreien Friedhöfen und Telefonen nur für Frauen (Monatsrückblick März 2014)

Da ich mich gefreut habe, die Kommentare von Leszek über linke Männerpolitik als Text veröffentlichen zu können, habe ich den Rückblick auf den Monat März ein paar Tage verschoben. Der Monat lohnt aber, wie ich finde, solch einen Rückblick auch noch etwas später...

Der Monat März endete in einer Reihe von Aprilscherzen, der erste kam einen Tag zu früh. Von einer seltsamen Nachricht auf dem Anrufbeantworter der Familienministerin Schwesig berichtete am 31. März das Blog Wortschrank.
„Mir ist zwar bewusst, dass (mit Ausnahme von Sexualstraftaten) Männer sämtliche Gewaltopfer-Statistiken anführen und das auch in der Statistik des Bundeskriminalamtes ganz klar belegt ist. Das hat mich aber nicht daran gehindert, trotzdem statt für alle Bürgerinnen und Bürger nur für Frauen eine Gewaltopfer-Telefon-Hotline einzurichten und ich verkünde heute mit Stolz den 12.000sten Anruf, den wir in mühevoller Kleinarbeit und 16 verschieden Sprachen an zuständige Frauenhäuser, psychologische Beraterinnen, Seelsorgerinnen und Online-Chats vermittelt haben."
Tatsächlich hat das exklusive Anti-Gewalt-Telefon 6 Millionen Euro an Steuergeldern gekostet – wofür eigentlich, das habe ich auch bei längere Suche im Internet nicht herausfinden können. Noch seltsamer ist die Beschränkung auf Hilfe für Frauen. Wie würde es wohl einem Minister ergehen, der mehrere Millionen Euro für ein Anti-Gewalt-Telefon nur für Weiße ausgeben würde?

Eine Werbung des Bundesamts für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben. Dazu gehört auch noch ein eindrucksvoller Spot:
 

Der sexistische Blick auf Gewalterfahrungen prägt auch eine Studie, die ausgerechnet von der EU-Kommission für Menschenrechte erstellt wurde: Eine europaweite Studie zur Gewalt gegen Frauen. Als ob es Hunderte von Studien nie gegeben hätte, nach deren Ergebnissen Männer ebenso häufig von häuslicher Gewalt betroffen sind wie Frauen, fixiert sich die Studie programmatisch allein auf weibliche Opfer.

Während sie so die Gruppe derjenigen, deren Gewalterfahrungen untersuchenswert erscheinen, erheblich begrenzt, weitet sie zugleich den Gewaltbegriff willkürlich aus: Geschubstwerden oder das Gefühl, vom Partner nicht angemessen wahrgenommen zu werden, stehen hier beliebig neben Angriffen mit Schusswaffen oder Vergewaltigungen.

Das erwartbare Ergebnis dieses Untersuchungsdesigns: Europas Frauen werden rundweg als Opfer massiver Alltagsgewalt präsentiert, Männer implizit rundweg als Gewalttäter. Das dieses Ergebnis mehr das sexistische Design der Studie als über die Erfahrungen von Frauen und Männern aussagt, spielt für berichtende Medien kaum eine Rolle: Fast durchweg spiegeln sie kritiklos die Ergebnisse der „Studie“ und schlagen Alarm im Namen von Europas allüberall gequälten Frauen.

Freitag, 4. April 2014

Über den Sinn linker Männerpolitik


– Eine Erwiderung von Leszek –
 
Auf meinen Text Warum Linke die Männerrechtler brauchen (aber Männerrechtler die Linken nicht) zu  Arne Hoffmanns Buch Plädoyer für eine linke Männerpolitik hat Leszek einen ausführlichen, detaillierten, mehrteiligen Kommentar geschrieben, der in vielerlei Hinsicht eine Erwiderung auf meinen Text ist. Eine Auseinandersetzung damit hat im Kommentarstrang schon begonnen. Es dient ihr aber sicher, wenn Leszeks sehr engagierter Text, der ein eigenes Plädoyer für eine linke Männerpolitik ist, auch einen eigenen Platz bekommt.
 
Die eingefügten Zwischenüberschriften stammen von mir, ich habe mich dabei nah an den Text Leszeks gehalten. Lucas Schoppe
 
 
Hallo Schoppe, ich habe den Eindruck, in diesem Artikel ist einiges an Ärger und Enttäuschung über die zeitgenössische politische Linke und ihre Ignoranz gegenüber männlichen Benachteiligungen und sozialen Problemlagen eingeflossen.

Die Idee, den Spieß einfach mal gedanklich umzudrehen und darüber zu reflektieren, wie eine Öffnung der zeitgenössischen Linken gegenüber der Männerrechtsbewegung für die Linke selbst potentiell hilfreich sein könnte, um sich zu erneuern, zu tatsächlich klassisch linken Werten und Idealen zurückzufinden und wieder eine ernsthafte linke Politik von Relevanz zu entwickeln ist sicherlich interessant und kreativ, bei einigen Schlussfolgerungen deines Artikels bin ich jedoch – wie bei diesem Thema nicht anders zu erwarten – anderer Meinung.
 
Du schreibst:
„Arne geht an mehreren Stellen ausdrücklich auf die Situation ein, dass Offenheit für geschlechterpolitische Positionen von Männern, für die Auseinandersetzung mit spezifischen Benachteiligungen von Männern deutlich eher bei Konservativen als bei "Linken" zu finden ist. Das hat in seinem Buch nie den Charakter einer Wahlempfehlung für Union oder FDP, sondern eher den einer etwas ungläubigen Frage an die "Linken": Das wäre eigentlich euer Job - warum interessiert er euch nicht?“
Arnes sehr gutes Buch „Plädoyer für eine linke Männerpolitik“ ist in Bezug auf die angesprochene Thematik m.E. in seinen Reflektionen hierzu deutlich ausgewogener.