Freitag, 29. August 2014

Coke contra Pepsi, oder: Wozu ist nochmal diese linke Männerpolitik gut?


„Dass es einen ‚linken Flügel der antisexistischen Männerbewegung‘ gibt, ist mir neu, und ist durchaus amüsant. Wo lässt der sich denn einordnen, innerhalb der Linken? Steht der eher in der Nähe des ‚linken Flügels zur Pflege des Ansehens der militärischen Tradition‘ oder doch eher in der Nähe des ‚Linken Flügels zur Verbesserung der pekuniären Situation des Großunternehmertums?‘“
Soweit amüsiert zeigte sich der Kommentator „führerscheinnichtnutzer“ unter Sarah Schascheks Tagesspiegel-Artikel „Brutale Drohungen im Internet Hetze gegen Genderforscherinnen“. Für Rechte von Männern einzutreten sei also, als würde man für die Rechte von Militaristen oder die von Großunternehmern eintreten – eine klassische Angelegenheit der politischen Rechten. Der Begriff antisexistisch passt ihm hier ohnehin nicht und wird daher souverän ignoriert.

Dass führerdings sein stillschweigendes Argument nicht ausdrücklich formuliert, sondern ironisierend verpackt, hat wohl einen guten Grund. Schon wer nur kurz nachdenkt, wird auf viele Männer oder Jungen kommen, die in deutlich hilfloseren Situationen leben als militärische Traditionalisten oder Großunternehmer: Obdachlose; Väter ohne Möglichkeit zum Kontakt zu ihren Kindern; einfache Soldaten; Arbeiter in gesundheitsgefährdenden Berufen; Jungen mit ihren spezifischen Schwierigkeiten in der Schule…
 
Kurz: Er wird auf Menschen kommen, deren Interessen einmal ein Kernanliegen linker Politik waren. Dass die Ironie der zitieren Passage überhaupt verfangen kann, setzt daher voraus, dass auf Seiten von Linken und solchen, die es sein wollen, die Vorstellung fraglos betoniert ist, ein Engagement für Fraueninteressen sei „links“ und eines für Interessen von Männern sei irgendwie „rechts“.

Eben eine solche betonierte Gegenüberstellung wird auch von ganz anderer Seite bestätigt.
„Wie lange wollen sich ‚linke Männerrechtler‘ noch von Vertretern ihres eigenen Lagers verprügeln, verleumden und ‚positiv‘ (sic!) diskriminieren lassen, bevor sie erkennen, daß ‚links‘ heute explizit ‚Feminismus‘ und ‚Anti-Maskulismus‘ bedeutet? Sorry, aber aus meiner bescheidenen Sicht ist das naiv und/oder sehr masochistisch“,
stellte der Kommentator „Horst“ vor einigen Wochen nach Christian Schmidts Artikel zu Robert Claus‘ Maskulismus klar.
 
Nun gibt es allerdings schon seit einiger Zeit Texte, die Feminismuskritik und Engagement für Männerrechte ausdrücklich aus einer politisch linken Position heraus formulieren. Arne Hoffmann hat viele davon in einer langen Linkliste versammelt, und sein eigenes Plädoyer für eine linke Männerpolitik gehört unbedingt dazu.

Da Horst sich bei Alles Evolution jedoch durch den Hinweis auf diese Texte nicht überzeugen ließ, und da es anderen vielleicht ähnlich geht, versuche ich es einmal anders – nämlich in einer ganz persönlichen Perspektive zu erzählen, wie jemand eigentlich dazu kommen kann, links zu sein und sich für Rechte von Männern zu engagieren.

Donnerstag, 21. August 2014

Evangelisches Männerbasteln (und andere Formen der Hate Speech)

„Macker sein klappt nicht auf Anhieb. Es gibt da so Übungen.“
Das steht auf der Titelseite einer Zeitschrift, die ich im Urlaub zufällig gelesen habe. Neben den Sätzen das Bild einer jungen Frau, die einen Mann darzustellen versucht und die sich zu diesem Zweck eine Mütze aufgesetzt hat und böse guckt.

Es ist das Titelbild des Magazins chrismon, das von der evangelischen Kirche finanziert und in einer Auflage von fast 1.600.000 Exemplaren monatlich der Zeit und diversen Tageszeitungen beigelegt wird. Damit ist die Auflage fast doppelt so hoch wie die gegenwärtige Auflage des Spiegel.
 
Mir fiel das Magazin zum ersten Mal auf, als es vor zwei Jahren in mehreren Beiträgen einer Ausgabe  über häusliche Gewalt berichtete und den Eindruck erweckte, diese werde allein von Männern allein an Frauen ausgeübt – was Arne Hoffmann damals, allerdings ohne kirchlich gesponsorte Millionenauflage, richtig stellte.

Wer das Heft aus meinem Urlaub dann aufschlägt, sieht auf Seite drei die junge Frau vom Titelbild noch einmal unverkleidet, als Frau, was in diesem Fall mit „freundlich lächelnd“ übersetzt werden kann.
„Olga fand es super, auf der Straße als Mann durchzugehen. Endlich mal keine Anmache . . .“,
steht diesmal daneben. Damit und mit den entsprechenden Bildern ist dann auch schon klar, wie Männer so sind: grimmig dreinblickende Anmacher, die sich breitbreinig raumgreifend in Sofas fläzen und gleich mehrere Plätze beanspruchen, während Frauen gesittet die Beine übereinander schlagen und mit einem einzigen Platz auskommen, wie sich das gehört.
Ein gemachter Mann. Alles, was für die Herstellung von Männlichkeit benötigt wird, ist ein unordentlicher Haarwuchs und ein grimmiger Blick. Hier fehlte jetzt nur noch eine raumgreifende Armhaltung, und die Illusion wäre perfekt.
Eigentlich ist so auch die Kernaussage der Titelgeschichte schon deutlich geworden, ohne dass es nötig war, eine einzige Zeile von ihr anzuschauen. Ich hab sie trotzdem gelesen, sogar raumgreifend vom Anfang bis zum Ende, und war schließlich doch überrascht. Was hier die Chefredakteurin Christine Holch schreibt, hilft nämlich auch dabei, ein ganz anderes Thema zu verstehen, über das gerade Michael Klein berichtet hat:

Der Hannoveraner Professor Günther Buchholz hatte versucht, eine unabhängige Überprüfung der Gender Studies zu initiieren – scheiterte aber daran, dass die Verantwortlichen sich einer solchen Überprüfung konsequent entzogen.  Von den 74 Fragebögen, die er an Forscherinnen und Universitätspräsidien verschickt hatte, erhielt er keinen einzigen zurück.

Und was hat das nun mit Holchs Artikel zu tun?

Samstag, 16. August 2014

Selbst das Wetter ist frauenfeindlich, oder: Was genau ist eigentlich Sexismus?

Ein Urlaub von zwei Wochen hat, zusätzlich zu den allgemein vertrauten Annehmlichkeiten, einen mir bislang noch unbekannten, aber erheblichen und äußerst angenehmen Vorteil: nämlich den, dass ein Twitter-Sturm, der nach Beginn der Reise begann, vor ihrem Abschluss auch schon wieder beendet ist. Oder erinnert sich noch jemand an das sogenannte „Fappygate“ (falls nicht, möchte ich hiermit darauf hinweisen, dass der Versuch einer Übersetzung des Begriffs ausgesprochen aussichtslos ist)?

„Du Wichser!“ – „Selber Wichser!“ – „Frau Lehrerin!! Er hat mich WICHSER genannt!!“ Die Auseinandersetzung, die exakt das hier nur kurz skizzierte Niveau erreichte, führte immerhin zu einigen Überlegungen zum Thema „Sexismus“, die ich auch nach meiner Reise noch interessant fand. Es lohnt sich, darauf noch einmal einzugehen – weil die Auseinandersetzung darüber in meinen Augen einen zentralen Konflikt in heutigen Geschlechterdebatten klarer macht.

Sexistisches Wetter. Und ein Frosch, der sich nie und nimmer in einen Prinzen verwandelt. Aber sag mal: Fappt der eigentlich die ganze Zeit?
Vorher aber ist es wichtig, noch einmal kurz daran zu erinnern, was damals vor nunmehr ca. einer Woche passiert war – und sei es nur, weil es Spaß macht, seltsame und skurrile Geschehnisse einmal kurz zusammenzufassen.

Donnerstag, 7. August 2014

Gesprächsattrappen, Nazihappen, Jammerlappen - Monatsrückblick Juli 2014

Der Index der verbotenen Bücher baute – wie allgemein bekannt ist – auf einem schwerwiegenden Widerspruch auf. Wichtig war es natürlich, zu wissen, welche Bücher bei der Lektüre das Seelenheil beschädigen – doch um eben dies herauszufinden, mussten die Bücher gleichwohl überhaupt erst einmal gelesen werden.

Zu lesen, um zu wissen, was nicht gelesen werden darf – diese Aufgabe setzte eine erhebliche Opferbereitschaft und eine ungewöhnlich große persönliche Stabilität voraus – eine heldenmütige Entschlossenheit, sich zum Schutze anderer in schwerste Gefahr zu begeben – und eine Reinheit des Herzens, die es dem Leser erlaubte, gleichsam unbeschädigt mitten durch die Hölle zu wandern.

Natürlich ist von einem jungen Wissenschaftler der heutigen Zeit diese Mischung aus Heldenmut und Herzensunschuld kaum zu erwarten, vor allem aber ist unseren aufgeklärten Zeiten deutlich, dass unlösbare Widersprüche eben nicht durch einen Sprung in den Glauben zu lösen, sondern tunlichst ganz einfach zu umgehen sind.

Als der Sportethnologe Robert Claus für die sozialdemokratische Friedrich Ebert Stiftung über die „Männerrechtsbewegung" schrieb und sie ebenso auftragsgemäß wie unbelegt mit Rechtsradikalismus und Massenmord in Verbindung brachte, konnte natürlich niemand von ihm erwarten, die wichtigen Schriften dieser Bewegung auch zu kennen.
 
Nun ist allerdings für einige Zeitgenossen, die ihr Verständnis von Wissenschaftlichkeit aus „der ideologischen Mottenkiste“ (Claus, S. 21) gezogen haben, die Forderung  selbstverständlich, Texte, über die man wissenschaftlich arbeitet, auch irgendwann einmal zu lesen.

Die Absurdität dieser Forderung ist vielen dieser Menschen leider keineswegs einsichtig. Wieso eigentlich sollte der junge Wissenschaftler sich erst eigens mit Texten und Positionen auseinandersetzen, nur um wissenschaftlich nachzuweisen, dass sie der Auseinandersetzung nicht Wert sind? 

Dieses unreflektierte Verständnis von Wissenschaftlichkeit, das von Forscher_innen ultimativ und meist begründungslos ein gewisses Maß an Bekanntschaft mit dem Gegenstand ihrer Forschungen einfordert, ist jedoch unglücklicherweise weit verbreitet und womöglich sogar politisch wirksam. So ist es auch heute leider unumgänglich, dass irgend jemand die Rolle des Lesers übernimmt, der sich opferbereit aus einem einzigen Grund mit unliebsamen Texten beschäftigt: um anderen diese Beschäftigung zu ersparen.
 
Gewusst wie! Ein junger Mann beteiligt sich an einer Diskussion emanzipatorischer Geschlechterpolitik in einem offenen Dialog auf Augenhöhe (Picture by M0tty / CC by-sa 3.0)
Wenn also bei der grünen Heinrich Böll Stiftung turnusgemäß in einem Jahr wieder einmal ein junger Wissenschaftler nachweist, dass Menschenrechte irgendwie faschistisch sind, wenn sie auch die Rechte von Jungen und Männern beinhalten – dann soll dieser junge Mann sich nicht neben seiner sonstigen anstrengenden Tätigkeit auch noch für die Lektüre der von ihm gewissenhaft analysierten und sorgfältig diffamierten Positionen opfern müssen.
 
Das nämlich kann ich übernehmen.
 
Denn wo können diese Positionen besser zur weiteren Verwendung in der emanzipatorischen Arbeit aufbereitet werden als hier, beim Monatsrückblick. Diesen Rückblick möchte ich hiermit also ausdrücklich als Serviceleistung für Robert Claus und seine noch unbekannten, aber so wichtigen Nachfolger verstanden wissen.

Freitag, 1. August 2014

Brauchen Schulen Dildos? (und andere Kernfragen einer "Sexualpädagogik der Vielfalt")

„Das erste Mal ein Kondom überziehen, das erste Mal einen Tampon einführen, das erste Mal Analverkehr.“
Darüber sollten, so wunderte sich Christian Weber im April in der Süddeutschen Zeitung, schon Dreizehnjährige in der Schule „als Gedicht, als Bild, als Skulptur, als Theaterstück, als Sketch“ etwas vorstellen. Jedenfalls, wenn es nach dem Standardwerk zu einer Sozialpädagogik der Vielfalt (dort auf S. 151 ff) ginge, das gemeinsam mit anderen die Soziologin Elisabeth Tuider verfasst hat, die an der Universität Kassel das Fachgebiet „Soziologie der Diversität“ leitet.

Die gerade veröffentlichte und global formulierte Solidaritätsadresse der Deutschen Gesellschaft für Soziologie „zu aktuellen Kampagnen der Diskreditierung und Diffamierung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern" bezog sich wohl auch auf die heftige Kritik an Tuiders Position.

Weber überlegt:
„Pflichtgemäß hat man mit dem Kopf genickt, als die Leitartikler die Proteste [gegen den Baden-Württembergischen Bildungsplan, LS] gegeißelt haben. Wenn man aber nachliest, was unter einer ‚Sozialpädagogik der Vielfalt‘ möglicherweise konkret zu verstehen ist, wird einem doch komisch zumute.“
Darunter ist beispielweise ein Fragebogen zu verstehen, der auf einem ironischen „Heterosexual Questionnaire“ aus dem Jahr 1972 basiert und den die Ländle-GEW in ihre Broschüre Lesbische und schwule Lebensweisen. Ein Thema für die Schule  aufgenommen hat (dort auf S. 21).
„Ist es möglich, dass deine Heterosexualität von einer neurotischen Angst vor Menschen des gleichen Geschlechtes kommt?“
Oder:
„Laut Statistik kommen Geschlechtskrankheiten bei Lesben am wenigsten vor. Ist es daher für Frauen wirklich sinnvoll, eine heterosexuelle Lebensweise zu führen und so das Risiko von Geschlechtskrankheiten und Schwangerschaft einzugehen?“
Vielfalt ist natürlich eine schöne Sache, solange nur alle in die gleiche Richtung marschieren.
Über diesen Fragebogen hatte auch schon im April Matthias Mattussek geschäumt und Homosexualität bei dieser Gelegenheit gleich insgesamt als „Fehler der Natur“ hingestellt.  Stefan Niggemeier wiederum hatte Matussek lächerlich gemacht: Er zeigte, dass Matussek die Ironie der Fragen, deren Umkehrung gängiger Klischees über Homosexuelle gar nicht verstanden habe und also mit einem Fragebogen für Siebtklässler überfordert gewesen sei. 

Die heftige Kontroverse, die von den Kommentatoren unter den Texten beider noch heftiger fortgesetzt wurde, ist ein gutes Beispiel für die Gefechtslage, die sich angesichts einer „Sexualpädagogik der Vielfalt“ entwickelt hat. Regelmäßig stehen sich zwei Positionen gegenüber, die eigentlich beide nicht vertretbar sind und von denen aus gerade diejenigen nicht wahrgenommen werden, um die es angeblich geht: die Kinder und Jugendlichen.

Montag, 21. Juli 2014

Wie ich noch einmal versuchte, die SPD in ein Bürgergespräch zu verwickeln

„So erfreulich die in den letzten Jahren entstandene maskulistische Bloggerszene ist, so bedauerlich ist es zugleich, wie sehr sich die meisten von uns noch darauf beschränken, innerhalb der eigenen Filterbubble zu lamentieren, zu analysieren, zu kommentieren und zu diskutieren. Zahllose Blogposts und endlos lange Kommentarspalten helfen uns aber nur begrenzt. Allmählich wären Beiträge dringend geboten, die Aktionen initiieren, um die Positionen und Argumente der Männerbewegung so vielen Leuten wie möglich bekannt machen.“
Soweit Arne Hoffmann in seinem Interview bei MANNdat, das vor einigen Tagen veröffentlicht wurde.  Er erwähnt dann auch gleich eine Seite, die – auf Gene Sharp zurückgehend – 198 Methoden des gewaltlosen politischen Engagements auflistet.
Ein SPD-Wahlplakat von 1919. Heute müsste jemand, der so etwas fordert, mit Nazi-Vorwürfen aus der Partei rechnen..
Kurz darauf machte auf LoMis Blog Offene Flanke anlässlich des Textes Politischer werden – Wie kann das gelingen? der Kommentator Bombe 20 einen Vorschlag, der geeignet sein kann, zumindest eine kleine Brücke zwischen dem Internet-Engagement und politischen Strukturen außerhalb des Internets zu bauen:
„Jeder formuliert eine nicht zu lange Mail (höchstens so 50 Zeilen, Links höchstens als zusätzliche Quellenangabe) zu seinem Lieblingsthema, nimmt sich die Fraktionslisten von Land- oder Bundestag (oder gezielt die von Ausschüssen) und fängt unten an. Jeden Tag eine Mail, rotierend durch die Fraktionen. Fleißige passen den Text noch für jede Fraktion leicht an.  
Und wenn man anfängt, mehrmals die gleiche Standardantwort zu bekommen, weiß man, daß es Zeit ist, das Thema zu wechseln.  
Das letzte Mal habe ich das in großem Stil Ende 2012 anläßlich der ‚Beschneidungs‘diskussion gemacht. Nicht, daß ich glaube, irgendetwas geändert zu haben, aber man bekommt genug Antworten, um einen weiter zu motivieren.“
Das hätte nicht nur den Vorteil, auf sich aufmerksam zu machen – sondern auch den, herauszufinden, ob es überhaupt irgendwo Ansprechpartner für uns gibt. Im schon zitierten Interview stellt Arne Hoffmann das so dar:
„Wenn ich die furchtbarsten Blindgänger einer politischen Strömung zitieren will, finde ich dabei immer haarsträubenden Unfug. Das gilt auch für den Maskulismus. Statt sich an solchen Menschen abzuarbeiten, wäre es sinnvoller, jene Leute in der Linken zu finden und zu erreichen, die für uns geeignete Ansprechpartner sind.“
Wenn es solche Leute den überhaupt gibt. Da ich ursprünglich – und sogar über eine schon mehrere Generationen lange Familientradition – aus der Sozialdemokratie stamme, liegt es für mich natürlich nahe, es dort zu versuchen. Es gibt ja auch gerade einen sehr aktuellen Anlass. Also:

Mittwoch, 16. Juli 2014

Von Versteinerungen und der Angst vorm Tanzen - Zu Robert Claus' "Maskulismus"

Robert Claus‘ Text Maskulismus. Antifeminismus zwischen vermeintlicher Salonfähigkeit und unverhohlenem Frauenhass, den er gerade für die SPD-nahe Friedrich Ebert Stiftung veröffentlicht hat, ist ein Kunstwerk. Wie in vielen literarischen Werken ist auch hier der ganze Inhalt eigentlich schon in den ersten Zeilen enthalten – so dass der aufmerksame Leser sich den Rest eigentlich sparen könnte.
 
Ich habe trotzdem alles gelesen.
 
Leider nur zweite Wahl bei der Suche nach einem Umschlagtitel für Robert Claus' Maskulismus. Antifeminismus zwischen vermeintlicher Salonfähigkeit und unverhohlenem Frauenhass. Gezeigt wird vermutlich ein Bild des Autors, der geistesgegenwärtig und unerschrocken in eine geschlechterpolitische Debatte mit sog. "Männerrechtlern" (im Hintergrund) eingreift.
 
„Mit dem ‚Maskulismus‘ trat in den vergangenen Jahren ein ebenso widersprüchlicher wie gefährlicher Akteur in die geschlechterpolitische Diskussion. Teile der sich formierenden Bewegung schrecken nicht davor zurück, Adresslisten anonymer Frauenhäuser zu veröffentlichen oder die Morde des Anders Behring Breivik in Norwegen als widerständige Tat ‚gegen Feminismus und ‚Multikulti’ zu preisen. Zugleich versuchen sie, Werte wie ‚Gleichberechtigung‘ und ‚Geschlechtergerechtigkeit‘ für sich als ‚männliche Opfer‘ zu beanspruchen.“ (S. 13)
So beginnt die Schrift. Nachdem wir schon durch den Titel auf „Frauenhass“ vorbereitet wurden und verstanden haben, dass jeder Anschein von Salonfähigkeit der Maskulisten nur trügerisch sein kann, wissen wir nun auch um die Gefährlichkeit des Untersuchungsgegenstandes. Für die Behauptung, dass die Adressen von Frauenhäusern veröffentlicht wurden, könnte der Autor sogar Belege liefern, wenn er nur nach ihnen gesucht hätte.

Wenn er jedoch durch die Anführungszeichen den Eindruck erweckt, seine Behauptung der Maskulisten-Sympathie für den Massenmörder Breivik durch ein direktes Zitat zu stützen, bleibt einiges offen – wen er hier zitiert, und von wo, und ob er hier überhaupt zitiert, lässt er im Dunkeln.
 
Für eine wissenschaftliche oder journalistische Arbeit wäre das angesichts der schweren Beschuldigung natürlich desaströs, in einem literarischen Werk aber ist diese bewusst gesetzte Leerstelle geschickt eingesetztes Instrument des Spannungsaufbaus.

Wenn der Autor dann davon spricht, dass „sie“ versuchen, Gleichberechtigung (in Anführungszeichen) auch für sich als männliche Opfer (in Anführungszeichen) zu beanspruchen, dann kann sich dieses „sie“ schon grammatikalisch allein auf die „Teile“ der „Bewegung“ beziehen, die auch Breiviks Massenmorde begrüßen. Und damit ist die wesentliche These des Textes denn auch schon formuliert, das wesentliche Motiv etabliert, um das die folgenden Seiten dann kreisen und das wieder und wieder variiert wird:
 
Wer tatsächlich von männlichen Opfern redet und Gleichberechtigung (bitte die Anführungszeichen jeweils unbedingt mitdenken) tatsächlich für alle Menschen fordert, der findet es auch toll, wenn ein rechtsradikaler Killer 77 Menschen ermordet und die meisten der Ermordeten Jugendliche sind.

Bei einem solch schrecklichen Verbrechen verbietet sich natürlich die allzu unbeeindruckte Frage, worin denn nun eigentlich genau der Zusammenhang zwischen Forderungen nach Gleichberechtigung und der Sympathie für einen Massenmord an Jugendlichen besteht. Auch die FES fragt dies natürlich nicht, die parteinahe SPD-Stiftung, die übrigens – anders als der Begriff „Stiftung“ es eben nahelegt – nicht mit privatem Geld, sondern mit Steuergeldern arbeitet.
 
Stattdessen veröffentlicht sie Claus‘ Text als wissenschaftliche Arbeit im „Forum Politik und Gesellschaft“ und verdirbt damit jedes Lesevergnügen – denn wenn der Text nicht als literarisches, souverän die Klischees von Geschlechterdebatten persiflierendes Kunstwerk, sondern als ernstzunehmende Studie gelesen wird, ist er erstaunlich skrupellos, unseriös und unerträglich.
 
Aber ich habe ihn ja, wie schon erwähnt, trotzdem gelesen – und fand ihn am Ende dann doch wieder sehr interessant. Aber wohl auf eine Weise, die sein Autor nicht beabsichtigt hat.

Freitag, 11. Juli 2014

Wie bedeutsam ist Alice S.?

- Gastbeitrag von Johannes Meiners -


Meine Replik bezieht sich auf diesen Post von Arne Hoffmann, den er am 04. Juli in seinem Blog „Genderama“ veröffentlichte:
Journalist geschockt über "Gender-Apokalypse": Alice Schwarzer zählt nicht mehr zu Deutschlands 50 "besten Frauen"
Fast hätte ich mir gestern Abend die ZDF-Sendung über Deutschlands "beste Frauen" angeschaut, nur um zu sehen, wie weit Alice Schwarzer inzwischen abgestürzt ist. Früher gehörte sie in dieser und anderen Hitparaden aufgrund geschickter PR und massiver medialer Unterstützung zu den Führenden. Erfreulicherweise bleibt einem eine Show mit Johannes B. Kerner aber erspart, weil man sich darauf verlassen kann, dass unsere Presse sowieso ganz aufgebracht über Schwarzers Abstieg berichten wird: Das ZDF hatte Schwarzer zwar in seiner Vorselektion zur Wahl gestellt, das Publikum aber hatte der Radikalfeministin die kalte Schulter gezeigt – auf einer Rangliste, auf die es sogar Claudia Roth geschafft hatte.   
Die Osnabrücker Zeitung versucht nun aus dieser Entscheidung allen Ernstes einen Skandal für das ZDF zu drehen. Dort ist ein junger Mann namens Daniel Benedict angefressen ohne Ende darüber, dass das restliche Publikum Alice Schwarzer nicht einmal annähernd so sehr verehrt wie er selbst, sieht das "ZDF blamiert" und polemisiert gegen den "Alte-Säcke-Tonfall" der Sendung:  
"Deutschlands Beste!" im ZDF: Nach Johannes B. Kerners kuriosem Ranking der bedeutendsten Männer folgte mit der Frauen-Show die Gender-Apokalypse. Alice Schwarzer ist nicht in den Top 50 – der Lilalaune-Moderator merkt es nicht mal.   
Alice Schwarzer polarisiert, sie hat zuletzt auch Autorität verspielt. Dass sie zu den prägendsten Frauen Deutschlands zählt, ist trotzdem völlig unbestreitbar. In den angeblich repräsentativen Umfragen, auf denen die ZDF-Show "Deutschlands Beste! Frauen" basiert, hat sie es aber nicht einmal in die Top 50 geschafft. Dort tummeln sich stattdessen die Komikerinnen Annette Frier und Martina Hill, einige Dutzend Olympiasiegerinnen und vollzählig die öffentlich-rechtlichen Nachrichtenfrauen.   
Dem ZDF zufolge finden die Deutschen Helene Fischer (Platz 5) und Andrea Berg also bedeutender als das Gesicht der Frauenbewegung. Das ist so unglaublich, dass Kerner den ganzen Abend lang sein Umfrageverfahren hätte rechtfertigen müssen. Leider hat er die Lücke gar nicht bemerkt. Der Totalausfall passt allerdings gut in eine Show, in der Alice Schwarzer auch inhaltlich nichts verloren gehabt hätte.  
Hier geht es weiter.   
Man muss sich die Seelenqual dieses jungen Mannes einmal vor Augen führen: So ungefähr hätte sich vermutlich ein Journalist des "Neuen Deutschland" geführt, wenn eine TV-Sendung kurz nach dem Ende der DDR über die beliebtesten Politiker des Landes abgestimmt hätte – und es wäre kein einziger Kopf der SED dabei gewesen. Ja sind die Leute denn noch zu retten?! Da baut man jahrzehntelang eine Ideologie auf, mit Führerkult und allem drum und dran, und bei der erstbesten Gelegenheit drehen sie einem den Rücken zu? Wer hat solche Abstimmungen überhaupt erlaubt? Und warum wird diese Ansicht der Bevölkerung nicht angemessen betrauert? Die Leute sind doch für solche Spitzenrankings vorgesehen, da kann das blöde Volk doch nicht einfach anders entscheiden!   
Alice Schwarzers Jubelperser haben in dieser von erschreckendem Antifeminismus geprägten Zeit noch einige düstere Tage vor sich – wenn sie nicht schnell jemand Neues finden, dem sie huldigen können. Vielleicht fangen sie aber auch einfach noch mal von vorne an, uns allen zu erklären, warum Alice Schwarzer ganz, ganz toll und für uns alle ganz furchtbar wichtig ist.
Zwei Vorbemerkungen meinerseits, lieber Arne, liebe Leser dieser Zeilen:
 
1.) Solche Sendungen wie eine öffentlich-rechtliche, politisch hyperkorrekte Gala für die „50 besten Frauen Deutschlands“ sind in der Regel der letzte Murks und das ZDF wurde ja durch die Art der Darstellung, erst nur Männer, dann n u r Frauen dazu gezwungen, den Frauen „50:50“ der Aufmerksamkeit zukommen zu lassen – oder zwangen sich selbst dazu.
 
Als reflektierender Beobachter merkt man dann noch mal, wie wenig Frauen ernsthaft etwas fürs Land leisteten, wovon viele etwas haben, dauerhaft und altruistisch – abgesehen von den Geburten. Aber Hebammen wurden keine geehrt, Putzfrauen übrigens auch nicht – ebenso wenig Angela Merkel, die mit Abstand mächtigste Frau, die es in unserer Gesellschaft – und weltweit – wohl überhaupt je gab.
Wer war denn gleich noch A. Schwarzer? Zumindest beim Düsseldorfer Karneval war in diesem Jahr noch klar, dass sie bedeutend ist. Quelle Citanova Düsseldorf
2.) Ich finde es super, dass du, Arne, die Neue Osnabrücker Zeitung (NOZ), meine Heimatzeitung mit fast einer halben Millionen täglichen Lesern, auch im Blick hast!

Wo ich aber a n d e r e r Meinung bin, ist:

Alice S. i s t tatsächlich sehr bedeutend!

Sonntag, 6. Juli 2014

Warren Farrells Top Ten und die Champions League des Sexismus (Monatsrückblick Juni 2014)

Natürlich musste die Formulierung mit einem Fragezeichen versehen werden:
„Eine internationale Konferenz über die Rechte von Männern?“ (An international conference on men’s rights?)
Unter diesem Titel berichtete der amerikanische Sender msnbc über die Konferenz, die am Ende des Monats in Detroit stattfand – die erste International Men's Issues Conference.
 
Aber Rechte? Welche spezifischen Rechte brauchen denn Männer?

Die msnbc-Sendung ist ein Beispiel dafür, mit welchem Befremden das Thema Männerrechte noch immer in Mainstream-Medien wahrgenommen wird. „Mansplaining“ stand als Untertitel fast die gesamte Zeit unter dem Bericht und dem folgenden Gespräch, als ob das ein neutraler, unverfänglicher Begriff wäre.
 
Zwei Frauen, Alex Wagner als Moderatorin und die feministische Komödiantin Lizz Winstead als Gast, debattierten aufgeregt über die Konferenz, räumten vorsichtig und beiläufig ein, dass manche Themen ja ganz interessant hätten sein können, dass insgesamt aber die Beteiligten natürlich weit über das Ziel hinausgeschossen hätten.

„Nicht ganz ohne Komik“, kommentiert Arne Hoffmann  die Szene, die deutlich macht, wie extrem unterschiedlich die Sensibilitäten im Hinblick auf spezifische Frauen- und spezifische Männerthemen sind: Noch jedem gedankenlosen, klischeebesoffen Redakteur wäre klar, dass es recht lächerlich aussähe, wenn zwei Männer sich aufgeregt und von oben herab über eine Konferenz zu Frauenthemen ausließen und wieder und wieder engstirnige Bewertungen der beteiligten Referentinnen abgäben.
 
Wagner und Winstead aber haben ganz offenkundig überhaupt keinen Sinn dafür, wie nahe an der Lächerlichkeit ihr Arrangement gebaut ist, in dem sie sich über Männerrechte (?) erregen. Auch für sie sind Geschlechterthemen selbstverständlich Frauenthemen – und, ganz wichtig: Man spricht über Männerrechtler, aber nicht mit ihnen.
Männerrechtler reden über die große Bedeutung beider Eltern für Kinder - über Kommunikation zwischen Männern und Frauen - über die notwendige psychologische Betreuung für Soldaten - über die sehr hohe Zahl der Jungenselbstmorde.
Wir hingegen reden übers Ficken."
Geschlechterbewusste junge Menschen demonstrieren in Dallas gewohnt herrschaftskritisch gegen die Konferenz zu Problemen von Männern und Jungen.
Das aber war nur eine von vielen Reaktionen. Der konservative Sender FOX berichtete durchaus angetan von der Konferenz und machte deutlich, wie unangemessen die Vorwürfe, die harten Proteste und Drohungen dagegen waren.  Die große amerikanische Tageszeitung USA Today schrieb sogar:
„Doch obwohl die spezifischen Themen interessant waren, war doch der Aspekt der Veranstaltung, der mich am meisten berührte, der greifbare Mangel an aller Anspannung zwischen den Geschlechtern. Männer und Frauen auf dieser Konferenz zogen offenkundig an einem Strang, gehörten zum selben Team – und das auf eine Weise, die in diesen Zeiten der Geschlechtertrennung beinahe überraschend ist." (1)
Das war eben gerade der Akkord, mit dem der wohl profilierteste Redner der ganzen Veranstaltung seine Rede beendete: Warren Farrell sagte vor dem herzlichen, begeisterten Schlussapplaus zu seinem Beitrag:
„Wir brauchen keine Frauenbewegung, die Männer beschuldigt – wir brauchen keine Männerbewegung, die entweder furchtsam agiert oder Frauen beschuldigt (…) Dies ist nicht die Zeit für eine Männerrechtsbewegung oder eine Frauenrechtsbewegung, sondern für eine Bewegung zur Liberalisierung der Geschlechterrollen (gender liberation movement), weg von den rigiden Rollen der Vergangenheit hin zu flexibleren in der Zukunft.“ (2)
Auch das Erstaunen solcher Kommentatorinnen wie Wagner und Winnfield angesichts der Rede von Männerrechten (?) nahm Farrell schon vorweg: Wenn Männer ohnehin als Herrscher gelten würden, dann sei jemand, der für Männerrechte eintritt, wie jemand, der für die Bürgerrechte von Königen kämpft. „It‘s like asking for kings‘ rights.“ (1:44)

Zehn wesentliche Themen, seine „Top Ten“ skizziert Farrell in seiner Rede – und diese Skizze eignet sich sehr gut dafür, die Themen des vergangenen Monats noch einmal zu betrachten.

Montag, 30. Juni 2014

Von MINT-Girls und gebrauchten Jungen - Der Girls' Day und der Boys' Day

VW ist für ein sehr gutes Programm beim „Zukunftstag für Mädchen und Jungen“ bekannt, und vor einiger Zeit fanden sich in meiner Klasse einige Schüler, die sehr interessiert daran waren. Unglücklicherweise waren alle Interessierten Jungen, und VW bestand darauf, das Programm ausschließlich Mädchen anzubieten. Da unter den Mädchen aber niemand etwas von VW wissen wollte, verfielen die Angebote, und wir mussten den interessierten männlichen Kindern erklären, dass sie für das Angebot leider eine ungünstige Geschlechtszugehörigkeit mitbrächten.

Das ist dann aber auch schon eine meiner wenigen seltsamen Erfahrungen als Lehrer mit dem Girls‘ Day, der an Schulen in Deutschland seit 2001 einmal im Jahr begangen wird – Mädchen haben hier einen Tag schulfrei, um Berufe im MINT-Bereich, also in der Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, kennenzulernen.

In Niedersachsen, wo ich unterrichte, gibt es stattdessen seit einigen Jahren den oben erwähnten Zukunftstag für Mädchen und Jungen“:
„Am Zukunftstag werden getrennte Angebote für Mädchen und Jungen vorgehalten, die es ihnen ermöglichen sollen, Einblicke in verschiedene Berufe zu erhalten, die geeignet sind, das immer noch stark geschlechtsspezifisch geprägte Spektrum möglicher Berufe zu erweitern.“
Das ist fast immer unspektakulär – für viele einfach ein Tag, an dem sie schulfrei haben, an dem sie Eltern oder Onkel oder Tanten in deren Berufe begleiten und bei dem sie selbst nicht so genau wissen, warum sie das nicht ebenso gut in den Ferien erledigen können. 
Pädagogisch eine äußerst fragwürdige Situation, weil hier offenkundig kein Gedanke an die Geschlechtergerechtigkeit des Unterrichtsarrangements verwendet wurde. Beim Girls' Day und Boys' Day gehen Jungen und Mädchen dann endlich in verschiedene Richtungen und arbeiten an ihren jeweiligen Defiziten (Mädchen: Selbstbewusstsein; Jungen: soziale Kompetenzen). Oder so.
Mir erschien der Girls‘ Day lange Zeit als Skurrilität, die sich überlebt hat. Seit 2011 wird sie vom Boys‘ Day begleitet, der wiederum dem Projekt „Neue Wege für Jungs“ entsprang.
Oftmals passen traditionelle Männlichkeitsvorstellungen nicht mehr zu modernen Partnerschafts- und Familienmodellen und zu den Anforderungen des Arbeitsmarkts.“
Das ist die Diagnose, die das Neue-Wege-Projekt in seiner Selbstbeschreibung stellt, und es macht damit auch seine Zielrichtung deutlich: Während es beim Girls‘ Day darum geht, Mädchen zu ermutigen und traditionelles Verhalten zu erweitern, geht es bei Jungen eher darum, „(männliche) Rollenbilder“ in Frage zu stellen.

Hier aber werden die Projekte dann eben doch interessant, weil sie viel darüber aussagen, wie sich die Verantwortlichen Jungen und Mädchen vorstellen – und wie sie sich eine Erziehung vorstellen, bei der die Geschlechtszugehörigkeit im Mittelpunkt steht.

Donnerstag, 26. Juni 2014

Lasst endlich die Feministinnen in Ruhe!

Als konservative Feministin, so schrieb die amerikanische Journalistin Christine Sisto vor wenigen Tagen im National Review, fühle sie sich desillusioniert und angegriffen von den Liberalen, welche die gegenwärtige feministische Bewegung dominieren würden.
„Und ich fange an zu glauben, dass Männerrechtsbewegung und feministische Bewegungen heiraten sollten. Wenn Feministinnen tatsächlich Gleichheit der Geschlechter wollen, dann sollten sie kein Problem mit Männern haben, die auf rechtliche und gesellschaftliche Bereiche hinweisen, in denen Männer unfair behandelt werden.“
Eine freundliche Äußerung mit einigen alarmierenden Aspekten – allein schon deshalb, weil viele Männer der Institution der Ehe gegenüber ohnehin misstrauisch geworden sind, mit guten Gründen. Wenn Feminismus und Männerrechtsbewegung heiraten würden, wie sähe dann eine Scheidung aus? Und was würde aus den – und welchen? – Kindern?

Vermutlich wüssten viele auch gern, ob Sisto mit „equality“ nun eigentlich Gleichheit, Gleichstellung oder Gleichberechtigung meint.
 
Nie wieder ganz entsetzt im Hier und Jetzt: Der Männerrechtler der Zukunft ist ruhig, gelassen und völlig desinteressiert am Feminismus
Vor allem aber spricht sich Sisto dafür aus, dass sich Männer stärker um die Belange von Männern kümmern und sich weniger am Feminismus abarbeiten sollten („to focus more on men, and less on criticizing feminists“). Die berühmte Webseite A Voice For Men würde sich zum Beispiel ganz auf den Hass auf Feministinnen konzentrieren – während andere, wie die National Coalition For Men, sich um die wirklichen Belange von Männern kümmern würden („some, like the National Coalition for Men, focus on real issues that men face“).

Mit der Annahme, dass der Feminismus für Männer eigentlich kein wirkliches Problem darstelle, würde Sisto unter Männerrechtlern wohl ziemlich allein dastehen. So vermutet Arne Hoffmann denn auch, dass ihre „Position zu empörtem Kreischen und Haareraufen unter Maskulisten ebenso wie unter Feministinnen führen dürfte“.
 
Was aber spricht denn eigentlich dafür, dass ein Engagement für Männerrechte immer zugleich eine Auseinandersetzung mit dem Feminismus sein müsse?

Samstag, 21. Juni 2014

OK, Kill Their Boys. Bring Back Our Girls.

Im Juni 2013 töte die nigerianische Terrorgruppe Boko Haram 42 Jungen bei einem Angriff auf eine Schule: Die Jungen wurden zusammengetrieben, dann warfen die Mörder Sprengstoff auf sie.
 
Im September 2013 griffen Boko Haram-Terroristen nachts das College of Agriculture in Gujiba, Nigeria, an – sie attackierten gezielt die Schlafsäle der jungen Männer und töteten 44 von ihnen.

Im Februar 2014 wurden 59 Jungen einer nigerianischen Internatsschule von Boko Haram-Terroristen erschossen oder bei lebendigem Leib verbrannt. Die Mädchen der Schule ließen die Terroristen frei.

Ebenfalls im Februar 2014 überfielen Boko Haram-Terroristen das nigerianische Dorf Izghe, massakrierten dort über mehrere Stunden die männliche Bevölkerung, auch Jungen oder Babies. Unter den 106 Toten waren 105 männlich, und eine war eine Frau, die versucht hatte, ihren Enkel vor den Massenmördern zu schützen.

Im Mai und Juni 2014 begingen Boko Haram-Terroristen über viele Tage lang Massaker in verschiedenen Dörfern im Nordosten Nigerias. Die Terroristen traten zunächst als Soldaten auf, die vorgaben, die Bevölkerung vor Attacken Boko Harams schützen zu wollen – sie führten gezielt Männer und Jungen zusammen und eröffneten dann das Feuer auf sie. CNN spricht von etwa 400 bis 500 Toten.

Die Liste der Verbrechen der islamistischen Terrorgruppe könnte leicht fortgesetzt werden. Über all diese Verbrechen wurde zwar vereinzelt auch in den Nachrichten europäischer oder amerikanischer Medien Europas oder Amerikas berichtet, darüber hinaus erregten sie dort allerdings kaum Aufmerksamkeit.
 
Boko Haram wurde für eine weite Öffentlichkeit erst interessant, als die Terroristen der Gruppe im April 2014 eine Schule in Chibok, ebenfalls im Nordosten Nigerias, überfielen, 276 Mädchen entführten und ankündigten, sie als Sklavinnen zu verkaufen. Der Spiegel:
Ihre Kämpfer haben Kirchen angegriffen, Schulen überfallen, Selbstmordattentäter in vollbesetzte Pendlerbusse geschickt und ganze Dörfer niedergemetzelt. Mehrere tausend Menschen sind dabei seit 2010 getötet worden. International hat jedoch erst die Entführung der mehr als 200 Mädchen im April für größeres Aufsehen gesorgt."
Dass es nicht immer nachvollziehbar ist, warum bestimmte Geschehnisse plötzlich Menschen überall auf der Welt interessieren, erregen oder bestürzen, während ganz ähnliche oder schlimmere Geschehnisse bei den meisten Erregten nicht einmal über die Wahrnehmungsschwelle gelangen – das ist nichts Neues. Hier aber ist die massive Spaltung der Aufmerksamkeit auffällig, weil es deutlich ist, dass sie genau zwischen den Geschlechtern verläuft – zwischen den Geschlechtern der Opfer nämlich.
 
 
Das Blog Toy Soldiers fragt:
„Falls dich die Entführung von 300 Mädchen aufgebracht hat, wie kannst du dann ruhig bleiben, wenn dieselbe Gruppe 500 Männer und Jungen ermordet?“ (If the kidnapping of 300 girls riled you up, how can you be silent when the same group murders 500 men and boys?)
Über die ermordeten Männer und Jungen – so der Videoblogger von Humanity Bites – wolle niemand reden:
„Die Medien schweigen. Die UN schweigt. Sogar die sonst so gesprächige Mrs. Obama schweigt. Es ist, als hätten diese Jungen und Männer nie gelebt“ (The media is silent. The UN is silent. Even the talkative Mrs. Obama is silent. It`s as if these boys and men never lived.)
Um zu erklären, warum das so ist, hilft ein Blick in eine deutsche Stadt – nach Darmstadt.

Montag, 16. Juni 2014

Wie Jungen zu Männern und Erwachsene zu Kindern werden - Richard Linklaters "Boyhood"

Über Richard Linklaters Film Boyhood schreibt Jochen Bordwehr in der taz:
„Das Leben eines Jungen interessiert Linklater, weil er wissen möchte, wie jemand ein Mann wird. Da dies nur in Gesellschaft möglich wird, sehen wir gleichzeitig, wie noch eine ganze Reihe anderer Menschen etwas wird: Die Zeit verändert alle.“
Das legt den Gedanken an einen klischeehaften Film nahe: Wir werden nicht als Mann geboren, wir werden dazu gemacht – wir werden dabei natürlich vom sozialen Umfeld geprägt – und mehr noch, nichts bleibt, wie es war, und die Zeiten ändern sich. Das aber täuscht. Der fast drei Stunden lange Film ist wesentlich differenzierter, ist zugleich unspektakulär und packend, und er führt tatsächlich vor, wie ein Junge zum Mann wird. Aber eigentlich geht es darum, wie Kinder erwachsen werden in einer Welt, in der die Eltern selbst nicht recht wissen, was dieses „Erwachsensein“ eigentlich ist.
 
 
Und: Es ist ein Film, der beiläufig und nachhaltig Zweifel daran wecken kann, ob Klischees gegenwärtiger geschlechter- und familienpolitischer Debatten eigentlich über ihre mediale Verwertung hinaus und für das Leben von Menschen eine ernstzunehmende Bedeutung haben.

Sonntag, 8. Juni 2014

Wozu männliche Monstren und friedliche Frauen gut sind - Margarete Mitscherlichs "Die friedfertige Frau"

Angenommen, eine psychisch kranke Frau würde in den USA vier Frauen und zwei Männer erschießen –
 
angenommen, sie würde Videobotschaften sowie ein langes Manuskript hinterlassen, in denen sie die mangelnde Aufmerksamkeit von Männern und die Unwürdigkeit anderer, bei Männern erfolgreicher  Frauen für ihre Taten verantwortlich macht –
 
und weiter angenommen, diese Verbrechen würden sogleich in wichtigen Massenmedien, aber auch in Blogs und sozialen Netzwerken von Männern weltweit erregt als Beispiel für ein typisches, allüberall verbreitetes unersättliches weibliches Anspruchsdenken („female entitlement“) gewertet –
 
und Widerspruch von Frauen gegen solche maßlosen Verallgemeinerungen würde sogleich als weiterer Beleg dieses bedingungslosen Anspruchsdenkens interpretiert werden  –
 
läge dann nicht die Frage nahe, wie um Himmels Willen Männer eigentlich auf die verrückte Idee kommen, für die Verbrechen einer Frau schlankweg alle anderen mitverantwortlich zu machen?
Friedfertigkeit und Weiblichkeit, ein wenig versteinert
Angenommen, ein Bundesministerium würde sechs Millionen Euro investieren, um eine Telefonhotline einzurichten, an die sich Menschen wenden können, wenn sie in persönlichen Beziehungen Gewalt erfahren –
 
weiter angenommen, diese Hotline würde sich ausschließlich an Männer richten, während Frauen allein als Täterinnen präsentiert würden –
 
würde dann nicht der verantwortliche Minister erhebliche Schwierigkeiten bekommen, anstatt sich und dieses Projekt auch noch feiern zu können?

Angenommen, die Grundrechtsagentur der EU würde eine europaweite Studie zu Gewalterfahrungen von Menschen beauftragen, in der seltsamerweise ausschließlich Männer zu ihren Gewalterfahrungen in Partnerschaften befragt werden –
 
eine Studie, die einen so weiten Gewaltbegriff verwendete, dass demnach fast jeder schon einmal Gewalt erfahren hat, und die zugleich unzählige Studien ignorierte, nach denen Gewalt in Partnerschaften annähernd gleichmäßig zwischen den Geschlechtern verteilt ist –
 
und würde dann verkündet werden, dass mindestens jeder dritte Mann in Europa Opfer von Frauengewalt ist –
 
würde sich dann die Agentur nicht augenblicklich für ihre sexistisch einseitige Interpretation der Grundrechte rechtfertigen müssen?

Wenn es so ist: Wie ist es dann möglich, dass andersherum klischeehafte Verknüpfungen von Männlichkeit und Gewalt und ein verbissenes Festhalten an der Idee weiblicher Gewaltlosigkeit völlig selbstverständlich verbreitet werden können?
 
Zur Beantwortung dieser Frage lohnt es sich, ein wenig Gegenwartsarchäologie zu betreiben und ein Buch neu zu lesen, das 1985 ein enormer Erfolg war, das noch im selben Jahr in der vierten Auflage erschien und angesichts dessen Kritiker noch heute von einem „epochalen Werk“ sprechen:

Die friedfertige Frau von Margarete Mitscherlich, die – so Jan Feddersen im Spiegel anlässlich ihres Todes 2012 – „eine Ikone der 68er und der Frauenbewegung“ war.

Montag, 2. Juni 2014

Ein Mörder und viele Leichenfledderer (Monatsrückblick Mai 2014)

Ein junger Mann, zweiundzwanzig Jahre alt, tötet in Santa Barbara vier Männer und zwei Frauen und verletzt mehrere weitere Menschen mit Schüssen, bevor er schließlich nach einem Schusswechsel mit der Polizei tot aufgefunden wird – offenbar hat er sich schließlich selbst erschossen.

Das Motiv des Mannes, Elliot Rodger, der offenbar unter Asperger litt: Er wütet, weil er noch nie mit einer Frau geschlafen hat, weil eine Frau ihn offenbar noch nie attraktiv fand, weil Frauen ihm andere Männer, die er als unwürdig empfindet, vorziehen – und das, obwohl er aus einer reichen, erfolgreichen Familie stammt, teure Autos fährt und ein eine eure Sonnenbrille besitzt.
 
Mit diesem Bild macht die große britische Tageszeitung The Guardian einen Artikel über eine Mordserie an vier Männern und zwei Frauen auf. Quelle
Mediale Reaktionen  auf die Morde sind zu einem großen Teil ernüchternde, aber auch erschreckende Beispiele der öffentlichen Darstellung von Männern – Beispiele, zu denen es schließlich im Monat Mai auch, glücklicherweise, Gegenbeispiele gab.


Wie man Leichen schnell verwertet (bevor es andere tun) Elliot Rodger hat Phantasien des Massenmordes an Männern wie an Frauen öffentlich verbreitet: Frauen ekeln ihn an, weil sie ihn nicht erhören, andere Männer ekeln ihn an, weil Frauen sie und nicht ihn erwählen. Seine ersten Morde sind die an drei jungen Männern, die mit ihm zusammenwohnen. Gleichwohl beginnt die Grimme-Preis-nominierte feministischen Webseite kleinerdrei ihren Artikel zum Thema mit einer unbekümmert einseitigen Warnung:
[TW Gewalt an Frauen, Frauenhass].
Die Autorin Juliane Leopold, die sonst auch bei Zeit-Online schreibt, sieht offenbar keinen Grund zu der Befürchtung, dass für das Publikum von kleinerdrei auch Männerhass und Gewalt an Männern einen Schrecken besitzen könnten.

Ganz ähnlich empört sich die Bild-Zeitung schon in ihrer Überschrift über zwei getötete Frauen und erwähnt die vier getöteten Männer im Text immerhin nebenbei. „Frauenhass tötet“, behauptet Jessica Valenti im Guardian, einer der wichtigsten britischen Tageszeitungen, und schreibt, Rodger habe bei seiner Mordserie offenbar Vergeltung an den Frauen üben wollen, die ihn abgewiesen hatten („allegedly seeking 'retribution' against women whom he said sexually rejected him“).

Das Geschlecht seiner Opfer lässt Valenti sorgfältig unbestimmt – angesichts der Konsequenz, mit der sie „Frauenhass“ als Motiv angibt, muss aber natürlich der Eindruck entstehen, die Ermordeten seien durchweg Frauen gewesen.
 
Statt das klarzustellen, spekuliert sie dann doch lieber darüber, dass Rodger mit der Männerbewegung im Internet zu tun gehabt habe („was reportedly involved with the online men's rights movement“). Tatsächlich hat er offenbar in einem Forum Kommentare gepostet, in dem sich Männer sammelten, die vom Pick Up – kurz: einer mehr oder weniger kohärenten Sammlung von Hinweisen, wie Männer Frauen verführen können – enttäuscht waren.

Valenti wendet sich, wie übrigens auch die deutsche Bloggerin tofutastisch, entschieden dagegen, Rodgers Taten mit seiner psychischen Erkrankung in Zusammenhang zu bringen – das würde nur ihre Entstehung in der rape culture, der frauenhassenden, die Vergewaltigung legitimierenden Kultur verdecken, mit der allein die Taten erklärt werden könnten. Tofutastisch korrigiert ihre ursprüngliche Aussage, Rodger hätte sechs Frauen ermordet, immerhin so weit, die Berichte seien sich
„uneinig darüber, wie viele der Ermordeten männlich* und wie viele weiblich* waren“.
Dass der Täter doppelt so viele Männer wie Frauen ermordet hat, interessiert schließlich in Zeiten der Verflüssigung von Geschlechterrollen ohnehin nur am Rande. Zumindest, solange nicht nur Frauen die Opfer sind.

Einig immerhin sind sich Bloggerinnen und Journalistinnen darin, dass Rodger getragen worden sei von, so Leopold, einer
„Gruppe von Menschen und eine Mentalität, die den Wert von Frauen davon abhängig macht, wie nett sie zu Männern sind.“
Antje Schrupp greift bis weit ins Mittelalter zurück, um „die weibliche Pflicht zu lieben“ als eine Konstante unserer Kultur zu präsentieren. Valenti stellt fest, dass Rodger, wie den meisten jungen amerikanischen Männern, beigebracht worden sei, dass er einen Anspruch auf Sex und weibliches Begehren habe („Rodger, like most young American men, was taught that he was entitled to sex and female attention.“). Von wem aber wurde ihm das beigebracht?
 
Das macht Laurie Penny im New Statesman in einem Text klar, der sich in einem Wettbewerb um die unverhohlenste journalistische Hetze mühelos auch gegen die hier ja  keineswegs schüchtern-verdruckste Konkurrenz durchsetzen könnte.

Auch Penny läss das Geschlecht der Ermordeten offen, suggeriert aber wie Valenti, dass es Frauen seien – Rodger habe Rache üben wollen an
„all den ‘Schlampen‘, die ihn sexuell abgewiesen hatten“ („take revenge on all the “sluts” who had sexually rejected him”).
Ganz allgemein und nicht direkt auf den Fall bezogen sinniert sie später über Frauen und unglückliche männliche Zuschauer („women and unlucky male bystanders“), die durch Männergewalt ihr Leben verlieren würden.

Penny skizziert eine Welt, in der Männer sich um ein „Geburtsrecht auf einfach zu erlangende Macht“ betrogen fühlten ("the conviction that men have been denied a birthright of easy power") und in der Frauen Männern prinzipiell Sex und Anerkennung schuldeten – in der Vorstellungswelt von Männern wie Rodger nämlich.
 
Sie habe, so Penny als „Aktivistin im Bereich geistiger Gesundheit“, keine Zeit, die Sprache für emotionale Not als Enschuldigung für Greueltaten zu verwenden („But as a mental health activist, I have no time for the language of emotional distress being used to excuse an atrocity…“) – was, wenn auch verschwurbelter formuliert, einfach die Argumentationen aufgreift, die sich so auch bei Valenti oder tofutastsich finden. Tatsächlich seien Rodgers Taten natürlich nicht die eines Kranken gewesen, sondern Ausdruck einer extremistischen Kultur des Frauenhasses.

Wenn einer ihrer Leser, an die sie sich dann unvermittelt direkt wendet, die geschlechtsspezifische Gewalt gegen Frauen nicht angemessen wahrnehme, weil er Männer nicht pauschal als Gruppe für Verbrechen verantwortlich machen wolle, dann
„bis du Teil des Problems. Du hast vielleicht den Abzug nicht gezogen. Du hast vielleicht nie die Hand gegen eine Frau in deiner Umgebung gehoben. Aber du bist Teil des Problems.” (1)
Wer das nicht einsieht, sei also mitschuldig an den Verbrechen. Die Geschichte Rodgers präsentiert Penny als
Geschichte eines jungen Mannes, der kaum die Kindheit verlassen habe und schon verführt worden sei von einem verstörenden Kult des Frauenhasses. Elliot Rodger war ein Opfer – aber nicht aus den Gründen, die er selbst annahm.” (2)
Wer aber sind diese gewissenlosen Verführer? Der Massenmord in Santa Barbara sei der erste bestätigte Fall, in dem ein blutiges und abstoßendes Verbrechen direkt verbunden sei mit der Kultur der Männerrechtsbewegung und der Pick-Up Artists, einer Ideologie, die es auf verlorene, wütende junge Männer abgesehen habe und die nicht länger ignoriert werden dürfe. (3)

Angehörige dieser Gruppen präseniert Penny wie Schwerverbecher. Andere Männer müssen sich fragen:
Wer sind diese Leute? Wo leben sie? Und die unausgesprochene Angst: Kenne ich sie? Bin ich vielleicht schon einmal einigen von ihnen begegnet, habe ich mit ihnen etwas getrunken?“ (4)
Welche Belege aber bringt Penny eigentlich für die Anschuldigungen, dass Männerbewegung und PU-Artists Teil eines gemeinsamen Kultes seien, der den Zweck habe, Frauenhass zu verbreiten und der an den Verbrechen weitaus schuldiger sei als Rodger selbst?

Keine. Anschuldigungen wie diese sind offenbar selbstlegitimierend – selbst ein aus dem Zusammenhang gerissenes Zitat wäre für solche entmenschlichten Gegner offenbar noch zu schade.


Warum männliche Täter begehrt sind und männliche Opfer verschwinden Dabei gibt es ja durchaus Zitate von Männern, die sich in Elliot begeistert spiegeln – die in seiner Not ihre eigene entdecken und die ihn zu einem Helden der Unerhörten aufbauen. Allerdings haben solche Positionen eben wenig mit Männerrechten zu tun und wenig mit Pick Up (das legt Christian Schmidt auch bei Alles Evolution dar).
 
Dass sexuelles Angezogensein nicht eingeklagt werden könne, ist sogar ein verbreiteter PU-Grundsatz: Attraction is not a choice. Wenn ein Mensch nicht frei wählen kann, wann oder von wem oder wodurch er sexuell angezogen wird, dann hat es selbstverständlich auch keinen Sinn, ihm eine eine entsprechende moralische Pflicht aufzuerlegen.

Ohnehin ist im Fall Rodger die Rede vom male entitlement – vom männlichen Anspruchsdenken – krumm. Tatsächlich führt der Mörder ein extremes Anspruchsdenken vor – aber er begründet es eben nicht einfach darauf, ein Mann zu sein, sondern darauf, dass er besser sei als andere Männer, mehr habe, bessere Autos fahre und bessere Sonnenbrillen trage, der „erhabene Gentleman“ sei.
 
Es ist das Anspruchsdenken eines jungen Menschen aus den besten Kreisen, der in den eigenen Augen mehr ist als das Fußvolk, das ihn umgibt. Als Schutzpatron der ABs, der Erwachsenen ohne Sexual- und Beziehungserfahrung, eignet er sich ebenso wenig wie als Inbegriff des typischen Mannes.

Erkennbar ist bei Rodger allerdings eine ungeheure, bodenlose Bedürftigkeit nach weiblicher Bestätigung. Wer die Empfindung eines eigenen Werts so extrem von der Aufmerksamkeit und dem Begehren anderer abhängig macht, der wird es vermutlich tatsächlich als fair empfinden, zumindest genau wissen zu können, was er selbst dafür tun muss. Ob andere ihn begehren, ist ihnen in seinem gedanklichen Kosmos dann tatsächlich nicht mehr freigestellt – wenn er getan hat, was er solle, muss die Gegenleistung kommen.

Der völlig naheliegende Gedanke, dass bei Rodger Frauenhass UND Männerhass verknüpft sind mit einer enormen Unfähigkeit, frustrierende Erfahrungen zu verarbeiten, eignet sich allerdings kaum für politische Propaganda. Texte wie die von Penny, Valenti,  Leopold von kleinerdrei und anderen betreiben eine politische Leichenfledderei, die sich angesichts der propagandistisch günstigen Situation um Konsequenzen nicht weiter kümmert. Als ob die Leichen der Ermordeten nicht einmal kalt werden dürften, bevor sie für den guten Zweck verwertet werden.

Tatsächlich aber sind die Signale, die von der medialen Verarbeitung dieses Falles an Männer gesandt werden, katastrophal. Wenn ein Mann andere ermordet – dann wird er zum Zentrum allgemeiner Imaginationen, und Hunderte setzen sich intensiv damit auseinander, wie er zu seinen Taten motiviert wurde, phantasieren ihn gar – wie eine Facebook-Fanseite – als unverstandenen Helden.

Als Opfer aber sind Männer hier nichts wert. Wenn sie nicht gleich in Frauen verwandelt werden, weil weibliche Opfer in den Augen der Autorinnen ohnehin wichtiger sind, dann werden sie in Fußnoten oder in geschlechtsneutralen Formulierungen versteckt. Feministinnen, die doch angeblich auch für Männer gut sind, weil sie doch angeblich Männer wie Frauen vom patriarchalen Joch befreien – Feministinnen bestätigen diese kranken und reaktionären Muster eher noch entschlossener als andere.

Hier agieren sie wie Feuerwehrleute, die mit großer Geste, lauten Alarmsirenen und beständig auf ihre Wirkung bedacht zum Brandherd gefahren kommen – und dann laut schreiend und schimpfend beginnen, mit Benzin zu löschen.


Wer ist hier eigentlich der Backlash?
„Der Backlash ist real. Es steht eine Ideologie hinter ihm. Er bereitet Menschen Schmerzen. Manchmal tötet er. (“The backlash is real. There is ideology behind it. It hurts. Sometimes, it kills.”)
So klar macht Laurie Penny die politische Motivation hinter ihrem Artikel deutlich. Die Morde Elliots wurden in der medialen Verwertung der Leichen tatsächlich sogleich kampagnenfähig gemacht: Auch eine Kampagne gegen eine internationale, hochrangig besetzte Konferenz in Detroit zu spezifischen Problemen von Männern verwies auf Rodgers Taten und lancierte bei der günstigen Gelegenheit  Morddrohungen gegen Beteiligte an der Konferenz.
 
Was Penny als „Backlash“ bezeichnet, sind beispielweise Väter, die sich dagegen wehren, willkürlich von ihren Kindern getrennt zu werden. Oder Menschen, die auf die Gewalterfahrungen von Männern aufmerksam machen. Oder Menschen, die sich mit den spezifischen Problemen von Jungen in den Bildungsinstitutionen offen auseinandersetzen. Was das eigentlich mit den Morden in Santa Barabara zu tun hat, kann Penny auch nicht so genau erklären, es ist aber auch nicht so wichtig.

Auch Juliane Leopold von kleinerdrei beunruhigt es sehr, dass Männer immer offener über ihre Situation oder über die von Männern und Jungen reden. Sie vergleicht den Twitter-Hashtag yesallwoman, der anlässlich der Morde entstand und der Elliots Taten selbstverständlich als frauenfeindliche – und nicht etwa menschenfeindliche – Verbrechen wertet, erfreut mit dem deutschen Aufschrei. Wiederholt zitiert Leopold den Rat, dass Männer hier eigentlich nur zuhören und lernen könnten. „HÖRT einfach ZU und RESPEKTIERT.” Und haltet Eure Klappen.
 
Es ist in meinen Augen sehr schade, dass ein Blogger die Anschuldigungen an Männerrechtler, die auf die Morde folgten, zum Anlass genommen hat, sein Schreiben einzustellen.

 
Außerhalb der Internet-Aufgeregtheiten allerdings ist der Backlash manchmal ungestört in vollem Gange, zum Nutzen für alle Beteiligten. Die Zeit berichtete beispielsweise über eine Entwicklung an vielen Familiengerichten, Eltern stärker zur Verständigung zu drängen und die Eskalation von Konflikten nicht auch noch mit der Ausgrenzung des Vaters aus der gemeinsamen Sorge zu belohnen. Dabei gingen Richter
„pragmatisch vor und lassen sich immer weniger von traditionellen Familienbildern leiten. Die Zeit, da der Mutterbonus den Kampf ums Kind entschied, geht zu Ende“.
Das ist sicherlich idealisierend und regions- oder gar richterabhängig. Gleichwohl gibt es offenbar Ansätze einer echten Zivilisierung des Elternrechts, angesichts derer Artikel wie der von Gunnar Schupelius in der BZ irgendwann nur noch als das gesehen werden, was sie eh schon sind: als reaktionäre Hetzartikel, die längst aus der Zeit gefallen sind.

Zum Thema passt auch ein Artikel aus dem Magazin der Süddeutschen Zeitung vom 30. Mai, Wer hat Angst vor diesem Mann? Ein Bericht über die Schwierigkeiten von männlichen Kindergärtnern und den pauschalen Missbrauch-Verdächtigungen, denen sie ausgesetzt seien.
 
Natürlich: Dass ein solches pauschales Misstrauen nicht einfach so entstanden ist, dass es mindestens ebenso sehr auf Berichte über Missbrauchsfälle wie auf männerfeindliche Klischees zurückgeht, die in solchen Artikeln wie den oben zitierten zelebriert werden – das erwähnt der Autor Max Fellmann nicht. Er bestätigt aber auch nebenbei und in großer Selbstverständlichkeit, dass
„ganze Regale voll pädagogischer Fachliteratur (belegen), wie wichtig es ist, dass die frühkindliche Erziehung sowohl von Frauen als auch von Männern übernommen wird.“
Wenn er zudem feststellt, es ginge „letztlich um eine ganze Gesellschaft, die ein Problem hat“ – dann meint er in diesem Fall damit nicht Missbrauchsfälle, sondern den Pauschalverdacht gegenüber Männern.

Ganz milde gestimmt bedankte sich dann auch Nivea bei den Vätern.  Nachdem der Weihnachtswerbespot von Nivea die alleinerziehende Mutterschaft idealisiert hatte, in der Nachfolge zu einem Muttertagsspot, ist jetzt plötzlich irgendwoher ein Vater aufgetaucht. Es sei, so Nivea heute, von Beginn an geplant gewesen, „die Bindung des Kindes zu diversen Familienmitgliedern“  in verschiedenen Spots zu feiern, und nun seien eben die Väter an der Reihe. Warum Mutter und Oma zuvor nur in Abwesenheit des Vaters zu feiern waren, verrät Nivea nicht.

Der linkische Onkel, der statt des Vaters im Weihnachtsspot aufgetreten war, war übrigens für die polnische Version zum echten Vater geworden. Nivea dazu:
„Angesichts der ‚Groß-Familienstrukturen‘ in Polen erfolgte dann die Umdeutung des Onkels in den Vater.“
Wer könnte daran zweifeln: Schließlich hat der Onkel in Großfamilienstrukturen traditionell keinen Platz, während er bekanntlich in deutschen Kleinfamilien fast überall eine tragende Rolle spielt. Dass das Ideal der alleinerziehenden Mutterschaft in Polen schon aufgrund der deutlich geringeren Sozialleistungen wesentlich weniger Überzeugungskraft besitzt als in Deutschland, war dabei sicherlich unwichtig. Das gilt auch für die Einschätzung, dass die meisten Polen wahrscheinlich amüsiert-irritiert eine Werbung für recht verrückt gehalten hätten, die ihnen die Abwesenheit des Vaters als familiäres Ideal verkauft und ihnen nebenbei noch Hautcremes andrehen möchte.

Der „Danke Papa“-Spot  ist denn auch deutlich ironisierender als die Spots zuvor, der Vater erscheint in der Augen des Kindes als Meisterkoch, weil er Milch in Cornflakes schütten kann, und ist ansonsten die meiste Zeit damit beschäftigt zu schlafen – Kindessorge ist eben eine erhebliche Anforderung, wenn man ein Mann ist. Vermutlich gibt es keinen Vater, der einen solchen Spot braucht.
 
Gleichwohl ist auch dieser Spot in meinen Augen ein sehr gutes Zeichen: Er zeigt schließlich nicht nur, dass Proteste sich lohnen – sondern auch, dass öffentlich zelebrierte Männerfeindlichkeit in den Augen von Investoren mittlerweile mehr Nachteile als Vorteile hat.

Ich bin mir aber auch ganz sicher: Es lohnt sich nicht, darauf zu warten, dass diese Einsicht auch irgendwann einmal Betonschädel wie Juliane Leopold, Jenniver Valenti oder Laurie Penny erreicht.



Einige längere Zitate aus Pennys Artikel habe ich im Text direkt ins Deutsche übersetzt, hier sind die englischen Originale:
 
(1) (...) then you are part of the problem. You may not have pulled the trigger. You may not have raised your hand to a woman in your life. But you are part of the problem.

(2) (...) by a young man barely out of childhood himself who had been seduced into a disturbing cult of woman-hatred. Elliot Rodger was a victim - but not for the reasons he believed.
 
(3) (...) is the first confirmed incident of an incident of gross and bloody violence directly linked to the culture of ‘Men’s Rights’ activism and Pickup Artist (PUA) ideology, an ideology that preys on lost, angry men, then it cannot be ignored or dismissed any more.

(4) Who are these people? Where do they live? And the unspoken fear: do I know them? Might I have met some of them, drunk with them?