Freitag, 26. September 2014

Wozu ist Männerhass eigentlich gut? (Teil 1: Auslöschung der Rabenväter)

„Mir ist klar geworden, dass der Kampf für Frauenrechte allzu oft zu einem Synomyn für Männerhass geworden ist. Wenn ich eines sicher weiß, dann, dass das ein Ende haben muss.“ ( I’ve realized that fighting for women’s rights has too often become synonymous with manhating.)
Diese Sätze aus Emma Watsons viel diskutierter UN-Rede ist missverständlich. Im Zusammenhang wird klar, dass sich Watson keineswegs gegen Männerhass stellt – sondern gegen die Meinung, Feminismus habe etwas mit Männerhass zu tun. Im nächsten Satz schon zieht sie sich auf eine Lexikon-Definition zurück. Für's Protokoll („for the record“): Feminismus sei eine Bewegung zur Gleichheit der Geschlechter.
Watson hätte an dieser Stelle natürlich zumindest die Möglichkeit einräumen können, dass andere Menschen andere Erfahrungen gemacht haben als die junge Lexikon-Leserin. Was nach ihrer Darstellung also „ein Ende haben muss", ist, dass diese Menschen ihre Erfahrungen offen aussprechen können, und dass sie ihre Erfahrungen eigenständig bewerten.
Ein typischer Väterrechtler. Selbstverständlich ist diese Darstellung so realistisch wie nur möglich und hat nichts mit dem Aufbau von Feindbildern zu tun.
Dabei geht es keineswegs allein um extreme Äußerungen des Hasses, wie etwa Solanas' berühmtes „Scum“-Manifest, oder um den Sadismus der „Ich bade in Männertränen/ I bathe in male tears“-Sprüche, oder um die beliebten eugenischen Phantasien, den männlichen Anteil an der Weltbevölkerung auf zehn Prozent zu reduzieren. Es gibt auch eine Alltagsfeindschaft, die nicht so extrem daherkommt wie diese Beispiele, die aber wohl noch deutlich folgenreicher ist. An drei Beispielen dafür lässt sich gut zeigen, welche Funktion diese Feindschaft erfüllt.

Dienstag, 23. September 2014

Am Grabbeltisch der Politik

Ein kurzer Briefwechsel zwischen Johannes Meiners und Lucas Schoppe

Dieser Text hat schon eine längere Geschichte. Johannes hatte mir vor Wochen einen Text geschickt zu einem Interview, das in der FAZ erschienen war. Ich war gerade mitten in den Schuljahresendarbeiten und brauchte eine ganze Weile, um darauf zu antworten – antworten aber wollte ich, einiges sah ich nämlich ganz anders als Johannes. Die Antwort erreichte Johannes dann gerade, als er seinerseits unterwegs war – so hat der ganze kurze Briefwechsel am Ende einige Wochen gedauert. Als er dann druckreif war, kochte gerade die Diskussion über einen Zeit-Artikel hoch...
 
Das Thema aber bleibt wichtig, trotz des Aufhängers über ein FAZ-Interview. Der Briefwechsel dreht sich nämlich um die Frage: Hat es überhaupt einen Sinn, sich in einer Partei zu engagieren?
LS
 
 
Johannes Meiners: Als Herr Tauber einmal verführen sollte
„Es ist Zeit für einen Test. Ich will, dass Peter Tauber mich dazu verführt, in die CDU einzutreten, oder es zumindest versucht."
Eine junge, fesche Akademikerin – natürlich mit „Migrationshintergrund“ – interviewt für die einst seriöse, im Selbstverständnis bürgerlich-liberale Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) den neuen, jungen CDU-Generalsekretär Peter Tauber.

Sie fragt, was seine Partei ihresgleichen verspreche, um sie zum Beitritt zu bewegen.

Da hat die sich für stark und selbstbewusst haltende Dame wohl etwas falsch verstanden:

Sie will als Mitglied geködert werden – und Männer (!) sollen ihr alles Mögliche dafür versprechen, natürlich vollkommen leistungsentkoppelt und ohne, dass sie eine innere Überzeugung, eine Werthaltung oder gar ein Welt- und Menschenbild mitbringen müsste, die auch nur ansatzweise zur Union zu passen hätte.

Nicht sie, die Frau, soll etwas leisten müssen, sich anstrengen, kämpfen, frustriert sein, scheitern, nachdenken, neu ansetzen, wieder Klinken putzen, Ideen einbringen, innovativ sein, Mut zeigen, Einsatz und Energie, Reden halten, Andere anwerben und sich immer wieder um Kandidatenplätze bemühen, sondern die CDU, sprich die darin oder in jeder beliebigen anderen Partei wie obig beschriebenen Männer, sollen ihr, der Frau, jedes Hindernis präventiv aus dem Weg räumen - und dann wird suggeriert, die Frau sei „stark und selbstbewusst“.
Das Angebot der Parteien ist reichhaltig und vielfältig, und wir müssen nur zugreifen. Wer aber die bunten Wagen jeden Tag so schön bepackt, bleibt ein Mysterium.
Interessant auch, dass es nicht um große Fragen der Zeit geht, die eigene Biographie, Überzeugungen des Interviewpartners, aktuelle Geschehnisse, Abgrenzungen zu anderen Parteien u. V. m., sondern ein Detail einer (Nach)Verhütungsmethode zum Kern des Gesprächs erkoren wird.

Montag, 15. September 2014

Für eine offene und sachliche Geschlechterdebatte. Gegen Diffamierungen.

Offener Brief an die Zeit-Redaktion
Von Lucas Schoppe, Prof. Dr. Günter Buchholz, Dr. Alexander Ulfig
 
 
 
Sehr geehrte Damen, sehr geehrte Herren,

wir reagieren mit diesem Brief auf einen Text, der am vergangenen Donnerstag in der Zeit veröffentlicht wurde und bei dem wir nicht verstehen, wie er in einer Zeitung mit einem Anspruch auf Seriosität erscheinen konnte. Es ist in unseren Augen ein menschenfeindlicher, hetzerischer Text, und er diskreditiert Menschen maßlos, deren politische Position von der Meinung der Autorinnen abweicht.

Es geht um den Text „Vom Zorn abgehängter Männer“ von Christina Schildmann und Anna-Katharina Meßmer. Fragwürdig ist nicht allein der Text selbst, sondern schon seine redaktionelle Einbindung. In den dünnen Angaben, die Ihre Zeitung zu den Autorinnen macht, kann nicht einmal ansatzweise deutlich werden, wie sehr sie mit persönlichen Interessen in ihr Thema verstrickt sind.

Meßmer ist nicht nur Aufschrei-Initiatorin, sondern auch Promovendin bei einer der einflussreichsten Gender-Forscherinnen des Landes, bei Paula-Irene Villa. Christina Schildmann ist bei der Friedrich Ebert Stiftung verantwortliche Redakteurin von Robert Claus‘ Schrift „Maskulismus“, die in diesem Jahr erschien und die kenntnisarm und ohne Belege männerrechtliches Engagement pauschal als rechtsradikal diffamierte. Gegen diese Schrift wurden in vielen Internet-Artikeln Kritikpunkte und Argumente formuliert – die Autoren dieser Artikel gehören zu denjenigen Männern, die Schildmann nun in ihrem Zeit-Artikel pauschal und ungeheuer diffamierend angreift.

Diese persönlichen Hintergründe der Autorinnen können durch Ihre redaktionelle Darstellung unmöglich deutlich werden.

Gleich zu Beginn schreiben die Autorinnen davon, dass Männer sich – wie Schweine – in Ressentiments „suhlen“ und – wie Affen oder Steinzeitmenschen – zu „Horden“ zusammenschließen würden, um gezielt auf Einzelne loszugehen. Dafür liefern die Autorinnen selbstverständlich keinen Beleg, aber sie präsentieren ihre politischen Gegner, wie in einem Grundakkord, pauschal als aggressive, tierähnliche Wesen.
Die eigenen Gegner mit Tieren zu vergleichen, ist ein traditionelles Mittel politischer Propaganda. Auch zu Geschlechterklischees tragen solche inhumanen Vergleiche seit Jahrhunderten bei. Als journalistisches Mittel der Wochenzeitung Die Zeit waren sie bis vor Kurzem eher nicht bekannt.
Das ist kein begrifflicher Ausrutscher. Auch im weiteren Verlauf des Textes gestehen sie Menschen – Männern – nicht zu, dass sie Gründe und Argumente für ihre Positionen haben könnten. Stattdessen unterstellen sie ihnen rundweg, und immer wieder, Wut und Zorn. Da die De-Humanisierung der politischen Gegner und ihre Präsentation als wilde, emotionsgeleitete, irrationale tierische Wesen offen erkennbar ein Grundprinzip des Textes ist, verstehen wir nicht, wie so etwas in Ihrer Zeitung erscheinen konnte.

Samstag, 13. September 2014

Wie uns die "Zeit" wieder mal davonlief

Ich schaue ja immer gerne nach, wo Artikel des man tau-Blogs verlinkt worden sind. Als ich heute Abend nach Hause kam, fand ich in meinen Statistiken beispielsweise Besuche von der Seite der Zeit – dort hatte der Leser gran_torino77 einen Text von mir im Kommentarbereich verlinkt. Vielen Dank dafür! Am selben Tag wurde mir noch ein weiterer Link aus der Zeit angezeigt, aus deren mit Abstand umstrittensten Artikel des Tages: Vom Zorn abgehängter Männer.
 
Verfasserinnen sind die Aufschrei-Initiatorin und Sozialdemokratin Anna-Katharina Messmer und Christina Schildmann, Referentin der Friedrich Ebert Stiftung und verantwortliche Redakteurin bei Robert Claus‘ Schrift „Maskulismus“. Bedauerlicherweise vergisst die Zeit es versehentlich, klarzustellen, wie außerordentlich parteilich diese beiden Verfasserinnen angesichts ihres Themas sind.

Zu meiner großen Enttäuschung fand ich den Link nicht auf der Seite, auf der es sich befinden sollte – lediglich einen gelöschten Kommentar von gran_torino77. Dazu eine Begründung:
„Entfernt. Bitte beachten Sie, dass aus Extrembeispielen keine allgemeinen Aussagen über Gruppen abgeleitet werden können. Aus diesem Grund bewerten wir das Posting dieses Links als überzogene Polemik. Danke, die Redaktion/jp“
Überzogene Polemik? ICH?? Und das auch noch nach einem sachlichen Zeit-Artikel, der gleich zu Beginn völlig wertfrei feststellt, dass Männer sich im Internet zu „Horden“ zusammenschließen würden (was selbstverständlich Männer nicht mit Tieren gleichsetzen soll, sondern irgendwas ganz anderes ausdrückt, auch wenn ich im Moment nicht so genau weiß, was eigentlich)?
 
Womöglich sehen aus der Sicht der Zeit die eigenen Leser ungefähr SO aus. Kein Wunder, dass die Redaktion das Bedürfnis hat, sich vor ihnen zu schützen. Leider kommt sie nicht auf die Idee, dass der Blick von oben manchmal täuschen kann.
 
Da meine Neugier nun endgültig geweckt war, versuchte ich mit den Klickzahlen herauszufinden, welcher Artikel hier wohl verlinkt worden war.

Sonntag, 7. September 2014

In diesem August (Monatsrückblick August 2014)

Als ich die Nachrichten dieses Monats mit den Geschlechterdebatten verglich, die über Nagellack und Fap-Vorwürfe geführt wurden, kamen mir diese Debatten oft sehr unwirklich vor. Es gibt einen Text von Wolfgang Borchert, An diesem Dienstag, der davon lebt, dass ziviler Alltag und Krieg einander gegenübergestellt werden. Aus diesem Text habe ich mich für den Monatsrückblick bedient.

 
 
In diesem August
 
In diesem August
kamen in der belgischen Stadt Lüttich die Oberhäupter der europäischen Staaten und Gäste aus vielen anderen Ländern zusammen, um gemeinsam des Tages zu gedenken, an dem hundert Jahre zuvor der Erste Weltkrieg begonnen hatte. Damals waren deutsche Soldaten in Belgien einmarschiert.
 
Auch Herr Gauck, der deutsche Präsident, war bei der Gedenkfeier dabei, erklärte seine Dankbarkeit dafür, teilnehmen zu dürfen, und sagte auch: „Wir sind dankbar dafür, dass wir in Europa nun schon so lange in Frieden leben dürfen."
 
 
In diesem August
erzählte Andriy Gerus aus Kiew, der in London gerade sein Management-Studium abgeschlossen hat und nun Geschäftsführer einer ukrainischen Firma ist, von einem Tag im Juli. Er wollte gerade mit seinem Baby einen Spaziergang machen, als es an seiner Tür klopfte und ein Mann ihm seine Einberufungspapiere überreichte. Herr Gerus spürte sein Herz rasen, weil er fast nichts über Schusswaffen weiß, sagte er.
 
Nun saß Herr Gerus in einem Cafè in Kiew und wartet täglich darauf, in den Krieg ziehen zu müssen. Wie ihm geht es vielen ukrainischen Männern, die in mehreren Wellen zum Kampf gegen Russen in der Ostukraine eingezogen wurden.

 
In diesem August
kritisierte die Umweltschutzorganisation Robin Wood die zweitausend Luftballons, die in der französischen Stadt Reims bei einer Gedenkstunde zum Beginn des Ersten Weltkriegs aufgestiegen waren. An jedem Luftballon hing eine Karte zur Erinnerung an die getöteten französischen Soldaten. Robin Wood machte darauf aufmerksam, dass diese Ballons eine Umweltbelastung sind, und bezeichnete sie als „Krieg gegen die Tierwelt“. Sie will daher gegen die Stadt Reims klagen.

Freitag, 29. August 2014

Coke contra Pepsi, oder: Wozu ist nochmal diese linke Männerpolitik gut?


„Dass es einen ‚linken Flügel der antisexistischen Männerbewegung‘ gibt, ist mir neu, und ist durchaus amüsant. Wo lässt der sich denn einordnen, innerhalb der Linken? Steht der eher in der Nähe des ‚linken Flügels zur Pflege des Ansehens der militärischen Tradition‘ oder doch eher in der Nähe des ‚Linken Flügels zur Verbesserung der pekuniären Situation des Großunternehmertums?‘“
Soweit amüsiert zeigte sich der Kommentator „führerscheinnichtnutzer“ unter Sarah Schascheks Tagesspiegel-Artikel „Brutale Drohungen im Internet Hetze gegen Genderforscherinnen“. Für Rechte von Männern einzutreten sei also, als würde man für die Rechte von Militaristen oder die von Großunternehmern eintreten – eine klassische Angelegenheit der politischen Rechten. Der Begriff antisexistisch passt ihm hier ohnehin nicht und wird daher souverän ignoriert.

Dass führerdings sein stillschweigendes Argument nicht ausdrücklich formuliert, sondern ironisierend verpackt, hat wohl einen guten Grund. Schon wer nur kurz nachdenkt, wird auf viele Männer oder Jungen kommen, die in deutlich hilfloseren Situationen leben als militärische Traditionalisten oder Großunternehmer: Obdachlose; Väter ohne Möglichkeit zum Kontakt zu ihren Kindern; einfache Soldaten; Arbeiter in gesundheitsgefährdenden Berufen; Jungen mit ihren spezifischen Schwierigkeiten in der Schule…
 
Kurz: Er wird auf Menschen kommen, deren Interessen einmal ein Kernanliegen linker Politik waren. Dass die Ironie der zitieren Passage überhaupt verfangen kann, setzt daher voraus, dass auf Seiten von Linken und solchen, die es sein wollen, die Vorstellung fraglos betoniert ist, ein Engagement für Fraueninteressen sei „links“ und eines für Interessen von Männern sei irgendwie „rechts“.

Eben eine solche betonierte Gegenüberstellung wird auch von ganz anderer Seite bestätigt.
„Wie lange wollen sich ‚linke Männerrechtler‘ noch von Vertretern ihres eigenen Lagers verprügeln, verleumden und ‚positiv‘ (sic!) diskriminieren lassen, bevor sie erkennen, daß ‚links‘ heute explizit ‚Feminismus‘ und ‚Anti-Maskulismus‘ bedeutet? Sorry, aber aus meiner bescheidenen Sicht ist das naiv und/oder sehr masochistisch“,
stellte der Kommentator „Horst“ vor einigen Wochen nach Christian Schmidts Artikel zu Robert Claus‘ Maskulismus klar.
 
Nun gibt es allerdings schon seit einiger Zeit Texte, die Feminismuskritik und Engagement für Männerrechte ausdrücklich aus einer politisch linken Position heraus formulieren. Arne Hoffmann hat viele davon in einer langen Linkliste versammelt, und sein eigenes Plädoyer für eine linke Männerpolitik gehört unbedingt dazu.

Da Horst sich bei Alles Evolution jedoch durch den Hinweis auf diese Texte nicht überzeugen ließ, und da es anderen vielleicht ähnlich geht, versuche ich es einmal anders – nämlich in einer ganz persönlichen Perspektive zu erzählen, wie jemand eigentlich dazu kommen kann, links zu sein und sich für Rechte von Männern zu engagieren.

Donnerstag, 21. August 2014

Evangelisches Männerbasteln (und andere Formen der Hate Speech)

„Macker sein klappt nicht auf Anhieb. Es gibt da so Übungen.“
Das steht auf der Titelseite einer Zeitschrift, die ich im Urlaub zufällig gelesen habe. Neben den Sätzen das Bild einer jungen Frau, die einen Mann darzustellen versucht und die sich zu diesem Zweck eine Mütze aufgesetzt hat und böse guckt.

Es ist das Titelbild des Magazins chrismon, das von der evangelischen Kirche finanziert und in einer Auflage von fast 1.600.000 Exemplaren monatlich der Zeit und diversen Tageszeitungen beigelegt wird. Damit ist die Auflage fast doppelt so hoch wie die gegenwärtige Auflage des Spiegel.
 
Mir fiel das Magazin zum ersten Mal auf, als es vor zwei Jahren in mehreren Beiträgen einer Ausgabe  über häusliche Gewalt berichtete und den Eindruck erweckte, diese werde allein von Männern allein an Frauen ausgeübt – was Arne Hoffmann damals, allerdings ohne kirchlich gesponsorte Millionenauflage, richtig stellte.

Wer das Heft aus meinem Urlaub dann aufschlägt, sieht auf Seite drei die junge Frau vom Titelbild noch einmal unverkleidet, als Frau, was in diesem Fall mit „freundlich lächelnd“ übersetzt werden kann.
„Olga fand es super, auf der Straße als Mann durchzugehen. Endlich mal keine Anmache . . .“,
steht diesmal daneben. Damit und mit den entsprechenden Bildern ist dann auch schon klar, wie Männer so sind: grimmig dreinblickende Anmacher, die sich breitbreinig raumgreifend in Sofas fläzen und gleich mehrere Plätze beanspruchen, während Frauen gesittet die Beine übereinander schlagen und mit einem einzigen Platz auskommen, wie sich das gehört.
Ein gemachter Mann. Alles, was für die Herstellung von Männlichkeit benötigt wird, ist ein unordentlicher Haarwuchs und ein grimmiger Blick. Hier fehlte jetzt nur noch eine raumgreifende Armhaltung, und die Illusion wäre perfekt.
Eigentlich ist so auch die Kernaussage der Titelgeschichte schon deutlich geworden, ohne dass es nötig war, eine einzige Zeile von ihr anzuschauen. Ich hab sie trotzdem gelesen, sogar raumgreifend vom Anfang bis zum Ende, und war schließlich doch überrascht. Was hier die Chefredakteurin Christine Holch schreibt, hilft nämlich auch dabei, ein ganz anderes Thema zu verstehen, über das gerade Michael Klein berichtet hat:

Der Hannoveraner Professor Günther Buchholz hatte versucht, eine unabhängige Überprüfung der Gender Studies zu initiieren – scheiterte aber daran, dass die Verantwortlichen sich einer solchen Überprüfung konsequent entzogen.  Von den 74 Fragebögen, die er an Forscherinnen und Universitätspräsidien verschickt hatte, erhielt er keinen einzigen zurück.

Und was hat das nun mit Holchs Artikel zu tun?

Samstag, 16. August 2014

Selbst das Wetter ist frauenfeindlich, oder: Was genau ist eigentlich Sexismus?

Ein Urlaub von zwei Wochen hat, zusätzlich zu den allgemein vertrauten Annehmlichkeiten, einen mir bislang noch unbekannten, aber erheblichen und äußerst angenehmen Vorteil: nämlich den, dass ein Twitter-Sturm, der nach Beginn der Reise begann, vor ihrem Abschluss auch schon wieder beendet ist. Oder erinnert sich noch jemand an das sogenannte „Fappygate“ (falls nicht, möchte ich hiermit darauf hinweisen, dass der Versuch einer Übersetzung des Begriffs ausgesprochen aussichtslos ist)?

„Du Wichser!“ – „Selber Wichser!“ – „Frau Lehrerin!! Er hat mich WICHSER genannt!!“ Die Auseinandersetzung, die exakt das hier nur kurz skizzierte Niveau erreichte, führte immerhin zu einigen Überlegungen zum Thema „Sexismus“, die ich auch nach meiner Reise noch interessant fand. Es lohnt sich, darauf noch einmal einzugehen – weil die Auseinandersetzung darüber in meinen Augen einen zentralen Konflikt in heutigen Geschlechterdebatten klarer macht.

Sexistisches Wetter. Und ein Frosch, der sich nie und nimmer in einen Prinzen verwandelt. Aber sag mal: Fappt der eigentlich die ganze Zeit?
Vorher aber ist es wichtig, noch einmal kurz daran zu erinnern, was damals vor nunmehr ca. einer Woche passiert war – und sei es nur, weil es Spaß macht, seltsame und skurrile Geschehnisse einmal kurz zusammenzufassen.

Donnerstag, 7. August 2014

Gesprächsattrappen, Nazihappen, Jammerlappen - Monatsrückblick Juli 2014

Der Index der verbotenen Bücher baute – wie allgemein bekannt ist – auf einem schwerwiegenden Widerspruch auf. Wichtig war es natürlich, zu wissen, welche Bücher bei der Lektüre das Seelenheil beschädigen – doch um eben dies herauszufinden, mussten die Bücher gleichwohl überhaupt erst einmal gelesen werden.

Zu lesen, um zu wissen, was nicht gelesen werden darf – diese Aufgabe setzte eine erhebliche Opferbereitschaft und eine ungewöhnlich große persönliche Stabilität voraus – eine heldenmütige Entschlossenheit, sich zum Schutze anderer in schwerste Gefahr zu begeben – und eine Reinheit des Herzens, die es dem Leser erlaubte, gleichsam unbeschädigt mitten durch die Hölle zu wandern.

Natürlich ist von einem jungen Wissenschaftler der heutigen Zeit diese Mischung aus Heldenmut und Herzensunschuld kaum zu erwarten, vor allem aber ist unseren aufgeklärten Zeiten deutlich, dass unlösbare Widersprüche eben nicht durch einen Sprung in den Glauben zu lösen, sondern tunlichst ganz einfach zu umgehen sind.

Als der Sportethnologe Robert Claus für die sozialdemokratische Friedrich Ebert Stiftung über die „Männerrechtsbewegung" schrieb und sie ebenso auftragsgemäß wie unbelegt mit Rechtsradikalismus und Massenmord in Verbindung brachte, konnte natürlich niemand von ihm erwarten, die wichtigen Schriften dieser Bewegung auch zu kennen.
 
Nun ist allerdings für einige Zeitgenossen, die ihr Verständnis von Wissenschaftlichkeit aus „der ideologischen Mottenkiste“ (Claus, S. 21) gezogen haben, die Forderung  selbstverständlich, Texte, über die man wissenschaftlich arbeitet, auch irgendwann einmal zu lesen.

Die Absurdität dieser Forderung ist vielen dieser Menschen leider keineswegs einsichtig. Wieso eigentlich sollte der junge Wissenschaftler sich erst eigens mit Texten und Positionen auseinandersetzen, nur um wissenschaftlich nachzuweisen, dass sie der Auseinandersetzung nicht Wert sind? 

Dieses unreflektierte Verständnis von Wissenschaftlichkeit, das von Forscher_innen ultimativ und meist begründungslos ein gewisses Maß an Bekanntschaft mit dem Gegenstand ihrer Forschungen einfordert, ist jedoch unglücklicherweise weit verbreitet und womöglich sogar politisch wirksam. So ist es auch heute leider unumgänglich, dass irgend jemand die Rolle des Lesers übernimmt, der sich opferbereit aus einem einzigen Grund mit unliebsamen Texten beschäftigt: um anderen diese Beschäftigung zu ersparen.
 
Gewusst wie! Ein junger Mann beteiligt sich an einer Diskussion emanzipatorischer Geschlechterpolitik in einem offenen Dialog auf Augenhöhe (Picture by M0tty / CC by-sa 3.0)
Wenn also bei der grünen Heinrich Böll Stiftung turnusgemäß in einem Jahr wieder einmal ein junger Wissenschaftler nachweist, dass Menschenrechte irgendwie faschistisch sind, wenn sie auch die Rechte von Jungen und Männern beinhalten – dann soll dieser junge Mann sich nicht neben seiner sonstigen anstrengenden Tätigkeit auch noch für die Lektüre der von ihm gewissenhaft analysierten und sorgfältig diffamierten Positionen opfern müssen.
 
Das nämlich kann ich übernehmen.
 
Denn wo können diese Positionen besser zur weiteren Verwendung in der emanzipatorischen Arbeit aufbereitet werden als hier, beim Monatsrückblick. Diesen Rückblick möchte ich hiermit also ausdrücklich als Serviceleistung für Robert Claus und seine noch unbekannten, aber so wichtigen Nachfolger verstanden wissen.

Freitag, 1. August 2014

Brauchen Schulen Dildos? (und andere Kernfragen einer "Sexualpädagogik der Vielfalt")

„Das erste Mal ein Kondom überziehen, das erste Mal einen Tampon einführen, das erste Mal Analverkehr.“
Darüber sollten, so wunderte sich Christian Weber im April in der Süddeutschen Zeitung, schon Dreizehnjährige in der Schule „als Gedicht, als Bild, als Skulptur, als Theaterstück, als Sketch“ etwas vorstellen. Jedenfalls, wenn es nach dem Standardwerk zu einer Sozialpädagogik der Vielfalt (dort auf S. 151 ff) ginge, das gemeinsam mit anderen die Soziologin Elisabeth Tuider verfasst hat, die an der Universität Kassel das Fachgebiet „Soziologie der Diversität“ leitet.

Die gerade veröffentlichte und global formulierte Solidaritätsadresse der Deutschen Gesellschaft für Soziologie „zu aktuellen Kampagnen der Diskreditierung und Diffamierung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern" bezog sich wohl auch auf die heftige Kritik an Tuiders Position.

Weber überlegt:
„Pflichtgemäß hat man mit dem Kopf genickt, als die Leitartikler die Proteste [gegen den Baden-Württembergischen Bildungsplan, LS] gegeißelt haben. Wenn man aber nachliest, was unter einer ‚Sozialpädagogik der Vielfalt‘ möglicherweise konkret zu verstehen ist, wird einem doch komisch zumute.“
Darunter ist beispielweise ein Fragebogen zu verstehen, der auf einem ironischen „Heterosexual Questionnaire“ aus dem Jahr 1972 basiert und den die Ländle-GEW in ihre Broschüre Lesbische und schwule Lebensweisen. Ein Thema für die Schule  aufgenommen hat (dort auf S. 21).
„Ist es möglich, dass deine Heterosexualität von einer neurotischen Angst vor Menschen des gleichen Geschlechtes kommt?“
Oder:
„Laut Statistik kommen Geschlechtskrankheiten bei Lesben am wenigsten vor. Ist es daher für Frauen wirklich sinnvoll, eine heterosexuelle Lebensweise zu führen und so das Risiko von Geschlechtskrankheiten und Schwangerschaft einzugehen?“
Vielfalt ist natürlich eine schöne Sache, solange nur alle in die gleiche Richtung marschieren.
Über diesen Fragebogen hatte auch schon im April Matthias Mattussek geschäumt und Homosexualität bei dieser Gelegenheit gleich insgesamt als „Fehler der Natur“ hingestellt.  Stefan Niggemeier wiederum hatte Matussek lächerlich gemacht: Er zeigte, dass Matussek die Ironie der Fragen, deren Umkehrung gängiger Klischees über Homosexuelle gar nicht verstanden habe und also mit einem Fragebogen für Siebtklässler überfordert gewesen sei. 

Die heftige Kontroverse, die von den Kommentatoren unter den Texten beider noch heftiger fortgesetzt wurde, ist ein gutes Beispiel für die Gefechtslage, die sich angesichts einer „Sexualpädagogik der Vielfalt“ entwickelt hat. Regelmäßig stehen sich zwei Positionen gegenüber, die eigentlich beide nicht vertretbar sind und von denen aus gerade diejenigen nicht wahrgenommen werden, um die es angeblich geht: die Kinder und Jugendlichen.

Montag, 21. Juli 2014

Wie ich noch einmal versuchte, die SPD in ein Bürgergespräch zu verwickeln

„So erfreulich die in den letzten Jahren entstandene maskulistische Bloggerszene ist, so bedauerlich ist es zugleich, wie sehr sich die meisten von uns noch darauf beschränken, innerhalb der eigenen Filterbubble zu lamentieren, zu analysieren, zu kommentieren und zu diskutieren. Zahllose Blogposts und endlos lange Kommentarspalten helfen uns aber nur begrenzt. Allmählich wären Beiträge dringend geboten, die Aktionen initiieren, um die Positionen und Argumente der Männerbewegung so vielen Leuten wie möglich bekannt machen.“
Soweit Arne Hoffmann in seinem Interview bei MANNdat, das vor einigen Tagen veröffentlicht wurde.  Er erwähnt dann auch gleich eine Seite, die – auf Gene Sharp zurückgehend – 198 Methoden des gewaltlosen politischen Engagements auflistet.
Ein SPD-Wahlplakat von 1919. Heute müsste jemand, der so etwas fordert, mit Nazi-Vorwürfen aus der Partei rechnen..
Kurz darauf machte auf LoMis Blog Offene Flanke anlässlich des Textes Politischer werden – Wie kann das gelingen? der Kommentator Bombe 20 einen Vorschlag, der geeignet sein kann, zumindest eine kleine Brücke zwischen dem Internet-Engagement und politischen Strukturen außerhalb des Internets zu bauen:
„Jeder formuliert eine nicht zu lange Mail (höchstens so 50 Zeilen, Links höchstens als zusätzliche Quellenangabe) zu seinem Lieblingsthema, nimmt sich die Fraktionslisten von Land- oder Bundestag (oder gezielt die von Ausschüssen) und fängt unten an. Jeden Tag eine Mail, rotierend durch die Fraktionen. Fleißige passen den Text noch für jede Fraktion leicht an.  
Und wenn man anfängt, mehrmals die gleiche Standardantwort zu bekommen, weiß man, daß es Zeit ist, das Thema zu wechseln.  
Das letzte Mal habe ich das in großem Stil Ende 2012 anläßlich der ‚Beschneidungs‘diskussion gemacht. Nicht, daß ich glaube, irgendetwas geändert zu haben, aber man bekommt genug Antworten, um einen weiter zu motivieren.“
Das hätte nicht nur den Vorteil, auf sich aufmerksam zu machen – sondern auch den, herauszufinden, ob es überhaupt irgendwo Ansprechpartner für uns gibt. Im schon zitierten Interview stellt Arne Hoffmann das so dar:
„Wenn ich die furchtbarsten Blindgänger einer politischen Strömung zitieren will, finde ich dabei immer haarsträubenden Unfug. Das gilt auch für den Maskulismus. Statt sich an solchen Menschen abzuarbeiten, wäre es sinnvoller, jene Leute in der Linken zu finden und zu erreichen, die für uns geeignete Ansprechpartner sind.“
Wenn es solche Leute den überhaupt gibt. Da ich ursprünglich – und sogar über eine schon mehrere Generationen lange Familientradition – aus der Sozialdemokratie stamme, liegt es für mich natürlich nahe, es dort zu versuchen. Es gibt ja auch gerade einen sehr aktuellen Anlass. Also:

Mittwoch, 16. Juli 2014

Von Versteinerungen und der Angst vorm Tanzen - Zu Robert Claus' "Maskulismus"

Robert Claus‘ Text Maskulismus. Antifeminismus zwischen vermeintlicher Salonfähigkeit und unverhohlenem Frauenhass, den er gerade für die SPD-nahe Friedrich Ebert Stiftung veröffentlicht hat, ist ein Kunstwerk. Wie in vielen literarischen Werken ist auch hier der ganze Inhalt eigentlich schon in den ersten Zeilen enthalten – so dass der aufmerksame Leser sich den Rest eigentlich sparen könnte.
 
Ich habe trotzdem alles gelesen.
 
Leider nur zweite Wahl bei der Suche nach einem Umschlagtitel für Robert Claus' Maskulismus. Antifeminismus zwischen vermeintlicher Salonfähigkeit und unverhohlenem Frauenhass. Gezeigt wird vermutlich ein Bild des Autors, der geistesgegenwärtig und unerschrocken in eine geschlechterpolitische Debatte mit sog. "Männerrechtlern" (im Hintergrund) eingreift.
 
„Mit dem ‚Maskulismus‘ trat in den vergangenen Jahren ein ebenso widersprüchlicher wie gefährlicher Akteur in die geschlechterpolitische Diskussion. Teile der sich formierenden Bewegung schrecken nicht davor zurück, Adresslisten anonymer Frauenhäuser zu veröffentlichen oder die Morde des Anders Behring Breivik in Norwegen als widerständige Tat ‚gegen Feminismus und ‚Multikulti’ zu preisen. Zugleich versuchen sie, Werte wie ‚Gleichberechtigung‘ und ‚Geschlechtergerechtigkeit‘ für sich als ‚männliche Opfer‘ zu beanspruchen.“ (S. 13)
So beginnt die Schrift. Nachdem wir schon durch den Titel auf „Frauenhass“ vorbereitet wurden und verstanden haben, dass jeder Anschein von Salonfähigkeit der Maskulisten nur trügerisch sein kann, wissen wir nun auch um die Gefährlichkeit des Untersuchungsgegenstandes. Für die Behauptung, dass die Adressen von Frauenhäusern veröffentlicht wurden, könnte der Autor sogar Belege liefern, wenn er nur nach ihnen gesucht hätte.

Wenn er jedoch durch die Anführungszeichen den Eindruck erweckt, seine Behauptung der Maskulisten-Sympathie für den Massenmörder Breivik durch ein direktes Zitat zu stützen, bleibt einiges offen – wen er hier zitiert, und von wo, und ob er hier überhaupt zitiert, lässt er im Dunkeln.
 
Für eine wissenschaftliche oder journalistische Arbeit wäre das angesichts der schweren Beschuldigung natürlich desaströs, in einem literarischen Werk aber ist diese bewusst gesetzte Leerstelle geschickt eingesetztes Instrument des Spannungsaufbaus.

Wenn der Autor dann davon spricht, dass „sie“ versuchen, Gleichberechtigung (in Anführungszeichen) auch für sich als männliche Opfer (in Anführungszeichen) zu beanspruchen, dann kann sich dieses „sie“ schon grammatikalisch allein auf die „Teile“ der „Bewegung“ beziehen, die auch Breiviks Massenmorde begrüßen. Und damit ist die wesentliche These des Textes denn auch schon formuliert, das wesentliche Motiv etabliert, um das die folgenden Seiten dann kreisen und das wieder und wieder variiert wird:
 
Wer tatsächlich von männlichen Opfern redet und Gleichberechtigung (bitte die Anführungszeichen jeweils unbedingt mitdenken) tatsächlich für alle Menschen fordert, der findet es auch toll, wenn ein rechtsradikaler Killer 77 Menschen ermordet und die meisten der Ermordeten Jugendliche sind.

Bei einem solch schrecklichen Verbrechen verbietet sich natürlich die allzu unbeeindruckte Frage, worin denn nun eigentlich genau der Zusammenhang zwischen Forderungen nach Gleichberechtigung und der Sympathie für einen Massenmord an Jugendlichen besteht. Auch die FES fragt dies natürlich nicht, die parteinahe SPD-Stiftung, die übrigens – anders als der Begriff „Stiftung“ es eben nahelegt – nicht mit privatem Geld, sondern mit Steuergeldern arbeitet.
 
Stattdessen veröffentlicht sie Claus‘ Text als wissenschaftliche Arbeit im „Forum Politik und Gesellschaft“ und verdirbt damit jedes Lesevergnügen – denn wenn der Text nicht als literarisches, souverän die Klischees von Geschlechterdebatten persiflierendes Kunstwerk, sondern als ernstzunehmende Studie gelesen wird, ist er erstaunlich skrupellos, unseriös und unerträglich.
 
Aber ich habe ihn ja, wie schon erwähnt, trotzdem gelesen – und fand ihn am Ende dann doch wieder sehr interessant. Aber wohl auf eine Weise, die sein Autor nicht beabsichtigt hat.

Freitag, 11. Juli 2014

Wie bedeutsam ist Alice S.?

- Gastbeitrag von Johannes Meiners -


Meine Replik bezieht sich auf diesen Post von Arne Hoffmann, den er am 04. Juli in seinem Blog „Genderama“ veröffentlichte:
Journalist geschockt über "Gender-Apokalypse": Alice Schwarzer zählt nicht mehr zu Deutschlands 50 "besten Frauen"
Fast hätte ich mir gestern Abend die ZDF-Sendung über Deutschlands "beste Frauen" angeschaut, nur um zu sehen, wie weit Alice Schwarzer inzwischen abgestürzt ist. Früher gehörte sie in dieser und anderen Hitparaden aufgrund geschickter PR und massiver medialer Unterstützung zu den Führenden. Erfreulicherweise bleibt einem eine Show mit Johannes B. Kerner aber erspart, weil man sich darauf verlassen kann, dass unsere Presse sowieso ganz aufgebracht über Schwarzers Abstieg berichten wird: Das ZDF hatte Schwarzer zwar in seiner Vorselektion zur Wahl gestellt, das Publikum aber hatte der Radikalfeministin die kalte Schulter gezeigt – auf einer Rangliste, auf die es sogar Claudia Roth geschafft hatte.   
Die Osnabrücker Zeitung versucht nun aus dieser Entscheidung allen Ernstes einen Skandal für das ZDF zu drehen. Dort ist ein junger Mann namens Daniel Benedict angefressen ohne Ende darüber, dass das restliche Publikum Alice Schwarzer nicht einmal annähernd so sehr verehrt wie er selbst, sieht das "ZDF blamiert" und polemisiert gegen den "Alte-Säcke-Tonfall" der Sendung:  
"Deutschlands Beste!" im ZDF: Nach Johannes B. Kerners kuriosem Ranking der bedeutendsten Männer folgte mit der Frauen-Show die Gender-Apokalypse. Alice Schwarzer ist nicht in den Top 50 – der Lilalaune-Moderator merkt es nicht mal.   
Alice Schwarzer polarisiert, sie hat zuletzt auch Autorität verspielt. Dass sie zu den prägendsten Frauen Deutschlands zählt, ist trotzdem völlig unbestreitbar. In den angeblich repräsentativen Umfragen, auf denen die ZDF-Show "Deutschlands Beste! Frauen" basiert, hat sie es aber nicht einmal in die Top 50 geschafft. Dort tummeln sich stattdessen die Komikerinnen Annette Frier und Martina Hill, einige Dutzend Olympiasiegerinnen und vollzählig die öffentlich-rechtlichen Nachrichtenfrauen.   
Dem ZDF zufolge finden die Deutschen Helene Fischer (Platz 5) und Andrea Berg also bedeutender als das Gesicht der Frauenbewegung. Das ist so unglaublich, dass Kerner den ganzen Abend lang sein Umfrageverfahren hätte rechtfertigen müssen. Leider hat er die Lücke gar nicht bemerkt. Der Totalausfall passt allerdings gut in eine Show, in der Alice Schwarzer auch inhaltlich nichts verloren gehabt hätte.  
Hier geht es weiter.   
Man muss sich die Seelenqual dieses jungen Mannes einmal vor Augen führen: So ungefähr hätte sich vermutlich ein Journalist des "Neuen Deutschland" geführt, wenn eine TV-Sendung kurz nach dem Ende der DDR über die beliebtesten Politiker des Landes abgestimmt hätte – und es wäre kein einziger Kopf der SED dabei gewesen. Ja sind die Leute denn noch zu retten?! Da baut man jahrzehntelang eine Ideologie auf, mit Führerkult und allem drum und dran, und bei der erstbesten Gelegenheit drehen sie einem den Rücken zu? Wer hat solche Abstimmungen überhaupt erlaubt? Und warum wird diese Ansicht der Bevölkerung nicht angemessen betrauert? Die Leute sind doch für solche Spitzenrankings vorgesehen, da kann das blöde Volk doch nicht einfach anders entscheiden!   
Alice Schwarzers Jubelperser haben in dieser von erschreckendem Antifeminismus geprägten Zeit noch einige düstere Tage vor sich – wenn sie nicht schnell jemand Neues finden, dem sie huldigen können. Vielleicht fangen sie aber auch einfach noch mal von vorne an, uns allen zu erklären, warum Alice Schwarzer ganz, ganz toll und für uns alle ganz furchtbar wichtig ist.
Zwei Vorbemerkungen meinerseits, lieber Arne, liebe Leser dieser Zeilen:
 
1.) Solche Sendungen wie eine öffentlich-rechtliche, politisch hyperkorrekte Gala für die „50 besten Frauen Deutschlands“ sind in der Regel der letzte Murks und das ZDF wurde ja durch die Art der Darstellung, erst nur Männer, dann n u r Frauen dazu gezwungen, den Frauen „50:50“ der Aufmerksamkeit zukommen zu lassen – oder zwangen sich selbst dazu.
 
Als reflektierender Beobachter merkt man dann noch mal, wie wenig Frauen ernsthaft etwas fürs Land leisteten, wovon viele etwas haben, dauerhaft und altruistisch – abgesehen von den Geburten. Aber Hebammen wurden keine geehrt, Putzfrauen übrigens auch nicht – ebenso wenig Angela Merkel, die mit Abstand mächtigste Frau, die es in unserer Gesellschaft – und weltweit – wohl überhaupt je gab.
Wer war denn gleich noch A. Schwarzer? Zumindest beim Düsseldorfer Karneval war in diesem Jahr noch klar, dass sie bedeutend ist. Quelle Citanova Düsseldorf
2.) Ich finde es super, dass du, Arne, die Neue Osnabrücker Zeitung (NOZ), meine Heimatzeitung mit fast einer halben Millionen täglichen Lesern, auch im Blick hast!

Wo ich aber a n d e r e r Meinung bin, ist:

Alice S. i s t tatsächlich sehr bedeutend!

Sonntag, 6. Juli 2014

Warren Farrells Top Ten und die Champions League des Sexismus (Monatsrückblick Juni 2014)

Natürlich musste die Formulierung mit einem Fragezeichen versehen werden:
„Eine internationale Konferenz über die Rechte von Männern?“ (An international conference on men’s rights?)
Unter diesem Titel berichtete der amerikanische Sender msnbc über die Konferenz, die am Ende des Monats in Detroit stattfand – die erste International Men's Issues Conference.
 
Aber Rechte? Welche spezifischen Rechte brauchen denn Männer?

Die msnbc-Sendung ist ein Beispiel dafür, mit welchem Befremden das Thema Männerrechte noch immer in Mainstream-Medien wahrgenommen wird. „Mansplaining“ stand als Untertitel fast die gesamte Zeit unter dem Bericht und dem folgenden Gespräch, als ob das ein neutraler, unverfänglicher Begriff wäre.
 
Zwei Frauen, Alex Wagner als Moderatorin und die feministische Komödiantin Lizz Winstead als Gast, debattierten aufgeregt über die Konferenz, räumten vorsichtig und beiläufig ein, dass manche Themen ja ganz interessant hätten sein können, dass insgesamt aber die Beteiligten natürlich weit über das Ziel hinausgeschossen hätten.

„Nicht ganz ohne Komik“, kommentiert Arne Hoffmann  die Szene, die deutlich macht, wie extrem unterschiedlich die Sensibilitäten im Hinblick auf spezifische Frauen- und spezifische Männerthemen sind: Noch jedem gedankenlosen, klischeebesoffen Redakteur wäre klar, dass es recht lächerlich aussähe, wenn zwei Männer sich aufgeregt und von oben herab über eine Konferenz zu Frauenthemen ausließen und wieder und wieder engstirnige Bewertungen der beteiligten Referentinnen abgäben.
 
Wagner und Winstead aber haben ganz offenkundig überhaupt keinen Sinn dafür, wie nahe an der Lächerlichkeit ihr Arrangement gebaut ist, in dem sie sich über Männerrechte (?) erregen. Auch für sie sind Geschlechterthemen selbstverständlich Frauenthemen – und, ganz wichtig: Man spricht über Männerrechtler, aber nicht mit ihnen.
Männerrechtler reden über die große Bedeutung beider Eltern für Kinder - über Kommunikation zwischen Männern und Frauen - über die notwendige psychologische Betreuung für Soldaten - über die sehr hohe Zahl der Jungenselbstmorde.
Wir hingegen reden übers Ficken."
Geschlechterbewusste junge Menschen demonstrieren in Dallas gewohnt herrschaftskritisch gegen die Konferenz zu Problemen von Männern und Jungen.
Das aber war nur eine von vielen Reaktionen. Der konservative Sender FOX berichtete durchaus angetan von der Konferenz und machte deutlich, wie unangemessen die Vorwürfe, die harten Proteste und Drohungen dagegen waren.  Die große amerikanische Tageszeitung USA Today schrieb sogar:
„Doch obwohl die spezifischen Themen interessant waren, war doch der Aspekt der Veranstaltung, der mich am meisten berührte, der greifbare Mangel an aller Anspannung zwischen den Geschlechtern. Männer und Frauen auf dieser Konferenz zogen offenkundig an einem Strang, gehörten zum selben Team – und das auf eine Weise, die in diesen Zeiten der Geschlechtertrennung beinahe überraschend ist." (1)
Das war eben gerade der Akkord, mit dem der wohl profilierteste Redner der ganzen Veranstaltung seine Rede beendete: Warren Farrell sagte vor dem herzlichen, begeisterten Schlussapplaus zu seinem Beitrag:
„Wir brauchen keine Frauenbewegung, die Männer beschuldigt – wir brauchen keine Männerbewegung, die entweder furchtsam agiert oder Frauen beschuldigt (…) Dies ist nicht die Zeit für eine Männerrechtsbewegung oder eine Frauenrechtsbewegung, sondern für eine Bewegung zur Liberalisierung der Geschlechterrollen (gender liberation movement), weg von den rigiden Rollen der Vergangenheit hin zu flexibleren in der Zukunft.“ (2)
Auch das Erstaunen solcher Kommentatorinnen wie Wagner und Winnfield angesichts der Rede von Männerrechten (?) nahm Farrell schon vorweg: Wenn Männer ohnehin als Herrscher gelten würden, dann sei jemand, der für Männerrechte eintritt, wie jemand, der für die Bürgerrechte von Königen kämpft. „It‘s like asking for kings‘ rights.“ (1:44)

Zehn wesentliche Themen, seine „Top Ten“ skizziert Farrell in seiner Rede – und diese Skizze eignet sich sehr gut dafür, die Themen des vergangenen Monats noch einmal zu betrachten.

Montag, 30. Juni 2014

Von MINT-Girls und gebrauchten Jungen - Der Girls' Day und der Boys' Day

VW ist für ein sehr gutes Programm beim „Zukunftstag für Mädchen und Jungen“ bekannt, und vor einiger Zeit fanden sich in meiner Klasse einige Schüler, die sehr interessiert daran waren. Unglücklicherweise waren alle Interessierten Jungen, und VW bestand darauf, das Programm ausschließlich Mädchen anzubieten. Da unter den Mädchen aber niemand etwas von VW wissen wollte, verfielen die Angebote, und wir mussten den interessierten männlichen Kindern erklären, dass sie für das Angebot leider eine ungünstige Geschlechtszugehörigkeit mitbrächten.

Das ist dann aber auch schon eine meiner wenigen seltsamen Erfahrungen als Lehrer mit dem Girls‘ Day, der an Schulen in Deutschland seit 2001 einmal im Jahr begangen wird – Mädchen haben hier einen Tag schulfrei, um Berufe im MINT-Bereich, also in der Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, kennenzulernen.

In Niedersachsen, wo ich unterrichte, gibt es stattdessen seit einigen Jahren den oben erwähnten Zukunftstag für Mädchen und Jungen“:
„Am Zukunftstag werden getrennte Angebote für Mädchen und Jungen vorgehalten, die es ihnen ermöglichen sollen, Einblicke in verschiedene Berufe zu erhalten, die geeignet sind, das immer noch stark geschlechtsspezifisch geprägte Spektrum möglicher Berufe zu erweitern.“
Das ist fast immer unspektakulär – für viele einfach ein Tag, an dem sie schulfrei haben, an dem sie Eltern oder Onkel oder Tanten in deren Berufe begleiten und bei dem sie selbst nicht so genau wissen, warum sie das nicht ebenso gut in den Ferien erledigen können. 
Pädagogisch eine äußerst fragwürdige Situation, weil hier offenkundig kein Gedanke an die Geschlechtergerechtigkeit des Unterrichtsarrangements verwendet wurde. Beim Girls' Day und Boys' Day gehen Jungen und Mädchen dann endlich in verschiedene Richtungen und arbeiten an ihren jeweiligen Defiziten (Mädchen: Selbstbewusstsein; Jungen: soziale Kompetenzen). Oder so.
Mir erschien der Girls‘ Day lange Zeit als Skurrilität, die sich überlebt hat. Seit 2011 wird sie vom Boys‘ Day begleitet, der wiederum dem Projekt „Neue Wege für Jungs“ entsprang.
Oftmals passen traditionelle Männlichkeitsvorstellungen nicht mehr zu modernen Partnerschafts- und Familienmodellen und zu den Anforderungen des Arbeitsmarkts.“
Das ist die Diagnose, die das Neue-Wege-Projekt in seiner Selbstbeschreibung stellt, und es macht damit auch seine Zielrichtung deutlich: Während es beim Girls‘ Day darum geht, Mädchen zu ermutigen und traditionelles Verhalten zu erweitern, geht es bei Jungen eher darum, „(männliche) Rollenbilder“ in Frage zu stellen.

Hier aber werden die Projekte dann eben doch interessant, weil sie viel darüber aussagen, wie sich die Verantwortlichen Jungen und Mädchen vorstellen – und wie sie sich eine Erziehung vorstellen, bei der die Geschlechtszugehörigkeit im Mittelpunkt steht.