Dienstag, 21. Oktober 2014

Die Gewalt der vierten Gewalt (Ein Rückblick auf den September)

Der Monat Oktober begann bekanntlich erschüttend: Vor lauter Amazongate hätte ich fast vergessen, dass wir ja schon im Monat September von einem großen Ereignis zum nächsten gestolpert waren, die hier rechtmäßigerweise in dem traditionellen Monatsrückblick hätten festgehalten werden müssen.
„Es geht an diesem Abend um Inhalte, Lösungen, um eine akute Gefahr im Land: Die Frauenlobby. Stark und autoritär sei sie. Organisierte Frauennetzwerke dominieren demnach Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in Deutschland. Es ist so schlimm, etwas müsse dagegen getan werden. Bei Ingwertee und Cola kennt die Liste, was alles in der Bundesrepublik so schief laufe, kein Ende (…)“
So der Tagesspiegel über eine Gruppe von Berliner „Nicht-Feministen“. Bloß weil einige Fakten in dem Artikel nicht völlig akkurat waren und der Interviewer Mohamed Amjahid ihnen Sätze in den Mund gelegt hatte, die sie bei Licht besehen gar nicht gesagt hatten, waren die Mitglieder der kleinen Gruppe von „Nicht-Feministen“ über ihre Darstellung in der großen, seriösen Berliner Tageszeitung nicht rundum zufrieden (ausführlich dazu der Autor Gunnar Kunz).
Eigentlich ist es gar nicht nötig, Lärm zu machen, Kommentare zu schreiben, bei Debatten dabei sein zu wollen. Den Verständigen ist ohnehin immer schon klar, was richtig und was falsch ist.
Das war ein wiederkehrendes Thema in diesem vergangenen September, das auch im Oktober wichtig blieb: Wie stellt die Presse Menschen dar, die an Geschlechterdebatten ohne die Selbstverpflichtung auf gewohnte Deutungsmuster – „Patriarchat“, Männerherrschaft, Frauenunterdrückung – teilnehmen möchten? Für Männerrechtler, Feminismuskritiker, Väterrechtler, MHRAs (Men’s Human Rights Activists) gibt es dabei vorerst drei erlaubte Kategorien: Sie sind lächerlich, sie sind bedrohlich, oder sie sind beides.

Sonntag, 12. Oktober 2014

Hass und Zensur

„Nachdem die Journalistin Anne Wizorek Anfang 2013 unter dem Twitter-Hashtag #aufschrei zur Veröffentlichung sexistischer Alltagserfahrungen aufrief, hatte man den Eindruck, dass unter dem Label auf jeden Erfahrungsbericht eine Hassbotschaft kam. Bis heute schreiben User Tweets wie ‚Ich verspreche euch, liebe Femis, dass das noch Jahre hier so weitergehen wird’.“
Das hätte ich natürlich nicht gedacht: Dass ich hier noch einmal aus dem Weser Kurier zitieren würde, der etwas langweiligen, semi-seriösen Zeitung meiner Heimatstadt. Maximilian Haase schreibt dort über den „Hass-Reflex“, also über automatisierte, hasserfüllte, sexistische Reaktionen, mit denen Frauen nach seiner Darstellung konfrontiert werden, wenn sie sich im Internet selbstbewusst äußern.
 
„hatte man den Eindruck“: Welcher man hier gemeint ist, ob der Eindruck stimmte, wodurch genau dieser Eindruck hervorgerufen wurde, ob die einfache Gegenüberstellung Erfahrungeberichte versus Hassbotschaften so wirklich stimmt – das lässt Haase hier geschickt und spannungsreich im Dunkeln. Dafür liefert er dann auch effektvoll genau einen einzigen Satz als Beleg.

Diese Satz allerdings stammt unglücklicherweise von einem User auf Twitter, der überhaupt keine  Hassbotschaften, Beschimpfungen, Gewaltandrohungen oder ähnliches verbreitet und sich immer wieder klar von solcher Herzrede distanziert. Stattdessen kritisierte er, der hier als Paradebeispiel eines männlichen Haters verkauft wird, zum Beispiel offen die (Ex-)Piratin Julia Schramm, als sie launig die Opfer der Bombardierung Dresdens als „Kartoffelbrei“ verhöhnte. An Anne Wizorek wandte er sich so:
„Wie würde denn LEGITIMER, AKZEPTABLER Widerspruch aussehen? Ernsthafte Frage“
Denn darum geht es hier – um Widerspruch, nicht um Hass. Darum, Positionen zu formulieren, die weder Frauen noch Männer pauschal als Opfer oder Täter darstellen. Der zitierte Satz drückt, anders als der Bremer Qualitätsjournalist das gezielt suggeriert, nicht aus, dass Frauen weiter und weiter mit Hass zu kämpfen haben – sondern dass Positionen nicht ohne Widerspruch bleiben, die Männer generell als Täter und Herrscher denunzieren. Eben diese männerfeindlichen Positionen übrigens werden bei Twitter häufig ausgesprochen hasserfüllt formuliert.
Wichtige Frage welche von heutiger Sitzung bedacht wird: Wie lange mochte uns das Denken wohl noch erlaubt bleiben? (Der Denker-Club, Karikatur von 1819 anlässlich der Karlsbader Beschlüsse)
Der Bericht in der Bremer Provinz wäre nicht weiter wichtig, wenn er nicht einem weit verbreiteten Tenor folgen würde. Dabei ist das Thema trotz der unernsten journalistischen Darstellung ernst. Tatsächlich gibt es im Internet ja Gewaltandrohungen, Beschimpfungen, massive Grenzüberschreitungen – und es gibt Männer im Netz, die solche Äußerungen gezielt gegen Frauen richten.

Es wäre also eigentlich wichtig, dass sich die  zivileren Nutzer, gleich welcher Meinung sie sind, auf eine gemeinsame Ablehnung solchen Verhaltens verständigen, gleich gegen wen es gerichtet ist. Statt dessen tun Haase und viele andere genau das Gegenteil: Sie verwischen gezielt Grenzen und stellen Äußerungen als Gewaltandrohungen und Hassreden hin, die damit überhaupt nichts zu tun haben. Welchen Zweck hat das eigentlich?

Dienstag, 7. Oktober 2014

Amazongate! Wie Anne Wizorek einen "Feminismus von heute" inszeniert

Der einst so erschreckende, präsidentenstürzende Watergate-Skandal ist bekanntlich mittlerweile ein wenig heruntergekommen. Erst kürzlich waren wir bei einem „Fappygate“ gelandet und dann bei einem „Dirndlgate“, also bei Aufregungen, die nur noch Eingeweihten verständlich und auch bald darauf vergessen waren. Jetzt aber kommt ein Skandal hinzu, der alles bisher Dagewesene in den Schatten stellt, zumindest für ein, zwei Tage: Amazongate!

Die ironische Bezeichnung stammt aus einem Kommentar zu einem Artikel des Blogs Mein Senf, der sich ebenso wie ein anderer Blog-Artikel schon früh mit dem Skandal auseinandersetzte. Allerdings sind sich die Beteiligten bis heute nicht ganz einig darüber, worin nun eigentlich genau der Skandal besteht – aber dass etwas Empörendes geschehen ist, ist allen Seiten klar.
Ein "Dauersturm an Hass" (Anatol Stefanowitsch, Berliner Linguistik-Professor). Seelenlose "Maskus" erstürmen Anne Wizoreks Amazon-Seite. Es besteht allerdings die entfernte Möglichkeit, dass der erste Eindruck ein wenig trügt.
Was aber ist nun eigentlich passiert?
 
Anne Wizorek, nach ihren eigenen Angaben tätig im „Digital Media Consulting“, Bloggerin, Aufschrei-Initiatorin, schreibt ein Buch: Warum ein Aufschrei nicht reicht. Für einen Feminismus von heute. Das Buch wird in etablierten Medien beflissen beworben: Der Spiegel blickt auf den Aufschrei zurück und bringt bei der Gelegenheit das Buch ins Spiel, Die Zeit veröffentlicht einen als Rezension getarnten Werbetext („Ein Buch mit der Wucht von Der kleine Unterschied"), die taz ebenso, der Stern veröffentlicht ein Interview mit der Autorin, die Frankfurter Rundschau zieht mit einem eigenen Interview nach, wenn auch ein wenig spät.

Ab und zu ein paar etwas kritische Fragen im Stern, ohne weiteres Nachhaken – ansonsten aber sind die Texte so distanzlos und unkritisch, so weit von jedem Versuch einer Analyse des Buchs entfernt, als ob die Werbeabteilung von Wizoreks Verlag sie verfasst hätte. Allein Marlen Hobrack bemüht sich im Freitag um eine eigenständige Position:
„Warum sprechen wir also nicht über weibliche Diskursmacht? Sie sollte uns Mut machen. Und die Augen dafür öffnen, dass unsere Gesellschaft (deren Teil wir Frauen ja sind) eben nicht blind gegenüber Ungerechtigkeiten ist. Doch wir erleben das Gegenteil: Wir schreien, obwohl eine ruhige Debatte vonnöten wäre. Wir stürmen auf scheinbar verschlossene Vorstandstüren zu, obwohl sie längst geöffnet sind. Wir ziehen uns auf die Position wehrloser Opfer zurück, obwohl wir längst zur Selbstermächtigung fähig wären. Und wir sehen Feinde in jenen, die kein geringeres Interesse an Gleichheit (die auch gleiche Pflichten einschließt!) haben, als wir selbst: Männer."
Dass aber der Aufschrei eher ein Medien-Hype als eine echte Graswurzel-Bewegung war, dass Analysen die Legende längst widerlegen, hier hätten zehntausend Frauen über Alltagssexismus berichtet – das spielt im Feuilleton der deutschen Qualitätspresse nirgendwo eine Rolle.

Dann aber geschieht etwas Unerhörtes.

Donnerstag, 2. Oktober 2014

Vom praktischen Wert der Männertränen (Wozu ist Männerhass eigentlich gut? Teil 2)

Möglicherweise klingt es übertrieben, über Männerhass zu schreiben – anstatt über Wut, über Ressentiments, über Vorurteile, also über irgend etwas weniger Dramatisches und Plakatives.
 
Es ist nicht  übertrieben. Und natürlich wollte ich diesen Text auch mit vielen Belegen dafür versehen. Ich habe dann aber so viele gefunden, dass sie den Umfang gesprengt hätten und ich eine Auswahl in eine kleine Materialsammlung ausgelagert habe, die ich gleichzeitig veröffentliche.
 
Natürlich geht es dabei nicht um die Behauptung, dass alle Frauen Männer hassen würden – die wäre ebenso ressentimentgeladen wie die Unterstellung, alle Männer würden Frauen hassen. Und natürlich gibt es auch einen Männerhass von Männern selbst, beispielsweise den Hass auf Homosexuelle. Dass er hier nicht das Thema ist, leugnet ihn nicht.
 
Ich unterstelle auch nicht, dass alle Feministinnen Männer hassen würden. Allerdings geht es mir darum, dass der Hass offenkundig ein integraler Bestandteil des Feminismus war und ist. Wenn Emma Watson sich in der im ersten Teil zitierten Rede gegen diese Feststellung verwahrt und sich dabei auf eine realitätsferne Lexikondefinition zurückzieht, ist das zu wenig.
Wer dann auch noch flennt, soll sich nicht darüber wundern, dass er für die Badewasserproduktion verwendet wird.
Nach Watson ist es höchste Zeit, dass Menschen aufhören, Feminismus mit Männerhass zu assoziieren. Das Gegenteil ist der Fall. Es ist höchste Zeit, dass seine Vertreterinnen und Vertreter sich ehrlich damit auseinandersetzen, wie bedeutend der Hass in all seiner Destruktivtät und Niedrigkeit für den Feminismus war und ist.
 
Sollte ein humaner Feminismus möglich sein, dann nur auf diesem Weg. Billiger ist er nicht zu haben.

„Hass ist nur da mies, wo er grundlos oder fehlgeleitet ist. (…) Wer den Hass abschaffen will, muss die Gründe zum Hass abschaffen! Wer etwas gegen Männerhass hat, muss gegen die Frauenunterdrückung kämpfen!“
Wer wie Alice Schwarzer hier den miesen und grundlosen Hass vom guten Hass mit guten Gründen unterscheidet, steht dabei vor einem ernstzunehmenden Problem: Wer hasst, hat ohnehin immer das Gefühl, dass der eigene Hass begründet sei. Schließlich gehört es zum Hass, sich dessen Objekt in einer Weise vorzustellen, die ihn legitimiert – als gewalttätig, als schmutzig, verdorben, unmoralisch, als herrschsüchtig, als gefährlich, und natürlich selbst als hasserfüllt.

Gerade die Unterstellung, dass die Objekte des Hasses Herrscher – Weltherrscher, Weltverschwörer, Hegemone – wären, erfüllt dabei eine zentrale Funktion. Wer herrscht, braucht schließlich kein Mitgefühl und keine Rechte, weil er sich ja ohnehin beschaffen kann, was er will. Die Vorstellung des Feindes als Herrscher schließt die eigenen Reihen zum angeblich so dringenden Widerstand zusammen – sie eliminiert Selbstkritik, die ja doch dem Feind in die Hände spielen würde – und sie enthebt die Mitglieder der eigenen Gruppe moralischer Skrupel.

Es gehört daher zum politischen und sozialen Hass traditionell dazu, sich den Feind als Herrscher vorzustellen. Antisemiten fantasieren eine „jüdische Weltverschwörung“, weiße Rassisten eine Zerstörung der „weißen Rasse“ durch die Schwarzen, Fremdenfeinde sind fixiert auf die Idee der Überfremdung des eigenen Landes, Nationalisten und Kriegstreiber sind davon überzeugt, dass die feindliche Nation die eigene zumindest unterjochen, wahrscheinlich aber zerstören will.

Hass lässt sich also eben nicht durch die Idee legitimieren, dass die Objekte dieses Hasses Herrscher und Unterdrücker wären: Diese Vorstellung ist nämlich selbst traditionell ein wesentliches Element des politischen Hasses.

Fantasien der Entseuchung (Wozu ist Männerhass eigentlich gut? - Kleine Materialsammlung)

 
„Ich fühle, was ich fühle: Männerhass, diese unbeständige Mischung aus Mitleid, Verachtung. Ekel, Neid, Entfremdung, Furcht und Wut auf Männer … für die Männer, mit denen Frauen ihr Leben teilen – Ehemänner, Liebhaber, Freunde, Väter, Brüder, Söhne, Arbeitskollegen.“ (Judith Levine, Autorin und politische Aktivistin) (1)
Mit dem Hass, den Levine hier beschreibt, steht sie nicht allein. Bei einer Sammlung von entsprechenden Zitaten ist es schwer, die Menge der Zitate zu begrenzen – Zitate zu finden ist hingegen leicht.
 
Dieser Text ist eine Premiere. Bei der Vorbereitung des Textes über Männerhass bin ich auf so viele Belege gestoßen, dass ich das Vorhaben aufgab, sie im Text selbst einzubauen. Stattdessen liste ich sie hier auf, als kommentierte Materialsammlung, die sich auf den deutschen und englischen Sprachraum beschränkt. Auch mit dieser Einschränkung wären deutlich mehr Zitate möglich gewesen.
Es lässt sich heute nicht mehr völlig nachvollziehen, wie eigentlich der Eindruck entstanden sind, öffentliche Darstellungen von Männern seien manchmal erheblich verzerrt.
Zum ersten Mal veröffentliche ich damit zwei Texte gleichzeitig, zwei aufeinander bezogene Texte. Besonders interessant war für mich bei dieser kleinen Materialauswahl, dass die Zitate nicht von Internet-Trollen stammen, sondern fast ausschließlich von Frauen, die in staatlichen, akademischen oder politischen Institutionen sehr gut etabliert waren oder sind.

Freitag, 26. September 2014

Wozu ist Männerhass eigentlich gut? (Teil 1: Auslöschung der Rabenväter)

„Mir ist klar geworden, dass der Kampf für Frauenrechte allzu oft zu einem Synomyn für Männerhass geworden ist. Wenn ich eines sicher weiß, dann, dass das ein Ende haben muss.“ ( I’ve realized that fighting for women’s rights has too often become synonymous with manhating.)
Diese Sätze aus Emma Watsons viel diskutierter UN-Rede ist missverständlich. Im Zusammenhang wird klar, dass sich Watson keineswegs gegen Männerhass stellt – sondern gegen die Meinung, Feminismus habe etwas mit Männerhass zu tun. Im nächsten Satz schon zieht sie sich auf eine Lexikon-Definition zurück. Für's Protokoll („for the record“): Feminismus sei eine Bewegung zur Gleichheit der Geschlechter.
Watson hätte an dieser Stelle natürlich zumindest die Möglichkeit einräumen können, dass andere Menschen andere Erfahrungen gemacht haben als die junge Lexikon-Leserin. Was nach ihrer Darstellung also „ein Ende haben muss", ist, dass diese Menschen ihre Erfahrungen offen aussprechen können, und dass sie ihre Erfahrungen eigenständig bewerten.
Ein typischer Väterrechtler. Selbstverständlich ist diese Darstellung so realistisch wie nur möglich und hat nichts mit dem Aufbau von Feindbildern zu tun.
Dabei geht es keineswegs allein um extreme Äußerungen des Hasses, wie etwa Solanas' berühmtes „Scum“-Manifest, oder um den Sadismus der „Ich bade in Männertränen/ I bathe in male tears“-Sprüche, oder um die beliebten eugenischen Phantasien, den männlichen Anteil an der Weltbevölkerung auf zehn Prozent zu reduzieren. Es gibt auch eine Alltagsfeindschaft, die nicht so extrem daherkommt wie diese Beispiele, die aber wohl noch deutlich folgenreicher ist. An drei Beispielen dafür lässt sich gut zeigen, welche Funktion diese Feindschaft erfüllt.

Dienstag, 23. September 2014

Am Grabbeltisch der Politik

Ein kurzer Briefwechsel zwischen Johannes Meiners und Lucas Schoppe

Dieser Text hat schon eine längere Geschichte. Johannes hatte mir vor Wochen einen Text geschickt zu einem Interview, das in der FAZ erschienen war. Ich war gerade mitten in den Schuljahresendarbeiten und brauchte eine ganze Weile, um darauf zu antworten – antworten aber wollte ich, einiges sah ich nämlich ganz anders als Johannes. Die Antwort erreichte Johannes dann gerade, als er seinerseits unterwegs war – so hat der ganze kurze Briefwechsel am Ende einige Wochen gedauert. Als er dann druckreif war, kochte gerade die Diskussion über einen Zeit-Artikel hoch...
 
Das Thema aber bleibt wichtig, trotz des Aufhängers über ein FAZ-Interview. Der Briefwechsel dreht sich nämlich um die Frage: Hat es überhaupt einen Sinn, sich in einer Partei zu engagieren?
LS
 
 
Johannes Meiners: Als Herr Tauber einmal verführen sollte
„Es ist Zeit für einen Test. Ich will, dass Peter Tauber mich dazu verführt, in die CDU einzutreten, oder es zumindest versucht."
Eine junge, fesche Akademikerin – natürlich mit „Migrationshintergrund“ – interviewt für die einst seriöse, im Selbstverständnis bürgerlich-liberale Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) den neuen, jungen CDU-Generalsekretär Peter Tauber.

Sie fragt, was seine Partei ihresgleichen verspreche, um sie zum Beitritt zu bewegen.

Da hat die sich für stark und selbstbewusst haltende Dame wohl etwas falsch verstanden:

Sie will als Mitglied geködert werden – und Männer (!) sollen ihr alles Mögliche dafür versprechen, natürlich vollkommen leistungsentkoppelt und ohne, dass sie eine innere Überzeugung, eine Werthaltung oder gar ein Welt- und Menschenbild mitbringen müsste, die auch nur ansatzweise zur Union zu passen hätte.

Nicht sie, die Frau, soll etwas leisten müssen, sich anstrengen, kämpfen, frustriert sein, scheitern, nachdenken, neu ansetzen, wieder Klinken putzen, Ideen einbringen, innovativ sein, Mut zeigen, Einsatz und Energie, Reden halten, Andere anwerben und sich immer wieder um Kandidatenplätze bemühen, sondern die CDU, sprich die darin oder in jeder beliebigen anderen Partei wie obig beschriebenen Männer, sollen ihr, der Frau, jedes Hindernis präventiv aus dem Weg räumen - und dann wird suggeriert, die Frau sei „stark und selbstbewusst“.
Das Angebot der Parteien ist reichhaltig und vielfältig, und wir müssen nur zugreifen. Wer aber die bunten Wagen jeden Tag so schön bepackt, bleibt ein Mysterium.
Interessant auch, dass es nicht um große Fragen der Zeit geht, die eigene Biographie, Überzeugungen des Interviewpartners, aktuelle Geschehnisse, Abgrenzungen zu anderen Parteien u. V. m., sondern ein Detail einer (Nach)Verhütungsmethode zum Kern des Gesprächs erkoren wird.

Montag, 15. September 2014

Für eine offene und sachliche Geschlechterdebatte. Gegen Diffamierungen.

Offener Brief an die Zeit-Redaktion
Von Lucas Schoppe, Prof. Dr. Günter Buchholz, Dr. Alexander Ulfig
 
 
 
Sehr geehrte Damen, sehr geehrte Herren,

wir reagieren mit diesem Brief auf einen Text, der am vergangenen Donnerstag in der Zeit veröffentlicht wurde und bei dem wir nicht verstehen, wie er in einer Zeitung mit einem Anspruch auf Seriosität erscheinen konnte. Es ist in unseren Augen ein menschenfeindlicher, hetzerischer Text, und er diskreditiert Menschen maßlos, deren politische Position von der Meinung der Autorinnen abweicht.

Es geht um den Text „Vom Zorn abgehängter Männer“ von Christina Schildmann und Anna-Katharina Meßmer. Fragwürdig ist nicht allein der Text selbst, sondern schon seine redaktionelle Einbindung. In den dünnen Angaben, die Ihre Zeitung zu den Autorinnen macht, kann nicht einmal ansatzweise deutlich werden, wie sehr sie mit persönlichen Interessen in ihr Thema verstrickt sind.

Meßmer ist nicht nur Aufschrei-Initiatorin, sondern auch Promovendin bei einer der einflussreichsten Gender-Forscherinnen des Landes, bei Paula-Irene Villa. Christina Schildmann ist bei der Friedrich Ebert Stiftung verantwortliche Redakteurin von Robert Claus‘ Schrift „Maskulismus“, die in diesem Jahr erschien und die kenntnisarm und ohne Belege männerrechtliches Engagement pauschal als rechtsradikal diffamierte. Gegen diese Schrift wurden in vielen Internet-Artikeln Kritikpunkte und Argumente formuliert – die Autoren dieser Artikel gehören zu denjenigen Männern, die Schildmann nun in ihrem Zeit-Artikel pauschal und ungeheuer diffamierend angreift.

Diese persönlichen Hintergründe der Autorinnen können durch Ihre redaktionelle Darstellung unmöglich deutlich werden.

Gleich zu Beginn schreiben die Autorinnen davon, dass Männer sich – wie Schweine – in Ressentiments „suhlen“ und – wie Affen oder Steinzeitmenschen – zu „Horden“ zusammenschließen würden, um gezielt auf Einzelne loszugehen. Dafür liefern die Autorinnen selbstverständlich keinen Beleg, aber sie präsentieren ihre politischen Gegner, wie in einem Grundakkord, pauschal als aggressive, tierähnliche Wesen.
Die eigenen Gegner mit Tieren zu vergleichen, ist ein traditionelles Mittel politischer Propaganda. Auch zu Geschlechterklischees tragen solche inhumanen Vergleiche seit Jahrhunderten bei. Als journalistisches Mittel der Wochenzeitung Die Zeit waren sie bis vor Kurzem eher nicht bekannt.
Das ist kein begrifflicher Ausrutscher. Auch im weiteren Verlauf des Textes gestehen sie Menschen – Männern – nicht zu, dass sie Gründe und Argumente für ihre Positionen haben könnten. Stattdessen unterstellen sie ihnen rundweg, und immer wieder, Wut und Zorn. Da die De-Humanisierung der politischen Gegner und ihre Präsentation als wilde, emotionsgeleitete, irrationale tierische Wesen offen erkennbar ein Grundprinzip des Textes ist, verstehen wir nicht, wie so etwas in Ihrer Zeitung erscheinen konnte.

Samstag, 13. September 2014

Wie uns die "Zeit" wieder mal davonlief

Ich schaue ja immer gerne nach, wo Artikel des man tau-Blogs verlinkt worden sind. Als ich heute Abend nach Hause kam, fand ich in meinen Statistiken beispielsweise Besuche von der Seite der Zeit – dort hatte der Leser gran_torino77 einen Text von mir im Kommentarbereich verlinkt. Vielen Dank dafür! Am selben Tag wurde mir noch ein weiterer Link aus der Zeit angezeigt, aus deren mit Abstand umstrittensten Artikel des Tages: Vom Zorn abgehängter Männer.
 
Verfasserinnen sind die Aufschrei-Initiatorin und Sozialdemokratin Anna-Katharina Messmer und Christina Schildmann, Referentin der Friedrich Ebert Stiftung und verantwortliche Redakteurin bei Robert Claus‘ Schrift „Maskulismus“. Bedauerlicherweise vergisst die Zeit es versehentlich, klarzustellen, wie außerordentlich parteilich diese beiden Verfasserinnen angesichts ihres Themas sind.

Zu meiner großen Enttäuschung fand ich den Link nicht auf der Seite, auf der es sich befinden sollte – lediglich einen gelöschten Kommentar von gran_torino77. Dazu eine Begründung:
„Entfernt. Bitte beachten Sie, dass aus Extrembeispielen keine allgemeinen Aussagen über Gruppen abgeleitet werden können. Aus diesem Grund bewerten wir das Posting dieses Links als überzogene Polemik. Danke, die Redaktion/jp“
Überzogene Polemik? ICH?? Und das auch noch nach einem sachlichen Zeit-Artikel, der gleich zu Beginn völlig wertfrei feststellt, dass Männer sich im Internet zu „Horden“ zusammenschließen würden (was selbstverständlich Männer nicht mit Tieren gleichsetzen soll, sondern irgendwas ganz anderes ausdrückt, auch wenn ich im Moment nicht so genau weiß, was eigentlich)?
 
Womöglich sehen aus der Sicht der Zeit die eigenen Leser ungefähr SO aus. Kein Wunder, dass die Redaktion das Bedürfnis hat, sich vor ihnen zu schützen. Leider kommt sie nicht auf die Idee, dass der Blick von oben manchmal täuschen kann.
 
Da meine Neugier nun endgültig geweckt war, versuchte ich mit den Klickzahlen herauszufinden, welcher Artikel hier wohl verlinkt worden war.

Sonntag, 7. September 2014

In diesem August (Monatsrückblick August 2014)

Als ich die Nachrichten dieses Monats mit den Geschlechterdebatten verglich, die über Nagellack und Fap-Vorwürfe geführt wurden, kamen mir diese Debatten oft sehr unwirklich vor. Es gibt einen Text von Wolfgang Borchert, An diesem Dienstag, der davon lebt, dass ziviler Alltag und Krieg einander gegenübergestellt werden. Aus diesem Text habe ich mich für den Monatsrückblick bedient.

 
 
In diesem August
 
In diesem August
kamen in der belgischen Stadt Lüttich die Oberhäupter der europäischen Staaten und Gäste aus vielen anderen Ländern zusammen, um gemeinsam des Tages zu gedenken, an dem hundert Jahre zuvor der Erste Weltkrieg begonnen hatte. Damals waren deutsche Soldaten in Belgien einmarschiert.
 
Auch Herr Gauck, der deutsche Präsident, war bei der Gedenkfeier dabei, erklärte seine Dankbarkeit dafür, teilnehmen zu dürfen, und sagte auch: „Wir sind dankbar dafür, dass wir in Europa nun schon so lange in Frieden leben dürfen."
 
 
In diesem August
erzählte Andriy Gerus aus Kiew, der in London gerade sein Management-Studium abgeschlossen hat und nun Geschäftsführer einer ukrainischen Firma ist, von einem Tag im Juli. Er wollte gerade mit seinem Baby einen Spaziergang machen, als es an seiner Tür klopfte und ein Mann ihm seine Einberufungspapiere überreichte. Herr Gerus spürte sein Herz rasen, weil er fast nichts über Schusswaffen weiß, sagte er.
 
Nun saß Herr Gerus in einem Cafè in Kiew und wartet täglich darauf, in den Krieg ziehen zu müssen. Wie ihm geht es vielen ukrainischen Männern, die in mehreren Wellen zum Kampf gegen Russen in der Ostukraine eingezogen wurden.

 
In diesem August
kritisierte die Umweltschutzorganisation Robin Wood die zweitausend Luftballons, die in der französischen Stadt Reims bei einer Gedenkstunde zum Beginn des Ersten Weltkriegs aufgestiegen waren. An jedem Luftballon hing eine Karte zur Erinnerung an die getöteten französischen Soldaten. Robin Wood machte darauf aufmerksam, dass diese Ballons eine Umweltbelastung sind, und bezeichnete sie als „Krieg gegen die Tierwelt“. Sie will daher gegen die Stadt Reims klagen.

Freitag, 29. August 2014

Coke contra Pepsi, oder: Wozu ist nochmal diese linke Männerpolitik gut?


„Dass es einen ‚linken Flügel der antisexistischen Männerbewegung‘ gibt, ist mir neu, und ist durchaus amüsant. Wo lässt der sich denn einordnen, innerhalb der Linken? Steht der eher in der Nähe des ‚linken Flügels zur Pflege des Ansehens der militärischen Tradition‘ oder doch eher in der Nähe des ‚Linken Flügels zur Verbesserung der pekuniären Situation des Großunternehmertums?‘“
Soweit amüsiert zeigte sich der Kommentator „führerscheinnichtnutzer“ unter Sarah Schascheks Tagesspiegel-Artikel „Brutale Drohungen im Internet Hetze gegen Genderforscherinnen“. Für Rechte von Männern einzutreten sei also, als würde man für die Rechte von Militaristen oder die von Großunternehmern eintreten – eine klassische Angelegenheit der politischen Rechten. Der Begriff antisexistisch passt ihm hier ohnehin nicht und wird daher souverän ignoriert.

Dass führerdings sein stillschweigendes Argument nicht ausdrücklich formuliert, sondern ironisierend verpackt, hat wohl einen guten Grund. Schon wer nur kurz nachdenkt, wird auf viele Männer oder Jungen kommen, die in deutlich hilfloseren Situationen leben als militärische Traditionalisten oder Großunternehmer: Obdachlose; Väter ohne Möglichkeit zum Kontakt zu ihren Kindern; einfache Soldaten; Arbeiter in gesundheitsgefährdenden Berufen; Jungen mit ihren spezifischen Schwierigkeiten in der Schule…
 
Kurz: Er wird auf Menschen kommen, deren Interessen einmal ein Kernanliegen linker Politik waren. Dass die Ironie der zitieren Passage überhaupt verfangen kann, setzt daher voraus, dass auf Seiten von Linken und solchen, die es sein wollen, die Vorstellung fraglos betoniert ist, ein Engagement für Fraueninteressen sei „links“ und eines für Interessen von Männern sei irgendwie „rechts“.

Eben eine solche betonierte Gegenüberstellung wird auch von ganz anderer Seite bestätigt.
„Wie lange wollen sich ‚linke Männerrechtler‘ noch von Vertretern ihres eigenen Lagers verprügeln, verleumden und ‚positiv‘ (sic!) diskriminieren lassen, bevor sie erkennen, daß ‚links‘ heute explizit ‚Feminismus‘ und ‚Anti-Maskulismus‘ bedeutet? Sorry, aber aus meiner bescheidenen Sicht ist das naiv und/oder sehr masochistisch“,
stellte der Kommentator „Horst“ vor einigen Wochen nach Christian Schmidts Artikel zu Robert Claus‘ Maskulismus klar.
 
Nun gibt es allerdings schon seit einiger Zeit Texte, die Feminismuskritik und Engagement für Männerrechte ausdrücklich aus einer politisch linken Position heraus formulieren. Arne Hoffmann hat viele davon in einer langen Linkliste versammelt, und sein eigenes Plädoyer für eine linke Männerpolitik gehört unbedingt dazu.

Da Horst sich bei Alles Evolution jedoch durch den Hinweis auf diese Texte nicht überzeugen ließ, und da es anderen vielleicht ähnlich geht, versuche ich es einmal anders – nämlich in einer ganz persönlichen Perspektive zu erzählen, wie jemand eigentlich dazu kommen kann, links zu sein und sich für Rechte von Männern zu engagieren.

Donnerstag, 21. August 2014

Evangelisches Männerbasteln (und andere Formen der Hate Speech)

„Macker sein klappt nicht auf Anhieb. Es gibt da so Übungen.“
Das steht auf der Titelseite einer Zeitschrift, die ich im Urlaub zufällig gelesen habe. Neben den Sätzen das Bild einer jungen Frau, die einen Mann darzustellen versucht und die sich zu diesem Zweck eine Mütze aufgesetzt hat und böse guckt.

Es ist das Titelbild des Magazins chrismon, das von der evangelischen Kirche finanziert und in einer Auflage von fast 1.600.000 Exemplaren monatlich der Zeit und diversen Tageszeitungen beigelegt wird. Damit ist die Auflage fast doppelt so hoch wie die gegenwärtige Auflage des Spiegel.
 
Mir fiel das Magazin zum ersten Mal auf, als es vor zwei Jahren in mehreren Beiträgen einer Ausgabe  über häusliche Gewalt berichtete und den Eindruck erweckte, diese werde allein von Männern allein an Frauen ausgeübt – was Arne Hoffmann damals, allerdings ohne kirchlich gesponsorte Millionenauflage, richtig stellte.

Wer das Heft aus meinem Urlaub dann aufschlägt, sieht auf Seite drei die junge Frau vom Titelbild noch einmal unverkleidet, als Frau, was in diesem Fall mit „freundlich lächelnd“ übersetzt werden kann.
„Olga fand es super, auf der Straße als Mann durchzugehen. Endlich mal keine Anmache . . .“,
steht diesmal daneben. Damit und mit den entsprechenden Bildern ist dann auch schon klar, wie Männer so sind: grimmig dreinblickende Anmacher, die sich breitbreinig raumgreifend in Sofas fläzen und gleich mehrere Plätze beanspruchen, während Frauen gesittet die Beine übereinander schlagen und mit einem einzigen Platz auskommen, wie sich das gehört.
Ein gemachter Mann. Alles, was für die Herstellung von Männlichkeit benötigt wird, ist ein unordentlicher Haarwuchs und ein grimmiger Blick. Hier fehlte jetzt nur noch eine raumgreifende Armhaltung, und die Illusion wäre perfekt.
Eigentlich ist so auch die Kernaussage der Titelgeschichte schon deutlich geworden, ohne dass es nötig war, eine einzige Zeile von ihr anzuschauen. Ich hab sie trotzdem gelesen, sogar raumgreifend vom Anfang bis zum Ende, und war schließlich doch überrascht. Was hier die Chefredakteurin Christine Holch schreibt, hilft nämlich auch dabei, ein ganz anderes Thema zu verstehen, über das gerade Michael Klein berichtet hat:

Der Hannoveraner Professor Günther Buchholz hatte versucht, eine unabhängige Überprüfung der Gender Studies zu initiieren – scheiterte aber daran, dass die Verantwortlichen sich einer solchen Überprüfung konsequent entzogen.  Von den 74 Fragebögen, die er an Forscherinnen und Universitätspräsidien verschickt hatte, erhielt er keinen einzigen zurück.

Und was hat das nun mit Holchs Artikel zu tun?

Samstag, 16. August 2014

Selbst das Wetter ist frauenfeindlich, oder: Was genau ist eigentlich Sexismus?

Ein Urlaub von zwei Wochen hat, zusätzlich zu den allgemein vertrauten Annehmlichkeiten, einen mir bislang noch unbekannten, aber erheblichen und äußerst angenehmen Vorteil: nämlich den, dass ein Twitter-Sturm, der nach Beginn der Reise begann, vor ihrem Abschluss auch schon wieder beendet ist. Oder erinnert sich noch jemand an das sogenannte „Fappygate“ (falls nicht, möchte ich hiermit darauf hinweisen, dass der Versuch einer Übersetzung des Begriffs ausgesprochen aussichtslos ist)?

„Du Wichser!“ – „Selber Wichser!“ – „Frau Lehrerin!! Er hat mich WICHSER genannt!!“ Die Auseinandersetzung, die exakt das hier nur kurz skizzierte Niveau erreichte, führte immerhin zu einigen Überlegungen zum Thema „Sexismus“, die ich auch nach meiner Reise noch interessant fand. Es lohnt sich, darauf noch einmal einzugehen – weil die Auseinandersetzung darüber in meinen Augen einen zentralen Konflikt in heutigen Geschlechterdebatten klarer macht.

Sexistisches Wetter. Und ein Frosch, der sich nie und nimmer in einen Prinzen verwandelt. Aber sag mal: Fappt der eigentlich die ganze Zeit?
Vorher aber ist es wichtig, noch einmal kurz daran zu erinnern, was damals vor nunmehr ca. einer Woche passiert war – und sei es nur, weil es Spaß macht, seltsame und skurrile Geschehnisse einmal kurz zusammenzufassen.

Donnerstag, 7. August 2014

Gesprächsattrappen, Nazihappen, Jammerlappen - Monatsrückblick Juli 2014

Der Index der verbotenen Bücher baute – wie allgemein bekannt ist – auf einem schwerwiegenden Widerspruch auf. Wichtig war es natürlich, zu wissen, welche Bücher bei der Lektüre das Seelenheil beschädigen – doch um eben dies herauszufinden, mussten die Bücher gleichwohl überhaupt erst einmal gelesen werden.

Zu lesen, um zu wissen, was nicht gelesen werden darf – diese Aufgabe setzte eine erhebliche Opferbereitschaft und eine ungewöhnlich große persönliche Stabilität voraus – eine heldenmütige Entschlossenheit, sich zum Schutze anderer in schwerste Gefahr zu begeben – und eine Reinheit des Herzens, die es dem Leser erlaubte, gleichsam unbeschädigt mitten durch die Hölle zu wandern.

Natürlich ist von einem jungen Wissenschaftler der heutigen Zeit diese Mischung aus Heldenmut und Herzensunschuld kaum zu erwarten, vor allem aber ist unseren aufgeklärten Zeiten deutlich, dass unlösbare Widersprüche eben nicht durch einen Sprung in den Glauben zu lösen, sondern tunlichst ganz einfach zu umgehen sind.

Als der Sportethnologe Robert Claus für die sozialdemokratische Friedrich Ebert Stiftung über die „Männerrechtsbewegung" schrieb und sie ebenso auftragsgemäß wie unbelegt mit Rechtsradikalismus und Massenmord in Verbindung brachte, konnte natürlich niemand von ihm erwarten, die wichtigen Schriften dieser Bewegung auch zu kennen.
 
Nun ist allerdings für einige Zeitgenossen, die ihr Verständnis von Wissenschaftlichkeit aus „der ideologischen Mottenkiste“ (Claus, S. 21) gezogen haben, die Forderung  selbstverständlich, Texte, über die man wissenschaftlich arbeitet, auch irgendwann einmal zu lesen.

Die Absurdität dieser Forderung ist vielen dieser Menschen leider keineswegs einsichtig. Wieso eigentlich sollte der junge Wissenschaftler sich erst eigens mit Texten und Positionen auseinandersetzen, nur um wissenschaftlich nachzuweisen, dass sie der Auseinandersetzung nicht Wert sind? 

Dieses unreflektierte Verständnis von Wissenschaftlichkeit, das von Forscher_innen ultimativ und meist begründungslos ein gewisses Maß an Bekanntschaft mit dem Gegenstand ihrer Forschungen einfordert, ist jedoch unglücklicherweise weit verbreitet und womöglich sogar politisch wirksam. So ist es auch heute leider unumgänglich, dass irgend jemand die Rolle des Lesers übernimmt, der sich opferbereit aus einem einzigen Grund mit unliebsamen Texten beschäftigt: um anderen diese Beschäftigung zu ersparen.
 
Gewusst wie! Ein junger Mann beteiligt sich an einer Diskussion emanzipatorischer Geschlechterpolitik in einem offenen Dialog auf Augenhöhe (Picture by M0tty / CC by-sa 3.0)
Wenn also bei der grünen Heinrich Böll Stiftung turnusgemäß in einem Jahr wieder einmal ein junger Wissenschaftler nachweist, dass Menschenrechte irgendwie faschistisch sind, wenn sie auch die Rechte von Jungen und Männern beinhalten – dann soll dieser junge Mann sich nicht neben seiner sonstigen anstrengenden Tätigkeit auch noch für die Lektüre der von ihm gewissenhaft analysierten und sorgfältig diffamierten Positionen opfern müssen.
 
Das nämlich kann ich übernehmen.
 
Denn wo können diese Positionen besser zur weiteren Verwendung in der emanzipatorischen Arbeit aufbereitet werden als hier, beim Monatsrückblick. Diesen Rückblick möchte ich hiermit also ausdrücklich als Serviceleistung für Robert Claus und seine noch unbekannten, aber so wichtigen Nachfolger verstanden wissen.

Freitag, 1. August 2014

Brauchen Schulen Dildos? (und andere Kernfragen einer "Sexualpädagogik der Vielfalt")

„Das erste Mal ein Kondom überziehen, das erste Mal einen Tampon einführen, das erste Mal Analverkehr.“
Darüber sollten, so wunderte sich Christian Weber im April in der Süddeutschen Zeitung, schon Dreizehnjährige in der Schule „als Gedicht, als Bild, als Skulptur, als Theaterstück, als Sketch“ etwas vorstellen. Jedenfalls, wenn es nach dem Standardwerk zu einer Sozialpädagogik der Vielfalt (dort auf S. 151 ff) ginge, das gemeinsam mit anderen die Soziologin Elisabeth Tuider verfasst hat, die an der Universität Kassel das Fachgebiet „Soziologie der Diversität“ leitet.

Die gerade veröffentlichte und global formulierte Solidaritätsadresse der Deutschen Gesellschaft für Soziologie „zu aktuellen Kampagnen der Diskreditierung und Diffamierung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern" bezog sich wohl auch auf die heftige Kritik an Tuiders Position.

Weber überlegt:
„Pflichtgemäß hat man mit dem Kopf genickt, als die Leitartikler die Proteste [gegen den Baden-Württembergischen Bildungsplan, LS] gegeißelt haben. Wenn man aber nachliest, was unter einer ‚Sozialpädagogik der Vielfalt‘ möglicherweise konkret zu verstehen ist, wird einem doch komisch zumute.“
Darunter ist beispielweise ein Fragebogen zu verstehen, der auf einem ironischen „Heterosexual Questionnaire“ aus dem Jahr 1972 basiert und den die Ländle-GEW in ihre Broschüre Lesbische und schwule Lebensweisen. Ein Thema für die Schule  aufgenommen hat (dort auf S. 21).
„Ist es möglich, dass deine Heterosexualität von einer neurotischen Angst vor Menschen des gleichen Geschlechtes kommt?“
Oder:
„Laut Statistik kommen Geschlechtskrankheiten bei Lesben am wenigsten vor. Ist es daher für Frauen wirklich sinnvoll, eine heterosexuelle Lebensweise zu führen und so das Risiko von Geschlechtskrankheiten und Schwangerschaft einzugehen?“
Vielfalt ist natürlich eine schöne Sache, solange nur alle in die gleiche Richtung marschieren.
Über diesen Fragebogen hatte auch schon im April Matthias Mattussek geschäumt und Homosexualität bei dieser Gelegenheit gleich insgesamt als „Fehler der Natur“ hingestellt.  Stefan Niggemeier wiederum hatte Matussek lächerlich gemacht: Er zeigte, dass Matussek die Ironie der Fragen, deren Umkehrung gängiger Klischees über Homosexuelle gar nicht verstanden habe und also mit einem Fragebogen für Siebtklässler überfordert gewesen sei. 

Die heftige Kontroverse, die von den Kommentatoren unter den Texten beider noch heftiger fortgesetzt wurde, ist ein gutes Beispiel für die Gefechtslage, die sich angesichts einer „Sexualpädagogik der Vielfalt“ entwickelt hat. Regelmäßig stehen sich zwei Positionen gegenüber, die eigentlich beide nicht vertretbar sind und von denen aus gerade diejenigen nicht wahrgenommen werden, um die es angeblich geht: die Kinder und Jugendlichen.