Donnerstag, 5. Februar 2015

Politik und Kinderfeindschaft

Zu Christoph Kucklicks Das unmoralische Geschlecht. Dritter Teil
 
Die Sittlichkeitsbewegung des endenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts habe, so Christoph Kucklick in Das unmoralische Geschlecht, ein besonders negatives Bild des Manns gezeichnet:
„als triebhaft unberechenbarer Verführer und als Beschmutzer nicht nur der Frauen, sondern der Gesellschaft.“ (328)
Als Projektionsfläche moderner Entwicklungen steht „der Mann“ als egoistisch dar, weil er sich nicht in vorgegebene Ordnungen einpasse, sondern auf sich selbst bezogen bleibe – als animalisch, weil er nicht oder nur zum Teil durch seine Eingliederung in dieser sozialen Ordnungen humanisiert wird – und als potenziell gewalttätig, weil er in seinem Egoismus und seiner fehlenden Impulskontrolle dazu neige, sich ohne Rücksicht auf Grenzen zu nehmen, was er wolle.
Die autoritäre Pädagogik ist offenkundig langlebig. Zur Zeit kommt sie, unter anderem, als progressive, antisexistische Jungenpädagogik daher. Eine Szene aus François Truffauts Sie küssten und sie schlugen ihn (1959)
Es gibt einen Bereich, in dem sich all diese moralisch verwerflichen Aspekte bündeln lassen: nämlich die Sexualität. Sie umfasst natürlich das Animalische – sie umfasst den Egoismus, wenn die männliche Sexualität nicht als Form der Zuwendung zu anderen Menschen, sondern als bloßes Ausleben eigener Triebe gedeutet wird – und sie umfasst natürlich das Gewalttätige, wenn der Mann, als Verführer oder Vergewaltiger imaginiert, seine sexuelle Gier ohne Rücksicht auf die Frau auslebt.

Noch im 18. Jahrhundert seien, so Kucklick, „die schwächeren Nerven der Frauen für die höhere weibliche Sinnlichkeit verantwortlich“ gemacht worden. (124) Doch innerhalb weniger Jahrzehnte sei diese Vorstellung in das Gegenteil gekippt:
„Fortan wurde der Mann mit einer triebhaften Sinnlichkeit identifiziert. (…) Er wurde zu dem Geschlechtswesen.“ (124)
Wenn sich also in der Sexualität von Männern die Probleme der Männlichkeit überhaupt bündeln, dann liegt es nahe, eine umfassende Lösung dieser Probleme ebenfalls auf dem Gebiet der Sexualität zu suchen.
 
Zudem liegt es nahe, sich dabei auf männliche Wesen zu konzentrieren, die noch formbar sind, noch nicht gefangen im – ihnen zugeschriebenen – Selbstbezug; nämlich auf Jungen.

Samstag, 31. Januar 2015

Der liebesunfähige Mann: Vom alten Klischee zur revolutionären Neuheit

Zu Christoph Kucklicks Das unmoralische Geschlecht. Zweiter Teil
 
Im ersten Teil der kleinen Winterserie über Christoph Kucklicks Das unmoralische Geschlecht habe ich seine Kernthese vorgestellt, dass über negative Darstellungen von Männlichkeit typische Widersprüche der Moderne ausgetragen würden.

Im mittleren Teil möchte ich, wie angekündigt, an konkreten Beispielen überprüfen, wie haltbar und wie hilfreich diese These ist.

Im letzten Teil werde ich dann einige Konsequenzen beschreiben, die sich in meinen Augen aus Kucklicks Schrift ergeben.

Die Beispiele, die sich für den mittleren Teil anboten oder aufdrängten, waren allerdings so zahlreich, dass ich zwei Texte daraus gemacht habe. Der eine, der hier gerade beginnt, bezieht Kucklicks Thesen auf Beispiele aus einer gerade erst vergangenen Zeit, die heute gleichwohl skurril und irreal wirken. Es sind Beispiele aus den achtziger und frühen neunziger Jahren, als die Obsession mit der Geschlechtszugehörigkeit feministische Zirkel verließ und zu einem Teil der Popkultur und Ratgeberliteratur wurde.

Der nächste Text wird sich dann mit Beispielen aus der unmittelbaren Gegenwart beschäftigen. Sie werden vermutlich in 20 Jahren ebenso irreal wirken wie manche Beispiele des folgenden Textes – wenn sie es nicht ohnehin jetzt schon tun.
Dass Männer irgendwie Tiere sind, ist seit Jahrhunderten ein gängiges Klischee. Mit Begeisterung wird es wieder und wieder inszeniert - und gern mit großem Gestus, als sei damit gerade eben erst eine revolutionäre, tiefgründige Wahrheit über die grundlegenden Bedingungen menschlicher Existenz neu entdeckt worden. Aus Doris Dörries Erfolgsfilm Männer.
 
 „Die Wirtschaftskrise ist vor allem eine Krise der Männer.“ Diesen Satz aus der Süddeutschen Zeitung und andere, ähnliche Sätze beschreibt Christoph Kucklick gleich zu Beginn seines Buchs Das unmoralische Geschlecht: Solche Aussagen würden ein Wissen darstellen,
„das als solches nur gelten kann, solange es nichts über sich selber weiß.“ (34)
Das bedeutet: Es sind scheinbar Äußerungen über die empirische Welt, die auch noch den Eindruck erwecken, durch sie würden tiefere Strukturen freigelegt – Strukturen einer männlichen Herrschaft, die zum Schaden aller wirke.

Tatsächlich aber sind es oberflächliche Klischees, und das sei denjenigen, die sie benutzen, vor allem einem Grund nicht klar: Sie merkten gar nicht, dass sie auf Klischees zurückgreifen, die seit Jahrhunderten im Umlauf sind und die in dieser Zeit immer wieder als Neuentdeckungen verkauft wurden.

Dass sich in diesen Klischees Widersprüche der Moderne spiegeln würden – dass deshalb auch die Männlichkeitsdarstellungen widersprüchlich seien, neben Idealisierungen auch eine lange Tradition der Männlichkeitsverdammnis pflegen würden: Das ist die Kernthese von Kucklicks Buch.

Wie glaubwürdig sie ist, lässt sich an konkreten Beispielen besser überprüfen als an allgemeinen, theoretischen Erwägungen.

Montag, 26. Januar 2015

Warum Männerfeindschaft modern ist

Zu Christoph Kucklicks Das unmoralische Geschlecht. Erster Teil

„Gleich zu Beginn der Finanzkrise sah das Magazin der Süddeutschen Zeitung, wie sich ein unheimlicher Penis der Zerstörung erhob. Neben dem Foto eines erigierten Büroturms und unter der moralstickigen Überschrift Hochmut kommt vor dem Phall schrieb das Blatt: ‚Die Wirtschaftskrise ist vor allem eine Krise der Männer.’ Um in Klammern und kokett hinzuzufügen: ‚Im Ernst: Wäre Frauen der ganze Mist passiert?’"
So beginnt Christoph Kucklick seinen Essay Das verteufelte Geschlecht, der 2012 in der Zeit veröffentlicht wurde.

Für massiv herabwürdigende, zugleich aber auch ungehemmt moralisierende Darstellungen von Männern präsentiert er dort eine lange Reihe aktueller Beispiele: Das Raunen des SZ-Autors beispielsweise, der angesichts der Finanzkrise über eine „Herde von Männern“ schrieb, um so den Mann als animalisch zu entlarven – einer ganz ähnlichen Wortwahl wie der, derer sich mit der gleichen Absicht dann etwas später die Zeit selbst bediente.

Die Deutung derselben Krise als „Testosteron-Krise“ durch den „Trendforscher“ Matthias Horx und, ganz ähnlich, durch die Premierministerin Islands.

Die weitgehend männlichen Teilnehmer des Weltwirtschaftsgipfels in Davos, die gegenüber dem Problemverursacher Mann Frauen ausdrücklich als Allround-Lösung globaler Herausforderungen präsentiert hätten. Männer dagegen habe die Zeit schon zehn Jahre zuvor als „Feinde der Menschheit“ dargestellt.

Oder die schwedische Politikerin Ireen von Wachenfeldt, „die in hinreißender Offenheit befand: ‚Männer sind Tiere’“.

Oder die Paranioa der Innsbrucker Politik- und Gender-Professorin Claudia von Werlhof, die eine Verschwörung von Männern phantasiert, welche mittels geeigneter Gerätschaften gezielt Erdbeben auslösen würden.

Das Philosophie-Magazin, das bereits in seiner dritten Ausgabe den Mann als „Das problematische Individuum des 21. jahrhunderts“ präsentiert hat.

Und natürlich der berühmte Satz aus dem sozialdemokratischen Grundsatzprogramm, der einen Gegensatz von Männlichkeit und Menschlichkeit konstruiert: „Wer die menschliche Gesellschaft will, muss die männliche überwinden.“

Kucklick kommentiert:
„So wie wir gelernt haben, schneller Reize wegen Bildschirme und Plakatwände mit nackten Frauen zu füllen, so haben wir uns antrainiert, jedem Problem einen männlichen Defekt beizugesellen, der es irgendwie verursacht haben soll. Kausalitätspornografie.“
Oder auch: der Männerhass als Moralporno.
 
Für Kucklick sind solche negativen Darstellungen von Männern nicht neu, und sie sind schon gar kein Resultat des Feminismus, dem er übrigens auch Verdienste zuschreibt.  Der Feminismus habe den Männerhass nicht erfunden, sondern lediglich genutzt.
 
Der Autor beschreibt ganz andere und viel ältere Quellen des misandrischen, also männerfeindlichen Ressentiments. Auf diese Quellen allerdings hätte eine feministische oder feministisch inspirierte Forschung tatsächlich den Blick verstellt: Sie sei ganz auf Geschlechterhierarchien fixiert, in denen Männer rundweg als Herrscher erschienen – und hätte das häufig mit Theorien flankiert, „denen zufolge Männer ihre Dominanz durch entsprechend Diskurse abgesichert haben.“ (S. 23)
 
Radikal negative Darstellungen von Männern, die Kucklick als beständige Begleiter der Moderne – also: der letzten zwei bis drei Jahrhunderte – herausstellt, seien darüber aus der Wahrnehmung verschwunden.

Das ist ein Kernthema seiner Dissertation „Das unmoralische Geschlecht“, deren Grundthesen er in seinem Zeit-Artikel erläutert. Das Buch ist in meinen Augen eine der wichtigsten geschlechtertheoretischen Arbeiten der letzten Jahrzehnte, und es ist es unbedingt wert, stärker in allgemeine Diskussionen aufgenommen zu werden. Dass er sich auf die hochkomplexe Systemtheorie Luhmanns bezieht, ist dabei sicher ein Hindernis – diesen Hintergrund hat gerade djadamoros in einem Text bei Geschlechterallerlei sehr fundiert erläutert.
So ist er, der Mann: schraubt frohgemut an einer Maschine herum, die längst viel größer ist als er - denkt, er hätte dabei die Sache in der Hand - und wird eigentlich nur ein wenig wunderlich.
Kucklick untersucht Texte von Schriftstellern der Aufklärungszeit, von bekannten wie Fichte, Kant oder Schleiermacher, aber auch von vielen heute unbekannten Autoren. Seine Grundthese: Die gängige Vorstellung ist zumindest ergänzungsbedürftig, Männer seien durchweg als überlegene Vernunftmenschen und Frauen als unterlegene Defizitwesen dargestellt worden. Zugleich hätten die Texte noch eine ganz andere Tendenz: nämlich Männer als Mängelwesen zu präsentieren, als Monstren, als instinktgeleitete, halb-tierische Wesen – und Frauen als humanes, rettendes Gegengewicht zur männlichen Destruktivität.

Zugleich geht Kucklick davon aus, dass die Positionen dieser Texte aus dem 18. und frühen 19. Jahrhundert durch die Jahrhunderte wieder und wieder aufgefrischt worden seien – die Feindseligkeit gegenüber Männern sei bis heute ein Kennzeichen der Moderne.

Natürlich bedeutet das nicht, dass diese Feindschaft sämtliche Bereiche des sozialen Lebens durchdrungen hätte – die Schriften der Aufklärung, die Kucklick untersucht, sind Schriften einer verschwindend kleinen Gruppe bürgerlicher Intellektueller. Gleichwohl ist es eine starke These, dass es – neben Traditionen der Idealisierung von Männern – zugleich auch eine lange Kontinuität der Männerfeindschaft gegeben habe.

Ob sich das so halten lässt, ob sich tatsächlich Kontinuitäten der Feindschaft gegenüber Männern vom 18. Jahrhundert bis heute beschreiben lassen, und was das alles eigentlich mit den Entwicklungen der Moderne zu tun hat – das sind Fragen, die weit weniger theoretisch sind, als sie auf den ersten Blick aussehen. Aus ihren Antworten ergeben sich zudem wichtige Konsequenzen für heutige Geschlechterdebatten.

Ich hatte mir am Ende des vergangenen Jahres die Zeit genommen, Kucklicks Buch einmal im Zusammenhang zu lesen, schon mit der Absicht, darüber etwas zu schreiben. Ich habe dann gemerkt, dass das Buch zu umfassend für einen Text ist – also mache ich drei daraus, von denen der erste, dieser hier, eher theoretisch ist und die Kernthese von Kucklicks Buch skizziert, während die folgenden Texte sich dann mit konkreten Beispielen auseinandersetzen.

Da djadmoros die wichtigen Luhmann-Bezüge schon erläutert hat, kann ich mich stärker auf anderes konzentrieren: Was können wir mit Kucklicks Buch in aktuellen Debatten anfangen? Welche Konsequenzen ergeben sich aus den Ergebnissen seiner Forschung?

Montag, 19. Januar 2015

Wo Lächerlichkeit tötet (Auch ein Rückblick auf den Dezember 2014)

Angesichts des Terrors in Paris und anderswo wirken Debatten über Geschlechter sehr klein und unwichtig. Das sind sie auch, manchmal – und einige Jahresrückblicke des letzten Monats lieferten dafür Beispiele reihenweise.

Die von de Mazière, Gabriel oder Maas  gebrauchte „Formel, die Morde von Paris hätten nichts mit dem Islam zu tun“, bezeichnet Deniz Yücel in der taz als „unerträglich“ und „Blödsinn“. Die gute Absicht dieser Formeln ist erkennbar – einem pauschalen Verdammen von Muslimen oder des Islam insgesamt zu widersprechen. Hohlformeln jedoch dienen der guten Absicht wohl kaum.

Dass aber demgegenüber Pegida auch nicht gerade eine demokratische Graswurzelbewegung ist, die sich dem Aussprechen unbequemer Wahrheiten verpflichtet hat – das wird zum Beispiel in dem kleinen sozialen Experiment eines Bloggers deutlich, der sich mit einer Israel-Fahne auf eine Pegida-Demonstration begeben hat. Das Versammlungsverbot aufgrund von Gewaltdrohungen ist natürlich trotzdem, wie Telepolis mit diplomatischer Vorsicht formuliert, „nicht ganz verständlich".

Der aktuelle Spiegel versucht dann tatsächlich, den Terror mit aktuellen Klischees aus Geschlechterdebatten zu erklären. Der Terror der Verlierer, titelt er – was vor allem beruhigend ist, weil wir, die wir den Spiegel lesen, dann stillschweigend als Gewinner dastehen. Im Untertitel: „Wie junge Männer Europa den Krieg erklären“. Im dazugehörigen Artikel fragt das Magazin dann suggestiv:
„Sind es zornige junge Männer, die das Problem sind? Ist die Gesellschaft selbst dass Problem? Oder ein falschverstandener Islam, in dem verirrte Männer eine Heimat finden (…)?“ (S. 77)
Im Gespräch betont der Politikwissenschaftler und Islamexperte Olivier Roy, dass die radikalen Moslems sich in einer patriarchalischen Fantasie befänden und trotzdem „auch Frauen, die das Gleiche tun wollen“, anzögen: „Die Beziehung zwischen diesen jungen Radikalen beruht auf Gleichberechtigung.“ (S. 91) Trotzdem fragt Julia Amalia Heyer, Interviewerin des Spiegel, noch einmal nach: Die größte Gefahr gehe doch wohl nicht mehr von al-Quaida aus,
„sondern von zornigen jungen Männern (…), die keinen Job haben und sich eine Kalaschnikow besorgen“. (91)
Die Antwort Roys unterläuft sowohl die sozialen wie auch die geschlechtsbezogenen Klischees der Frage: „Selbst Mittelstandskinder und Jugendliche, die am gesellschaftlichen Leben durchaus teilhaben, werden mittlerweile zu Terroristen“.
Ein junger Mann, ausnahmsweise mal nicht zornig, sondern beim Lesen eines Buches. Ernst Barlachs Lesender Klosterschüler.
Kimmels Angry White Men in einer islamisierten Version: Das Klischee des zornigen männlichen Modernitätsverlierers, der um sich tritt und blind gewalttätig agiert, lenkt unter anderem davon ab, dass die Terroristen selbst ausdrücklich einen sehr deutlichen Geschlechtsunterschied machten: Sie wollten ausschließlich Männer töten.

Wäre das umgekehrt gewesen, hätte sich ihre Gewalt also gezielt gegen Frauen gerichtet, dann würden wir uns gewiss schon längst in einer erregten Diskussion darüber wiederfinden, dass der Terror im Kern frauenfeindlich sei, nämlich ein Ausdruck gefährdeter patriarchaler Herrschaftsstrukturen.
 
Ich finde es trotzdem angemessen, dass Männer die offenkundige, spezifische Männerfeindlichkeit der Terroristen nicht in den Mittelpunkt der Diskussion geschoben haben. Diese Feindseligkeit gehört wohl zu einem pervertierten soldatischen Selbstverständnis, das die Terroristen mit ihren scheinbaren Antipoden teilen – auch für Anders Breivik ist das Töten erst dann ein Problem, wenn Frauen getötet werden.

Dass der Versuch des Spiegel halbherzig bleibt, den Terror im Lichte gegenwärtiger Geschlechterklischees zu betrachten, hat möglicherweise auch einen anderen Grund: Die Gewalt ist fernab aller Geschlechterdebatten betont antisemitisch. Das einzige weibliche Opfer der Morde in Paris ist eine Jüdin, im Jahr 2014 sind, so die Süddeutsche Zeitung, doppelt so viele Juden aus Frankreich ausgewandert wie noch im Jahr zuvor, 7000.
„Statistiken des französischen Innenministeriums belegen, dass von sämtlichen als rassistisch eingestuften Taten knapp die Hälfte gegen Juden gerichtet ist - und das bei einem Bevölkerungsanteil von weniger als einem Prozent.“ 
Schon vor der Ermordung von vier jüdischen Männern durch den islamistischen Terroristen Coulibaly  sind Juden in Frankreich wiederholt und gezielt zum Opfer von sehr gewalttätigen Überfällen geworden.

„Alle sind Charlie, keiner ist Jude“, kommentiert ein Blogger die Konzentration auf die ermordeten Journalisten. Tatsächlich ist das eine der schrecklichsten Ziele des Terrors: der Versuch, die Möglichkeit zivilen Lebens zu zerstören. Wenn jüdische Schulen geschlossen werden oder nur unter erheblichem Polizeischutz offen bleiben können, wenn Gottesdienste ausfallen müssen, wenn Menschen schon beim Gang ich den Supermarkt Todesangst haben müssen – dann brechen Selbstverständlichkeiten zivilen Lebens weg, die nicht ersetzbar sind.

Angesichts dessen wirken Geschlechterdebatten sehr klein und unwichtig. Welche Rückschlüsse aus dem Pariser Terror trotzdem auch für andere Zusammenhänge gezogen werden können, zeigt David Brooks in einem Kommentar für die New York Times, I am not Charlie Hebdo:

Freitag, 2. Januar 2015

Warum eigentlich werden Geschlechterdebatten so schnell bekloppt?

Eigentlich hatte ich keine bösen Absichten: Gestern habe ich ein paar Grüße zum neuen Jahr veröffentlicht, hatte uns allen Gelassenheit und viel Spaß gewünscht – hatte aber auch darüber geschrieben, dass nach meinem Eindruck gerade geschlechterpolitische Konflikte oft ungeheuer aufgebauscht werden und Aufregungen verursachen, die dem Anlass nicht angemessen sind.

Eines von mehreren Beispiele, die ich nannte, kam aus dem Kontext männerrechtlicher Blogs – ich finde es bis heute absurd, dass sich im letzten Jahr aus einer Kleinigkeit, einer Entschuldigung des Bloggers „wortschrank“ bei der Bloggerin Robin Urban, ein massiver Konflikt entwickeln konnte, der bis heute anhält.

Nach meinem Eindruck hatte das damals die durchaus optimistische Grundstimmung nach der Zusammenarbeit in zwei erfolgreichen Blogparaden geknickt, und von zumindest zwei Bloggern, die ich sehr geschätzt hatte, weiß ich, dass sie sich unter dem Eindruck dieser absurd hochgeputschten Konflikte zurückgezogen haben.

Ob das so beabsichtigt war, ob einzelnen eine Schuld zuzuweisen ist – darüber könnte man immer noch diskutieren, man könnte es auch sein lassen. Ich schreib gestern in einem Nebensatz lediglich, dass ich diese Entwicklung im Rückblick schade finde – und dachte, dass das eigentlich allgemein nachvollziehbar sein müsste.

Obwohl es in dem kurzen Text gestern eigentlich um ganz anderes ging, fühlten sich einige Akteure durch diesen Nebensatz sofort und unmittelbar angesprochen – und fingen an, mich in den Kommentaren aufgeregt zu beschimpfen, mich der Lüge zu bezichtigen und eine Fortsetzung des Konflikts anzukündigen.

Auch das ist schade. Ich hab dieses Blog in vier Tagen genau zwei Jahre lang, es hat hier weit über 4000 Kommentare gegeben, nur insgesamt drei davon fand ich so bekloppt, dass ich sie gelöscht habe, und durchgehend habe ich hier sowohl anonyme Kommentare als auch unmoderierte Kommentare ermöglicht. Es war in meinen Augen ein ungeheuer gutes Zeichen, dass das so lange und so umfassend möglich war.

Gestern habe ich dann unter dem Eindruck der Aggressivität, die mehrere Kommentare prägte, die Kommentarfunktion geändert und lasse nun Kommentare nur noch moderiert durch. Ich bin zur Zeit, wie in der ganzen Weihnachtszeit, noch immer viel offline unterwegs – und ich möchte einfach nicht, dass ein Text, in dem es eigentlich um Gelassenheit und Augenmaß ging, in den Kommentaren vollkommen bestimmt wird durch zwanghafte Re-Inszenierungen von Konflikten, die ich schon beim ersten Durchgang bescheuert fand.
Auch wohlmeinende, vernünftige Zeitgenossen können sich in Geschlechterdiskussionen recht schnell verhaken.
Es ist mir hier nicht einmal so wichtig, worum es dabei geht – wichtiger ist mir etwas anderes. Als ich über die Weihnachtsfeiertage ein wenig Abstand vom Bloggen hatte, empfand ich das manchmal als sehr erleichternd – und viele Konflikte, mit denen wir uns hier herumschlagen, kamen mir recht verrückt und überzogen vor. Die Männerbewegung, wenn es sie denn gibt, hat offenkundig manchmal den seltsamen Ehrgeiz, so viele lunatic fringes, verrückte Ränder wie nur möglich hervorzubringen.

Fairerweise sollte allerdings hinzugefügt werden, dass das anderswo nicht unbedingt besser aussieht: Beim heutigen Feminismus fänd ich es manchmal ganz schön, wenn er sich irgendwann dazu entschließen könnte, zur Abwechslung irgendwo auch einmal einen non-lunatic fringe einzurichten.

Warum aber gleiten, wenn mein Eindruck richtig ist, Geschlechterdiskussionen eigentlich so oft und so schnell ins Irrationale ab? Christian Schmidt hat sich im Hinblick auf den Feminismus schon in mehreren Artikeln mit dieser Frage beschäftigt, und die bloggende Psychologin „Erzählmirnix“ hat dort die These aufgestellt, Feminismus und Maskulismus würden gerade traumatisierte Frauen und Männer überproportional stark anziehen.

Diese Erklärung ließe sich mit einer ganzen Reihe von Beispielen illustrieren, ich möchte aber trotzdem ein Gegenstück dazu formulieren – keine Gegenthese, eher eine Ergänzung. Geschlechterdiskussionen ziehen möglicherweise traumatisierte oder depressive Menschen überproportional stark an – es gibt aber einige Aspekte dieser Diskussionen, die dazu führen, dass dort auch Menschen ganz jenseits psychischer Störungen unter ihrem sonstigen Niveau bleiben und irrationaler agieren, als sie es in anderen Zusammenhängen tun. 

Mir fallen dafür vier Erklärungen ein.

Donnerstag, 1. Januar 2015

Jahresende, Jahresanfang

1911 veröffentlichte der Dichter Jakob von Hoddis, der eigentlich Hans Davidsohn hieß, ein Gedicht, mit dem er bis heute zu einem berühmten One-Hit-Wonder wurde. Weltende hieß es, und es wurde nachträglich als ein prophetisches Gedicht verstanden, in dem sich die Katastrophe des Ersten Weltkrieges schon ankündigte.
 
„Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei,
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei 
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.  
 
Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken."
 
Thomas Schmid sieht das 2011 in einer Interpretation  undramatischer: Die kleinen, immer wieder schnell zerstrittenen expressionistischen Männerbünde hätten ihre „kleinen Zimmerschlachten (…) zwar mit Leidenschaft geschlagen“, aber eigentlich hätten ihre Werke etwas Spielerisches und Unernstes gehabt.
„Ihr Sturm war, am Ende einer großen und prosperierenden Friedenszeit, auch ein Sturm im Wasserglas.“
Wassily Kandinsky: Skizze für Komposition VII, 1913
Warum auch immer, das kam mir ein wenig vertraut vor. In Geschlechterdebatten wurden in den letzten Monaten die Aufregungs-Zyklen immer kürzer: ein Buch von Anne Wizorek, shirtgate, Hollaback, fappygate, die journalistische „Rape on Campus“-Katastrophe, als Dauerprogramm Gamer Gate – und das ist nur ein kleiner Ausschnitt.

Dienstag, 30. Dezember 2014

Was ist denn nun eigentlich ein „Masku“?

Zugegeben – ich weiß nicht so recht, was „Männerrechte“ eigentlich sind. Der Begriff ist in meinen Augen ebenso fragwürdig wie der Begriff „Frauenrechte“.

Rechte gelten schließlich allgemein, nicht nur für bestimmte Gruppen – sonst sind es keine Rechte, sondern Vorrechte. Als beispielweise Christian Schmidt vor einigen Wochen über „Einschränkungen von Männerrechten“ schrieb, ging es eigentlich nicht um solche Sonderrechte – sondern darum, dass die allgemeinen Rechte bestimmter Menschen eingeschränkt werden, bloß weil diese Menschen biologisch männlich sind.

Den Begriff Maskulist finde ich noch unglücklicher als den des „Männerrechtlers“ – weil auch er allzu deutlich bloß Nachbildung eines weiblichen Vorbilds ist, und weil der Begriff Maskulismus bei Licht betrachtet ebenso unsinnig ist wie der Begriff Feminismus. Wie sollte denn eine Theorie, ein politisches Programm oder eine Weltanschauung einfach auf „Männlichkeit“ bzw. „Weiblichkeit“ aufgebaut werden?

Würde beispielweise ein sorgeberechtigter Vater die Kinder der Mutter entfremden und die Mutter schikanieren – dann wäre das in meinen Augen ebenso verwerflich, wie es umgekehrt ein solches Agieren einer Mutter ist. Sicher, unter den gegebenen Bedingungen haben Mütter wesentlich häufiger die Möglichkeit, so zu handeln – aber trotzdem liegt der Fokus auf allgemeinen Rechten, nicht allein auf Rechten von Vätern. Allein die Rechte der Kinder können hier sinnvoll hervorgehoben werden.

Die Schwierigkeit, eine vernünftige Bezeichnung für das zu finden, was auch ich in diesem Blog seit nun fast zwei Jahren betreibe, hat daher wohl einen ganz einfachen Grund. Ich hatte eigentlich niemals das Gefühl oder das Bestreben, spezifisch für Männerrechte einzutreten – sondern war mir bis vor wenigen Jahren sicher, dass das, wofür ich da eintrete, ein allgemein geteilter Konsens ist, ganz unabhängig von der Geschlechtszugehörigkeit.
 
Mir war lange Zeit nicht einmal klar, dass es besonders nötig wäre, dafür einzutreten.
 
Maskus kommen nicht mit dem Verlust ihrer Privilegien klar - wissen einfach nicht, wohin mit ihrer Wut - gehen dann ausgerechnet auf die fortschrittlichen Kräfte der Gesellschaft los - agieren irrational und haben wichtige Entwicklungsschritte einfach verpasst - und wünschen sich daher in frühere Stadien der gesellschaftlichen Evolution zurück. Ich kenn die Jungs, ich weiß, wovon ich rede. (Jörg Rupp, B90/Grüne)
Mit Klischees arbeiten schließlich immer nur die anderen.
Rechtliche Gleichheit – allgemeine Menschenrechte – ein Anspruch auf eine basale Fairness im Umgang – ein allgemeiner Anspruch auf Schutz vor Gewalt – ein Staat, der allen Staatsbürgern prinzipiell gleichermaßen verpflichtet ist, unabhängig von ethnischer Zugehörigkeit, sozialer Schicht oder Geschlecht: Wer bemerkt, dass diese Selbstverständlichkeiten keineswegs selbstverständlich sind, und wer sich dagegen wehrt, dass sie durchaus systematisch attackiert werden – der kann sich damit plötzlich als „Männerechtler“ oder „Maskulist“ wiederfinden.

Dienstag, 16. Dezember 2014

Die Herrschaft der Unschuld (Monatsrückblick November 2014)

Sigmar Gabriel war sauer. Richtig sauer.
„'Wenn Männer das als nervig empfinden, zeigt das eher, dass Männer ein Problem haben', sagte Gabriel. Es sei auch Schwesigs Aufgabe 'zu nerven, wenn die Dinge so im Argen liegen'."
Da hatte doch CDU-Fraktionschef Kauder Gabriels Familien- und Frauenministerin Manuela Schwesig glatt als „weinerlich“ bezeichnet, weil sie sich über Widerstände gegen die Frauenquote in Aufsichtsräten beschwert hatte.
 
Nicht jedem wird die feine Ironie aufgefallen sein, mit der ausgerechnet Gabriel so entschlossen als ihr  Befürworter in den Ring stieg. Schließlich taugt der SPD-Chef tatsächlich als fleischgewordenes Argument für die Quote:
 
ein Mann massiver Misserfolge, der seinen Posten als niedersächsischer Ministerpräsident von Gerhard Glogowski übernommen hatte und mit der SPD bei seiner ersten Landtagswahl eben diesen Posten und dazu fast 15 % der Stimmen seiner Partie krachend verlor, der es aber seinen guten Vernetzungen und seinem aggressiven, dominanten Territorialverhalten verdankt, dass er von dort aus schnell an die Spitze seiner Partie unterkommen konnte.

Einen ganz anderen Habitus, aber eine ähnliche Geschichte hat der für die Quote wesentlich mitverantwortliche Justizminister Heiko Maas, der ebenfalls als Spitzenkandidat mit einem Minus von 14 % und danach sogar mit dem schlechtesten Ergebnis der Parteigeschichte gleich drei Landtagswahlen so beeindruckend verloren hatte, dass ihn das kurze Zeit später irgendwie an die Spitze eines Ministeriums katapultierte. Was wir können, könnt ihr schon lange – wenn Gabriel und Maas das den Frauen Deutschlands zurufen, wird es vermutlich kaum eine bezweifeln.

Nur dass es bei der Quote tatsächlich um „die Frauen Deutschlands“ geht, ist eher zweifelhaft – es geht, natürlich, um eine extrem kleine, ohnehin schon privilegierte Schicht. Zu diesem Punkt wäre vielleicht ein Wort der Erklärungen von Sozialdemokraten nett gewesen.
Demonstranten an der University of Virginia nach den Vorwürfen gegen Mitglieder der Studentenverbindung Phi Kappa Psi, sie hätten auf extrem brutale Weise eine junge Studentin vergewaltigt. Let's Smash Patriarchy and the rest of Phi Kappa Psi's wankers (Lasst uns das Patriarchat zerschlagen und den Rest der Phi Kappa Psi-Wichser), steht auf dem Plakat links oben, Burn the frat houses down (Brennt die Verbindungshäuser ab) auf dem Plakat rechts oben.
Die Vergewaltigungsvorwürfe erwiesen sich als falsch.
Es gibt schließlich viele Familien mit erheblichen Problemen – sei es, dass sie Kosten für Wohnraum, Lebenshaltung, Kindergarten, Kinderbetreuung nur noch schwer durch die eigene Erwerbsarbeit begleichen können; sei es, dass Kinder in Familien aufwachsen, die sich auf den Bezug von Sozialleistungen eingestellt haben und den Kindern kaum einen strukturierten Tagesablauf bieten; seien es Migrantenfamilien, die sich in Parallelgesellschaften einrichten und damit ihren Kindern das Leben in Deutschland erheblich erschweren; seien es Hunderttausende von Kindern, die ohne ein Elternteil – in der Regel ohne Vater – aufwachsen und die damit nicht nur beträchtliche erntwicklungspsychologische Risiken tragen, sondern auch von Kinderarmut bedroht sind.
 
Was aber ist das wesentliche Problem der Familienministerin, ihr Leib- und Magenthema, ihr politisches Ausstellungsstück und Prestigeprojekt, mit dem sie sich profilieren möchte? Eine Frauenquote, von der deutschlandweit bestenfalls wenige hundert sehr privilegierter Frauen profitieren können.

Mit kommt es so vor, als seien Sozialdemokraten früher irgendwann einmal anders gewesen, aber es kann natürlich auch sein, dass ich das geträumt habe.

Freitag, 12. Dezember 2014

„Nicht mehr mundtot“ – Ein Interview mit dem Autor Gunnar Kunz

Vor wenigen Tagen hat Gunnar Kunz das Buch „Verwundbar sind wir und ungestüm. Erzählungen aus der unsichtbaren Welt der Männer“ veröffentlicht. Eine der Erzählungen darin, Unberührbar, oder: Nur ein kleiner Schnitt, war hier auch schon einmal  Thema – eine Erzählung über die Beschneidung eines Jungen.

Arne Hoffmann schrieb zu dem nun erschienenen Band:
„Einer der Gründe, warum einen die von Kunz erzählten Geschichten beim Lesen so stark bewegen, ist das Wissen darum, dass das darin berichtete Leiden, weil es Männer trifft, in unserer Gesellschaft kaum gesehen wird und kaum etwas gilt.”
Daher also eine „unsichtbare Welt“. Ich hatte die Gelegenheit, mich mit Gunnar Kunz über sein Buch zu unterhalten.
 
Schoppe: „Dieses Werk reiht sich ein unter den Klassikern der Männerbewegung wie Mythos Männermacht oder Sind Frauen bessere Menschen? Plädoyer für einen selbstbewussten Mann und sollte in keiner Sammlung zum Thema Männer und Frauen fehlen.“ Das hat ein Rezensent bei Amazon  über dein Buch geschrieben.

Das können wir auch einfach mal so stehenlassen. Ich würde nur gern wissen: Was hat dein Buch mit den genannten Texten gemein – und was ist anders?


Gunnar Kunz: Vergleichbar ist mein Buch insofern, als ich mich kritisch mit dem herrschenden Feminismus auseinandersetze und dabei z. B. auf die in den genannten Werken zu findenden Fakten beziehe. Anders als dort ist mein Buch jedoch kein Sachbuch, sondern ich behandele die Themen in Form von Geschichten, um die Gefühle und Beweggründe der Protagonisten nachvollziehbar zu machen.

Schoppe: Was ist denn in deinen Augen der Vorteil, wenn es nicht um – politisch zu diskutierende – Fakten geht, sondern um Gefühle und Beweggründe?

Gunnar Kunz: Das Problem bei Sachinformationen ist, dass jeder sie leicht verdrängen kann. Wenn man in den Nachrichten hört, dass irgendwo tausend Menschen gestorben sind, ist das nur eine Zahl. Wenn man jedoch das Schicksal eines Einzelnen miterlebt, seine Gefühle, Gedanken und Reaktionen nachvollziehen und sich daher mit ihm identifizieren kann, bekommt man ein tieferes Verständnis für ihn.

Beispielsweise denken viele Menschen ja verächtlich über Männer, die unter häuslicher Gewalt leiden. Wenn man jedoch emotional nachvollziehbar macht, warum ein Mann in einer bestimmten Situation auf eine bestimmte Weise reagiert, dann greifen die Klischees und Vorurteile nicht mehr, und man versteht, dass so etwas jedem Mann zustoßen könnte.
 
Schoppe: Ich würde darauf gern gleich zurückkommen. Aber vielleicht ist es gut, zunächst einmal die Grundstruktur des Buchs vorzustellen.

Im Mittelpunkt der insgesamt 24 Texte stehen nach meinem Eindruck die fünf Erzählungen: über einen Vater, der den Kontakt zu seinen Kindern verliert – über einen Jungen, der beschnitten wird – über Männer, die fälschlich der Vergewaltigung beschuldigt werden – über einen Mann, der häusliche Gewalt erlebt – und über einen Jungen, der von der Mutter sexuell missbraucht wird. Was ist für dich der Rote Faden dabei?

Mittwoch, 10. Dezember 2014

Ein Massenmord und seine Verwerter

Er „wusste in einem Spielzimmer nichts mit Spielsachen anzufangen, im Spiel mit anderen Kindern fehlte ihm Vorstellungskraft und Empathie und er konnte seine Gefühle nicht ausdrücken. (S. 29) Seine Mutter pflegte eine doppelte Kommunikation mit ihrem Sohn, stieß ihn von sich weg und zog ihn hinterher wieder eng an sich heran. Dies ging soweit, dass sie ihrem Sohn sagte, sie wünschte, er wäre tot und einem Mitarbeiter der Sozialbehörde ebenfalls sagte, dass sie ihren kleinen Sohn loswerden wolle, was auch immer sie damit meinte.“
Vor einigen Tagen hat mich ein Leser auf einen Text im Blog Kriegsursachen aufmerksam gemacht, in dem über das Buch berichtet wird, das der Vater des Massenmörders Anders Breivik geschrieben hat. Das gleiche Blog stellt auch das Buch „A Norwegian Tragedy“ von Arge Borchgrevink über die Kindheit des Massenmörders vor. Das Eingangszitat stammt aus eben dieser Rezension.
Auf der norwegischen Insel Utøya überfiel Anders Breivik  am 22. Juli 2011 ein Sommercamp der norwegischen Jungsozialisten und ermordete 69 Menschen. Die Opfer waren zwischen 14 und 51 Jahre alt, 32 von ihnen unter 18 Jahre. Zuvor hatte Breivik im norwegischen Regierungsviertel eine Bombe gezündet und dabei acht Menschen getötet. Foto: Paal Sørensen 2011
Das Verhältnis Breiviks zur Mutter, so Borchgrevink, sei früh massiv gestört gewesen. Schon während der Schwangerschaft habe sie den Jungen als schwieriges Kind erlebt, „das rastlos war und sie trat“. 
 
Breiviks Kindheit ist, für eine Weile, deswegen außergewöhnlich gut dokumentiert, weil die Mutter mit dem vierjährigen Sohn  erheblich überfordert war, staatliche Stellen um Hilfe bat, das staatliche Zentrum für Kinder- und Jugendpsychiatrie (SSBU) sich einschaltete und die Familie über einige Wochen hinweg untersuchte.

Borchgrevink beschreibt in seinem Buch, wie die Mutter auf die Untersucher desorientiert gewirkt hätte („When they arrived, Wenche apperared disoriented, demanding and suspicious. She could not find the way up from Gaustad, even though there was really only one road to take.“ Position 848). Die dringende Empfehlung des SSBU, den Jungen nicht weiter bei seiner Mutter zu belassen, wird durch beunruhigende Passagen aus dem Untersuchungsbericht erklärlich, die der Autor zitiert.
„Ein wesentlicher Anteil an den wachsenden Schwierigkeiten der Mutter in den der letzten Jahren hängt mit ihrer extrem ungewöhnlichen Beziehung zu Anders zusammen. Sie projiziert ihre primitiven und sexualisierten aggressiven Fantasien auf ihn, alles, was sie als gefährlich und aggressiv in Männern wahrnimmt. Ihre tägliche Interaktion mit ihm ist durch einen großen Teil widersprüchlicher Kommunikation charakterisiert; auf der einen Seite ist sie symbiotisch, während sie ihn zugleich mit ihrer Körpersprache zurückweist, und sie kann plötzlich wechseln zwischen einer übertrieben süßlichen Weise, mit ihm zu sprechen, und offen ausgedrückten Todeswünschen.“ (Zitat 1, siehe unten)
Neben der extremen Aggressivität und der unlösbaren Widersprüchlichkeit des mütterlichen Verhaltens habe so auch der Verdacht sexuellen Missbrauchs im Raum gestanden („abuse of a sexual nature“).

Der in Paris lebende Vater, alarmiert durch den Bericht, zog vor Gericht, um das Sorgerecht für seinen Sohn zu erhalten. Er scheiterte an einem konservativen Richter, in dessen Augen ein Kind zu seiner Mutter gehöre. („The judge was an elderly man, a representative of the post-war-generation, and possibly also of 1950 values and principles.”)

Das Buch Borchgrevinks wurde in Norwegen mit dem Kritikerpreis ausgezeichnet und ist in Deutschland kaum bekannt. Auch Väterorganisationen haben nicht versucht, aus der brutalen Geschichte Kapital zu schlagen – ganz offensichtlich sind, zum Glück, die Skrupel zu groß, aus der Ermordung von fast achtzig Menschen Kapital zu schlagen.

Unter anderem deshalb, weil bekanntlich nicht alle Beteiligten solche Skrupel hatten, lohnt sich ein Blick zurück auf den Fall.

Donnerstag, 4. Dezember 2014

Wie die BZ einmal die Mütterlobby fertigmachte

„Anke Armbrust, die Frauenbeauftragte des Bezirks Treptow-Köpenick, hatte Frauen eingeladen, die im Sorgerechtsstreit um ihre Kinder in Not geraten sind.“
Die BZ ist die auflagenstärkste Lokalzeitung Berlins und zugleich unter den Boulevardblättern erste Wahl für die, denen die Bild-Zeitung irgendwie zu seriös ist. Eine Marotte, die sich die BZ leistet, sind die Texte von Gunnar Schupelius: fantasievolle Fehlersuchspiele, bei denen der Autor mit viel Witz und Unbekümmertheit möglichst viele Falschinformationen in einem Text, oft auch schon in einem einzigen Satz unterzubringen versucht.
 
In Berlin geht die Mär, dass derjenige Leser, der alle lustigen Lügen oder frechen Verdrehungen in einem beliebigen Schupelius-Text entdeckt, einen großzügigen Preis gewinnen wird. Leider ist dies bis heute noch niemandem gelungen.

Der oben zitierte Satz ist beispielweise der Anfangssatz eines Schupelius-Textes, der am 30. November in der BZ erschien. Der Name Anke Armbrust ist tatsächlich real, falsch aber ist die Berufsbezeichnung – sie ist Gleichstellungsbeauftragte, nicht Frauenbeauftragte. Eine Fehlinformation mit durchaus hintergründigem Witz.
 
Wer, außer deutschen Gerichten, käme eigentlich auf die Idee, einer Mutter ein Kind wegzunehmen und es SO einer Gestalt anzuvertrauen?
Die Gleichstellungsbeauftragte hatte auch nicht einfach Frauen eingeladen, die im Sorgerechtsstreit in Not geraten waren – geladen war die Initiatorin der „Mütterlobby“, die klarstellte, dass das System des neuen Familienrechts das Kindeswohl gefährde: nämlich durch die „Destabilisierung von Müttern“.

Die Mütterlobby wiederum propagiert ein Aufwachsen von Kindern ohne Väter und betreibt eine Website, in deren Forum „Kommentare hart an der Grenze zum Aufruf von strafbaren Handlungen ohne Administration durchgehen“ – so schreibt Kai im Frontberichterstatter-Blog. Er berichtet auch von der Referentin Barbara Thieme, Initiatorin der Mütterlobby, die sich in ihrem Forum beklagt, dass „das Grundgesetz, also die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland, mit Füssen getreten wird“.

In eben diesem Forum stacheln sich Frauen gegenseitig zur Ausgrenzung von Vätern oder zum Kindesentzug bis hin zum Umzug ins Ausland an – aber das ist in Thiemes Augen natürlich völlig grundrechtskonform. Sie beklagt stattdessen „Nötigungen durch Richter“ – worunter sie offenbar alle richterlichen Entscheidungen versteht, die nicht dem Willen der Mutter folgen.

Ansonsten schreibt die Mütterlobby auf ihrer Homepage:
„Es gibt verschiedene Formen von Gewalt: psychische, physische, finanzielle Gewalt. Die schwerste Gewalt gegen Mütter (und Kinder) ist vermutlich der Kindesentzug.“
Für Väter hingegen ist der Kindesentzug bloß Jux und Dollerei und ohnehin eine Erleichterung, wie wir alle wissen – während der Väterentzug für Kinder bekanntlich in jedem Fall unbedingt im Sinne des Kindeswohls ist.

Donnerstag, 27. November 2014

Wie man einen Rechtsstaat sturmreif schießt

Terre Des Femmes legt einen Vorschlag zur Reform des Vergewaltigungsparagraphen vor
 
Nachdem Jörg Kachelmann vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen worden war, räumte Irmingard Schewe-Gerigk, bis 2009 Bundestagsabgeordnete der Grünen und bis 2014 Vorsitzende von Terre Des Femmes, in einem Interview mit dem Deutschlandfunk großmütig ein, es könne
„natürlich auch sein, dass der Herr Kachelmann die Tat nicht begangen hat. Also man kann es schlichtweg nicht nachweisen. Aber das Urteil, finde ich, hat doch fatale Auswirkungen. (…)  
Es hat eine Signalwirkung an die Frauen, die eine Vergewaltigung erleben mussten, dass sie sagen, oh, das macht keinen Sinn, eine Anzeige zu starten, denn das, was mir da passiert, das endet dann letztendlich so, dass praktisch beim Gericht dann noch mal für mich alles durchlebt wird und quasi eine zweite Vergewaltigung durch dieses Gerichtsverfahren passiert und trotzdem dann der Täter auch freigesprochen werden kann.“
Nun ist es natürlich in einem Rechtsstaat ein wenig schwierig, Unschuldige zu verurteilen, weil ein Freispruch ein ungünstiges politisches Signal sein könnte – das immerhin gesteht auch Schewe-Gerigk auf Nachfrage noch zu.

Deutliche Schwierigkeiten hat sie gleichwohl mit der Unschuldsvermutung.  Irgendwie schuldig muss Kachelmann für die Vorsitzende trotz Freispruch schon sein, sonst hätte die anschließende Rede von einer „zweiten Vergewaltigung“ keinen Sinn, und auch nicht die Rede davon, dass ein Täter – und nicht etwa ein Angeklagter – freigesprochen werde.
Der „Herr Kachelmann hat viel Geld, der hat die besten Anwälte, hat sie zwischendurch noch mal ausgewechselt und kann sich im Prinzip alles mögliche leisten“
– dass er sich als irgendwie eben doch Schuldiger durch sein vieles Geld bloß freigekauft habe, wird von der Politikerin so deutlich suggeriert, dass ihr Bekenntnis zu Rechtsstaat und Unschuldsvermutung wacklig bleibt.
Die "Majestät des Gesetzes" am Rayburn House Office Building in Washington. Anders als bei der klassischen Justitia fehlt hier die Waage - das Schwert reicht völlig aus. Das sieht Terre Des Femmes möglicherweise ähnlich. (Quelle)
Vermutlich werden viele Männer dieselbe Situation ganz anders sehen – nämlich besorgt angesichts der Perspektiven eines Unschuldigen, dem nicht die finanziellen Möglichkeiten Kachelmanns zur Verfügung stehen. Die Geschichte Horst Arnolds ist ein bitteres Beispiel dafür.

Dass trotzdem auch diese Sorge überzogen sein könnte, zeigt nur, wie fragwürdig es ist, wenn Gesetze und Urteile sich nach dem subjektiven Empfinden Betroffener ausrichten sollen. Terre des Femmes aber ist aktiv geworden, ebenso wie andere Lobbygruppen – um Gesetze durchzusetzen, mit denen Verurteilungen in Vergewaltigungsprozessen in Zukunft leichter sein sollen. Es lohnt sich, einen Blick in einen dieser Vorschläge zu werfen.

Freitag, 21. November 2014

Sex und Sexismus (Monatsrückblick Oktober 2014)

Vorbemerkung: Ich habe jetzt seit genau einem Jahr jeden Monat einen Rückblick geschrieben. Vielleicht ergibt sich daraus eine kleine Chronik. Daher habe ich die Texte mit Stichworten versehen und auf einer Extra-Seite verlinkt. Dass in den beiden letzten Monaten die Rückblicke jeweils erst spät fertig waren, hatte persönliche Gründe (zu viel andere Arbeit, oder ganz im Gegenteil: Ferien). Gerade der letzte Monat war aber so interessant, dass ich einen Rückblick unbedingt noch schreiben wollte – und nicht nur, um die zwölf Monate vollzumachen.

„‚Wie geht's, Hübsche?’, ‚Gott segne dich, Mami’, ‚Nett!’ Nein diese Barbaren! Hab mir das Video angeschaut und muss ganz ehrlich fragen: Ist das ein Scherz? Bis auf den Typen der 5 Minuten neben her läuft und den anderen der mit läuft und ein konsequent auf sie einredet, war da ja wohl nix ach so schlimmes dabei.  
Zum Glück waren Blicke und Pfiffe nicht auch noch im Vid dabei. Wie schlecht würde ich mich fühlen wenn ich sehen müsste wie ein Mann eine Frau anschaut.“
So beschreibt ein Kommentator bei Spiegel-Online seine Reaktion auf das Hollaback-Video, das zu dem Zeitpunkt, als ich diesen Artikel hier schreibe, schon über 36 Millionen mal bei youtube angeklickt worden ist. Die Organisation „Hollaback!“, die das Bewusstsein für sexuelle Belästigungen in der Öffentlichkeit schärfen möchte, hatte das Video produziert und präsentiert als Beleg für einen alltäglichen Sexismus, dem Frauen überall ausgesetzt seien. Bei Alles Evolution gibt es das Video selbst und viele Informationen dazu.
Dieses Bild eines US-Marines stammt aus einer Initiative gegen sexuelle Belästigung - wer sie beobachte, solle nicht schweigen. Es ist aber auch ein Sinnbild für das Gesprächsverhalten, das Männern in Diskussionen um Sexismus als erwünscht präsentiert wird.
Der kurze Film präsentiert Grüße wie „God bless you“ als Belästigungen – er ist methodisch unsauber –  er wurde, obwohl er doch repräsentativ für die ganze Stadt sein soll, in einem sehr kleinen Umfeld aufgenommen, zum größten Teil in einer einzigen Straße in Harlem –   der Film präsentiert fast ausschließlich Schwarze und Latinos als Belästiger der weißen Frau. Das Experiment ließ sich in anderen Städten  nicht wiederholen  – ein vergleichbares Video erweist sich kurz nach seiner Veröffentlichung als Fake.
 
Der Hollaback-Film ist seit seinem Erscheinen oft beschrieben und diskutiert worden, zuletzt sehr umfassend von Graublau bei Geschlechterallerlei.  Daher kann ich mich auf einen Aspekt konzentrieren – nämlich, was es mit allgemeinen Diskussionen gemein hat, die über Sex und Sexismus geführt werden – in den letzten Wochen, so ist zumindest mein Eindruck, mit zunehmender Heftigkeit.

Samstag, 15. November 2014

Im Orbit um den eigenen Hintern

Wie man um sich selbst kreist und dabei Widerlinge produziert

Der Komet Tschurjumow-Gerasimenko, genannt Tschuri, ist 510 Millionen Kilometer von der Erde entfernt. Sein Kern ist gerade einmal 4x3,5x3,5 Kilometer groß.  Am 12. November gelang Wissenschaftlern trotzdem eine „schwierige und bisher noch nie gewagte Landung“: Sie landeten eine kleine Raumsonde auf dem winzigen Kometen – nämlich den Lander Philae, der zuvor von der Raumsonde Rosetta abgesetzt wurde, die in einer genau berechneten Umlaufbahn den Kometen umrundete.

An der Mission sind siebzehn Länder beteiligt, unter anderem Deutschland – sie kostet etwa eine Milliarde Euro –  ihr Ziel ist es, Informationen über die Geschichte des Sonnensystems zu gewinnen. Die beteiligten Wissenschaftler mussten in vielerlei Hinsicht Neuland betreten“, um die Landung möglich zu machen.

Die Namen von Sonde und Lander haben berühmte Vorbilder, und sie weisen darauf hin, welch ein Meilenstein diese Mission ist:
„Die Sonde ist nach der ägyptischen Hafenstadt Rosette benannt, der Lander nach der Insel Philae im Nil. Beide Orte sind für dort gefundene 'Meilensteine' der Entzifferung der altägyptischen Schriften bekannt: den Stein von Rosette und einen Obelisken auf der Nilinsel.“
Kurz vor der Landung, also kurz vor dem Höhepunkt einer epochalen wissenschaftlichen Leistung, machte einer der wesentlich verantwortlichen Wissenschaftler, Matt Taylor, einen ungeheuren Fehler: Er gab ein Interview, bei dem er ein falsches Hemd trug.
Hier freut sich Matt Taylor noch, weil er irrtümlicherweise tatsächlich glaubt, seine enorme wissenschaftliche Leistung sei wichtiger als das Hemd, das er trägt.

Montag, 3. November 2014

Nichts gelernt? Die Sexualpädagogik und die Verbrechen im Odenwald

Was Christoph Freys Fernsehfilm „Die Auserwählten" mit heutigen Debatten um Sexualität und Schule zu tun hat
 
„Was die Kinder wollen, fragt keiner. Bei den Massagen für Zehnjährige, Stichwort ‚Gänsehaut’, genügt laut Anweisung jedenfalls dünne Kleidung, damit der unterschiedliche Druck und die verschiedenen Streichrichtungen auch erspürt werden können. Dabei dürfen verschiedene Massagetechniken angewendet werden, auch ‚vorgezeigt durch die Leitung’. Von außen sollte der Raum nicht einsehbar sein, empfehlen die Autoren.“
So beunruhigt berichtet Antje Schmelcher in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über eine Methode der Sexualpädagogik der Vielfalt, die von der Kasseler Professorin Elisabeth Tuider und anderen entwickelt wurde (im Volltext kann die Methodensammlung hier gelesen werden). Schmelcher: 
„Die sexuelle Aufklärung missachtet Grenzen. Die Politik will es so. Kinderschützer schlagen Alarm.“
Demonstrativ irritiert gibt sich auch Jan Fleischhauer im Spiegel
„Ich ging bislang davon aus, dass Kinder im Aufklärungsunterricht vor allem etwas über Verhütungsmittel lernen, um ungewollte Schwangerschaften zu vermeiden. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass offenbar auch die Einübung in Sexualtechniken, die selbst vielen Erwachsenen fremd sind, zum Unterrichtsstoff gehört."
Alexander von Beyme wiederum kritisiert wiederum Schmelchers Artikel scharf. Sie habe Textpassagen aus dem Zusammenhang gerissen und entstellt. Zur oben zitierten Textstelle schreibt er beispielsweise:
„Die Autorin will den Eindruck erwecken, dass sich hier Kinder gegenseitig stimulieren. Wer die Übung auf Seite 178 nachschlägt, stellt fest, was Schmelcher hier schon wieder unterschlagen hat: Die Kinder berühren sich nicht mit den Händen, sondern streicheln sich mit unterschiedlichen Materialien wie Wolle, Federn, Tennisbälle. Es geht darum, Köperreize wahrzunehmen und hinterher darüber sprechen zu können, was als angenehm oder eher unangenehm empfunden wird.“
Doch auch von Beyme selbst zitiert selektiv und entstellend und legt Schmelcher Formulierungen in den Mund, die nicht von ihr stammen. Sie versuche beispielweise, den Vorstand der Gesellschaft für Sexualpädagogik Uwe Sielert zu diskreditieren, der mit Elisabeth Tuider zusammengearbeitet hat.
„Er wird in die Nähe des verstorbenen Professors Kentler gerückt (‚väterlicher Freund’ Sielerts) , dem posthum eine Verharmlosung von Pädosexualität vorgeworfen wird.“
Kentler hatte beispielweise Jugendliche bei ihm bekannten Päderasten untergebracht. Die Formulierung, er sei „väterlicher Freund“ Sielerts gewesen, kommt in Schmelchers Text allerdings überhaupt nicht vor, sondern stammt aus einer 2009 veröffentlichten Festschrift für Sielert, die unter anderem ausgerechnet von Elisabeth Tuider herausgegeben wurde. Dort hatte diese Formulierung ganz eindeutig nicht den Sinn, Sielert zu diskreditieren.
 
 
Die Diskussion ist auch deswegen festgefahren, weil einige Vertreter beider Seiten mit Vorliebe das wahrnehmen, was in ihr Bild passt. Vor dem Hintergrund aber, den Schmelcher, von Beyme und auch Amendt ansprechen, lässt sich genauer fragen, warum sie eigentlich so aufgeladen ist und so aufgeregt geführt wird. 
 
Denn: Was eigentlich haben eine sich progressiv gebende Sexualpädagogik und die Politik, die sie unterstützt, aus den ungeheuren Skandalen der letzten Jahre und Jahrzehnte gelernt – aus den systematischen und systematisch vertuschten Verbrechen an der Odenwaldschule oder aus den Pädaophilieunterstützung der frühen Grünen? Es lohnt sich ein Blick auf einen Film, den die ARD am 1. Oktober 2014 ausgestrahlt hat und der den sexuellen Missbrauch an der ehemaligen Vorzeige-Reformschule zum Thema hat: Christoph Freys Die Auserwählten.