Donnerstag, 31. Januar 2013

Warum es immer noch verantwortungslos ist, in Deutschland Vater zu werden

Heute hat der Bundestag ein neues Gesetz zur Kindessorge bei nichtverheirateten Eltern verabschiedet. Die Rechte von Vätern werden minimal gestärkt - und auch diese winzige Änderung ist bekanntlich nicht Resultat einer größeren Väter- und Kinderfreundlichkeit im Parlament, sondern war durch Urteile des Europäischen Gerichtshofs und des Verfassungsgerichts nötig geworden. Selbst die kleinen Änderungen, mit denen das Gesetz noch immer Ewigkeiten von einer Gleichberechtigung der Väter und Mütter entfernt ist, ging der SPD schon zu weit - ihre Fraktion stimmte dagegen.
Doch auch mit der neuen Gesetzgebung ist es weiterhin verantwortungslos, in Deutschland Vater zu werden.
 
 
„Wenn ich jungen Männern einen Rat geben würde, wäre es der: sich frühzeitig sterilisierten zu lassen.“ Diesen Ratschlag gab mir einmal ein erfahrener, auf das Familienrecht spezialisierter Anwalt gab. Er ist nicht ist absurd – wenn auch etwas radikal.

Mittwoch, 30. Januar 2013

Luftwurzeln

Es gibt Pflanzen, erzählte er ihr, die Luftwurzeln schlagen. Sie sind nicht in der Erde verankert, aber ihre Wurzeln wachsen durch die Luft, bis sie auf etwas treffen, das ihnen Halt gibt. Manchmal...

Du dozierst schon wieder, antwortete sie. Sie stand vor dem Spiegel und sah sich missmutig an, er blickte aus dem Fenster und war augenblicklich ruhig.

Dienstag, 29. Januar 2013

"What about the menz?" - Warum Männer nicht aufschreien und Frauen wohl eh nicht zuhören würden


„Wenn ich lese, was so manche Frau ernsthaft als sexuelle Belästigung auffasst muss ich aufpassen, dass mir nicht die Hutschnur reisst.

Jetzt sind solche Dinge ja individuell und jede/r hat seine eigene Schamgrenze, Humorgrenze, whatever. Ich will also niemandem das Recht absprechen, sich belästigt zu fühlen. Kann jede/r machen, wie er/sie/es möchte.

Ich bitte aber darum, sich bevor man aufschreit kurz hin zu setzen und zu überlegen, ob einem da jetzt wirklich eine schlimme Sache passiert ist, oder man einfach mal mit einer stinkenormalen Unannehmlichkeit konfrontiert war.“


Gegen die #aufschrei-Atmosphäre sind solche Sätze skandalös, sie würden bei Twitter (wenn es dort denn Platz für so viele zusammenhängende Wörter gäbe) wohl als Getrolle oder als „Derailing“ einer wichtigen Aktion bezeichnet ... wenn sie nicht, erstens, von einer Frau stammen würden, und zweitens, wenn diese die Sätze nicht formuliert hätte, um den Unmengen an Tweets, die Alltagssituationen als Belästigung beschreiben, massive sexuelle Gewalterfahrungen gegenüberzustellen. „Mir als jemandem, der durchaus weiss, wie sich sexuelle und/oder sexualisierte gewalt so anfühlt und was das auf die Dauer gesehen mit einem machen kann wird nämlich bei so manchen Statement unter dem Hashtag #aufschrei speih übel.“

Aber auch die Autorin, thisis, ist sich unwohl bei diesen Äußerungen, findet wohl, dass sie derzeit keinen Platz haben, streicht am Ende ihren gesamten Text durch und lässt nur drei kurze Sätze stehen: „Nein. Ich sag einfach nichts dazu. Es ist mir zu blöd.“ 
 

Erfahrungen sammeln Wenn ich in den vergangenen Tagen durch den Hashtag #aufschrei geblättert habe, hatte ich häufig ein Gefühl der Unwirklichkeit dabei.

Samstag, 26. Januar 2013

"Flirten ohne Creepen" - Der Text, den Brüderle nicht kannte

Flirten, oder überhaupt der Beginn einer Bekanntschaft, ist immer ein Spiel mit Unsicherheiten und Uneindeutigkeiten - das ist so selbstverständlich, dass es fast ein wenig peinlich ist, es aufzuschreiben.
  Eine moralische Bewertung aber baut auf Eindeutigkeiten. Natürlich gibt es die auch - bei klaren Übergriffen, bei Beleidigungen, gar bei Gewalt. Die Uneindeutigkeit des Flirts aber und die Eindeutigkeit der beständigen moralischen Bewertung passen nicht gut zusammen. Wenn man beides zusammen zu zwängen versucht, kann es leicht komisch oder gewaltsam werden - oder beides.
  Der Text, aus dem im Folgenden zitiert wird, ist möglicherweise wirklich gut gemeint. Er ist aber in meinen Augen eher ein Beispiel für ein tief sexistisches Denken als dafür, wie man sexistische Handlungsweisen vermeiden kann.
   Ich habe trotzdem Freude daran gehabt.



Viel Aufregung der letzten Tage hätte vermieden werden können, wenn der folgende Text, auf den ein #aufschrei-Tweet hinwies, schon eher erschienen und Rainer Brüderle zugänglich gemacht worden wäre: „Flirten ohne Creepen“ von „Feminismus 101“. (Am Besten lässt sich der Text übrigens würdigen, wenn man sich bei seiner Lektüre vorstellt, er würde vom Sprecher der „Sendung mit der Maus“ vorgelesen. Besonders gut geht das bei Passagen wie der folgenden:)

Freitag, 25. Januar 2013

Betoniert gute Gewissen, oder: Wie ich einmal versuchte, einen Artikel bei Spiegel-Online zu kommentieren

Bei Spiegel-Online vertritt Gregor Peter Schmitz die Meinung, dass "der Fall Brüderle" in den USA unmöglich wäre - da die USA emanzipierter seien als Deutschland, wäre Brüderle dort nämlich erledigt. Bill Clinton habe den Lewinsky-Skandal nur überstanden, weil die Menschen trotz allem den Eindruck gehabt hätten, er würde Frauen nicht herablassend zum Objekt degradieren.
Ich habe keine Ahnung, was zwischen der Stern-Journalistin Himmelreich und Brüderle
an dem von ihr beschriebenen Abend geschehen ist, finde Brüderles Verhalten (wenn es denn so war wie von Himmelreich geschildert) peinlich und übergriffig, habe bei der journalistischen Aufarbeitung aber trotzdem ein ungutes Gefühl (eine breite Diskussion dazu findet sich hier auf "Alles Evolution" - dort habe ich auch einige der hier verwendeten Informationen her).
Da Studienräte ja, wie allgemein bekannt, gerne überall ungefragt zu allen möglichen und unmöglichen Themen ihre Meinung äußern, hab ich im Forum zum Spiegel-Artikel einen Kommentar dazu geschrieben, der aber - aus was für Gründen auch immer -  für die Veröffentlichung nicht frei gegeben wurde. Den hier:


Betoniert gute Gewissen
Clintons Affäre mit einer Praktikantin des Weißen Hauses und seine irreführenden öffentlichen Aussagen dazu waren sicherlich gravierender als das Verhalten, das jetzt Brüderle vorgeworfen wird. Wenn Clinton die Affäre einigermaßen überstanden hat, dann liegt das nicht an dem Eindruck, er würde Frauen trotz allem schätzen und nicht zum Objekt machen - sondern daran, dass seine Verfehlungen völlig offenkundig zum Anlass einer gewaltigen Kampagne gegen ihn genutzt wurden. Clinton wurde auch von Menschen verteidigt, die sein Verhalten ablehnten. Die Situation wurde nun einmal nicht im Sinne eines simplen Gut-Böse-Schemas interpretiert, in dem die Verfehlungen der einen Seite zwangsläufig eine moralische Überlegenheit der anderen Seite implizieren.

Eben das fehlt in Deutschland, jedenfalls in der journalistischen Darstellung. Himmelreich hat ja durchaus gegen grundlegende journalistische Fairnessregeln verstoßen (Brüderles eigene Version des Geschehens spielt keine Rolle, und nach einem Jahr hat er auch kaum die Gelegenheit, mögliche Entlastungszeugen aufzutreiben). Mit diesem Regelbruch etabliert sie einen Belästigungsvorwurf - und dieser Vorwurf wiederum rechtfertigt ihren Regelbruch. Eine sich beständig selbst legitimierende Politik des betoniert guten Gewissens.

Am Weitesten geht dabei in meinen Augen Patricia Dreyer hier bei Spiegel-Online. Sie prangert engagiert und enragiert den alltäglichen Sexismus an und verliert kein Wort darüber, wie immens sie selbst während ihrer Bildzeitungs-Tätigkeit daran beteiligt war. Besonders schlimm war dort die öffentliche Pornografisierung der Schauspielerin Sibel Kekilli, als diese gerade mit ihrem Film "Gegen die Wand" den Goldenen Bären gewonnen hatte. Für die Bild-Kampagne war Dreyer mitverantwortlich. Dazu nun kein Wort von ihr - während sie andere scharf moralisierend angreift, akzeptiert sie für sich selbst noch nicht einmal basale Kohärenzerwartungen. Auch dies ist ein Beispiel für das Agieren in simplen Gut(ich)-Böse(die anderen)-Schemata.

Liest sich tatsächlich etwas studienrathaft, wenn ich es mir jetzt so anschaue - aber wenn das ein Grund für die Nicht-Veröffentlichung wäre, dann würden bei Spiegel-Online kaum noch Kommentare stehen.
 

Dienstag, 22. Januar 2013

Wie ich einmal "Patriarchat" zum Unwort des Jahres machen wollte

Offene Briefe sind ausgesprochen peinlich und wichtigtuerisch. Aber da ich nun einmal gerade damit beschäftigt bin, ein Blog zu basteln, und mich gegen den Vorwurf der Wichtigtuerei daher eh nicht mehr wehren kann, kann ich auch gleich die Gelegenheit nutzen und einen offenen Brief formulieren – allein im Interesse der Leserinnen und Leser selbstverständlich, die dem Experiment zuschauen können, ohne sich selbst zum Affen machen zu müssen.
  Das Thema allerdings ist durchaus ernst. Dass der Vorwurf einer Vergewaltigung falsch sein kann, ist mit dem Kachelmann-Prozess zu einem offen und scharf diskutierten Thema geworden. Es ist ein Thema, das offenkundig für Männer wie für Frauen bedrohlich ist.
   Um so seltsamer, ärgerlicher und unseriöser fand ich die Gräben vertiefende Entscheidung der „Sprachkritischen Aktion“, die sich weitgehend aus universitären Sprachwissenschaftlern zusammensetzt, den Kachelmann-Begriff „Opfer-Abo“ zum „
Unwort des Jahres 2012“ zu erklären.  (mehr dazu auch hier, das Kachelmann-Interview, auf das sich die Jury bezieht, befindet sich hier). Ich dachte, ich schaue mal, was passiert, wenn ich das zum Anlass einer offenen Briefes nehme.


Sehr geehrte Frau Professorin Dr. Janich, sehr geehrter Herr Hebel, sehr geehrter Herr Dr. Roth, sehr geehrter Herr Professor Dr. Schiewe, sehr geehrter Herr Professor Dr. Wengeler,


die Entscheidung der „Sprachkritischen Aktion“, den Begriff „Opfer-Abo“ zum „Unwort des Jahres 2012“ zu erklären, ist zum Teil auf durchaus heftige Kritik gestoßen. Damit werden Sie vermutlich gerechnet haben – was aber ja nicht bedeutet, dass diese Kritik unberechtigt ist. Ich räume ein, dass ich mit dem Thema der Falschbeschuldigung bei Vergewaltigungen sicherlich weniger intensiv, ausführlich und umfassend beschäftigt habe als Sie  – gleichwohl hat mich Ihre Entscheidung sehr stutzig gemacht.  

Freitag, 18. Januar 2013

Der Panther wird befreit

Ein letzter Ruck, ein Kreischen noch der Säge:
Die Tür ist offen und das Tier ist frei.
Er blickt gelangweilt, müde, traurig-träge,
als ob er schon zu lang gefangen sei,

Als ob die Kraft schon lang kein Ziel mehr hätte,
die dort am Rande schleicht - und ohne Sinn
der Blick nach außen wär. - Da ich ihn rette,
geht er nun tastend wie zur Probe zu mir hin

Und dann ganz langsam in des Käfigs Ecke.
Ein Blick, der zeigt, dass ihm nichts mehr gefällt.
Ein letztes Fragen noch, was ich bezwecke.
Wer einen Käfig hat, braucht keine Welt.

Mittwoch, 16. Januar 2013

Computerspiele und Kindheitsreservate - oder: Warum macht Schulunterricht eigentlich nicht glücklich?

Computerspiele werden an der Schule, auch für die Lehrkräfte, immer wieder zum Thema. Zum Beispiel dann, wenn Schüler einer Ganztagsschule (die also erst nach 16 Uhr zu Hause sind) darüber berichten, dass sie tägliche Bildschirmzeiten von 5-6 Stunden haben, die meisten beim Spielen, und man als Lehrer zu rechnen anfängt, wie sie das eigentlich hinkriegen...Meistens aber wird die Diskussion darüber eher moralunterfüttert geführt, werden die Nachteile der Computer(oder Playstation, Nintendo, etc.) -spiele eher kopfschüttelnd betont. Was mich interessiert hat, war eher die Frage, was die zum Teil sehr hohen (Spiel- und) Bildschirmzeiten eigentlich über die Welt aussagen, in denen Kinder aufwachsen. Mir sind drei Möglichkeiten eingefallen.


„Gelernt wird immer dann, wenn positive Erfahrungen gemacht werden.“ Demnach müssten Schulen und Universitäten eigentlich Stätten einer gewaltigen Glücksproduktion sein (sind dies – nach Meinung der meisten Menschen, die ich kenne – allerdings nur recht in recht begrenztem Maße).
Das Zitat stammt von Manfred Spitzer, aus einem Buch, das die Konsequenzen der Hirnforschung für die Pädagogik darstellt, das beim Lesen Spaß macht und für die Arbeit an der Schule wirklich nützlich ist. (Es heißt einfach „Lernen“, das Zitat steht auf S. 181).
Umso seltsamer wirkt Spitzers Eifer, wenn er deutlich machen möchte, dass Computer und Fernsehen grundsätzlich für die Entwicklung von Kindern schädlich sind. Ein Gespräch  mit dem Bildschirmmedien gegenüber aufgeschlossenen Medienpsychologen Peter Vorderer, das er gegen Ende des vergangenen Jahres in der Zeit führte, wirkt passagenweise sogar ein wenig komisch, weil Spitzer und Vorderer beide verbissen auf ihren Positionen bestehen und sich das Gespräch nach dem Muster einer „Nein-doch-nein-doch...“-Konversation entwickelt. (Vorderer: "Zu Ihrer Kenntnis: Ich erhalte mein Gehalt vom Land Baden-Württemberg..." Spitzer: "...ich auch.")
Interessant ist jedoch eine fast typisches Phänomen: Vorderer und Spitzer sind ganz auf die Frage nach der möglichen Schädlichkeit von Computerspielen fokussiert – aber die Frage, warum eigentlich Menschen Computerspiele spielen, kümmert sie kaum. Dabei kann man ja davon ausgehen, dass Computerspiele, wenn sie (ob mit guten oder schlechten Folgen) regelmäßig gespielt werden, für die Spielenden irgend eine wichtige Funktion erfüllen.
Noch weniger Thema ist die naheliegende Frage, welche Rückschlüsse aus dem häufigen Computerspielen von Kindern und Jugendlichen auf die Bedingungen gezogen werden können, unter denen sie aufwachsen.

Warum eigentlich macht Schulunterricht nicht glücklich? „Ein Vorteil von Computerprogrammen ist, was wir Psychologen Selbstwirksamkeit nennen: Der Nutzer bekommt auf das, was er macht, sofort ein Feedback. Das kann im normalen Unterricht kein Lehrer leisten.“ Es ist Vorderer, nicht Spitzer, der hier im Gespräch auf den Zusammenhang von Lernen und positiven Emotionen hinweist.

Samstag, 12. Januar 2013

Winter


Ich habe gehört, dass die Bäume zu anderer Zeit
einmal Blätter und Blüten hatten –
und auch, dass es wieder so sein wird, dereinst.
Doch das glaube ich nicht.

Ich habe gehört, dass es Vögel gibt, die
den ganzen Tag über singen
und die in den wärmeren Süden ziehn, ehe es kalt wird.
Ich weiß nicht, was damit gemeint ist.

Man erzählte sich von einer anderen Zeit,
wenn der Tag länger ist als die Nacht
und die Sonne die Erde erwärmt und nicht nur beleuchtet –
dass die Menschen dann oft außer Haus sind
und leichtere Kleider tragen
und es mögen, noch spät in der Nacht im Freien zusammenzusitzen.
Ich kann dazu leider nichts sagen.

Das Letzte, was ich noch im Kopf habe, ist:
dass die Farben fast alle verschwunden sind aus dieser Welt,
dass die Wege voll Matsch sind und kaum noch passierbar
und die Wiesen von Pfützen bedeckt, weil das Wasser nicht abläuft,
und die Menschen gereizt sind und müde und bleich,
wenn der schöne Schnee nicht mehr liegt.

 

Freitag, 11. Januar 2013

Warum Kinder die Sache mit der Gendergerechtigkeit nicht so richtig kapieren (Geschlechter als soziale Konstruktionen? - Teil 2)

Was bisher geschah: Die Vorstellung, Geschlechter seien soziale Konstruktionen, ist nicht absurd, wenn auch möglicherweise ein wenig banal. Problematisch aber ist die Idee, Geschlechterrollen ließen sich, da ja eh nur sozial konstruiert, auch beliebig umkonstruieren. Das ist nicht möglich, unter anderem deshalb, weil bestehende Konstruktionen wichtige Funktionen erfüllen und komplex sind.

„Liebe Anwesenden und Anwesendinnen!“ – Die Bemühungen um eine „gendergerechte“ Sprache sind, gezielt oder unfreiwillig, ein dankbares Objekt, wenn man (weniger: wenn frau) sich über die Sprache der Mitmenschen lustig machen möchte. Natürlich ist Sprache für uns ein wichtiges Instrument, um unsere Wirklichkeit zu ordnen und wahrzunehmen – nicht nur über die Medien, sondern auch über die sprachliche Auseinandersetzung mit anderen. Dass wir aber in diesem Sinn unsere Welt sprachlich konstruieren, legt den Schluss allzu nahe, allein durch die Veränderung von Sprache könne auch die Wirklichkeit verändert werden. Es ist kein Wunder, dass dieser Glaube sich besonders an den Universitäten entwickeln konnte, an denen die soziale Wirklichkeit (gerade in den Geistes- und Sozialwissenschaften) oft durch recht reduzierte Formen der sprachlichen und metasprachlichen Interaktion gestaltet wird. Das betrifft insbesondere Regelungen zur geschlechtergerechten Sprache. „Die Verwendung maskuliner Bezeichnungen für Frauen ist diskriminierend, denn es macht Frauen unsichtbar, enspricht nicht dem Grundsatz der Gleichbehandlung beider Geschlechter und verstärkt Stereotypen über die Rollen von Frauen und Männern“, heißt es beispielsweise (nicht ganz orthografiegerecht) in einem Leitfaden zur geschlechtergerechten Sprache der Uni Göttingen.
Natürlich gibt es Zusammenhänge zwischen dem grammatischen und biologischen Geschlecht, aber ebenso offensichtlich ist, dass sie nicht zwingend sind. Der Busen wird durch den männlichen Artikel nicht zu einem Teil der männlichen Anatomie, die Hüfte eines Mannes ist kein weibliches Körperteil. Und die Idee, dass die Penetration eine weibliche, der Orgasmus aber eine männliche Angelegenheit sei, hätte schon Andrea Dworkin auf die Palme gebracht.

Dienstag, 8. Januar 2013

Rilke


Als wir des Abends über Rilke sprachen
(wir hatten wohl nichts Besseres zu tun),
geschah es, dass wir miteinander brachen.
Es war nicht Rilkes Schuld, das weiß ich nun.

Des Menschen Sorgen, seine tiefen Nöte –
sprachst Du zu mir und warst wie neugeboren –
verstünde Rilke besser noch als Goethe.
Da wusste ich: Ich hatte dich verloren.

Und hinterher und ziemlich auf die Schnelle
ein letztes Abgleiten ins Sexuelle,
als würden beide mit den Blättern treiben.

Dass Du fortan Dein Leben ändern musst,
hab ich zuvor tatsächlich nicht gewusst.
Ich sagte noch: Lass es doch bitte bleiben…

Montag, 7. Januar 2013

Heulende Arschlöcher - oder: Um welche Rechte welcher Väter geht es eigentlich?

„Heul doch, Papa!“ hält die „Rosa Antifa Wien“ auf einem Flugblatt der Demonstration von Menschen entgegen, die 2010 in Wien für eine gleichberechtigtes Sorgerecht für Väter (in Österreich: Obsorge) demonstrieren. „Die neuen Väter sind die alten Täter. Ich weiß einen Trick, tritt Papa in den Schritt!“ endet der entsprechende Text im Internet.
Die Soziologin Anita Heiliger, bekannt geworden durch ihre Dissertation „Alleinerziehen als Befreiung“, berichtet in ihrem Text „In Nomine Patris“ sympathisierend über  eine „linksfeministische“ Gruppe, die 2005 in Berlin eine Väterrechtsdemonstration mit Sprüchen wie „Deutsche Väter sind keine Opfer.“ oder „Papa war ein Arschloch“ begleitet.
Im Ton etwas gepflegter, in der Wirkung eher noch diffamierender geht Hinrich Rosenbrock in seiner 2012 von der Heinrich-Böll-Stiftung der Grünen veröffentlichten Schrift „Die antifeministische Männerrechtsbewegung“  vor. Rosenbrock assoziiert die „Männerrechtsbewegung“ mit rechtsradikalen Positionen, stellt gleich zu Beginn fest,  „dass der Väterrechtsdiskurs der größte Unterstrang im Männerrechtsdiskurs ist“ (S. 25), fügt aber sogleich an, dass er weiter nicht darauf eingehen werde, weil eine Auseinandersetzung „den Rahmen dieser Arbeit“ sprengen würde. Das ist ungefähr so, als würde ein Literaturwissenschaftler in einer Studie nachweisen wollen, dass die Weimarer Klassik rechtsnational und präfaschistisch war, einschließlich Goethes und Schillers, auf die er aber ansonsten nicht näher eingehen könne, weil das den Rahmen der Arbeit überstiege.
Immerhin gesteht Rosenbrock zu, dass „einige väterrechtliche Forderungen berechtigt“ sind (S. 27), unterstellt aber schon im nächsten Absatz, dass „Männerrechtler/innen“ insgesamt antifeministisch motiviert seien.

Das sind ziemlich viele Aggressionen, ist ein ziemlich großes Diffamierungsbedürfnis angesichts der eigentlich doch nachvollziehbaren, zivilen und wichtigen Forderung von Vätern, im Recht zur Sorge für ihre Kinder nicht weiter benachteilt zu werden. Den entsorgten Vätern, die ich kenne, ist der Feminismus übrigens entweder herzlich egal, oder sie hatten (so wie ich) ursprünglich sogar eine positive Einstellung dazu. Es ist auf eine recht putzige Weise egozentrisch, wenn eine Feministin glaubt, den gegen die willkürliche Trennung von ihren Kindern demonstrierenden Vätern ginge es selbstverständlich gar nicht um ihre Kinder, sondern allein um sie – die wackere Streiterin gegen die patriarchale Gewalt.
Der Begriff „Väterrechte“ ist dabei durchaus mehrdeutig. Um welche Rechte welcher Väter geht es eigentlich?


Sonntag, 6. Januar 2013

Ein guter Mann spricht sich mal was von der Seele


Ihr seht es wohl, ich habe Recht:
Der Mann an sich ist herzlich schlecht.
Wobei ich durchaus nicht verhehle:
Auch Männer haben eine Seele.
Sie ist recht klein. Kann schnell verschrumpeln.
Doch sitzt ein Mann mit seinen Kumpeln
bei einem Wein oder beim Bier,
dann wächst sein kleines Seelentier
und bläst sich auf, und wird gigantisch,
wird welterschütternd, gar romantisch,
dehnt sich am Ende aus ins All
und platzt. Nein, nicht mit einem Knall,
es ist wohl eher ein Gewimmer –

Da lob ich mir die Frauenzimmer!
Weil deren Seele in sich ruht
und dabei nichts als Gutes tut.
Sich herschenkt. Sich wohl auch verschwendet,
sich oft als Liebende verwendet,
gern kreativ die Schöpfung schützt
und dabei auch im Haushalt nützt,
die Arbeitswelt humaner macht
und tröstet, aufbaut, fördert, lacht
und Kinder nährt und Männer stillt –
Ihr seht es wohl: Ein schwaches Bild
bietet daneben solch ein Mann.
Man denkt an sich, man baggert an,
man kriegt sie rum, man bettet sich.

Ich büße.
               Frauen: Rettet mich!


Dieses Gedicht ist dem Hinni Rosenbrock, dem Thommi Gesterkamp und dem Andi Kemper gewidmet, mit, dings, solidarischen Grüßen!

Warum Inkompetenz sich an der Schule lohnen kann


Ein sehr guter Freund von mir, auch er ist Lehrer, hat gerade seine Schule gewechselt. Er kennt sich ausgesprochen gut mit Computern aus, mit ihrer Instandhaltung und der Pflege von Netzwerken (von Computernetzwerken, er ist kein Politiker), und so war er auf seiner alten Schule für die Computer verantwortlich. Eine enorme Arbeit, für die man an einer größeren Schule eigentlich eine eigene Stelle bräuchte, für die er allerdings lediglich eine Entlastungsstunde (also: eine Stunde weniger Unterrichtsverpflichtung) bekam.
Aufgrund dieser Erfahrung und der Überarbeitung, die damit verbunden war, versteckt er auf der neuen Schule nun sein Wissen und Können. Ein Schulcomputer ist nicht in Ordnung, er könnte ihn leicht instand setzen – lässt sich aber wohlweislich nichts anmerken und den Computer in seinem derangierten Zustand.

Schiffe

 

Im fernen Reich der Kindheit liegt ein Hafen
Aus dem fast täglich Schiffe an mich gehn,
auf eine lange und entbehrungsreiche Fahrt.

Die meisten dieser Schiffe gehn verloren
im Sturm und in der Windstille, die folgt.
Doch viel zu viele können mich erreichen.

Sie transportieren Bilder und Gerüche
und Geräusche, Gedanken und Gefühle
und Bilder, immer wieder Bilder, die
ich nicht verstand und die ich nicht versteh.

Ich wüsste gern: Wer schickt mir diese Schiffe,
und welchen Zweck verbindet er damit,
und was erwartet er von mir zu tun?

Ich wünschte mir, ich wäre nicht so reich
an Bildern und Gerüchen und Geräuschen,
Gedanken und Gefühlen. Und an Schiffen.

Ich wünschte mir, ich wäre nicht so reich
und dass ich nie ein Kind gewesen wär'.