Freitag, 31. Mai 2013

Weit oberhalb der Grunzlautschwelle, oder: Warum das Bundesforum Männer öfter ins Kino gehen sollte

Im Hinblick auf die Gleichstellungsarbeit schreibt das „Bundesforum Männer“ in seinen „Wahlprüfsteinen": „Wir sprechen uns gegen ein Entweder-oder aus und wünschen uns ein Sowohl-als-auch.“  Nun hat es bekanntlich in der Gleichstellungspolitik niemals „Entweder Männer oder Frauen“-Strukturen gegeben, sondern lediglich ein klares „Entweder Frauen oder gar nichts“. In dem Satz wird also eine Tendenz deutlich, die den gesamten Text der Wahlprüfsteine prägt: Das Bundesforum zeigt sich durchaus bemüht, spezifische Interessen von Männern oder Jungen zu vertreten, vermeidet aber sorgfältig schon den Anschein einer Kritik an herkömmlichen, gegenüber Männerinteressen blinden Strukturen der Geschlechterpolitik. Bezeichnend ist etwa, dass das Bundesforum die Probleme von Vätern vor allem als abstrakte „Vereinbarkeitsprobleme“ beschreibt und verschweigt, dass die wesentlichen Einschränkungen der Rechte von Vätern auf das Konto von Lobbyistinnen und Politikerinnen gehen.

Schlimmer noch aber ist eine Gegenüberstellung von „traditioneller“ und „moderner“ Männlichkeit, die regelrecht diffamierende Züge trägt (mehr dazu auch bei
Kritische Wissenschaft). Schon der erste Satz des Textes lautet: „Jungen, Männer und Väter stehen vor großen Herausforderungen. Traditionelle Rollenmuster passen vielfach nicht mehr zu heutigen Anforderungen und Bedürfnissen.“ Ganz im Sinne der Diagnose, die etwa Hanna Rosin in ihrem Buch vom „Ende der Männer“ gestellt hat, und ganz im Sinne auch einer sogenannten „antisexistischen Jungenpädagogik“ sind also nicht etwa politische Bedingungen, sondern „traditionelle Rollenmuster“ für Männer und Jungen problematisch. Was mit den „traditionellen Mustern“ gemeint ist, skizziert das Bundesforum ausgerechnet im Zusammenhang mit der Verletzbarkeit von Männern, die nicht im Interesse der Männer selbst ernst genommen soll, sondern im Interesse anderer: „Nur so können traditionelle Männlichkeitsrollen erweitert, kann erlerntes gewalttätiges Verhalten hin zu einer gewaltfreien Sozial- und Konfliktkompetenz verändert werden.“ So sind sie, die traditionellen Männer: sozial unterbelichtete Simpel, deren Problemlösungskompetenz normalerweise aus nichts anderem als einem gezielten Faustschlag auf die Nase des Gegners besteht. So fordert das Bundesforum dann auch eigentlich keine Aufmerksamkeit für spezifische Probleme von Männer und Jungen, sondern Unterstützung für Männer bei der Umwandlung von traditioneller zu moderner Männlichkeit – von gewalttätigen, engstirnigen Reaktionären, die sich kaum oberhalb der Grunzlautschwelle verständigen können, hin zu liebevollen Partnern und Vätern, die kommunikativ kompetent genug sind, um die offizielle Geschlechterpolitik nicht zu kritisieren.

Dass aber diese Gegenüberstellung einer traditionellen und einer modernen Männlichkeit zu holzschnittartig ist, dass sie zudem die als „traditionell“ identifizierte Männlichkeit diffamiert, ist eigentlich schon längst bekannt. Schon seit Jahrzehnten spielen beispielsweise Filme mit verschiedenen Männlichkeitsbildern, die den Mustern des Bundesforums ungefähr entsprechen, sie aber ganz anders interpretieren. An drei Beispielen neuerer Klassiker des britischen Films lässt sich das zeigen.

Mittwoch, 29. Mai 2013

Wie Geschlechterpolitik Zivilitätsbrüche produziert

Dieser Text war ursprünglich der zweite Teil des Textes „In aller Unschuld alle Männer töten", der damit aber natürlich viel zu lang geworden wäre. Dass ich den zweiten Teil nachreiche, hat den Vorteil, dass auch einiges aus der Zeit zwischendurch einbauen kann – zum Beispiel die Diskussion anlässlich des ersten Textes, ob Feminismus denn faschistisch sei (was er nicht ist). Für mich selbst stand etwas anderes im Vordergrund. Fragwürdig ist die im Text angesprochene Solanas-Begeisterung im Mainstream-Feminismus ja  eben gerade deshalb, weil der Feminismus offenkundig nicht angemessen als faschistisch beschrieben werden kann. Ich habe die Frage nach den Gründen für die seltsame Attarktivität des Textes und die Kritiklosigkeit gegenüber anderen sehr problematischen Ansätzen – etwa den eugenischen Auslöschungs-Phantasien einer ganzen Reihe von Autorinnen – ganz ernst gemeint und schließlich selbst versucht, mir ein paar Antworten zu geben.

„Ich bin es leid, dass jede blöde Äußerung von Alice Schwarzer am nächsten Tag in allen Gazetten verrissen wird, ich bin es leid, dass in der Uni jeder bei der Erwähnung des Wortes 'Feministin' kichert, ich bin es leid, dass sich aus diesem Grund kaum eine traut, sich Feministin zu nennen, auch wenn es tausend Überschneidungen mit der eigenen Überzeugung gibt, ich bin es leid, mich für jede verbale Bösartigkeit, die sich irgendeine Feministin jemals geleistet hat, rechtfertigen zu müssen, auch wenn sowas nie über MEINE Lippen gekommen wäre, ich bin es leid, als männerhassende Täterin da zu stehen, während die ganzen ach so lammfrommen Antifeministen sich als Verteidiger des Abendlandes profilieren und gleichzeitig rumjammern können, ja so dermaßen von ach so diabolischen Frauen ausgebeutet zu werden.“

Abgesehen von einigen genretypischen Klischees wie der Imagination jammernder Männerrechtler ist dieses Statement auf dem Blog „Robins Urban Life“ ja auf den ersten Blick völlig nachvollziehbar, zumal Robin Urban selbst eine sehr differenzierte Position hat, die beispielsweise in ihrem engagierten Artikel gegen die Beschneidung von Jungen deutlich wird. Natürlich möchte eine Feministin nicht ständig in Haftung genommen werden für jede verfehlte Äußerung, „die sich irgendeine Feministin jemals geleistet hat“ – und schließlich kritisieren auch Männerrechtler, und zu Recht, wenn sie in unseriösen parteipolitischen Publikationen oder Radiosendungen mit Rechtsradikalen oder gar mit einem Massenmörder wie Breivik assoziiert werden.

Nun verlangt aber ja auch niemand von Feministinnen, jede ihrer Stellungnahmen mit einem „Hiermit distanziere ich mich von allen Äußerungen, die eine Ermordung aller Männer und Jungen zum Inhalt haben“-Disclaimer einzuleiten, oder beständig das weltweite Netz zu durchkämmen auf der rastlosen Suche nach Äußerungen, von denen sie sich distanzieren müssten. Es wäre allerdings ganz gewiss ein Beitrag zur Entspannung der geschlechterpolitischen Debatten gewesen, wenn sie sich überhaupt einmal – und nicht nur in wenigen Ausnahmefällen –  mit der offenkundigen Attraktivität irrwitziger Gewaltphantasien auseinandergesetzt hätten, die feministische Debatten eben nicht nur in irgendwelchen Ausnahmefällen zu irgendwelchen fernen Zeiten, sondern immer wieder und im Mainstream geprägt haben. Und hier ist es eben nicht nachvollziehbar, wie sehr hier mit zweierlei Maß gemessen wird.

Freitag, 24. Mai 2013

Maskuline Muskelspiele monströser Männerrechtler (mittendrin: mutige menschenfreundliche Medienprofis)

Das verhieß nichts Gutes: „Nach den Attentaten in Oslo und auf der Insel Utøya im Sommer 2011 verfolgt die norwegische Polizei eine Spur im Internet: Sie führt von Anders Breivik zu dem antifeministischen Blogger „Fjordman“, der auch in Deutschland Follower hat. Sie nennen sich Maskulisten und haben sich inzwischen über die Bewertung von Breiviks Terroranschlägen zerstritten. Dennoch gewinnen sie an Einfluss. Bundesfamilienministerin Kristina Schröder fordert eine eigene Männerpolitik; Lifestyle-Magazine und öffentliche Tagungen interessieren sich für eine vermeintliche feministische Verschwörung. Welche Gefahren erwachsen aus den virtuellen Attacken der Maskulisten für die reale Sicherheit in Deutschland?“ Soweit die Ankündigung der ARD für ein Radiofeature über „Maskuline Muskelspiele“ von Ralf Homann, das in der laufenden Woche in vielen Programmen der ARD gesendet wird. „Maskulisten“ ist also, wie wir lernen, der Name der Anhänger des Massenmörders Breivik, Kristina Schröder hat auch irgendwie was damit zu tun, und die reale Sicherheit in Deutschland (wohl im Unterschied zur irrealen Sicherheit in Deutschland, obwohl ich mir nicht ganz sicher bin, was damit gemeint ist) wird von ihnen bedroht.

Dienstag, 21. Mai 2013

In aller Unschuld alle Männer töten

Zur Verteidigung des vor kurzer Zeit populären Hashtags „killallmen“ schreibt die feministische Bloggerin „stavvers“ (schon kommentiert auf genderama): „So, before I launch into this defence, let me point out that nobody is actually planning to kill all men. Not even some men. It’s just a phrase, an expression of rage, a rejection of a system which is riddled with violence.“  Wie beruhigend. Es ist schließlich eine universell anerkannte Wahrheit, dass öffentlich und massenhaft formulierte Hassphantasien nur dann problematisch sind, wenn diese Phantasien auch exakt so wie formuliert in die Tat umgesetzt werden. Zudem müsste eigentlich jeder merken, dass mit dem Wort „men“ keineswegs Männer, sondern natürlich allgemeine Strukturen gemeint sind: „It represents a structural critique, presented in a provocative fashion“ (so wie ja beispielswiese auch der Satz „Alles Schlampen, außer Mutti“ eine profunde Systemkritik enthält, die leider häufig übersehen wird). Interessant ist in jedem Fall die Tradition, in die stavvers ihre Verteidigung des modischen Hashtags setzt, wenn sie klarstellt, dass keineswegs der Satz „Tötet alle Männer“ das Problem sei, sondern jeder, der sich an diesem Satz stört: „it’s pretty difficult to mention SCUM (or indeed just cry “kill all men”) without the misogynists crawling in, crying misandry.“ Auch dies also ein schönes Beispiel, wie schnell Männer zum Jammern zu bringen sind: Während feministische Frauen mit solchen radikal dehumanisierenden Ungeheuerlichkeiten wie dem generischen Maskulinum oder öffentlich küssenden Hetero-Pärchen  konfrontiert sind und wacker standhaltend fast keine Miene verziehen, reagieren manche Männer schon beleidigt, falls die interessierte Öffentlichkeit mal engagiert, aber doch irgendwie fast ergebnisoffen ihre Ermordung debattiert. Und passend dazu: Valerie Solanas‘ Phantasie der massenhaften Ermordung aller Männer, ihr berüchtigter Text „SCUM“ aus dem Jahr 1967 (wörtlich „Abschaum“, aber von der Autorin auch als Akronym für „Society for Cutting Up Men“, „Gesellschaft zum Aufschlitzen von Männern“, verwendet), ist ein selbstverständlich herangezogener und als bekannt vorausgesetzter feministischer Referenztext – nicht nur bei stavvers, sondern auch in einer Tweet-Folge, die sie als „absolut brilliant“ empfiehlt. „Addendum, on things like SCUM: the complete abolition of men as they exist today would be necessary to effect genuine gender equality“ – die Auslöschung aller Männer als Instrument der Gleichstellungspolitik.

Samstag, 18. Mai 2013

Leuchten

Jetzt ist das Abitur für dieses Jahr fast vorbei. Heute habe ich noch einmal in einer Aufsicht gesessen, für einige Nachschreiber, und da ich meine Klausuren korrigiert und freundliche Gutachten geschrieben und also sonst nichts anderes zu tun hatte, konnte ich mir die Zeit endlich einmal wieder mit dem Schreiben eines eigenen Textes die Zeit vertrieben.

Vor Kurzem habe ich, warum auch immer, eine Interpretation zu Kafkas Erzählung „Das Urteil“ gelesen, die ausdrücklich aus der Perspektive der „Gender Studies“ geschrieben war. Die Verfasserin stellte dabei zunächst einmal die Gender Studies vor und legte Wert darauf, dass dort menschliche Beziehungen unter dem Gesichtspunkt der Macht analysiert würden. Mir kam das ein wenig einseitig vor, zumal unausgesprochen damit ja ohnehin nur eine Macht gemeint ist (die der Männer über Frauen) – als ob die soziale Interaktion, erst recht die im persönlichen Umfeld, nicht noch durch ganz andere Motive, Bedingungen und Gefühle bestimmt wäre. Zu Kafkas Text passt diese Perspektive aber, vordergründig zumindest – eine Vater-Sohn-Beziehung, in der ein alter Vater zunächst schwächlich und hilfsbedürftig wirkt, der Sohn dagegen erfolgreich und gefasst, während schließlich der Vater mächtig und triumphierend dasteht und der Sohn sich von einer Brücke stürzt.
 
(Man merkt aber dieser auf das Machtverhältnis konzentrierte Wiedergabe vielleicht schon an, dass auch Kafkas Erzählung damit möglicherweise ein wenig verkürzt wird.)

Da ich, auch zufällig, neulich ein Bild gesehen habe, das mich an die Erzählung Kafkas erinnert hatte, und da ich hier ohnehin schon ab und zu kurze Texte zu Bildern veröffentlicht habe, hatte ich heute Morgen also selbst etwas zu schreiben.

Mittwoch, 15. Mai 2013

Wie Spider-Man an lauter Väter kam (und sie gleich wieder verlor) - Marc Webbs "The Amazing Spider-Man"

„Mal ehrlich - wen interessiert das?“ fragte die Süddeutsche Zeitung skeptisch, als im vergangenen Jahr ein neuer Spider-Man-Film in die Kinos kam, der die Geschichte wieder einmal von vorn erzählte, die gerade erst von Sam Reimi und seinen Spider-Man-Filmen erzählt worden war.  „Zehn Jahre sind auch in der Ära des Aufmerksamkeitsdefizitsyndroms eine kurze Zeitspanne für ein Remake,“ kommentiert die Zeit dazu. Aber da wird schon deutlich: Es interessiert viele – die Superhelden-Populärkultur ist längst im klassischen Feuilleton angekommen, und die großen Zeitungen und Magazine stehen Spalier, wenn ein neuer Spider-Man Film erscheint – auch der Spiegel, dessen Rezensent den Film „absolut sehenswert“ findet, oder die FAZ , die Spider-Man selbstverständlich mit Kafkas Gregor Samsa vergleicht, der bekanntlich eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte und sich in ein ungeheures Ungeziefer verwandelt sah.

Die Zeiten, in denen Comics und Comic-Verfilmungen als Schund galten, sind längst vorbei. Gründe dafür erläutert beispielsweise der amerikanische Philosoph Richard Shusterman in seinem Buch
„KunstLeben. Die Ästhetik des Pragmatismus“, in dem er sich  mit einer Reihe von Argumenten auseinandersetzt, die populäre Kunst für minderwertig erklären. Kritiker führten beispielsweise häufig das Argument an, dass Kunst, die für ein breites Publikum gemacht ist, dabei einen notwendigerweise kleinen gemeinsamen Nenner finden müsse, also qualitativ nicht hochwertig sein könne. Shustermann entgegnet, dass populäre Kunst, gerade weil das angesprochene Publikum keineswegs eine homogene Masse sei, sich in ganz verschiedenen Kontexten und im Rahmen ganz verschiedener individueller und sozialer Erfahrungen sinnvoll verstehen lassen müsse. (S. 140 ff ) Sich mit einem Film wie „The Amazing Spider-Man“ auseinanderzusetzen, stülpt also nicht einfach mehr oder weniger intellektualisierende Interpretationen über einen Film, der doch eigentlich nur ganz unschuldig zur Unterhaltung gedacht war. Der Film kann ja gerade deshalb unterhalten, weil er an die Erfahrungen vieler anknüpft, sie verwandelt und für sie überzeugende Bilder findet.


 „Der ‚Reboot‘ der früheren "Spider-Man"-Filme fügt der Titelfigur keine originellen Ideen oder Ausdeutungen hinzu“, schreibt das 2001-Filmlexikon über die neue Verfilmung. Das stimmt nicht. „The Amazing Spider-Man“ rückt ein Thema regelrecht obsessiv in den Mittelpunkt und deutet es wieder und wieder auf neue Weise aus, das in den vorherigen Verfilmungen eher ein Thema für die Nebenhandlung war: die Bedeutung von Väterfiguren.

Freitag, 10. Mai 2013

Wie friedfertige Erwachsene gewalttätige Jungen produzieren - Susanne Biers "In einer besseren Welt"

„Hin zu einer maskulistischen Filmkritik“ möchte Arne Hoffmann und hat auf Genderama zu diesem Zweck bereits den Dokumentarfilm „The Central Park Five“ von Ken und Sarah Burns  und Joseph Kosinskis „Oblivion“ (mit Tom Cruise)  analysiert. Für mich ist dieser Ansatz sehr reizvoll, und so habe ich mir einmal zwei ganz unterschiedliche neuere Filme aus ganz unterschiedlichen Genres noch einmal angeschaut und überlegt: Hilft es bei der Interpretation dieser Filme, darauf zu achten, welchen Blick auf Männer und Jungen sie einerseits werfen, wie sie andererseits aber auch spezifisch männliche Perspektiven wiedergeben?

Susanne Biers Film
„In einer besseren Welt“ (der dänische Originaltitel „Hævnen“ bedeutet, wörtlich übersetzt, „Rache“) wurde 2011 mit dem Oscar für den besten fremdsprachigen Film ausgezeichnet und kam im selben Jahr in die deutschen Kinos. Einige Interpretationen, zum Beispiel die der deutschen Wikipedia, konzentrieren sich auf das im Originaltitel angedeutete Problem der Rache und verstehen den Film als eine Auseinandersetzung mit dem Problem, wie Menschen auf Gewalt reagieren können. Die Wikipedia spitzt dies sogar auf die Frage zu: „Entscheidet man sich für das Alte Testament und fordert Rache (Auge für Auge) oder orientiert man sich am Neuen Testament und dessen pazifistischem Ansatz und hält die andere Wange hin?“ – eine Gegenüberstellung, die nicht nur klischeehaft und problematisch ist, sondern die auch den Film verfehlt.


Seine größte Stärke gerät dabei ganz aus dem Blick: In einer enorm differenzierten, überzeugenden und auch fairen Weise setzt er sich mit dem Verhältnis von Erwachsenen und männlichen Jugendlichen auseinander, und er tut dies so eindrücklich, dass jemand, der sich mit Jungenpädagogik beschäftigt, an „In einer besseren Welt" eigentlich nicht vorbei kommt.

Montag, 6. Mai 2013

Väter schaffen Konflikte, sind rechtsradikal und stören intakte Familien (oder: Weitere Erzählungen aus der tageszeitung)

Ich beginne mit einem Geständnis. „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache.“ Diesen Satz von Hanns-Joachim Friedrichs habe ich immer für etwas betulich gehalten, für allzu selbstverständlich. Insbesondere durch Erfahrungen mit der „tageszeitung“, die ich lange oft und gern las, habe ich diese Meinung revidiert. Sie steht für einen anderen Journalismus als den von Friedrichs – einen, der für eine gute und gerechte Sache streitet, der parteilich ist, weil Überparteilichkeit ohnehin nur wahre Interessen verberge. Kurz: für einen Journalismus, der sich im Kampf für die großen Wahrheiten (Befreiung der Unterdrückten, der Frauen, der Natur, etc.pp.) und gegen die großen Lügen (Kapitalismus, Patriarchat, etc.pp.) schon ab und zu mal kleine Lügen und Halbwahrheiten erlauben kann.

Der Nachteil eines solchen Journalismus ist ja, unter anderem, dass er nicht seinen Lesern (oder, im taz-Deutsch: LeserInnen) verpflichtet ist, sondern politischen Akteuren, deren Interessen er unterstützt. All dies wurde mir selbst allerdings erst klar, als ich mich selbst – als „entsorgter“ Vater – plötzlich auf der Seite derer wiederfand, gegen die bei der taz so wacker gekämpft wird. Da in einer taz der vergangenen Woche aber ein längerer Bericht angekündigt war über die Folgen des neuen Kindschaftsrechts, das winzige Verbesserungen für nichtverheiratete Väter installiert, habe ich mir zum ersten Mal seit längerer Zeit wieder eine Ausgabe gekauft.

Schon das Titelbild ist enorm tendenziös – hier kämpfen zwei Eltern mit Fäusten gegeneinander, und ihnen zu Füßen leiden die Kinder unter der Aggression der Eltern. Immerhin wird hier nicht nur der Mann als aggressiv dargestellt, aber natürlich täuscht die vordergründige Ausgewogenheit – der Elternkrieg, so wird suggeriert, entsteht ja gerade dadurch, dass die Rechte der Väter ein winziges Stückchen gewachsen sind. Um Rechte aber geht es in den Augen der taz natürlich auch gar nicht: „Die Machtfrage“ lautet die Überschrift auf der Titelseite.

Samstag, 4. Mai 2013

Übermächtige Väter, hilflose Mütter und die Kavallerie der taz

„In einer Demokratie dürfen alle mitreden und ihre Meinung äußern, sie dürfen sogar Wahlentscheidungen treffen. Klingt fortschrittlich – aber ist es das auch? Grundrechte für alle – das führt nicht unbedingt zu einem harmonischen Bild.“ Soweit die taz vom 3.5., in der Johannes Gerner die Entdeckung macht, dass das Konzept der Rechte schön und gut ist, wenn es um eigene Rechte, aber ganz schön unbequem, sobald es um die Rechte anderer geht. Zugegeben: Ich habe die Zitate ein wenig verändert – bei Gerner geht es nicht um Demokratie oder Grundgesetz, sondern nur um das Sorgerecht, und das hat ja bekanntlich mit Demokratie und Grundgesetz gar nichts zu tun.

Zu der Praxis, dass Mütter bei nichtverheirateten Elternpaaren die alleinige Entscheidung über das Recht des Vaters auf die Sorge für das gemeinsame Kind sowie über das Recht des Kindes auf die Sorge des Vaters hat, schreibt Gerner:
„Das wirkt ein bisschen ungerecht in Zeiten, in denen auch Männer wickeln, wiegen, Wagen schieben und sich seit Jahren schon in verschiedensten Büchern zu neuen Vätern erklären.“ Dieses Zitat nun ist gar nicht verändert. Gerner findet die Praxis tatsächlich „ein bisschen ungerecht“, hat dabei aber vielleicht auch einfach nur an Nicole („Ein bisschen Frieden“) oder Roberto Blanco („Ein bisschen Spaß muss sein“) gedacht und wollte keineswegs ein bisschen reaktionäre Propaganda produzieren. Es ist ja auch nicht seine Schuld, dass die „neuen Väter“ (bei den „alten Vätern“ ist es natürlich ohnehin ganz okay, dass die keine Rechte haben) eher ein literarisches Phänomen sind, das sich eitel in verschiedensten Büchern erklärt, und dass es Väter genau genommen eigentlich gar nicht so richtig gibt. Was sind da also die kleinen Ungerechtigkeiten, mit denen Männer zu leben haben, verglichen mit den großen, richtigen Ungerechtigkeiten der weiblichen Existenz in der heterosexuellen Matrix?

Mittwoch, 1. Mai 2013

Warum auch Feministinnen Männerrechtler brauchen (das aber nicht zu sagen wagen)

Gründe für den Erfolg feministischer Forderungen in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg: „1. Sie waren nach einem aufgeklärt-humanistischen Wertekanon schlicht und ergreifend intuitiv richtig und gerecht.2. Sie waren einfach zu verstehen und erforderten keine höhere Mathematik oder soziologische Studien.3. Sie betrafen ein massenhaft auftretendes Phänomen, sehr viele Frauen waren persönlich betroffen. 4. Sie standen nicht in direkt erkennbarem oder allenfalls schwachem Gegensatz zu anderen gesellschaftlichen Zielen.“  Soweit ein Kommentar von man.in.thmiddle in einer der zu meiner Freude langen Diskussionen zu den Texten „Rot-grüner Beton“ und „Können Männerrechtler von Feministinnen etwas lernen?“. Als ich diese Diskussionen noch einmal gelesen habe, hatte ich bei einer ganzen Reihe von Punkten den Eindruck, dass es sich lohnen würde, näher darauf einzugehen. Die Frage nach feministischen Erfolgen – und den möglichen Schlussfolgerungen daraus für das männerrechtliche Engagement – gehört dazu. Denn tatsächlich waren diese Forderungen der Frauenbewegungen ja grundsätzlich von großer Schlüssigkeit. Dass auch nach der grundgesetzlichen Garantie der Gleichberechtigung von Männern und Frauen die Ehemänner in Eheangelegenheiten die letzte Entscheidung hatten, dass sie über das in die Ehe mitgebrachte Vermögen einer Frau bestimmen konnten, dass sie in Erziehungsfragen das letzte Wort hatten („Stichentscheid“), dass sie ein Dienstverhältnis der Ehefrau fristlos kündigen durften und diese ohne ihres Mannes Einverständnis nicht erwerbstätig sein durfte – all dies sind gesetzliche Regelungen, die heute unwirklich erscheinen und die einem Engagement für Frauenrechte tatsächlich eine hohe Plausibilität verleihen.

Allerdings wurde der Großteil dieser Regelungen schon in den 50er Jahren aufgehoben, zuletzt im Jahr 1977 die Pflicht einer Frau, bei einer Erwerbsarbeit das Einverständnis der Ehemannes einzuholen. Auch eine Abtreibung, eines der zentralen feministischen Themen, kann seit 1974 in den ersten drei Monaten der Schwangerschaft straffrei vorgenommmen werden. Warum also gab es überhaupt noch eine Frauenbewegung? Und wie ist sie von grundsätzlich völlig plausiblen Forderungen an einen Punkt gelangt, an dem viele Männer und auch Frauen sie und ihre Folgen nicht mehr mit dem Durchsetzen von Gleichberechtigung, sondern ganz im Gegenteil mit massiven Verletzungen von Grundrechten in Verbindung bringen?

Sonntag, 28. April 2013

Wie Richard David Precht und ich die deutsche Schule revolutionieren

Ab und zu finde ich es ja wichtig, von Geschlechterthemen ein wenig Abstand zu gewinnen und anzuerkennen, dass es durchaus noch andere wichtige Themen gibt. Werder Bremen zum Beispiel (aber das ist im Moment zu schmerzhaft und angstbesetzt, darüber kann ich nicht schreiben), oder auch die deutsche Schule (das Thema ist auch manchmal schmerzhaft, aber häufig zugleich komisch). Die Frage, wie die Schule funktioniert, ist mir nicht nur aus beruflichen Gründen wichtig, sondern hat natürlich auch Bedeutung für diejenigen Artikel dieses Blogs, die sich mit der schulischen Situation von Jungen auseinandersetzen. Im Moment hat das Thema „Schule“ zudem gerade Konjunktur – der Spiegel hatte in dieser Woche eine Titelgeschichte über den Schulstress von Kindern, GEO kündigt auf seiner Titelseite „neue Ideen für unsere Schulen“ an, und auf dem Zeit-Titel forderte gerade der Philosoph Richard David Precht, die Schule auf den Kopf zu stellen. Er fordert mit viel Engagement und der „Glut eines Apostels“ (Precht über Precht, Die Zeit Nr. 16, 11.4.2013, S. 33) einen radikalen Umbau des deutschen Schulsystems: Abschaffung der Noten, Abschaffung der Selektion, jahrgangsübergreifende Lernteams, eine konsequenten Projektunterricht, eine Organisation der Schule nach „Lernhäusern“ (ein „bisschen Hogwarts tut jeder Schule gut“, S. 32). Natürlich sind alle diese Vorschläge nicht neu, das werfen auch die Zeit-Redakteure dem Bildungsphilosophen im Interview vor – das aber wäre nebensächlich, wenn sie richtig wären. Tatsächlich aber passen Prechts Vorschläge sehr gut in die deutsche schulische Landschaft und sind keineswegs ein Gegenmodell dazu.

Freitag, 26. April 2013

Können Männerrechtler von Feministinnen etwas lernen?

„Ins Auge fällt (…) der enorme Zeitaufwand, der in die Abertausende von Blogs, Blogkommentare, Leserbriefe usw. gesteckt wird und die völlige politische Wirkungslosigkeit dieser Aktionen. Diese ganze Arbeit verpufft restlos.“ Was hier ein anonymer Kommentator zu dem Text „Rot-grüner Beton“ über männerrechtliche Standpunkte schreibt, lässt sich vielfach belegen. Vor Kurzem hatte ich beispielsweise wieder einmal ein Buch in der Hand, in dem Matthias Mattussek Reaktionen – Briefe, Berichte, Essays – auf seinen Text „Die vaterlose Gesellschaft“ gesammelt hatte. Im Vorwort schreibt er über die Masse der Menschen, die sich zu Wort gemeldet haben: „Sie werden weiter sprechen. Sie werden sich nicht mehr unterbrechen lassen. Und sie werden sie Lautstärke erhöhen – bis sich die Verhältnisse ändern.“ Das war vor vierzehn Jahren.

Falls sich überhaupt etwas ändert, dann nur ganz langsam, als würde man durch Klebstoff waten. Und noch immer melden sich viele zu Wort – aber die Lautstärke hat sich kaum erhöht. Ich zitiere aus dem eingangs angeführten Kommentar weiter, weil ich den Eindruck habe, dass in der dort formulierten Frage nach der Wirksamkeit eines Einsatzes für Männerrechte viele Motive des gesamten Kommentarstrangs anklingen.
„Es fehlt an einer eigenständigen sozialen Theorie, einer gesellschaftlichen Vision. Nur abstrakt Gerechtigkeit zu fordern, ist ganz nett und OK, aber keine eigenständige Leistung. Selbst wenn die feministischen gesellschaftlichen Visionen großenteils (m.E.) haarsträubender Unfug sind, so sind sie einfach da und besetzen die Gehirne.“ Und weiter: „Es fehlt an einem professionellen Management. (…) Wäre man zu einer Demo oder öffentlichen Kampagne fähig fähig? Haben jemals 500 Männer vor einem Ministerium für ihre Rechte demonstriert? Würde man irgendwo, wo es Volksabstimmungen gibt, eine versuchen? Ein letztes sehr heikles Thema sind Identifikationsfiguren und mediale Sichtbarkeit. Man kann ja über A. Schwarzer fluchen, aber sie hat einen Riesenjob gemacht.“ Der Kommentator „jungsundmaedchen“ stimmt zu, „daß Männerbewegten eine soziale Theorie und eine gesellschaftspolitische Vision fehlt.“

Was können Menschen, die für Rechte von Männern eintreten, also von Feministinnen lernen?

Montag, 22. April 2013

Rot-grüner Beton

Vor der Abstimmung über die Frauenquote im Bundestag erregte sich Andrea Nahles über den CDU- Fraktionsvorsitzenden: „Unionsfraktionschef Volker Kauder hat die Frauen in der Union öffentlich aufgefordert, gegen ihr eigenes Gewissen zu stimmen.“ Tatsächlich wollten sich die Abgeordneten der Union, die mit dem Gedanken an eine Stimme für die Einführung von starren Frauenquoten in Unternehmen spielten, auf die Freiheit ihrer Gewissensentscheidung berufen. Damit hätten dann von der Leyen und co. eine Entscheidung, von der nur ein verschwindend kleiner und ohnehin schon erheblich privilegierter Anteil der Frauen in Deutschland profitiert hätte, ebenso zu einer Frage des Gewissens erklärt wie etwa die Entscheidung dafür, weiterhin Tausende von – übrigens männlichen – Soldaten in Länder wie Afghanistan und möglicherweise in ihren Tod zu schicken. Natürlich ist dies ein pervertiertes Verständnis einer Gewissensentscheidung, gleichwohl ist es auch völlig verständlich, dass es in der Union und der FDP unterschiedliche Positionen zu einer so kontroversen Frage wie der Frauenquote gibt. Wesentlich weniger verständlich ist es, wie es möglich ist, dass SPD, Grüne und Linke solche Konflikte nicht kennen – ihre Abgeordneten stimmten ohne Murren und Diskussion geschlossen für die Quote.

Zu den wenigen gut vernetzten und privilegierten Frauen, die von einer Quote profitieren können, gehören eben gerade die Parteipolitikerinnen, die sich für sie engagieren. Dieser offenkundige Eigennutz wurde durch den moralisierenden Overkill der Debatte
(„Es gebe in der Hölle einen Ort für Frauen, die andere Frauen nicht unterstützen“)  eher noch herausgestellt als verdeckt. Es mag ja sein, dass einige in den rotgrünen Parteien die Quote aus sachlichen Gründen trotzdem für eine gute Idee halten. Es ist aber nicht erklärbar, warum überhaupt niemand an der „Was-gut-für-mich-ist-ist-gut-für-Frauen-ist-gut-für-die-Gesellschaft“-Logik der Quote irgend etwas auszusetzen findet.

Für mich ist diese regelrecht betonierte Einförmigkeit ein besonderes, auch persönliches Problem. Meine politische Sozialisation bestand zu einem wichtigen Teil daraus, dass ich als Jugendlicher am Mittagstisch jedes Tages mit meinen Eltern, die beide seit Jahrzehnten SPD-Mitglieder sind, diskutierte und dort grüne Positionen vertrat. SPD und mehr noch die Grünen habe ich jahrelang regelmäßig gewählt – bis ich persönlich von der Politik dieser Parteien in erheblicher Weise getroffen war. Meine Rechtlosigkeit als Vater eines Kindes, das ich nur alle zwei Wochen (und mit großem Aufwand für mich) sehen kann, ist wesentlich auch der Politik dieser Parteien zu verdanken. Insbesondere die rot-grüne Schröder-Regierung sperrte sich jahrelang gegen Änderungen der väter- und kinderfeindlichen gesetzlichen Regelungen, die mittlerweile längst vom Europäischen Gerichtshof als menschenrechtswidrig und vom Verfassungsgericht als grundgesetzwidrig bezeichnet wurden.
 
Ich hab meine Meinung über SPD und Grüne zu spät revidiert. Das ist wohl ein typisches Problem des Engagements für Männerrechte, dass Menschen – seien es Männer oder Frauen – sich oft erst engagieren, wenn sie persönlich in erheblicher Weise in Mitleidenschaft gezogen wurden. Das lässt sich mit Geschlechterklischees erklären, die durchaus ungebrochen von Männern erwarten, für sich selbst und für andere Sorgen zu können und nicht auf den Beistand anderer angewiesen zu sein.

Dabei kann ich mir durchaus vorstellen, warum es bei SPD und Grünen starke Unterstützung für feministische Positionen gibt – nicht nachvollziehbar aber ist das fast völlige Fehlen von Gegenstimmen. Es mag ja sein, dass viele dort  beispielsweise die Diskriminierung von Vätern für eine gute Idee halten – es will mir aber tatsächlich nicht in den Kopf, warum überhaupt niemand dort auf die Idee kommt, es könne ein ernsthaftes Problem für ihre Parteien sein, wenn sie ein gestörtes Verhältnis zu Grund- und Menschenrechten entwickeln. Das gilt eben auch in der Quotendiskussion: Seit mehr als zwei Jahrzehnten haben Grüne und SPD nun Frauenquoten, und die Resultate davon sind ernüchternd. Niemand aber formuliert einmal den naheliegenden Gedanken, aus diesen jahrzehntelangen eigenen Erfahrungen könne vielleicht irgendetwas im Hinblick auf Frauenquoten in der Wirtschaft gelernt werden. Dass aber eine solche Diskussion nicht stattfindet, liegt wohl nicht zuletzt an den Quoten selbst.


Donnerstag, 18. April 2013

Frühling 2013, oder: Wie ich einmal Alice Schwarzer kommentieren wollte und dann doch lieber ein Gedicht schrieb

Neulich habe ich ausnahmsweise einmal „Menschen bei Maischberger“ gesehen, weil dort zum Thema „Sexismus-Debatte: Was hat sie gebracht?“  diskutiert wurde. Ich dachte, dass ich vielleicht für dieses Blog einen kleinen Text dazu schreiben kann. Heute wissen wir: Ein anständiger Nachtschlaf wäre besser gewesen – aber das war mir vorher wirklich nicht klar.

Immer wieder ganz interessant jedoch, aber mittlerweile eben auch vorhersehbar ist es, wie Alice Schwarzer gegenüber Männern jovial und werbend agiert, laut lachend noch bei simplen Herrenwitzen (Sandra Maischberger: „Was sagt eine Frau nach dem vierten Orgasmus?“ – Heiner Lauterbach: „Danke, Heiner.“), aber wie sie überaus bissig und herrisch gegenüber einer Frau mit abweichender Meinung (diese Mal in dieser Rolle: Birgit Kelle) auftritt. Man bekommt übrigens den Eindruck, wenn man ganz genau hinschaut,  sie sei selbst darüber froh, dass immer wieder Männer als Sozialpuffer zwischen ihr und anderen Frauen zur Verfügung stehen.

Dienstag, 16. April 2013

Sprache als Gesinnungstest

Auf den Text über die "geschlechtergerechte Sprache", den ich hier vor einigen Tagen veröffentlicht hatte, bin ich noch mehrmals angesprochen worden. Schon in den Kommentaren hier hatte Matthias Mala ja darauf hingewiesen, dass es Universitäten gibt, an denen diese Sprache verbindlich ist. Meine eigene Ex-Universität in Göttingen gehört dazu. Gewiss wird es immer noch im Ermessen von Dozenten liegen, inwieweit sie in Haus-, Examens- und Doktorarbeiten tatsächlich den Gebrauch geschlechtergerechter Sprache einfordern, aber immerhin: Diejenigen, die es tun, können sich mit dem Hinweis die offizielle Uni-Politik legitimieren.

Das sind keine Petitessen. Eine Freundin und Kollegin erzählte mir, dass sie im Studium mehrfach von Dozenten erheblich unter Druck gesetzt wurde, ihre Texte in geschlechtergerechter Sprache (die sie sinnlos fand und findet) zu verfassen, und dass ihr im Referendariat sogar eine Ausbilderin deutlich gemacht hätte, sie würde ihre Abschlussarbeit nicht annehmen, wenn diese nicht in geschlechtergerechter Sprache verfasst sei. Das hätte ihren Abschluss vorerst unmöglich gemacht. In den erheblichen Abhängigkeitsstrukturen des Lehramts-Referendariats sind solche Drohungen noch gravierender als an der Uni, wo Betroffene in vielen Fällen immerhin noch die Möglichkeit haben, sich andere Prüfer zu suchen. Wenn also auf diese Weise Einzelne unter Druck gesetzt werden, wenn ihnen mit schlechteren Noten und möglicherweise gar mit dem Ende ihrer Ausbildung gedroht wird, falls sie ihre Arbeiten nicht in „geschlechtergerechter Sprache“ verfassen – dann muss die wissenschaftliche Fundierung einer solchen Erwartung natürlich sehr strapazierfähig und überzeugend sein.

Nun hatte ich selbst im Hinblick auf zwei Beispiele von Befürwortern der "geschlechtergerechten Sprache"  – linguistische Experimente aus Texten von Anatol Stefanowitsch (Berlin) sowie Dagmar Stahlberg und Sabine Sczesny (Münster) – geschrieben, dass deren Belege in meinen Augen nur für diejenigen überzeugend seien, die schon überzeugt sind. Die Begründung dafür war ich allerdings schuldig geblieben – ich wollte mich in dem Text, der mir eh schon zu lang geraten war, nicht auch noch in spitzfindigen Auseinandersetzungen um empirische Sprachwissenschaft begeben. Da ich das aber nicht ganz zufriedenstellend fand, und da mich die Frage nach einer sauberen Begründung eines „geschlechtergerechten Sprachgebrauchs“ aus den oben skizzierten Gründen weiterhin interessiert, kehre ich noch einmal zu diesen Experimenten zurück. Dieser Text hier ist also, sozusagen, ein P.S. für Menschen mit
special interests, nämlich mit Interesse an Diskussionen linguistischer Experimente.