Sonntag, 30. Juni 2013

Krieg im Frieden - Bernhard Lassahns erster Band der "Trilogie zur Rettung der Liebe"

„In dem Roman Die Wand von Marlen Haushofer aus dem Jahr 1968, der nun verfilmt wurde, tut sich plötzlich eine unüberwindliche, gleichwohl unsichtbare Wand auf und isoliert die Frau von der Welt. Das Buch war nie ein Beststeller. Es gehört aber, wie die Kritikerin Elke Heidenreich festgestellt hat, zu den Büchern, die tatsächlich am meisten gelesen wurden – ein Longseller, ein Lieblingsbuch der Frauenbewegung, das ihr Lebensgefühl in ein bedrückendes Bild kleidet, in dem es keine Hoffnung auf ein gutes Ende gibt.“
So beschreibt Bernhard Lassahn in seinem „Frau ohne Welt“ aus einer „Trilogie zur Rettung der Liebe“ Marlen Haushofers Roman. Der Hinweis auf die Unmöglichkeit eines guten Endes erklärt sich schon aus dem Untertitel von Lassahns großem Essay: „Der Krieg gegen den Mann“ (die Rezension dazu auf Genderama findet sich hier).

Die These, dass in den westlichen Gesellschaften ein beständiger, zäher Krieg gegen Männer geführt werde, steht im Zentrum des Textes, der diese These in immer neuen Aspekten umkreist. Lassahn steht damit nicht allein: Dass es einen „Krieg gegen die Männer“, einen „war on men“ gäbe, war gerade erst Thema eines viel zitierten und heftig angegriffenen Textes im Wall Street Journal, einer der wichtigsten Tageszeitungen der USA. Ganz ähnlich ist das Bild, dass eben erst die US-Psychologin Helen Smith in ihrem aufsehenerregenden Buch „Der Streik der Männer“ („Men on Strike“) zeichnet, in der sie westliche Gesellschaften als eine feindselige Umgebung für Männer beschreibt und so erklärt, warum immer mehr Männer sich aus gesellschaftlicher und familiärer Verantwortung zurückzögen – zum Schaden für alle (auch dazu eine Rezension von Arne Hoffmann).

Leben wir also tatsächlich in Kriegszeiten?

Mittwoch, 26. Juni 2013

Naturliebe und Männerhass - Julian Pölslers "Die Wand"

Es ist gut, dass Julian Roman Pölslers Verfilmung von Marlen Haushofers 1963 erschienenen Kultroman „Die Wand“, die im Oktober des vergangenen Jahres in die Kinos kam, nun auf DVD erhältlich ist: Ich habe mir den Film so zu Hause anschauen können, bin ungefähr fünf Mal dabei eingeschlafen und hätte im Kino also möglicherweise nur 20 Minuten des Filmes gesehen. Nun jedoch konnte ich jeweils wieder bei der letzten Stelle starten, an die ich mich noch erinnerte. Als ich wieder wach war, fiel mir zudem auf,  dass der Film auch als eine politische Metapher verstanden werden kann, die gerade im Hinblick auf Männer- und Jungenrechte sehr interessant ist.

Die Geschichte, soweit es im Film eine gibt, ist schnell erzählt: Eine Frau (Martina Gedeck) fährt mit einem befreundeten Paar auf deren Berghütte, und als die Freunde Richtung Tal in ein kleines Dorf gehen, bleibt sie mit dem Hund zurück. Am nächsten Morgen sind die Freunde noch immer nicht wieder da – sie sucht sie und stößt auf dem Weg ins Dorf an eine unsichtbare Wand, die ihr kein Durchkommen erlaubt. Diese Wand umschließt sie offenbar auf allen Seiten, und sie ist allein mit den Tieren in ihrer abgesonderten Bergwelt. In der Welt draußen hat sich währenddessen ein großes Unglück ereignet: Das Radio empfängt keine Musik mehr, niemand – auch keiner der Freunde – sucht nach der Frau, und ein älteres Paar auf einem nahen, aber auf der anderen Seite der Wand gelegenen Hof wirkt wie versteinert.
 
 
Offenkundig hält die Wand die Frau also nicht nur gefangen, sondern schützt sie auch vor den Folgen einer Katastrophe. Im Innern des von der Wand begrenzten Bereichs behauptet sich die Frau, ernährt sich durch verbleibende Vorräte, durch Pflanzen und durch die Jagd, und vor allem sorgt sie für Tiere: für den Hund Luchs, zu dem sie ein sehr enges Verhältnis entwickelt, die trächtige Kuh Bella (die bald einen jungen Stier zur Welt bringt), für Katzen. Auf einer Alm merkt sie, dass sie zu einer Einheit mit der ihr umgebenden Natur findet, in der ihr das, was ihr zuvor wichtig schien – insbesondere der Wunsch, sich von anderen zu unterscheiden – bedeutungslos vorkommt.

In die einsame Idylle aber bricht nach einigen Jahren jemand ein: Ein Mann tötet den jungen Stier mit einer Axt, und als die Frau ein Gewehr holt, tötet er auch den Hund Luchs, der ihn angreift. Die Frau erschießt den Mann, begräbt Luchs tief erschüttert und rollt die Leiche des Mannes einen Abhang herab.

Samstag, 22. Juni 2013

Menschenteile bei Maischberger (und andere ProQuote-Seltsamkeiten)

„Zu dem unterirdischen Radiofeature "Maskuline Muskelspiele" sei der Hinweis erlaubt, dass Homann nur "Künstler" ist, kein Journalist. Redaktionell verantwortlich ist Ulrike Ebenbeck, rein zufällig natürlich auch Unterzeichnerin / Unterstützerin von Pro Quote.“
Soweit Thomas M. in einem Kommentar vor wenigen Tagen.  Die zentrale Forderung von ProQuote – einer seit Beginn des vergangenen Jahres tätigen Initiative von Journalistinnen, die sich unter dem Namen ProQuote Medien auch als Verein etabliert hat – ist eine Frauenquote von mindestens 30 Prozent in allen Führungspositionen der Redaktionen. Zu der Initiative gehören etwa dreihundert Journalistinnen (laut Spiegel-Autor Thomas Tuma etwa 150 zahlende), darunter auch Anne Will, Sandra Maischberger oder Gabi Bauer, sowie einige männliche Unterstützer. Der Verein bekennt sich zu einer umfassenden Lobbyarbeit – er will beispielsweise auf „verzerrende Berichte zum Thema Gender und Quote“ (also auf Berichte, die den Zielen des Vereins nicht entsprechen) schnell reagieren und entwickelt „Kampagnen, die Öffentlichkeit schaffen und den Druck auf die Verlage und Sender erhöhen“.

Schon mit diesen Zielen begeben sich die Journalistinnen allerdings in einen erkennbaren Konflikt – einerseits sind sie Teil von Verlagen und Sendern und tragen dort Verantwortung, zugleich aber wollen sie in ihrem Sinne Druck auf ihr Arbeitsumfeld ausüben. Umso heikler wird diese Situation dadurch, dass ihre journalistische Arbeit ja eigentlich ein hohes Maß an Abstand und Unvoreingenommenheit voraussetzt. Entsprechend kritisiert Thomas Tuma ProQuote auch im Spiegel. In seinem Essay „Die ScheinriesInnen“ schreibt er:
Sorry, Ladys, sie missbrauchen Ihren Status, Ihre Prominenz, Ihre Funktion, Ihre Medien und sogar das Ihnen entgegengebrachte Vertrauen des Publikums in Ihre Unabhängigkeit! Denn Sie sind bei Ihrer Vereinsarbeit nicht nur einseitig Partei. Sie sind es leider in einem schlichten Beweggrund: Eigeninteresse, das Sie geschickt als gesellschaftliche Relevanz inszenieren. (Der Spiegel, 27.5.2013. S. 146)
Der Vorwurf Tumas, das unabhängiger Journalismus zu Propaganda zu verkommen drohe, wurde ganz entsprechend der ProQuote-Politik der schnellen Reaktion auf unliebsame Berichte heftig beantwortet, Tuma nach eigenen Angaben als ein „reaktionäres Macho-Schwein (…) oder ein heulsusiges Weichei“ beschimpft  Dabei ist gerade die eingangs angesprochene Sendung ein gutes Beispiel dafür, wie recht Tuma mit seiner Einschätzung hat.

Dienstag, 18. Juni 2013

Berserkerin

Ernst Barlachs Plastik „Berserker“ ist auf irritierende Weise widersprüchlich. Eigentlich ist ein Berserker ja jemand, der vor Wut in einen Rausch geraten ist und der nun ohne Sinn für die eigenen Schmerzen auf die Feinde einschlägt, laut Duden ein „Rasender, Tobender, Tobsüchtiger“, oder auch ganz einfach ein „kampflustiger, sich wild gebärdener Mann“.   An Barlachs Berserker aber fällt der ruhige, gelassene Gesichtsausdruck aus, eine fast meditative Entspanntheit. Auch der Ausdruck des Körpers passt kaum zum Bild des wilden Manns: Zwar hält er den rechten Arm, zum Schlag bereit, über den Kopf, aber dass er darin ein Schwert hält, ist aus der Perspektive von vorn kaum zu sehen. Der Körper ist auch nicht im Wutrausch nach vorn gerichtet, sondern schräg nach hinten gebeugt, als würde er sich vor einem Angreifer zurückziehen. Dazu passt der linke Arm, dessen Hand zwar zur Faust geballt ist, der aber quer vor dem Körper des Berserker ausgestreckt eben vom Angreifer fort weist.

Die blanken Füße stehen auseinander, ein weites Gewand – und nicht etwa ein Bärenfell – spannt sich zwischen ihnen, und der ganze Berserker sieht so aus, als ob er nicht etwa wild wüten, sondern gelassen sitzen würde. Das tut er auch – wenn man ihn von hinten anschaut, sieht man, dass er sich ruhig auf ein paar Steinen niedergelassen hat.
Die Widersprüche der Figur haben mich an Diskussionen erinnert, die auch hier im Blog immer wieder über Äußerungen der Männerrechtsbewegung geführt wurden. Eine noch vor wenigen Tagen: 
Ich fürchte aber, dass die (…) ins offene Messer laufen. Wenn man einige Blogs der Männerrechtler liest, findet man neben sachlichen Artikeln und Kommentaren leider immer wieder vulgäre, beleidigende und [wirklich] sexistische Beiträge.
Als Beispiel nennt der Kommentator Begriffe wie „Quotze“, eine Kontamination aus den Begriffen „Quote“ und „Fotze“, die in seinen Augen erschreckend sind. Sein Schluss daraus:
Wer gegen die totalitären Spielarten des Genderismus und des Feminismus argumentieren will, braucht ein hohes Maß an Selbstdisziplin. Er muss auch von seinen Kommentatoren Disziplin fordern. Sonst gibt man sich Blößen, die gnadenlos ausgenutzt werden.

Freitag, 14. Juni 2013

Aggro akademisch

„Peinliche Maskutrolle rotten sich auf peinlichem Maskublog gegen „Genderfeministin“ Dr. Mutti zusammen“ – „Ihr rottet euch zusammen. Ob ihr eine „Meinung“ habt, ist dabei irrelevant.“ – „Haha, es gibt tatsächlich Leute, die Pinker [gemeint ist Steven Pinker, Professor für Psychologie in Harvard]  für „gute Gesellschaft“ halten.“ – „Außer Ihren Maskutrollfreunden hat niemand Interesse, Ihr Blog zu lesen oder zu kommentieren.“ Derjenige, der sich hier auf diese Weise durch seinen Twitter-Account pöbelt, ist keineswegs ein Jugendlicher in der Hochzeit seiner Pubertät, sondern ein deutscher Professor – Anatol Stefanowitsch, Lehrstuhlinhaber am Institut für Englische Philologie an der Freien Universität Berlin und bekannt für seine feministischen Positionen zur geschlechtergerechten Sprache".  Was war passiert? In einem Artikel auf dem Blog „Dr. Mutti“  hatte die Blogbetrieberin, die Hamburger Linguistin Juliane Goschler, in einem Artikel nur eine sehr geringe Bedeutung biologischer Faktoren für das unterschiedliche Verhalten von Männern und Frauen eingeräumt: Es schnurre „die Liste der wissenschaftlichen Studien, die einen eindeutigen Einfluss von biologischem Geschlecht auf das Verhalten zeigen, zusammen auf eine kleine Handvoll, die man überhaupt nur ernsthaft diskutieren muss.“ Darauf hatte Alexander Roslin als Kommentator auf dem Blog „Alles Evolution“, der sich wesentlich mit eben der Bedeutung dieser biologischen Faktoren für die Geschlechterrollen auseinandersetzt, hingewiesen  und einige Zitate zusammengestellt, die der Darstellung von Dr. Mutti widersprachen. Roslin schloss mit dem Hinweis, dass er seinen Kommentar bei Dr. Muttis Blog gepostet habe und gespannt sei, ob er freigeschaltet werde. Auch Christian Schmidt schob auf seinem Blog noch einige Argumente hinterher und versuchte sie ebenfalls als Kommentare bei Dr. Mutti zu posten. Die Widersprüche gegen Goschers Position waren durchweg sehr sachlich formuliert, doch die Petitesse, dass sie – angesichts der Unsicherheit, ob die Kommentare bei Dr. Mutti freigeschaltet würden – auch auf „Alles Evolution“ veröffentlicht wurden, nahm Stefanowitsch (der mit der ganzen Diskussion eigentlich gar nichts zu tun hatte) zum Anlass, sich hemmungslos zu enragieren. Während er jedes Gesprächsangebot der „Gegenseite“ (z.B. die Versicherung von Christian Schmidt, Diskussionsbeiträge von Stefanowitsch oder Goschler auf seinem eigenen Blog zu veröffentlichen) höhnisch ablehnte, ließ er andere, zustimmende Beiträge zu seiner Position (soweit hier zitiert von „JoergR“) völlig unkommentiert. „Schon toll welch tolles Vokabular sexistischer Schleim für den eigenen Auswurf hat. ‚bespricht‘, ‚Meinung‘“ – „Bullshit. Ich hab kein Interesse, mit Sexisten zu reden. Ich will dass sie ihre Fresse halten.“ – „Ich hoffe die Argumente haben scharfe Kanten, die kannst du nämlich zusammenrollen und dir in den Arsch stecken.“ (zu einem Kommentar, der darauf hinwies, dass die Kommentare auf dem Alles Evolution-Blog schlicht Argumente und Quellen nennen würden). Für einen Professor ein etwas überraschendes Verhalten: Während sich Stefanowitsch den mehrfachen Angeboten einer sachlichen Diskussion umgehend aggressiv verweigert, scheint ihm angesichts der verrückt unangemessenen, dehumanisierenden Kommentare, mit denen ihm ein anderen Nutzer beispringt, nicht einmal eine kleine Relativierung nötig.

In seinem Auftreten zeigt sich aber eine Tendenz, die eine ganze Reihe akademischer Reaktionen auf die Männerrechtsbewegung prägt: Eine inhaltliche und sachliche Auseinandersetzung kategorisch und demonstrativ zu verweigern – einen akademischen Status auszuspielen, ohne dass die Grundlagen und Regeln, die diesen Status bedingen, respektiert würden – mit einer verbissenen Feindseligkeit zu agieren, deren Gründe nie reflektiert oder erläutert werden – und mit massiven Unterstellungen zu arbeiten, die offenkundig keiner Begründung bedürfen. Wenn Professor Stefanowitsch Diskutanten, die sachliche Einwände vorbringen, als „Trolle“ bepöbelt und ihre Beschimpfung als „Schleim“ stillschweigend billigt oder begrüßt, gehört das vergleichsweise sogar noch zu den harmloseren Diffamierungen. Es lohnt sich, diese Art der akademischen Beschäftigung mit Themen der Männerrechtsbewegung (die unter anderem in diesem Blog schon an verschiedenen Stellen erwähnt wurden) einmal im Zusammenhang zu betrachten.

Dienstag, 11. Juni 2013

Eloquent und selbstbewusst die Klappe halten

„Von Kurt Tucholsky stammt der Seufzer ‚meine Sorgen möcht‘ ich haben‘. Dabei ahnte Tucholsky noch nichts von den drängenden Problemen unserer Tage, nichts von Klimawandel und Eurokrise, von Tempolimit und Ehegattensplitting und schon gar nichts vom immerwährenden Kampf und die geschlechterneutrale Sprache.“  Dieser Kommentar des Bayrischen Rundfunks gehört noch zu den milderen Reaktionen auf die Entscheidung des Senats der Leipziger Universität, in der universitären Grundordnung nur noch weibliche Bezeichnungen zuzulassen – und mit Titeln wie dem der „Professorin“ Männer einfach mitzumeinen. Dass die Entscheidung fast flächendeckend, vorsichtig formuliert, als skurril wahrgenommen wurde – die Bildzeitung sprach wie zu erwarten von „Irrsinn“Kommentare zum entsprechenden Artikel in der FAZ sind mit „Irrenhaus“ oder „Ansonsten haben wir keine Probleme“ überschrieben , und selbst Heide Oestreich kommt in der taz nicht umhin, aus den Reaktionen zu zitieren: „ideologischer Irrsinn, die Uni als psychiatrische Tagesklinik, Obsession …“  Tatsächlich wirkt diese Entscheidung wohl wegen der großen Fallhöhe, die durch einen universitären und elitären Anspruch aufgebaut wird: Es wirkt nun einmal recht wirklichkeitsentrückt, wenn man auf der einen Seite Wissenschaft mit erheblichem Geltungsanspruch (und erheblichen Hürden für die Möglichkeiten des Zugangs dazu) betreibt und auf der anderen Seite seine hochbezahlte Zeit damit verbringt, einfach mal zu schauen, wie es wohl ist, alle Menschen mit der weiblichen Form anzureden.

Donnerstag, 6. Juni 2013

Facebook: Nazi-Mist ist okay, Feminismus-Kritik muss weg

Vor ein paar Monaten habe ich zum ersten (und letzten) Mal ein Bild bei Facebook gemeldet. Das Bild vom 4.1. zeigt eine Dose Nüsse, beschriftet ist sie mit den Worten „Buchenwald’s Beste“, darunter steht „Cash-Jews“ (also etwa: Geldjuden), neben den Schriftzug „Nur echt mit dem Stern“ ist ein Judenstern gezeichnet, unten prangt ein Hakenkreuz mit dem Satz „Hergestellt nach dem deutschen Reinheitsgebot“. Was Juden eigentlich mit Nüssen zu tun haben, macht das Partizip vor dem Begriff „Cash-Jews“ klar – es sind „Geröstete Cash-Jews“.

Ein lupenreines Nazi-Bild, das antijüdische Klischees nutzt und sich offen über den Massenmord an den europäischen Juden lustig macht. Ein paar Tage später erhielt ich von Facebook eine sehr knappe Mail mit dem Satz „Wir haben deine Meldung zu [Umstrittener Humor] Schwarzer Humors Foto überprüft.“ Das war alles: Das Bild wurde nicht entfernt, obwohl ich weiß, dass ich bei Weitem nicht der einzige bin, der es gemeldet hatte. Mittlerweile ist er auf der entsprechenden Seite der Gruppe ein zweites Mal gepostet, Hunderte von Facebook-Nutzern geben an, dass sie es mögen. Die Seite ist insgesamt voller rassistischer und antisemitischer Bilder und Sprüche, regelrecht zwanghaft sind Witze über Anne Frank (die zum Beispiel mit Papierhütchen und dem Spruch „I played hide and seek“ dargestellt wird, 9.1.), die Seite macht sich über eine Statistik lustig, die eine rapide Schrumpfung der jüdischen Weltbevölkerung während der Nazi-Herrschaft zeigt (31.3.), nutzt Nazi-Chiffren wie den Hitler-Code „88“ („Frage mich, womit die heizen“, 28.3.), macht zahllose Witze über Juden, Schwarze oder Türken und spottet auch über Angriffe auf Israel in der heutigen Zeit („Reise nach Jerusalem“, 3.1.). Auch rassistische Klischees werden offen bedient, Bilder erhängter Schwarzer mit dem Satz „Mal die schwarze Seele baumeln lassen“ untertitelt (1.4.), gleich mehrmals wird die Frage „What’s the most positive thing in Africa?“ mit „HIV“ beantwortet, und unter einem Bild eines Affen neben einem weißen Kind steht der Satz „Black children and white children are the same“ (1.4.) Dies nur einige Beispiele von sehr viel mehr möglichen.

Dienstag, 4. Juni 2013

Gespräche verweigern, Gesetze sabotieren, "Kindeswohl" schreien

Der Alleinerziehendenverband untergrabe systematisch das neue Sorgerechtsgesetz, stellt das Magazin PAPA-YA in einer Mitteilung fest (dazu auch das Magazin Focus und Genderama).  „Darin berichtet das Magazin über Informations-Veranstaltungen, auf denen der VAMV Müttern exakte Anweisungen zum „Kampf“ gegen Väter gebe. (…) Scharfe Vorwürfe richtet ‚PAPA-YA‘ im Zusammenhang mit seiner Berichterstattung an die VAMV-Vorsitzende Edith Schwab, Berufskolleginnen und – zum Teil inkognito – auftretende Verbandsmitglieder. So hetze eine Fachanwältin für Familienrecht auf Veranstaltungen mit fragwürdigen Tipps alleinerziehende Mütter gegen die Väter ihrer Kinder auf. Einige dieser ‚Hinweise‘ können nach Ansicht des Magazins als strafbare Handlungen eingestuft werden. Dazu zählen den Angaben zufolge Aufrufe zu Falschaussagen hinsichtlich des Kindeswohls und ‚Anleitungen‘ für eine dauerhafte, wörtlich als ‚Entsorgung‘ bezeichnete, Trennung des Kindes vom Vater.“ Angesichts offizeller schriftlicher Stellungnahmen des Alleinerziehendenverbands sind diese Vorwürfe völlig glaubwürdig. Eine im Internet erhältliche Handreichung des VAMV zum neuen Sorgerecht gibt beispielsweise Tipps, wie Mütter angesichts der veränderten Gesetzeslage gegen eine gemeinsame Sorge argumentieren könnten. Da heißt es zum Beispiel: „Offenbar scheint der Gesetzgeber Eltern, deren ‚ablehnende Haltung sich verfestigt‘ hat, die gemeinsame Sorge nicht in jedem Fall zumuten zu wollen. Hier dürften langjährige Gerichtsverfahren, beispielsweise den Umgang betreffend, einschlägig sein, weil sie die Unfähigkeit der Eltern, ohne Hilfe Dritter gemeinsame Entscheidungen zu fällen, schwarz auf weiß vor Augen führt.“ (sic!, S. 8) Im Klartext: Nach der Darstellung des Verbands lohnt es sich für Mütter, den Umgang zwischen Vätern und Kindern über lange Zeit so zu erschweren, dass der Vater-Kind-Kontakt nur über Gerichtsverfahren gesichert werden kann – weil eben diese Gerichtsverfahren sich als Argument gegen eine gemeinsame Kommunikationsbasis und also gegen eine Beteiligung der Väter an der Sorge werten ließen. Wenn der Verband schon in leicht erhältlichen schriftlichen Stellungnahmen Müttern so unverblümt ein destruktives Verhalten gegen Väter und Kinder nahelegt, dann ist tatsächlich davon auszugehen, dass Repräsentantinnen dieses Verbands in mündlichen öffentlichen Stellungnahmen und erst Recht in vertraulichen Beratungssituationen noch viel deutlicher werden.

Freitag, 31. Mai 2013

Weit oberhalb der Grunzlautschwelle, oder: Warum das Bundesforum Männer öfter ins Kino gehen sollte

Im Hinblick auf die Gleichstellungsarbeit schreibt das „Bundesforum Männer“ in seinen „Wahlprüfsteinen": „Wir sprechen uns gegen ein Entweder-oder aus und wünschen uns ein Sowohl-als-auch.“  Nun hat es bekanntlich in der Gleichstellungspolitik niemals „Entweder Männer oder Frauen“-Strukturen gegeben, sondern lediglich ein klares „Entweder Frauen oder gar nichts“. In dem Satz wird also eine Tendenz deutlich, die den gesamten Text der Wahlprüfsteine prägt: Das Bundesforum zeigt sich durchaus bemüht, spezifische Interessen von Männern oder Jungen zu vertreten, vermeidet aber sorgfältig schon den Anschein einer Kritik an herkömmlichen, gegenüber Männerinteressen blinden Strukturen der Geschlechterpolitik. Bezeichnend ist etwa, dass das Bundesforum die Probleme von Vätern vor allem als abstrakte „Vereinbarkeitsprobleme“ beschreibt und verschweigt, dass die wesentlichen Einschränkungen der Rechte von Vätern auf das Konto von Lobbyistinnen und Politikerinnen gehen.

Schlimmer noch aber ist eine Gegenüberstellung von „traditioneller“ und „moderner“ Männlichkeit, die regelrecht diffamierende Züge trägt (mehr dazu auch bei
Kritische Wissenschaft). Schon der erste Satz des Textes lautet: „Jungen, Männer und Väter stehen vor großen Herausforderungen. Traditionelle Rollenmuster passen vielfach nicht mehr zu heutigen Anforderungen und Bedürfnissen.“ Ganz im Sinne der Diagnose, die etwa Hanna Rosin in ihrem Buch vom „Ende der Männer“ gestellt hat, und ganz im Sinne auch einer sogenannten „antisexistischen Jungenpädagogik“ sind also nicht etwa politische Bedingungen, sondern „traditionelle Rollenmuster“ für Männer und Jungen problematisch. Was mit den „traditionellen Mustern“ gemeint ist, skizziert das Bundesforum ausgerechnet im Zusammenhang mit der Verletzbarkeit von Männern, die nicht im Interesse der Männer selbst ernst genommen soll, sondern im Interesse anderer: „Nur so können traditionelle Männlichkeitsrollen erweitert, kann erlerntes gewalttätiges Verhalten hin zu einer gewaltfreien Sozial- und Konfliktkompetenz verändert werden.“ So sind sie, die traditionellen Männer: sozial unterbelichtete Simpel, deren Problemlösungskompetenz normalerweise aus nichts anderem als einem gezielten Faustschlag auf die Nase des Gegners besteht. So fordert das Bundesforum dann auch eigentlich keine Aufmerksamkeit für spezifische Probleme von Männer und Jungen, sondern Unterstützung für Männer bei der Umwandlung von traditioneller zu moderner Männlichkeit – von gewalttätigen, engstirnigen Reaktionären, die sich kaum oberhalb der Grunzlautschwelle verständigen können, hin zu liebevollen Partnern und Vätern, die kommunikativ kompetent genug sind, um die offizielle Geschlechterpolitik nicht zu kritisieren.

Dass aber diese Gegenüberstellung einer traditionellen und einer modernen Männlichkeit zu holzschnittartig ist, dass sie zudem die als „traditionell“ identifizierte Männlichkeit diffamiert, ist eigentlich schon längst bekannt. Schon seit Jahrzehnten spielen beispielsweise Filme mit verschiedenen Männlichkeitsbildern, die den Mustern des Bundesforums ungefähr entsprechen, sie aber ganz anders interpretieren. An drei Beispielen neuerer Klassiker des britischen Films lässt sich das zeigen.

Mittwoch, 29. Mai 2013

Wie Geschlechterpolitik Zivilitätsbrüche produziert

Dieser Text war ursprünglich der zweite Teil des Textes „In aller Unschuld alle Männer töten", der damit aber natürlich viel zu lang geworden wäre. Dass ich den zweiten Teil nachreiche, hat den Vorteil, dass auch einiges aus der Zeit zwischendurch einbauen kann – zum Beispiel die Diskussion anlässlich des ersten Textes, ob Feminismus denn faschistisch sei (was er nicht ist). Für mich selbst stand etwas anderes im Vordergrund. Fragwürdig ist die im Text angesprochene Solanas-Begeisterung im Mainstream-Feminismus ja  eben gerade deshalb, weil der Feminismus offenkundig nicht angemessen als faschistisch beschrieben werden kann. Ich habe die Frage nach den Gründen für die seltsame Attarktivität des Textes und die Kritiklosigkeit gegenüber anderen sehr problematischen Ansätzen – etwa den eugenischen Auslöschungs-Phantasien einer ganzen Reihe von Autorinnen – ganz ernst gemeint und schließlich selbst versucht, mir ein paar Antworten zu geben.

„Ich bin es leid, dass jede blöde Äußerung von Alice Schwarzer am nächsten Tag in allen Gazetten verrissen wird, ich bin es leid, dass in der Uni jeder bei der Erwähnung des Wortes 'Feministin' kichert, ich bin es leid, dass sich aus diesem Grund kaum eine traut, sich Feministin zu nennen, auch wenn es tausend Überschneidungen mit der eigenen Überzeugung gibt, ich bin es leid, mich für jede verbale Bösartigkeit, die sich irgendeine Feministin jemals geleistet hat, rechtfertigen zu müssen, auch wenn sowas nie über MEINE Lippen gekommen wäre, ich bin es leid, als männerhassende Täterin da zu stehen, während die ganzen ach so lammfrommen Antifeministen sich als Verteidiger des Abendlandes profilieren und gleichzeitig rumjammern können, ja so dermaßen von ach so diabolischen Frauen ausgebeutet zu werden.“

Abgesehen von einigen genretypischen Klischees wie der Imagination jammernder Männerrechtler ist dieses Statement auf dem Blog „Robins Urban Life“ ja auf den ersten Blick völlig nachvollziehbar, zumal Robin Urban selbst eine sehr differenzierte Position hat, die beispielsweise in ihrem engagierten Artikel gegen die Beschneidung von Jungen deutlich wird. Natürlich möchte eine Feministin nicht ständig in Haftung genommen werden für jede verfehlte Äußerung, „die sich irgendeine Feministin jemals geleistet hat“ – und schließlich kritisieren auch Männerrechtler, und zu Recht, wenn sie in unseriösen parteipolitischen Publikationen oder Radiosendungen mit Rechtsradikalen oder gar mit einem Massenmörder wie Breivik assoziiert werden.

Nun verlangt aber ja auch niemand von Feministinnen, jede ihrer Stellungnahmen mit einem „Hiermit distanziere ich mich von allen Äußerungen, die eine Ermordung aller Männer und Jungen zum Inhalt haben“-Disclaimer einzuleiten, oder beständig das weltweite Netz zu durchkämmen auf der rastlosen Suche nach Äußerungen, von denen sie sich distanzieren müssten. Es wäre allerdings ganz gewiss ein Beitrag zur Entspannung der geschlechterpolitischen Debatten gewesen, wenn sie sich überhaupt einmal – und nicht nur in wenigen Ausnahmefällen –  mit der offenkundigen Attraktivität irrwitziger Gewaltphantasien auseinandergesetzt hätten, die feministische Debatten eben nicht nur in irgendwelchen Ausnahmefällen zu irgendwelchen fernen Zeiten, sondern immer wieder und im Mainstream geprägt haben. Und hier ist es eben nicht nachvollziehbar, wie sehr hier mit zweierlei Maß gemessen wird.

Freitag, 24. Mai 2013

Maskuline Muskelspiele monströser Männerrechtler (mittendrin: mutige menschenfreundliche Medienprofis)

Das verhieß nichts Gutes: „Nach den Attentaten in Oslo und auf der Insel Utøya im Sommer 2011 verfolgt die norwegische Polizei eine Spur im Internet: Sie führt von Anders Breivik zu dem antifeministischen Blogger „Fjordman“, der auch in Deutschland Follower hat. Sie nennen sich Maskulisten und haben sich inzwischen über die Bewertung von Breiviks Terroranschlägen zerstritten. Dennoch gewinnen sie an Einfluss. Bundesfamilienministerin Kristina Schröder fordert eine eigene Männerpolitik; Lifestyle-Magazine und öffentliche Tagungen interessieren sich für eine vermeintliche feministische Verschwörung. Welche Gefahren erwachsen aus den virtuellen Attacken der Maskulisten für die reale Sicherheit in Deutschland?“ Soweit die Ankündigung der ARD für ein Radiofeature über „Maskuline Muskelspiele“ von Ralf Homann, das in der laufenden Woche in vielen Programmen der ARD gesendet wird. „Maskulisten“ ist also, wie wir lernen, der Name der Anhänger des Massenmörders Breivik, Kristina Schröder hat auch irgendwie was damit zu tun, und die reale Sicherheit in Deutschland (wohl im Unterschied zur irrealen Sicherheit in Deutschland, obwohl ich mir nicht ganz sicher bin, was damit gemeint ist) wird von ihnen bedroht.

Dienstag, 21. Mai 2013

In aller Unschuld alle Männer töten

Zur Verteidigung des vor kurzer Zeit populären Hashtags „killallmen“ schreibt die feministische Bloggerin „stavvers“ (schon kommentiert auf genderama): „So, before I launch into this defence, let me point out that nobody is actually planning to kill all men. Not even some men. It’s just a phrase, an expression of rage, a rejection of a system which is riddled with violence.“  Wie beruhigend. Es ist schließlich eine universell anerkannte Wahrheit, dass öffentlich und massenhaft formulierte Hassphantasien nur dann problematisch sind, wenn diese Phantasien auch exakt so wie formuliert in die Tat umgesetzt werden. Zudem müsste eigentlich jeder merken, dass mit dem Wort „men“ keineswegs Männer, sondern natürlich allgemeine Strukturen gemeint sind: „It represents a structural critique, presented in a provocative fashion“ (so wie ja beispielswiese auch der Satz „Alles Schlampen, außer Mutti“ eine profunde Systemkritik enthält, die leider häufig übersehen wird). Interessant ist in jedem Fall die Tradition, in die stavvers ihre Verteidigung des modischen Hashtags setzt, wenn sie klarstellt, dass keineswegs der Satz „Tötet alle Männer“ das Problem sei, sondern jeder, der sich an diesem Satz stört: „it’s pretty difficult to mention SCUM (or indeed just cry “kill all men”) without the misogynists crawling in, crying misandry.“ Auch dies also ein schönes Beispiel, wie schnell Männer zum Jammern zu bringen sind: Während feministische Frauen mit solchen radikal dehumanisierenden Ungeheuerlichkeiten wie dem generischen Maskulinum oder öffentlich küssenden Hetero-Pärchen  konfrontiert sind und wacker standhaltend fast keine Miene verziehen, reagieren manche Männer schon beleidigt, falls die interessierte Öffentlichkeit mal engagiert, aber doch irgendwie fast ergebnisoffen ihre Ermordung debattiert. Und passend dazu: Valerie Solanas‘ Phantasie der massenhaften Ermordung aller Männer, ihr berüchtigter Text „SCUM“ aus dem Jahr 1967 (wörtlich „Abschaum“, aber von der Autorin auch als Akronym für „Society for Cutting Up Men“, „Gesellschaft zum Aufschlitzen von Männern“, verwendet), ist ein selbstverständlich herangezogener und als bekannt vorausgesetzter feministischer Referenztext – nicht nur bei stavvers, sondern auch in einer Tweet-Folge, die sie als „absolut brilliant“ empfiehlt. „Addendum, on things like SCUM: the complete abolition of men as they exist today would be necessary to effect genuine gender equality“ – die Auslöschung aller Männer als Instrument der Gleichstellungspolitik.

Samstag, 18. Mai 2013

Leuchten

Jetzt ist das Abitur für dieses Jahr fast vorbei. Heute habe ich noch einmal in einer Aufsicht gesessen, für einige Nachschreiber, und da ich meine Klausuren korrigiert und freundliche Gutachten geschrieben und also sonst nichts anderes zu tun hatte, konnte ich mir die Zeit endlich einmal wieder mit dem Schreiben eines eigenen Textes die Zeit vertrieben.

Vor Kurzem habe ich, warum auch immer, eine Interpretation zu Kafkas Erzählung „Das Urteil“ gelesen, die ausdrücklich aus der Perspektive der „Gender Studies“ geschrieben war. Die Verfasserin stellte dabei zunächst einmal die Gender Studies vor und legte Wert darauf, dass dort menschliche Beziehungen unter dem Gesichtspunkt der Macht analysiert würden. Mir kam das ein wenig einseitig vor, zumal unausgesprochen damit ja ohnehin nur eine Macht gemeint ist (die der Männer über Frauen) – als ob die soziale Interaktion, erst recht die im persönlichen Umfeld, nicht noch durch ganz andere Motive, Bedingungen und Gefühle bestimmt wäre. Zu Kafkas Text passt diese Perspektive aber, vordergründig zumindest – eine Vater-Sohn-Beziehung, in der ein alter Vater zunächst schwächlich und hilfsbedürftig wirkt, der Sohn dagegen erfolgreich und gefasst, während schließlich der Vater mächtig und triumphierend dasteht und der Sohn sich von einer Brücke stürzt.
 
(Man merkt aber dieser auf das Machtverhältnis konzentrierte Wiedergabe vielleicht schon an, dass auch Kafkas Erzählung damit möglicherweise ein wenig verkürzt wird.)

Da ich, auch zufällig, neulich ein Bild gesehen habe, das mich an die Erzählung Kafkas erinnert hatte, und da ich hier ohnehin schon ab und zu kurze Texte zu Bildern veröffentlicht habe, hatte ich heute Morgen also selbst etwas zu schreiben.

Mittwoch, 15. Mai 2013

Wie Spider-Man an lauter Väter kam (und sie gleich wieder verlor) - Marc Webbs "The Amazing Spider-Man"

„Mal ehrlich - wen interessiert das?“ fragte die Süddeutsche Zeitung skeptisch, als im vergangenen Jahr ein neuer Spider-Man-Film in die Kinos kam, der die Geschichte wieder einmal von vorn erzählte, die gerade erst von Sam Reimi und seinen Spider-Man-Filmen erzählt worden war.  „Zehn Jahre sind auch in der Ära des Aufmerksamkeitsdefizitsyndroms eine kurze Zeitspanne für ein Remake,“ kommentiert die Zeit dazu. Aber da wird schon deutlich: Es interessiert viele – die Superhelden-Populärkultur ist längst im klassischen Feuilleton angekommen, und die großen Zeitungen und Magazine stehen Spalier, wenn ein neuer Spider-Man Film erscheint – auch der Spiegel, dessen Rezensent den Film „absolut sehenswert“ findet, oder die FAZ , die Spider-Man selbstverständlich mit Kafkas Gregor Samsa vergleicht, der bekanntlich eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte und sich in ein ungeheures Ungeziefer verwandelt sah.

Die Zeiten, in denen Comics und Comic-Verfilmungen als Schund galten, sind längst vorbei. Gründe dafür erläutert beispielsweise der amerikanische Philosoph Richard Shusterman in seinem Buch
„KunstLeben. Die Ästhetik des Pragmatismus“, in dem er sich  mit einer Reihe von Argumenten auseinandersetzt, die populäre Kunst für minderwertig erklären. Kritiker führten beispielsweise häufig das Argument an, dass Kunst, die für ein breites Publikum gemacht ist, dabei einen notwendigerweise kleinen gemeinsamen Nenner finden müsse, also qualitativ nicht hochwertig sein könne. Shustermann entgegnet, dass populäre Kunst, gerade weil das angesprochene Publikum keineswegs eine homogene Masse sei, sich in ganz verschiedenen Kontexten und im Rahmen ganz verschiedener individueller und sozialer Erfahrungen sinnvoll verstehen lassen müsse. (S. 140 ff ) Sich mit einem Film wie „The Amazing Spider-Man“ auseinanderzusetzen, stülpt also nicht einfach mehr oder weniger intellektualisierende Interpretationen über einen Film, der doch eigentlich nur ganz unschuldig zur Unterhaltung gedacht war. Der Film kann ja gerade deshalb unterhalten, weil er an die Erfahrungen vieler anknüpft, sie verwandelt und für sie überzeugende Bilder findet.


 „Der ‚Reboot‘ der früheren "Spider-Man"-Filme fügt der Titelfigur keine originellen Ideen oder Ausdeutungen hinzu“, schreibt das 2001-Filmlexikon über die neue Verfilmung. Das stimmt nicht. „The Amazing Spider-Man“ rückt ein Thema regelrecht obsessiv in den Mittelpunkt und deutet es wieder und wieder auf neue Weise aus, das in den vorherigen Verfilmungen eher ein Thema für die Nebenhandlung war: die Bedeutung von Väterfiguren.

Freitag, 10. Mai 2013

Wie friedfertige Erwachsene gewalttätige Jungen produzieren - Susanne Biers "In einer besseren Welt"

„Hin zu einer maskulistischen Filmkritik“ möchte Arne Hoffmann und hat auf Genderama zu diesem Zweck bereits den Dokumentarfilm „The Central Park Five“ von Ken und Sarah Burns  und Joseph Kosinskis „Oblivion“ (mit Tom Cruise)  analysiert. Für mich ist dieser Ansatz sehr reizvoll, und so habe ich mir einmal zwei ganz unterschiedliche neuere Filme aus ganz unterschiedlichen Genres noch einmal angeschaut und überlegt: Hilft es bei der Interpretation dieser Filme, darauf zu achten, welchen Blick auf Männer und Jungen sie einerseits werfen, wie sie andererseits aber auch spezifisch männliche Perspektiven wiedergeben?

Susanne Biers Film
„In einer besseren Welt“ (der dänische Originaltitel „Hævnen“ bedeutet, wörtlich übersetzt, „Rache“) wurde 2011 mit dem Oscar für den besten fremdsprachigen Film ausgezeichnet und kam im selben Jahr in die deutschen Kinos. Einige Interpretationen, zum Beispiel die der deutschen Wikipedia, konzentrieren sich auf das im Originaltitel angedeutete Problem der Rache und verstehen den Film als eine Auseinandersetzung mit dem Problem, wie Menschen auf Gewalt reagieren können. Die Wikipedia spitzt dies sogar auf die Frage zu: „Entscheidet man sich für das Alte Testament und fordert Rache (Auge für Auge) oder orientiert man sich am Neuen Testament und dessen pazifistischem Ansatz und hält die andere Wange hin?“ – eine Gegenüberstellung, die nicht nur klischeehaft und problematisch ist, sondern die auch den Film verfehlt.


Seine größte Stärke gerät dabei ganz aus dem Blick: In einer enorm differenzierten, überzeugenden und auch fairen Weise setzt er sich mit dem Verhältnis von Erwachsenen und männlichen Jugendlichen auseinander, und er tut dies so eindrücklich, dass jemand, der sich mit Jungenpädagogik beschäftigt, an „In einer besseren Welt" eigentlich nicht vorbei kommt.