Freitag, 27. September 2013

Empörungstheater

„Frauen würden sich ihrer Obdachlosigkeit schämen und verstecken, sagt Renate Kaufmann. ‚Männer hingegen feiern ihr Schicksal quasi mit einem Doppelliter in der Öffentlichkeit‘, überspitzt die Bezirksvorsteherin von Mariahilf (SP) die Tatsache, dass obdachlose Frauen viel weniger sichtbar sind."
Das wurde aber auch Zeit: Während oberflächlich argumentierende Menschen die geringere Sichtbarkeit weiblicher Obdachloser eindimensional darauf zurückführen, dass schätzungsweise 90% der Obdachlosen männlich sind, arbeitet die Wiener Sozialdemokratin die männliche Obdachlosigkeit also endlich als Teil patriarchaler Herrschaft heraus, in der Männer auch dann unbekümmert viel zu viel öffentlichen Raum einnehmen, wenn sie billigen Wein trinken und oft nicht einmal vernünftig gewaschen sind. Weit mehr als Männer nämlich nähmen Frauen
„eine gewaltvolle Beziehung oder sexuelle Ausbeutung in Kauf, nur um nicht auf der Straße zu landen und noch mehr ausgeliefert zu sein.“
Empörend: Während Frauen also in Gewaltbeziehungen verbleiben müssen, die Männer niemals erleben, und außer ein paar Frauenhäusern da und dort und außer dem nun endlich eröffneten zweiten Wiener Obdachlosenheim nur für Frauen keinerlei Anlaufstellen haben – währenddessen vergnügen sich die männlichen obdachlosen Luftikusse in aller Öffentlichkeit und streichen unbekümmert die patriarchale Dividende ein.
Warum aber ist das, was Kaufmann bemerkt, nicht vorher schon auch allen anderen aufgefallen? Es ist eben ihre Empörung, die ihr den scharfen Blick für diese Zusammenhänge ermöglicht und die sie davor bewahrt, sich von Scheinargumenten ablenken zu lassen. Ein großes Glück und eine sinnvolle Einrichtung der menschlichen Psyche ist es, dass wir alle an diesem scharfen Blick teilhaben können, dass man also Empörung lernen kann – und dass das sogar ganz einfach ist.

Montag, 23. September 2013

Stinkefinger und Schwarze Witwe: Die Bundestagswahl 2013

Natürlich wurde Angela Merkel in der Berliner Runde von ARD und ZDF gefragt, ob sie eigentlich alle ihre Koalitionspartner zu Grunde richte: Peer Steinbrück erinnerte daran, dass die Koalition mit Merkels CDU für die SPD zu deprimierenden Ergebnissen geführt hatte, und damit ging es ihm immer noch besser als Rainer Brüderle vom aktuellen Koalitionspartner FDP – der war nicht einmal mehr zur Elefantenrunde eingeladen worden, weil seine Partei an der Fünfprozenthürde gescheitert war.
Die ihr angetragene Rolle als Schwarze Witwe übernahm Merkel nicht und verwies mit durchaus gutem Grund darauf, dass das SPD-Ergebnis dieser Wahl nicht wesentlich besser sei als das letzte nach der großen Koalition. Die Frage hatte ein Motiv der Merkel-Kritik aufgegriffen, dass mir selbst schon vielfach im Bekannten- und Freundeskreis begegnet ist: Sie würde mit ihrer präsidialen, ungreifbaren, abwartenden Art jede Diskussion ersticken, die Gegensätze unterschiedlicher Positionen übertünchen und sich so unangreifbar machen. Eben deshalb hätten auch Koalitionspartner keine Chance, sich neben ihr zu profilieren.

Insgeheim akzeptiert auch dieser Vorwurf Merkels unangefochten starke Position in der deutschen Politik: Er erweckt den Eindruck, als ob es eigentlich Merkel Aufgabe wäre, die Opposition zu ihrer Politik gleich auch mit zu organisieren – und als ob es aus nicht ganz erklärlichen Gründen ihre Verantwortung wäre, wenn die reale Opposition keine vernünftige Alternative zu ihrer Politik entwickeln kann.

Eben das aber ist, neben dem sensationellen Ausscheiden der FDP aus dem Bundestag, das wesentliche Ergebnis des Wahlabends: Er hat die ungeheure Schwäche der Opposition deutlich gemacht, und er hat auch schon einige Hinweise auf deren Gründe geliefert.

Freitag, 20. September 2013

Was haben die Grünen eigentlich für ein Problem?

Eigentlich könnten die Grünen aus dem Alptraum aufwachen und feststellen, dass alles halb so schlimm war: Niemand, der in den politischen Debatten Deutschlands eine Rolle spielt, bezweifelt ernsthaft das Urteil der Wissenschaftler Franz Walter und Stefan Klecha, dass
„Bündnis 90/Die Grünen schließlich mit ihrer Vergangenheit unwiderruflich gebrochen"
und sich von den Forderungen nach einer Straffreiheit für Pädophilie klar distanziert hätten.
 
 
Im Spiegel verteidigt ausgerechnet Jan Fleischhauer in seinem „Schwarzen Kanal“ Daniel Cohn-Bendit angesichts von dessen Äußerungen zur enormen erotischen Wirkung fünfjähriger Mädchen und seinen angeblichen pädophilen Erfahrungen als Kindergärtner.
„Man muss (…) irgendwann zur Kenntnis nehmen, dass sich trotz intensiver medialer Nachforschung bislang nicht ein Opfer gemeldet hat, das angibt, von Cohn-Bendit als Kind belästigt worden zu sein. Wer den Unterschied zwischen losem Reden und wirklichem Übergriff nicht mehr gelten lässt, begibt sich auf den Weg ins Totalitäre.“
Bei Anne Will verhalten sich auch politische Gegner der Grünen spürbar zurückhaltend angesichts der Diskussionen um die frühere grüne Unterstützung pädophiler Forderungen nach Straffreiheit:
„Kubicki gestand, er tue sich schwer damit, den hart in die Kritik geratenen Jürgen Trittin in dieser Sache anzugreifen. Und Bosbach erklärte unumwunden und glaubhaft, dass er nicht daran denke, nun den Rücktritt des Grünen-Spitzenmanns zu fordern.“ 
Dafür, dass Trittin presserechtlich verantwortlich war für die Aufnahme solcher Forderungen in das Kommunalwahlprogramm der Göttinger Grünen Liste im Jahr 1981, erhält er Unterstützung vom Beauftragten der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, der fordert, es müsse
„in Ruhe und losgelöst vom Wahlkampf und von populistischen Forderungen entschieden werden, wie man auf die Opfer angemessen und sensibel zugeht.“ 
Warum also haben die Grünen noch immer ein Problem mit der Affäre?

Mittwoch, 18. September 2013

Wo Schläge der Mutter dem Kindeswohl dienen - Eine Geschichte aus Deutschland

In dem Text „Milgram, Domino und die seltsame Sehnsucht nach Stalingrad“ hatte ich Väter erwähnt, die in sehr bedrückten Situationen – etwa angesichts von Gewaltakten der Mütter gegen die Kinder, oder aufgrund von willkürlicher Verhinderung allen Umgangs – von ihren Kindern getrennt leben und geschrieben:
„Es sind eben auch solche Väter, oder Männer in anderen bedrückenden Situationen, die – sobald sie es wagen, den Mund aufzumachen – von institutionengeschützen Betonfeministen als 'Maskutrolle' beschimpft und verhöhnt werden, auch als 'Hater', als Nazis, als 'Dummbratzen' und Idioten.“
„Maskutroll“ – wenn Frauen öffentlich über Geschlechterthemen sprechen und Männer aus ihrer Perspektive etwas dazu äußern, eigene Erfahrungen beisteuern, Positionen von Frauen möglicherweise kritisieren oder relativieren, dass begegnet Männern dieser Begriff regelmäßig. Die ursprüngliche Bedeutung des Netz-Terminus „Troll“ wird dabei oft in ihr Gegenteil verkehrt.
 
Schließlich bezeichnet er ja eigentlich eine Person, die sich an einer Diskussion überhaupt nicht beteiligen will, sondern lediglich provoziert und eine bestehende Diskussion zu verhindern versucht. Wenn nun aber Menschen als „Trolle“ bezeichnet werden, die sich schlicht mit ihren Erfahrungen an der Diskussion zu beteiligen versuchen, dann sagt das mehr über die Art der Diskussion aus als über sie selbst.

Der Begriff „Maskutroll“ ist also – vergleichbar dem Begriff „Derailing“, der den Vorwurf formuliert ist, eine Diskussion zum Entgleisen zu bringen – ein Begriff, der in vielen seiner Verwendungen lediglich die Funktion hat, eine Diskussion abzudichten und gegen den freien Austausch von Meinungen und Erfahrungen zu schützen. Er ist in diesem Sinne selbst ein Troll-Begriff. Typisch für solche Abdichtungen war die Aufschrei-Kampagne, die ohnehin ein Medienhype und nicht die Graswurzelbewegung war, als die ihre Protagonistinnen sie gern präsentierten. Eine von ihnen, Anne Wizorek, erhob im Spiegel-Interview den Anspruch, ausgerechnet „das ganze Bild“ des Sexismus in Deutschland zu zeigen.
„Männer gehen sonst durch ihre eigene Welt und nehmen den alltäglichen Sexismus gar nicht wahr.“ 

Dass vor allem anderen Wizorek selbst ist, die Sexismus nicht wahrnimmt und nicht wahrnehmen will, könnte sie beispielsweise merken, wenn sie sich einmal Sendungen des „Väterradio“  aus Halle anhören würde.

Samstag, 14. September 2013

Rechte Kerle: Rosenbrock, Gesterkamp, Kemper

„Sollte man mit den Männerrechtlern oder nur über sie reden? Die Debatte darüber hat gerade erst begonnen.“
Eine seltsame Debatte: als ob es in einer Demokratie normal wäre, zunächst einmal langwierig zu diskutieren, ob bestimmte Gruppen überhaupt zur Diskussion zugelassen werden dürften. Der Autor, der hier über „Männerrechtler“ so schreibt, wie sonst ein wohlmeinender Rassist auch über Schwarze schreiben könnte, ist Thomas Gesterkamp in seinem berüchtigten Text „Geschlechterkampf von rechts“, den er für die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung verfasst hat. An anderer Stelle verlangt er explizit einen „cordon sanitaire“ in der Geschlechterpolitik  – eine boshafte Metapher, die aus der Seuchenbekämpfung stammt und die daher implizit den Einsatz für Männer- und Jungenrechte mit einer schwerwiegenden und gefährlichen Krankheit vergleicht.


Gesterkamps Einseitigkeit, mit der er die Männerrechtsbewegung manipulativ als rechts oder rechtsradikal denunziert, und die gleiche Einseitigkeit seines grünen Pendants Hinrich Rosenbrock in dessen Schrift über die „Antifeministische Männerrechtsbewegung“ sind schon häufig zitiert, die Unseriosität dieser Darstellung von Männerrechtlern ist schon gründlich klargestellt worden. Ein ebenso wichtiger Aspekt lässt sich dabei allerdings leicht übersehen: Gesterkamp, Rosenbrock und in ganz ähnlicher Weise auch Andreas Kemper hantieren nicht nur mit bestimmten Konstruktionen von (männerrechtlichen) Männern, sondern als Pendant dazu auch mit denen von (feministischen) Frauen.

Ich habe mir also einmal angeschaut, mit welchen Vorstellungen von Frauen Rosenbrock, Kemper und Gesterkamp hantieren, und finde das Ergebnis sehr interessant: Die Frauen-Phantasien von Rosenbrock und co sind so verhärtet, erstarrt und reaktionär, dass das gern verbreitete Bild der „rechten Kerle“ auf der Seite der Männerrechtsbewegung und das Selbstbild als moderne, emanzipatorisch orientierte Männer sich nicht ansatzweise halten lässt. Wesentlich angemessener wäre die Situation eben umgekehrt beschrieben.

Dienstag, 10. September 2013

Milgram, Domino und die seltsame Sehnsucht nach Stalingrad

Ich war in der vergangenen Woche auf Klassenfahrt und habe die Aufregung um das Domino-Fake (oder auch die Überlegungen um ein Domino-Fake-Fake) nur am Rande erlebt. Nicht nur deshalb hatte sie etwas ausgesprochen Unwirkliches. Es mag ja unplausibel sein, dass eine Werbeagentur in einen Blog und Twitter-Account investiert, um ein feminismuskritisches Model vorzutäuschen, das gar nicht existiert, bzw. das durchaus existiert, aber eben nicht feminismuskritisch ist – wofür? Als ich zum ersten Mal eine Nachricht davon las, dass „ochdomino“ ein Fake sei, hielt ich diese Idee regelrecht für krank – als ob es eine Frau, die durch Feministinnen bedroht wird, ganz einfach nicht geben dürfe.
Es ist allerdings müßig, darüber zu diskutieren – der Hauptverantwortliche, Michael Schwarz, der sich als Dominos Vater ausgegeben hatte, hat diese Version bestätigt. Die vielen, die sich nach den tatsächlichen oder vermeintlichen Drohungen gegen seine tatsächliche oder vermeintliche Tochter solidarisch erklärt hatten und die er getäuscht hat, hätten zwar eine etwas plausible Erklärung verdient – aber die wird es möglicherweise nie geben und ist sicherlich für Einzelne von Interesse, aber ansonsten verzichtbar.

Da es Domino nach Schwarz‘ eigener Darstellung gar nicht gegeben hat, kann ihre Geschichte – abgesehen von dem Schaden, der durch die Vortäuschung einer Bedrohungs-Situation natürlich entstanden ist – nun immerhin ganz ähnlich wie das Milgram-Experiment interpretiert werden. Dessen Ergebnisse sind schließlich aussagekräftig, auch wenn dort keine echten Stromstöße verteilt wurden. So ist denn auch die Domino-Geschichte auslegbar wie ein Experiment: Wie reagieren die verschiedenen Akteure geschlechterpolitischer Auseinandersetzungen auf die Information, dass eine junge feminismuskritische Frau nach der Anprangerung durch eine der Aufschrei-Protagonistinnen erhebliche Drohungen erhalten und daraufhin (panisch? eingeschüchtert?) sogar ihr Blog geschlossen hat?

Montag, 2. September 2013

Wo Kritik ein Zeichen von Hass ist (und Menschenhatz dem Frieden dient)

Das war ein Kommentar auf meinem Blog vor wenigen Tagen. Ich schaute auf dem verlinkten Blog nach, auf dem ich auch vorher schon ein paar Mal gelesen hatte, und sah dort nur die Nachricht „Kleines Scheusal ist offline“. Dann begann ich im Internet darüber zu lesen, was passiert war, fand viel, kopierte mir Texte in einer Datei zusammen, weil ich dachte, ich könnte vielleicht einen Kommentar dazu schreiben – und bin mittlerweile, innerhalb von zwei Tagen, bei 185 DIN-A-4-Seiten gelandet (das ist mir so noch nie passiert). 

Das enorme Interesse lässt sich leicht erklären: Eine Preisträgerin des Grimme Online Awards und Mit-Initiatorin der Aufschrei-Kampagne, Jasna Strick, versucht in einem Vortrag bei der von der Piratenpartei veranstalteten „Open Mind 13“ in Kassel zu zeigen, wie Netzfeministinnen tagtäglich im Internet Belästigungen, Hassbotschaften und Drohungen ausgesetzt seien – tatsächlich aber werden von ihr dabei aber, wie eine Blogbeitrag bei der „Blogblume" bemerkt,
„Fragen wie ‚Welche persönlichen Vorteile habt ihr durch eure Aktionen‘ mit ‚Ihr gehört mal alle durchgevögelt‘ gleichgestellt.“
Die Blooggerin von erzählmirnix schreibt:
„Und ich versuche, ja wirklich, ich versuche zu verstehen warum man an diesem öffentlichen Vortrag die nicht anonymisierten Tweets präsentieren muss, die gegen Feminismus gerichtet sind. Aber da hört es leider schon auf mit dem verstehen-können."
Im Anschluss erhält dann mindestens eine der von Strick als „Hater“ vorgeführten Frauen, eben die gerade zwanzig Jahre alte „Domino“ (@ochdomino) vom Blog „Kleines Scheusal“, nach eigenen Angaben massive Drohungen, die sie dazu bewegen, sich weitgehend zurückzuziehen und ihren Blog zu schließen.
Interessant ist auch, wie sich in dieser Konstellation die Ausgangsposition für Reaktionen verändert: Während viele Männer und Frauen, die der Männerbewegung nahe oder zumindest nicht ablehnend gegenüber stehen, Domino unterstützen, bestehen ausgerechnet Feministinnen und Feministen darauf, dass die junge Frau sich die Drohungen gegen sie womöglich nur ausgedacht habe. Gerade für Männer eine seltsame Situation: Während sich ausgerechnet Männerbewegte in der Situation wiederfinden, einer „Damsel in Distress“ beizustehen, erfreuen und beteiligen sich auf der anderen Seite recht viele (verhältnismäßig) ältere Männer gern an der Internet-Hatz auf die junge Frau, zumindest solange sie dieses Verhalten feministisch korrekt verbrämen können.

Freitag, 30. August 2013

Die SPD als Gender-Streber und Fettnapftreter

„Die antifeministische Männerrechtsbewegung wird, wenn wir in Regierungsverantwortung sein sollten, keinerlei Zugang bekommen. Wir werden dafür sorgen, dass progressive und profeministische Kräfte in der Männerpolitik gestärkt werden.“
Besten Dank, Thorben Albrecht, Abteilungsleiter Politik im SPD-Parteivorstand, für diese klaren Worte. Ein Leser, „Bombe 20“, hatte sie als Antwort auf Wahlprüfsteine der Lobbyistinnengruppe „Gender Mainstreaming Experts International“ entdeckt und hier in den Kommentaren gepostet. Übrigens hat Herr Albrecht dann keine Antworten mehr auf den Zweifel Arne Hoffmanns, dass die SPD den wilden Spagat schaffen könne, gleichzeitig progressive UND profeministische Kräfte zu stärken. (Mehr dazu auch auf Kritische Wissenschaft.) 
„‘Wer die menschliche Gesellschaft will, muss die männliche überwinden‘, so steht es im Grundsatzprogramm der SPD seit 1989. Gleichstellung von Frauen und Männern hat für die SPD einen hohen Stellenwert. Nur eine gleichgestellte Gesellschaft ist eine moderne Gesellschaft.“
So beginnt Albrecht für die SPD seine Antworten auf den Fragekatalog – und beim Lesen hatte ich den seltsamen Eindruck, er sei stolz wie Bolle darauf, dass seine Partei schon seit 1989 einen Satz in ihrem Parteiprogramm stehen hat, den in dieser Krassheit nicht einmal die Grünen und die Linken zu bieten haben. Übrigens ist er eine Reminiszenz an den alten selbstgerechten feministischen Spruch „Weniger Mann ist mehr Mensch“ aus den siebziger Jahren, der also nur ca. 15 Jahre gebraucht hat, um progressiv und der Zukunft zugewandt im Grundsatzprogramm der Sozialdemokraten zu landen.

Dienstag, 27. August 2013

"Verhetzung, Lüge, Dreck" - Wie die Böll-Stiftung Böll verwurstet

„Der Schriftsteller Eckhard Henscheid hat den bekannten Schulbuchautor Heinrich Böll in einer Rezension einmal als 'steindumm', 'kenntnislos' und 'talentfrei', kurz: als 'Knallkopf' bezeichnet. Obwohl nicht wenige diese Einschätzung als zutreffend und in jeder Hinsicht überfällig empfanden, musste sich Henscheid auf Betreiben eines Böll-Sohns vor Gericht verantworten."
Jan Fleischhauer ist als Spiegel-Kolumnist offenkundig auch 28 Jahre nach dessen Tod nicht sonderlich gut auf Böll zu sprechen (zum Urteil, auf das er sich bezieht, mehr hier). Ganz ähnlich wie Fleischhauer sieht Michael Klein Böll:

„Kennen Sie auch die Ansichten eines Clowns? Diesen unsäglichen Roman über einen suizidalen Clown, dessen trübe Stimmung dem regnerischen Wetter in nichts nachsteht? Überhaupt regnet es bei Böll immer, wenn die Helden seiner Romane gerade einmal Trübsal blasen. Öde Langeweile in fahle Bilder gegossen."
Die gehässige Rede vom „Schulbuchautor“ trifft: Als Schriftsteller ist Böll, wenn nicht gerade eine seiner Kurzgeschichten (gern: „Wanderer, kommst du nach Spa…“ ) oder „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ in der Schule gelesen wird, weitgehend vergessen. Ein wenig ist er vielleicht noch als „Gewissen der Nation“ in Erinnerung, und über diesen Umweg wird er dann auch auf ganz unvermutete Weise wieder aktuell: Die Grünen haben Bölls Image als moralisch integrer, widerständiger Mahner genutzt und ihre millionenschwere parteinahe Stiftung nach ihm benannt.
Auf eine Schrift eben dieser Stiftung bezieht sich auch Klein in seinem Böll-Verriss. Wenn im Zusammenhang mit geschlechterpolitischen Debatten der Name „Böll" verwendet wird, dann meist im Gespräch über eine als „Expertise“ bezeichnete Schrift der Heinrich-Böll-Stiftung, die bekanntlich den Einsatz für Männerrechte willkürlich mit den Massenmorden Anders Breiviks und mit rechtsradikaler Politik in Verbindung bringt  – oder über eine Schrift zur Verteidigung der Gender Studies, die seltsamerweise nicht etwa deren wissenschaftliche Grundlage erläutert, sondern die sich auf Kritik an ihren Gegnern beschränkt und deren Gegnerschaft ebenfalls in einen rechtsradikalen Zusammenhang stellt.

Da ich Böll schon sehr lange nicht mehr gelesen habe, da ich aber in meiner Jugendzeit ein viel positiveres Bild von den „Ansichten eines Clowns“ – als junger pubertierender Katholik war ich begeistert von der Geschichte einer tragischen Liebe, die an der hartherzigen Moralität der katholischen Kirche scheitert – und auch einiger seiner Essays hatte, habe ich mir einige von ihnen noch einmal angeschaut. Das Ergebnis kann der Böll-Stiftung nicht gefallen….

Freitag, 23. August 2013

Die Mütze

Eigentlich wollte ich in diesem Blog ja ganz verschiedene Sorten von Texten schreiben, nicht nur Essays, auch ab und zu kleine Geschichten oder Gedichte. Aber ich habe mich von Gender Studies, SPD und Grünen ein wenig mitreißen lassen und dieses wohlmeinende Vorhaben ein wenig aus den Augen verloren… Nun aber wird es Zeit, mal wieder etwas daran zu ändern.

Bei Vandenhoeck & Ruprecht ist gerade der Band „Scheiden tut weh. Elterliche Trennung aus der Sicht von Vätern und Jungen“ erschienen. Seltsamerweise besetzt keiner der Beiträger einen Gender-Lehrstuhl, obwohl das Thema doch eigentlich zentral für die Geschlechterforschung sein müsste…aber ich will natürlich nicht schon wieder damit anfangen.
 
Zur Gesundheit von Jungen in „Einelternfamilien“ – selbst grammatikalisch ist das Wort ja schon krumm – trägt in dem Band beispielweise Robert Schlack vom Robert-Koch-Institut eine Menge zusammen.

Montag, 19. August 2013

Die grüne Unfähigkeit, sich zu schämen

Wenn ich mich richtig erinnere, war es Václav Havel, der einmal gefordert hat, Politikern zu verbieten, Kinder auf den Arm zu nehmen, sich mit ihnen ablichten zu lassen und sie so für die eigene Präsentation zu benutzen. Ich mache mir diese Forderung jedenfalls gern zu eigen und möchte sie auf Wahlkampfplakate ausweiten – Kinder sind für die beauftragten Werbeagenturen offenbar Mittel der Wahl, wenn es darum geht, der Inhaltsleere in den Positionen Erwachsener den Anschein der Lebensfreude und Vitalität zu geben.

Dabei sind beispielsweise Kinder auf den CDU-Wahlkampfplakaten zumindest noch inhaltlich motiviert – wenn eine Parte Politik für Familien zu machen verspricht, dann ist es zumindest nicht absurd, dies mit Bildern von Eltern und Kindern zu illustrieren. Wesentlich schamloser sind in dieser Hinsicht Plakate der Grünen – und deren Zusammenhang mit der Pädophilie-Debatte, mit der die grüne Partei seit Monaten konfrontiert ist.

Samstag, 17. August 2013

Antifeminismus zwischen Demagogie und Flirthilfe

Da lese ich, im Zug sitzend, unschuldig auf meinem Laptop ein paar Texte zum Thema „Antifeminismus“, kämpfe mich zum Beispiel ohne Rücksicht auf mich selbst durch Rolf Pohls „Männer – das benachteiligte Geschlecht? Weiblichkeitsabwehr und Antifeminismus im Diskurs über die Krise der Männlichkeit“ und bleibe trotz des wikipedia-Artikels mit der großen Überschrift „Antifeminismus“ wach – und in der ganzen Zeit blickt mir zuerst die junge Frau rechts von mir, und auch die links über den Gang hinter mir beständig über die Schulter und zeigt sich hochinteressiert an dem, was ich da tu.
 
Das erzählt mir jedenfalls die Dame, die mir gegenübersitzt – sie hätte bei den Blicken gedacht, ich würde einen Porno schauen (obgleich der Vergleich Pohls und der wikipedia mit Pornographie natürlich ein wenig ehrabschneidend ist, auch wenn ich im Moment nicht genau weiß, für welche von beiden Seiten). Das nur mal als Tipp nebenbei – interessierte Lektüre von Antifeminismus-Texten könnte gegebenenfalls einen guten Gesprächsanlass bieten…ich weiß allerdings nicht recht, wohin das führt, ich habe es nicht ausprobiert.

Immerhin wird dadurch deutlich, dass der Begriff „Antifeminismus“ ausgesprochen attraktiv ist, wenn auch nicht ganz so deutlich ist, ob er dabei eher positive oder negative Emotionen auslöst. Der wikipedia-Artikel jedenfalls bastelt eher unschöne Parallelen, verknüpft den Antifeminismus und den Antisemitismus der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts und zieht eine gerade Linie vom Widerstand gegen das Frauenwahlrecht zu Katharina Rutschky, die doch glatt Alice Schwarzers „Emma“ kritisiert habe.

Montag, 12. August 2013

Sind Männer Menschen? Fragen Sie Ihren SPD-Kandidaten!

"Vielen Dank für Ihre Nachricht und dafür, dass Sie sich offensichtlich intensiv mit dem Grundsatzprogramm der SPD auseinander setzen - und das in der Woche, in der meine Partei den 150. Geburtstag feiern konnte.“
So beginnt die Nachricht eines SPD-Bundestagskandidaten, der auf die Frage antwortet, wie denn eigentlich der berüchtigte Satz aus dem SPD-Grundsatzprogramm zu verstehen sei, dass die männliche Gesellschaft überwinden müsse, wer die menschliche Gesellschaft wolle. Der Fragesteller „Horsti“, hat sie in einem Kommentar zu dem Artikel „Wie die SPD unwählbar wurde“ dokumentiert.

Interessant ist die ganze Antwort: Der Kandidat beruft sich auf die Gleichberechtigung der Geschlechter, die doch von der SPD angestrebt werde, erläutert aber nicht, was das denn eigentlich mit dem umstrittenen Satz zu tun habe. Vor allem aber nimmt er das Problem nicht wahr, das der Frage offenkundig zu Grunde liegt – dass sie sich nämlich auf die Gegenüberstellung von Menschlichkeit und Männlichkeit bezieht, mit der die Formulierung der menschlichen männlichkeitsüberwindenden Gesellschaft arbeitet. Da er also die Frage nicht akzeptiert, kann er sie auch gar nicht beantworten.

Obwohl diese wortreich ausweichende Antwortsimulation ja erwartbar war, schreiben noch einige weitere Kommentatoren zu dem Artikel darüber, wie sie selbst an Kandidaten der SPD geschrieben haben. Ich greife die Kommentare hier noch einmal im Zusammenhang auf. Oliver K. schließlich schlägt vor, eine gemeinsame Aktion zu starten und Briefe an SPD-Abgeordnete zu schicken. Das will ich hier unterstützen. Es ist zwar unwahrscheinlich, dass wir damit ergiebigere oder ehrlichere Antworten bekämen als „Horsti“, aber verglichen mit der schweigenden Akzeptanz der SPD-Position sind solche Nachfragen in meinen Augen die deutlich bessere Alternative.  Antworten können dann hier im Kommentarstrang dokumentiert werden – so bekommen wir einen guten Überblick, zumindest einen Einblick.

Freitag, 9. August 2013

Wie die SPD unwählbar wurde

Es gibt wohl kaum einen Satz in der gegenwärtigen deutschen Politik, der in der Männerbewegung ähnlich oft zitiert wird. In der „Champions League des Sexismus“, die gerade von MANNdat veranstaltet wird, ist er natürlich mit dabei, und der Bremer Professor Gerhard Amendt bezeichnet ihn in der „Welt" als einen „Aufruf zum Kampf gegen die Männer“, der sie in den „Status der Unmenschlichkeit“ rücke.
Wer die menschliche Gesellschaft will, muss die männliche überwinden."
Ein Satz, der zum ersten Mal im Berliner Programm der SPD von 1989 auftauchte (S. 22) und der dann 2007 auch in das Hamburger Programm übernommen wurde (S. 41). Diese Übernahme war nicht selbstverständlich – prominente SPD-Frauen wie Hannelore Kraft, Gesine Schwan und Kerstin Griese hatten gefordert den Satz zu streichen, da er „rhetorisch verstaubt“ und „nicht mehr angemessen“ sei.  Auf Druck der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen (ASF) und der Jusos war er auch jedoch auch in die Neufassung des Grundsatzprogramms aufgenommen worden  – und nach dringlicher Fürsprache Erhard Epplers:
„Dieser Satz stammt nicht von einer radikalen Feministin, sondern von mir. Und ihr dürft ihn getrost ins Hamburger Programm übernehmen."
Der Gedanke verharmlost den Satz, dass er nur deshalb problematisch sei, weil er rhetorisch nicht mehr auf der Höhe der Zeit wäre. In einem Kommentar hier bezieht sich Crumar beispielsweise auf
„den legendären Satz, der nicht nur ahistorisch und asozial ist, sondern radikal zu Ende gedacht Männer nicht als Bestandteil einer menschlichen Gesellschaft sieht. Zerlegt man den Satz in Gegensatz Paare, wird deutlich, dass Frauen das Menschsein verkörpern, womit Männern nur noch die Position des zu überwindenden Unmenschen bleibt.“ 
Ganz gleich, wie immer der ja tatsächlich ausgesprochen wolkige Satz interpretiert wird, er arbeitet mit einem Gegensatz von Männlichkeit und Menschlichkeit. Demokraten würden selbst Nazis zwar als politische Gegner bekämpfen, ihnen aber nicht die Zugehörigkeit zum Menschsein abstreiten.

Warum aber sollten aus Sicht der SPD Männer insgesamt noch schlimmer sein als Nazis? Und wie gerät ein solcher Satz in das Grundsatzprogramm eine Partei, die sich als demokratisch versteht, und wie kann er sich dort über Jahrzehnte behaupten? Um auf die Fragen eine Antwort zu finden, lohnt sich ein Blick auf die Zusammenhänge, in denen dieser Satz steht.

Sonntag, 4. August 2013

Survival Kit für Gender-Studies-Zwangs-Studis

Der Blog „Alles Evolution“ hat vor einigen Wochen einen Test dokumentiert, der grundsätzliche Überzeugungen der Gender Studies abfragt. Er stammt nicht etwa aus einem originären Gender Studies-Studiengang, sondern aus einem ingenieurswissenschaftlichen Studium der Universität Linz – dort ist nämlich, in einer witzig-originellen Volte der Studienplanung, die Teilnahme an einer Gender Studies-Veranstaltung für alle verbindlich, und wer Ingenieur werden will, muss den Test bestehen.
 
Warum nicht auch umgekehrt für alle Gender-Studenten eine erfolgreich bestandene Prüfung in Ingenieurswissenschaften obligatorisch ist, weiß ich übrigens nicht genau – möglicherweise lässt sich eben, anders als umgekehrt, Gender-Kompetenz einfach nicht durch Kompetenz in den Ingenieurswissenschaften ersetzen.

Als Service für alle Gender-Studies-Zwangs-Studis habe ich jedenfalls eine Musterlösung für einige der zentralen Fragen des Tests erstellt – und habe dabei auf die Hilfe von einer der bundesweit anerkanntesten Expertinnen auf dem Gebiet, Frau Professorin Paula-Irene Villa, bauen können. Die Zusammenarbeit – die in dieser Form, wie ich betonen darf, angenehm spannungsfrei war – gestaltete sich so, dass ich Zitate aus einem längeren zweiteiligen Interview mit Frau Professorin Villa mit meinen eigenen Antworten kombinierte (so dass Frau Professorin Villa übrigens bis heute nichts von der Kooperation weiß, was ihren Beitrag umso bemerkenswerter macht).
 
Die Passagen aus dem Interview mit Frau Professorin Villa sind im Folgenden kursiv markiert – und einige ihrer Zitate sind aus verschiedenen Passagen zusammengestellt, ohne allerdings den Sinn zu verändern, zumindest nicht allzusehr.

Nicht nur Anna-Katharina Meßmer, ganz gewiss bald führend in der kritischen Schamlippenschönheitschirurgieforschung, sondern auch andere haben ihrer Doktormutter Frau Professorin Villa vieles zu verdanken. Zum Beispiel Mona Motakef, die über ihre Dissertation „Körper Gaben“ zum Thema Organspende sagt:
„Mein Buch räumt mit der Gewissheit auf, dass es über Organspende nichts mehr zu verhandeln gibt, außer der Frage, wie sie effizienter gestaltet werden kann. Dagegen eröffnet es eine Perspektivenvielfalt und richtet den Blick auf die Ambivalenzen und Widersprüche des Feldes."
Oder eine Doktorandin zur Frage „des Zusammenhang von Komplexität und Glück anhand des Lebens und Arbeitens auf einer Alm“, die die
„in modernen, westlichen Gesellschaften vorherrschenden Annahme, daß Glück durch Komplexitätssteigerung wächst“,
kritisch beleuchtet und zu dem bahnbrechenden Schluss kommt, „daß steigende Komplexität nicht gleichgesetzt werden kann mit mehr Glück“ .
 
Wie eine Dissertation in der Gender Studies konzipiert werden muss, ist damit klar: Erwartet wird von den Dokorand_innen, eine Position zu formulieren, die so albern, engstirnig und tiefenbescheuert ist, dass kein halbwegs vernünftiger Mensch sie jemals einnehmen würde – sodann zu behaupten, dass diese Position weit und breit und unreflektiert als Gewissheit" vertreten werde, gerade auch von Wissenschaftlern – und dann in der Dissertation nachzuweisen, dass ja in Wirklichkeit alles ganz anders, ambivalenter, vieldeutiger, spannungsreicher, komplexer (oder wahlweise eben nicht komplexer) etc. sei, als die Leute so glauben.

Wie man eine Gender Studies-Dissertation verfasst, wissen wir also nun. Jetzt müssen wir nur noch durch den Eingangstest kommen.