Dienstag, 30. Dezember 2014

Was ist denn nun eigentlich ein „Masku“?

Zugegeben – ich weiß nicht so recht, was „Männerrechte“ eigentlich sind. Der Begriff ist in meinen Augen ebenso fragwürdig wie der Begriff „Frauenrechte“.

Rechte gelten schließlich allgemein, nicht nur für bestimmte Gruppen – sonst sind es keine Rechte, sondern Vorrechte. Als beispielweise Christian Schmidt vor einigen Wochen über „Einschränkungen von Männerrechten“ schrieb, ging es eigentlich nicht um solche Sonderrechte – sondern darum, dass die allgemeinen Rechte bestimmter Menschen eingeschränkt werden, bloß weil diese Menschen biologisch männlich sind.

Den Begriff Maskulist finde ich noch unglücklicher als den des „Männerrechtlers“ – weil auch er allzu deutlich bloß Nachbildung eines weiblichen Vorbilds ist, und weil der Begriff Maskulismus bei Licht betrachtet ebenso unsinnig ist wie der Begriff Feminismus. Wie sollte denn eine Theorie, ein politisches Programm oder eine Weltanschauung einfach auf „Männlichkeit“ bzw. „Weiblichkeit“ aufgebaut werden?

Würde beispielweise ein sorgeberechtigter Vater die Kinder der Mutter entfremden und die Mutter schikanieren – dann wäre das in meinen Augen ebenso verwerflich, wie es umgekehrt ein solches Agieren einer Mutter ist. Sicher, unter den gegebenen Bedingungen haben Mütter wesentlich häufiger die Möglichkeit, so zu handeln – aber trotzdem liegt der Fokus auf allgemeinen Rechten, nicht allein auf Rechten von Vätern. Allein die Rechte der Kinder können hier sinnvoll hervorgehoben werden.

Die Schwierigkeit, eine vernünftige Bezeichnung für das zu finden, was auch ich in diesem Blog seit nun fast zwei Jahren betreibe, hat daher wohl einen ganz einfachen Grund. Ich hatte eigentlich niemals das Gefühl oder das Bestreben, spezifisch für Männerrechte einzutreten – sondern war mir bis vor wenigen Jahren sicher, dass das, wofür ich da eintrete, ein allgemein geteilter Konsens ist, ganz unabhängig von der Geschlechtszugehörigkeit.
 
Mir war lange Zeit nicht einmal klar, dass es besonders nötig wäre, dafür einzutreten.
 
Maskus kommen nicht mit dem Verlust ihrer Privilegien klar - wissen einfach nicht, wohin mit ihrer Wut - gehen dann ausgerechnet auf die fortschrittlichen Kräfte der Gesellschaft los - agieren irrational und haben wichtige Entwicklungsschritte einfach verpasst - und wünschen sich daher in frühere Stadien der gesellschaftlichen Evolution zurück. Ich kenn die Jungs, ich weiß, wovon ich rede. (Jörg Rupp, B90/Grüne)
Mit Klischees arbeiten schließlich immer nur die anderen.
Rechtliche Gleichheit – allgemeine Menschenrechte – ein Anspruch auf eine basale Fairness im Umgang – ein allgemeiner Anspruch auf Schutz vor Gewalt – ein Staat, der allen Staatsbürgern prinzipiell gleichermaßen verpflichtet ist, unabhängig von ethnischer Zugehörigkeit, sozialer Schicht oder Geschlecht: Wer bemerkt, dass diese Selbstverständlichkeiten keineswegs selbstverständlich sind, und wer sich dagegen wehrt, dass sie durchaus systematisch attackiert werden – der kann sich damit plötzlich als „Männerechtler“ oder „Maskulist“ wiederfinden.

Dienstag, 16. Dezember 2014

Die Herrschaft der Unschuld (Monatsrückblick November 2014)

Sigmar Gabriel war sauer. Richtig sauer.
„'Wenn Männer das als nervig empfinden, zeigt das eher, dass Männer ein Problem haben', sagte Gabriel. Es sei auch Schwesigs Aufgabe 'zu nerven, wenn die Dinge so im Argen liegen'."
Da hatte doch CDU-Fraktionschef Kauder Gabriels Familien- und Frauenministerin Manuela Schwesig glatt als „weinerlich“ bezeichnet, weil sie sich über Widerstände gegen die Frauenquote in Aufsichtsräten beschwert hatte.
 
Nicht jedem wird die feine Ironie aufgefallen sein, mit der ausgerechnet Gabriel so entschlossen als ihr  Befürworter in den Ring stieg. Schließlich taugt der SPD-Chef tatsächlich als fleischgewordenes Argument für die Quote:
 
ein Mann massiver Misserfolge, der seinen Posten als niedersächsischer Ministerpräsident von Gerhard Glogowski übernommen hatte und mit der SPD bei seiner ersten Landtagswahl eben diesen Posten und dazu fast 15 % der Stimmen seiner Partie krachend verlor, der es aber seinen guten Vernetzungen und seinem aggressiven, dominanten Territorialverhalten verdankt, dass er von dort aus schnell an die Spitze seiner Partie unterkommen konnte.

Einen ganz anderen Habitus, aber eine ähnliche Geschichte hat der für die Quote wesentlich mitverantwortliche Justizminister Heiko Maas, der ebenfalls als Spitzenkandidat mit einem Minus von 14 % und danach sogar mit dem schlechtesten Ergebnis der Parteigeschichte gleich drei Landtagswahlen so beeindruckend verloren hatte, dass ihn das kurze Zeit später irgendwie an die Spitze eines Ministeriums katapultierte. Was wir können, könnt ihr schon lange – wenn Gabriel und Maas das den Frauen Deutschlands zurufen, wird es vermutlich kaum eine bezweifeln.

Nur dass es bei der Quote tatsächlich um „die Frauen Deutschlands“ geht, ist eher zweifelhaft – es geht, natürlich, um eine extrem kleine, ohnehin schon privilegierte Schicht. Zu diesem Punkt wäre vielleicht ein Wort der Erklärungen von Sozialdemokraten nett gewesen.
Demonstranten an der University of Virginia nach den Vorwürfen gegen Mitglieder der Studentenverbindung Phi Kappa Psi, sie hätten auf extrem brutale Weise eine junge Studentin vergewaltigt. Let's Smash Patriarchy and the rest of Phi Kappa Psi's wankers (Lasst uns das Patriarchat zerschlagen und den Rest der Phi Kappa Psi-Wichser), steht auf dem Plakat links oben, Burn the frat houses down (Brennt die Verbindungshäuser ab) auf dem Plakat rechts oben.
Die Vergewaltigungsvorwürfe erwiesen sich als falsch.
Es gibt schließlich viele Familien mit erheblichen Problemen – sei es, dass sie Kosten für Wohnraum, Lebenshaltung, Kindergarten, Kinderbetreuung nur noch schwer durch die eigene Erwerbsarbeit begleichen können; sei es, dass Kinder in Familien aufwachsen, die sich auf den Bezug von Sozialleistungen eingestellt haben und den Kindern kaum einen strukturierten Tagesablauf bieten; seien es Migrantenfamilien, die sich in Parallelgesellschaften einrichten und damit ihren Kindern das Leben in Deutschland erheblich erschweren; seien es Hunderttausende von Kindern, die ohne ein Elternteil – in der Regel ohne Vater – aufwachsen und die damit nicht nur beträchtliche erntwicklungspsychologische Risiken tragen, sondern auch von Kinderarmut bedroht sind.
 
Was aber ist das wesentliche Problem der Familienministerin, ihr Leib- und Magenthema, ihr politisches Ausstellungsstück und Prestigeprojekt, mit dem sie sich profilieren möchte? Eine Frauenquote, von der deutschlandweit bestenfalls wenige hundert sehr privilegierter Frauen profitieren können.

Mit kommt es so vor, als seien Sozialdemokraten früher irgendwann einmal anders gewesen, aber es kann natürlich auch sein, dass ich das geträumt habe.

Freitag, 12. Dezember 2014

„Nicht mehr mundtot“ – Ein Interview mit dem Autor Gunnar Kunz

Vor wenigen Tagen hat Gunnar Kunz das Buch „Verwundbar sind wir und ungestüm. Erzählungen aus der unsichtbaren Welt der Männer“ veröffentlicht. Eine der Erzählungen darin, Unberührbar, oder: Nur ein kleiner Schnitt, war hier auch schon einmal  Thema – eine Erzählung über die Beschneidung eines Jungen.

Arne Hoffmann schrieb zu dem nun erschienenen Band:
„Einer der Gründe, warum einen die von Kunz erzählten Geschichten beim Lesen so stark bewegen, ist das Wissen darum, dass das darin berichtete Leiden, weil es Männer trifft, in unserer Gesellschaft kaum gesehen wird und kaum etwas gilt.”
Daher also eine „unsichtbare Welt“. Ich hatte die Gelegenheit, mich mit Gunnar Kunz über sein Buch zu unterhalten.
 
Schoppe: „Dieses Werk reiht sich ein unter den Klassikern der Männerbewegung wie Mythos Männermacht oder Sind Frauen bessere Menschen? Plädoyer für einen selbstbewussten Mann und sollte in keiner Sammlung zum Thema Männer und Frauen fehlen.“ Das hat ein Rezensent bei Amazon  über dein Buch geschrieben.

Das können wir auch einfach mal so stehenlassen. Ich würde nur gern wissen: Was hat dein Buch mit den genannten Texten gemein – und was ist anders?


Gunnar Kunz: Vergleichbar ist mein Buch insofern, als ich mich kritisch mit dem herrschenden Feminismus auseinandersetze und dabei z. B. auf die in den genannten Werken zu findenden Fakten beziehe. Anders als dort ist mein Buch jedoch kein Sachbuch, sondern ich behandele die Themen in Form von Geschichten, um die Gefühle und Beweggründe der Protagonisten nachvollziehbar zu machen.

Schoppe: Was ist denn in deinen Augen der Vorteil, wenn es nicht um – politisch zu diskutierende – Fakten geht, sondern um Gefühle und Beweggründe?

Gunnar Kunz: Das Problem bei Sachinformationen ist, dass jeder sie leicht verdrängen kann. Wenn man in den Nachrichten hört, dass irgendwo tausend Menschen gestorben sind, ist das nur eine Zahl. Wenn man jedoch das Schicksal eines Einzelnen miterlebt, seine Gefühle, Gedanken und Reaktionen nachvollziehen und sich daher mit ihm identifizieren kann, bekommt man ein tieferes Verständnis für ihn.

Beispielsweise denken viele Menschen ja verächtlich über Männer, die unter häuslicher Gewalt leiden. Wenn man jedoch emotional nachvollziehbar macht, warum ein Mann in einer bestimmten Situation auf eine bestimmte Weise reagiert, dann greifen die Klischees und Vorurteile nicht mehr, und man versteht, dass so etwas jedem Mann zustoßen könnte.
 
Schoppe: Ich würde darauf gern gleich zurückkommen. Aber vielleicht ist es gut, zunächst einmal die Grundstruktur des Buchs vorzustellen.

Im Mittelpunkt der insgesamt 24 Texte stehen nach meinem Eindruck die fünf Erzählungen: über einen Vater, der den Kontakt zu seinen Kindern verliert – über einen Jungen, der beschnitten wird – über Männer, die fälschlich der Vergewaltigung beschuldigt werden – über einen Mann, der häusliche Gewalt erlebt – und über einen Jungen, der von der Mutter sexuell missbraucht wird. Was ist für dich der Rote Faden dabei?

Mittwoch, 10. Dezember 2014

Ein Massenmord und seine Verwerter

Er „wusste in einem Spielzimmer nichts mit Spielsachen anzufangen, im Spiel mit anderen Kindern fehlte ihm Vorstellungskraft und Empathie und er konnte seine Gefühle nicht ausdrücken. (S. 29) Seine Mutter pflegte eine doppelte Kommunikation mit ihrem Sohn, stieß ihn von sich weg und zog ihn hinterher wieder eng an sich heran. Dies ging soweit, dass sie ihrem Sohn sagte, sie wünschte, er wäre tot und einem Mitarbeiter der Sozialbehörde ebenfalls sagte, dass sie ihren kleinen Sohn loswerden wolle, was auch immer sie damit meinte.“
Vor einigen Tagen hat mich ein Leser auf einen Text im Blog Kriegsursachen aufmerksam gemacht, in dem über das Buch berichtet wird, das der Vater des Massenmörders Anders Breivik geschrieben hat. Das gleiche Blog stellt auch das Buch „A Norwegian Tragedy“ von Arge Borchgrevink über die Kindheit des Massenmörders vor. Das Eingangszitat stammt aus eben dieser Rezension.
Auf der norwegischen Insel Utøya überfiel Anders Breivik  am 22. Juli 2011 ein Sommercamp der norwegischen Jungsozialisten und ermordete 69 Menschen. Die Opfer waren zwischen 14 und 51 Jahre alt, 32 von ihnen unter 18 Jahre. Zuvor hatte Breivik im norwegischen Regierungsviertel eine Bombe gezündet und dabei acht Menschen getötet. Foto: Paal Sørensen 2011
Das Verhältnis Breiviks zur Mutter, so Borchgrevink, sei früh massiv gestört gewesen. Schon während der Schwangerschaft habe sie den Jungen als schwieriges Kind erlebt, „das rastlos war und sie trat“. 
 
Breiviks Kindheit ist, für eine Weile, deswegen außergewöhnlich gut dokumentiert, weil die Mutter mit dem vierjährigen Sohn  erheblich überfordert war, staatliche Stellen um Hilfe bat, das staatliche Zentrum für Kinder- und Jugendpsychiatrie (SSBU) sich einschaltete und die Familie über einige Wochen hinweg untersuchte.

Borchgrevink beschreibt in seinem Buch, wie die Mutter auf die Untersucher desorientiert gewirkt hätte („When they arrived, Wenche apperared disoriented, demanding and suspicious. She could not find the way up from Gaustad, even though there was really only one road to take.“ Position 848). Die dringende Empfehlung des SSBU, den Jungen nicht weiter bei seiner Mutter zu belassen, wird durch beunruhigende Passagen aus dem Untersuchungsbericht erklärlich, die der Autor zitiert.
„Ein wesentlicher Anteil an den wachsenden Schwierigkeiten der Mutter in den der letzten Jahren hängt mit ihrer extrem ungewöhnlichen Beziehung zu Anders zusammen. Sie projiziert ihre primitiven und sexualisierten aggressiven Fantasien auf ihn, alles, was sie als gefährlich und aggressiv in Männern wahrnimmt. Ihre tägliche Interaktion mit ihm ist durch einen großen Teil widersprüchlicher Kommunikation charakterisiert; auf der einen Seite ist sie symbiotisch, während sie ihn zugleich mit ihrer Körpersprache zurückweist, und sie kann plötzlich wechseln zwischen einer übertrieben süßlichen Weise, mit ihm zu sprechen, und offen ausgedrückten Todeswünschen.“ (Zitat 1, siehe unten)
Neben der extremen Aggressivität und der unlösbaren Widersprüchlichkeit des mütterlichen Verhaltens habe so auch der Verdacht sexuellen Missbrauchs im Raum gestanden („abuse of a sexual nature“).

Der in Paris lebende Vater, alarmiert durch den Bericht, zog vor Gericht, um das Sorgerecht für seinen Sohn zu erhalten. Er scheiterte an einem konservativen Richter, in dessen Augen ein Kind zu seiner Mutter gehöre. („The judge was an elderly man, a representative of the post-war-generation, and possibly also of 1950 values and principles.”)

Das Buch Borchgrevinks wurde in Norwegen mit dem Kritikerpreis ausgezeichnet und ist in Deutschland kaum bekannt. Auch Väterorganisationen haben nicht versucht, aus der brutalen Geschichte Kapital zu schlagen – ganz offensichtlich sind, zum Glück, die Skrupel zu groß, aus der Ermordung von fast achtzig Menschen Kapital zu schlagen.

Unter anderem deshalb, weil bekanntlich nicht alle Beteiligten solche Skrupel hatten, lohnt sich ein Blick zurück auf den Fall.

Donnerstag, 4. Dezember 2014

Wie die BZ einmal die Mütterlobby fertigmachte

„Anke Armbrust, die Frauenbeauftragte des Bezirks Treptow-Köpenick, hatte Frauen eingeladen, die im Sorgerechtsstreit um ihre Kinder in Not geraten sind.“
Die BZ ist die auflagenstärkste Lokalzeitung Berlins und zugleich unter den Boulevardblättern erste Wahl für die, denen die Bild-Zeitung irgendwie zu seriös ist. Eine Marotte, die sich die BZ leistet, sind die Texte von Gunnar Schupelius: fantasievolle Fehlersuchspiele, bei denen der Autor mit viel Witz und Unbekümmertheit möglichst viele Falschinformationen in einem Text, oft auch schon in einem einzigen Satz unterzubringen versucht.
 
In Berlin geht die Mär, dass derjenige Leser, der alle lustigen Lügen oder frechen Verdrehungen in einem beliebigen Schupelius-Text entdeckt, einen großzügigen Preis gewinnen wird. Leider ist dies bis heute noch niemandem gelungen.

Der oben zitierte Satz ist beispielweise der Anfangssatz eines Schupelius-Textes, der am 30. November in der BZ erschien. Der Name Anke Armbrust ist tatsächlich real, falsch aber ist die Berufsbezeichnung – sie ist Gleichstellungsbeauftragte, nicht Frauenbeauftragte. Eine Fehlinformation mit durchaus hintergründigem Witz.
 
Wer, außer deutschen Gerichten, käme eigentlich auf die Idee, einer Mutter ein Kind wegzunehmen und es SO einer Gestalt anzuvertrauen?
Die Gleichstellungsbeauftragte hatte auch nicht einfach Frauen eingeladen, die im Sorgerechtsstreit in Not geraten waren – geladen war die Initiatorin der „Mütterlobby“, die klarstellte, dass das System des neuen Familienrechts das Kindeswohl gefährde: nämlich durch die „Destabilisierung von Müttern“.

Die Mütterlobby wiederum propagiert ein Aufwachsen von Kindern ohne Väter und betreibt eine Website, in deren Forum „Kommentare hart an der Grenze zum Aufruf von strafbaren Handlungen ohne Administration durchgehen“ – so schreibt Kai im Frontberichterstatter-Blog. Er berichtet auch von der Referentin Barbara Thieme, Initiatorin der Mütterlobby, die sich in ihrem Forum beklagt, dass „das Grundgesetz, also die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland, mit Füssen getreten wird“.

In eben diesem Forum stacheln sich Frauen gegenseitig zur Ausgrenzung von Vätern oder zum Kindesentzug bis hin zum Umzug ins Ausland an – aber das ist in Thiemes Augen natürlich völlig grundrechtskonform. Sie beklagt stattdessen „Nötigungen durch Richter“ – worunter sie offenbar alle richterlichen Entscheidungen versteht, die nicht dem Willen der Mutter folgen.

Ansonsten schreibt die Mütterlobby auf ihrer Homepage:
„Es gibt verschiedene Formen von Gewalt: psychische, physische, finanzielle Gewalt. Die schwerste Gewalt gegen Mütter (und Kinder) ist vermutlich der Kindesentzug.“
Für Väter hingegen ist der Kindesentzug bloß Jux und Dollerei und ohnehin eine Erleichterung, wie wir alle wissen – während der Väterentzug für Kinder bekanntlich in jedem Fall unbedingt im Sinne des Kindeswohls ist.

Donnerstag, 27. November 2014

Wie man einen Rechtsstaat sturmreif schießt

Terre Des Femmes legt einen Vorschlag zur Reform des Vergewaltigungsparagraphen vor
 
Nachdem Jörg Kachelmann vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen worden war, räumte Irmingard Schewe-Gerigk, bis 2009 Bundestagsabgeordnete der Grünen und bis 2014 Vorsitzende von Terre Des Femmes, in einem Interview mit dem Deutschlandfunk großmütig ein, es könne
„natürlich auch sein, dass der Herr Kachelmann die Tat nicht begangen hat. Also man kann es schlichtweg nicht nachweisen. Aber das Urteil, finde ich, hat doch fatale Auswirkungen. (…)  
Es hat eine Signalwirkung an die Frauen, die eine Vergewaltigung erleben mussten, dass sie sagen, oh, das macht keinen Sinn, eine Anzeige zu starten, denn das, was mir da passiert, das endet dann letztendlich so, dass praktisch beim Gericht dann noch mal für mich alles durchlebt wird und quasi eine zweite Vergewaltigung durch dieses Gerichtsverfahren passiert und trotzdem dann der Täter auch freigesprochen werden kann.“
Nun ist es natürlich in einem Rechtsstaat ein wenig schwierig, Unschuldige zu verurteilen, weil ein Freispruch ein ungünstiges politisches Signal sein könnte – das immerhin gesteht auch Schewe-Gerigk auf Nachfrage noch zu.

Deutliche Schwierigkeiten hat sie gleichwohl mit der Unschuldsvermutung.  Irgendwie schuldig muss Kachelmann für die Vorsitzende trotz Freispruch schon sein, sonst hätte die anschließende Rede von einer „zweiten Vergewaltigung“ keinen Sinn, und auch nicht die Rede davon, dass ein Täter – und nicht etwa ein Angeklagter – freigesprochen werde.
Der „Herr Kachelmann hat viel Geld, der hat die besten Anwälte, hat sie zwischendurch noch mal ausgewechselt und kann sich im Prinzip alles mögliche leisten“
– dass er sich als irgendwie eben doch Schuldiger durch sein vieles Geld bloß freigekauft habe, wird von der Politikerin so deutlich suggeriert, dass ihr Bekenntnis zu Rechtsstaat und Unschuldsvermutung wacklig bleibt.
Die "Majestät des Gesetzes" am Rayburn House Office Building in Washington. Anders als bei der klassischen Justitia fehlt hier die Waage - das Schwert reicht völlig aus. Das sieht Terre Des Femmes möglicherweise ähnlich. (Quelle)
Vermutlich werden viele Männer dieselbe Situation ganz anders sehen – nämlich besorgt angesichts der Perspektiven eines Unschuldigen, dem nicht die finanziellen Möglichkeiten Kachelmanns zur Verfügung stehen. Die Geschichte Horst Arnolds ist ein bitteres Beispiel dafür.

Dass trotzdem auch diese Sorge überzogen sein könnte, zeigt nur, wie fragwürdig es ist, wenn Gesetze und Urteile sich nach dem subjektiven Empfinden Betroffener ausrichten sollen. Terre des Femmes aber ist aktiv geworden, ebenso wie andere Lobbygruppen – um Gesetze durchzusetzen, mit denen Verurteilungen in Vergewaltigungsprozessen in Zukunft leichter sein sollen. Es lohnt sich, einen Blick in einen dieser Vorschläge zu werfen.

Freitag, 21. November 2014

Sex und Sexismus (Monatsrückblick Oktober 2014)

Vorbemerkung: Ich habe jetzt seit genau einem Jahr jeden Monat einen Rückblick geschrieben. Vielleicht ergibt sich daraus eine kleine Chronik. Daher habe ich die Texte mit Stichworten versehen und auf einer Extra-Seite verlinkt. Dass in den beiden letzten Monaten die Rückblicke jeweils erst spät fertig waren, hatte persönliche Gründe (zu viel andere Arbeit, oder ganz im Gegenteil: Ferien). Gerade der letzte Monat war aber so interessant, dass ich einen Rückblick unbedingt noch schreiben wollte – und nicht nur, um die zwölf Monate vollzumachen.

„‚Wie geht's, Hübsche?’, ‚Gott segne dich, Mami’, ‚Nett!’ Nein diese Barbaren! Hab mir das Video angeschaut und muss ganz ehrlich fragen: Ist das ein Scherz? Bis auf den Typen der 5 Minuten neben her läuft und den anderen der mit läuft und ein konsequent auf sie einredet, war da ja wohl nix ach so schlimmes dabei.  
Zum Glück waren Blicke und Pfiffe nicht auch noch im Vid dabei. Wie schlecht würde ich mich fühlen wenn ich sehen müsste wie ein Mann eine Frau anschaut.“
So beschreibt ein Kommentator bei Spiegel-Online seine Reaktion auf das Hollaback-Video, das zu dem Zeitpunkt, als ich diesen Artikel hier schreibe, schon über 36 Millionen mal bei youtube angeklickt worden ist. Die Organisation „Hollaback!“, die das Bewusstsein für sexuelle Belästigungen in der Öffentlichkeit schärfen möchte, hatte das Video produziert und präsentiert als Beleg für einen alltäglichen Sexismus, dem Frauen überall ausgesetzt seien. Bei Alles Evolution gibt es das Video selbst und viele Informationen dazu.
Dieses Bild eines US-Marines stammt aus einer Initiative gegen sexuelle Belästigung - wer sie beobachte, solle nicht schweigen. Es ist aber auch ein Sinnbild für das Gesprächsverhalten, das Männern in Diskussionen um Sexismus als erwünscht präsentiert wird.
Der kurze Film präsentiert Grüße wie „God bless you“ als Belästigungen – er ist methodisch unsauber –  er wurde, obwohl er doch repräsentativ für die ganze Stadt sein soll, in einem sehr kleinen Umfeld aufgenommen, zum größten Teil in einer einzigen Straße in Harlem –   der Film präsentiert fast ausschließlich Schwarze und Latinos als Belästiger der weißen Frau. Das Experiment ließ sich in anderen Städten  nicht wiederholen  – ein vergleichbares Video erweist sich kurz nach seiner Veröffentlichung als Fake.
 
Der Hollaback-Film ist seit seinem Erscheinen oft beschrieben und diskutiert worden, zuletzt sehr umfassend von Graublau bei Geschlechterallerlei.  Daher kann ich mich auf einen Aspekt konzentrieren – nämlich, was es mit allgemeinen Diskussionen gemein hat, die über Sex und Sexismus geführt werden – in den letzten Wochen, so ist zumindest mein Eindruck, mit zunehmender Heftigkeit.

Samstag, 15. November 2014

Im Orbit um den eigenen Hintern

Wie man um sich selbst kreist und dabei Widerlinge produziert

Der Komet Tschurjumow-Gerasimenko, genannt Tschuri, ist 510 Millionen Kilometer von der Erde entfernt. Sein Kern ist gerade einmal 4x3,5x3,5 Kilometer groß.  Am 12. November gelang Wissenschaftlern trotzdem eine „schwierige und bisher noch nie gewagte Landung“: Sie landeten eine kleine Raumsonde auf dem winzigen Kometen – nämlich den Lander Philae, der zuvor von der Raumsonde Rosetta abgesetzt wurde, die in einer genau berechneten Umlaufbahn den Kometen umrundete.

An der Mission sind siebzehn Länder beteiligt, unter anderem Deutschland – sie kostet etwa eine Milliarde Euro –  ihr Ziel ist es, Informationen über die Geschichte des Sonnensystems zu gewinnen. Die beteiligten Wissenschaftler mussten in vielerlei Hinsicht Neuland betreten“, um die Landung möglich zu machen.

Die Namen von Sonde und Lander haben berühmte Vorbilder, und sie weisen darauf hin, welch ein Meilenstein diese Mission ist:
„Die Sonde ist nach der ägyptischen Hafenstadt Rosette benannt, der Lander nach der Insel Philae im Nil. Beide Orte sind für dort gefundene 'Meilensteine' der Entzifferung der altägyptischen Schriften bekannt: den Stein von Rosette und einen Obelisken auf der Nilinsel.“
Kurz vor der Landung, also kurz vor dem Höhepunkt einer epochalen wissenschaftlichen Leistung, machte einer der wesentlich verantwortlichen Wissenschaftler, Matt Taylor, einen ungeheuren Fehler: Er gab ein Interview, bei dem er ein falsches Hemd trug.
Hier freut sich Matt Taylor noch, weil er irrtümlicherweise tatsächlich glaubt, seine enorme wissenschaftliche Leistung sei wichtiger als das Hemd, das er trägt.

Montag, 3. November 2014

Nichts gelernt? Die Sexualpädagogik und die Verbrechen im Odenwald

Was Christoph Freys Fernsehfilm „Die Auserwählten" mit heutigen Debatten um Sexualität und Schule zu tun hat
 
„Was die Kinder wollen, fragt keiner. Bei den Massagen für Zehnjährige, Stichwort ‚Gänsehaut’, genügt laut Anweisung jedenfalls dünne Kleidung, damit der unterschiedliche Druck und die verschiedenen Streichrichtungen auch erspürt werden können. Dabei dürfen verschiedene Massagetechniken angewendet werden, auch ‚vorgezeigt durch die Leitung’. Von außen sollte der Raum nicht einsehbar sein, empfehlen die Autoren.“
So beunruhigt berichtet Antje Schmelcher in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über eine Methode der Sexualpädagogik der Vielfalt, die von der Kasseler Professorin Elisabeth Tuider und anderen entwickelt wurde (im Volltext kann die Methodensammlung hier gelesen werden). Schmelcher: 
„Die sexuelle Aufklärung missachtet Grenzen. Die Politik will es so. Kinderschützer schlagen Alarm.“
Demonstrativ irritiert gibt sich auch Jan Fleischhauer im Spiegel
„Ich ging bislang davon aus, dass Kinder im Aufklärungsunterricht vor allem etwas über Verhütungsmittel lernen, um ungewollte Schwangerschaften zu vermeiden. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass offenbar auch die Einübung in Sexualtechniken, die selbst vielen Erwachsenen fremd sind, zum Unterrichtsstoff gehört."
Alexander von Beyme wiederum kritisiert wiederum Schmelchers Artikel scharf. Sie habe Textpassagen aus dem Zusammenhang gerissen und entstellt. Zur oben zitierten Textstelle schreibt er beispielsweise:
„Die Autorin will den Eindruck erwecken, dass sich hier Kinder gegenseitig stimulieren. Wer die Übung auf Seite 178 nachschlägt, stellt fest, was Schmelcher hier schon wieder unterschlagen hat: Die Kinder berühren sich nicht mit den Händen, sondern streicheln sich mit unterschiedlichen Materialien wie Wolle, Federn, Tennisbälle. Es geht darum, Köperreize wahrzunehmen und hinterher darüber sprechen zu können, was als angenehm oder eher unangenehm empfunden wird.“
Doch auch von Beyme selbst zitiert selektiv und entstellend und legt Schmelcher Formulierungen in den Mund, die nicht von ihr stammen. Sie versuche beispielweise, den Vorstand der Gesellschaft für Sexualpädagogik Uwe Sielert zu diskreditieren, der mit Elisabeth Tuider zusammengearbeitet hat.
„Er wird in die Nähe des verstorbenen Professors Kentler gerückt (‚väterlicher Freund’ Sielerts) , dem posthum eine Verharmlosung von Pädosexualität vorgeworfen wird.“
Kentler hatte beispielweise Jugendliche bei ihm bekannten Päderasten untergebracht. Die Formulierung, er sei „väterlicher Freund“ Sielerts gewesen, kommt in Schmelchers Text allerdings überhaupt nicht vor, sondern stammt aus einer 2009 veröffentlichten Festschrift für Sielert, die unter anderem ausgerechnet von Elisabeth Tuider herausgegeben wurde. Dort hatte diese Formulierung ganz eindeutig nicht den Sinn, Sielert zu diskreditieren.
 
 
Die Diskussion ist auch deswegen festgefahren, weil einige Vertreter beider Seiten mit Vorliebe das wahrnehmen, was in ihr Bild passt. Vor dem Hintergrund aber, den Schmelcher, von Beyme und auch Amendt ansprechen, lässt sich genauer fragen, warum sie eigentlich so aufgeladen ist und so aufgeregt geführt wird. 
 
Denn: Was eigentlich haben eine sich progressiv gebende Sexualpädagogik und die Politik, die sie unterstützt, aus den ungeheuren Skandalen der letzten Jahre und Jahrzehnte gelernt – aus den systematischen und systematisch vertuschten Verbrechen an der Odenwaldschule oder aus den Pädaophilieunterstützung der frühen Grünen? Es lohnt sich ein Blick auf einen Film, den die ARD am 1. Oktober 2014 ausgestrahlt hat und der den sexuellen Missbrauch an der ehemaligen Vorzeige-Reformschule zum Thema hat: Christoph Freys Die Auserwählten.

Sonntag, 26. Oktober 2014

Kinderbetreuung als Befreiung? Warum Kinder eine "moderne Familienpolitik" nicht stören sollen

„Wie viel Betreuung braucht ein Kind?“, fragte Christian Schmidt vor einigen Tagen. Bei mir hat die Antwort ein paar Tage gedauert, unter anderem übrigens deshalb, weil ich zwischendurch unser Kind betreut habe.

Ein Zweck der Frage ist wohl, eine realistische Einschätzung dessen zu bekommen, wie viel eigentlich von einer Mutter in welchem Kindesalter erwartet werden kann – ob und wann von ihr vor allem verlangt werden kann, neben der Kinderbetreuung einer Erwerbstätigkeit nachzugehen.
 
 „Wieviel Service braucht mein Wäschetrockner? Wieviel Auslauf braucht mein Dackel? Wieviel Betreuung braucht mein Kind?“,
ergänzt einer der Kommentatoren ironisch und interpretiert damit Christians Frage betont technisch – als ginge es eigentlich nur darum, mit wie viel Wartungsaufwand bei einem Kind gerechnet werden müsse und wie viel Zeit noch für anderes übrig bleibe.

In diesem Sinne wären die meisten Probleme gelöst, wenn es gelänge, selbstreinigende, pannensichere Kinder zu entwickeln, die zuverlässig mit geringer Kraftstoffzufuhr auskommen. Das klingt womöglich absurd, aber kein Ideal ist so absurd, dass es nicht irgendwo in pädagogischen Vorstellungen schon ernsthaft vertreten worden wäre – Kinder soll man sehen, aber nicht hören. Kinder sollen da sein, aber nicht stören.

Für einen etwas humaneren Umgang reicht es offenbar nicht, allein auf die Frage konzentriert zu sein, wie groß der Zeitwand der kindlichen Wartung ist. Worum aber geht es dann noch?

Dienstag, 21. Oktober 2014

Die Gewalt der vierten Gewalt (Ein Rückblick auf den September)

Der Monat Oktober begann bekanntlich erschüttend: Vor lauter Amazongate hätte ich fast vergessen, dass wir ja schon im Monat September von einem großen Ereignis zum nächsten gestolpert waren, die hier rechtmäßigerweise in dem traditionellen Monatsrückblick hätten festgehalten werden müssen.
„Es geht an diesem Abend um Inhalte, Lösungen, um eine akute Gefahr im Land: Die Frauenlobby. Stark und autoritär sei sie. Organisierte Frauennetzwerke dominieren demnach Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in Deutschland. Es ist so schlimm, etwas müsse dagegen getan werden. Bei Ingwertee und Cola kennt die Liste, was alles in der Bundesrepublik so schief laufe, kein Ende (…)“
So der Tagesspiegel über eine Gruppe von Berliner „Nicht-Feministen“. Bloß weil einige Fakten in dem Artikel nicht völlig akkurat waren und der Interviewer Mohamed Amjahid ihnen Sätze in den Mund gelegt hatte, die sie bei Licht besehen gar nicht gesagt hatten, waren die Mitglieder der kleinen Gruppe von „Nicht-Feministen“ über ihre Darstellung in der großen, seriösen Berliner Tageszeitung nicht rundum zufrieden (ausführlich dazu der Autor Gunnar Kunz).
Eigentlich ist es gar nicht nötig, Lärm zu machen, Kommentare zu schreiben, bei Debatten dabei sein zu wollen. Den Verständigen ist ohnehin immer schon klar, was richtig und was falsch ist.
Das war ein wiederkehrendes Thema in diesem vergangenen September, das auch im Oktober wichtig blieb: Wie stellt die Presse Menschen dar, die an Geschlechterdebatten ohne die Selbstverpflichtung auf gewohnte Deutungsmuster – „Patriarchat“, Männerherrschaft, Frauenunterdrückung – teilnehmen möchten? Für Männerrechtler, Feminismuskritiker, Väterrechtler, MHRAs (Men’s Human Rights Activists) gibt es dabei vorerst drei erlaubte Kategorien: Sie sind lächerlich, sie sind bedrohlich, oder sie sind beides.

Sonntag, 12. Oktober 2014

Hass und Zensur

„Nachdem die Journalistin Anne Wizorek Anfang 2013 unter dem Twitter-Hashtag #aufschrei zur Veröffentlichung sexistischer Alltagserfahrungen aufrief, hatte man den Eindruck, dass unter dem Label auf jeden Erfahrungsbericht eine Hassbotschaft kam. Bis heute schreiben User Tweets wie ‚Ich verspreche euch, liebe Femis, dass das noch Jahre hier so weitergehen wird’.“
Das hätte ich natürlich nicht gedacht: Dass ich hier noch einmal aus dem Weser Kurier zitieren würde, der etwas langweiligen, semi-seriösen Zeitung meiner Heimatstadt. Maximilian Haase schreibt dort über den „Hass-Reflex“, also über automatisierte, hasserfüllte, sexistische Reaktionen, mit denen Frauen nach seiner Darstellung konfrontiert werden, wenn sie sich im Internet selbstbewusst äußern.
 
„hatte man den Eindruck“: Welcher man hier gemeint ist, ob der Eindruck stimmte, wodurch genau dieser Eindruck hervorgerufen wurde, ob die einfache Gegenüberstellung Erfahrungeberichte versus Hassbotschaften so wirklich stimmt – das lässt Haase hier geschickt und spannungsreich im Dunkeln. Dafür liefert er dann auch effektvoll genau einen einzigen Satz als Beleg.

Diese Satz allerdings stammt unglücklicherweise von einem User auf Twitter, der überhaupt keine  Hassbotschaften, Beschimpfungen, Gewaltandrohungen oder ähnliches verbreitet und sich immer wieder klar von solcher Herzrede distanziert. Stattdessen kritisierte er, der hier als Paradebeispiel eines männlichen Haters verkauft wird, zum Beispiel offen die (Ex-)Piratin Julia Schramm, als sie launig die Opfer der Bombardierung Dresdens als „Kartoffelbrei“ verhöhnte. An Anne Wizorek wandte er sich so:
„Wie würde denn LEGITIMER, AKZEPTABLER Widerspruch aussehen? Ernsthafte Frage“
Denn darum geht es hier – um Widerspruch, nicht um Hass. Darum, Positionen zu formulieren, die weder Frauen noch Männer pauschal als Opfer oder Täter darstellen. Der zitierte Satz drückt, anders als der Bremer Qualitätsjournalist das gezielt suggeriert, nicht aus, dass Frauen weiter und weiter mit Hass zu kämpfen haben – sondern dass Positionen nicht ohne Widerspruch bleiben, die Männer generell als Täter und Herrscher denunzieren. Eben diese männerfeindlichen Positionen übrigens werden bei Twitter häufig ausgesprochen hasserfüllt formuliert.
Wichtige Frage welche von heutiger Sitzung bedacht wird: Wie lange mochte uns das Denken wohl noch erlaubt bleiben? (Der Denker-Club, Karikatur von 1819 anlässlich der Karlsbader Beschlüsse)
Der Bericht in der Bremer Provinz wäre nicht weiter wichtig, wenn er nicht einem weit verbreiteten Tenor folgen würde. Dabei ist das Thema trotz der unernsten journalistischen Darstellung ernst. Tatsächlich gibt es im Internet ja Gewaltandrohungen, Beschimpfungen, massive Grenzüberschreitungen – und es gibt Männer im Netz, die solche Äußerungen gezielt gegen Frauen richten.

Es wäre also eigentlich wichtig, dass sich die  zivileren Nutzer, gleich welcher Meinung sie sind, auf eine gemeinsame Ablehnung solchen Verhaltens verständigen, gleich gegen wen es gerichtet ist. Statt dessen tun Haase und viele andere genau das Gegenteil: Sie verwischen gezielt Grenzen und stellen Äußerungen als Gewaltandrohungen und Hassreden hin, die damit überhaupt nichts zu tun haben. Welchen Zweck hat das eigentlich?

Dienstag, 7. Oktober 2014

Amazongate! Wie Anne Wizorek einen "Feminismus von heute" inszeniert

Der einst so erschreckende, präsidentenstürzende Watergate-Skandal ist bekanntlich mittlerweile ein wenig heruntergekommen. Erst kürzlich waren wir bei einem „Fappygate“ gelandet und dann bei einem „Dirndlgate“, also bei Aufregungen, die nur noch Eingeweihten verständlich und auch bald darauf vergessen waren. Jetzt aber kommt ein Skandal hinzu, der alles bisher Dagewesene in den Schatten stellt, zumindest für ein, zwei Tage: Amazongate!

Die ironische Bezeichnung stammt aus einem Kommentar zu einem Artikel des Blogs Mein Senf, der sich ebenso wie ein anderer Blog-Artikel schon früh mit dem Skandal auseinandersetzte. Allerdings sind sich die Beteiligten bis heute nicht ganz einig darüber, worin nun eigentlich genau der Skandal besteht – aber dass etwas Empörendes geschehen ist, ist allen Seiten klar.
Ein "Dauersturm an Hass" (Anatol Stefanowitsch, Berliner Linguistik-Professor). Seelenlose "Maskus" erstürmen Anne Wizoreks Amazon-Seite. Es besteht allerdings die entfernte Möglichkeit, dass der erste Eindruck ein wenig trügt.
Was aber ist nun eigentlich passiert?
 
Anne Wizorek, nach ihren eigenen Angaben tätig im „Digital Media Consulting“, Bloggerin, Aufschrei-Initiatorin, schreibt ein Buch: Warum ein Aufschrei nicht reicht. Für einen Feminismus von heute. Das Buch wird in etablierten Medien beflissen beworben: Der Spiegel blickt auf den Aufschrei zurück und bringt bei der Gelegenheit das Buch ins Spiel, Die Zeit veröffentlicht einen als Rezension getarnten Werbetext („Ein Buch mit der Wucht von Der kleine Unterschied"), die taz ebenso, der Stern veröffentlicht ein Interview mit der Autorin, die Frankfurter Rundschau zieht mit einem eigenen Interview nach, wenn auch ein wenig spät.

Ab und zu ein paar etwas kritische Fragen im Stern, ohne weiteres Nachhaken – ansonsten aber sind die Texte so distanzlos und unkritisch, so weit von jedem Versuch einer Analyse des Buchs entfernt, als ob die Werbeabteilung von Wizoreks Verlag sie verfasst hätte. Allein Marlen Hobrack bemüht sich im Freitag um eine eigenständige Position:
„Warum sprechen wir also nicht über weibliche Diskursmacht? Sie sollte uns Mut machen. Und die Augen dafür öffnen, dass unsere Gesellschaft (deren Teil wir Frauen ja sind) eben nicht blind gegenüber Ungerechtigkeiten ist. Doch wir erleben das Gegenteil: Wir schreien, obwohl eine ruhige Debatte vonnöten wäre. Wir stürmen auf scheinbar verschlossene Vorstandstüren zu, obwohl sie längst geöffnet sind. Wir ziehen uns auf die Position wehrloser Opfer zurück, obwohl wir längst zur Selbstermächtigung fähig wären. Und wir sehen Feinde in jenen, die kein geringeres Interesse an Gleichheit (die auch gleiche Pflichten einschließt!) haben, als wir selbst: Männer."
Dass aber der Aufschrei eher ein Medien-Hype als eine echte Graswurzel-Bewegung war, dass Analysen die Legende längst widerlegen, hier hätten zehntausend Frauen über Alltagssexismus berichtet – das spielt im Feuilleton der deutschen Qualitätspresse nirgendwo eine Rolle.

Dann aber geschieht etwas Unerhörtes.

Donnerstag, 2. Oktober 2014

Vom praktischen Wert der Männertränen (Wozu ist Männerhass eigentlich gut? Teil 2)

Möglicherweise klingt es übertrieben, über Männerhass zu schreiben – anstatt über Wut, über Ressentiments, über Vorurteile, also über irgend etwas weniger Dramatisches und Plakatives.
 
Es ist nicht  übertrieben. Und natürlich wollte ich diesen Text auch mit vielen Belegen dafür versehen. Ich habe dann aber so viele gefunden, dass sie den Umfang gesprengt hätten und ich eine Auswahl in eine kleine Materialsammlung ausgelagert habe, die ich gleichzeitig veröffentliche.
 
Natürlich geht es dabei nicht um die Behauptung, dass alle Frauen Männer hassen würden – die wäre ebenso ressentimentgeladen wie die Unterstellung, alle Männer würden Frauen hassen. Und natürlich gibt es auch einen Männerhass von Männern selbst, beispielsweise den Hass auf Homosexuelle. Dass er hier nicht das Thema ist, leugnet ihn nicht.
 
Ich unterstelle auch nicht, dass alle Feministinnen Männer hassen würden. Allerdings geht es mir darum, dass der Hass offenkundig ein integraler Bestandteil des Feminismus war und ist. Wenn Emma Watson sich in der im ersten Teil zitierten Rede gegen diese Feststellung verwahrt und sich dabei auf eine realitätsferne Lexikondefinition zurückzieht, ist das zu wenig.
Wer dann auch noch flennt, soll sich nicht darüber wundern, dass er für die Badewasserproduktion verwendet wird.
Nach Watson ist es höchste Zeit, dass Menschen aufhören, Feminismus mit Männerhass zu assoziieren. Das Gegenteil ist der Fall. Es ist höchste Zeit, dass seine Vertreterinnen und Vertreter sich ehrlich damit auseinandersetzen, wie bedeutend der Hass in all seiner Destruktivtät und Niedrigkeit für den Feminismus war und ist.
 
Sollte ein humaner Feminismus möglich sein, dann nur auf diesem Weg. Billiger ist er nicht zu haben.

„Hass ist nur da mies, wo er grundlos oder fehlgeleitet ist. (…) Wer den Hass abschaffen will, muss die Gründe zum Hass abschaffen! Wer etwas gegen Männerhass hat, muss gegen die Frauenunterdrückung kämpfen!“
Wer wie Alice Schwarzer hier den miesen und grundlosen Hass vom guten Hass mit guten Gründen unterscheidet, steht dabei vor einem ernstzunehmenden Problem: Wer hasst, hat ohnehin immer das Gefühl, dass der eigene Hass begründet sei. Schließlich gehört es zum Hass, sich dessen Objekt in einer Weise vorzustellen, die ihn legitimiert – als gewalttätig, als schmutzig, verdorben, unmoralisch, als herrschsüchtig, als gefährlich, und natürlich selbst als hasserfüllt.

Gerade die Unterstellung, dass die Objekte des Hasses Herrscher – Weltherrscher, Weltverschwörer, Hegemone – wären, erfüllt dabei eine zentrale Funktion. Wer herrscht, braucht schließlich kein Mitgefühl und keine Rechte, weil er sich ja ohnehin beschaffen kann, was er will. Die Vorstellung des Feindes als Herrscher schließt die eigenen Reihen zum angeblich so dringenden Widerstand zusammen – sie eliminiert Selbstkritik, die ja doch dem Feind in die Hände spielen würde – und sie enthebt die Mitglieder der eigenen Gruppe moralischer Skrupel.

Es gehört daher zum politischen und sozialen Hass traditionell dazu, sich den Feind als Herrscher vorzustellen. Antisemiten fantasieren eine „jüdische Weltverschwörung“, weiße Rassisten eine Zerstörung der „weißen Rasse“ durch die Schwarzen, Fremdenfeinde sind fixiert auf die Idee der Überfremdung des eigenen Landes, Nationalisten und Kriegstreiber sind davon überzeugt, dass die feindliche Nation die eigene zumindest unterjochen, wahrscheinlich aber zerstören will.

Hass lässt sich also eben nicht durch die Idee legitimieren, dass die Objekte dieses Hasses Herrscher und Unterdrücker wären: Diese Vorstellung ist nämlich selbst traditionell ein wesentliches Element des politischen Hasses.

Fantasien der Entseuchung (Wozu ist Männerhass eigentlich gut? - Kleine Materialsammlung)

 
„Ich fühle, was ich fühle: Männerhass, diese unbeständige Mischung aus Mitleid, Verachtung. Ekel, Neid, Entfremdung, Furcht und Wut auf Männer … für die Männer, mit denen Frauen ihr Leben teilen – Ehemänner, Liebhaber, Freunde, Väter, Brüder, Söhne, Arbeitskollegen.“ (Judith Levine, Autorin und politische Aktivistin) (1)
Mit dem Hass, den Levine hier beschreibt, steht sie nicht allein. Bei einer Sammlung von entsprechenden Zitaten ist es schwer, die Menge der Zitate zu begrenzen – Zitate zu finden ist hingegen leicht.
 
Dieser Text ist eine Premiere. Bei der Vorbereitung des Textes über Männerhass bin ich auf so viele Belege gestoßen, dass ich das Vorhaben aufgab, sie im Text selbst einzubauen. Stattdessen liste ich sie hier auf, als kommentierte Materialsammlung, die sich auf den deutschen und englischen Sprachraum beschränkt. Auch mit dieser Einschränkung wären deutlich mehr Zitate möglich gewesen.
Es lässt sich heute nicht mehr völlig nachvollziehen, wie eigentlich der Eindruck entstanden sind, öffentliche Darstellungen von Männern seien manchmal erheblich verzerrt.
Zum ersten Mal veröffentliche ich damit zwei Texte gleichzeitig, zwei aufeinander bezogene Texte. Besonders interessant war für mich bei dieser kleinen Materialauswahl, dass die Zitate nicht von Internet-Trollen stammen, sondern fast ausschließlich von Frauen, die in staatlichen, akademischen oder politischen Institutionen sehr gut etabliert waren oder sind.