Freitag, 26. Juni 2015

Wozu braucht man in der Schule eigentlich einen Körper?

Zur seltsamen Debatte um die Abschaffung der Bundesjugendspiele
 
So begann es vor einer Woche bei Twitter. Christine Finke, eine Journalistin und Mutter und zugleich eine Bloggerin unter dem Namen Mama arbeitet, stellte bei change.org tatsächlich diese Petition ein – und hat damit heute schon 15.000 Unterschriften für die Abschaffung der Bundesjugendspiele gesammelt.
„Für viele weniger sportliche Schüler (...) bedeuten diese Spiele eine alljährlich wiederkehrende öffentliche Demütigung.“
So begründet sie ihre Forderung, mit der sie auch in den Medien ungeheuren Erfolg hat. Die Tagesschau berichtet darüber, die Zeitung Die Welt, der Bayrische Rundfunk und natürlich die Bild-Zeitung. Der Spiegel schreibt gleich mehrere Male über die Petition, in einem bissigen Kommentar über die „Helikoptermutter", vorher in persönlich gehaltenen Erinnerungen („Sogar  Mädchen waren besser als ich“) und im Rahmen eines Interviews mit Finke. In diesem Gespräch kann sie Gegner ihrer Petition dann auch gleich mit Nazis assoziieren, weil das heute eben dazugehört, wenn Menschen es für unmöglich erklären möchten, dass jemand mit guten Gründen eine andere Meinung haben könnte als sie.
Ein wenig Sport ab und zu wäre möglicherweise ja noch ganz in Ordnung, wenn nur der Wettkampfcharakter nicht wäre. #bundesjugendspieleweg
An mir wäre all das möglicherweise weitgehend unbemerkt vorbeigetrieben, wenn mich nicht Robin Urban mit ihrem Text „Schulsport – Ein Hurra auf ein unbeliebtes Fach“ darauf aufmerksam gemacht hätte. Sie kritisiert darin die Petition und tritt für den Schulsport und  für die Bundesjugendspiele ein. Auch wer sich angesichts der Diskussion etwas verwundert fragt, ob wir eigentlich tatsächlich keine anderen Probleme haben, kann in dem Text Argumente finden, die viel über das Lernen in der Schule aussagen – über die seltsame Debatte um die Abschaffung der Bundesjugendspiele hinaus.

Mir gefiel daher Robins Text sehr gut, und das wollte ich auch bei ihr kommentieren – aber dann fielen mir dabei so viele Begebenheiten aus meinem eigenen Schulalltag ein, dass der Kommentar ein wenig zu lang wurde. So ist es passender, diesen Kommentar etwas zu verändern und ihn hier als eigenen Text zu veröffentlichen:

Ein Lauf um den Platz im Weserstadion

Robin schreibt:
„Die Kleinkinder von heute schneiden im Bereich Koordinationsvermögen deutlich schlechter ab als die Eltern- und Großelterngeneration im selben Alter.“
Das kann ich mit ein paar Beispielen illustrieren. Ich kenne z.B. Kinder, die es auf Klassenfahrten aufgrund ihres großen Übergewichts nicht schaffen, ein paar Minuten durch eine Stadt zu gehen, ohne außer Atem zu geraten. Das sind Extremfälle, aber keine absoluten Einzelfälle.

Bei den Bundesjugendspielen dieses Jahres konnten viele Schüler meiner siebten Klasse nicht einmal eine Runde (von den verlangten zwei Runden) laufen, ohne zwischendurch anzuhalten, durchzupusten, einen guten Teil der Strecke zu gehen. Bei einer Besichtigung des Weserstadions mit unserem fünfjährigen Sohn hingegen ist er neulich begeistert einmal um den ganzen Platz gerannt – das hätten viele in meiner Klasse, dreizehn Jahre alt, nicht geschafft.

Dieses Ergebnis des Wettbewerbs ist seltsam und auch besorgniserregend. Anstatt jedoch zu überlegen, wie solche Ergebnisse in Zukunft verbessert werden können, nun doch lieber gleich den ganzen Wettbewerb abzuschaffen – das ist ziemlich offensichtlich sinnlos.


Eine große graue Einförmigkeit Tausender Stunden  Sport ist aber nicht nur wichtig, weil die weit verbreitete kindliche Bewegungsarmut irgendwo einmal ausgeglichen werden muss. Er erfüllt in der Schule vor allem deshalb eine wichtige Funktion, weil damit dort endlich einmal auch körperliche Bewegung von Bedeutung ist. Da bin ich übrigens völlig anderer Meinung als Leszek, der in seinem Kommentar bei Robin den Sportunterricht als Eingriff in die körperliche Selbstbestimmung beschreibt.

Die Kinder, Jugendlichen, dann jungen Erwachsenen erleben von der ersten bis zur dreizehnten (oder neunten, oder zehnten) Klasse, wenn sie die Schule wieder verlassen, ungeheure Umbrüche. Zudem haben sie jeden Tag Unterricht in völlig unterschiedlichen Fächern. Bei alledem aber bleibt über die ganzen Jahre hinweg ihre Tätigkeit monoton identisch: Sie sitzen am Tisch. Das ist, verglichen mit den enormen Entwicklungen, die sie erleben – lächerlich gleichförmig.

Warum das problematisch ist, kann man vielleicht auch mit einem Seitenblick auf die Hirnphysiologie deutlich machen, auf die Robins Text am Beispiel von Gerald Hüther eingeht. Was im Hirn gespeichert wird, sind grundsätzlich Handlungen, wiederkehrende Bewegungen. Abstraktes Wissen, auch sprachlich zubereitetes Wissen kommt erst viel später und baut darauf auf. Ganz einfach formuliert: Grundsätzlich braucht das Hirn körperliche Bewegung.

Im Rückblick kommt mir der Unterricht in den vielen verschiedenen Fächern, die ich selbst als Schüler erlebt habe, wie ein großes graues Nichts vor – eine Einförmigkeit Tausender Stunden, die nur ab und zu durch Highlights unterbrochen wurde. Ich bin mir heute sicher, dass dieser Eindruck der Einförmigkeit auch dadurch entstand, dass ich eben einförmig immer dasselbe getan habe: Ich habe dagesessen und gelernt – bzw. aufgepasst, dass ich nicht beim Träumen erwischt werde. Die Inhalte wechselten im 45-Minuten-Takt, heute an vielen Schulen im 90-Minuten-Takt, aber die Tätigkeit blieb immer dieselbe.

Die berühmte Langeweile in der Schule wurzelt also wohl auch darin, dass Schüler einen guten Teil ihrer körperlichen Energie ausgerechnet darauf verwenden müssen, ihre Bewegungsimpulse zu unterdrücken und einigermaßen ruhig sitzen zu bleiben. Daher hat Leszek in meinen Augen in diesem Punkt auch Unrecht: Nicht spezifisch der Sportunterricht greift in die körperliche Selbstbestimmung ein – wenn schon, dann tut dies der gesamte Unterricht.

Das aber wird nicht problematisiert – problematisch wird Schule für viele offenbar erst, wenn ausnahmsweise einmal etwas anderes getan wird, als am Tisch zu sitzen. Deshalb finde ich die Frage auch richtig:


Ein Grund ist sicher der, dass sich Kinder und Jugendliche im Sportunterricht stärker exponieren als im Klassenraum. Dort bietet schon der Tisch, hinter dem sie sitzen, eine gewissen Schutz – im Sport müssen sie möglicherweise vor den Augen aller etwas vorführen und machen sich, zumindest im eigenen Empfinden, in besonderer Weise lächerlich, wenn sie sich dabei ungeschickt anstellen.

Robin stellt in ihrem Text Kriterien für guten Schulsport auf,  bei denen es insbesondere darum geht, Demütigungen zu vermeiden. Das Wählen der Mannschaften zum Beispiel, bei dem zwangsläufig am Ende die zurückbleiben, die keiner haben will – das ist tatsächlich eine Demütigung mit Ansage.

Das sind wohl Situationen, die den Sportunterricht für viele regelrecht zu einem Angstfach gemacht haben. Die Turnstunde von Rilke ist für mich ein Beispiel dafür – und dass in der Zeit dieser Geschichte das Turnen und überhaupt der Sport Vorbereitung auf den Militärdienst waren, zumindest bei Jungen, hat wohl erheblich zum schlechten Leumund des Faches beigetragen und lange weiter gewirkt. Ich habe Sportlehrer erlebt, die sich heute immer noch so verhalten, als wären sie beim Bund.


Das passt schlecht zusammen: eine große Verletzbarkeit der Schüler durch die ungewöhnliche große Exponiertheit im Unterricht – und eine Tradition des Fachs, die durchaus ab und zu Anleihen beim Militär macht. Aber es gibt eben auch in anderen Fächern Lehrer, die sich verletzend oder demütigend verhalten – ohne dass jemand auf die Idee käme, deshalb gleich das ganze Fach in Frage zu stellen. In der Mathematik beispielweise, noch einem Angstfach vieler Schüler.

Ich setze in meinen Fächern sehr oft Methoden aus der Theaterarbeit ein – weil auch damit der Körper aktiviert wird und dann gleichsam nicht nur dafür da ist, den Kopf zur Schule zu transportieren. Das lohnt sich nach meiner Erfahrung sehr. Aber die Schüler machen sich damit auch in besonderer Weise verletzbar, weil sie sich exponieren – und deshalb muss ich in besonderer Weise darauf achten, dass sie vernünftig mit dieser Situation und miteinander umgehen. Was natürlich auch für mich selbst gilt.

Eben das gilt in gleicher Weise denn auch für den Sportunterricht, und wenn es beherzigt wird, sehe ich überhaupt keine Berechtigung dafür, das Fach abzuwerten oder als besonders traumatisierend hinzustellen.


Alles im Sinne der Kinder. Der eigenen Kinder. Daher ist die Petition auch gleich aus mehreren Gründen falsch. Robin hat den Eindruck, dass hier „viele alte Verletzungen zutage treten“. Gleich einige Beteiligte, unter anderem Finke selbst, schreiben tatsächlich offen, dass sie mit der Petition auch für das Kind eintreten, das sie einmal waren.

Schon das ist jedoch problematisch: Wenn die Wahrnehmung der heutigen Kinder überlagert wird durch die eigenen Kindheitserfahrungen der Eltern – ohne die Möglichkeit einzuräumen, dass sich ja mittlerweile auch etwas geändert haben könnte.


Was mich noch mehr stört: Hier treten Eltern ausdrücklich nur für ihre Kinder ein. Finke weiß, dass die Bundesjugendspiele gerade Kindern Erfolgserlebnisse verschaffen können, die sonst beständig Misserfolge erleben, und sie erwähnt es ausdrücklich. Sie sieht es aber nicht ein, dass andere, ihre eigenen Kinder dafür enttäuschende Erfahrungen machen. Dass es fair sein könnte, in der Schule verschiedene Intelligenzen oder Begabungen anzusprechen, auf die Robin mit Bezug auf Howard Gardner hinweist  – auf die Idee kommt sie offenbar gar nicht.

Für die Kinder, die stärker motorische als kognitive Fähigkeiten haben, müssen dann eben deren Eltern eintreten, möglicherweise mit einer eigenen Petition für die Bundesjugendspiele. Wenn sie das nicht tun, sind sie selber schuld.

So aber funktioniert Elternarbeit in der Schule nicht. Es ist wichtig, unter den Eltern einer Klasse ausreichend viele zu haben, die nicht allein für die Interessen ihrer Kinder eintreten, sondern die das Interesse der ganzen Klasse im Auge haben. Wenn es davon ausreichend viele gibt, kann die Klasse auch ein paar Eltern-Egoisten vertragen. Aber nur dann.


Ein ganz frisches Beispiel dafür, wie wichtig die Bundesjugendspiele sein können, auch wenn sie für einzelne enttäuschend sind: Ein Mädchen meiner siebten Klasse hatte in diesem Jahr dabei sehr gute Resultate. Im Weitsprung und im Sprint erreichte ein einziger Junge bessere Ergebnisse als sie, ansonsten war sie besser als sämtliche Mädchen und sämtliche Jungen der Klasse.

Dasselbe Mädchen aber hält ansonsten, im anderen Unterricht, sehr wenig von sich und hadert oft mit sich selbst. Soll man ihr nun die Möglichkeit für ein außergewöhnliches Erfolgserlebnis nehmen, nur weil andere frustriert waren, dass sie – vielleicht ausnahmsweise mal – auf hinteren Plätzen gelandet sind?


Grenzüberschreitungen und Verlustängste Aber auch den eigenen Kindern gegenüber finde ich die Petition von Finke falsch. Lernen ist nun einmal ein Überschreiten bisheriger Grenzen. Es ist naheliegend, dass das manchmal schmerzhaft, anstrengend, sogar angsteinflößend sein kann. Aber – es kann eben deshalb auch mit enorm intensiven positiven Erfahrungen verbunden sein.

Das ist, nebenbei bemerkt, in meinen Augen ein weiterer Grund, weshalb Schule oft so langweilig ist: Viele, von den Schulbüchern bis zu den Lehrkräften, vermeiden Risiken und versuchen vor allem, nicht anzuecken. Das aber ist eine Haltung, die regelrecht lernfeindlich ist.

Es ist für Kinder und Jugendliche, und auch noch für Erwachsene, ungeheuer wichtig, die Erfahrung zu machen, dass sie die eigenen Grenzen überschreiten können – dass sie z.B. etwas schaffen können, was sie sich nicht zugetraut hätten. Der Sport ist für solche  Erfahrungen besonders günstig.
 
Ich hab vor einer Weile einmal bei einem 100-Kilometer-Trail mitgemacht. Das war ausgesprochen gaga, und ich hatte hinterher ca. eine Woche lang Muskelkater. Aber es war auch sehr gut zu merken, dass ich so etwas kann.

Natürlich können Grenzüberschreitungen auch misslingen, schmerzhaft sein – und bei Kindern ist es natürlich Aufgabe der Erwachsenen, darauf zu achten, dass sie sich nicht in unnötig große und ernsthaft gefährliche Risiken begeben. Aber Kindern und Jugendlichen solche Erfahrungen ganz zu verweigern, weil sie ja unangenehm und verletzend sein können – das nimmt ihnen sehr viel, und sehr viel Wichtiges.

Ich habe dabei unwillkürlich einen Verdacht, der möglicherweise ungerecht ist, aber trotzdem nahe liegt. Wenn Eltern dafür sorgen, dass Kinder ihre Grenzen nicht überschreiten, dann ist das auch Verlustängsten der Eltern selbst geschuldet. Denn eine der wichtigsten Grenzen, die ihre Kinder überschreiten müssen, ist ja die aus der Familie heraus, weg von den Eltern.

Auch hier sind es also möglicherweise die eigenen Schmerzen, die Eltern fürchten – nicht die der Kinder.


Warum das alles nicht im Rahmen eines Wettbewerbs geschehen soll, verstehe auch ich nicht. Auch Notengebung und Notenspiegel haben eben, so Robin, an sich schon einen Wettkampfcharakter, und in anderem Unterricht ist die Teilnahme ebenfalls nicht freiwillig.

Es kann dann möglicherweise sogar erleichternd sein, Wettkämpfe zwischendurch einmal etwas spielerischer und sportiver auszutragen. Wichtig ist eben nur, diese Wettbewerbe nicht so auszuwählen, dass immer dieselben verlieren.

Es gibt daher schon viele unterschiedliche Wettbewerbe für die Schulen. Es gibt Schreibwettbewerbe, es gibt Lesewettbewerbe im Fach Deutsch und in den Fremdsprachen, große Englisch-Wettbewerbe, Mathe-Wettbewerbe, naturwissenschaftliche Wettbewerbe, es gibt bundesweite Preise für gesellschaftswissenschaftliche Projekte, etc. Warum wird es plötzlich zum Problem, wenn es auch einmal im Jahr einen sportlichen Wettbewerb gibt – wenn es zwischendurch auch einmal darum geht, den Körper zu bewegen, anstatt ihn stillzustellen?

Möglicherweise kennt Christine Finke die anderen Wettbewerbe nicht, weil es die an der Schule ihrer Kinder nicht gibt. Dann kann sie sich, zum Beispiel, engagiert dafür einsetzen, dass sie dort eingeführt werden. Das wäre ganz gewiss sinnvoller, als sportliche Wettkämpfe abzuschaffen.

Es würde allerdings ganz gewiss auch keine solch extreme Resonanz in den Massenmedien haben wie die Petition gegen die Bundesjugendspiele. Aber möglicherweise fände sich ohnehin das eine oder andere Problem, über das dort stattdessen diskutiert werden könnte.

Kommentare:

  1. hallo,
    hier wirkt doch noch etwas anderes nur all zu bekanntes:
    Gibts da nicht so eine Bewegung, die für alles und jedes Safe Spaces reklamiert?

    Wo alles und jedes belastende Ereignis mit Triggerwarnungen versehen werden muss, damit man nicht davon traumatisiert wird?
    Dort wird auch verhindert, mit den eigenen Grenzen in Berührung zu kommen, indem man das in irgend einer Weise als Diskriminierung darstellen kann.

    Ist das nicht der selbe Zeitgeist?

    Ansonsten komme ich nicht drum herum, hier dringesnd darauf hinzuweisen, dass mir der Herr Hüther in jeder seiner Verlautbarungen zutiefst suspekt ist.
    http://www.zeit.de/2013/36/bildung-schulrevolution-bestsellerautoren
    https://www.psiram.com/ge/index.php/Gerald_H%C3%BCther

    Er ist ein Scharlatan, ein möchtegern-Wissenschaftler, der wissenschaftlich so ziemlich nichts geleistet hat.
    Seine Publikationen sind im Wesentlichen alle populärwissenschaftlich. Er ist ein Schwätzer.
    Er lässt sich gerne als der "bekannteste Hirnforscher Deutschlands" vorstellen. Das ist in ungefähr so richtig wie Angela Merkel die bekannteste Physikerin deutschlands ist. Er hält sein Gesicht halt besonders oft in Kameras. Da hat er gute Beziehungen zur Presse entwickelt. Aber das liegt nicht an seinen wissenschaftlichen meriten, die hat er nämlich nicht.

    Es kommt natürlich auch mal vor, dass er etwas richtiges sagt, das will ich nicht bestreiten. Es sind nun mal diehalben wahrheiten, die die schlimmsten Unwahrheiten sind. Oder es sind Allgemeinplätze von solcher Allgemeingültigkeit, dass da wirklich niemand mehr widersprechen kann. Andererseits zieht er dann daraus wieder Schlussfolgerungen, die oftmals sehr weitreichend sind, und die einfach so nicht zu ziehen sind.

    Ich finde man sollte sehr sehr vorsichtig sein, diesen Herrn zu zitieren. Schon mal allein, um ihm nicht ständig eine Plattform zu bieten.

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    1. In dem verlinkten Artikel geht es ja vor allem um die Bedeutung körperlicher Bewegung für die Entwicklung. Robin weist in ihrem Text ausdrücklich darauf hin, dass Hüther nur im dritten Teil des Textes vorkommt - den Hinweis hab ich weggelassen, weil ich das Thema hier gar nicht eingehend behandeln wollte.

      Es gibt in der Hirnforschung schon länger Versuche, Konsequenzen für die Pädagogik zu beschreiben - lange Zeit war Manfred Spitzer dabei die bekannteste und öffentlichkeitswirksamste Figur. Ich finde sien Buch "Lernen" auch tatsächlich lohnend.

      Auffällig ist allerdings, dass aus der Hirnforschung eigentlich keine neuen Ergebnisse kommen, sondern Thesen formuliert werden, die lange schon bekannt sind. Die Bedeutung der Körperlichkeit und der Emotionen hat beispielweise Pestalozzi in seiner Formulierung des Lernens mit Kopf, Herz und Hand schon vor Jahrhunderten betont.

      Gleichwohl gibt es auch von der Pädagogik aus Antworten auf die Annäherungsversuche der Hirnforschung, die ihrerseits verkürzend sind und die mit Strohmannargumenten arbeiten - etwa dem, dass die Hirndforschung verkünde, wir würden nur einen Bruchteil unseres Hirnpotenzials nutzen oder dass es ihr zuförderst um das Zusammenspiel der Hirnhälften ginge.

      Ich würde das sehr viel tiefer hängen. Hinweis der Hirndforschung zur Pädagogik sind deswegen nützlich, weil sich damit uralte pädagogische Frontstellungen umgehen lassen. Mit ihr kann man sowohl auf die Bedeutung der Wiederholung für das Lernen (konservativ!) als auch auf die Bedeutung des individuellen Handelns und der Emotionen (progressiv!) hinweisen.

      Im Zusammenhang von Robins Artikel finde ich den Hinweis auf Hirnforschung noch in besonderer Weise interessant: Es geht eben nicht nur darum, dass irgendwie das Hirn etwa tut - sondern darum, dass die Entwicklung des Hirns und körperliche Bewegung verbunden sind. Das ist eine simple Feststellung, für Schule aber trotzdem relevant.

      Ansonsten stimmt es aber - es wäre gut, wenn sich Leute wie Hüther oder Precht, der auch im verlinkten Zeit-Artikel an- und vorgeführt wird, etwas besser mit Schule auskennen würden, bevor sie sich mit großer Geste dazu äußern. Über Precht hatte ich hier sogar mal, in diesem Sinne, einen Artikel:
      http://man-tau.blogspot.de/2013/04/wie-richard-david-precht-und-ich-die.html

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  2. Für mich hat der Schulsport die Lust auf Sport für den Rest meines Lebens verleidet. Bundesjugendspiele sind zum Kotzen: Es spricht ja grundsätzlich nichts gegen einen Tag voller Demütigungen, aber diese sollten dann doch bitteschön erotischer Natur sein und nicht sinnlos und destruktiv. :-) Insofern herzlichen Dank für den Link zur Petition, die ich gerne unterschreibe.

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    1. Ein Tag voller sinnvoller erotischer Demütigungen ist an den Schulen nicht vorgesehen, und meines Wissens gibt es auch nirgendwo Bildungspläne, die das ändern wollen. Was ich übrigens durchaus erleichternd finde.

      Interessant finde ich aber trotzdem, wie viele der Unterzeichner sich auf ihre persönlichen Erfahrungen beziehen und daraus direkt allgemeine politische Forderungen ableiten. Das ist etwas, das für Sportlehrer interessant sein müsste: Wie viele Menschen es offenbar gibt, denen der Sportunterricht bleibend die Freude an der Bewegung verdorben hat.

      Ich hab mal bei zwei Klassen desselben fünften Jahrgangs, die beide einen sportlichen Schwerpunkt hatten, zwei ganz unterschiedliche Sportlehrer erlebt. Einer hatte einen strikten Leistungssportgedanken, einer ging von Breitensport und Teamgeist aus. Beide haben die Klassen über den Sportunterricht hinaus sehr geprägt, der zweite war für das Klassenklima deutlich positiver. Bei dem ersten hingegen hatten etwa ab der achten Klasse auch sportliche Schüler keine rechte Lust mehr auf das Fach.

      Als Nicht-Sportlehrer glaube ich, dass guter Sportunterricht ein Segen sein kann, auch über den Sportunterricht hinaus. Schlechter Sportunterricht hingegen produziert offenbar Verletzungen, die jahrzehntelang bestehen bleiben.

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    2. > Ein Tag voller sinnvoller erotischer Demütigungen ist an den Schulen nicht vorgesehen, und meines Wissens gibt es auch nirgendwo Bildungspläne, die das ändern wollen. Was ich übrigens durchaus erleichternd finde.

      Pfft. Spießer. :p

      Noch mal vom Ironischen ins Deutsche übersetzt: Ich halte Erniedrigungen höchstens als Teil eines freiwilligen Rollenspiels für sinnvoll und nicht als Teil einer Institution, der man ausgeliefert ist und der man sich nicht entziehen kann.

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    3. Ach, wüßte ich nur, welche Rolle ich spiele ... Sportlehrer spielten jedenfalls für meine sportliche Entwicklung keine Rolle. Die meisten von ihnen waren Schmalspurlehrer, die ich längst vergessen habe. Einer nur blieb mir in Erinnerung, er was wohl zuerst Spieß gewesen, ehe er an die Schule kam, jedenfalls jagte er uns die Seile rauf und runter und wer nicht oben anschlagen konnte, dem brummte er irgendeine stumpfsinnige Bewegungseinheit auf.

      Nichtsdestotrotz war ich Zeit meines Lebens sportlich aktiv. Derzeit verfeinere ich meine Schwimmtechnik.

      Allerdings empfinde ich den Kurzschluß mancher Eltern, ihre Kinder vor ihrer einstigen Blamage zu bewahren, schon für recht seltsam. In verdichteten Fällen bezeichne ich derlei Ambitionen als "weißen Missbrauch"; womit ich meine, dass die Kinder durch einen extremen Laissez-fair und gleichzeitiger neurotischer Behütung zu lebensunfähigen Waiserln gezogen werden.

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    4. "Wie viele Menschen es offenbar gibt, denen der Sportunterricht bleibend die Freude an der Bewegung verdorben hat."

      "Als Nicht-Sportlehrer glaube ich, dass guter Sportunterricht ein Segen sein kann, auch über den Sportunterricht hinaus. Schlechter Sportunterricht hingegen produziert offenbar Verletzungen, die jahrzehntelang bestehen bleiben."

      Bleibt erneut festzuhalten, dass auch das für so ziemlich alle Fächer gilt, nicht nur für Sport.

      Schlechter Matheunterricht verleidet die Freude an Mathematik und Logik, schlechter Geschichtsunterricht die Freude an Gschicte, schlechter Musikunterricht die Freude an Musik und schlechter Kunstunterricht die Freude an Kunst.
      Zumindest subjektiv, bei den Leuten, die offenbar jeweils ohnehin keinen so rechten Bezug dazu haben.

      Sollen wir deshalb de Schuke abschaffen?
      Oder doch vielleicht eher etwas gegen schlechten Unterricht tun?

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  3. Leszek hat mir im Bezug auf den Artikel eine Mail geschrieben - er habe mehrmals vergeblich versucht, hier einen Kommentar zu veröffentlichen. Von solchen Problemen habe ich nun schon zum wiederholten Male, und von verschiedenen Lesern, gehört, ich kann hier aber leider nichts daran ändern. Daher bereite ich auch einen Umzug dieses Blogs zu wordpress vor - wenn alles klappt, im nächsten Monat.

    Hier aber erst einmal Lezeks Kommentar - vielen Dank dafür!

    "Hi Schoppe,

    „Da bin ich übrigens völlig anderer Meinung als Leszek, der in seinem Kommentar bei Robin den Sportunterricht als Eingriff in die körperliche Selbstbestimmung beschreibt.“

    Nicht den Sportunterricht an sich, sondern den Zwang zum Sportunterricht. Tatsächlich spreche ich mich in dem Kommentar sogar für mehr Schulsport-Angebote aus, aber als freiwillige Angebote.

    „Daher hat Leszek in meinen Augen in diesem Punkt auch Unrecht: Nicht spezifisch der Sportunterricht greift in die körperliche Selbstbestimmung ein – wenn schon, dann tut dies der gesamte Unterricht.“

    Auf Unterschiede hinsichtlich des körperlichen Zwangs beim Schulsport und bei anderen Fächern, bin ich in zwei Kommentaren in einer Diskussion bei erzaehlmirnix eingegangen. Leider habe ich gerade zu wenig Zeit es zu wiederholen, daher verlinke ich mal den Strang:

    https://erzaehlmirnix.wordpress.com/2014/12/11/stolz-2/comment-page-1/

    „Das aber wird nicht problematisiert – problematisch wird Schule für viele offenbar erst, wenn ausnahmsweise einmal etwas anderes getan wird, als am Tisch zu sitzen.“

    Es wird dich vermutlich wenig wundern, dass ich wesentlich Anhänger verschiedener freiheitlicher reform- und alternativpädagogischer Ansätze bin, (der libertäre Sozialismus verfügt über vielfältige praktische Erfahrungen mit freien Alternativschulen). Und natürlich problematisiere ich auch andere Dinge im Zusammenhang mit Schulzwang, nur nicht in diesem Kommentar, aber z.B. (auch auf Robins Blog in einer Diskussion mit Maren) in diesem Kommentar:

    https://robinsurbanlifestories.wordpress.com/2014/12/15/abtreibung-und-beratung-teil-2-ein-zwang-der-eigentlich-nur-eine-pflicht-ist-und-manchmal-eine-chance-sein-kann/comment-page-1/#comment-3999

    Das nur zum Kontext meiner Aussagen.

    Beste Grüße"

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    1. @ Leszek Ich zitiere hier einmal zwei Ausschnitte aus Deiner verlinkten Diskussion bei Erzählmirnix:

      gruenkariert: “Wenn ich Mathe hasse und muss dort sitzen, ist mein Recht auf körperliche Selbstbestimmung ebenfalls massiv eingeschränkt.”

      Leszek: "Ja, aber nur als Mittel zum Zweck, die Herrschaft über den Körper ist hier weniger direkt und unmittelbar und wird daher im Allgemeinen auch nicht so wahrgenommen. Die meisten, die unter dem Zwang zu Mathematik in der Schule leiden, leiden nicht darunter, dass hier Zwang über ihren Körper ausgeübt wird, sondern dass sie gezwungen werden sich mit hochabstrakten Dingen zu beschäftigen, die sie nicht interessieren und größtenteils nicht brauchen."

      (...)

      gruenkariert: “Wenn also etwas die körperliche Selbstbestimmung von Schulkindern eingrenzt, dann ist es die Schulpflicht und die Art und Weise, wie oft immer noch Unterricht gestaltet wird.”

      Leszek: "Was nichts daran ändert, dass die Einschränkung der körperlichen Selbstbestimmung in der Regel nirgends direkter und unmittelbarer erlebt wird als beim Zwang zum Schulsport (immer vorausgesetzt, dass einem das Fach keinen Spaß macht).
      Ich fühlte mich in meiner Schulzeit z.B. sowohl durch den Zwang zum Sport als auch durch den Zwang zur Mathematik unterdrückt und ich kann dir versichern – das fühlt sich ziemlich verschieden an."

      Das fühlt sich allerdings auch deswegen verschieden an, weil wir es so gelernt haben. Für kleine Kinder kann der Zwang, ganz still zu sitzen, ausgesprochen quälend sein.

      Vermutlich gehen wir unwillkürlich davon aus, dass der Stillstand gleichsam der natürliche Zustand des Körpers ist, und dass es eben zusätzlicher Energie bedarf, um ihn in Bewegung zu setzen – wie bei einer Maschine (das Verständnis des Körpers als eine Art Maschine hat ja eine jahrhundertealte Tradition).

      Zumindest im Wachzustand stimmt das so aber nicht – dort ist eher ein natürlicher Zustand, in Bewegung zu sein, wenn auch natürlich nicht in beständiger sportlicher Bewegung. Wir müssen es hingegen erst einmal lernen, den Körper für längere Zeit still stellen zu können – und das ist eine Disziplinierung, die Energie kostet.

      Möglicherweise ist das sogar gerade ein Problem der traditionellen Schule – dass diese Selbstdisziplinierung sich irgendwann ganz natürlich anfühlt. Das bedeutet übrigens noch lange nicht, dass sie rundweg sinnlos oder nichts als ein Herrschaftsmittel ist.

      Dass ausgerechnet ein Unterricht, der nicht auf körperliche Stillstellung setzt, in der Petitionsdebatte so kritisiert wird, sagt wohl nicht nur über den Sportunterricht etwas aus, sondern auch darüber, wie viele heute noch die Schule erleben.

      Sie ist eine Zwangsinstitution, und in aller Regel akzeptieren wir diesen Zwang stillschweigend, rebellieren nicht offen dagegen – und werden im Gegenzug weitgehend von der Schule in Ruhe gelassen. Das ist der Deal.

      Wer sich nun aber im Sportunterricht exponieren muss, kann das durchaus als Bruch einer stillschweigenden Vereinbarung verstehen. Als Kündigung nämlich des vereinbarten Tauschgeschäfts der zumindest oberflächlichen Anpassung an die Schule auf der einen Seite gegen die Sicherheit, weitgehend in Ruhe gelassen zu werden, auf der anderen Seite. Insofern geht es hier aber um Probleme, die gar nicht exklusiv mit dem Sportunterricht zu tun haben, sondern die sich nur an ihm kristallisieren.

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    2. "Ich fühlte mich in meiner Schulzeit z.B. sowohl durch den Zwang zum Sport als auch durch den Zwang zur Mathematik unterdrückt und ich kann dir versichern – das fühlt sich ziemlich verschieden an."

      Da kann ich Leszek zustimmen. In Mathe war ich auch scheiße. Ich erinnere mich zum Beispiel noch gut an eine Stunde in der Elften, in der unsere Mathelehrerin mit der Klasse diskutierte, ob sie es verantworten könne, mir in Mathe einen einzigen Punkt zu geben, weil null Punkte automatisch eine Nicht-Versetzung bedeutet hätte. Ich selbst bekam von der Diskussion nur die Hälfte mit, weil ich anfangs noch in der Schulbücherei saß und Schach spielte. (Meine Mathelehrerin gab mir dann auf gutes Zureden anderer Lehrer einen Gnadenpunkt, weil ich in diversen anderen Fächern zu den Klassenbesten gehörte und man es deshalb allzu irre fand, wenn ich sitzenbleiben würde.)

      Trotzdem war Mathe für mich lange nicht so destruktiv wie der Sportunterricht. In der Zwölften haben wir den ganzen abstrakten Kram hinter uns gelassen und mit Statistik und Stochastik angefangen, womit ich immerhin so auf acht bis zehn Punkte kam. Und bei der Prüfung der intellektuellen Fähigkeiten im Zusammenhang mit der Musterung durfte ich feststellen, dass ich Textaufgaben besser und schneller lösen konnte als die Cracks mit Mathe Leistung, die offenbar keinen einfachen Dreisatz mehr beherrschten.

      Mathe hat mir nicht auf lange Zeit alles mit Zahlen und Rechnen so verleidet wie mir der Sportunterricht für einige Jahrzehnte die Freude an der Bewegung verleidet hat.

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    3. @Arne Hoffmann: Hoert sich fuer mich nach der sehr ueblichen Selbst-Glorifizierung an, diese Mischung aus Berichten von Niederlagen, vermischt mit Siegererzaehlungen (wo dann die "tiefere Wahrheit" durchscheint).
      "Freude an der Bewegung" ist blosse Ideologie --- wenn es sie dann gab, dann haette die Schule sie nicht behindert. Wohl die Phantasie des unschuldigen Paradieses, aus dem man vertrieben wurde.
      Und Machtphantasien: an die soziale Herrschaft zu kommen, und es all denen, die Kraft, Schnelligkeit oder Beweglichkeit haben, es mal ordentlich zu zeigen. Die "richtige Bewegung", wobei ich mir hier nun was total "entschleunigtes", so total "nett", vorstelle. Verwaltete Langeweile, die Freude an der Bewegung" (ewige Grinserei).

      Viel produktiver, gerade im "hoeheren Alter" (40er bis 50er, wo man ploetzlich feststellt, wie alles auseinaderfaellt) -- der Wettkampf!

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    4. > @Oliver K: Hoert sich fuer mich nach der sehr ueblichen Selbst-Glorifizierung an, diese Mischung aus Berichten von Niederlagen, vermischt mit Siegererzaehlungen (wo dann die "tiefere Wahrheit" durchscheint).

      Tut mir Leid, dass ich dir keinen Bericht aus lauter Niederlagen liefern konnte, auch wenn's Dich stört. Aber du bist vermutlich wesentlich sachkundiger als ich, was mein Leben angeht, also ignoriere ruhig, was ich darüber erzähle. :)

      Aber ich kann verstehen, wie man so drauf kommt: Wenn du natürlich nur Kraft, Schnelligkeit und Beweglichkeit zu bieten hast und dann feststellen musst, dass dir das alles beim beruflichen und sozialen Vorwärtskommen so gar nicht hilft, weckt das vermutlich Frustrationen und Neidreflexe. Vermutlich trauerst du dann auch dem Schulsport hinterher, weil du wenigstens in diesem Bereich noch der King sein konntest. Warren Farrell hat ja über diese Tragik geschrieben: In der Schule waren die "jocks", also die sportlichen Typen noch die Kings, haben Mädels abgegriffen und die "nerds" an die Wand geklatscht. Dann wurden sie irgendwann 19 (oder im Falle der "jocks" meinetwegen 21), und ihre ganze Welt hat sich auf den Kopf gestellt. Die "nerds" machten die Kohle und punkteten deshalb bei den Frauen, während die "jocks" plötzlich die Verlierer waren: "Tut mir Leid, Chef, das kapier ich nicht, aber wollen Sie mal meine Muskeln sehen?" Doofes System.

      Viel Spaß noch in der Muckibude oder beim Joggen, was ja beides von Langeweile Lichtjahre entfernt ist. :-)

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    5. @ Schoppe

      "Das fühlt sich allerdings auch deswegen verschieden an, weil wir es so gelernt haben. Für kleine Kinder kann der Zwang, ganz still zu sitzen, ausgesprochen quälend sein."

      Dann wäre es natürlich wichtig, dies in der Lehrerausbildung auch zu thematisieren. Ein halbwegs guter Lehrer sollte m.E. sowieso niemals fordern, dass Schüler GANZ STILL sitzen.
      Aber ich persönlich hatte das Glück, dass dies auch kein Lehrer von mir bzw. meinen Mitschülern gefordert hat.

      Ich persönlich habe das relative Stillsitzen in der Schule nicht als besonders problematisch empfunden, aber das sieht bei einem Schüler mit starkem Bewegungsbedürfnis natürlich anders aus.

      Das Problem ergibt sich aus dem Verhältnis nach dem Ausmaß geforderten Stillsitzens und dem Ausmaß des persönlichen Bewegungsbedürfnisses. Ein Schüler mit starkem Bewegungsbedürfnis, der einen Lehrer hätte, der großen Wert auf Stillsitzen läge, hätte also die Arschkarte gezogen. Du hast natürlich völlig Recht, dass auch dies eine Form schulischer körperlicher Unterdrückung darstellt.

      "Vermutlich gehen wir unwillkürlich davon aus, dass der Stillstand gleichsam der natürliche Zustand des Körpers ist, und dass es eben zusätzlicher Energie bedarf, um ihn in Bewegung zu setzen – wie bei einer Maschine (das Verständnis des Körpers als eine Art Maschine hat ja eine jahrhundertealte Tradition).
      Zumindest im Wachzustand stimmt das so aber nicht – dort ist eher ein natürlicher Zustand, in Bewegung zu sein, wenn auch natürlich nicht in beständiger sportlicher Bewegung. Wir müssen es hingegen erst einmal lernen, den Körper für längere Zeit still stellen zu können – und das ist eine Disziplinierung, die Energie kostet."

      Daraus folgt aus meiner Perspektive aber nicht, dass als Ausgleich für das relative Stillsitzen eine autoritäre Maßnahme wie erzwungener Sport die angemessene Lösung ist, zumal das bezüglich dieses Beispiels ja auch nicht viel bringen würde, die Schüler müssten ja trotzdem die meiste Zeit still sitzen. Hier wäre wohl eher zu überlegen, wie viele Pausen von welcher Länge man idealerweise einbaut, in denen dann das Bedürfnis nach Bewegung befriedigt werden kann. Zu einer möglichst großen Zahl FREIWILLIGER Sportangebote steht dies natürlich nicht im Widerspruch.

      "Möglicherweise ist das sogar gerade ein Problem der traditionellen Schule – dass diese Selbstdisziplinierung sich irgendwann ganz natürlich anfühlt. Das bedeutet übrigens noch lange nicht, dass sie rundweg sinnlos oder nichts als ein Herrschaftsmittel ist."

      Natürlich nicht.

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    6. @ Schoppe

      "Dass ausgerechnet ein Unterricht, der nicht auf körperliche Stillstellung setzt, in der Petitionsdebatte so kritisiert wird, sagt wohl nicht nur über den Sportunterricht etwas aus, sondern auch darüber, wie viele heute noch die Schule erleben.
      Sie ist eine Zwangsinstitution, und in aller Regel akzeptieren wir diesen Zwang stillschweigend, rebellieren nicht offen dagegen – und werden im Gegenzug weitgehend von der Schule in Ruhe gelassen. Das ist der Deal.
      Wer sich nun aber im Sportunterricht exponieren muss, kann das durchaus als Bruch einer stillschweigenden Vereinbarung verstehen. Als Kündigung nämlich des vereinbarten Tauschgeschäfts der zumindest oberflächlichen Anpassung an die Schule auf der einen Seite gegen die Sicherheit, weitgehend in Ruhe gelassen zu werden, auf der anderen Seite. Insofern geht es hier aber um Probleme, die gar nicht exklusiv mit dem Sportunterricht zu tun haben, sondern die sich nur an ihm kristallisieren."

      Ich denke schon, dass der Zwang zum Schulsport etwas Spezifisches hat, was man für eine Beurteilung mitberücksichtigen muss. Da er viel direkter und unmittelbarer auf den Körper abzielt als andere Fächer und der Körper andererseits das zentrale Identifikationsobjekt innerhalb der physischen Welt für den Menschen ist, wird der Zwang zum Schulsport von Schülern, die darunter leiden, stärker auf einer anderen Ebene erlebt als bei Schülern, die unter anderen Fächern leiden (was natürlich auch scheiße ist und was ich in meinem präferierten pädagogischen Konzept auch berücksichtige).

      Der Unterschied in phänomenologischer Hinsicht wird vielleicht klarer, wenn wir ihn uns an einem anderen Beispiel von Zwang über den Körper verdeutlichen:

      Nehmen wir an, Person 1 würden spontan von Person 2 bedroht und Person 2 würde Person 1 dazu zwingen im Kreis zu hüpfen, Purzelbäume zu schlagen oder bestimmte Ballspiele auszuführen.

      Oder nehmen wir an Person 2 würde Person 1 bedrohen und dazu zwingen ein Bild zu malen oder eine Mathe-Aufgabe zu lösen oder einen Text zu schreiben oder vorzulesen.

      Immer vorausgesetzt, dass die erzwungenen Aufgaben prinzipiell für Person 2 ausführbar und lösbar wären, so würden wohl trotzdem im direkten Vergleich die meisten Menschen die erste Variante als demütigender empfinden als die zweite, einfach weil hier die Herrschaft über den Körper viel direkter ausgeübt wird, der Körper viel unmittelbarer zum Objekt eines fremden Willens wird.

      Weil der Körper das zentrale Identifikationsobjekt für Menschen innerhalb der physischen Welt darstellt, wird nun für Schüler, die unter dem Zwang zum Schulsport leiden, (über die Demütigung die sich durch die direkte Herrschaftsausübung über den Körper automatisch herstellt) auch die Demütigung gegenüber anderen Schülern, wenn sie beim Sport nicht gut sind, besonders stark erlebt.

      Hier geht es eben nicht einfach nur darum, dass man in etwas schlecht ist, sondern der Bezugspunkt der Abwertung ist das unmittelbarste physische Identifikationsobjekt der Persönlichkeit. (Es ist schon aus evolutionär-psychologischer Perspektive potentiell leicht erklärbar, warum dies als besonders unangenehm empfunden wird, denn es führt potentiell für beide Geschlechter zu einem Absinken der Attraktivitätsmerkmale für das andere Geschlecht.)

      Damit will ich nun wie gesagt die Wichtigkeit der antiautoritären Kritik an anderen Formen von Schulzwang nicht relativieren, auch diese kann man einer gesonderten kritischen Analyse unterziehen. (Ich bejahe die antiautoritäre Tradition der Pädagogik im weitesten Sinne.)
      Ich will nur sagen, dass dem Zwang zum Schulsport etwas Spezifisches innewohnt, was ihn von dem Zwang bezüglich der meisten anderen Fächer unterscheidet und dass es erklärbar ist, dass Menschen, die unter dem Zwang zum Schulsport gelitten haben, diesem auch im Nachhinein sehr negativ gegenüber stehen.
      Dass der Zwang zum Schulsport oft mit einem pädagogischen Gegenteileffekt einhergeht, also die Lust am Sport allgemein dadurch gesenkt wird, hatte ich ja schon erwähnt.






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    7. @ Leszek Ich glaube auch, dass der Zwang beim Sport eine besondere Qualität hat. Ich würde sie aber etwas anders beschreiben.

      Alles, was Schüler dazu bringt, in der Schule aus sich heraus zu kommen, macht sie verletzbar. Das ist z.B. ein Problem mit kreativen, "produktiven" Texten in den sprachlichen oder auch gesellschaftswissenschaftlichen Fächern. Solche Texte sind oft deutlich genauer, engagierter und auch interessanter als rein analytische Texte - aber ich habe auch schon erlebt, dass Schüler oder Studenten sich damit regelrecht entblößen. Dass sie darin Dinge von sich preisgeben, die sie sehr verletzbar machen.

      Es ist auch illusionär zu denken, das könne jederzeit kontrolliert werden - weder von denen, die schreiben, noch von denen, die dann darauf reagieren.

      Ich glaube, dass wir demgegenüber die Sedierung und Stillstellung im Unterricht als relativ normal erleben, weil das eigentlich das ist, was wir alle kennen. Damit machen sich Schüler auch weit weniger verletzbar, können sich besser zurückziehen, geben deutlich weniger von sich preis.

      Nur glaube ich eben, dass es illusionär ist zu denken, ein solcher Unterricht hätte keine negativen Folgen. Man erlebt darin die Selbstdisziplinierung in Langeweile als alltägliche Realität und muss auch noch die Erwartung bedienen, man würde damit "Bildung" erwerben.

      Mein Punkt nun ist: Das Problem, das im Sportunterricht deutlich wird, und auf das Du und Arne (u.a.) hinweisen, ist ein reales Problem der Institution Schule - aber es ist eben ein Problem, das sich aus dieser Institution ergibt, nicht aus dem Fach Sport. Du hast allerdings Gründe genannt, warum es sich im Sport besonders deutlich zeigt.

      Ich bin gleichwohl anderer Meinung als Du oder Arne, weil ich glaube, dass die Alternative dazu nicht besser ist. Wer Kinder und Jugendliche nicht sediert, wird sie Risiken aussetzen, auch Risiken der Verletzung - wer sie vor diesen Risiken schützen will, muss sie stillstellen. Und die Folgen DAVON sind auf Dauer deutlich schlimmer - davon bin ich zumindest überzeugt.

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  4. Schule bildet (erzeugt) den Menschen --- die Rede von der "koerperlichen Selbstbestimmung" ist Teil der Degenerierung des Menschen zum Tier, die von Wirtschaft und Politik heutzutage verlangt wird (die "Wirtschaft" braucht nur noch wenig Ausgebildete, die "Politik" findet nur noch zum Schein statt), und von Neoliberalen und Linken nur allzugerne propagiert wird (fuer ihr jeweiliges Klientel). Hierher passt auch die perverse Sexualisierung an den Schulen und Kindergaerten: Erzeugung von Sexsklaven.

    Schule muss das lehren, was man nicht auf der Strassse lernt.

    Sport hat da aber eine Sonderstellung. Es ist nicht das Militaer, sondern der Kampf an sich, jener uralte Instinkt, was dem Sport seine unheimliche Kraft verleiht.

    Es projizieren alle: auch die, die in alle Schueler einen Bewegungsdrang hineinphantasieren (eine Phantasie vom "Kind" als dem reinen Erwachsenen).

    Also: zwei Arten von Schulsport-Unterricht: absolute Leisung und relative Leistung.
    Dieses wird hauptsaechlich von den Schuelern selbst bestimmt (wesensunterschiedlich von z.B. Mathematik), und sollte flexibel sein.
    Absolute Leistung: es zaehlt bloss, was am Ende dabei rauskommt, irrelevant Begabung etc.
    Relative Leistung: es zaehlt nur der persoenliche Fortschritt.

    Beides wird gebraucht. Manche Menschen zu manchen Zeiten brauchen die absolute Bestaetigung, und manche Menschen zu manchen Zeiten brauchen die relative Bestaetigung.

    Zentral: WORAUF KOMMT ES AN.

    Sport an sich ist irrelevant. Deshalb seine Sonderstellung. Es kommt nur darauf an, das mit dem Kind gemacht wird durch den Sport. Da gibt es viel zu entwickeln, geistig und koerperlich, und das gilt es zu optimieren. Es ist an sich irrelevant, ob jemand im Sport eine Pfeife ist (anders als in vergangenen Jahrtausenden), aber relative Koerperwahrnehmung ist wichtig fuer jeden Menschen, und GERADE die Menschen, die das nicht auf der Strasse lernen, braeuchten den relativen Sportunterricht (es wird auch benotet, aber die relativen Fortschritte).

    Wer nach absoluten Zahlen gut ist im Sport: Uralter Vorteil, der auch zum Menschen gehoert.

    Bzgl. der Bundesjugendspiele: An sich irrelevant, aber in der heutigen Wahn-Situation verschiedentlich aufgeladen. Ich persoenlich erinnere mich bloss noch an irgendwas irrelevantes.

    Wenn man obiges weiterschreibt (was man nicht muss): Bundesjugendspiele absolut und relativ. "Absolut" wie bisher, "relativ" wird schwieriger, hmm, wie Idioten-Olympiade, aber vielleicht koennte man was machen. Hm. Dann haette man aber wohl ganz exzessiv das Vermessen, die Schueler muessten klassifiziert werden in die jeweiligen Unfaehigkeitsgrade, um dann einen fairen Wettbewerb machen zu koennen.
    Verallgemeinerte Behindertenolympiade.
    Also fuer die Schueler, die "relativen Sport" gewaehlt haben, vielleicht einfach KEINE Veranstaltung.
    Ekelhaft sowas wie "jeder kriegt eine Medaille", wenn massenhaft organisiert (dann ist's blosse Propaganda).

    Schlussbemerkung: Ein grosses *wissenschaftliches* Problem hier ist, dass es heutzutage praktisch immer noch kaum Wissen gibt, wie relativ effiziente Bewegung in den Sportarten und Koerpertypus/Mentaltypus eines Menschen zusammenpassen. Ursache wohl, dass Sportwissenschaft immer noch groesstenteils den Spitzensport betrachtet, kaum ernsthaft den Massensport (etwas beginnt sich aber zu aendern).

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    1. @ Oliver K.

      "perverse Sexualisierung an den Schulen und Kindergaerten: Erzeugung von Sexsklaven."

      Wie kommst Du von dem einen zum anderen? Sexualunterricht und Aufklärung sind ja schon heisse Eisen. Was ich in den Diskussionen aber immer vermisse, sind entsprechende Alternativkonzepte in Zeiten wo die Kiddies mit ihrem Smartphones nur einen Klick von Hardcore-Pornos entfernt sind. Oder sollte man sie damit alleine lassen?...Ok, ist hier wohl eher off-topic...

      "...der Kampf an sich, jener uralte Instinkt, was dem Sport seine unheimliche Kraft verleiht. Es projizieren alle: auch die, die in alle Schueler einen Bewegungsdrang hineinphantasieren..."

      Der Kampf an sich als treibendes Element scheint mir selber eine Projektion zu sein. Es gibt schließlich auch jede Menge Sportarten, die konfrontationsfrei sind. BTW: Wenn es um "uraltes" geht: Der Fluchtinstinkt ist übrigens stärker als der Kampfinstinkt. Vielleicht liegt auch deswegen der Schwerpunkt der BJS auf Laufsport? *fg*

      Und Kinder sind sicher unterschiedlich, die einen haben einen größeren Bewegungsdrang, die anderen einen weniger stark ausgeprägten. Bewegungsdrang haben sie aber alle. Da schreit der sich entwickelnde Körper danach.

      "Ekelhaft sowas wie "jeder kriegt eine Medaille", wenn massenhaft organisiert"

      Warum? In einer idealen Welt wäre der Schulsport thematisch so breit aufgestellt, dass die Schüler in sehr viele verschiedene Sportarten reinschnuppern könnten. Und der Unterricht wäre so angelegt, dass natürliche Begabungen, die sich dann beim jeweiligen Schüler automatisch in weitergehendem Interesse äussern würde, durch Vermittlung in passende Sportvereinen gefördert würden.

      Nur, natürliche Begabungen müssen nicht zwangsläufig als "Du bist besser als die anderen hier" dargestellt werden. Sondern könnten auch direkt durch den Lehrer an den jeweiligen Schüler kommuniziert werden.

      Wie gesagt, in einer idealen Welt...

      Max

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  5. Diese Sportfeindlichkeit erinnert mich an die fat-acceptance-Bewegung: in beiden Fällen geht es um körperliche Defizite, Körper = Natur, darauf hat man angeblich keinen Einfluß, und natürliche Unterschiede und Defizite dürfen zwecks polkitischer Korrektheit nicht benannt oder sichtbar gemacht werden, so die Logik.
    Und in seinen persönlichen Gefühlen darf sowieso niemand beeinträchtigt werden, alle müssen von sich denken können, sie wären die schönsten und tollsten und schnellsten.

    Völlig absurd wird die sportliche Abstinenz in der Schule, wenn die Jugendlichen in die Pubertät kommen und ein großer Teil für teuer Geld in die Muckibude geht, um den eigenen Körper zu veredeln :-)

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    1. Zum Thema ".[Leszek] ..mehrmals vergeblich versucht, hier einen Kommentar zu veröffentlichen"

      Ist mir gerade mit diesem Kommentar auch passiert. Mehrere Versuche mit einer ziemlich neuen Firefox-Version (38.0), allerdings mit diversen Sicherheits-Addons (Adblock, Ghostery, Noscript, ...) schlugen fehl. Mit einer älteren Installation auf einem anderen Rechner hat es dann geklappt.
      Kurios, das Problem müßte eigentlich alle Blogs auf blogspot.de gleichermaßen betreffen und Protest auslösen.
      Interessanterweise ist auch die Anti-Roboter-Abfrage (wo man z.B. aus 9 Bildern 2 mit einem bestimmten Inhalt aussuchen mußte) bis auf einen einfachen Klick, man sei kein Roboter, verschwunden.

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    2. Es wird offenbart Zeit für einen Blogumzug... Ich kann ja nicht erwarten, dass jeder, der hier mal kommentieren möchte, dafür extra auf einen älteren Rechner ausweicht...

      Ich würde es auch einfach gern mal auf Wordpress ausprobieren - ich glaub, bis Mitte des Monats bekomm ich das hin. Ist zwar nicht gerade ein idealer Zeitpunkt, weil dann so langsam das Sommerloch immer größer wird und viele anderes zu tun haben, als in Blogs zu lesen - aber zumindest hab ich dann ein wenig berufliche Ruhe dafür.

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  6. Ich möchte inzwischen eigentlich nur noch draufhauen.
    Diese ganze debile Greinkacke, dieses "ich oder jemand anders kann was nicht so gut, darum muß das abgeschafft werden" Gewinsel widert mich nur noch an.

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  7. @ Martin

    "Ich möchte inzwischen eigentlich nur noch draufhauen."

    Vielleicht wäre ein bißchen freiwilliger Sport dir dabei behilflich dich abzureagieren.

    "Diese ganze debile Greinkacke, dieses "ich oder jemand anders kann was nicht so gut, darum muß das abgeschafft werden" Gewinsel widert mich nur noch an."

    Du solltest einen Umzug in ein diktatorisch regiertes Land in Erwägung ziehen, da ist Selbstbestimmung weniger angesagt und außerdem ist die Meinungspluralität dort geringer, so dass du nicht ständig mit den Ideen von Andersdenkenden konfrontiert wirst, die dich dazu bringen "nur noch draufhauen" zu wollen.

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    1. @Leszek

      Umzugstipps sind immer gut - "geh doch nach drüben!" war einer, den ich selber oft gehört habe! ;)

      Der absolut richtige Kern der Aussage von Martin und auch der von Oliver ist, dass man im Leben mit Dingen konfrontiert wird, die einem weder liegen (im Sinne von Begabung), noch muss man sie mögen (im Sinne eines Lustprinzips).

      Man muss sich - im Gegenteil - zwingen diese Dinge zu tun, weil die Auseinandersetzung mit diesen Dingen wichtig ist oder weil sie von einem erwartet werden (oder beides). Und für beides gibt es die Praxis der Übung oder des Trainings.

      Eine sportliche Wettkampfsituation beinhaltet dies und etwas darüber hinaus: Den Zwang, Leistung zu einem bestimmten Zeitpunkt abrufen zu müssen - ungeachtet deines physischen oder psychischen Zustands - und den *Willen*, in diesem Wettkampf zu gewinnen.

      Wobei "gewinnen" auch heißen kann - wenn der/die Gegner erheblich besser sind - *bestmöglich* zu verlieren.
      Sich also, wie es so schön heißt, "so teuer wie möglich zu verkaufen".

      Auch in diesem Fall kann man stolz vom Platz von Platz gehen im Bewusstsein, sein bestmögliches gegeben zu haben.

      Das verlangt aber von dir, eine realistische Einschätzung deiner eigenen Fähigkeiten und ihren Grenzen zu haben.
      Wie realistisch diese Einschätzung war, das zeigt dir dein Platz bspw. in einem Turnier, wie auch allgemein in Wettkämpfen.

      Wenn es nur zu einer Teilnahmeurkunde gereicht hat, dann war man in der Regel flächendeckend - also in *allen* Disziplinen - nicht gut genug.
      Das ist tatsächlich entweder mangelnde Begabung oder eben mangelnde Bereitschaft, sich für ein besseres Ergebnis anzustrengen, bzw. für ein besseres Ergebnis zu trainieren.

      Was mich - im vorliegenden Fall - skeptisch stimmt ist die Bereitschaft der Mutter, vor jeder Nachfrage die beiden letzteren Möglichkeiten komplett ausgeschlossen zu haben.
      D.h. für mich erscheint ihre Reaktion völlig unangemessen - entweder ihr Sohn bekommt als Grundeinstellung eine Ehrenurkunde oder man muss eben den Wettkampf in Gänze absagen.

      Das erspart ihm jedoch die wichtige Einsicht, durch eigenen Beitrag (Anstrengung, Training) in Zukunft besser werden zu können und auch zu wollen (Motivation, Ehrgeiz).
      Was sie tut ist nicht etwa, ihm zukünftige Niederlagen zu ersparen, sondern sie suggeriert ihm, es gäbe keine zukünftigen Niederlagen, würde Mami sich nur lange genug um ihn kümmern.
      Und Mami verhindert seine narzisstischen Kränkungen.

      Was damit verhindert, dass er eine autonome, männliche Persönlichkeit entwickelt, die sich der eigenen Fähigkeiten und deren Grenzen, seiner Stärken und Schwächen bewusst wird. Und vor allem wird ihm die Einsicht verbaut, dass zur Eigenentwicklung nun einmal die eigene Anstrengung und auch die Verantwortung für die Resultate dieser Anstrengung gehören.

      Und dazu gehört - als Mann - nicht nur das verkraften einer Niederlage, sondern auch der Stolz auf die eigene Leistung durch eigene Anstrengung.

      Mir scheint daher, als wäre die unausgesprochene, aber eigentliche Motivation dieser Mutter, den Sohn in kindlicher Abhängigkeit zu halten.

      Schönen Gruß, crumar

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    2. @crummar:
      "Eine sportliche Wettkampfsituation beinhaltet dies und etwas darüber hinaus: Den Zwang, Leistung zu einem bestimmten Zeitpunkt abrufen zu müssen - ungeachtet deines physischen oder psychischen Zustands - und den *Willen*, in diesem Wettkampf zu gewinnen."

      Ein sprotlicher Wettkampf zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass er aus freien Stücken angenommen wird. So gebührt dann auch dem Verlierer die Ehre, den Wettkampf angenommen zu haben. So aber muss der Verlierer die Sache fast als Demütigung wahrnehmen.

      Diesen sehr zentralen Kern eines sportlichen Wettkampfes verkennt der ganze "Qualifikationsverweigerer"-Diskurs, in einem bemerkenswert hahnebüchenem Strohmannargument.

      Die Bundesjugenspiele können ohne den Einfluß Carl Diems kaum betrachtet werden, und es wird tatsächlich Zeit sich mit diesen militaristischen und insbesondere extrem männerfeindlichen Ballast mal gründlich auseinanderzusetzen - eben um das Ganze wieder auf die Grundlage eines Sportlichen Geistes zu stellen.

      Grüße

      Nick

      Statdessen wird aber lieber so getan, als wolle jede Kritik an den BJS nur die Bewegungsarmut der Kinder befördern. Als ob die BJS dabei mehr als ein bloßes Symbol wären.

      Als ob die Abschaffung der BJS irgend etwas schlimmer machen würden.

      Gruß

      Nick

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    3. "Und dazu gehört - als Mann - nicht nur das verkraften einer Niederlage, sondern auch der Stolz auf die eigene Leistung durch eigene Anstrengung."

      Nun ja, ich stelle es mir ziemlich schwierig vor einem Kind zu vermitteln, dass eine nicht erhaltene, ausdrücklich als solche bezeichnete "Ehrenurkunde" keine Ehrenstrafe sei.


      Güße

      Nick

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    4. @Nick Teil 1/2

      Ich fange mit dem Schluss deines Beitrags an und skizziere dann, was ich an deinem kompletten Beitrag problematisch und symptomatisch finde an solchen Reaktionsweisen:

      "Nun ja, ich stelle es mir ziemlich schwierig vor einem Kind zu vermitteln, dass eine nicht erhaltene, ausdrücklich als solche bezeichnete "Ehrenurkunde" keine Ehrenstrafe sei."

      Du drehst hier den Sachverhalt - sehr geschickt - auf den Kopf.
      Statt dass es die Ehrenurkunde für besondere Leistungen gibt, die Resultat einer besonderen Anstrengung sind, ist die Tatsache, diese Urkunde NICHT erhalten zu haben eine STRAFE.

      Hier handelt es sich um ein Denken, das m.E. reale Sachverhalte auf den Kopf stellt: Die Ehrenurkunde ist eine Belobigung und eine BELOHNUNG für eine - besonders gute - Leistung.

      Denken wir den skizzierten Gedanken weiter und dehnen ihn auf das komplette schulische System aus, so ist jede herausragende Leistung nicht nur ein Frevel, sondern verbirgt schlechterdings lediglich die Bestrafungsabsicht gegenüber denjenigen, die diese Leistung nicht erbringen können oder wollen.

      Kann man diskutieren, nur geschieht das in der Realität nicht.

      Weil dies hier: "Ein sprotlicher Wettkampf zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass er aus freien Stücken angenommen wird." - weder kennzeichnend ist für sportliche Wettbewerbe noch für die Schule.

      Wenn es sich z.B. um die Note "1" bspw. in einer Mathe-Klausur handelt - und ich stelle in Frage, ob Klausuren wirklich freiwillig geschrieben werden - dann käme kein Mensch auf die Idee, dass, wenn ein Kind nur eine "3" (also ein "befriedigend") in genau dieser Klausur geschrieben hat, es dies als Kränkung, Demütigung oder Beschämung zu empfinden hätte.

      In der Regel wird dies als Ansporn gesehen werden mehr zu lernen, um bei der nächsten Klausur mit einer besseren Note nach Hause zu gehen.
      D.h. in der Regel wird man den Stoff besser üben (mit den Eltern oder alleine), um ihn besser zu beherrschen und in der nächsten Klausur evtl. ein besseres Resultat erzielen.

      Beim Thema "Sport" kommt jedoch eine eigentümliche Ideologie zum tragen: Entweder man ist scheinbar *begabt* für den Sport oder eben nicht.
      Das Element "Übung" oder Training fällt komplett weg; was völlig irreal ist.

      Eine solch fragwürdige "Begabungstheorie" würden wir bei Mathe nicht in Erwägung ziehen und Eltern würden - völlig zu Recht - protestieren, wenn in der nächsten Klausur Integralrechnung Thema ist und schulisch Stand der Dinge das große Einmaleins.

      Die Eltern würden dies völlig richtig a. als Überforderung ansehen und b. hatten sie keine Chance, mit ihren Kindern zu üben und Fragen zu (er-) klären.

      Übersetzt auf den Sport heißt das aber: Wenn ein 1000 Meter Lauf gefordert ist, sollten die Eltern wenigstens sicher sein, ihr Kind schafft 400 Meter laufend am Stück.
      Wissen das Eltern?
      Schafft er oder sie wenigstens 200, 100?
      Wie ist der körperliche Leistungsstand meines Kindes und was kann ich tun, um diesen zu ermitteln und MIT IHM gezielt zu trainieren?!

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    5. @Nick Teil 2/2

      Kein Mensch schafft aus dem Stand eine gute Zeit auf 1000 Meter; dann fängt man eben mit einem Lauf über 400 an.
      Und steigert sich durch Training.

      Mein Eindruck ist, genau darauf hat die Mutter einfach keine Lust - weder auf das Wissen, noch auf die Konsequenzen.
      Die Schule - die magische Entität - soll die mangelnde körperliche Leistungsfähigkeit des Jungen wieder richten.
      Genau daran wird die Schule und der Schulsport aber scheitern.
      Ein noch so begabter Sportlehrer wird nicht in 1,5 Stunden pro Woche herausreißen können, was im "Rest" der Woche nicht erfolgte.

      Denn übertragen auf Mathe hieße das: Folgt bitte nur dem Schulunterricht, macht bloß keine Hausaufgaben und üben ist etwas für Unbegabte!
      Bei Mathe leuchtet einem der Hirnriss eines solchen Arguments spontan ein - bei Sport hingegen soll es sich hingegen ganz anders verhalten.

      Damit ist das Gerede über die (noch so gut gemeinte) Reform des Sportunterrichts aber in meinen Augen ein "Strohmann-Argument".
      Hier wird der Schule eine Verantwortlichkeit aufgehalst, der sie gar nicht gerecht werden kann.

      Die Bewegungsarmut ihrer Kinder ist Sache und Verantwortung der Eltern - wenn sie zu unbegabt und zu blöd sind, ihren Kindern Freude an der Bewegung zu vermitteln, wenn sie keine Lust haben, sich Bewegungsspiele zu überlegen oder mit den Kindern in den Park zu gehen um zu toben, dann ist das ihr Problem und keines der Schule oder schulischer Wettbewerbe.

      Schönen Gruß, crumar



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    6. Hier wird über ziemlich viele ziemlich seltsame Dinge fabuliert.
      Anonym3. Juli 2015 um 01:57: Ich bin eindeutig kein Kind mehr, aber auch mir erschließt sich nicht, was das mit der "Ehrenstrafe" soll, bzw. was überhaupt eine "Ehrenstrafe" sein soll.

      Anonym30. Juni 2015 um 22:30 kreiert eine "autonome, männliche Persönlichkeit", deren Entwickluing erstrebenswert sei, und die Teilnahme an diesen Bundesjugendspielen würde das unterstützen usw. Was hier aufscheint, ist der klassische pädagogische Widerspruch, dem Objekt der Erziehung Selbständigkeit, Autonomie und dergleichen beibringen zu wollen, gleichzeitig aber genaueste Vorstellungen davon zu haben, wie das Objekt sich in seiner Selbständigkeit und Autonomie zu verhalten habe. Und ich kann durchaus eher Anti- als Profeminist sein, und trotzdem das Wort "männlich" in diesem Kontext als befremdlich empfinden.

      Ich kenne Kinder, die bei diesen Bundesjugendspielen regelmäßig keine Urkunde, oder vielleicht diese Teilnehmerurkunde erhalten, denen das aber schlicht egal ist, und die trotzdem weder verfettet noch unbeweglich sind. Ich selber habe da, afair, wohl auch nie mehr als eine Teilnehmerurkunde erhalten, und diese, falls es sie gegebn haben sollte, umgehend weggeschmissen. Bei einem anderen Kind aus meiner Verwandtschaft hat das einmal gleich die Lehrerin gemacht, mit einer richtigen Urkunde. Die Urkunden waren alphabetisch sortiert, aufgrund des Namens kam jenes Kind dabei zuletzt, und diese unterste Urkunde im Stapel war verschwunden.

      Man kann diese Bundesjugendspiele für eine Belästigung halten, die weder vertiefter Aufmerksamkeit noch Anstrengung wert ist. Das führt dann allerdings auch nicht zu jener narzisstischen Gekränktheitsreaktion, wie er beim auslöser dieser Petition und den anschließenden Diskussionen offenbar eintrat. Diese Diskussionen wiederum sind nicht wegen ihrer vordergründigen Inhalte, "Argumente" und dergleichen von Interesse, sondern wegen der dahinter durchscheinenden ideologischen einstellungenn und Vorurteilsstrukturen.

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    7. @Anonym

      1. Ich habe meinen nickname unter meinen Beitrag geschrieben - crumar - und der andere Beitrag ist von Nick.
      Im Sinne einer Diskussion wäre es besser, du verwendest unsere nicknames als Adressaten deiner Aussagen und verwendest auch deinen eigenen für deine.

      2. Was ich nicht leiden kann, ist eine wissentlich und willentliche Verkürzung meines Argumentes, damit es deine ad hominem Strategie passt.

      Du schreibst:

      "Anonym30. Juni 2015 um 22:30 kreiert eine "autonome, männliche Persönlichkeit", deren Entwickluing erstrebenswert sei, und die Teilnahme an diesen Bundesjugendspielen würde das unterstützen usw."

      Was sich im Original, nicht in deiner ärgerlichen Fälschung, so liest:

      "Was sie tut ist nicht etwa, ihm zukünftige Niederlagen zu ersparen, sondern sie suggeriert ihm, es gäbe keine zukünftigen Niederlagen, würde Mami sich nur lange genug um ihn kümmern.
      Und Mami verhindert seine narzisstischen Kränkungen.

      Was damit verhindert, dass er eine autonome, männliche Persönlichkeit entwickelt, die sich der eigenen Fähigkeiten und deren Grenzen, seiner Stärken und Schwächen bewusst wird. Und vor allem wird ihm die Einsicht verbaut, dass zur Eigenentwicklung nun einmal die eigene Anstrengung und auch die Verantwortung für die Resultate dieser Anstrengung gehören."

      Wenn du resümierst:

      "Was hier aufscheint, ist der klassische pädagogische Widerspruch, dem Objekt der Erziehung Selbständigkeit, Autonomie und dergleichen beibringen zu wollen, gleichzeitig aber genaueste Vorstellungen davon zu haben, wie das Objekt sich in seiner Selbständigkeit und Autonomie zu verhalten habe."

      dann ist das nicht nur falsch, sondern der gleiche verantwortungslose, narzisstische Käse, den ich in meiner Argumentation bereits kritisiert habe.

      Ohne Alphabet keine Alphabetisierung, erst kommt das kleine und das große Einmaleins und dann kommt die Integralrechnung.

      "Selbstständigkeit" und "Autonomie" sind ebenfalls keine menschlichen Naturzustände, sondern müssen gelernt und trainiert werden.

      Von eben den Subjekten, die bisher in kindlicher *Abhängigkeit* von ihren Eltern existiert haben.
      Auch die Lösung von dieser Bindung muss von genau diesen Subjekten subjektiv erst einmal *gelernt* und *geleistet* werden.
      Was sie - je nach Entwicklungsstand - nicht oder nur unbeholfen können.

      Und sie haben höchstens (!) diffuse Vorstellungen von dem, was gesellschaftlich unter "Selbstständigkeit" und "Autonomie" verstanden und was ihnen abverlangt wird.
      Da diese Gesellschaft noch immer vor sich hinlügt, die Anforderungen wären gender-neutral, wäre es Zeit, wenn wenigstens WIR mit offenen Karten spielen.

      Dass nämlich MÄNNLICHE Autonomie und Selbstständigkeit zu lernen ein Wert an sich ist - auch wenn die gesellschaftliche Disziplinierung des Jungen und Ausrichtung auf Erwerbsarbeit biopolitisch dazu dient eine Familie (Frau UND Kinder) zu alimentieren

      Genau diese Disziplinierung kann dem INDIVIDUUM, dem Jungen und zukünftigen Mann dazu dienen, sich von einer solchen Disziplinierung frei zu machen.
      Wer (ökonomisch) unabhängig ist und sich seiner Rolle in der Gesellschaft bewusst wird oder ist, der kann frei entscheiden.

      DAS macht ihn zu einem Subjekt seiner eigenen Geschichte.

      Schönen Gruß, crumar

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    8. @crummar:

      *Du drehst hier den Sachverhalt - sehr geschickt - auf den Kopf.
      Statt dass es die Ehrenurkunde für besondere Leistungen gibt, die Resultat einer besonderen Anstrengung sind, ist die Tatsache, diese Urkunde NICHT erhalten zu haben eine STRAFE.

      Hier handelt es sich um ein Denken, das m.E. reale Sachverhalte auf den Kopf stellt: Die Ehrenurkunde ist eine Belobigung und eine BELOHNUNG für eine - besonders gute - Leistung.*

      Du setzt einfach "Ehre" mit "Ruhm" gleich und stellst mein Argument mit einer falschen Dichotomie auf den Kopf, um den leicht zu erledigenden Strohmann zu basteln, alle Kritiker der BJS wollten jegliche Auszeichnung für besondere Leistungen unterbinden. Das finde ich nun nicht besonders geschickt.

      Das Gegenteil von Ehre ist Scham, wohingegen das Gegenteil von Ruhm das Ansehen eines "Average Joe" ist. Die Aberkennung oder Nichtanerkennung von Ehre ist eine sog. Ehrenstrafe, was nicht nur Kinderrechts- sondern auch Menschenrechtswidrig ist. Freilich kann man sich darüber streiten, ob eine verweigerte Bekurkundung von Ehre als eine Nichtanerkennung von Ehre ist, aber die gewählte Begrifflichkeit legt das nun mal nahe. Insofern finde ich es Problematisch, nur die Ehre der besten 20% zu beurkunden. Wobei sich das allerdings nahtlos in das Weltbild Carl Diems einfügt.

      "Denken wir den skizzierten Gedanken weiter und dehnen ihn auf das komplette schulische System aus, so ist jede herausragende Leistung nicht nur ein Frevel, sondern verbirgt schlechterdings lediglich die Bestrafungsabsicht gegenüber denjenigen, die diese Leistung nicht erbringen können oder wollen."

      Du verkennst den Kerngedanken eines sportlichen Wettkampfes (im Sinne des "Olympischen Geistes") und setzt ihn mit strukturell vollig anderen Leistungsdifferenzierungen in der Gesellschaft gleich.

      Der sportliche Wettkampf wird um des Sportes Willen ausgetragen und gewinnen ist dabei nicht das primäre Ziel. Es ist extrem unsportlich, z.B. dem Dicken keine Ehre zukommen zu lassen weil er sich sehr angestrengt, aber nicht gewonnen hat. Die sportliche Ehre ist unabhängig von Sieg oder Niederlage, dem Verlierer kann durchaus eine höhere sportliche Ehre zukommen. Und nach meiner Auffassung steht es auch im krassen Widerspruch zum Kerngedanken eines sportlichen Wettkampfes, jemand zu zwingen an ihm Teilzunehmen. Dann wird nämlich nicht mehr Sport um des Sportes Willen betrieben und dem Verlierer wird so schon strukturell Schande zuteil.

      Das ist etwas völlig anderes als die normale Leistungsbewertung in der Schule.

      *Beim Thema "Sport" kommt jedoch eine eigentümliche Ideologie zum tragen: Entweder man ist scheinbar *begabt* für den Sport oder eben nicht.*

      Wenn das mal nicht der Geist Carl Diems ist: Die Besten 20% haben die höherwertigen Gene plus den stählernen Willen zur Macht. Sie erhalten eine Urkunde der vollen Mannesehre. Die Duchschnittlichen 50% haben zwar noch die Gene des Siegervolkes, aber an ihnen haftet aber schon die latente Schande, nicht genug für die "wehrhafte Volksgesundheit" zu tun. Bei den schlechtesten 30% ist Hopfen und Malz verloren, sie sind genetisch determiniert Ausschußware.

      Gruß

      Nick

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    9. @crumar:

      Selbst wenn man die Nichtzuteilung einer Ehrenurkunde nicht als Demütigung auffasst: Die vom Bundespräsidenten unterzeichnete Ehrenurkunde ist ein mit einem Orden vergleichbares staatliches Ehrenzeichen. Solche Ehrenzeichen sollen regelmäßig besondere Verdienste für die Gesellschaft / für die Bundesrepublik Deutschland würdigen.

      Gruß

      Nick

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    10. @Nick (übrigens bin ich crumar mit einem m) Teil 1/2

      Damit mir der Faschismus nicht immer um die Ohren gehauen wird, zitiere ich mal einen ganz unverdächtigen Sportsfreund:

      "Die bestehende kapitalistische Gesellschaft mit ihrer Lohnsklaverei, mit der wirtschaftlichen und politischen Ausbeutung, Unterdrückung und Entrechtung der großen Masse der werktätigen Bevölkerung erzeugt Lebensbedingungen, die in körperlicher und geistiger Beziehung die verheerendsten Auswirkungen haben und die insbesondere die proletarische Jugend in ihrer körperlichen Entwicklung und geistigen Entfaltung hemmen. Die gewaltige Steigerung des Arbeitstempos durch die kapitalistische Rationalisierung, die Mechanisierung der Arbeit, die große Massennot und das Massenelend hemmen die körperliche und sportliche Betätigung besonders des jungen Proletariats. So ist es kein Zufall, daß wir gerade auf das junge Element, das so frisch und elementar in den Sparten eurer Arbeitersportverbände wirkt und heute mit aufmarschiert, die größte Aufmerksamkeit bei unserer zukünftigen Arbeit lenken müssen.
      Der Sozialfaschismus will die mächtige Arbeitersportbewegung zerschlagen, will jeden revolutionären Geist, jede wirkliche proletarische Wehrhaftigkeit, jeden Kampfgeist gegen Militarismus und imperialistische Kriegsgefahr, für die Verteidigung der Sowjetunion, jede Klassenerziehung im Sinne des Sozialismus ersticken und alle Anhänger und Kämpfer für den revolutionären Geist ausmerzen und aus den Reihen der Arbeitersportbewegung hinauswerfen. Wir werden mit euch gemeinsam um die Einheit der Arbeitersportbewegung weiterkämpfen. Die Kommunistische Partei wird in diesem Kampf treu und brüderlich der Kampfgemeinschaft für die rote Sporteinheit zur Seite stehen und zusammen mit euch, Sportgenossen und Sportgenossinnen, den Kurs auf die Gewinnung neuer breiter Massen für den roten Sport einschlagen."

      Und würdest du demnach nicht unterschreiben:

      "Ihr werdet mit eurem revolutionären Willen die Front der Arbeitersportler um Zehntausende erweitern. Heran an die proletarischen Elemente in allen Sportorganisationen! Zeigt ihnen, daß ihr gewillt seid, in der Praxis die Einheitsfront durchzuführen Einheitsfront um der Idee des Sozialismus willen, Einheitsfront unter dem roten Banner! So werden unter Führung der Kampfgemeinschaft für die rote Sporteinheit aus den Kolonnen der Arbeitersportler Bataillone, aus den Bataillonen Regimenter, aus diesen Regimentern Divisionen werden, die mit der gesamten deutschen Arbeiterklasse gemeinsam einen gewaltigen Schritt weiter gehen werden."


      Ernst Thälmann

      https://web.archive.org/web/20070715193908/http://www.marxistische-bibliothek.de/thsporteinheit.html

      Gruß, crumar

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    11. @crumar:
      *Damit mir der Faschismus nicht immer um die Ohren gehauen wird, zitiere ich mal einen ganz unverdächtigen Sportsfreund:*

      Es geht ja nicht in erster Linie um Faschismus (ob Carl Diem überhaupt ein Faschist war - darüber kann man trefflich streiten), sondern um Sport als Instrument zur Enteignung/Kollektivierung des männlichen Körpers.

      In der Hinsicht pflegte Ernst Thälmann offenbar den gleichen Geist wie Carl Diem.

      Gruß

      Nick

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    12. Es ist auch vollkommen legitim, wenn Parteien Sportvereine gründen und politische Sportveranstaltungen organisieren (auch dann, wenn sie so einen verheerenden Unfug wie die Sozialfaschismusthese zelebrieren)

      Hier geht es aber darum, dass der _Staat_ sich durch die Vergabe von Ehrenzeichen in die sehr fragwürdige Tradition der "wehrhaften Volksgesundheit" begibt und dabei Schüler zur Teilnahme zwingt.

      Gruß

      Nick

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  8. Markus Meier, Erziehungswissenschaftler an der Universidad Externado in Bogotá meint in einem Interview mit MANNdat:

    Jungen sind einfach anstrengender – aber wir Pädagogen können nicht immer nur jammern, sondern müssen uns fragen: Wie können wir eine jungengerechtere Schule schaffen; eine Schule etwa, die weniger reproduktiv ist, sondern viel explorativer und erfahrungsgesättigter; eine Schule, die weniger auf abwartende Anpassung fokussiert, sondern Raum für Bewährungssituationen bietet; eine Schule, in der Stillsitzen nicht die höchste aller Tugenden ist (dafür gibt es in vielen Fällen schon eine Zwei minus, ich war lange selbst Lehrer und weiß, wovon ich rede), sondern überbordende männliche Motorik konstruktiv berücksichtigt wird. Das ist anstrengend, sehr anstrengend sogar, ja – aber das ist eben auch die Aufgabe von Schule, diese Generationenkonflikte auszutragen, auszuhalten und positiv zu lenken – Pädagogik heißt ja ursprünglich „Jungenlenkung“. Schule (und Politik und Wissenschaft) sind eben auch konfliktive Orte, nicht nur Orte der Harmonie.

    Und dass dosierte Bewegung das Stillsitzen erleichtert, erfuhr ich als Schüler in den 50er und 60er Jahren, wo uns etliche Lehrer zwischen den Stunden für zwei, drei Minuten neben die Bank treten ließen und uns Gymnastik machen ließen.

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  9. Tja, und wie so oft eskaliert das Thema: http://www.spiegel.de/schulspiegel/schule-schliesst-wegen-drohung-gegen-bundesjugendspiele-a-1041362.html
    Aber das kenne wir ja schon (und bist du nicht willig/meiner Meinung dann ... ;)
    chris

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  10. Lieber Schoppe, das ist ein extrem wichtiger Beitrag zu einem gerade für Männer auch herausragenden Thema. Körperliche Betätigung, die Reifung des Charakters, die Fähigkeit und Erfahrung des Überschreitens von Grenzen und die Auseinandersetzung in einem fairen Wettbewerb gehören vor allem auch zu einer gesunden männlichen Entwicklung zwingend dazu. Hier hat die deutsche Regelschule schon immer keine bella figura gemacht und das Problem wird wegen des extremen Bewegungsmangels und der lähmenden kognitiven Überlagung immer virulenter.

    Die Japaner machen wenigstens in dieser Hinsicht an ihren Schulen etwas sehr richtig (konnte ich selber vor Ort beobachten), dass sie z. B. die Budosportart Karate in ihrer traditionellen Ausprägung als Pflichtfach schon in den 1930ger Jahren in ihr Schulsystem eingeführt haben. Sportliche Betätigung darf eben nicht nur stupide Bewegung oder das reine Trainieren des Körpers beinhalten, sondern muss diese trivialen Ebenen — und auch den trivialen "Leistungs- und Selbstoptimierungsgedanken" — immer auch transzendieren. Gerade die Schule wäre dafür ein geeigneter Ort.

    Ich kann mir sehr gut vortellen, dass ein Angebot — und sei es auch nur als AG für Interessierte — von z. B. qualifiziertem Karate, gekoppelt mit Anleitung zur und gemeinsamem Praktizieren von der ungegenständlichen Zen-Meditation (die fester Teil des Budo ist) in vielerlei Hinsich positive Konsequenzen zeitigen würde. Karate & Zen müssten aber vom gleichen Lehrer angeleitet & repräsentiert werden.

    Ansonsten noch danke für den ganz generell überaus lesenswerten Blog!

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  11. "Es gibt daher schon viele unterschiedliche Wettbewerbe für die Schulen. Es gibt Schreibwettbewerbe, es gibt Lesewettbewerbe im Fach Deutsch und in den Fremdsprachen, große Englisch-Wettbewerbe, Mathe-Wettbewerbe, naturwissenschaftliche Wettbewerbe, es gibt bundesweite Preise für gesellschaftswissenschaftliche Projekte, etc. Warum wird es plötzlich zum Problem, wenn es auch einmal im Jahr einen sportlichen Wettbewerb gibt – wenn es zwischendurch auch einmal darum geht, den Körper zu bewegen, anstatt ihn stillzustellen?"
    Weil kein anderer Wettbewerb verpflichtend für alle Schüler ist. Mit freiwilligen BJS hätte wohl keiner ein Problem.

    Der grundlegende Unterschied zwischen Sport und anderen Fächern ist: In Sport ist _jede_ Prüfung eine öffentliche, wie eine mündliche Prüfung. In anderen Fächern in der Schule gibt es ggf. _manchmal_ mündliche Prüfungen, aber in Sport schaut der Lehrer jedem Schüler bei jeder Sekunde seiner Leistung zu. Das ist, wie wenn ein Lehrer einem Schüler bei einer schriftlichen Prüfung über die Schulter schaut und während der ganzen Prüfung jedes Wort mitliest.
    Und das gibt es in keinem anderen Fach. Daher hat man bei Sportprüfungen einen ganz anderen Druck - permanent unter Beobachtung.
    Kann man gut finden - muss man aber nicht.

    Die Argumentation, dass sportliche Kinder, die in anderen Fächern schwächer sind, dann auch mal ein Erfolgserlebnis haben, stimmt - aber wozu müssen dann unsportliche Kinder auch mitmachen?
    Die sportlichen Kinder, die kein Mathe können, müssen doch auch nicht bei der Matheolympiade mitmachen, damit die unsportlichen Mathefreaks mal ein Erfolgserlebnis haben.

    Wenn Zwangswettbewerbe, dann bitte für alle Fächer oder für gar keins.

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    1. Exzellentes Argument. Ich fordere eine Olympiade im Aufsatzschreiben, bei der die Schwächsten dazu gezwungen werden, ihren Mumpitz vor der gesammelten Schule vorzulesen und dafür verspottet zu werden. Argumentation: analog bescheuert wie zu den Bundesjugendspielen. Wettkampf, yeah! Leistungsgesellschaft, yeah! Wir haben noch viel zu wenig davon! Und "Loser" sollten auf keinen Fall verschont werden, die sind irgendwie selbst dran schuld.

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    2. Oh, und ganz wichtig:

      1.) Ohne einen solchen öffentlichen Aufsatzwettkampf, an dessen Teilnahme jeder Schüler gezwungen werden sollte, werden die Schüler zu "sozialen Krüppeln, die nicht lernen, mit Niederlagen umzugehen".

      2.) Wer einen solchen Aufsatzwettbewerb schwachsinnig findet, sollte sich dafür aussprechen, denn vieles im Leben ist schwachsinnig, und es ist ja gerade die Aufgabe der Schule, auf das Leben vorzubereiten.

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    3. Das beschreibt so ziemlich jede Deutscharbeit, oder?

      Das mit dem Vorlesen entspräche einer Zeitlupenwiederholung bei den BJS. Gibt es die schon?

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    4. @Arne

      Dein Argument wäre gut, wenn dem ein regelmäßiges Training vorweg gehen würde, dass speziell verfassen von Aufsätzen schult.

      In diesem Trainig werden dann Tipps gegeben, wie man seine individuelle Leistung verbessern kann, indem stilistische Kniffe gereicht werden, klassische Fehler in der Konstruktion eines Aufsatzes aufgezeigt, damit sie vermieden werden usw.

      Das wäre analog zum Training für bspw. Weitsprung.
      Mit welchem Fuß fange ich an, wie zähle ich meine Schritte bis zum Absprungpunkt, wo liegt meine eigene Startmarkierung und wie korrigiere ich die? Wie steigere ich die Geschwindigkeit richtig?

      Trainierst du dies unter Beherzigung solcher technischer Tipps, dann wird dein Fortschritt von Sprung zu Sprung sichtbar.
      Um das Training kommst allerdings genauso wenig herum wie beim Schreiben.

      Niemand kann mir erzählen, dass eine noch so große literarische Begabung ohne Praxis auskommt und das bedeutet eben: Schreiben.
      Und im Sport bedeutet Praxis: Training.

      Als ich ein Jahr Krafttraining ausprobiert und durchgehalten hatte, war mein Fortschritt sichtbar, weil ich mir von Anfang an alle Werte notierte.
      Und ich halte mich body-building-mäßig für wenig begabt und finde es eher langweilig.
      Daher habe ich oft genug den "inneren Schweinehund" überwinden müssen und mich trotzdem in die Mucki-Bude bewegt.
      Nichtsdestotrotz hatte ich nach einem Jahr eine Steigerung in allen Kraftsport-Elementen von wenigstens 100% erreicht.

      Sicherlich habe ich keinen Wettkampf bestritten, aber mir hat es Spaß gemacht und mich motiviert, dass regelmäßige Anstrengung - mit dem Ziel besser zu werden - sich wirklich in einer Steigerung der Leistungsfähigkeit bei mir wiederfinden ließ.

      Ich habe das definitiv nicht verstanden als "damit entspreche ich besser den Anforderungen der Leistungsgesellschaft", sondern es war meine individuelle Freude über meine individuell erbrachte Leistung.
      Und die Fortschritte haben selbst mich überrascht.

      Einfach nur durch konsequentes und regelmäßiges Training.

      Von daher habe ich Probleme, viele der hier vorgebrachten Argumente Pro-Petition nachzuvollziehen.
      Ach du wärst bestimmt kein Schriftsteller geworden, hättest du nicht erheblich mehr trainiert, als es der bloße Deutsch-Unterricht von dir verlangt hat.

      Nur beim Sport-Unterricht ist m.E. die geteilte Meinung hier die 1,5 Stunden in der Woche (falls es die überhaupt noch gibt) sind wahrlich genug!
      Das wäre so, als hätte ich dir außerhalb des Deutsch-Unterrichts Lese- und Schreibverbot erteilt und auf dieser Basis eine realistische Selbsteinschätzung von dir verlangt, ob du "begabt" oder "nicht begabt" in Deutsch bist.

      Ich bin mir ziemlich sicher, eine Kombination aus Leistungs- und Ausdauersportarten im Rahmen eines guten Trainingsprogramms (drei mal die Woche plus Schulsport) macht aus jedem "Waschlappen" innerhalb eines Jahres einen passablen Sportler mit Siegerurkunde.

      Schönen Gruß, crumar

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  12. Sich von Herausforderungen abzuschirmen, um sein Ego zu schützen, ist fatal. Natürlich kann der Sportunterricht immer mal wieder für unsportliche Schüler demütigend sein, aber hier gilt es gerade NICHT, den Schmerz zu vermeiden, an dem man wächst. Und Gruppendruck und Ego-Verletzung kann man aushalten und auch schon im Kindesalter, das ist alles tatsächlich ertragbar und mithin sowieso eine hervorragende Gelegenheit, diese Distanzierung von den eigenen Emotionen zu lernen und daran zu wachsen. Nur muss diese Entwicklungsperspektive für die eigene Persönlichkeit auch von Lehrern/Eltern eröffnet werden.

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  13. Ich wollte zu dieser Diskussion eigentlich gar nichts schreiben, weil ich dazu zuviel zu sagen habe, um es in Blogspot-Kommentare zu quetschen. Aber da sie nach einer Woche immer noch läuft, zwei "Highlights":

    Statt vom Sportunterricht spricht man ja auch von Schulsport. Diese Unterscheidung ist mir insofern wichtig, als zumindest das, was ich in meiner Schulzeit im Sport erlebt habe, mit Unterricht nur wenig zu tun hatte.

    Würde Mathematik in der Schule wie Sport betrieben, sähe diese Schulmathematik vermutlich ungefähr so aus, daß in der ersten Mathestunde der 7. Klasse der Lehrer hineinkommt und sagt: "Heute machen wir Dreisatz. Ich habe ein paar Aufgaben an die Tafel geschrieben, rechnet mal los!" Danach beschränkt sich seine Interaktion mit den Schülern darauf, auf einer Trillerpfeife zu blasen, wenn jemand etwas richtig oder falsch gerechnet hat oder abschreibt.

    Die Hälfte der Zeit werden vorher noch Mannschaften gewählt. Dann rechnen jeweils zwei Mannschaften gegeneinander, während der Rest der Schüler nichts tut und zuschaut. Weil es aus irgendwelchen Gründen allen furchtbar wichtig ist, diese Rechenturniere zu gewinnen, werden natürlich zuerst die klugen Schüler gewählt, womit auch gleich klargestellt ist, daß die Dummen die sind, die als letzte noch vor der Klasse sitzen. (Das sind auch die, die nach der Stunde zu hören bekommen "Wenn Du ordentlich multiplizieren könntest, hätten wir gewonnen, Du Depp!", was der Lehrer toleriert und vermutlich für motivierend hält.)

    Mal im Ernst, auf unserem 10-jährigen Abitreffen hat mich eine ehemalige Mitschülerin darauf angesprochen, daß ich in der 6. Klasse eine Turnübung nie hinbekommen habe. Nicht mehr ganz so schüchtern wie früher habe ich sie dann mal gefragt, ob sie es eigentlich okay fand, mich damals deswegen ständig aufzuziehen. Darauf meinte sie mit erfrischender Offenheit, es hätte sie so frustriert, in anderen Fächern schlecht zu sein, daß sie froh war, ein Ventil haben, als sie gesehen hat, daß es auch Dinge gab, in denen ich versagt habe.

    Irgendwas muß doch kaputt sein in einem System Schule, das beiderseits solche Verletzungen verursacht. Und dabei hatten wir nicht mal besonders schlechte Lehrer (von Sport jetzt mal abgesehen...) oder ein ausgesprochen schlechtes Klassenklima.

    Ich meine, man stelle sich das mal umgekehrt vor, daß ich mit 30 Jahren einen Ex-Klassenkameraden anspreche "Und, kannst Du inzwischen Prozentrechnung?", nachdem ich ihn 17 Jahre vorher immer ausgelacht habe, wenn er an der Tafel etwas vorrechnen sollte.

    Die Bundesjugendspiele habe ich allerdings nie als besonders belastend empfunden. Das war ein Tag, an dem der Unterricht ausfiel, man stattdessen quer durch die Stadt fuhr, dort ein Bißchen durch die Gegend rannte und am Ende bekamen die anderen dann Sieger- oder Ehrenurkunden. (Urkunden für die bloße Anwesenheit gab es zu meiner Zeit noch nicht.)

    B20

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  14. >>Ich fordere eine Olympiade im Aufsatzschreiben, bei der die Schwächsten dazu gezwungen werden, ihren Mumpitz vor der gesammelten Schule vorzulesen und dafür verspottet zu werden. Argumentation: <<

    Ich habe es seit langem geahnt: Irgendwann rächen sich die Unsportlichen (volkstümlich "die Fusskranken") für all den Spott und all die Häme, die wir (die etwas Sportlicheren) ihnen während der Schulzeit haben angedeihen lassen!

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