Zu Christoph Kucklicks Das unmoralische Geschlecht. Erster Teil
„Gleich zu Beginn der Finanzkrise sah das Magazin der Süddeutschen Zeitung, wie sich ein unheimlicher Penis der Zerstörung erhob. Neben dem Foto eines erigierten Büroturms und unter der moralstickigen Überschrift Hochmut kommt vor dem Phall schrieb das Blatt: ‚Die Wirtschaftskrise ist vor allem eine Krise der Männer.’ Um in Klammern und kokett hinzuzufügen: ‚Im Ernst: Wäre Frauen der ganze Mist passiert?’"
So beginnt Christoph Kucklick seinen Essay
Das verteufelte Geschlecht, der 2012 in der
Zeit veröffentlicht wurde.
Für massiv herabwürdigende, zugleich aber auch ungehemmt moralisierende Darstellungen von Männern präsentiert er dort eine lange Reihe aktueller Beispiele: Das Raunen des SZ-Autors beispielsweise, der angesichts der Finanzkrise über eine
„Herde von Männern“ schrieb, um so den Mann als animalisch zu entlarven – einer ganz ähnlichen Wortwahl wie der, derer sich mit der gleichen Absicht dann etwas später die
Zeit selbst bediente.
Die Deutung derselben Krise als
„Testosteron-Krise“ durch den
„Trendforscher“ Matthias Horx und, ganz ähnlich, durch die Premierministerin Islands.
Die weitgehend männlichen Teilnehmer des
Weltwirtschaftsgipfels in Davos, die gegenüber dem Problemverursacher Mann Frauen ausdrücklich als Allround-Lösung globaler Herausforderungen präsentiert hätten. Männer dagegen habe die
Zeit schon zehn Jahre zuvor als
„Feinde der Menschheit“ dargestellt.
Oder die schwedische Politikerin Ireen von Wachenfeldt,
„die in hinreißender Offenheit befand: ‚Männer sind Tiere’“.
Oder die Paranioa der Innsbrucker Politik- und Gender-Professorin Claudia von Werlhof, die eine Verschwörung von Männern phantasiert, welche mittels geeigneter Gerätschaften gezielt Erdbeben auslösen würden.
Das
Philosophie-Magazin, das bereits in seiner dritten Ausgabe den Mann als „Das problematische Individuum des 21. jahrhunderts“ präsentiert hat.
Und natürlich der berühmte Satz aus dem
sozialdemokratischen Grundsatzprogramm, der einen Gegensatz von Männlichkeit und Menschlichkeit konstruiert:
„Wer die menschliche Gesellschaft will, muss die männliche überwinden.“Kucklick kommentiert:
„So wie wir gelernt haben, schneller Reize wegen Bildschirme und Plakatwände mit nackten Frauen zu füllen, so haben wir uns antrainiert, jedem Problem einen männlichen Defekt beizugesellen, der es irgendwie verursacht haben soll. Kausalitätspornografie.“
Oder auch: der Männerhass als Moralporno.
Für Kucklick sind solche negativen Darstellungen von Männern nicht neu, und sie sind schon gar kein Resultat des Feminismus, dem er übrigens auch Verdienste zuschreibt. Der Feminismus habe den Männerhass nicht erfunden, sondern lediglich genutzt.
Der Autor beschreibt ganz andere und viel ältere Quellen des misandrischen, also männerfeindlichen Ressentiments. Auf diese Quellen allerdings hätte eine feministische oder feministisch inspirierte Forschung tatsächlich den Blick verstellt: Sie sei ganz auf Geschlechterhierarchien fixiert, in denen Männer rundweg als Herrscher erschienen – und hätte das häufig mit Theorien flankiert, „denen zufolge Männer ihre Dominanz durch entsprechend Diskurse abgesichert haben.“ (S. 23)
Radikal negative Darstellungen von Männern, die Kucklick als beständige Begleiter der Moderne – also: der letzten zwei bis drei Jahrhunderte – herausstellt, seien darüber aus der Wahrnehmung verschwunden.
Das ist ein Kernthema seiner Dissertation
„Das unmoralische Geschlecht“, deren Grundthesen er in seinem
Zeit-Artikel erläutert. Das Buch ist in meinen Augen eine der wichtigsten geschlechtertheoretischen Arbeiten der letzten Jahrzehnte, und es ist es unbedingt wert, stärker in allgemeine Diskussionen aufgenommen zu werden. Dass er sich auf die hochkomplexe Systemtheorie Luhmanns bezieht, ist dabei sicher ein Hindernis – diesen Hintergrund hat gerade
djadamoros in einem Text bei
Geschlechterallerlei sehr fundiert erläutert.
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| So ist er, der Mann: schraubt frohgemut an einer Maschine herum, die längst viel größer ist als er - denkt, er hätte dabei die Sache in der Hand - und wird eigentlich nur ein wenig wunderlich. |
Kucklick untersucht Texte von Schriftstellern der Aufklärungszeit, von bekannten wie Fichte, Kant oder Schleiermacher, aber auch von vielen heute unbekannten Autoren. Seine Grundthese: Die gängige Vorstellung ist zumindest ergänzungsbedürftig, Männer seien durchweg als überlegene Vernunftmenschen und Frauen als unterlegene Defizitwesen dargestellt worden. Zugleich hätten die Texte noch eine ganz andere Tendenz: nämlich Männer als Mängelwesen zu präsentieren, als Monstren, als instinktgeleitete, halb-tierische Wesen – und Frauen als humanes, rettendes Gegengewicht zur männlichen Destruktivität.
Zugleich geht Kucklick davon aus, dass die Positionen dieser Texte aus dem 18. und frühen 19. Jahrhundert durch die Jahrhunderte wieder und wieder aufgefrischt worden seien – die Feindseligkeit gegenüber Männern sei bis heute ein Kennzeichen der Moderne.
Natürlich bedeutet das nicht, dass diese Feindschaft sämtliche Bereiche des sozialen Lebens durchdrungen hätte – die Schriften der Aufklärung, die Kucklick untersucht, sind Schriften einer verschwindend kleinen Gruppe bürgerlicher Intellektueller. Gleichwohl ist es eine starke These, dass es – neben Traditionen der Idealisierung von Männern – zugleich auch eine lange Kontinuität der Männerfeindschaft gegeben habe.
Ob sich das so halten lässt, ob sich tatsächlich Kontinuitäten der Feindschaft gegenüber Männern vom 18. Jahrhundert bis heute beschreiben lassen, und was das alles eigentlich mit den Entwicklungen der Moderne zu tun hat – das sind Fragen, die weit weniger theoretisch sind, als sie auf den ersten Blick aussehen. Aus ihren Antworten ergeben sich zudem wichtige Konsequenzen für heutige Geschlechterdebatten.
Ich hatte mir am Ende des vergangenen Jahres die Zeit genommen, Kucklicks Buch einmal im Zusammenhang zu lesen, schon mit der Absicht, darüber etwas zu schreiben. Ich habe dann gemerkt, dass das Buch zu umfassend für einen Text ist – also mache ich drei daraus, von denen der erste, dieser hier, eher theoretisch ist und die Kernthese von Kucklicks Buch skizziert, während die folgenden Texte sich dann mit konkreten Beispielen auseinandersetzen.
Da djadmoros die wichtigen Luhmann-Bezüge schon erläutert hat, kann ich mich stärker auf anderes konzentrieren: Was können wir mit Kucklicks Buch in aktuellen Debatten anfangen? Welche Konsequenzen ergeben sich aus den Ergebnissen seiner Forschung?