Samstag, 28. März 2015

John Dewey, Batgirl und die Auflösung von Schützengräben

Schon vor ein paar Monaten schrieb Leszek:
„Hi Schoppe, du bist doch Fan des Philosophen und Pädagogen John Dewey, oder? Hättest du diesbezüglich ein paar Buchtipps für mich? Was genau gefällt dir bei Dewey? Gibt es noch andere Vertreter der Philosophie des Pragmatismus, die dir gefallen?“
Ich hab damals gleich eine Antwort darauf geschrieben, hatte dann aber so viel mit anderem zu tun, dass diese Antwort unveröffentlicht auf meinem Desktop herumlag und ich schließlich nicht mehr recht wusste, was ich noch damit machen soll. Bis mich Leszek vor einer Weile noch einmal darauf ansprach, ich den Text noch einmal hervorkramte und ein wenig aktualisierte.
John Dewey (1859-1952) Lernen ist keine Vorbereitung auf das Leben, sondern das Leben selbst.
Deweys Werk ist sehr umfangreich, die Werkausgabe füllt 39 Bände. Es war gar nicht so einfach, aufzuschreiben, was genau mir daran gefällt. Es hat aber auch Spaß gemacht. Ich stelle die Antwort auf Leszek hier einfach als eigenständigen Text ein.
 
Wenn sich zu den Themen, die in diesem Blog sonst eine Rolle spielen, Verbindungen ergaben, habe ich kurz darauf aufmerksam gemacht. Ansonsten ist es aber auch schön, hier einmal einen Text zu veröffentlichen, der mit Geschlechterdebatten nur am Rande etwas zu tun hat. Also:

Freitag, 20. März 2015

Wenn die Guten richtig böse werden (Monatsrückblick Februar 2015)

„Gibt es keine Monatsrückblicke mehr?", fragte hier neulich ein Kommentator. Doch, gibt es, nur mit etwas Verzug, weil ich in den letzten Monaten im Beruf sehr eingespannt bin. Aber der Rückblick auf den Februar lohnte sich für mich trotzdem, weil er zum Teil sehr lustig war, wenn auch manchmal bitter-lustig – und weil mit dem verqueren Verhältnis der Massenmedien zu der Wirklichkeit außerhalb der Medienwelt ein Thema eine große Rolle spielte, das ohnehin aktuell bleibt.
 
 
Eine bislang vielen Zeitgenossen noch nicht bewusste „Genderungerechtigkeit“ beklagte im Februar die österreichische Bundesministerin für Bildung und Frauen, Gabriele Heinisch-Hosek, in der von ihr herausgegebenen Broschüre „Tradition und Gewalt an Frauen“. Die traditionellen Hinrichtungsform der Steinigung in Ländern wie Afghanistan, dem Iran oder Saudi-Arabien wiesen
„eindeutig Nachteile für Frauen auf, weil Männer nur bis zur Hüfte, Frauen hingegen bis zu den Schultern eingegraben werden.“
Menschen zu Tode zu foltern ist irgendwie ganz in Ordnung, solange das nur geschlechtersensibel genug erfolgt – konsequent stellt die österreichische Sozialdemokratin fest:
„Internationale Kampagnen wenden sich gegen diese äußerst grausame und schmerzhafte Hinrichtungsmethode und versuchen, Frauen vor der Hinrichtung zu bewahren.“
Und nein, das ist keine Satire, jedenfalls keine absichtliche.

Österreichische Sozialdemokratinnen verstehen es ohnehin schon lange, mit ihrer Auslegung des Begriffs Gleichberechtigung ihre Mitmenschen zu erheitern. Unvergessen Renate Kaufmann, die als Bezirksvorsteherin in Wien bei männlichen Obdachlosen besonders beunruhigende Geschlechterunsensibilitäten konstatierte.
„Frauen würden sich ihrer Obdachlosigkeit schämen und verstecken,(...) Männer hingegen feiern ihr Schicksal quasi mit einem Doppelliter in der Öffentlichkeit.“
Dass obdachlose Frauen weit weniger sichtbar seien als obdachlose Männer, lässt sich in ihren Augen nur oberflächlich auf die überbewertete Tatsache zurückführen, dass etwa 90 Prozent aller Obdachlosen männlich sind – sondern darauf, dass diese Männer ihre patriarchale Dividende besonders schamlos öffentlich einstreichen.
Wir auch! Als politische Position reicht das schon völlig aus - und wer das bezweifelt, zeigt allein dadurch schon, dass er eben nicht dazugehört. (Bild von einer Verdi-Demonstration in Berlin).
Zum Glück zeigt die deutsche Bundeswehr, dass nicht nur Österreicherinnen ein sensibles Gespür für die lustige Seite der Geschlechtergerechtigkeit haben.
„Für Heiterkeit in Industriekreisen sorgt beispielsweise der Umstand, dass im Innenraum des Schützenpanzers Puma nach Maßgabe der Arbeitsstättenverordnung so gute Klimabedingungen herrschen müssen, dass selbst für hochschwangere Soldatinnen die Beförderung bei einem Gefechtseinsatz noch möglich ist.“ 
Natürlich kommt kein vernünftiger Mensch auf die Idee, hochschwangere Frauen in Panzer zu stecken und in Kampfeinsätze zu schicken, aber darum geht es hier auch gar nicht. Entscheidend ist: Die Frauen könnten auch hochschwanger in Kampfeinsätze fahren, wenn sie es denn nur wollten, und dieses Recht darf ihnen nicht durch ungünstige Klimabedingungen streitig gemacht werden. Dass keine Frau so blöd ist, es jemals in Anspruch zu nehmen, spielt dabei überhaupt keine Rolle.

Emannzer berichtet über die gendergerechten Panzer und verlinkt auch gleich auf eine Statistik der getöteten deutschen Soldaten in Afghanistan: Es sind fünfzig Männer und null Frauen.

Sonntag, 15. März 2015

Vom Schweigen der Männer und vom Neuland offener Debatten

Ein Interview mit Johannes Meiners, Mitverfasser der ersten Club of Vienna-Studie zur Geschlechtergerechtigkeit
 
„Die Teilhabe von Frauen und Männern am Geschlechterdiskurs und an der Neugestaltung der Geschlechterrollen": Unter diesem Titel veröffentlichte der Club of Vienna vor wenigen Tagen eine Studie über die Vielfalt heutiger Geschlechterdebatten (in Kurzfassung und Langfassung verfügbar).

Die Verfasser Christine Bauer-Jelinek und Johannes Meiners präsentieren dort nicht nur unterschiedliche „Feminismen“. Sie zeigen auch, dass sich mehr und mehr Männer eigenständig an diesen Debatten beteiligen und dass heute feministischen Deutungen durch mannigfaltige Kritik und alternative Ansätze fundiert widersprochen wird.

Ich hatte die Gelegenheit, mit Johannes Meiners ein Interview zu dieser Studie zu führen.
Derailing: Wie groß die Möglichkeiten dieses Jungen sind, seine Schienen zu verlassen und andere Wege zu suchen als die vorgesehenen - das hängt auch davon ab, wie offen und frei demokratische Debatten geführt werden können, nicht nur zu Themen der Geschlechtergerechtigkeit.
Christine Bauer-Jelinek und Johannes Meiners haben für den Club of Vienna gerade eine Studie zur Öffnung dieser Debatten vorgelegt.
 
Schoppe: Der Titel Eurer Studie hört zunächst etwas kompliziert an. Kannst Du kurz erklären, worum es dabei geht?

Johannes Meiners: Es geht um die Möglichkeit und Notwendigkeit eines echten Diskurses, der vielstimmig verläuft und für die Zukunft tragfähige Lösungen von Herausforderungen und Konflikten möglich macht.

Zunächst hieß die Studie „Partizipation von Männern und Frauen in unterschiedlichen Lebensbereichen". Davon lösten wir uns während der inhaltlichen Entwicklung der Studie, um eben diese Inhalte auch im Titel für den künftigen Leser sachlich zu präzisieren.

Montag, 9. März 2015

Biedermeier und Größenwahn - Ein Brief an einen deutschen Journalisten

Vor einer Woche forderte der Spiegel-Autor Cordt Schnibben seine Leser auf, ihm zu schreiben, was Journalisten besser machen sollen. Ich bin dieser Einladung einfach einmal gefolgt.

Sehr geehrter Herr Schnibben,
„seit einiger Zeit verschärft sich der Ton der Zuschriften. Es ist etwas passiert zwischen mir und Ihnen, zwischen uns Journalisten und Ihnen, den Leserinnen und Lesern.“
Das schreiben Sie im Spiegel der vergangenen Woche (10/2015) und verbinden das mit einer Aufforderung:
„Schreiben Sie mir, was wir besser machen sollen, loben Sie, wenn es nicht anders geht.“
Falls ich Sie richtig verstehe, nehmen Sie an, dass sich der Ton bloß von einer Seite aus verschärft hat. Das ist wohl ein Irrtum. Gerade eben erst hat mich beispielweise ein Spiegel-Kollege von Ihnen, ohne mich zu kennen und gleichsam prophylaktisch, in einem Text als „opportunistisches Arschloch“ beschimpft.
 
Ich bin nämlich Vater eines kleinen Jungen, fahre alle zwei Wochen mehr als tausend Kilometer, um ihn wenigstens am Wochenende sehen zu können. Obwohl ich ihn selbst gern versorgt hätte und dazu auch vollkommen in der Lage bin, wurde die Frage, ob er es bei seiner Mutter oder bei mir besser hat, in den Jahren seit der Trennung niemals irgendwo gestellt – schließlich gehört ein Kind in den Augen des deutschen Gesetzgebers grundsätzlich zur Mutter.
 
Ich hätte vor dieser Erfahrung niemals für möglich gehalten, dass in Deutschland allein aufgrund der falschen Geschlechtszugehörigkeit – oder, aus der Perspektive unseres Kindes: der falschen Geschlechtszugehörigkeit eines Elternteils – jemand so rechtlos sein kann. Ich bin schon seit Jahren im Väteraufbruch und habe auch ein kleines Blog, das sich mit solchen und ähnlichen Problemen beschäftigt.

Für Ihren Kollegen Georg Diez bin ich deshalb ein „Reaktionär“. In seinen Augen sind Reaktionäre Leute, die nicht an den Klimawandel glauben oder an die Evolutionstheorie, oder Leute, die meinen, dass in mancher Hinsicht auch Männer gegenüber Frauen benachteiligt sein können. Was ja erkennbar alles irgendwie dasselbe ist.
 
„Was für opportunistische Arschlöcher“ – das ist der letzte Satz seines Textes.
„Was wir uns nicht mehr leisten können, (…) ist der Eindruck beim Zuschauer: was die machen, kriege ich alles auch irgendwo im Netz.“
So zitieren Sie den Fernsehmoderator Claus Kleber. Der Text von Diez ist bei Spiegel-Online erschienen, nicht in der gedruckten Ausgabe – aber er prägt natürlich die Erwartungen, die ich als Leser auch an den gedruckten Spiegel habe.

Warum aber sollte jemand so etwas kaufen? Was bietet der Spiegel, das nicht überall im Netz kostenfrei zu finden ist?

Sicherlich, auch in den Kommentarspalten nach Diez' Text wird ab und zu deutlich: Viele Menschen haben ein dringendes Bedürfnis nach der Bestätigung, dass viele andere Menschen Arschlöcher seien, sie selbst aber nicht. Doch selbst diese Menschen werden deswegen bestenfalls ein paar Magazine und Zeitungen kaufen – und für jeden Einzelnen von ihnen werden sich vermutlich zwanzig andere stillschweigend verabschieden.
Das waren noch Zeiten: Zeitungen wurden einstmals in idyllischer Umgebung als Morgenritual gelesen, und niemandem wäre eingefallen, sich wie ein "Arschloch" zu verhalten und ein gelegentliches Missfallen über Journalisten offen zu äußern. Die Zeitungen hatten auch keine Kommentarspalten, in denen der Mob sich austobte, sondern höchstens einmal als Zeichen guten Willens eine kleine Rubrik mit ausgesuchten Passagen aus Leserbriefen. Schön war's. Carl Spitzweg: Zeitungsleser im Hausgärtchen, 1845-58
In ihrer unbekümmerten Dumpfheit ist die Kolumne von Diez zwar extrem, aber gerade damit macht sie Tendenzen deutlich, die nach meinem Eindruck den heutigen Journalismus weithin prägen. Er verhält sich geradezu verachtungsvoll gegenüber zwei entscheidenden Vorteilen, die Journalisten in den überregionalen Zeitungen gegenüber Bloggern und Betreiber von Internetforen haben.

Während Blogger und andere im Netz dort in aller Regel nebenberuflich schreiben, haben die meisten von ihnen natürlich auch deutlich weniger Zeit als professionelle Journalisten, ihre Texte vorzubereiten oder für sie zu recherchieren. Es fehlen den meisten sowohl die Verbindungen zu etablierten Institutionen, etwa zu Parteien oder Ministerien, als auch Mitarbeiter, die ihnen zuarbeiten und die ihre Texte noch einmal überprüfen können.
 
Sie haben als professionelle Journalisten also die Chance, wesentlich gehaltvollere, verlässlichere und einfach bessere Texte zu schreiben als die meisten Blogger.

Zudem haben Sie in Magazinen und Zeitungen wie dem Spiegel, der Zeit, der Süddeutschen oder der FAZ tatsächlich die Chance, ein Forum aufzubauen, in dem sich Menschen mit ganz verschiedenen Hintergründen treffen und austauschen können. Blogs oder Internetforen hingegen ziehen meist Menschen an, die ohnehin schon jeweils an ganz bestimmten gemeinsamen Themen interessiert sind. Konflikte zwischen ihnen sind meist interne Konflikte, die für Außenstehende kaum nachvollziehbar sind.

Während wir Blogger also lediglich unsere Filterbubbles ein wenig tapezieren und hübsch gestalten können, hätten Sie die Chance, tatsächlich ein allgemeines Forum aufzubauen.

Warum tun Sie das eigentlich nicht?

Sonntag, 1. März 2015

Plädoyer für eine zivile Debatte - Ein offener Brief an den SWR

An den Rundfunkrat des SWR
sowie an Herrn Peter Boudgoust (Intendant des SWR)
und Herrn Gerold Hug (Hörfunkdirektor des SWR)


Sehr geehrte Damen und Herren,

wir schreiben Ihnen anlässlich der Sendung Maskulinisten Krieger im Geschlechterkampf“, die in diesen Tagen bei SWR2 mehrfach ausgestrahlt wird. Mit einem überraschend konsequenten Freund-Feind-Denken und vielen offenbar bewusst gesetzten Falschinformationen macht diese Sendung Stimmung gegen eine politische Entwicklung, die wir ausdrücklich begrüßen und die zur demokratischen Öffnung von erstarrten Debatten führen kann.
 
Der SWR illustriert seine Sendung mit dem torsohaften Bild eines nackten, muskulösen männlichen Oberkörpers. Es wird Zeit für ein zivileres, vollständigeres und weniger gewaltsames Bild.
Die Entwicklung, gegen die Ihre Sendung so massiv ausschlägt, lässt sich knapp so darstellen:
 
Männer äußern sich weitaus häufiger und selbstbewusster zu geschlechterpolitischen Themen als noch vor einem Jahrzehnt, und sowohl Männer als auch Frauen greifen die Vorstellung an, Geschlechterdebatten könnten legitim nur aus einer feministischen Perspektive geführt werden.

Ein Motor dieser Entwicklung war die Erfahrung Tausender von Vätern, die aufgrund geschlechtsspezifischer rechtlicher Benachteiligungen willkürlich von ihren Kindern getrennt wurden.
 
Es äußern sich Männer, die selbst Opfer häuslicher Gewalt wurden und zugleich erleben, dass sie in offiziellen Darstellungen zu diesem Thema, bloß weil sie Männer sind, allein als Täter in Frage kommen.
 
Männer und Frauen weisen darauf hin, dass Jungen an den Schulen offenkundig große geschlechtsbedingte Nachteile erleben.
 
Männer und Frauen diskutieren gesundheitspolitische Nachteile von Männern, sie fragen, warum Männer so viel häufiger als Frauen obdachlos werden oder Selbstmord begehen – und ob es dafür auch soziale Ursachen gibt.
 
Männer und Frauen stellen offen die Frage, was es eigentlich mit „linker“ Politik und mit sozialer Gerechtigkeit zu tun hat, wenn die Familienministerin eine Frauenquote in Aufsichtsräten als oberste Priorität ihrer Politik vorstellt, von der nur eine kleine Handvoll ohnehin schon privilegierter Frauen profitiert.

Eben diese Kritik wird von Ihnen massiv diffamiert – bis hin zu Vergleichen mit völkermörderischen Antisemiten und dem Massenmörder Anders Breivik. Die Logik der Sendung kulminiert in der tief inhumanen, von gruppenspezifischer Feindseligkeit geprägten Unterstellung, dass Männer nur deshalb über eigene Leiderfahrungen sprechen würden, weil sie damit ihre männertypischen Gewaltausbrüche legitimieren und vertuschen wollten.

Dabei ist diese Sendung gegenüber vermeintlichen Experten der sozialdemokratischen Friedrich Ebert Stiftung und der grünen Heinrich Böll Stiftung so ungehemmt distanzlos, dass dies mit einem journalistischen Ethos nicht zu vereinbaren ist.

Zur einen Seite hin also Hetze gegen Bürger, die diese Hetze auch noch selbst finanzieren müssen – zur anderen Seite hin ebenso bedenkenlose politische Liebedienerei: Ihre Sendung wirkt, als würden sich die Autorin Bust-Bartels und der ganze SWR um den Karl Eduard von Schnitzler-Gedächtnispreis bewerben.

Die politische Unabhängigkeit aber ist ja eine der Bedingungen dafür, dass der Bestand öffentlich-rechtlicher Sender überhaupt legitimiert werden kann. Um zu dieser Unabhängigkeit zurückzukehren, braucht es keine Lobhudeleien für eine offenere, nach allen Seiten hin antisexistische Politik. Aber es ist wichtig, dass Sie denjenigen, die Sie so erheblich diffamiert haben, eine reale Möglichkeit geben, sich auch selbst zu äußern.

Wichtig dabei ist auch, dass diejenigen auf allen Seiten, die bei allen politischen Differenzen an einer zivilen Auseinandersetzung interessiert sind, sich gemeinsam gegen diejenigen (ebenfalls auf allen Seiten) stellen, die mit Verleumdungen, Drohungen, Beleidigungen und primitiven Freund-Feind-Logiken operieren.
 
Dazu fordern wir Sie ausdrücklich auf.

Oder auch, ganz einfach formuliert: Kehren Sie zurück zur ernsthaften journalistischen Arbeit – und hören Sie auf, sich weiter zwischen politischer Hetze und politischer Liebedienerei zu verirren.


Mit freundlichen Grüßen
 
 
Prof. Dr. Günter Buchholz (Frankfurter Erklärung)
 
Arne Hoffmann (Genderama, Autor u.a. vom Plädoyer für eine linke Männerpolitik)
 
Johannes Meiners (Mitverfasser der Club of Vienna-Studie Die Teilhabe von Männern und Frauen am Geschlechterdiskurs und an der Neugestaltung der Geschlechterrollen)
 
Christian Schmidt (Alles Evolution)
 
Lucas Schoppe (man tau)
 
Dr. Alexander Ulfig (cuncti)

Freitag, 27. Februar 2015

Zwischen Hetze und Liebedienerei

Ein Kommentar zur SWR2-Sendung Maskulinisten – Krieger im Geschlechterkampf
 
Ein Blogger aus einem obskuren Blog fabuliert über die „gesellschaftspolitischen Gefahren des Frauenwahlrechts“ – ein Experte beichtet über eine politische Bewegung, die von „Feindseligkeit (…) gegenüber Frauen, Weiblichkeit und insbesondere gegenüber dem Feminismus und der Frauenbewegung“ geprägt sei – und Ausschnitte aus einer Veranstaltung des Magazins Compact sind von Sirenen unterlegt. Dazwischen der Titel der Sendung: Maskulinisten – Krieger im Geschlechterkampf, geschrieben von Nina Marie Bust-Bartels.

Schon der Beginn dieser Hörfunksendung, die bei SWR2 mehrfach ausgestrahlt wird, kreiert den Eindruck eines Bürgerkrieges. Offenkundig gewaltbereite Männer würden gegen Feministinnen, ja gegen alle Frauen entschlossen in die Schlacht ziehen, um die Fortschritte der letzten Jahrzehnte wieder zunichte zu machen.

Dass eine solche ressentimentgeladene, holzschnittartige Freund-Feind-Darstellung von eben dem kriegerischen Ethos bestimmt ist, das sie den politischen Gegnern unterstellt – das kann angesichts der beschworenen Gefahren natürlich keine Rolle spielen.

Dabei ist schon der Titel falsch: Wer eigentlich bezeichnet sich selbst als „Maskulinist“? Oder, anders gefragt: Wer würde schon von „Femininistinnen“ reden?
Mit diesem Bild illustriert der SWR auf seiner Homepage seine Sendung Maskulinisten - Krieger im Geschlechterkampf. Es ist kaum vorstellbar, dass eine Sendung über Feministinnen ähnlich bebildert würde.
Ein nackter Oberkörper, rasiert, glänzend, muskulös - ganz das Bild eines starken, selbstverliebten Mannes, der sich allerdings absurderweise selbst als Opfer wahrnimmt. Immerhin passt das Bild zur Sendung: Es zeigt gleichsam einen Torso und lässt alles weg, was hier gerade nicht von Interesse ist.
Vor allem aber stehen keine kriegerischen Auseinandersetzungen an. Im Laufe der vergangenen Jahre hat sich allerdings etwas ganz anderes verändert: Männer äußern sich weitaus häufiger und selbstbewusster zu geschlechterpolitischen Themen als noch vor einem Jahrzehnt, und sowohl Männer als auch Frauen greifen die Vorstellung an, Geschlechterdebatten könnten legitim nur aus einer feministischen Perspektive geführt werden.

Mittwoch, 25. Februar 2015

Merseburger Zaubersprüche - Der Sexualwissenschaftler Heinz-Jürgen Voß als Erzieher

Dass eine Autorin dazu auffordert, ihr eigenes Buch bei Amazon positiv zu besprechen und negative Bewertungen als „nicht hilfreich“ abzuwerten, ist ja eigentlich schon ungewöhnlich. Dass ein deutscher Professor versucht, aus einem solchen Verhalten eine umfassende politische Aktion zu machen, ist noch seltsamer.
 
Heinz-Jürgen Voß,  Professor für „Sexualwissenschaft und sexuelle Bildung“ an der Universität Merseburg, hat das gerade getan. In einem Brief  an „Liebe Freund_innen, liebe Kolleg_innen“ schreibt er dagegen an, sich im Netz von „Maskulinisten und anderen extremen Rechten“ Diskussionen aufdrängen zu lassen, und ruft zu „emanzipatorischen Kommentaren und Rezensionen“ bei Amazon auf.
„Auf Grund der schlechten Arbeitsbedingungen kauft mensch dort zwar keine Bücher. Dennoch beeinflusst Amazon stark die Sicht auf Bücher. Daher: Lasst uns dort jeweils ein Profil haben und jeweils wöchentlich zwei Bücher positiv oder negativ besprechen. Dazu reicht ein Dreizeiler völlig aus. Das wirkt den häufig schlechten Bewertungen linker und emanzipatorischer Bücher entgegen.“
Diese öffentliche professorale Aufforderung, politisch unliebsame Texte organisiert abzuwerten und politisch opportune entsprechend hochzupunkten, kann als erfrischend oder auch als unseriös empfunden werden. Dreizeiler jedenfalls sind dafür sehr praktisch, weil sie für die Rezension eines Buches keine vorherige Lektüre erfordern, bloß seine politische Ausrichtung sollte halt bekannt sein. Michael Klein bemerkt spitz:
„Natürlich kommt Voß keinen Moment auf die Idee, dass die schlechten Bewertungen ‚linker und emanzipativer Bücher’ etwas damit zu tun haben könnten, dass die entsprechenden ‚linken und emanzipativen Bücher’ schlecht sind.“
Wie auch? – Diese Bewertung wäre nach Voß’ Kriterien ein Widerspruch in sich.
Nur Laien denken, hier wäre leicht zu unterscheiden, wer von diesen beiden Menschen schwanger ist.
Auf Voß' Positionen reagieren überhaupt Menschen gleichermaßen ablehnend, die ansonsten eigentlich gar nichts miteinander gemein haben. Akif Pirinçci wurde gerade wegen Beleidigung verurteilt, gegen den Blogger Kirk läuft ein entsprechendes Verfahren.  Aus einer völlig anderen Richtung und in ganz anderer Stillage schreibt Felix Riedl in einem langen und sehr lesenswerten Text  über ein Buch zur Beschneidungsdebatte, das Voß mit zwei anderen Autoren verfasst hat:
„Dankenswerterweise ist das Buch so kurz gehalten, dass man alle falschen Sätze darin rasch abgeschrieben hat – und das sind ungefähr alle.“
Und:
„Die drei Autoren haben es geschafft, auf 90 Seiten Adorno/Horkheimer und Foucault für ihren Aufklärungsverrat als Geiseln zu nehmen. Es bleibt zu hoffen, dass dieses durchsichtige, zynische Manöver nicht nur Laien auffällt, sondern auch der akademischen Kaste, an die sich der Band richtet (…)“
Was hat der junge Professor eigentlich an sich, dass er aus solch verschiedenen Richtungen solche Ablehnung auf sich zieht? Ihm selbst jedenfalls wird sie womöglich ganz recht sein, weil er sie als Beleg dafür verbuchen kann, dass eine linke und emanzipatorische Politik in diesem Lande mit heftigen Widerständen zu kämpfen hat.

Ich habe mir einmal einen Text näher angeschaut, den Kirk bereits verrissen hat – ein Interview, das Voß Liz Weidinger vom Magazin Fluter  gegeben hat. Dieses Magazin nämlich wird von der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegeben und liegt in Schulen frei aus. Es bietet also die Möglichkeit, nach dem pädagogischen Nutzen von Voß’ Positionen zu fragen.
 
Ruhig, gelassen und ohne Aggressionen natürlich, wie das ja eh so meine Art ist.

Donnerstag, 19. Februar 2015

Sex, Politik, Verleumdung (Monatsrückblick Januar 2015)

Wenn Sexualität und Politik zusammenstoßen, geht das ja meistens für beide nicht gut aus. Der Grüne Jörg Rupp hat   bekanntlich gerade angesichts eines, irgendwie, hochprovokanten Profilphotos mit Rollkragenpullover erregt festgestellt, dass die Hamburger FDP-Spitzenkandidatin Katja Suding – was bei Frauen ja nicht unüblich ist – Brüste hat. Ganz außer sich twitterte er die mittlerweile berühmten Worte „muss man sich mal vorstellen: mit Titten und Beinen anstatt Inhalten“

Rupp selbst jedenfalls stellte es sich offenbar sehr intensiv vor: Angesichts von Sudings Pullover dachte er an Brüste, angesichts von Brüsten nicht mehr an Inhalte, fand aber, dass das irgendwie alles allein Sudings Schuld sei. Diesen offenkundigen Sexismus der FDP-Frau wollte er dann eigentlich nur gutmütig anprangern. Rupps Pech war allerdings, dass sich in unserer schnelllebigen Medienwelt niemand für solche hochkomplexen Erwägungen interessiert, schon gar nicht auf Twitter, wo schon für einfachere Gedanken kaum Platz ist.
So geht's doch auch: Ein Wahlkampf mit Inhalten, der keinen Menschen zum Objekt macht.
So stellte Rupp schließlich fest, dass er sprachlich zwar daneben lag, inhaltlich aber Recht gehabt hätte, erweckte nebenbei den Eindruck, dass die Grünen in Hamburg im Unterschied zu der anderen Partei der Besserverdienenden mit Inhalten gearbeitet hätten  – und beruhigte sich mit der Vorstellung, alles wäre in Ordnung gewesen, hätte er statt von „Titten“ von „Brüsten“ geredet.

Da Suding Rupps entsprechende Entschuldigung gleich angenommen hat, könnte damit dann auch alles erledigt sein – wenn er nicht ausgerechnet im Landesvorstand einer Partei säße, die selbst so unbefleckt, so betoniert unschuldig ist, dass sie es sich unausweichlich zur Aufgabe machen musste, beständig empört auf die moralischen Verfehlungen anderer zu weisen.

Katja Suding macht jedenfalls den Eindruck, dass sie sich gegen Angriffe wie die von Rupp wehren kann. Anders ist das bei Kindern, bei Jungen, die einst Jürgen Trittin als Spitzenkandidat der Grünen – und nicht in einem dahingerotzten Tweet, sondern in einer Bundestagsrede – zum „unbegabteren Geschlecht“ gerechnet hatte. Dies tat er übrigens im Hinblick darauf, dass Jungen in den Bildungseinrichtungen offenkundig erhebliche Nachteile haben. Damals gab es von der grünen Partei keinen Ärger – von Claudia Roth ist stattdessen überliefert, dass sie Trittin beifällig ein „Genau!“ hinterherschickte.

Es ist völlig in Ordnung, sich vom Bundestagspult aus über Kinder lustig zu machen, die erhebliche Bildungsnachteile erleben – aber einen idiotischen Tweet über eine Frau zu schreiben, ist unverzeihlich. Konfusionen wie diese entstehen mit erstaunlicher Regelmäßigkeit eben dann, wenn Sexualität und Politik kollidieren.

Donnerstag, 12. Februar 2015

Zeit für neue Lieder

Zu Christoph Kucklicks Das unmoralische Geschlecht. Vierter Teil
 
Nach der Auseinandersetzung mit Kucklicks Position im ersten Teil und den Bezügen von Kucklicks Analysen zu Beispielen aus den achtziger und neunziger Jahren (zweiter Teil) und der Gegenwert (dritter Teil) ist dieser Text nun ein Abschluss. Es geht darum, welche Konsequenzen sich aus Kucklicks Text für gegenwärtige Debatten ergeben können.
 
 
In den Kommentaren  zum vorangegangenen Artikel zitiert Stefan W. einen Satz aus dem Buch, der Kucklick unmittelbar anschließt an ein Konzept von Warren Farrell: das des disposable male, des rundum verfügbaren Mannes, oder auch – des Wegwerf-Manns. Über die Beschneidung schreibt Kucklick, schon ein Junge habe lernen müssen,
„dass sein Körper nicht ihm selbst, sondern dem Kollektiv gehört“. (324)
Kennzeichnend für die moderne Gesellschaft sei der Druck, für ganz unterschiedliche Funktionen – in unterschiedlichen Berufen, gegenüber den Institutionen – nutzbar zu sein und die eine Verfügbarkeit auch organisieren zu können. Diese „segmentierte Verfügbarkeit“ sei „zum Wesensmerkmal von Männern erklärt“ worden. (172)

Damit geht Kucklick noch über Farrells berühmte Begrifflichkeit hinaus. Eben gerade darum, weil Männer für die ökonomischen und sozialen Strukturen moderner Gesellschaften in hohem Maße verfügbar sein müssen, eignen sie sich auch als Repräsentanten moderner Strukturen, eben als „das moderne Geschlecht“ (12). Als Repräsentanten dieser Strukturen aber werden sie wiederum zur Projektionsfläche von Ängsten, in ihnen können sich Widerstände gegen moderne Entwicklungen sinnbildlich bündeln.

Dass sie dann aber, wie Kucklick wieder und wieder nachweist, als Tiere, als Monstren, als Gewalttäter dastehen, legitimiert wiederum ihre unbegrenzte Verfügbarmachung.

Diese sich selbst legitimierende, umfassende Nutzbarmachung korrespondiert mit einem haltlos idealisierenden Bild „der Frau“. Die Frau nämlich bleibe, so die moderne Phantasie, dieser umfassenden Vernutzung fern. „Besonders wichtig ist ihre Ferne zum Wirtschaftssystem, ihre Nicht-Käuflichkeit.“ (226)
 
Für den Mann ist die Frau damit gleichsam eine nahe, konkrete Utopie. Unter dem Druck der entfremdenden Verfügbarmachung ist sie hier gleichsam die Garantie, dass es noch so etwas wie eine unberührtes Menschsein gäbe, für das sich die eigene Entfremdung lohnt – und das selbst niemals ganz bezahlt werden könne.
 
Hier wird auch klar, dass es eigentlich überhaupt nicht um real existierende Männer und Frauen geht, sondern um Fantasien. „Mann“ und „Frau“ werden hier als Chiffren verwendet, mit denen die unüberschaubaren ökonomischen und sozialen Strukturen moderner Gesellschaften im Selbstverständnis der Beteiligten verankert werden.
"I'm a man!" - "Well, nobody's perfect." Dass sich durch die Verwandlung aller Menschen in Frauen auch alle Probleme moderner Gesellschaft  lösen würden, kann ruhigen Gewissens als seltsame Fantasie abgetan werden. Tony Curtis, Jack Lemmon, Marilyn Monroe und andere in Billy Wilders Some Like It Hot.
Klar wird aber auch, dass die Konzepte, über die Kucklick schreibt, tief bürgerliche Konzepte sind: Weder im Adel noch im Proletariat – bei Fabrik- oder Landarbeitern etwa, bei denen Männer und Frauen gleichermaßen selbstverständlich arbeiten mussten – hätte diese Geschlechterkonzeption einen Sinn ergeben.

Dass heutige Debatten Muster nachvollziehen, die Kucklick schon in der Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts beschreibt, war  Thema der beiden vorangegangenen Texte. Diese Strukturähnlichkeiten zeigen zumindest eines: Die Heldinnenerzählung ist nicht zu halten, dass nach einer jahrhundertelangen Dominanz patriarchaler Zuschreibungen die Frauenbewegungen des 20. Jahrhunderts endlich diese erstarrten Herrschaftsformen durchbrochen hätte. Diese Legende ist offenkundig selbst Teil eben der Strukturen, die zu analysieren sie vorgibt.

Donnerstag, 5. Februar 2015

Politik und Kinderfeindschaft

Zu Christoph Kucklicks Das unmoralische Geschlecht. Dritter Teil
 
Die Sittlichkeitsbewegung des endenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts habe, so Christoph Kucklick in Das unmoralische Geschlecht, ein besonders negatives Bild des Manns gezeichnet:
„als triebhaft unberechenbarer Verführer und als Beschmutzer nicht nur der Frauen, sondern der Gesellschaft.“ (328)
Als Projektionsfläche moderner Entwicklungen steht „der Mann“ als egoistisch dar, weil er sich nicht in vorgegebene Ordnungen einpasse, sondern auf sich selbst bezogen bleibe – als animalisch, weil er nicht oder nur zum Teil durch seine Eingliederung in dieser sozialen Ordnungen humanisiert wird – und als potenziell gewalttätig, weil er in seinem Egoismus und seiner fehlenden Impulskontrolle dazu neige, sich ohne Rücksicht auf Grenzen zu nehmen, was er wolle.
Die autoritäre Pädagogik ist offenkundig langlebig. Zur Zeit kommt sie, unter anderem, als progressive, antisexistische Jungenpädagogik daher. Eine Szene aus François Truffauts Sie küssten und sie schlugen ihn (1959)
Es gibt einen Bereich, in dem sich all diese moralisch verwerflichen Aspekte bündeln lassen: nämlich die Sexualität. Sie umfasst natürlich das Animalische – sie umfasst den Egoismus, wenn die männliche Sexualität nicht als Form der Zuwendung zu anderen Menschen, sondern als bloßes Ausleben eigener Triebe gedeutet wird – und sie umfasst natürlich das Gewalttätige, wenn der Mann, als Verführer oder Vergewaltiger imaginiert, seine sexuelle Gier ohne Rücksicht auf die Frau auslebt.

Noch im 18. Jahrhundert seien, so Kucklick, „die schwächeren Nerven der Frauen für die höhere weibliche Sinnlichkeit verantwortlich“ gemacht worden. (124) Doch innerhalb weniger Jahrzehnte sei diese Vorstellung in das Gegenteil gekippt:
„Fortan wurde der Mann mit einer triebhaften Sinnlichkeit identifiziert. (…) Er wurde zu dem Geschlechtswesen.“ (124)
Wenn sich also in der Sexualität von Männern die Probleme der Männlichkeit überhaupt bündeln, dann liegt es nahe, eine umfassende Lösung dieser Probleme ebenfalls auf dem Gebiet der Sexualität zu suchen.
 
Zudem liegt es nahe, sich dabei auf männliche Wesen zu konzentrieren, die noch formbar sind, noch nicht gefangen im – ihnen zugeschriebenen – Selbstbezug; nämlich auf Jungen.

Samstag, 31. Januar 2015

Der liebesunfähige Mann: Vom alten Klischee zur revolutionären Neuheit

Zu Christoph Kucklicks Das unmoralische Geschlecht. Zweiter Teil
 
Im ersten Teil der kleinen Winterserie über Christoph Kucklicks Das unmoralische Geschlecht habe ich seine Kernthese vorgestellt, dass über negative Darstellungen von Männlichkeit typische Widersprüche der Moderne ausgetragen würden.

Im mittleren Teil möchte ich, wie angekündigt, an konkreten Beispielen überprüfen, wie haltbar und wie hilfreich diese These ist.

Im letzten Teil werde ich dann einige Konsequenzen beschreiben, die sich in meinen Augen aus Kucklicks Schrift ergeben.

Die Beispiele, die sich für den mittleren Teil anboten oder aufdrängten, waren allerdings so zahlreich, dass ich zwei Texte daraus gemacht habe. Der eine, der hier gerade beginnt, bezieht Kucklicks Thesen auf Beispiele aus einer gerade erst vergangenen Zeit, die heute gleichwohl skurril und irreal wirken. Es sind Beispiele aus den achtziger und frühen neunziger Jahren, als die Obsession mit der Geschlechtszugehörigkeit feministische Zirkel verließ und zu einem Teil der Popkultur und Ratgeberliteratur wurde.

Der nächste Text wird sich dann mit Beispielen aus der unmittelbaren Gegenwart beschäftigen. Sie werden vermutlich in 20 Jahren ebenso irreal wirken wie manche Beispiele des folgenden Textes – wenn sie es nicht ohnehin jetzt schon tun.
Dass Männer irgendwie Tiere sind, ist seit Jahrhunderten ein gängiges Klischee. Mit Begeisterung wird es wieder und wieder inszeniert - und gern mit großem Gestus, als sei damit gerade eben erst eine revolutionäre, tiefgründige Wahrheit über die grundlegenden Bedingungen menschlicher Existenz neu entdeckt worden. Aus Doris Dörries Erfolgsfilm Männer.
 
 „Die Wirtschaftskrise ist vor allem eine Krise der Männer.“ Diesen Satz aus der Süddeutschen Zeitung und andere, ähnliche Sätze beschreibt Christoph Kucklick gleich zu Beginn seines Buchs Das unmoralische Geschlecht: Solche Aussagen würden ein Wissen darstellen,
„das als solches nur gelten kann, solange es nichts über sich selber weiß.“ (34)
Das bedeutet: Es sind scheinbar Äußerungen über die empirische Welt, die auch noch den Eindruck erwecken, durch sie würden tiefere Strukturen freigelegt – Strukturen einer männlichen Herrschaft, die zum Schaden aller wirke.

Tatsächlich aber sind es oberflächliche Klischees, und das sei denjenigen, die sie benutzen, vor allem einem Grund nicht klar: Sie merkten gar nicht, dass sie auf Klischees zurückgreifen, die seit Jahrhunderten im Umlauf sind und die in dieser Zeit immer wieder als Neuentdeckungen verkauft wurden.

Dass sich in diesen Klischees Widersprüche der Moderne spiegeln würden – dass deshalb auch die Männlichkeitsdarstellungen widersprüchlich seien, neben Idealisierungen auch eine lange Tradition der Männlichkeitsverdammnis pflegen würden: Das ist die Kernthese von Kucklicks Buch.

Wie glaubwürdig sie ist, lässt sich an konkreten Beispielen besser überprüfen als an allgemeinen, theoretischen Erwägungen.

Montag, 26. Januar 2015

Warum Männerfeindschaft modern ist

Zu Christoph Kucklicks Das unmoralische Geschlecht. Erster Teil

„Gleich zu Beginn der Finanzkrise sah das Magazin der Süddeutschen Zeitung, wie sich ein unheimlicher Penis der Zerstörung erhob. Neben dem Foto eines erigierten Büroturms und unter der moralstickigen Überschrift Hochmut kommt vor dem Phall schrieb das Blatt: ‚Die Wirtschaftskrise ist vor allem eine Krise der Männer.’ Um in Klammern und kokett hinzuzufügen: ‚Im Ernst: Wäre Frauen der ganze Mist passiert?’"
So beginnt Christoph Kucklick seinen Essay Das verteufelte Geschlecht, der 2012 in der Zeit veröffentlicht wurde.

Für massiv herabwürdigende, zugleich aber auch ungehemmt moralisierende Darstellungen von Männern präsentiert er dort eine lange Reihe aktueller Beispiele: Das Raunen des SZ-Autors beispielsweise, der angesichts der Finanzkrise über eine „Herde von Männern“ schrieb, um so den Mann als animalisch zu entlarven – einer ganz ähnlichen Wortwahl wie der, derer sich mit der gleichen Absicht dann etwas später die Zeit selbst bediente.

Die Deutung derselben Krise als „Testosteron-Krise“ durch den „Trendforscher“ Matthias Horx und, ganz ähnlich, durch die Premierministerin Islands.

Die weitgehend männlichen Teilnehmer des Weltwirtschaftsgipfels in Davos, die gegenüber dem Problemverursacher Mann Frauen ausdrücklich als Allround-Lösung globaler Herausforderungen präsentiert hätten. Männer dagegen habe die Zeit schon zehn Jahre zuvor als „Feinde der Menschheit“ dargestellt.

Oder die schwedische Politikerin Ireen von Wachenfeldt, „die in hinreißender Offenheit befand: ‚Männer sind Tiere’“.

Oder die Paranioa der Innsbrucker Politik- und Gender-Professorin Claudia von Werlhof, die eine Verschwörung von Männern phantasiert, welche mittels geeigneter Gerätschaften gezielt Erdbeben auslösen würden.

Das Philosophie-Magazin, das bereits in seiner dritten Ausgabe den Mann als „Das problematische Individuum des 21. jahrhunderts“ präsentiert hat.

Und natürlich der berühmte Satz aus dem sozialdemokratischen Grundsatzprogramm, der einen Gegensatz von Männlichkeit und Menschlichkeit konstruiert: „Wer die menschliche Gesellschaft will, muss die männliche überwinden.“

Kucklick kommentiert:
„So wie wir gelernt haben, schneller Reize wegen Bildschirme und Plakatwände mit nackten Frauen zu füllen, so haben wir uns antrainiert, jedem Problem einen männlichen Defekt beizugesellen, der es irgendwie verursacht haben soll. Kausalitätspornografie.“
Oder auch: der Männerhass als Moralporno.
 
Für Kucklick sind solche negativen Darstellungen von Männern nicht neu, und sie sind schon gar kein Resultat des Feminismus, dem er übrigens auch Verdienste zuschreibt.  Der Feminismus habe den Männerhass nicht erfunden, sondern lediglich genutzt.
 
Der Autor beschreibt ganz andere und viel ältere Quellen des misandrischen, also männerfeindlichen Ressentiments. Auf diese Quellen allerdings hätte eine feministische oder feministisch inspirierte Forschung tatsächlich den Blick verstellt: Sie sei ganz auf Geschlechterhierarchien fixiert, in denen Männer rundweg als Herrscher erschienen – und hätte das häufig mit Theorien flankiert, „denen zufolge Männer ihre Dominanz durch entsprechend Diskurse abgesichert haben.“ (S. 23)
 
Radikal negative Darstellungen von Männern, die Kucklick als beständige Begleiter der Moderne – also: der letzten zwei bis drei Jahrhunderte – herausstellt, seien darüber aus der Wahrnehmung verschwunden.

Das ist ein Kernthema seiner Dissertation „Das unmoralische Geschlecht“, deren Grundthesen er in seinem Zeit-Artikel erläutert. Das Buch ist in meinen Augen eine der wichtigsten geschlechtertheoretischen Arbeiten der letzten Jahrzehnte, und es ist es unbedingt wert, stärker in allgemeine Diskussionen aufgenommen zu werden. Dass er sich auf die hochkomplexe Systemtheorie Luhmanns bezieht, ist dabei sicher ein Hindernis – diesen Hintergrund hat gerade djadamoros in einem Text bei Geschlechterallerlei sehr fundiert erläutert.
So ist er, der Mann: schraubt frohgemut an einer Maschine herum, die längst viel größer ist als er - denkt, er hätte dabei die Sache in der Hand - und wird eigentlich nur ein wenig wunderlich.
Kucklick untersucht Texte von Schriftstellern der Aufklärungszeit, von bekannten wie Fichte, Kant oder Schleiermacher, aber auch von vielen heute unbekannten Autoren. Seine Grundthese: Die gängige Vorstellung ist zumindest ergänzungsbedürftig, Männer seien durchweg als überlegene Vernunftmenschen und Frauen als unterlegene Defizitwesen dargestellt worden. Zugleich hätten die Texte noch eine ganz andere Tendenz: nämlich Männer als Mängelwesen zu präsentieren, als Monstren, als instinktgeleitete, halb-tierische Wesen – und Frauen als humanes, rettendes Gegengewicht zur männlichen Destruktivität.

Zugleich geht Kucklick davon aus, dass die Positionen dieser Texte aus dem 18. und frühen 19. Jahrhundert durch die Jahrhunderte wieder und wieder aufgefrischt worden seien – die Feindseligkeit gegenüber Männern sei bis heute ein Kennzeichen der Moderne.

Natürlich bedeutet das nicht, dass diese Feindschaft sämtliche Bereiche des sozialen Lebens durchdrungen hätte – die Schriften der Aufklärung, die Kucklick untersucht, sind Schriften einer verschwindend kleinen Gruppe bürgerlicher Intellektueller. Gleichwohl ist es eine starke These, dass es – neben Traditionen der Idealisierung von Männern – zugleich auch eine lange Kontinuität der Männerfeindschaft gegeben habe.

Ob sich das so halten lässt, ob sich tatsächlich Kontinuitäten der Feindschaft gegenüber Männern vom 18. Jahrhundert bis heute beschreiben lassen, und was das alles eigentlich mit den Entwicklungen der Moderne zu tun hat – das sind Fragen, die weit weniger theoretisch sind, als sie auf den ersten Blick aussehen. Aus ihren Antworten ergeben sich zudem wichtige Konsequenzen für heutige Geschlechterdebatten.

Ich hatte mir am Ende des vergangenen Jahres die Zeit genommen, Kucklicks Buch einmal im Zusammenhang zu lesen, schon mit der Absicht, darüber etwas zu schreiben. Ich habe dann gemerkt, dass das Buch zu umfassend für einen Text ist – also mache ich drei daraus, von denen der erste, dieser hier, eher theoretisch ist und die Kernthese von Kucklicks Buch skizziert, während die folgenden Texte sich dann mit konkreten Beispielen auseinandersetzen.

Da djadmoros die wichtigen Luhmann-Bezüge schon erläutert hat, kann ich mich stärker auf anderes konzentrieren: Was können wir mit Kucklicks Buch in aktuellen Debatten anfangen? Welche Konsequenzen ergeben sich aus den Ergebnissen seiner Forschung?

Montag, 19. Januar 2015

Wo Lächerlichkeit tötet (Auch ein Rückblick auf den Dezember 2014)

Angesichts des Terrors in Paris und anderswo wirken Debatten über Geschlechter sehr klein und unwichtig. Das sind sie auch, manchmal – und einige Jahresrückblicke des letzten Monats lieferten dafür Beispiele reihenweise.

Die von de Mazière, Gabriel oder Maas  gebrauchte „Formel, die Morde von Paris hätten nichts mit dem Islam zu tun“, bezeichnet Deniz Yücel in der taz als „unerträglich“ und „Blödsinn“. Die gute Absicht dieser Formeln ist erkennbar – einem pauschalen Verdammen von Muslimen oder des Islam insgesamt zu widersprechen. Hohlformeln jedoch dienen der guten Absicht wohl kaum.

Dass aber demgegenüber Pegida auch nicht gerade eine demokratische Graswurzelbewegung ist, die sich dem Aussprechen unbequemer Wahrheiten verpflichtet hat – das wird zum Beispiel in dem kleinen sozialen Experiment eines Bloggers deutlich, der sich mit einer Israel-Fahne auf eine Pegida-Demonstration begeben hat. Das Versammlungsverbot aufgrund von Gewaltdrohungen ist natürlich trotzdem, wie Telepolis mit diplomatischer Vorsicht formuliert, „nicht ganz verständlich".

Der aktuelle Spiegel versucht dann tatsächlich, den Terror mit aktuellen Klischees aus Geschlechterdebatten zu erklären. Der Terror der Verlierer, titelt er – was vor allem beruhigend ist, weil wir, die wir den Spiegel lesen, dann stillschweigend als Gewinner dastehen. Im Untertitel: „Wie junge Männer Europa den Krieg erklären“. Im dazugehörigen Artikel fragt das Magazin dann suggestiv:
„Sind es zornige junge Männer, die das Problem sind? Ist die Gesellschaft selbst dass Problem? Oder ein falschverstandener Islam, in dem verirrte Männer eine Heimat finden (…)?“ (S. 77)
Im Gespräch betont der Politikwissenschaftler und Islamexperte Olivier Roy, dass die radikalen Moslems sich in einer patriarchalischen Fantasie befänden und trotzdem „auch Frauen, die das Gleiche tun wollen“, anzögen: „Die Beziehung zwischen diesen jungen Radikalen beruht auf Gleichberechtigung.“ (S. 91) Trotzdem fragt Julia Amalia Heyer, Interviewerin des Spiegel, noch einmal nach: Die größte Gefahr gehe doch wohl nicht mehr von al-Quaida aus,
„sondern von zornigen jungen Männern (…), die keinen Job haben und sich eine Kalaschnikow besorgen“. (91)
Die Antwort Roys unterläuft sowohl die sozialen wie auch die geschlechtsbezogenen Klischees der Frage: „Selbst Mittelstandskinder und Jugendliche, die am gesellschaftlichen Leben durchaus teilhaben, werden mittlerweile zu Terroristen“.
Ein junger Mann, ausnahmsweise mal nicht zornig, sondern beim Lesen eines Buches. Ernst Barlachs Lesender Klosterschüler.
Kimmels Angry White Men in einer islamisierten Version: Das Klischee des zornigen männlichen Modernitätsverlierers, der um sich tritt und blind gewalttätig agiert, lenkt unter anderem davon ab, dass die Terroristen selbst ausdrücklich einen sehr deutlichen Geschlechtsunterschied machten: Sie wollten ausschließlich Männer töten.

Wäre das umgekehrt gewesen, hätte sich ihre Gewalt also gezielt gegen Frauen gerichtet, dann würden wir uns gewiss schon längst in einer erregten Diskussion darüber wiederfinden, dass der Terror im Kern frauenfeindlich sei, nämlich ein Ausdruck gefährdeter patriarchaler Herrschaftsstrukturen.
 
Ich finde es trotzdem angemessen, dass Männer die offenkundige, spezifische Männerfeindlichkeit der Terroristen nicht in den Mittelpunkt der Diskussion geschoben haben. Diese Feindseligkeit gehört wohl zu einem pervertierten soldatischen Selbstverständnis, das die Terroristen mit ihren scheinbaren Antipoden teilen – auch für Anders Breivik ist das Töten erst dann ein Problem, wenn Frauen getötet werden.

Dass der Versuch des Spiegel halbherzig bleibt, den Terror im Lichte gegenwärtiger Geschlechterklischees zu betrachten, hat möglicherweise auch einen anderen Grund: Die Gewalt ist fernab aller Geschlechterdebatten betont antisemitisch. Das einzige weibliche Opfer der Morde in Paris ist eine Jüdin, im Jahr 2014 sind, so die Süddeutsche Zeitung, doppelt so viele Juden aus Frankreich ausgewandert wie noch im Jahr zuvor, 7000.
„Statistiken des französischen Innenministeriums belegen, dass von sämtlichen als rassistisch eingestuften Taten knapp die Hälfte gegen Juden gerichtet ist - und das bei einem Bevölkerungsanteil von weniger als einem Prozent.“ 
Schon vor der Ermordung von vier jüdischen Männern durch den islamistischen Terroristen Coulibaly  sind Juden in Frankreich wiederholt und gezielt zum Opfer von sehr gewalttätigen Überfällen geworden.

„Alle sind Charlie, keiner ist Jude“, kommentiert ein Blogger die Konzentration auf die ermordeten Journalisten. Tatsächlich ist das eine der schrecklichsten Ziele des Terrors: der Versuch, die Möglichkeit zivilen Lebens zu zerstören. Wenn jüdische Schulen geschlossen werden oder nur unter erheblichem Polizeischutz offen bleiben können, wenn Gottesdienste ausfallen müssen, wenn Menschen schon beim Gang ich den Supermarkt Todesangst haben müssen – dann brechen Selbstverständlichkeiten zivilen Lebens weg, die nicht ersetzbar sind.

Angesichts dessen wirken Geschlechterdebatten sehr klein und unwichtig. Welche Rückschlüsse aus dem Pariser Terror trotzdem auch für andere Zusammenhänge gezogen werden können, zeigt David Brooks in einem Kommentar für die New York Times, I am not Charlie Hebdo:

Freitag, 2. Januar 2015

Warum eigentlich werden Geschlechterdebatten so schnell bekloppt?

Eigentlich hatte ich keine bösen Absichten: Gestern habe ich ein paar Grüße zum neuen Jahr veröffentlicht, hatte uns allen Gelassenheit und viel Spaß gewünscht – hatte aber auch darüber geschrieben, dass nach meinem Eindruck gerade geschlechterpolitische Konflikte oft ungeheuer aufgebauscht werden und Aufregungen verursachen, die dem Anlass nicht angemessen sind.

Eines von mehreren Beispiele, die ich nannte, kam aus dem Kontext männerrechtlicher Blogs – ich finde es bis heute absurd, dass sich im letzten Jahr aus einer Kleinigkeit, einer Entschuldigung des Bloggers „wortschrank“ bei der Bloggerin Robin Urban, ein massiver Konflikt entwickeln konnte, der bis heute anhält.

Nach meinem Eindruck hatte das damals die durchaus optimistische Grundstimmung nach der Zusammenarbeit in zwei erfolgreichen Blogparaden geknickt, und von zumindest zwei Bloggern, die ich sehr geschätzt hatte, weiß ich, dass sie sich unter dem Eindruck dieser absurd hochgeputschten Konflikte zurückgezogen haben.

Ob das so beabsichtigt war, ob einzelnen eine Schuld zuzuweisen ist – darüber könnte man immer noch diskutieren, man könnte es auch sein lassen. Ich schreib gestern in einem Nebensatz lediglich, dass ich diese Entwicklung im Rückblick schade finde – und dachte, dass das eigentlich allgemein nachvollziehbar sein müsste.

Obwohl es in dem kurzen Text gestern eigentlich um ganz anderes ging, fühlten sich einige Akteure durch diesen Nebensatz sofort und unmittelbar angesprochen – und fingen an, mich in den Kommentaren aufgeregt zu beschimpfen, mich der Lüge zu bezichtigen und eine Fortsetzung des Konflikts anzukündigen.

Auch das ist schade. Ich hab dieses Blog in vier Tagen genau zwei Jahre lang, es hat hier weit über 4000 Kommentare gegeben, nur insgesamt drei davon fand ich so bekloppt, dass ich sie gelöscht habe, und durchgehend habe ich hier sowohl anonyme Kommentare als auch unmoderierte Kommentare ermöglicht. Es war in meinen Augen ein ungeheuer gutes Zeichen, dass das so lange und so umfassend möglich war.

Gestern habe ich dann unter dem Eindruck der Aggressivität, die mehrere Kommentare prägte, die Kommentarfunktion geändert und lasse nun Kommentare nur noch moderiert durch. Ich bin zur Zeit, wie in der ganzen Weihnachtszeit, noch immer viel offline unterwegs – und ich möchte einfach nicht, dass ein Text, in dem es eigentlich um Gelassenheit und Augenmaß ging, in den Kommentaren vollkommen bestimmt wird durch zwanghafte Re-Inszenierungen von Konflikten, die ich schon beim ersten Durchgang bescheuert fand.
Auch wohlmeinende, vernünftige Zeitgenossen können sich in Geschlechterdiskussionen recht schnell verhaken.
Es ist mir hier nicht einmal so wichtig, worum es dabei geht – wichtiger ist mir etwas anderes. Als ich über die Weihnachtsfeiertage ein wenig Abstand vom Bloggen hatte, empfand ich das manchmal als sehr erleichternd – und viele Konflikte, mit denen wir uns hier herumschlagen, kamen mir recht verrückt und überzogen vor. Die Männerbewegung, wenn es sie denn gibt, hat offenkundig manchmal den seltsamen Ehrgeiz, so viele lunatic fringes, verrückte Ränder wie nur möglich hervorzubringen.

Fairerweise sollte allerdings hinzugefügt werden, dass das anderswo nicht unbedingt besser aussieht: Beim heutigen Feminismus fänd ich es manchmal ganz schön, wenn er sich irgendwann dazu entschließen könnte, zur Abwechslung irgendwo auch einmal einen non-lunatic fringe einzurichten.

Warum aber gleiten, wenn mein Eindruck richtig ist, Geschlechterdiskussionen eigentlich so oft und so schnell ins Irrationale ab? Christian Schmidt hat sich im Hinblick auf den Feminismus schon in mehreren Artikeln mit dieser Frage beschäftigt, und die bloggende Psychologin „Erzählmirnix“ hat dort die These aufgestellt, Feminismus und Maskulismus würden gerade traumatisierte Frauen und Männer überproportional stark anziehen.

Diese Erklärung ließe sich mit einer ganzen Reihe von Beispielen illustrieren, ich möchte aber trotzdem ein Gegenstück dazu formulieren – keine Gegenthese, eher eine Ergänzung. Geschlechterdiskussionen ziehen möglicherweise traumatisierte oder depressive Menschen überproportional stark an – es gibt aber einige Aspekte dieser Diskussionen, die dazu führen, dass dort auch Menschen ganz jenseits psychischer Störungen unter ihrem sonstigen Niveau bleiben und irrationaler agieren, als sie es in anderen Zusammenhängen tun. 

Mir fallen dafür vier Erklärungen ein.

Donnerstag, 1. Januar 2015

Jahresende, Jahresanfang

1911 veröffentlichte der Dichter Jakob von Hoddis, der eigentlich Hans Davidsohn hieß, ein Gedicht, mit dem er bis heute zu einem berühmten One-Hit-Wonder wurde. Weltende hieß es, und es wurde nachträglich als ein prophetisches Gedicht verstanden, in dem sich die Katastrophe des Ersten Weltkrieges schon ankündigte.
 
„Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei,
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei 
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.  
 
Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken."
 
Thomas Schmid sieht das 2011 in einer Interpretation  undramatischer: Die kleinen, immer wieder schnell zerstrittenen expressionistischen Männerbünde hätten ihre „kleinen Zimmerschlachten (…) zwar mit Leidenschaft geschlagen“, aber eigentlich hätten ihre Werke etwas Spielerisches und Unernstes gehabt.
„Ihr Sturm war, am Ende einer großen und prosperierenden Friedenszeit, auch ein Sturm im Wasserglas.“
Wassily Kandinsky: Skizze für Komposition VII, 1913
Warum auch immer, das kam mir ein wenig vertraut vor. In Geschlechterdebatten wurden in den letzten Monaten die Aufregungs-Zyklen immer kürzer: ein Buch von Anne Wizorek, shirtgate, Hollaback, fappygate, die journalistische „Rape on Campus“-Katastrophe, als Dauerprogramm Gamer Gate – und das ist nur ein kleiner Ausschnitt.