Freitag, 22. Mai 2015

Was hat das Deutschlandradio eigentlich gegen Menschenrechte?

Die Situation deutscher Mütter ist – von der breiten Öffentlichkeit wie üblich unbemerkt – unerträglich geworden.
„Unverheiratete Mütter und ihre Kinder geraten (…) in eine noch nie da gewesene Situation des Ausgeliefertseins an den Kindesvater.“
Durch gesetzlichen Zwang sieht sich die unschuldige Mutter der Willkür eines missgünstigen Vaters ausgesetzt, der sich zwar – wir kennen diese Gesellen ja – selbst nicht um das Kind kümmern möchte, ihre Sorge um das Kind aber vergnüglich und nach Kräften torpediert.
„Sie muss beim Vater vorsprechen, muss um seine Unterschrift bitten, wenn es gilt, Tochter oder Sohn taufen zu lassen, beim Kindergarten anzumelden oder einen Reisepass zu beantragen. Auch ein Umzug des Kindes muss von ihm abgesegnet sein.“
Wendet sich die verzweifelte Mutter dann hilfesuchend an Institutionen, dann sieht sie sich einem solch unübersichtlichen administrativen Terror ausgesetzt, dass Kafkas „Prozeß“ im Vergleich dazu als harmloses Kinderbuch erscheint. 
„Hier kann endlich das familiengerichtliche Helfersystem zuschlagen. Es besteht aus Umgangspflegern, Verfahrensbeiständen, Gutachtern. Sie alle können ihr Mütchen an der jungen Frau kühlen und verdienen nicht schlecht an der neuen Rechtssituation. Für die Mütter aber kann es schlecht ausgehen: ihnen droht sogar die Wegnahme des Kindes.“
Wie aber konnte es zu einer solchen entsetzlichen Situation kommen, in der sogar ungeheuerliche Absurditäten in den Bereich des Möglichen geraten – in der es sogar denkbar wird, dass ein Kind nicht bei seiner Mutter aufwächst, sondern gar bei seinem Vater?
„Eine solche Konstellation wäre vor der Gesetzesnovelle nicht entstanden, als noch das alte Kindschaftsrecht der Achtziger Jahre galt.“
Darauf, dass früher alles besser war, macht dankenswerterweise das Deutschlandradio Kultur in einer Sendung seines Politischen Feuilletons vom 18. Mai aufmerksam. „Den Vätern die Rechte, den Müttern die Pflichten“ heißt die Sendung, und in einem Interview am darauffolgenden Tag ordnet Jutta Wagner als ehemalige Präsidentin des Deutschen Juristinnenbundes diese Sendung rechtlich und politisch ein.
Natürlich täuscht das friedliche Bild. Das Deutschlandradio klärt darüber auf, dass der Vater das Kind lediglich "zur freien Verfügung" haben möchte, um "Macht über die Mutter" zu haben.
Mit Hetze hat das selbstverständlich nichts zu tun.
Einmal ganz ohne Ironie: Ich weiß, dass die Überschrift dieses Textes überzogen oder polemisch wirken kann. Sie ist es nicht. Die Sendungen des Deutschlandradios verraten tatsächlich erhebliche Probleme mit dem Konzept der Menschenrechte, und sie artikulieren diese Probleme in hetzerischer Weise. Das betrifft nicht allein die Rechte von Vätern, sondern vor allem die von Kindern.

Solch eine Aussage muss natürlich begründet werden.

Sonntag, 17. Mai 2015

Wie ich einmal den neuen Mad Max-Film nicht boykottierte

„Ja, ich bin ein Feminist“, erklärt gerade der Schauspieler Ryan Gosling im Magazin der Süddeutschen Zeitung (S. 20) und hat dafür auch eine überraschend einfache Begründung: „Frauen sind besser als Männer.“
 
Keine umständlichen Reden also darüber, dass es um Gleichberechtigung gehe und um eine Öffnung der Geschlechterrollen und dass all dies auch für die Männer gut sei – stattdessen kommt Gosling sympathisch-unbekümmert gleich zur Sache.

Skandalös ist seine Aussage trotzdem nicht. Gosling erklärt mit ihr nämlich seine eigene familiäre Erfahrung, nach der Mutter und Schwester im Unterschied zum Vater für ihn da gewesen seien. Es wäre allerdings hübsch, wenn sich nun aus Gründen der Symmetrie auch eine bekannte Schauspielerin zur Maskulistin erklären würde, weil schließlich Männer einfach besser wären als Frauen, irgendwie.

Deutlich schwerwiegender als solche persönlichen Einschätzungen sind politische Ideologien der Höherwertigkeit eines der Geschlechter, oder kulturelle Klischees, die ganz abgelöst von aller konkreten Erfahrung weiter transportiert werden.

Feministische Klischees eben dieser Art entdeckt der Blogger Aaron Clarey im vierten Mad Max-Film, Mad Max: Fury Road. Genauer: Er entdeckt sie in den Trailern des Films, da er den Film selbst nicht gesehen hat, aber prophylaktisch trotzdem schon einmal zu seinem Boykott aufruft.
 
 
Da nämlich die Figur des Max, so Clarey nach Ansicht der Trailer, hinter der Frauenfigur der Imperator Furiosa offenbar zur Staffage werde, da an dem Film die feministische Autorin Eve Ensler beteiligt gewesen sei, sieht der Blogger den Film als „feministisches Propagandastück“ (feminist piece of propaganda), als „Trojanisches Pferd“ (Trojan Horse) und als Vehikel, mit dem den Zuschauern eine Lektion in Feminismus in den Hals gestopft werde (to force a lecture on feminism down your throat).

Darauf antwortet sogleich der feministische Blogger David Futrelle, der den Film ebenfalls nicht gesehen hat und der nun einen noch längeren Text darüber verfasst – um ihn gegen „diese Arschlöcher“ (these assholes) zu verteidigen. In weiteren Texten legt Futrelle nach und macht sich beispielweise über die „Mann-Babies mit Anspruchshaltung“ (entitled manbabies) lustig, die sich durch starke Frauenfiguren in einem Film bedroht fühlen würden.

Diese von beiden Seiten unseriös geführte Auseinandersetzung über einen ungesehenen Film hätte einfach eine von vielen Internet-Absurditäten bleiben können – wenn etablierte Medien sie nicht in großer Zahl aufgegriffen und aufgeregt über die Wut von „Männerrechtlern“ über den neuen Mad Max-Film und über Boykottaufrufe gegen ihn berichtet hätten.

Woher aber kommt eigentlich diese Aufregung?
 
Um das beantworten zu können, habe ich mir – auch wenn das in engagierten Geschlechterdebatten über einen Film möglicherweise als ungewöhnliche und unverständliche Idee erscheinen mag – erst einmal den Film angesehen.

Freitag, 8. Mai 2015

Vom politischen Nutzen der Hate Speech

Julia Schramm gibt eine Broschüre über den Hass im Netz heraus

„Sauerkraut, Kartoffelbrei – Bomber Harris, Feuer Frei!“
Mit diesem witzigen Einzeiler unterstützte die damalige Piraten-Politikerin Julia Schramm zu Beginn des letzten Jahres ihre Parteikollegin Anne Helm, die zum Jahrestag der Bombardierung von Dresden mit nackten Brüsten posiert hatte. Nicht aus sexualisierendem Kalkül, natürlich, sondern damit der Spruch Thank you, Bomber Harris zu sehen war, den sie auf ihren Oberkörper geschrieben hatte.

„Kartoffeln“, das ist eine abfällige Bezeichnung für Deutsche – der Begriff „Kartoffelbrei“ bezieht sich also auf zu Brei gebombte Deutsche, die am Ende des Zweiten Weltkriegs im vom Flüchtlingen überfüllten Dresden zum Opfer der von Admiral Arthur Harris geleiteten englischen Luftangriffe  geworden waren.

Die infantile Belustigung über den Tod von vielen tausend Menschen ergänzte Schramm noch durch ebenso kecke Sprüche wie „Stalingrad war wunderbar – Nazi-Opa, bleib gleich da“.

Bei der Amadeu Antonio Stiftung, die „Initiativen für Zivilgesellschaft und demokratische Kultur“ fördert und die ihrerseits unter anderem vom Familienministerium und der Zeit finanziert wird, hat eben diese Julia Schramm einen Posten als „Fachreferentin für Hate Speech“, für „Hassreden“ also. Und nein, das ist keine Satire. Als Redakteurin des no-nazi.net und Referentin der Stiftung ist Schramm dafür zuständig dafür, Hate Speech im Netz zu analysieren und über ihre Hintergründe und Wirkungen aufzuklären.

Gerade hat sie eine Informationsbroschüre über Hate Speech herausgegeben, an der viele Bekannte mitgeschrieben haben: die feministische Bloggerin Yasmina Banaszscuk und der feministische Linguistik-Professor Anatol Stefanowitsch von der FU Berlin steuern Texte bei, die feministische Bloggerin und Twitter-Aktivistin Jasna Strick wird von Schramm über ihre Erfahrungen als Opfer eines Shitstorms interviewt.
Ein Hater im Internet (Symbolbild). Eine wesentliche Methode dieser Hater ist die Entmenschlichung ihrer Gegner.
„Gewalt gegen Flüchtlinge werden wir nicht dulden“, schreibt Bundesjustizminister Heiko Maas entschlossen im Grußwort und war offenkundig nicht ausreichend darüber informiert worden, worum es in der Broschüre eigentlich geht. Gewalt gegen Flüchtlinge spielt darin bloß ganz am Rande eine Rolle.

Freitag, 1. Mai 2015

Vom emanzipatorischen Wert der Verleumdung

Zur Tagung „Wessen Internet?“ in der Friedrich Ebert Stiftung


Ich weiß nicht, ob es heroisch ist oder masochistisch oder einfach nur ein wenig seltsam. Nachdem ich wegen eines Umzugs eine Weile hier nichts geschrieben hatte, habe ich mir ausgerechnet die seltsame Tagung „Wessen Internet? Geschlechterverhältnisse und Gender-Debatten im Netz“ der sozialdemokratischen Friedrich Ebert Stiftung und des Familienministeriums angeschaut – im Netz und nachträglich. Zur Zeit der Tagung musste ich nämlich arbeiten, so wie wohl die meisten, über die dort geredet wurde – sonst wäre ich glatt nach Berlin gefahren und hätte versucht mitzureden.

Verpasst habe ich so zum Beispiel Michael Seemann, der am Ende der Tagung in einer Diskussionsrunde saß, die sich mit dem „politischen Handlungsbedarf“ zum zivilen Umgang im Netz beschäftigte, zum „Schutz der Opfer von Verleumdung und Cybergewalt“. Das ist putzigerweise eben derselbe Michael Seemann, der Kritiker feministischer Positionen als
ideologische dummbratzen, die menschenverachtenden hass mit brachialer idiotie verbinden“
bezeichnet, sie mit Nazis gleichsetzt und gleich mehrfach offen als „menschlichen Abschaum“ beschimpft. 
 
Bei der Abschlussdiskussion zum zivilen Umgang fordert Seemann dann eine „Haltung“ gegen maskulistische, rassistische und überhaupt menschenfeindliche Strömungen. Dass jemand, der Kritik an feministischen Positionen übt, auch junge Frauen belästigt, rassistisch ist und Menschen hasst, betrachten offenbar alle auf dem Podium fraglos als Selbstverständlichkeit. Diesen Leuten müsse jedenfalls, so der wackere Kämpfer für mehr Zivilität im Netz,  deutlich werden:
„Wir haben ein Safe Space – Ihr habt hier kein Safe Space“.
Vorher schon hatte sich die Moderatorin Annett Meiritz vom Spiegel alle Mühe gegeben, den Eindruck zu erwecken, von Cybergewalt seien eigentlich nur Frauen betroffen. Belegt hatte sie das allein mit einer Statistik, nach der junge Frauen besonders häufig im Netz verfolgt, gestalkt und sexuelle belästigt würden. Das hat zwar eigentlich nichts mit Kritik am Feminismus zu tun, und es ändert auch nichts daran, dass natürlich auch Männer von Online-Mobbing betroffen sind. 
 
Trotzdem bleibt es völlig unwidersprochen, als Seemann bei der Abschlussdiskussion ein Zwei-Klassen-Netz fordert, das den Anspruch auf Schutz vor Gewalt von der Geschlechtszugehörigkeit und der politischen Position Betroffener abhängig macht.

Daneben sitzen in diesem Moment eine sozialdemokratische parlamentarische Staatssekretärin im Wirtschaftsministerium (Brigitte Zypries), ein sozialdemokratischer Staatssekretär im Familienministerium (Ralf Kleindiek), eine sozialdemokratische frauenpolitische Sprecherin des Berliner Abgeordnetenhauses (Ina Czyborra), eine Staatsanwältin vom Juristinnenbund (Dagmar Freudenberg) – und niemand von ihnen, einschließlich der Moderatorin vom Spiegel, kommt auf die Idee, das, was Seemann da sagt, zumindest ein wenig komisch zu finden.
Warum eigentlich kommen Sozialdemokraten nicht auf die Idee, dass sie auch einfach gute Politik für Menschen machen könnten?
So wird dann im Fazit einer Veranstaltung der steuermittelfinanzierten sozialdemokratischen Friedrich Ebert Stiftung und des sozialdemokratisch geführten Familienministeriums ein Internet gefordert, in dem Menschen ihre basalen Bürgerrechte entsprechend ihrer Geschlechtszugehörigkeit und ihrer politischen Haltung zugeteilt oder aberkannt werden – und niemand stört sich daran.

Wie konnte es zu so etwas eigentlich kommen?

Freitag, 3. April 2015

Die Produktion von Feindschaft

Die Bundesministerin Manuela Schwesig präsentiert den SAT1-Film Die Ungehorsame

Luise F. Pusch, die „Heldin der feministischen Sprachkritik“, hat bekanntlich gerade wegen eines bei der Emma publizierten Textes einen „Shitstorm“ erlebt. Anja Krüger dazu in der taz:
„In ihrer Glosse fragt sie sich, warum die Verantwortlichen bei der Lufthansa nicht auf die Frauenquote als Vorbeugung gegen Suizid-Abstürze kommen.“
Wie jemand überhaupt auf die bescheuerte Idee kommen kann, über den gewaltsamen, offenbar massenmörderischen Tod von 150 Menschen sogleich eine „Glosse“ zu verfassen, fragt Frau Krüger nicht.
Die heftige Kritik, die nicht nur die taz modisch als „Shitstorm“ bezeichnet, hatte Pusch redlich mit dem Versuch verdient, sich aus dem Tod dieser Menschen schnurstracks ein Argument für Frauenquoten zu basteln. Dass sie sich das Leid in dieser Form nutzbar macht, ist aber nicht das einzige, vielleicht noch nicht einmal das schlimmste Problem ihres Textes. Sie schreibt:
„Die Selbstmordquote (…) ist bei Männern viermal so hoch wie bei Frauen. Die Lufthansa könnte also das Risiko, dass ihre Piloten das Flugzeug zu Selbstmord und vielfachem Mord missbrauchen, mit jeder Frau, die sie zur Pilotin ausbilden, ganz erheblich reduzieren.“
Männer bringen sich vielmal häufiger um, als Frauen dies tun – die Wahrscheinlichkeit, dass ein heute geborener Junge sich im Laufe seines Lebens umbringen wird, ist also mehrfach größer als bei einem gleichzeitig geborenen Mädchen. Das aber interessiert die Heldin der feministischen Sprachkritik überhaupt nicht, sie fragt auch nicht nach den Gründen – sie versucht lediglich, aus dem Tod von Männern und Jungen wie aus dem Tod der Passagiere Vorteile zu ziehen.

Wie aber ist die Inhumanität überhaupt möglich, die den Text der Sprachheldin so tief prägt? Das lässt sich nachvollziehen an einem anderen Medienereignis der vergangenen Tage: einem Film, den die Emma sogleich als „absolut sehenswert“ anpries, an dem die Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig intensiv beteiligt war, der aber anders als Puschs Artikel nicht zu einem Skandal geworden ist. Zu Unrecht, übrigens.
So endet die Dokumentation Verdammt verliebt zu häuslicher Gewalt, die den SAT1-Film Die Ungehorsame begleitet. Jedes Geschlecht bekommt hier, was es braucht: Die Frauen ein exklusives Hilfetelefon, die Männer eine Täterhotline.
„Die Ungehorsame“, heißt der Film  – ein Film über häusliche Gewalt, der am 31. März bei SAT 1 gezeigt wurde.

Samstag, 28. März 2015

John Dewey, Batgirl und die Auflösung von Schützengräben

Schon vor ein paar Monaten schrieb Leszek:
„Hi Schoppe, du bist doch Fan des Philosophen und Pädagogen John Dewey, oder? Hättest du diesbezüglich ein paar Buchtipps für mich? Was genau gefällt dir bei Dewey? Gibt es noch andere Vertreter der Philosophie des Pragmatismus, die dir gefallen?“
Ich hab damals gleich eine Antwort darauf geschrieben, hatte dann aber so viel mit anderem zu tun, dass diese Antwort unveröffentlicht auf meinem Desktop herumlag und ich schließlich nicht mehr recht wusste, was ich noch damit machen soll. Bis mich Leszek vor einer Weile noch einmal darauf ansprach, ich den Text noch einmal hervorkramte und ein wenig aktualisierte.
John Dewey (1859-1952) Lernen ist keine Vorbereitung auf das Leben, sondern das Leben selbst.
Deweys Werk ist sehr umfangreich, die Werkausgabe füllt 39 Bände. Es war gar nicht so einfach, aufzuschreiben, was genau mir daran gefällt. Es hat aber auch Spaß gemacht. Ich stelle die Antwort auf Leszek hier einfach als eigenständigen Text ein.
 
Wenn sich zu den Themen, die in diesem Blog sonst eine Rolle spielen, Verbindungen ergaben, habe ich kurz darauf aufmerksam gemacht. Ansonsten ist es aber auch schön, hier einmal einen Text zu veröffentlichen, der mit Geschlechterdebatten nur am Rande etwas zu tun hat. Also:

Freitag, 20. März 2015

Wenn die Guten richtig böse werden (Monatsrückblick Februar 2015)

„Gibt es keine Monatsrückblicke mehr?", fragte hier neulich ein Kommentator. Doch, gibt es, nur mit etwas Verzug, weil ich in den letzten Monaten im Beruf sehr eingespannt bin. Aber der Rückblick auf den Februar lohnte sich für mich trotzdem, weil er zum Teil sehr lustig war, wenn auch manchmal bitter-lustig – und weil mit dem verqueren Verhältnis der Massenmedien zu der Wirklichkeit außerhalb der Medienwelt ein Thema eine große Rolle spielte, das ohnehin aktuell bleibt.
 
 
Eine bislang vielen Zeitgenossen noch nicht bewusste „Genderungerechtigkeit“ beklagte im Februar die österreichische Bundesministerin für Bildung und Frauen, Gabriele Heinisch-Hosek, in der von ihr herausgegebenen Broschüre „Tradition und Gewalt an Frauen“. Die traditionellen Hinrichtungsform der Steinigung in Ländern wie Afghanistan, dem Iran oder Saudi-Arabien wiesen
„eindeutig Nachteile für Frauen auf, weil Männer nur bis zur Hüfte, Frauen hingegen bis zu den Schultern eingegraben werden.“
Menschen zu Tode zu foltern ist irgendwie ganz in Ordnung, solange das nur geschlechtersensibel genug erfolgt – konsequent stellt die österreichische Sozialdemokratin fest:
„Internationale Kampagnen wenden sich gegen diese äußerst grausame und schmerzhafte Hinrichtungsmethode und versuchen, Frauen vor der Hinrichtung zu bewahren.“
Und nein, das ist keine Satire, jedenfalls keine absichtliche.

Österreichische Sozialdemokratinnen verstehen es ohnehin schon lange, mit ihrer Auslegung des Begriffs Gleichberechtigung ihre Mitmenschen zu erheitern. Unvergessen Renate Kaufmann, die als Bezirksvorsteherin in Wien bei männlichen Obdachlosen besonders beunruhigende Geschlechterunsensibilitäten konstatierte.
„Frauen würden sich ihrer Obdachlosigkeit schämen und verstecken,(...) Männer hingegen feiern ihr Schicksal quasi mit einem Doppelliter in der Öffentlichkeit.“
Dass obdachlose Frauen weit weniger sichtbar seien als obdachlose Männer, lässt sich in ihren Augen nur oberflächlich auf die überbewertete Tatsache zurückführen, dass etwa 90 Prozent aller Obdachlosen männlich sind – sondern darauf, dass diese Männer ihre patriarchale Dividende besonders schamlos öffentlich einstreichen.
Wir auch! Als politische Position reicht das schon völlig aus - und wer das bezweifelt, zeigt allein dadurch schon, dass er eben nicht dazugehört. (Bild von einer Verdi-Demonstration in Berlin).
Zum Glück zeigt die deutsche Bundeswehr, dass nicht nur Österreicherinnen ein sensibles Gespür für die lustige Seite der Geschlechtergerechtigkeit haben.
„Für Heiterkeit in Industriekreisen sorgt beispielsweise der Umstand, dass im Innenraum des Schützenpanzers Puma nach Maßgabe der Arbeitsstättenverordnung so gute Klimabedingungen herrschen müssen, dass selbst für hochschwangere Soldatinnen die Beförderung bei einem Gefechtseinsatz noch möglich ist.“ 
Natürlich kommt kein vernünftiger Mensch auf die Idee, hochschwangere Frauen in Panzer zu stecken und in Kampfeinsätze zu schicken, aber darum geht es hier auch gar nicht. Entscheidend ist: Die Frauen könnten auch hochschwanger in Kampfeinsätze fahren, wenn sie es denn nur wollten, und dieses Recht darf ihnen nicht durch ungünstige Klimabedingungen streitig gemacht werden. Dass keine Frau so blöd ist, es jemals in Anspruch zu nehmen, spielt dabei überhaupt keine Rolle.

Emannzer berichtet über die gendergerechten Panzer und verlinkt auch gleich auf eine Statistik der getöteten deutschen Soldaten in Afghanistan: Es sind fünfzig Männer und null Frauen.

Sonntag, 15. März 2015

Vom Schweigen der Männer und vom Neuland offener Debatten

Ein Interview mit Johannes Meiners, Mitverfasser der ersten Club of Vienna-Studie zur Geschlechtergerechtigkeit
 
„Die Teilhabe von Frauen und Männern am Geschlechterdiskurs und an der Neugestaltung der Geschlechterrollen": Unter diesem Titel veröffentlichte der Club of Vienna vor wenigen Tagen eine Studie über die Vielfalt heutiger Geschlechterdebatten (in Kurzfassung und Langfassung verfügbar).

Die Verfasser Christine Bauer-Jelinek und Johannes Meiners präsentieren dort nicht nur unterschiedliche „Feminismen“. Sie zeigen auch, dass sich mehr und mehr Männer eigenständig an diesen Debatten beteiligen und dass heute feministischen Deutungen durch mannigfaltige Kritik und alternative Ansätze fundiert widersprochen wird.

Ich hatte die Gelegenheit, mit Johannes Meiners ein Interview zu dieser Studie zu führen.
Derailing: Wie groß die Möglichkeiten dieses Jungen sind, seine Schienen zu verlassen und andere Wege zu suchen als die vorgesehenen - das hängt auch davon ab, wie offen und frei demokratische Debatten geführt werden können, nicht nur zu Themen der Geschlechtergerechtigkeit.
Christine Bauer-Jelinek und Johannes Meiners haben für den Club of Vienna gerade eine Studie zur Öffnung dieser Debatten vorgelegt.
 
Schoppe: Der Titel Eurer Studie hört zunächst etwas kompliziert an. Kannst Du kurz erklären, worum es dabei geht?

Johannes Meiners: Es geht um die Möglichkeit und Notwendigkeit eines echten Diskurses, der vielstimmig verläuft und für die Zukunft tragfähige Lösungen von Herausforderungen und Konflikten möglich macht.

Zunächst hieß die Studie „Partizipation von Männern und Frauen in unterschiedlichen Lebensbereichen". Davon lösten wir uns während der inhaltlichen Entwicklung der Studie, um eben diese Inhalte auch im Titel für den künftigen Leser sachlich zu präzisieren.

Montag, 9. März 2015

Biedermeier und Größenwahn - Ein Brief an einen deutschen Journalisten

Vor einer Woche forderte der Spiegel-Autor Cordt Schnibben seine Leser auf, ihm zu schreiben, was Journalisten besser machen sollen. Ich bin dieser Einladung einfach einmal gefolgt.

Sehr geehrter Herr Schnibben,
„seit einiger Zeit verschärft sich der Ton der Zuschriften. Es ist etwas passiert zwischen mir und Ihnen, zwischen uns Journalisten und Ihnen, den Leserinnen und Lesern.“
Das schreiben Sie im Spiegel der vergangenen Woche (10/2015) und verbinden das mit einer Aufforderung:
„Schreiben Sie mir, was wir besser machen sollen, loben Sie, wenn es nicht anders geht.“
Falls ich Sie richtig verstehe, nehmen Sie an, dass sich der Ton bloß von einer Seite aus verschärft hat. Das ist wohl ein Irrtum. Gerade eben erst hat mich beispielweise ein Spiegel-Kollege von Ihnen, ohne mich zu kennen und gleichsam prophylaktisch, in einem Text als „opportunistisches Arschloch“ beschimpft.
 
Ich bin nämlich Vater eines kleinen Jungen, fahre alle zwei Wochen mehr als tausend Kilometer, um ihn wenigstens am Wochenende sehen zu können. Obwohl ich ihn selbst gern versorgt hätte und dazu auch vollkommen in der Lage bin, wurde die Frage, ob er es bei seiner Mutter oder bei mir besser hat, in den Jahren seit der Trennung niemals irgendwo gestellt – schließlich gehört ein Kind in den Augen des deutschen Gesetzgebers grundsätzlich zur Mutter.
 
Ich hätte vor dieser Erfahrung niemals für möglich gehalten, dass in Deutschland allein aufgrund der falschen Geschlechtszugehörigkeit – oder, aus der Perspektive unseres Kindes: der falschen Geschlechtszugehörigkeit eines Elternteils – jemand so rechtlos sein kann. Ich bin schon seit Jahren im Väteraufbruch und habe auch ein kleines Blog, das sich mit solchen und ähnlichen Problemen beschäftigt.

Für Ihren Kollegen Georg Diez bin ich deshalb ein „Reaktionär“. In seinen Augen sind Reaktionäre Leute, die nicht an den Klimawandel glauben oder an die Evolutionstheorie, oder Leute, die meinen, dass in mancher Hinsicht auch Männer gegenüber Frauen benachteiligt sein können. Was ja erkennbar alles irgendwie dasselbe ist.
 
„Was für opportunistische Arschlöcher“ – das ist der letzte Satz seines Textes.
„Was wir uns nicht mehr leisten können, (…) ist der Eindruck beim Zuschauer: was die machen, kriege ich alles auch irgendwo im Netz.“
So zitieren Sie den Fernsehmoderator Claus Kleber. Der Text von Diez ist bei Spiegel-Online erschienen, nicht in der gedruckten Ausgabe – aber er prägt natürlich die Erwartungen, die ich als Leser auch an den gedruckten Spiegel habe.

Warum aber sollte jemand so etwas kaufen? Was bietet der Spiegel, das nicht überall im Netz kostenfrei zu finden ist?

Sicherlich, auch in den Kommentarspalten nach Diez' Text wird ab und zu deutlich: Viele Menschen haben ein dringendes Bedürfnis nach der Bestätigung, dass viele andere Menschen Arschlöcher seien, sie selbst aber nicht. Doch selbst diese Menschen werden deswegen bestenfalls ein paar Magazine und Zeitungen kaufen – und für jeden Einzelnen von ihnen werden sich vermutlich zwanzig andere stillschweigend verabschieden.
Das waren noch Zeiten: Zeitungen wurden einstmals in idyllischer Umgebung als Morgenritual gelesen, und niemandem wäre eingefallen, sich wie ein "Arschloch" zu verhalten und ein gelegentliches Missfallen über Journalisten offen zu äußern. Die Zeitungen hatten auch keine Kommentarspalten, in denen der Mob sich austobte, sondern höchstens einmal als Zeichen guten Willens eine kleine Rubrik mit ausgesuchten Passagen aus Leserbriefen. Schön war's. Carl Spitzweg: Zeitungsleser im Hausgärtchen, 1845-58
In ihrer unbekümmerten Dumpfheit ist die Kolumne von Diez zwar extrem, aber gerade damit macht sie Tendenzen deutlich, die nach meinem Eindruck den heutigen Journalismus weithin prägen. Er verhält sich geradezu verachtungsvoll gegenüber zwei entscheidenden Vorteilen, die Journalisten in den überregionalen Zeitungen gegenüber Bloggern und Betreiber von Internetforen haben.

Während Blogger und andere im Netz dort in aller Regel nebenberuflich schreiben, haben die meisten von ihnen natürlich auch deutlich weniger Zeit als professionelle Journalisten, ihre Texte vorzubereiten oder für sie zu recherchieren. Es fehlen den meisten sowohl die Verbindungen zu etablierten Institutionen, etwa zu Parteien oder Ministerien, als auch Mitarbeiter, die ihnen zuarbeiten und die ihre Texte noch einmal überprüfen können.
 
Sie haben als professionelle Journalisten also die Chance, wesentlich gehaltvollere, verlässlichere und einfach bessere Texte zu schreiben als die meisten Blogger.

Zudem haben Sie in Magazinen und Zeitungen wie dem Spiegel, der Zeit, der Süddeutschen oder der FAZ tatsächlich die Chance, ein Forum aufzubauen, in dem sich Menschen mit ganz verschiedenen Hintergründen treffen und austauschen können. Blogs oder Internetforen hingegen ziehen meist Menschen an, die ohnehin schon jeweils an ganz bestimmten gemeinsamen Themen interessiert sind. Konflikte zwischen ihnen sind meist interne Konflikte, die für Außenstehende kaum nachvollziehbar sind.

Während wir Blogger also lediglich unsere Filterbubbles ein wenig tapezieren und hübsch gestalten können, hätten Sie die Chance, tatsächlich ein allgemeines Forum aufzubauen.

Warum tun Sie das eigentlich nicht?

Sonntag, 1. März 2015

Plädoyer für eine zivile Debatte - Ein offener Brief an den SWR

An den Rundfunkrat des SWR
sowie an Herrn Peter Boudgoust (Intendant des SWR)
und Herrn Gerold Hug (Hörfunkdirektor des SWR)


Sehr geehrte Damen und Herren,

wir schreiben Ihnen anlässlich der Sendung Maskulinisten Krieger im Geschlechterkampf“, die in diesen Tagen bei SWR2 mehrfach ausgestrahlt wird. Mit einem überraschend konsequenten Freund-Feind-Denken und vielen offenbar bewusst gesetzten Falschinformationen macht diese Sendung Stimmung gegen eine politische Entwicklung, die wir ausdrücklich begrüßen und die zur demokratischen Öffnung von erstarrten Debatten führen kann.
 
Der SWR illustriert seine Sendung mit dem torsohaften Bild eines nackten, muskulösen männlichen Oberkörpers. Es wird Zeit für ein zivileres, vollständigeres und weniger gewaltsames Bild.
Die Entwicklung, gegen die Ihre Sendung so massiv ausschlägt, lässt sich knapp so darstellen:
 
Männer äußern sich weitaus häufiger und selbstbewusster zu geschlechterpolitischen Themen als noch vor einem Jahrzehnt, und sowohl Männer als auch Frauen greifen die Vorstellung an, Geschlechterdebatten könnten legitim nur aus einer feministischen Perspektive geführt werden.

Ein Motor dieser Entwicklung war die Erfahrung Tausender von Vätern, die aufgrund geschlechtsspezifischer rechtlicher Benachteiligungen willkürlich von ihren Kindern getrennt wurden.
 
Es äußern sich Männer, die selbst Opfer häuslicher Gewalt wurden und zugleich erleben, dass sie in offiziellen Darstellungen zu diesem Thema, bloß weil sie Männer sind, allein als Täter in Frage kommen.
 
Männer und Frauen weisen darauf hin, dass Jungen an den Schulen offenkundig große geschlechtsbedingte Nachteile erleben.
 
Männer und Frauen diskutieren gesundheitspolitische Nachteile von Männern, sie fragen, warum Männer so viel häufiger als Frauen obdachlos werden oder Selbstmord begehen – und ob es dafür auch soziale Ursachen gibt.
 
Männer und Frauen stellen offen die Frage, was es eigentlich mit „linker“ Politik und mit sozialer Gerechtigkeit zu tun hat, wenn die Familienministerin eine Frauenquote in Aufsichtsräten als oberste Priorität ihrer Politik vorstellt, von der nur eine kleine Handvoll ohnehin schon privilegierter Frauen profitiert.

Eben diese Kritik wird von Ihnen massiv diffamiert – bis hin zu Vergleichen mit völkermörderischen Antisemiten und dem Massenmörder Anders Breivik. Die Logik der Sendung kulminiert in der tief inhumanen, von gruppenspezifischer Feindseligkeit geprägten Unterstellung, dass Männer nur deshalb über eigene Leiderfahrungen sprechen würden, weil sie damit ihre männertypischen Gewaltausbrüche legitimieren und vertuschen wollten.

Dabei ist diese Sendung gegenüber vermeintlichen Experten der sozialdemokratischen Friedrich Ebert Stiftung und der grünen Heinrich Böll Stiftung so ungehemmt distanzlos, dass dies mit einem journalistischen Ethos nicht zu vereinbaren ist.

Zur einen Seite hin also Hetze gegen Bürger, die diese Hetze auch noch selbst finanzieren müssen – zur anderen Seite hin ebenso bedenkenlose politische Liebedienerei: Ihre Sendung wirkt, als würden sich die Autorin Bust-Bartels und der ganze SWR um den Karl Eduard von Schnitzler-Gedächtnispreis bewerben.

Die politische Unabhängigkeit aber ist ja eine der Bedingungen dafür, dass der Bestand öffentlich-rechtlicher Sender überhaupt legitimiert werden kann. Um zu dieser Unabhängigkeit zurückzukehren, braucht es keine Lobhudeleien für eine offenere, nach allen Seiten hin antisexistische Politik. Aber es ist wichtig, dass Sie denjenigen, die Sie so erheblich diffamiert haben, eine reale Möglichkeit geben, sich auch selbst zu äußern.

Wichtig dabei ist auch, dass diejenigen auf allen Seiten, die bei allen politischen Differenzen an einer zivilen Auseinandersetzung interessiert sind, sich gemeinsam gegen diejenigen (ebenfalls auf allen Seiten) stellen, die mit Verleumdungen, Drohungen, Beleidigungen und primitiven Freund-Feind-Logiken operieren.
 
Dazu fordern wir Sie ausdrücklich auf.

Oder auch, ganz einfach formuliert: Kehren Sie zurück zur ernsthaften journalistischen Arbeit – und hören Sie auf, sich weiter zwischen politischer Hetze und politischer Liebedienerei zu verirren.


Mit freundlichen Grüßen
 
 
Prof. Dr. Günter Buchholz (Frankfurter Erklärung)
 
Arne Hoffmann (Genderama, Autor u.a. vom Plädoyer für eine linke Männerpolitik)
 
Johannes Meiners (Mitverfasser der Club of Vienna-Studie Die Teilhabe von Männern und Frauen am Geschlechterdiskurs und an der Neugestaltung der Geschlechterrollen)
 
Christian Schmidt (Alles Evolution)
 
Lucas Schoppe (man tau)
 
Dr. Alexander Ulfig (cuncti)

Freitag, 27. Februar 2015

Zwischen Hetze und Liebedienerei

Ein Kommentar zur SWR2-Sendung Maskulinisten – Krieger im Geschlechterkampf
 
Ein Blogger aus einem obskuren Blog fabuliert über die „gesellschaftspolitischen Gefahren des Frauenwahlrechts“ – ein Experte beichtet über eine politische Bewegung, die von „Feindseligkeit (…) gegenüber Frauen, Weiblichkeit und insbesondere gegenüber dem Feminismus und der Frauenbewegung“ geprägt sei – und Ausschnitte aus einer Veranstaltung des Magazins Compact sind von Sirenen unterlegt. Dazwischen der Titel der Sendung: Maskulinisten – Krieger im Geschlechterkampf, geschrieben von Nina Marie Bust-Bartels.

Schon der Beginn dieser Hörfunksendung, die bei SWR2 mehrfach ausgestrahlt wird, kreiert den Eindruck eines Bürgerkrieges. Offenkundig gewaltbereite Männer würden gegen Feministinnen, ja gegen alle Frauen entschlossen in die Schlacht ziehen, um die Fortschritte der letzten Jahrzehnte wieder zunichte zu machen.

Dass eine solche ressentimentgeladene, holzschnittartige Freund-Feind-Darstellung von eben dem kriegerischen Ethos bestimmt ist, das sie den politischen Gegnern unterstellt – das kann angesichts der beschworenen Gefahren natürlich keine Rolle spielen.

Dabei ist schon der Titel falsch: Wer eigentlich bezeichnet sich selbst als „Maskulinist“? Oder, anders gefragt: Wer würde schon von „Femininistinnen“ reden?
Mit diesem Bild illustriert der SWR auf seiner Homepage seine Sendung Maskulinisten - Krieger im Geschlechterkampf. Es ist kaum vorstellbar, dass eine Sendung über Feministinnen ähnlich bebildert würde.
Ein nackter Oberkörper, rasiert, glänzend, muskulös - ganz das Bild eines starken, selbstverliebten Mannes, der sich allerdings absurderweise selbst als Opfer wahrnimmt. Immerhin passt das Bild zur Sendung: Es zeigt gleichsam einen Torso und lässt alles weg, was hier gerade nicht von Interesse ist.
Vor allem aber stehen keine kriegerischen Auseinandersetzungen an. Im Laufe der vergangenen Jahre hat sich allerdings etwas ganz anderes verändert: Männer äußern sich weitaus häufiger und selbstbewusster zu geschlechterpolitischen Themen als noch vor einem Jahrzehnt, und sowohl Männer als auch Frauen greifen die Vorstellung an, Geschlechterdebatten könnten legitim nur aus einer feministischen Perspektive geführt werden.

Mittwoch, 25. Februar 2015

Merseburger Zaubersprüche - Der Sexualwissenschaftler Heinz-Jürgen Voß als Erzieher

Dass eine Autorin dazu auffordert, ihr eigenes Buch bei Amazon positiv zu besprechen und negative Bewertungen als „nicht hilfreich“ abzuwerten, ist ja eigentlich schon ungewöhnlich. Dass ein deutscher Professor versucht, aus einem solchen Verhalten eine umfassende politische Aktion zu machen, ist noch seltsamer.
 
Heinz-Jürgen Voß,  Professor für „Sexualwissenschaft und sexuelle Bildung“ an der Universität Merseburg, hat das gerade getan. In einem Brief  an „Liebe Freund_innen, liebe Kolleg_innen“ schreibt er dagegen an, sich im Netz von „Maskulinisten und anderen extremen Rechten“ Diskussionen aufdrängen zu lassen, und ruft zu „emanzipatorischen Kommentaren und Rezensionen“ bei Amazon auf.
„Auf Grund der schlechten Arbeitsbedingungen kauft mensch dort zwar keine Bücher. Dennoch beeinflusst Amazon stark die Sicht auf Bücher. Daher: Lasst uns dort jeweils ein Profil haben und jeweils wöchentlich zwei Bücher positiv oder negativ besprechen. Dazu reicht ein Dreizeiler völlig aus. Das wirkt den häufig schlechten Bewertungen linker und emanzipatorischer Bücher entgegen.“
Diese öffentliche professorale Aufforderung, politisch unliebsame Texte organisiert abzuwerten und politisch opportune entsprechend hochzupunkten, kann als erfrischend oder auch als unseriös empfunden werden. Dreizeiler jedenfalls sind dafür sehr praktisch, weil sie für die Rezension eines Buches keine vorherige Lektüre erfordern, bloß seine politische Ausrichtung sollte halt bekannt sein. Michael Klein bemerkt spitz:
„Natürlich kommt Voß keinen Moment auf die Idee, dass die schlechten Bewertungen ‚linker und emanzipativer Bücher’ etwas damit zu tun haben könnten, dass die entsprechenden ‚linken und emanzipativen Bücher’ schlecht sind.“
Wie auch? – Diese Bewertung wäre nach Voß’ Kriterien ein Widerspruch in sich.
Nur Laien denken, hier wäre leicht zu unterscheiden, wer von diesen beiden Menschen schwanger ist.
Auf Voß' Positionen reagieren überhaupt Menschen gleichermaßen ablehnend, die ansonsten eigentlich gar nichts miteinander gemein haben. Akif Pirinçci wurde gerade wegen Beleidigung verurteilt, gegen den Blogger Kirk läuft ein entsprechendes Verfahren.  Aus einer völlig anderen Richtung und in ganz anderer Stillage schreibt Felix Riedl in einem langen und sehr lesenswerten Text  über ein Buch zur Beschneidungsdebatte, das Voß mit zwei anderen Autoren verfasst hat:
„Dankenswerterweise ist das Buch so kurz gehalten, dass man alle falschen Sätze darin rasch abgeschrieben hat – und das sind ungefähr alle.“
Und:
„Die drei Autoren haben es geschafft, auf 90 Seiten Adorno/Horkheimer und Foucault für ihren Aufklärungsverrat als Geiseln zu nehmen. Es bleibt zu hoffen, dass dieses durchsichtige, zynische Manöver nicht nur Laien auffällt, sondern auch der akademischen Kaste, an die sich der Band richtet (…)“
Was hat der junge Professor eigentlich an sich, dass er aus solch verschiedenen Richtungen solche Ablehnung auf sich zieht? Ihm selbst jedenfalls wird sie womöglich ganz recht sein, weil er sie als Beleg dafür verbuchen kann, dass eine linke und emanzipatorische Politik in diesem Lande mit heftigen Widerständen zu kämpfen hat.

Ich habe mir einmal einen Text näher angeschaut, den Kirk bereits verrissen hat – ein Interview, das Voß Liz Weidinger vom Magazin Fluter  gegeben hat. Dieses Magazin nämlich wird von der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegeben und liegt in Schulen frei aus. Es bietet also die Möglichkeit, nach dem pädagogischen Nutzen von Voß’ Positionen zu fragen.
 
Ruhig, gelassen und ohne Aggressionen natürlich, wie das ja eh so meine Art ist.

Donnerstag, 19. Februar 2015

Sex, Politik, Verleumdung (Monatsrückblick Januar 2015)

Wenn Sexualität und Politik zusammenstoßen, geht das ja meistens für beide nicht gut aus. Der Grüne Jörg Rupp hat   bekanntlich gerade angesichts eines, irgendwie, hochprovokanten Profilphotos mit Rollkragenpullover erregt festgestellt, dass die Hamburger FDP-Spitzenkandidatin Katja Suding – was bei Frauen ja nicht unüblich ist – Brüste hat. Ganz außer sich twitterte er die mittlerweile berühmten Worte „muss man sich mal vorstellen: mit Titten und Beinen anstatt Inhalten“

Rupp selbst jedenfalls stellte es sich offenbar sehr intensiv vor: Angesichts von Sudings Pullover dachte er an Brüste, angesichts von Brüsten nicht mehr an Inhalte, fand aber, dass das irgendwie alles allein Sudings Schuld sei. Diesen offenkundigen Sexismus der FDP-Frau wollte er dann eigentlich nur gutmütig anprangern. Rupps Pech war allerdings, dass sich in unserer schnelllebigen Medienwelt niemand für solche hochkomplexen Erwägungen interessiert, schon gar nicht auf Twitter, wo schon für einfachere Gedanken kaum Platz ist.
So geht's doch auch: Ein Wahlkampf mit Inhalten, der keinen Menschen zum Objekt macht.
So stellte Rupp schließlich fest, dass er sprachlich zwar daneben lag, inhaltlich aber Recht gehabt hätte, erweckte nebenbei den Eindruck, dass die Grünen in Hamburg im Unterschied zu der anderen Partei der Besserverdienenden mit Inhalten gearbeitet hätten  – und beruhigte sich mit der Vorstellung, alles wäre in Ordnung gewesen, hätte er statt von „Titten“ von „Brüsten“ geredet.

Da Suding Rupps entsprechende Entschuldigung gleich angenommen hat, könnte damit dann auch alles erledigt sein – wenn er nicht ausgerechnet im Landesvorstand einer Partei säße, die selbst so unbefleckt, so betoniert unschuldig ist, dass sie es sich unausweichlich zur Aufgabe machen musste, beständig empört auf die moralischen Verfehlungen anderer zu weisen.

Katja Suding macht jedenfalls den Eindruck, dass sie sich gegen Angriffe wie die von Rupp wehren kann. Anders ist das bei Kindern, bei Jungen, die einst Jürgen Trittin als Spitzenkandidat der Grünen – und nicht in einem dahingerotzten Tweet, sondern in einer Bundestagsrede – zum „unbegabteren Geschlecht“ gerechnet hatte. Dies tat er übrigens im Hinblick darauf, dass Jungen in den Bildungseinrichtungen offenkundig erhebliche Nachteile haben. Damals gab es von der grünen Partei keinen Ärger – von Claudia Roth ist stattdessen überliefert, dass sie Trittin beifällig ein „Genau!“ hinterherschickte.

Es ist völlig in Ordnung, sich vom Bundestagspult aus über Kinder lustig zu machen, die erhebliche Bildungsnachteile erleben – aber einen idiotischen Tweet über eine Frau zu schreiben, ist unverzeihlich. Konfusionen wie diese entstehen mit erstaunlicher Regelmäßigkeit eben dann, wenn Sexualität und Politik kollidieren.

Donnerstag, 12. Februar 2015

Zeit für neue Lieder

Zu Christoph Kucklicks Das unmoralische Geschlecht. Vierter Teil
 
Nach der Auseinandersetzung mit Kucklicks Position im ersten Teil und den Bezügen von Kucklicks Analysen zu Beispielen aus den achtziger und neunziger Jahren (zweiter Teil) und der Gegenwert (dritter Teil) ist dieser Text nun ein Abschluss. Es geht darum, welche Konsequenzen sich aus Kucklicks Text für gegenwärtige Debatten ergeben können.
 
 
In den Kommentaren  zum vorangegangenen Artikel zitiert Stefan W. einen Satz aus dem Buch, der Kucklick unmittelbar anschließt an ein Konzept von Warren Farrell: das des disposable male, des rundum verfügbaren Mannes, oder auch – des Wegwerf-Manns. Über die Beschneidung schreibt Kucklick, schon ein Junge habe lernen müssen,
„dass sein Körper nicht ihm selbst, sondern dem Kollektiv gehört“. (324)
Kennzeichnend für die moderne Gesellschaft sei der Druck, für ganz unterschiedliche Funktionen – in unterschiedlichen Berufen, gegenüber den Institutionen – nutzbar zu sein und die eine Verfügbarkeit auch organisieren zu können. Diese „segmentierte Verfügbarkeit“ sei „zum Wesensmerkmal von Männern erklärt“ worden. (172)

Damit geht Kucklick noch über Farrells berühmte Begrifflichkeit hinaus. Eben gerade darum, weil Männer für die ökonomischen und sozialen Strukturen moderner Gesellschaften in hohem Maße verfügbar sein müssen, eignen sie sich auch als Repräsentanten moderner Strukturen, eben als „das moderne Geschlecht“ (12). Als Repräsentanten dieser Strukturen aber werden sie wiederum zur Projektionsfläche von Ängsten, in ihnen können sich Widerstände gegen moderne Entwicklungen sinnbildlich bündeln.

Dass sie dann aber, wie Kucklick wieder und wieder nachweist, als Tiere, als Monstren, als Gewalttäter dastehen, legitimiert wiederum ihre unbegrenzte Verfügbarmachung.

Diese sich selbst legitimierende, umfassende Nutzbarmachung korrespondiert mit einem haltlos idealisierenden Bild „der Frau“. Die Frau nämlich bleibe, so die moderne Phantasie, dieser umfassenden Vernutzung fern. „Besonders wichtig ist ihre Ferne zum Wirtschaftssystem, ihre Nicht-Käuflichkeit.“ (226)
 
Für den Mann ist die Frau damit gleichsam eine nahe, konkrete Utopie. Unter dem Druck der entfremdenden Verfügbarmachung ist sie hier gleichsam die Garantie, dass es noch so etwas wie eine unberührtes Menschsein gäbe, für das sich die eigene Entfremdung lohnt – und das selbst niemals ganz bezahlt werden könne.
 
Hier wird auch klar, dass es eigentlich überhaupt nicht um real existierende Männer und Frauen geht, sondern um Fantasien. „Mann“ und „Frau“ werden hier als Chiffren verwendet, mit denen die unüberschaubaren ökonomischen und sozialen Strukturen moderner Gesellschaften im Selbstverständnis der Beteiligten verankert werden.
"I'm a man!" - "Well, nobody's perfect." Dass sich durch die Verwandlung aller Menschen in Frauen auch alle Probleme moderner Gesellschaft  lösen würden, kann ruhigen Gewissens als seltsame Fantasie abgetan werden. Tony Curtis, Jack Lemmon, Marilyn Monroe und andere in Billy Wilders Some Like It Hot.
Klar wird aber auch, dass die Konzepte, über die Kucklick schreibt, tief bürgerliche Konzepte sind: Weder im Adel noch im Proletariat – bei Fabrik- oder Landarbeitern etwa, bei denen Männer und Frauen gleichermaßen selbstverständlich arbeiten mussten – hätte diese Geschlechterkonzeption einen Sinn ergeben.

Dass heutige Debatten Muster nachvollziehen, die Kucklick schon in der Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts beschreibt, war  Thema der beiden vorangegangenen Texte. Diese Strukturähnlichkeiten zeigen zumindest eines: Die Heldinnenerzählung ist nicht zu halten, dass nach einer jahrhundertelangen Dominanz patriarchaler Zuschreibungen die Frauenbewegungen des 20. Jahrhunderts endlich diese erstarrten Herrschaftsformen durchbrochen hätte. Diese Legende ist offenkundig selbst Teil eben der Strukturen, die zu analysieren sie vorgibt.

Donnerstag, 5. Februar 2015

Politik und Kinderfeindschaft

Zu Christoph Kucklicks Das unmoralische Geschlecht. Dritter Teil
 
Die Sittlichkeitsbewegung des endenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts habe, so Christoph Kucklick in Das unmoralische Geschlecht, ein besonders negatives Bild des Manns gezeichnet:
„als triebhaft unberechenbarer Verführer und als Beschmutzer nicht nur der Frauen, sondern der Gesellschaft.“ (328)
Als Projektionsfläche moderner Entwicklungen steht „der Mann“ als egoistisch dar, weil er sich nicht in vorgegebene Ordnungen einpasse, sondern auf sich selbst bezogen bleibe – als animalisch, weil er nicht oder nur zum Teil durch seine Eingliederung in dieser sozialen Ordnungen humanisiert wird – und als potenziell gewalttätig, weil er in seinem Egoismus und seiner fehlenden Impulskontrolle dazu neige, sich ohne Rücksicht auf Grenzen zu nehmen, was er wolle.
Die autoritäre Pädagogik ist offenkundig langlebig. Zur Zeit kommt sie, unter anderem, als progressive, antisexistische Jungenpädagogik daher. Eine Szene aus François Truffauts Sie küssten und sie schlugen ihn (1959)
Es gibt einen Bereich, in dem sich all diese moralisch verwerflichen Aspekte bündeln lassen: nämlich die Sexualität. Sie umfasst natürlich das Animalische – sie umfasst den Egoismus, wenn die männliche Sexualität nicht als Form der Zuwendung zu anderen Menschen, sondern als bloßes Ausleben eigener Triebe gedeutet wird – und sie umfasst natürlich das Gewalttätige, wenn der Mann, als Verführer oder Vergewaltiger imaginiert, seine sexuelle Gier ohne Rücksicht auf die Frau auslebt.

Noch im 18. Jahrhundert seien, so Kucklick, „die schwächeren Nerven der Frauen für die höhere weibliche Sinnlichkeit verantwortlich“ gemacht worden. (124) Doch innerhalb weniger Jahrzehnte sei diese Vorstellung in das Gegenteil gekippt:
„Fortan wurde der Mann mit einer triebhaften Sinnlichkeit identifiziert. (…) Er wurde zu dem Geschlechtswesen.“ (124)
Wenn sich also in der Sexualität von Männern die Probleme der Männlichkeit überhaupt bündeln, dann liegt es nahe, eine umfassende Lösung dieser Probleme ebenfalls auf dem Gebiet der Sexualität zu suchen.
 
Zudem liegt es nahe, sich dabei auf männliche Wesen zu konzentrieren, die noch formbar sind, noch nicht gefangen im – ihnen zugeschriebenen – Selbstbezug; nämlich auf Jungen.